Der Gedanke hatte etwas Romantisches; ich widerstand ihm nicht lange

und das Türschloß des Gasthofes auch nicht. So zog ich denn hinaus, ein

stiller Gänger, am Amphitheater vorbei hinauf auf das Plateau und immer

südwärts über die öden Karstgründe dahin.

Wer nie so menschenverlassen gewandert ist, der faßt kaum die Poesie

eines solchen nächtlichen Streifzuges. Sie läßt sich in Worten nicht

wiedergeben. Die Steinklippen, die Ränder der Mulden, selbst das Laub

des Gesträuchs leuchteten mit einem fahlen Schein; auch nicht ein

Mensch begegnete mir; nur in einem fernen schlafenden Gehöfte schlug

ein Hund an, um sich dann rasch wieder zu beruhigen.

Und doch war die Einöde fern und nah tonerfüllt. Sangen die Zikaden,

sangen die Vögel im Traume? Ich glaube das letztere. Als der

Morgen kam, da klangen über dem gottverlassenen Karstlande, in den

Steinwinkeln und in der Bläue der Luft so viele Vogellieder, daß ich

mich nur wundern mußte, in dem Gefelse ein so reiches Tierleben zu

finden.

Trotzdem ich ohne Hast gegangen war, stand ich um vier Uhr auf einer

Uferhöhe, nicht fern von Medolina, das an einer lieblichen Bucht ganz

im Süden der Halbinsel liegt.

Schon stritten sich Mondlicht und Dämmerschein und als eine schwarze

Felsenbarre zog sich die äußerste Spitze von Istrien -- Promontore --

und der Scoglio Porer in das perlmutterglänzende Meer hinaus. Fern im

Osten über dem Quarnero stieg die Sonne groß und golden aus der See

empor und umflutete die Küstenhöhen mit einer Garbe jungen Lichts; dann

wurden auf dem Meer Segel sichtbar; die Flut selber war überhaucht von

Sonnengold.

So führt im hellenischen Mythus Helios seinen goldenen Wagen über das

Meer herauf.

Von einer immergrünen Eiche steckte ich mir ein Zweiglein auf den Hut;

dann wanderte ich schneller, als ich gekommen war, nach Pola zurück.

Auf dem Wege dahin sah ich ein istrianisches Idyll: Eine junge Bäuerin,

die, auf einer Eselin sitzend, mit der einen Hand die Kunkel hielt, mit

der andern ein grobes Baumwollgarn spann und eine Ziegenherde vor sich

her trieb.

Noch mehr aber als dieses Bild erheiterte mich die Überraschung, die

sich auf dem Gesichte meines Wirtes spiegelte, als ich mit allen Spuren

einer Morgenwanderung vor ihn trat. Er schwur hoch und teuer, daß es in

seinem Hause keine Wanzen gebe; als ich aber meine Rechnung bezahlte,

bat er mich, es keinem Menschen zu verraten, daß ich bei ihm schlecht

geschlafen habe.

Nach dem Frühstück eilte ich auf das Dampfboot, wo ich kaum eine Minute

vor der Abfahrt anlangte. Als dasselbe aus dem Hafen manövrierte, sah

ich die Sängerin von gestern abend zwischen ein paar großen Weinfässern

des zweiten Platzes kauern. Erst jetzt fiel mir so recht auf, wie

jung, kaum über die zwanzig Jahre, und wie erbarmungswürdig das Wesen

in seinem schwarzen Kleide dreinsah. Als sie sich jedoch von mir

beobachtet fühlte, da stieg eine tiefe Röte in ihr Gesicht; meine

Entdeckung schien sie peinlich zu berühren. Dann aber kam sie plötzlich

auf mich zu.

»Wir haben uns getrennt«, sagte sie; »wir waren in Wahrheit nur so weit

hinabgewandert, um uns im Meer das Leben zu nehmen; allein der Tod tut

weh! Ich gehe heim in die Steiermark; denn ich habe einen Vater und

eine Mutter dort. Zu ihnen will ich zurückkehren und will arbeiten.

