Bald sind wir in Pola. Dort auf der größten der Inseln, auf der Brion

grande dräut von der höchsten Hügelkuppe das erste Festungswerk. Es

führt den ehrenvollen Namen Tegethoffs, des Siegers von Lissa, der sich

ruhmbedeckt in die Kriegsgeschichte von 1866 eingetragen hat; denn hier

am Kanal von Fasana hat der kühne Admiral sein Geschwader, für dessen

Kriegstüchtigkeit ganz Österreich bangte, gesammelt und es von hier aus

zur heißen Seeschlacht bei der dalmatinischen Insel geführt.

An dem Eiland San Girolomo vorbei kamen wir in die Bucht von Pola. Sie

könnte mit der blauen, ruhsamen Flut, den grünen Hügeln, welche sie

umkränzen, ein idyllisches Meerbild genannt werden, schaute nicht von

den Uferhöhen Fort an Fort auf den stillen Golf und blickten nicht

hundert Mündungen blanker Stahlgeschosse aus den engen Schießscharten

der Festungsrondellen auf den Wasserspiegel, die das Friedensbild zum

furchtbaren Festungsrayon verwandeln.

Die Bucht weitet sich birnenförmig aus. In ihrem Hintergrund liegt

der von Barken belebte Handelshafen von Pola und südöstlich, durch

die Oliveninsel und ein anderes kleines Eiland abgeschlossen, der

eigentliche Kriegshafen, wo die abgetäuten Panzerschiffe schwimmen.

Die Stadt lagert sich staffelartig um einen zwischen den Häfen

vorspringenden Hügel.

Das Erste, was der Reisende von Pola erblickt, ist die Kolossalruine

des römischen Amphitheaters, das den Sturm fast zweier Jahrtausende

überdauert hat. Ernst und beschaulich sieht es auf den Golf, wo sich

eine moderne Großmacht mit ihrer Seewehr brüstet.

[Illustration]

[Illustration]

Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn.

Vor undenklichen Zeiten fuhren im fernen Osten, wo die ersten Menschen

gewachsen sind, zwei Fischer in ihren Einbäumen auf eine Meerbucht

hinaus. Der eine machte einen guten Fang; die Netze des andern blieben

leer. Da wurde dieser neidisch und zornmütig. Es entstand ein Streit,

und der Stärkere schlug den Schwächern tot.

Das war der erste Seekrieg!

Man weiß nicht, wann die Kunst, Menschen auf dem Meere totzuschlagen,

in den Westen gewandert ist. Den Kampf im Einbaum hat man schon lange

aufgegeben. Die aufstrebenden, schaffensfreudigen Völker Europas haben

jetzt andere Kriegswerkzeuge zur See: Panzer, Torpedos und gezogene

Kanonen.

Ein Einbaum und ein modernes Kriegsschiff gleichen sich wenig; aber

heute noch wird der Stärkere über den Schwächern Meister. Darum will

jedes Volk stark sein. Es läßt zu diesem Zwecke die Künste, die

Wissenschaften darben; es legt die Nerven der Industrie lahm; es

opfert den Segen des Landbaues; es unterbindet den Handel; es begräbt

das Nationalvermögen in Festungen, Kasernen, Panzerschiffe und wirft

die Blüte der Männer hinein.

Das ist der moderne Militarismus!

Wo ein Reich ein schönes Stück Nationalvermögen hingegeben an den

angenehmen Gedanken, stark zu sein, stand ich jetzt, am Kriegshafen der

österreichisch-ungarischen Monarchie, am Quai von Pola, und dachte an

die Leberknödel meiner lieben Wirtin zu Monfalcone.

Ich will es nur gestehen, daß mir im frischen Hauch der Meerluft ein

gutes Beefsteak, ein Nierenbraten, eine Ganskeule oder ein Presciutto

stets als besonders begehrenswerte Dinge vorgekommen sind. In Pola

bekam ich für Geld und gute Worte etwas Lämmernes, und es wurde

mir davon sehr friedlich zu Mute. Allein nun galt's, den Tag noch

auszunutzen!

