Bis Ronchi, dem westlichen Nachbardorf von Monfalcone, brausten die

beiden Apfelschimmel so feurig dahin, als gälte es einen Morgenbesuch

in Venedig; allein an den Karstklippen, durch die sich die Straße

zur Höhe emporwindet, brach der erste Schwung. Der Rückblick

auf die grünen, leise wogenden Campagnen des Friauls und das am

Horizont verdämmernde, ferne Meer, hielt das Auge noch eine Weile in

Spannung. Als wir jedoch die Höhe eines in die furlanische Tiefebene

vorspringenden Karstrückens hinter uns hatten, sahen wir nichts mehr

als die wüsten Klippen und Klüfte des vegetationslosen Gebirgs. In

seinem endlosen Grau bildeten nur die sich scheu in die flachen

Bodensenkungen duckenden, kleinen Getreidefelder und Baumkrüppel einige

Pflanzenoasen und erbarmungswürdiges Karstvieh, das nicht gedeiht und

nicht verkommt, suchte in den Felsspalten nach einigen grünbraunen

Halmen oder einem aufsprossenden Stäudchen.

Die Straße senkte sich in ein von öden Hügeln eingerahmtes, wenig

bewohntes Tal, aus dessen Steinklippen hie und da ein Häslein die

Ohren reckte, und nach etwa einstündiger Fahrt erreichten wir die

frischgrüne, lachende Ebene von Görz, eine große, vegetationsreiche

Tieflandsbucht, welche die furlanische Ebene in die grauen, nackten

Gebirgszüge des Karstes sendet.

Der Blick ist bemerkenswert schön wegen zwei hübschen Bauten. Zur

Rechten erhebt sich die Santa Scala von Merna, eine Kirche mit

Doppelturm auf freiem Hügel; zur Linken das liebliche Schloß Rubbia in

einem hellen Buchenschlag des äußersten Karstvorsprungs.

Vor beiden zieht müde, mit keiner Welle plaudernd, als drückte sie

ein Geheimnis aus dem Berginnern, die Wippach, die einige Stunden

oberhalb Görz plötzlich als starker Fluß aus dem Gebirge quillt,

mit gelbgrünen Wassern dahin, um unterhalb Rubbia in dem schönen,

raschfließenden Isonzo aufzugehen. Jenseits des Wassers liegen Görz,

seine großen Fabriken und seine Vorstädte im weinreichen, nach Süden

geöffneten Kessel, und darüberhin die Felsenrücken der Isonzoberge.

Auf einem derselben, der das Tal des türkis-blauen Flusses gegen

Westen vollkommen abzuschließen scheint, schimmert ein großes,

kastellähnliches Haus, die Pilgerherberge des Monte Santo. Das ist

das Maria-Zell oder Maria-Einsiedeln des Küstenlandes, nach dem die

Italiener der Tiefebene wie die Slaven des Gebirgs mit gleicher

Verehrung und in großen Bußprozessionen wallfahrten.

Merna, an dem wir eben jetzt vorüberkommen, ist der Schuhmacherort des

Friauls, denn wie nach altem Herkommen an dem einen Ort ausschließlich

Tischlerei, an dem andern die Töpferei, am dritten das Maurer- oder

Steinmetzhandwerk das Gewerbe der ganzen Dorfschaft bildet, so blüht in

Merna die Kunst der Fußbekleidung.

Nachdem wir die Wippachbrücke passiert hatten, langten wir in Görz an.

Eine Stadt mit 17000 Einwohnern kann nicht groß sein, aber doch manche

Sehenswürdigkeiten enthalten. Görz ist weder groß, noch durch letztere

merkwürdig; aber mit seinen vielen, schönen Gärten ist es eine ebenso

saubere als reizende Stadt. Wenn man über den geräumigen Marktplatz

geht und die ehrenfesten Bürger- und Patrizierhäuser sieht, dann fühlt

man's heraus, daß man sich in einer alten, deutschen Stadt befindet,

die durch den Zufall der Völkerverteilung in das schöne südliche Tal zu

liegen kam.