Ich bin ihnen fortgelaufen. Der Sänger ist nicht mein Mann; aber wir

hatten einander lieb. Er war immer gut mit mir, und gestern nacht,

als ich weinte und mich das Heimweh überkam, da schenkte er mir die

ganze gestrige Einnahme und sagte: »So geh, du mein armes, armes Kind;

ich darf dich nicht länger halten!« Mein Gott, was wird aus ihm jetzt

werden! Er wird allein tun, was wir zusammen nicht vollbringen konnten.

Er hat keinen Halt mehr; ich hätte ihn nicht verlassen sollen.« Sie

hatte das letztere mehr zu sich selbst als zu mir gesagt und lehnte nun

in stummer Verzweiflung an einen Warenballen.

Bis nach Rovigno hinauf waren ein sehr elegantes, italienisches

Fräulein, das von Cattaro kam, und ich die einzigen Passagiere erster

Klasse. Mit steigender Aufmerksamkeit hatte diese junge Dame die eben

geschilderte Szene beobachtet, und als ich in ihre Nähe kam, erkundigte

sie sich einläßlich, was dem armen Wesen fehle. »~O poveretta,

poveretta!~« rief sie, als ich ihr die Umstände der Sängerin erzählte,

und übernahm an ihr das Amt der barmherzigen Samariterin. Sie

erledigte sich seiner in einem gebrochenen Deutsch, das man für drollig

hätte halten können, wäre es nicht die Sprache einer Menschenfreundin

gewesen, und mit ebenso viel Anmut, als Erfolg; denn als wir uns

Rovigno näherten, war der Ausdruck dumpfer Verzweiflung in dem Gesichte

der Steiermärkerin demjenigen einer stillen Ergebung gewichen.

»Ich werde die Arme in Triest in ein Haus begleiten, wo man für

ihre Heimkehr sorgen wird!« sagte mir die Cattaresin. Kein Mensch

hätte ihr dankbarer sein können als ich, daß ich endlich einer

Reisebekanntschaft, die ich dreimal unter den seltsamsten Umständen

gemacht, auf eine so schickliche Weise ledig wurde.

Bis in die Gegend von Parenzo hatten wir wieder prachtvolle Fahrt

bei spiegelglatter See; dann aber verdüsterte sich der Himmel, wurde

bleiern, und ein sengend warmer Scirocco brach ein. Schon in der Gegend

von Cittanuova schwankte unser Küstendämpferchen bedenklich, und bald

war die See nah und fern mit weißen Schäumen überdeckt, die gleich

gescheuchten Herden vor dem Seewind flohen. Es war kein Sturm, aber

ein Stürmchen, gerade stark genug, um mir noch eine Vorahnung dessen

zu geben, was zur See schlechtes Wetter heißt. Abgeschlagen und wohl

auch der Seekrankheit nahe, kam ich in Triest an. Unser Schiff hatte

zwei Stunden Verspätung, und noch am folgenden und zweitfolgenden Tag

fühlte ich die Nachwehen der paar Stunden unruhiger Fahrt, ein Gefühl

des Schwankens, als wäre ich noch zu Schiff.

Und als ich dann zu Monfalcone wieder am Strande stand, das Meer sonnig

war und glatt, fern und nahe die kleinen und großen Schiffe segelten,

da dachte ich an das »~male di mare~« wie an ein Erlebtes und wünschte

glückliche Reise und ruhiges Wetter allen, die hinfahren über das

schöne, falsche Meer.

[Illustration]

[Illustration]

Der Karst und die Grotte von Adelsberg.

Es ist etwas Eigenes um jene vielgerühmten Stellen, die zu Zielpunkten

eines allsommerlichen Touristenstromes geworden sind. Seit sie jedes

Reisehandbuch bespricht, seit sie nur noch durch die Spießrutengasse

der Spekulation zu erreichen sind und sich das reisende Volk aller

Winde an ihnen sammelt, wirken sie auf den selbständigen Touristen

nur noch mit halber Anziehungskraft. Es mutet ihn an, als ob sie

durch den ihnen überreich dargebrachten Tribut gelitten hätten, und

das Reizendste an ihnen, die Frische und Unmittelbarkeit des ersten

Eindrucks dahin sei.