Nachdem ich in einem Hotel ein Zimmer bestellt, stand ich etwas vor

vier Uhr am Eingangstor zu den Werkstätten des k. k. See-Arsenals.

Sie ziehen sich in der Länge eines Kilometers am südlichen Ufer der

Bucht von Pola hin, während die Etablissemente für den Schiffsbau und

die Docks den Scoglio olivi, eine der Stadt zu Füßen liegende Insel,

bedecken.

Nirgends findet der Fremde ein freundlicheres Entgegenkommen als

in Österreich. Die einfache Visitenkarte öffnet ihm, sofern nicht

Glieder des Herrscherhauses selber da sind, die kaiserlichen

Schlösser; sie genügt auch, um Eintritt ins Seearsenal zu erlangen.

Als Führer wurde mir ein junger, hübscher Mann in Unteroffizierstenue

vorgestellt, und ich war angenehm überrascht, statt des langweilig

pathetischen Erklärungstones der italienischen Ciceroni ein gemütliches

Grazerdeutsch zu hören.

So wanderten wir denn. Schon im Waffensaal, wo die großen Geschütze

in Reih und Glied stehen, die Bomben und Granaten zu Tausenden

kunstreich geschichtet auf ihren Lagern liegen, wird dem Laien ganz

kriegsandächtig zu Mute. Allein erst im Marine-Museum, wo alle die

verschiedenen Dinge, die zur Flotte und ihrer Geschichte eine Beziehung

haben, in einer Flucht von Gemächern aufgestapelt liegen, offenbart

sich ihm vom Schlachtenhandwerk zur See ein Stück intimen Lebens.

Besonders fesselnd ist die Menge zierlicher Schiffsmodelle, die

eigentliche Kunstwerke der Kleintechnik sind. Sie gewähren in ihrer

Gesamtheit ein lehrreiches Bild von jenem gewaltigen Umschwunge, der

sich in den letzten dreißig Jahren im Marinewesen vollzogen hat. An

manch eines der ältern ließe sich eine fesselnde Schiffsgeschichte

knüpfen. Viele Schiffe, deren Modelle hier noch ein lebhaftes Interesse

erregen, stehen entmastet, zu einem Warenlager oder Pulvermagazin

erniedrigt irgendwo im letzten Hafen oder fahren, von der Verwaltung

ausrangiert, neu aufgeputzt und neu bewimpelt, unter der Flagge irgend

einer halbzivilisierten Macht, die den Marinesport der europäischen

Nationen nachahmen will.

Auch ein Schiff hat sein Schicksal. Vielleicht keines ein traurigeres

als die »Maria Anna«, einer der schönsten Kriegsdampfer. Zwischen

Triest und Venedig kreuzend, verschwand sie mit ihrer Mannschaft an

einem stürmischen Märztage des Jahres 1852, ohne daß es je gelungen

wäre, Bestimmtes über ihren Untergang zu erfahren.

Was immer die österreich-ungarische Flotte auf ihren Kreuz- und

Querzügen durch die Meere an nautischen Gegenständen von fremden

Küsten hergetragen, indianische Canoes und figurenbedeckte asiatische

Fahrzeuge, das liegt hier aufbewahrt. An den Wänden und in Schreinen

hangen die Trophäen aus den Seetreffen älterer und neuerer Zeit, die

blauweiße Flagge, die Don Juan von Österreich in der Schlacht von

Lepanto im Jahre 1571 auf seinem Admiralschiff führte, und zahlreiche

tunesische, marokkanische und egyptische Wimpel aus den Jahren 1829 und

1830.

Mit besonderer Sorgfalt sind die Trophäen aus der Seeschlacht von Lissa

und mannigfache Erinnerungszeichen an Admiral Tegethoff, Uniformen,

Feldzeichen, Orden, Lorbeerkränze aufbewahrt worden. Sie mahnen aus

ihren Glasschränken heraus an jene blutig bewegten Tage, da Österreich

unter dem furchtbaren Eindruck der Niederlage von Königgrätz, trotzdem

es in jenem Doppelkrieg sich Italien gegenüber zu Land und zur See

siegreich behauptet hatte, das reiche Venetien durch die Vermittlung

Napoleons ~III.~ dem ~re galant' uomo~ hingab.