Jahrhunderte lang eine deutsche Sprachinsel und von einem deutschen

Adel beherrscht, bewahrte sie zwischen italienischen und slavischen

Volkselementen das deutsche Wesen treu, bis sie ums Jahr 1500 unter

die österreichische Herrschaft kam. Allein mit dem steigenden Verkehr

nach dem Venetianischen und dem Zuströmen italienischer Kaufleute

und Handwerker, mit dem Verfall der Schulen im 17. Jahrhundert

gelangte, trotz des Protestes der eingebornen Görzer im Jahr 1626,

daß sie »echte, rechte, geborne, alte Teutsche« seien, im Ringen um

die Sprachoberherrschaft der südliche Wohllaut über das kräftige

germanische Wort zum Sieg. In steter Reibung mit dem alteinheimischen

Deutschen und dem Slovenischen hat sich die italienische Sprache immer

mehr befestigt, so daß jetzt 11000 Italiener und 4200 Slaven einem Rest

von 1800 Deutschen gegenüberstehen, die indessen durch ihre Bildung

und ihre soziale Stellung der deutschen Sprache einen dauernden Halt

sichern, so daß Görz die Stadt bleiben wird, wo sich drei Sprachen

stoßen.

Deutsch ist in Görz der Mutterlaut, deutsch die Bildung und deutsch das

Bier. Diese drei haben mich in der Stadt am meisten gefreut.

Über dem Marktplatz und der Altstadt steht auf einem nach allen Seiten

freien Hügel das durch Bastionen verstärkte, aber zum Teil verfallene

Kastell, das ehemalige Schloß der mächtigen Grafen von Görz, deren

Töchter selbst deutsche Kaisersöhne freiten.

So war Elisabeth, die Gemahlin des Kaisers Albrecht, der durch die

Hand des Johannes Parricida fiel, eine Görzerin, und das »kühne,

unerschöpflich begierige Weib«, das sich nach dem Kaisermord zur

gräßlichen Rachefurie wandelte, mag, da es später als stille Büßerin in

der Klosterzelle von Königsfelden saß, wohl öfters der sonnigen Burg im

Isonzotal, wo sie ihre Jugend verlebte, gedacht haben.

Als Gegenstück zu der mit Blut gezeichneten Geschichte dieser Frau

nimmt sich das Liebesidyll Emerentiens von Görz, die an der Wende

des vierzehnten zum fünfzehnten Jahrhundert gelebt, noch einmal so

freundlich aus. Ihre Brüder wollten sie nach dem Tode ihres Vaters in

ein italienisches Kloster schicken und wählten als ihren Begleiter

Balthasar von Welsberg, einen frommen und guten Ritter aus. Als aber

die junge, schöne Maid die lachenden Gefilde Italiens, die prächtigen

Städte und ihr fröhliches Leben sah, da wurde ihr beim Gedanken ans

Klosterleben düster zu Mut und schwer ums Herz und sie verhehlte

dem Ritter, der den stillen Gram gewahrte, ihre Leiden nicht. Herr

Balthasar war nicht unritterlich und die Worte der Dame gingen ihm

nahe. Statt ins Kloster führte er die schöne Anvertraute zu einem

Priester, der ihrem Bündnis die Weihe gab, und sie flüchteten sich ins

Tirol, wo sie zu Toblach im Pustertal in einer niedrigen Bauernhütte

Flitterwochen hielten.

Allein die jungen Grafen von Görz erklärten sich gegen solches

Minneleben, sie wollten vor Welsberg ziehen. Da erschien irgend ein

geistlicher Herr -- die Kirche hat ihre Sache nicht immer so gut

gemacht -- löste alle Zwietracht in Frieden und laute Hochzeitsfreude

auf, so daß Herr Balthasar seiner Emerentia sagte: »Engel, ös ist

G'fahr vorbei.«

Ein gewaltiges Stück mittelalterlicher Kriegsgeschichte ging mit den

Grafen von Görz an der Stadt vorüber, und hätte sie sonst keinen Ruhm,

so könnte sie auf den Lorbeeren der Vergangenheit ausruhen.