Allein wochenlang am Karst und in seiner nächsten Nähe zu flanieren,

mit der größten Gefahr für die lieben Knochen sein Karrengefelse zu

durchwandern, um einige Fledermaus- und Taubenhöhlen, einige seiner

in verlorenen Schluchten rauschenden Quellen und kleinen Seen zu

sehen, ohne einmal das berühmteste unter den vielen Wundern dieses

eigenartigen Gebirges, die Adelsberger-Grotte, zu schauen, wäre denn

doch gegen mein Gewissen gegangen.

Sie ist zwar auch eine jener Sammellinsen des Fremdenverkehrs, eines

jener Schaustücke, an die man mit dem Gefühle herantritt, es möchte

sich um eine abgegriffene Münze handeln. Als ich sie aber sah, da wurde

ich aus einem Saulus ein Paulus.

Der frühe Osterschein flutete wonnig auf den blauen Golf von Triest,

als der Kurierzug meinen liebenswürdigen Gastgeber, Direktor Johannes

Heer von Monfalcone, und mich aus dem Bereiche voll entfalteten Lenzes,

aus der klassisch schönen Meerlandschaft von Duino und Miramar in das

noch winteröde Karsthochland von Nabresina und Sesana trug.

Der Schienenweg dahin bildet eine gewaltige, nach Norden ausweichende

Schlinge, die sich nach einem vierzig Kilometer langen Weg bei Sesana

wieder bis auf zwei Stunden dem adriatischen Handelsemporium nähert.

Die fahlen Steinklippen der Gegend von Nabresina erscheinen, nachdem

man die Duftwellen des Frühlings von Miramar geatmet, unsäglich

vegetationsarm, ärmer, als sie in Tat und Wahrheit sind; denn das

Pflanzenleben hat sich in die Dolinen, die merkwürdigen Gesteinskessel

des Karsts, zurückgezogen. Da feiert es, vor der Bora geschützt, seinen

einsamen, wenig beobachteten Frühling und bedeckt die rötliche Erde

dieser Vertiefungen mit dem Schnee fallender Olivenblüten.

Nähert man sich Sesana, so schimmert der weiße Steinobelisk von Obcina,

der von Triest aus gesehen auf steiler Bergeshöhe steht, horizontal

über das Plateau her. In dem freundlich aus grauen, wenig bebuschten

Karren emporsteigenden Ort sind wir bereits drei und ein halbhundert

Meter über Meer. Ein Hauch des Nordens zieht hier selbst im Sommer,

wenn Triest zum unausstehlichen Glühkessel wird, durchs Land. Darum

ist Sesana die Sommerfrische der reichen Triestinerfamilien, deren

Landhäuser aus kleinen, dem Karst abgerungenen Gärten heraus auf die

im einzelnen ebenso bizarren, als im ganzen einförmigen Steinklippen

schauen.

Allmählich geht die Gegend in ein Gebirgsland über, dessen

Bodenerhebungen nur hügelartig als ein Wirrsal von Geröllkuppen über

die Landschaft steigen. Als wäre ein weiter, gewaltiger Bergsturz

über das Land gegangen, starrt, wohin immer der Blick auch streift,

das lichtgraue, zerklüftete Gefelse auf. Wilder Thymian und andere

kleine Heidekräuter überwuchern es, ohne die grenzenlose Blöße des

Landschaftsbildes zu verhüllen.

Der Karst ist ein weites Gebirge; denn der Hirt der Tolmeinberge,

der seine Ziegen unter dem Predilpasse weiden führt, und der

montenegrinische Schäfer am Scutarisee hüten ihre Tiere an seinen

Gehängen. Er bildet abgeschlossene Talbecken, wo ein Seespiegel oder

ein Wasserfaden glänzt, der aus dem Berge sprudelt, sich lustig im

Lichte sonnt, bis er sich wieder in einen Höhlengrund stürzt und, dem

menschlichen Blick entzogen, eine tolle Welt von Tropfstein baut. Die

Hänge und die Höhen aber dürsten wie der reiche Mann in der Gehenna.