Nun traten wir in die Artilleriewerkstätten, wo ein Arbeiterbataillon

hämmert und feilt, hobelt und bohrt, poliert und dreht. Was bereiten

denn diese hundert und hundert emsigen Gesellen, diese rollenden

Maschinen? Was wird aus den hochgeschichteten Stößen von Erz, was aus

den brodelnden Metallmassen, die aus den Öfen zischend in die Formen

schießen?

Waffen; allein wo das Torpedo, die furchtbarste Wehr zur See, bereitet

wird, da führt man keinen Uneingeweihten hin.

Wer sich nicht ganz vom Militärevangelium der Gegenwart den Verstand

hat berauschen lassen, hat ohnehin genug gesehen. Ein Protest gegen den

Krieg, die vom Staat und dem Patriotismus geheiligte, von den Dichtern

verherrlichte, große Menschenschlächterei geht an diesem Orte, wo ohne

Unterlaß die Werkzeuge zum Massenmord bereitet werden, durch seine

Seele.

Doch sieh, da sind wir ja aus dem sinnbetäubenden Rasseln und Dröhnen

der rußigen Werkstätten in ein friedliches Asyl, in eine große

Schneiderwerkstätte gekommen. Das ist der Saal der Segelmacher, wo man

den schweren Kriegsdampfern die leichten Schwingen zurechtschneidet,

für die hochragenden Masten die rot-weiß-rot gestreiften Kriegs-

und für den Manövrierdienst die verschiedenfarbigen Signalflaggen

zusammensetzt. Man könnte bei dem Anblick der vielen farbigen Tücher,

der bunten Nationalbanner aller Seemächte, fast auf den Gedanken

kommen, daß hier die Kostüme für eine große Maskerade oder die Wimpel

für ein Fest vorbereitet werden. Es ist aber alles blutiger Ernst!

Am chemischen Laboratorium vorbei, wo man die Sprenggeschosse

füllt, kommen wir ins Aus- und Abrüstungsmagazin, in dessen Kammern

jene unzähligen Gegenstände in Depot liegen, deren ein Schiff, um

segelfertig zu werden, bedarf. Hier liegt auch jenes Boot aufbewahrt,

in welchem die Nordpolfahrer Weyprecht und Payer mit ihren Gefährten

im Jahre 1874 nach zweijährigem Aufenthalt im äußersten Norden

den schwierigen Rückzug nach Novaja Semlja ausführten, als das

Expeditionsschiff »Tegethoff« in eine Eisscholle eingefroren unrettbar

nach Norden trieb. Sechsundneunzig Tage brachte die Mannschaft mit

ihren braven Führern, die das Franz-Josephs-Land entdeckt, in dem

kleinen Fahrzeuge zu, bis die immer südwärts Steuernden an der Küste

von Novaja Semlja einen russischen Schooner entdeckten, der sie in den

Hafen Vardóe in Schweden brachte.

Ein Blick noch auf die gewaltigen Vorräte von Mastenholz, jene

geschundenen Riesentannen des Alpenwaldes, die sich auf dem Meer in

Heimweh härmen, ein Blick noch auf die Bootswerfte, wo die kleinern

Schiffe gebaut werden, und wir wanderten längs des im Abendschein

vergoldeten Meeres allmählich zurück, hier rasch ins Ketten- und

Ankermagazin tretend, dort das Bootsmagazin musternd, wo eine Menge

kleinerer Fahrzeuge über und nebeneinander aufgeschichtet liegen, bis

zu dem gewaltigen Scherenkrahn, der von anständiger Kirchturmshöhe ist

und Lasten von über tausend Zentnern Gewicht auf die Kriegsschiffe

überträgt. Nicht weit davon ist die gewaltige Kesselschmiede und der

Maschinensaal mit einem Anhang weitläufiger Nebenwerkstätten.

Die Uhrenfabrikation und der Schiffsbau bezeichnen zwei Pole der

Industrie. Dort müht sich der Arbeiter mit der Loupe an dem kleinsten,

hier mit dem dampfgetriebenen Krahne an dem größten mechanisch

Darstellbaren.