Allein Görz hat eine blühende Gegenwart. Es besitzt am Isonzo eine

beträchtliche Industrie für Mahlprodukte, Spinnerei, Weberei und

Papierbereitung, einen bedeutenden Weinbau und einen lebhaften Handel,

eine Realschule und ein Obergymnasium, wo die italienischen Studenten

deutsche Wissenschaft einsaugen, ein geistliches Zentralseminar, dessen

gutgedrillten Zöglingsscharen und schwarzen Führern man an allen

Ecken der Stadt begegnet, woraus man die Gewähr dafür schöpfen kann,

daß im Küstenland die Milch der frommen Denkungsart nicht ausgeht,

eine Provinzialackerbauschule, in die man keine Coloni schickt, ein

Damenstift und einige Klöster, in welche man die ehe- und weltscheuen

Leute steckt, und einen Fürsterzbischof, der die Stadt segnet.

Görz ist das südliche Pensionopolis Österreichs, die schöne, ruhmreiche

Stadt, wo die küstenländischen und krainischen Beamten und Professoren

im milden Glanz eines wohlverdienten Feierabends ihre Diäten

verzehren, Bier trinken, Zeitungen lesen, über das Wetter plaudern,

aber nicht politisieren; denn das hat ein Österreicher entweder nie

begonnen, oder längst verlernt, wenn er die kaiserliche Pension genießt.

Es ist zur Legende geworden, daß ein Pensionär mit seinen Einkünften

nicht leben und nicht sterben kann; wenn aber ein Fremder von Görz

hinaus gegen den Isonzo wandert, so staunt er über die Villenpracht.

Das frische, kühlende Grün wohlgepflegter Gärten schaut in die

spiegelnden Scheiben; unter großen weitschattenden Bäumen plaudert

die Quelle; Marmorstatuen, wirkliche, wahrhaftige Antike von Aquileja

nicken im dunkeln Lorbeer, und Blumenmosaik schmückt mit leuchtenden

Farben das zarte Grün der Rasenbeete. Da wohnen wohl auch kaiserliche

Pensionäre, nur nicht die legendären, sondern jene, denen der Zufall

der Geburt schon eine Couponschere unter das Wiegenkissen gelegt.

Diese herrlichen Villeggiaturen, denen ich in oberitalienischen

Landen nichts zu vergleichen wüßte, stellen dem Geschmack der reichen

Görzer das beste Zeugnis aus. Was mir an ihnen besser noch als die

Pinienschirme, die Palmenwedel und die Orangerien gefallen, das ist

das Blust unserer nordischen Obstbäume, das im ersten Frühling auf die

Kieswege dieser Gärten niederschneit. Görzisches Obst gilt bei den

italienischen Feinschmeckern als ein Leckerbissen.

Auch der Arme von Görz muß sich nicht begnügen, zu sehen, wie

der Reichen Gärten blühen; denn die Stadt, die nun einmal einen

aufgeweckten Sinn für jedes mütterliche Lächeln der Natur bekundet,

hat einen wunderschönen Volksgarten, nicht nur einen dünnbestockten

Park mit ein paar krummen Wegen, sondern einen echten, wohlgepflegten,

öffentlichen Garten von südlicher Üppigkeit. Wenn sich dazu auf der

Stadtseite desselben der Blumenmarkt entfaltet, dann scheint für Görz

allerdings kein Name passender, als derjenige einer Gartenstadt.

Wer wollte einen südlichen Blumenmarkt beschreiben? Der Name der

Gewächse ist das wenigste; die schweren Düfte, die leuchtenden Farben,

die sich in Worten nicht wiedergeben lassen, schon mehr; das wählende,

prüfende, feilschende Menschenkind, das sein Leben mit Blüten und

Grünem schmücken will, das meiste an seiner Poesie.

Wo die Blumen so herrlich gedeihen, wie in Görz, mußte man mit

Naturnotwendigkeit zu der Frage kommen, ob da nicht auch dem

verwelkenden Menschenkind ein neuer Lenz erblühe, das in den rauhen

Klimaten nicht mehr fortkommen will. Görz ist klimatischer Kurort

und -- was nicht jede aufstrebende Stadt wagen würde -- es stellt

sich gleich neben Nizza. In manchen Dingen hat es das Wesen dazu, vor

allem einen angenehmen, dem nordischen Frühling gleichenden Winter,

der nicht einmal die Einstellung der Feldarbeiten bedingt, einen

gemäßigten Sommer, von dem die reinen, frischen Gebirgswinde die

italienische Schwüle fernhalten, eine herrliche Lage, welche nur wegen

ihrer nackten, grauen Gebirgsrahmen hinter der Schönheit irgend eines

südtirolischen Kurortes zurücksteht.