Ein toniger Humus, die ~terra rossa~, füllt die Karstklüfte und Mulden

aus. Er ist der Träger der Pflanzenwelt und, wo genügend Wasser

vorhanden ist, ungemein fruchtbar. Man sagt, daß die Bauern auf den

Miniaturäckern, welche im Grunde der Gebirgstrichter liegen, drei

Jahre Weizen ernten können, ohne zu düngen. Allein die Felder und

fruchtbaren Talböden bedecken nur ein Fünftel des Karsts; mehr als die

Hälfte ist Weide; doch gibt es unter diesen Weiden Flächen von der

Größe eines Quadratkilometers, wo sich keine Ziege satt fressen könnte;

der Rest ist Wald, aber stundenweit steht kein armsdicker Baum. Nur

im Ternovanerwald bei Görz schlägt man noch Mastbäume; im Tiergarten

von Duino stehen dunkle, große Terebinthen, und in Lippiza bei Sesana

weiden die Füllen eines Gestüts im Schatten eines Hochwaldes. Der

übrige Wald ist ein lichtes Gebüsch von Eichen und Wachholder, Ahorn

und Pappeln, welches die Klippen begrünt.

Auf einer solchen Waldoase ruht das Auge, wenn der Zug an einer

Berglehne hinbrausend ins Tal der Reka tritt, eines kleinen

Karstwassers, das seine Wellen plaudernd gegen St. Kanzian

hinunterträgt, wo es sich in einem Felsenschlund verliert. Man nimmt

an, daß die Dolinen des Plateau von Nabresina das unterirdische

Flußbett der Reka zu den drei mächtig aufrauschenden Quellen des Timavo

andeuten.

Längs der Eisenbahn stehen hölzerne und steinerne Schutzwehren

gegen die Bora, graue, unheimliche Bauten, die auch dem im goldenen

Sonnenschein durch den Karst fahrenden Fremden nahe führen, wie wild

die Geister der Luft in dieser Felswüstenei zuweilen ihre Sturmorgien

feiern. Zu solchen Zeiten leisten die Bahnangestellten dieser Gegend

den Sicherungsdienst mit Steigeisen an den Schuhen. Sogar die Gewalt

der Lokomotive bricht sich zu Winterszeiten hin und wieder an den von

der Bora geteilten zusammengewehten Schneemassen, so daß der Verkehr

auf dieser Linie stockt. Dann mögen sich die Reisenden, die in einem

armseligen Karstdörfchen eingeschneit auf Erlösung warten, sehnsüchtig

an die Beefsteaks Wiens oder die Meerfische Triests erinnern!

Die Bora steht ebenso sehr durch ihre Kälte als durch die

explosionsartige Heftigkeit ihrer Stöße in Verruf; allein so erstarrend

sie auch auf den Körper wirkt, ihre Temperatur sinkt selten auf

den Gefrierpunkt, und das Kältegefühl, das sie erzeugt, beruht aus

einem subjektiven Vorgang, auf der durch die Trockenheit des Windes

hervorgerufenen, lebhaften Verdunstung der Haut.

Man hat, ähnlich wie zur Ergründung des Föhns, zu dem die Bora so

recht die Kontrasterscheinung bildet, allerlei künstliche Theorien

herbeigezogen, um ihr Wesen zu erklären; die neueren, meteorologischen

Forschungen haben indes erwiesen, daß sie einfach der Abfluß eines

hohen Luftdruckes, der über den Saveländern lagert, gegen das

Adriabecken ist.

Nirgends tritt die vegetationsertötende Wirkung dieses Windes und die

grenzenlose Armut des Karsts so überredend vor den Blick, wie bei St.

Peter, der zweiten Station von Adelsberg.

Überschaut man diese Öde, so glaubt man es kaum, doch ist es

durch geschichtliche Dokumente bezeugt, daß der Karst einst mit

nur unterbrochenem Hochwald bestockt war. Im Volke lebt die Sage,

die Venetianer hätten die gewaltigen Eichenhaine geschlagen, um

Bauholz für ihre Flotten zu gewinnen. Da sei der Fluch der an die

Schiffsplanken hingeschmiedeten Galeerensklaven über die Heimat des

Schiffsholzes gekommen, und die Forste seien abgestanden.