Hier geht alles ins Kolossale. Der Arbeiter ist im Vergleich zu den

Maschinen, an denen er hantiert, eine Ameise, während die Hämmer,

welche die Panzerplatten schmieden, die Werkzeuge von Kyklopen zu

sein scheinen. Staunend schaut der Fremde eine Weile in das tosende,

riesenhafte Getriebe; dann wendet er sich gern wieder ab. Es liegt

etwas Übermenschliches, an den Vulkanmythus Mahnendes, etwas

Beängstigendes in diesen donnernden, sausenden, singenden und ächzenden

Kolossalmaschinen.

Ich atmete auf, als ich wieder draußen auf der Hafenstraße von Pola

stand. Sie war reich belebt von spazierenden Militärs. Ich ließ mich

ohne Rast zum Scoglio olivi hinüberstoßen, wo in zwei weiten eisernen

Hallen die Werften für den Kriegsschiffbau liegen. Ein Kriegsschiff

war nicht im Baue; hingegen lag auf einem der beiden Trockendocks ein

Panzerschiff in Reparatur und glich, wie es da außer Wasser stand,

einem gestrandeten Walfisch.

Der augenfällige Unterschied zwischen einem Handels- und einem

Kriegsschiff besteht darin, daß die schwimmende Festung statt der

vielen Kajütenfenster nur eine Reihe viereckiger Öffnungen zeigt, durch

die ebenso viele Kanonenmündungen blitzen, und daß auf dem Deck ein

oder zwei drehbare Panzertürme, runden Kesseln nicht unähnlich, mit

Schießlucken stehen. Wirklich schwer gepanzert ist es nur etwa zwei

Meter über und unter der Wasserlinie und da, wo die Werke zum Drehen

der Türme stehen.

Das Balancedock ist ein ungeheurer Kasten, der wie ein Schiff auf

dem Meere schwimmt, aber durch Einpumpen von Wasser derart versenkt

werden kann, daß das größte Kriegsschiff zwischen seinen Seitenwänden

einfahren kann, worauf das Schiff durch das Auspumpen des Wassers im

Dock ins Trockene gehoben wird.

Nicht minder merkwürdig ist der »Zyklop«, ein Werkstättenschiff,

welches die Arbeitsräume und Maschinen für die Reparatur der

Marineboote enthält. Es ist ein schwimmendes Arsenal, welches ein in

die See stechendes Geschwader begleiten kann.

Der Tag ging zur Neige, als ich meinen Gang durch das Arsenal beendet

hatte. Um von dem Städtchen noch etwas zu sehen, verzichtete ich

auf eine Kahnfahrt nach dem Kriegshafen, wie sie mir mein Führer

vorgeschlagen hatte; ich begnügte mich, den grauen, stählernen

Ungeheuern mit den Kanonenmündungen von ferne meine Reverenz zu

erweisen.

Während mich der Führer zurückruderte, genoß ich den reizenden Anblick

des sich an den südlichen Hügelstufen emporbauenden Stadtbildes von

Pola.

Der Ort selber ist uralt; denn unter dem Namen Pietas Julia blühte

hier eine römische Kolonie, und im Mittelalter beherrschten von hier

aus die Markgrafen von Istrien ihr Land; aber in gewissem Sinne ist

es doch der Benjamin der istrianischen Städte. Nachdem es im 13.

und 14. Jahrhundert bald von den Venetianern, bald von den Genuesen

verwüstet und im 17. von der Pest entvölkert worden war, so daß es kaum

mehr ein halbes Tausend Einwohner zählte, ist es erst durch Anlage

des Kriegshafens und zum großen Teil auf Kosten der istrianischen

Schwesterstädte wieder ein Gemeinwesen von einiger Bedeutung geworden

und zählt gegenwärtig etwas über 10000 Einwohner.

Seine Geschichte bringt es mit sich, daß sich in der Stadt Altes und

Neues aufs wunderlichste mischen, daß fast an jedem Plätzchen eine alte

Historie klebt.