Jetzt fühlt es indessen die Flut und Ebbe eines zu- und abströmenden

Fremdenkontingents noch nicht stark; der mehrsprachige Verkehr, die

engen gesellschaftlichen Verhältnisse der Kleinstadt, das Bestreben,

sie ganz in ein italienisches Kleid zu stecken, stehen einer raschen

Entwicklung des Touristenverkehrs entgegen; denn wo immer der Mensch

auch zu gesunden suche, verlangt er ein Stück lebhafter Geselligkeit,

und der Deutsche, namentlich der Deutsch-Österreicher, an den sich der

Kurort Görz wendet, ein ungebrochenes, gemütliches Volksleben, das er

eben in der italisierten Stadt vermißt.

Ob sich nun der Traum eines »österreichischen Nizza« realisiere oder

nicht, die gärtenumrahmte kleine Stadt wird jeder ihrer Besucher mit

dem Eindruck lieblicher Schönheit verlassen.

Allein nicht minder freundlich als die Stadt selber steht mir ein

Ausflug in ihre Umgebung, zum Isonzoschlund hinterhalb Salcano und eine

Besteigung des Monte Santo, die ich später einmal unternommen, vor

meinem Gedächtnis.

Ich streifte hinaus zu dem Totenacker von Görz und weiter gegen jenen

nackten Felsenrücken, auf dem das Kirchenkastell des Monte Santo steht.

Dann kam ich nach Salcano. Es ist eine kleine Ortschaft von 1400

Einwohnern, mit zum Teil sehr alten, ansehnlichen Häusern, die sich am

linken Ufer des Isonzo aufreihen, der hier perlend und wogend aus einer

Gebirgsklause heraustritt.

Salcano ist die Mutter von Görz. Als dieses selber noch nicht in die

Geschichte eingetreten war, blühte hier um die Wende des Jahrtausends

ein Grafengeschlecht, das seine Burg auf den jetzigen Kastellhügel von

Görz verlegte und damit Gründer der Stadt Görz geworden ist.

Es geht so im Leben; die Tochter wächst der Mutter über das Haupt. Görz

ist eine Stadt geworden, Salcano ein Dorf geblieben. Die Ritterlichkeit

ist vergangen, die Naturherrlichkeit geblieben; denn hinterhalb Salcano

schäumt der prächtige, hellblaue Isonzo zwischen den steilen Halden

des Monte Santo und einem mit verbogenen Schichten aufragenden Vorberg

durch einen Engpaß, wie im Bündnerland der junge Rhein.

Wo man die Schlucht und den tosenden Bergstrom am schönsten überschaut,

beginnt die Straße auf den Monte Santo. In einem Uferfelsen, zur

Rechten des aufsteigenden Wanderers ist eine Gedenktafel zu Ehren

ihres Erbauers, eines Herrn Joseph Koller, eingelassen, der sie in

zierlichen, immer weiter gegen Süden als gegen Norden auslangenden

Zickzacklinien sanft und sachte an der vegetationsarmen, klippigen

Berglehne emporgezogen hat, so daß es eine wirkliche Kunststraße ist.

Der Monte Santo ist kein Riese. Er hat die mäßige Seehöhe von 645

Metern; aber sein breiter, wenig entwickelter Felsrücken ragt immerhin

achtmal höher als der herrliche Campanile von Aquileja über die

Tiefebene empor. Diese liegt bei Salcano erst 85 Meter über Meer und so

ist er denn doch eine stattliche Bergerscheinung.

Es war bereits Nachmittag, als ich von Görz her an den Fuß des Berges

gelangte. Nur der Vorsatz, das Isonzodefile zu sehen, hatte mich hieher

geleitet; aber nun wurde der Bergfex in mir lebendig, und das hat mich

nicht gereut.

Ich benützte nur zum kleinern Teil die bequeme Straße des Herrn Joseph

Koller, sondern klomm die alten rauhen Pilgerpfade von Kapelle zu

Kapelle höher hinan.