~Vox populi, vox Dei!~ Nur hier nicht. Venedig hat lange vor andern

Staaten in seinen Provinzen für die Erhaltung des Waldes Sorge

getragen, und als der Markuslöwe seine Flügel über die Karstländer

schlug, da war das Hauptwerk der Forstverwüstung bereits getan. Die

Jahrhunderte alte Schuld trägt die Mißwirtschaft der Gemeinden, der

Karstbauer mit seinem Weidgang.

Eigentlich virtuos geht man in einigen Gegenden Istriens gegen den

Wald vor, wo der »~contadino~« nicht warten mag, bis sich durch die

Wurzeltriebe etwas verkäufliches Staudenwerk gebildet hat, sondern die

Wurzeln selber ausgräbt und in die nahen Städte zu Markte führt.

Unter dem wenigen Guten, das man dem österreichischen Großgrundbesitz

nachreden kann, gehört das vielleicht zum Besten, daß er in den

Karstgegenden am meisten die Kraft besaß, den ursprünglichen Hochwald,

so die schönen Buchenhaine Oberkrains, in die Gegenwart herüber

zu retten, während die Gemeinden ihre einstigen Forste, soweit

sie nicht der vegetationslosen Öde gewichen sind, auf Niederwald

herabgewirtschaftet haben, der je nach der Holzart alle sieben oder

vierzehn Jahre geschlagen wird.

Die christliche Legende erzählt, der blinde Missionar Beda habe, von

einem Knaben irre geführt, einst den Steinen gepredigt; da hätten

diese statt der Menschen gerufen: »Amen! Amen!« Auch die nackten

Karstklippen rufen. »Gebirgsvölker, schont den Wald!« rufen sie.

Seit drei Jahrzehnten macht sich eine Bewegung, deren Seele der k.

k. Forstrat Ritter von Guttenberg ist, für eine Verbesserung der

Waldverhältnisse des Karstes geltend. Das große Losungswort heißt:

»Wiederaufforstung« und Gesetz bietet die staatliche Grundlage für die

Wiederbewaldung wenigstens des küstenländischen Karsts. Man hofft,

durch diese die Gewalt der Bora zu brechen, die Bodenfeuchtigkeit zu

vermehren, die seit der Entforstung gesteigerten Gegensätze des Klimas

zu mildern und nach und nach den durch Gewitterregen weggeschwemmten

Humus wieder zu gewinnen.

Es liegt etwas Großartiges in diesem Plan. Allein die Anlagen sind

teuer, und Wien ist weit; ja die Karstgemeinden selber leisten

Widerstand; der Bauer läßt sich seinen Weidgang nicht gern beschränken.

Ob der Karst je wieder im Schmuck eines geschlossenen Hochwaldes

prangen wird? Künftige Generationen werden es sagen können. Wer ihn

jetzt bei St. Peter sieht, kann es kaum glauben.

Anders schaut die Gegend schon bei der folgenden Station aus, bei

Prestanek, wo das grüne Wald- und Wiesental der Poik, das sich zur

Linken öffnet, unsern Blick aus dem Klippengrau erlöst, und langen

wir auf der Station Adelsberg an, so grüßt das kleine Städtchen gar

freundlich aus weitem grünem Talgrund auf. Nur die öden Berglehnen

verraten, daß wir uns noch mitten im Karst und zwar auf seiner

höchstgelegenen Station, 583 Meter über der See, befinden.

Es war uns eine Herzenserleichterung, als wir aus dem engen Bahnwagen

hinaus in den österlichen Sonnenschein traten. Um der Zudringlichkeit

der Führer und Hotelwerber ein rasches Ende zu bereiten, vertrauten wir

uns dem eleganten Omnibus des Adelsbergerhofes an. Während die Pferde

davontrotteten, überblickten wir von seinem Imperiale herunter das

bergumrahmte, grüne Tal, auf welches von kahlem Felsgipfel ernst und

streng die Trümmer der Burg Adelsberg herunterblicken.