Hier sollen Jason und Medea auf ihrer Flucht vor den Kolchiern

gerastet, dort die schöne Cenide mit dem jugendlichen Vespasian einen

erotischen Roman durchlebt haben; am dritten Ort zeigt man die Stelle,

wo am Charfreitag 1271 die Familie der Sergier, die als erbliche

Generalkapitäne die Stadt verwalteten, vom Volke meuchelmörderisch

niedergemacht worden ist.

Vielleicht die interessanteste dieser Erinnerungen aber hat der Ort

da, wo jetzt mit leuchtender Front die Infanteriekaserne auf den Golf

herniederschaut; denn hier stand im Altertum ein Venustempel, im

Mittelalter ein Nonnenkloster, jetzt also eine Militäranstalt.

»Und aber nach fünfhundert Jahren,

Als ich desselbigen Wegs gefahren« -- -- --

Kann man sich eine lebendigere Illustration zur Sage von »Chidher, dem

Ewigjungen«, denken?

Auf einem Hügel oberhalb der Kaserne erhebt sich das alte venetianische

Kastell, und nicht weit davon steht eines der sehenswertesten

Altertümer: die zierliche Triumphpforte, welche Salvia Postumia ihrem

Gemahl, dem Tribunen Servius Lucius, und dessen Verwandten errichtet

hat. Das vollkommen freistehende, von einem prächtigen Rostton

überzogene Denkmal gehört mit seinen paarweise geordneten korinthischen

Säulen und dem stark vortretenden, von etwas Strauchwerk umwucherten

Gesimse der besten Zeit römischer Baukunst an.

Ebenso schön ist ein anderes ganz in den Häusern verstecktes römisches

Denkmal: ein eleganter Tempel des Augustus und der Roma, ein wunderbar

wohlerhaltener Bau, obgleich er unter den wechselnden Besitzern von

Pola schon als Kirche und als Kornkammer gebraucht wurde. Noch liest

man an dem Fries der von sechs korinthischen Säulen gebildeten Vorhalle

die Widmungsinschrift »~Patri Patriæ~«, und die zierliche Ornamentik

des Giebels hat durch den Verwitterungsvorgang von fast zwanzig

Jahrhunderten -- der Tempel wurde im Jahre 8 gebaut -- nicht wesentlich

gelitten.

Neben diesem 13 Meter hohen Bau stand im Altertum ein anderes

Heiligtum, der Tempel der Diana, von welchem aber nur die Rückseite

auf uns gekommen ist; denn in seine Vorderseite hinein ist nicht

ohne Geschick das Stadthaus von Pola, ein anmutiger Palast in

maurisch-gotischem Stil, gebaut worden. Vor seiner Parterreloggia liegt

der Hauptplatz von Pola, das antike Forum.

Vom Triumphbogen der Sergier zieht sich die mit Kastanienbäumen

besetzte Ringstraße um das Kastell her gegen den innersten Teil des

Hafens und gegen das Amphitheater hinab.

Dieses kann sich zwar an Größe mit demjenigen von Verona nicht messen;

denn die Maßverhältnisse sind fast ein Drittel geringer als am »Haus

Dietrichs von Bern«; immerhin beträgt die Länge seines Ovals 120, die

Breite 96 Meter und sein Raum faßte über 20000 Personen. Von all den

Arenen des Südens ist sie die einzige im Außenbau erhaltene, während

man freilich, um ein Bild ihres ausgeplünderten Inneren zu gewinnen,

das Bild des Amphitheaters an der Etsch zu Hülfe nehmen muß.

Da die Arena, die von der alten römischen Gemeinde um das Jahr 200

zur Auslösung eines Gelübdes und zu Ehren der Kaiser Septimus Severus

und Caracalla aufgeführt wurde, am Abhange eines Küstenhügels steht,

so verkürzt sich der Bau von der Golfseite gegen hinten um die ganze

Höhe der untersten Bogenreihe, während am zweiten Stockwerk die 72

Bogen recht schön zur Darstellung kommen. Über den viereckigen,

fensterartigen Ausschnitten des dritten Stockwerkes krönt eine

Steingalerie den 24 Meter hohen Bau, an welchem vier turmartige

Anbauten eine besondere Eigentümlichkeit bilden.

