L. M.,

heut findest Du ein sehr unscheinbares neues 1/10 Maßkrügelchen, aber

ich denke wohl aus gutem Zinn, -- (wenn es nicht Blei ist; dazu scheint

es mir aber zu leicht) Du wirst Dir schon denken können, wozu ich's

mitnahm: zum Bearbeiten. Man kann ganz tief hineinziselieren, den Henkel

klopfen u. s. w. Ich sehe es schon in seiner künftigen Gestalt.

Heute abend werde ich den heilg. Niklas spielen und mit meinem großen

Pelz und langem Bart französischen Kindern bange machen. Einen kleinen

Sack voll Nüsse etc. hab ich schon; in was für komische Situationen man

doch kommt! Mir liegen ja solche Dinge nicht, aber da niemand

französisch kann als ich, hab ich's gern übernommen. _Hagéville_ kann

sich jedenfalls über die deutsche Soldateska nicht beklagen! -- Ich bin

nur neugierig, wie lange wir in diesem kleinen Dürrnhausen noch liegen;

allmählich wird die Sache doch sehr langweilig; ich wenigstens bin in

den letzten Tagen etwas melancholisch und nervös -- ungeduldig. Ruhe zum

Arbeiten und Denken hat man doch selten und eine wirkliche _Thätigkeit_

fehlt vollkommen, bis auf seltene Tage. Vielleicht, wenn Schnee und

Kälte kommt, wird es meinen Nerven gut thun. Nervenschmerzen hab ich

übrigens _gar keine_, ich rede nur von einer ganz ordinären nervösen

Stimmung, die mich vom richtigen Arbeitenkönnen abhält; meine

Schreiblust wird schon wieder kommen. Ich fühl mich ganz gesund, bis auf

Schnupfen, den ich nicht recht los werde, aber ich fühle mich allmählich

»unnötig« hier; das ist das Ganze. Ich wollt, es gäb wieder mal eine

Veränderung; es wird aber wohl bis Januar dauern. Wenn ich an meine

Arbeit und an's Malen denke, werde ich ganz fiebrig. Wir sind so streng

angewiesen, nichts militärisches, was wir hier alles erleben und sehen,

nach Hause zu schreiben, daß ich mich zurückhalte, manches Interessante

zu schreiben; die französische Spionage arbeitet mit allen Mitteln und

hat es stets auf die Post abgesehen. Man kann durch ein unvorsichtiges

Wort unendlich viel verraten. Lange wird die Spannung der Heere nicht

mehr dauern! Ich denke, der Höhepunkt wird noch vor Weihnachten erreicht

sein.

_Hagéville_ 11. Dez. 14.

L...., heute war plötzlich Alarm. Die Abteilung rückt ab zur Sicherung

einer angegriffenen Stellung bei _Pont-à-Mousson_ (südlich Metz,

lothring. Grenzgebiet). Dort brechen die Franzosen immer wieder mit

größeren Verbänden durch, (eine Meldung davon war ja auch kürzlich in

den amtl. Berichten.) Wir sollen aber nach dieser Expedition, die

voraussichtlich nicht lange dauert, wieder in unser _Hagév._ Quartier

zurückkehren und ich -- soll als Aufsicht und Quartierhalter hier mit

zwei Mann zurückbleiben! Der Leutnant ***, der immer sehr nett zu mir

ist und meine Gesundheit für weit gefährdeter hält als sie ist, hat mir

diesen Posten angetragen; ich hätte ihn wenn ich mich sehr gesträubt

hätte, wohl ausschlagen können, aber nach meinen Prinzipien, hier im

Kriege alles zu nehmen, wie es an mich kommt, willigte ich sofort ein;

ich dachte auch an Dich, -- Du wolltest sicher lieber, daß ich im

stillen _Hagéville_ bleibe. Es werden recht stille, merkwürdige Tage für

mich werden; ich werde sehnsüchtig die andern in Gedanken begleiten;

denn im Herzen wär ich gern mitgezogen. Ob sie freilich sehr viel dort

erleben, ist fraglich. Sie werden mit der Bahn ab _Mars-la-Tour_

verladen und rücken dann von Metz aus vor oder bleiben in Metz als

Reserve stehen. Besondere strategische Bedeutung wird diesem

Einbruchsgebiet nie beigemessen; es kann den Franzosen eher passieren,

daß sie abgeschnitten werden und diese strategisch schlechten Vorstöße

einmal teuer bezahlen. So sehen wir wenigstens diesen Punkt an. Vom Stab

bleibt auch jemand, ein Offiziers-Stellvertreter mit ein paar Mann hier.

Wir haben einige kranke Pferde, die zurückbleiben müssen, sollen die

Thätigkeit der Einwohner etwas beobachten, wachsam sein und die

Quartiere halten. In einer Beziehung freue ich mich auch wieder auf

diese ganz stille Zeit. Unser Platz hier ist vollkommen sicher, die paar

Einwohner sind alles alte Leute, oder Frauen mit vielen Kindern, -- die

sind froh, wenn wir ihnen nichts thun.

Der Kampf in den letzten Tagen ist wieder sehr heftig, die Fenster

zittern und klirren vom Kanonendonner unaufhörlich. Was wird es wohl mit

unsrer Weihnachtspost sein? Die wird wohl liegen bleiben, bis sich

wieder alles in Ruhe in _Hagéville_ versammelt! Wir sind in den letzten

8 Wochen doch arg verwöhnt worden! Es kam mir heute vor, wie ein Alarm

in einem Veteranenverein, -- alte Leute, die sich nicht gern in ihrer

Ruhe stören lassen. Und dagegen unsre Vogesenzeit!! -- Also sei nicht

ungeduldig, wenn Du in der nächsten Zeit nichts hörst von mir, --

vielleicht finde ich ja auch Postgelegenheit, aber sicher ist nichts, --

vor allem werde ich zunächst nichts von Dir bekommen!

Briefe, Aufzeichnungen und Aphorismen. Erster Band · 第 25 / 158 题