Bald hatten wir den »Markt« erreicht, wie sich Adelsberg in der

Rangstufe österreichischer Ortschaften nennt. Seine stattlichen,

blankgeweißten Häuser mit den Flachziegeldächern muten uns mehr deutsch

denn slavisch an. Bei seiner hübschen Pfarrkirche vorbei gelangen wir

zu dem großen, modernen Hotelbau des Adelsbergerhofes im Norden des

Städtchens.

Dem goldig herniederflutenden Ostersonnenschein zum Trotz schien außer

dem Omnibusführer das gesamte Hotelpersonal noch im Winterschlaf zu

liegen, bis endlich ein erwachsendes Dornröschen, eine junge, wenig

gesprächige Dame erschien und das Halbdutzend Grottengäste, die sich

im Hausflur zusammengefunden, in die nächsten Räume wies. Während sie

wieder für ein Viertelstündchen unsichtbar wurde, bemerkten wir, die

Fensterläden öffnend, daß wir uns in einem sehr hübsch ausgestatteten

Lesesaal, aber jedenfalls noch nicht in der ~haute saison~ von

Adelsberg befanden.

Allein am Dornensträuchlein der Geduld wuchs denn doch ein frugaler

Morgenimbiß auf, und bald kam die Nachricht, daß sich in den

verschiedenen Gasthöfen der Stadt etliche dreißig Fremde zum Besuche

der Grotte eingefunden hätten und ihre Beleuchtung um halb elf Uhr in

Szene gehen könne.

So hatten wir uns denn in der Voraussetzung, es werde der Ostermontag,

dieser in Nord und Süd gleich beliebte Ausflugstag, auch ein

Häuflein Neugieriger am Grottentor von Adelsberg versammeln, nicht

getäuscht. Es ist für die Touristen, welche alljährlich zu den

Höhlenwundern der krainischen Berge pilgern, ein wahres Glück,

daß die Tropfsteinunterwelt von Adelsberg eine Staatsdomäne und

so der Privatspekulation entzogen ist. Sie steht unter einer aus

Staats- und Gemeindebeamten zusammengesetzten Verwaltung, welche

den Grottenbesuchern durch eine wirklich liberale Besuchsordnung

entgegenkommt und den Grottenapparat, den Führerdienst, die Wege und

die Beleuchtung in einen Stand gesetzt hat, der allen Ansprüchen genügt.

Ihre spekulative Mäßigung sticht wohltuend ab von der

Touristenschererei der Hotels. Ihr hat es Adelsberg zu verdanken, daß

es ein so blühender Touristenort ist, der seine zweitausend Einwohner

unmittelbar oder mittelbar durch den Fremdenverkehr ernährt.

Eine hübsche Allee junger Linden führt längs eines nicht gar hohen

felsklippigen Bergrückens zum Eingangstor der Grotte, die als

ein stundenlanges Labyrinth den Leib dieses Höhenzuges mit ihren

Tropfsteingängen durchzieht. An die grauen, mit spärlichem Eichenwuchs

geschmückten Hänge schlängelt sich ein dunkelglänzendes Wasserband,

die Poik heran, und verliert sich, nachdem sie noch ein klapperndes

Mühlenrad geschlagen hat, mit raschem Wellenzug ins Innere des Berges.

Eine gar gemischte Gesellschaft standen wir erwartungsvoll am gotischen

Gittertor und wehrten den zudringlichen Jungen, welche zierliche

Tropfsteingebilde und Erinnerungsstücke feilboten und mit jeder Minute

um fünf Kreuzer billiger wurden.

Endlich kamen die Führer und Grottenwächter, alles ältere Leute

in zerschossenen Knappentrachten, die Bergmannslaterne im Gürtel,

dahergeschritten. Der Riegel klirrte; die Karawane, in welcher die

Gestalt eines mit Fez und weißem Filzmantel angetanen bochesischen

Magnaten besonders hervorstach, zog, nachdem sie zum Schutz gegen die

nur 8--9° ~R~ betragende Höhlentemperatur die Überröcke und Shawls

umgeworfen, in die Grotte ein.