Als ich auf dem Hügel über dem Amphitheater stand, erhaschte ich eben

noch die letzten Strahlen der scheidenden Sonne, die herrlich durch die

öden Räume des gewaltigen Baues fluteten. Dann versank das purpurne

Gestirn in der fernen See; die Dämmer woben über dem Hafenrund von Pola.

Ich setzte mich auf den kurzen Rasen des Hügels, und im Anblick des

dunkeln Ruinenkolosses sah ich, als hätten sich die Zeiten um mehr denn

anderthalb Jahrtausende zurückgedreht, ein seltsam Bild.

Römische Männer und Frauen schritten in Toga und Palla zu den vier

Toren der Arena. Auf den Galerien plauderte viel müßiges Volk:

Kriegsleute, Freigelassene und Sklaven, und unter Trompetenklängen kam

von der Pietas Julia die Schar der Gladiatoren gezogen. Nun scholl

auf zur Loge, wo im Purpurgewand mit müdem Lächeln der junge Kaiser

saß: »~Ave Caesar, morituri te salutant!~« »Sei gegrüßt, Cäsar, die

Todbereiten grüßen dich!« »Hie Hyplomachos, hie Thraker.« Nun ein

erstes Scheingefecht, dann heller Schwertesklang! Der Thraker sinkt in

die Kniee und hält um sein Leben bittend die Hand empor. Allein das

Volk will Blut sehen. Der Hyplomachos gibt ihm unter dem wilden Jubel

der Zuschauer den Todesstoß. Noch haben kaum die Angestellten den

zuckenden Leichnam versenkt,

»Da speit das doppelt geöffnete Haus

Zwei Leoparden auf einmal aus.«

Ich kam nicht weiter mit meinem Schiller ...

»Guten Abend, mein Herr, darf ich Sie um etwas Feuer bitten?«

sagte jemand im feinsten Deutsch zu mir. Ich schnellte aus meinen

Träumen und von dem Rasenlager empor, und vor mir stand ein hagerer,

fadenscheiniger Mensch.

»Bitte, bedienen Sie sich.« Allein der Mann sah mich nur mit einer Art

stummen Jammers an. »Gnädiger Herr«, sagte er dann, »um Gotteswillen,

bezahlen Sie mir und meiner Frau ein Abendbrot; wir sind deutsche

Schauspieler und heute sechs Stunden über das Land gewandert; aber

gegessen haben wir nichts. Erst müssen wir spielen, dann können wir

essen. -- Mein Gott, was ist das für ein Spielen, wenn man vor Hunger

zusammenfällt!«

»Wir wollen sehen«, sagte ich und ging mit dem armen Teufel gegen

den Quai hinunter, als aus dem Schatten der Arena ein junges Weib

hervortrat.

»So haben wir uns nicht getäuscht«, sagte sie, auf uns zutretend; »der

gnädige Herr will etwas für uns tun.« Meine Hand ergreifend, wollte sie

dieselbe küssen.

»Leutchen, aber wie kommen Sie denn überhaupt dazu, mich so zu

überfallen?« fragte ich halb abwehrend, halb von den erwartungsvollen

Gesichtern belustigt.

»Verzeihen Sie, wir haben Sie an der Arena vorüber auf den Hügel

steigen sehen, und ich sagte zu meinem Mann: »Dieser Herr wird uns

helfen.« Sie haben so ein liebes, gütiges Gesicht. Da sind wir Ihnen

gefolgt bis zur Höhe«, sprach das junge Weibchen schmeichelnd, aber

noch ungewiß, ob mich all das rühren werde.

Da die Leutchen mir wirklich mehr arm als gaunerhaft vorkamen und ich

frei sein wollte, gab ich den beiden zu einem Abendbrot. Sie dankten

überschwenglich und luden mich, ich weiß nicht mehr wohin, ein, ihr

Spiel anzusehen. Ich hatte indes Neu-Pola, das sich um einen Hügel

südlich vom Kastell lagert, einen Besuch zugedacht, und dazu war

jetzt die rechte Zeit. Über den östlichen Höhen war der volle Mond

aufgegangen, und die Nacht war so hell und klar, daß ich selbst meinen

Bädeker, der übrigens von Pola wenig schreibt, ohne Mühe lesen konnte.