Die erste erhebt sich auf einer starken, nördlichen Gratsenke des

Berges, von der aus man zugleich in den romantischen Talkessel

von Salcano und in eine westliche Gebirgsmulde blickt, wo ein

Slavendörfchen in steiniger Gebirgseinsamkeit liegt. Vor der zweiten

lag ein Pilgrim auf den Knieen und betete seinen Rosenkranz. Es mußte

ihn beleidigen, daß ich nicht das gleiche tat; denn er warf mir, als

ich vorüberschritt, einen sehr zornmütigen Blick zu.

Das böse Auge des Mannes gab mir zu denken. Hinter seinem Beten und

meinem Wandern lag ja eigentlich die nämliche Idee: Unser armes Sein

ein Weilchen von uns ab in den Schoß einer guten, großen Mutter zu

legen. Nur hatten wir unser Vertrauen zwei verschiedenen Müttern

zugewandt; er der schmerzenreichen, die einen Gott gebar und dafür in

den Himmel kam, ich der Natur, die aus Staub nur Staub geschaffen und

auf der Erde hat bleiben müssen.

Ich dachte, ich stieg und kam zur letzten Kapelle. Da holte ich einen

zweiten Wanderer ein, der lesend fürbaß ging. Als ich eben grüßend an

ihm vorübergehen wollte, schaute er auf und rief mir ein lächelndes

»~Chi va piano, va sano~« zu.

Das war der Anfang unserer Unterhaltung -- und je länger ich mit ihm

redete, desto merkwürdiger wurde mir der Mann; aber das Merkwürdigste

an ihm war seine Lektüre: »Lienhard und Gertrud.«

Es tut immer wohl, wenn man die Schriftsteller der eigenen Nation von

Fremden gelesen sieht; ich konnte meine freudige Überraschung nicht

verbergen; sie zwang mich, dem kleinen, klug dreinblickenden Mann mit

den Augengläsern zu sagen, daß der berühmte Verfasser des Buches mein

Landsmann sei.

Da trat er einen Augenblick prüfend vor mich hin. »Sie sind Schweizer!«

sagte er und ergriff meine beiden Hände. »Jetzt lasse ich Sie nicht

gleich wieder los. Bitte erzählen Sie mir von Ihrem schönen Land,

seinen herrlichen Bergen, seinem glücklichen Volk, seinen freien

Institutionen.«

Die Begeisterung des slavischen Lehrers nötigte mir ein Lächeln ab;

aber ich fühlte, daß ein Ernst hinter seinen Worten liege, und wer

plaudert nicht gern vom Heimatland? Plaudernd kamen wir auf den

Gipfel, zu dem weitläufigen ehemaligen Franziskanerkloster, setzten

uns vor der Pilgerherberge zum Abendtrunk und schauten aus auf das im

Nachmittagsschein vor uns liegende Land, die Berge und das ferne Meer.

Der Monte Santo ist ein südösterreichischer Rigi. Wunderhübsch ist

der Blick auf die Stadt Görz und den hinter ihr liegenden Coglio,

ein reizendes Hügelland, auf dessen Höhen weißschimmernde Kirchen

und Dörfer stehen. Darüberhin ragt im fernsten Osten der Krainer

Schneeberg, der zwar keinen Firn und keinen Gletscher, aber doch

bis weit in den Sommer hinein eine glitzernde Schneekrone trägt.

Von ihm aus ziehen sich in weiten Rundbogen, über die tannendunkeln

Höhen des Birnbaumer- und Tarnovanerwaldes aufgebaut, die zerrissenen

Gebirgsmauern und Kalkzinken der julischen und karnischen Alpen

gegen Nordwesten. Aus dem Chaos der Spitzen hebt sich östlich der

wildabstürzende Nanos, im Norden der Triglav, der scharfgezeichnete

Krn, und, durch das tief eingeschnittene Isonzotal davon getrennt,

der Monte Canin, der massige Rücken des Monte Matajur und dahinter

eine Menge fernblauender Häupter, die den italienischen oder gar den

tirolischen Alpen angehören.