Die ersten fünfzig Schritte boten nichts Bemerkenswertes, und schon

wollten wir unserer kühlen Stimmung recht geben, da horch -- verlorenes

Wasserrauschen -- da sieh -- eine weite Halle über uns und herrlich

hereinflutend eine Garbe elektrischen Lichts. Wir selber stehen

hoch auf einer Felsengalerie über einem Höhlenabgrund, in dem mit

flimmernden Wellen der unterirdische Fluß durchs Halbdunkel zieht.

Es geht allen Besuchern gleich. Sie sind bezaubert vom Anblick des

»großen Doms«, der gewaltigen Halle, mit welcher die Adelsberger

Grotte kaum 30 Meter vom Eingang überrascht. Und doch muß das Auge

sich erst an die Kontrastlichter gewöhnen, in denen Höhlendunkel

und elektrische Flamme sich widerstreiten, ehe es die gewaltige

Deckenspaltung und die Höhe des weiten Raums ermißt. Mögen die Führer

in ihren ledernen Erklärungen jene zu 45, diese zu 28 Meter angeben,

auch in der dürftigsten Seele ist die Phantasie machtvoll erwacht, und

den Meterstab bei Seite setzend, mißt sie den Naturdom nur mit ihrer

bewundernden Andacht aus.

Etwas unendlich Geheimnisvolles, Düsterschönes, liegt in dem

weltabgeschiedenen Raum. So mag die ahnende Seele des Griechen sich die

Ufer der Lethe und den Totenfluß selber vorgestellt haben, wie hier die

Poik zwischen feuchten Felsensäumen strömt.

Die Wände und das Gewölbe des großen Domes sind zwar arm an jenen

wundersamen Tropfsteingebilden, welche die Zierde anderer Grottenteile

bilden; aber gerade durch dieses Zurücktreten der Einzelformen wirken

die gewaltigen Ausdehnungen hinreißend auf die Phantasie.

Im Innersten erregt, schreiten wir die Stufen der westlichen Wand zu

einer Naturbrücke hinab, unter welcher die Poik rauschend aus dem

Höhlengestein quillt, um ihre im Licht erzitternden Wasser nach doppelt

gekrümmtem Laufe bei den Ostfelsen des unterirdischen Münsters wieder

in unerforschte Höhlenschachte einzusargen.

In den verborgenen Wasseradern und in den Tümpeln der Grotte lebt ein

seltsames Tier, ein spannenlanger, aalähnlicher Lurch von farblosem

oder hübsch rosa angehauchtem Leib, mit vier zierlichen Beinchen

und noch viel zierlichern, roten Kiemenbüscheln, der Olm. Der

lichtscheue, kleine Geselle kommt nur etwa nach langem Regenwetter

und am häufigsten in der mit der Adelsberger in Verbindung stehenden

Magdalenengrotte zum Vorschein, hat aber den Gelehrten schon viel zu

reden gegeben; denn er ist einer der Hauptzeugen für die Darwinsche

und Häckelsche Anpassungstheorie. Sie haben ihn mit dem Namen des

Proteus belegt, da er wie dieser sich verwandeln kann. Je nachdem er

in tiefem oder seichtem Wasser lebt, ist er Kiemen- oder Lungenatmer,

gewissermaßen also Fisch oder Vogel. Ein Führer, der uns in einer

Wasserflasche ein solches Tierchen zeigte, behauptete, daß es jahrelang

ohne Nahrung lebe.

Jenseits der Naturbrücke, welche über die Poik führt, steht, damit

wir ja nicht vergessen, daß wir, wenn auch im Berginnern, doch immer

noch im loyalen Österreich sind, ein Denkmal, das in den devotesten

Ausdrücken der Untertanenehrfurcht die Erinnerung an Franz ~I.~ feiert,

der den großen Dom im Jahre 1816 besucht hat, und wandern wir auf einer

künstlich in die Felswand eingesprengten Galerie dem Hintergrunde der

Halle zu, wo bei einem zweiten Monument die Ferdinandsgrotte anhebt, so

stehen wir gar vor dem Polsterwagen einer Schiebbahn, mit der bequeme

Grottengäste von den Wächtern etwas mehr als anderthalb Kilometer weit

bergeinwärts gestoßen werden können.

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich · 第 10 / 11 段