So wanderte ich denn hinauf auf die höchste Kuppe zur Sternwarte, auf

deren Terrasse das Monument des Admirals Tegethoff, ein prachtvoller

Erzguß, steht, den Kaiser Franz Joseph im Jahre 1877 errichten ließ.

»Tapfer kämpfend bei Helgoland, glorreich siegend bei Lissa, erwarb er

unsterblichen Ruhm sich und Österreichs Seemacht« lautet die Inschrift

auf dem Sockel des Denkmals, dessen Fuß mit vier allegorischen Figuren

geschmückt ist.

Wunderschön ist der Standort; denn da liegt nicht nur die Stadt selbst,

sondern auch der Golf mit den Forts, die ihn umrahmen, und die See, die

mondbeglänzte, lichtgesättigte, dem Beschauer zu Fuß.

Dann führte mich der Weg hinab zu reizenden Baum- und Buschanlagen, wo

im tiefsten Parkfrieden das Maximiliansmonument, eine zu jeder Seite

mit drei Schiffsschnäbeln gezierte, schlanke Säule, steht, die von

einer geflügelten, auf einer Kugel stehenden Viktoria bekrönt ist.

Ich habe die Figur im ersten Augenblick für eine Fortuna gehalten,

hat doch der unglückliche Kaiser von Mexiko mehr von der Macht

der launenhaften, flüchtigen Göttin des Glückes als von der

lorbeerspendenden des Sieges erfahren, zu deren Bildnis sich die

mexikanische Kaisergeschichte wie eine bittere Satire ausnimmt.

Nachdem ich Pola im Mondschein noch mehrmals durchstreift, ging ich

ermüdet von der Triumphpforte der Sergier gegen den Quai hinunter. Da

hörte ich aus einer Schenke die Stimme einer Sängerin. Sie sang das

Lied: »Komm, flieh mit mir und sei mein Weib.« Ich hörte stillstehend

zu, bis die Schlußworte »verdorben, gestorben« verklungen waren. Als

eben eine Schar Seeleute dem Gesang händeklatschend ihren Beifall gab,

trat ich ein.

Es war der Schauspieler und sein Weib, die ich auf so seltsame Art

bei der Arena kennen gelernt hatte, welche in dem raucherfüllten,

nicht sonderlich reinen Raume sangen. Man trank ein leidliches Bier,

und in eine Ecke gedrückt hörte ich den Deklamationen und Gesängen

des armseligen jungen Künstlerpaares zu. Gewiß hatten diese Leutchen

schon bessere Gesellschaft gesehen. Hier leuchtete ihnen kein

Stern. Plötzlich verlangten die Italiener unter den Seeleuten einen

italienischen Vortrag, und das ausgehungerte Paar war in größter

Verlegenheit. Jeder Versuch einer weitern deutschen Deklamation wurde

durch italienische Gesänge vereitelt, der Wirt hob die Vorstellung

auf, und mit der unglücklichsten Miene von der Welt eilte der deutsche

Schauspieler mit seinem Weibe davon.

Es war mir selbst unbehaglich geworden; denn die Deutschen und die

Italiener suchten sich gegenseitig mit ihren Liedern zu übertönen

und einige Minuten nach der abgebrochenen Vorstellung suchte auch

ich meinen Gasthof auf und nahm mir vor, bis um fünf Uhr morgens so

fest zu schlafen, wie daheim bei der Mutter. Das Bett war wirklich

vortrefflich; allein ich hatte meine Rechnung ohne die Plagegeister

des Südens gemacht. Schon bald nach Mitternacht erwachte ich von einem

Schmerz, wie wenn ich im dichtesten Nesselbusche läge, und als ich

Licht machte und die Decke zurückschlug, rannten eben die letzten der

braunroten Halbflügler davon.

Ratlos stand ich am Fenster und sah zum Mond hinauf, der ruhsam über

die Dächer von Pola zog. Draußen lag eine lichtvolle sommerlich warme

Nacht. »Ruhe findest du hier keine mehr«, sagte ich mir; »wie wär's,

wenn du hinauswandertest, einsam wandertest in das fremde, mondhelle

Land?«

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich · 第 9 / 11 段