Dann weichen die Gebirge weit zurück und der Blick taucht in die

venetianische Tiefebene. Im Süden dämmern der Campanile von Aquileja,

die Lagune von Grado und der bleiche Schimmer der offenen See, im

Südosten der Golf von Monfalcone, jenseits desselben eine matte Helle,

die Stadt Triest, ein dunkler Wall, der Küstenhang von Istrien, der

sanft im Horizont erstirbt.

Wer daheim an jedem schönen Tag die Hochalpen vor Augen hat, der weiß

mit den Kalkalpen nicht viel anzufangen. Ich schilderte meinem Slaven

einen Morgen auf der Wengernalp, den Blick auf Jungfrau und Silberhorn,

den steten Fall der Lawinen, die vor dem Beobachter donnernd ins

Trümmletental niederstäuben. Da fing der gute Mensch an zu seufzen: »O

nur einmal, einmal in die Schweiz! Allein es ist unmöglich.«

Er malte mir Grau in Grau ein Bild des Lehrerlebens in einem slavischen

Dörfchen, die Armut bei einer Besoldung von 200 Gulden im Anfang und

bei einer wenig größern in den spätern Jahren, die Schulfeindlichkeit

der Grundbesitzer, das Vorurteil der Bauern gegen den Lehrer und

ihren tiefen Haß gegen den Schulzwang, die Laxheit der Behörden in

der Durchführung der Gesetze: kurz die ganze Leidensgeschichte eines

Streiters für die Bildung an einem Ort, wo er der einzige ist, der

dafür kämpft.

»Ich bin«, sagte er, »keiner der ärmsten, denn ich habe meinen

allerdings kleinen Einkünften etwas väterliches Vermögen zuzusetzen;

aber für eine Schweizerreise ...« Er starrte melancholisch vor sich hin.

Wir waren bereits zu lange gesessen; ich stand auf und wollte von dem

Lehrer Abschied nehmen.

»So wollen wir nicht scheiden, mein Herr«, sagte er; »ich dachte mir

zwar auf dem Monte Santo zu bleiben, allein ich werde Sie ein Stück

Weges begleiten.«

Meine Bitte, sich nicht zu bemühen, war erfolglos. Wir schritten wie

zwei alte Freunde plaudernd bergabwärts. Da begegnete uns jener hohe,

hagere Pilgersmann, den ich vor der untersten Kapelle hatte knieen

sehen und der, Gebete vor sich hinmurmelnd, hinkend bergaufwärts ging.

»Wissen Sie, warum der arme Mann so schlecht geht?« fragte mein

Begleiter. »Die Pilgrime, die auf den Monte Santo wallfahren, pflegen

in ihre Schuhe einzelne Bohnen zu legen, die beim Gehen große Schmerzen

verursachen. Sie glauben dann von der Gottesmutter eher erhört zu

werden.«

Als ich das vernahm, hatte ich dem Pilger seinen bösen Blick schon

verziehen.

Bei der untersten Kapelle schied ich von dem slavischen Lehrer.

»Lienhard und Gertrud«, sagte er, »ist eines der wenigen deutschen

Bücher, die ich besitze; aber ich werde nie darauf zurückkommen, ohne

mit lebhaftem Vergnügen mich der schönen Stunde zu erinnern, die mir an

Ihrer Seite beschieden war. Grüßen Sie mir die Schweiz!«

Er wandte sich gebirgseinwärts, ich auswärts. Der nächste Augenblick

hatte den einen dem Blick des andern entzogen.

Als ich wieder in Salcano ankam, lag der Abendsonnenschein auf den

Klostermauern von Monte Santo. Unterhalb der Ortschaft steigt man auf

hohem, steilem Uferbord zu einer Fähre des Isonzo hinab. Da ließ ich

mich über den herrlichen, hellblauen Fluß ans rechte Ufer hinüberstoßen.

Ein braunes, italienisches Mädchen saß mit mir im Kahn und wies mir

den Weg hinauf nach dem Schlosse San Mauro, das als hübsche Villa

über dem waldigen Ufer steht. Es war ein genußreiches Wandern durch

jungbelaubten Buchenwald, als ich im Abendschein, hoch über dem Fluß,

an einem Slavendörfchen vorbei, talabwärts schritt. Das Wellenspiel des

Isonzo, der hier in einem tiefen Bette strömt, mahnte mich an den Rhein

unterhalb seines Falles.

Eine Brücke führt in der Nähe von Görz darüber hin. Im Dunkel des

Abends schritt ich darüber; ich dachte an den Pilger mit den Bohnen in

den Schuhen, an den slavischen Lehrer, an mein Heimatland, ich dachte

an so vieles; wer wollte gedankenlos wandern zur Frühlingszeit!

Man hat -- ich kehre hier zu jener ersten Wagentour, die wir nach

Görz unternommen, zurück -- die interessanten Gebäude der Stadt bald

gesehen, und der Liebreiz ihrer Gärten prägt sich rasch in den Sinn des

Wanderers. Wir verließen es also am Spätnachmittag und fuhren hinaus

gegen den langen, prächtigen Viadukt, mit dem die Linie Venedig-Triest

das Tal des Isonzo überspannt. Jenseits desselben gelangten wir über

den Fluß in die offene venetianische Tiefebene hinaus, zu der die

Landschaft von Görz sich wie eine hügelumschlossene Bucht verhält.

Am Ausgang dieses Tieflandwinkels liegt die Ortschaft Mainizza.

Hier stießen im Jahr 489 die beiden gewaltigen Recken der deutschen

Heldensage, der Herulerfürst Odoaker, der den letzten der römischen

Schattenkönige, den Romulus Augustulus, vom weströmischen Kaiserthrone

verjagt und selbst die Zügel des verrotteten Reiches ergriffen hatte,

und der Ostgotenkönig Theodorich in furchtbarer Schlacht zusammen. Hier

war es, wo der Stern des ersten germanischen Kaisers auf römischem

Thron ins Sinken kam. Im folgenden Jahr wurde er an der Adda wieder

geschlagen, im Jahre 493 von Theodorich in Ravenna belagert und zuletzt

durch dessen eigene Hand niedergestoßen.

Gegenüber Mainizza grüßt wieder das prächtige Schloß Rubbia mit

blühendem Park, und zwischen beiden fällt die schleichende, trübe

Wippach in den lichten Isonzo.

Eine undurchdringliche Staubwolke lag stets hinter unserm Wagen; denn

im Brand der italienischen Sonne hatten sich die furlanischen Straßen

handtief in Staub aufgelöst, der das Wandern der Fußgänger unerträglich

machte. Im Wagen litten wir weniger davon, und die Fahrt längs der

letzten Karstausläufer bis zu dem Städtchen Gradiska war in der

Abendkühle ein hoher Genuß.

Dieses Städtchen, das im Jahr 1473 von den Venetianern zum Schutz gegen

die Türken gegründet wurde, war von der Mitte des siebzehnten bis in

den Anfang des achtzehnten Jahrhunderts hinein der Sitz einer kleinen

Grafschaft. Jetzt ist sie mit derjenigen von Görz unter dem Namen der

»gefürsteten Grafschaft Görz und Gradiska« zu einem selbständigen

Kronland der österreichischen Monarchie vereinigt, das in Görz seinen

Landtag hat.

Im Osten des Städtchens, das aus wenigen Häuserreihen besteht und

nur 1500 Einwohner zählt, sind noch achtunggebietende Reste der

venetianischen Festungswerke, eine düstere Stadtmauer mit zwei

ungemein festen Bastionen und einem dunkeln, engen Tor. Die früher

davor liegenden Außenwerke sind im Laufe dieses Jahrhunderts einem

ungewöhnlich großen, öffentlichen Platze gewichen, der mit seinem

angenehmen Kastanienschatten und seiner hübschen Rotunde nicht nur dem

kleinen Gradiska, sondern mancher größern Stadt wohl anstehen würde.

Auf der andern Seite des Städtchens steht hart am Isonzo ein großes,

weithin sichtbares Gebäude, das zu einer Strafanstalt für schwere

Verbrecher umgebaute Schloß, dessen jetzigen Insassen wenigstens

ein Schönes von der Welt geblieben ist: ein entzückender Blick ins

südösterreichische und italienische Gebirge.

Ferien an der Adria: Bilder aus Süd-Österreich · 第 2 / 11 段