Anmerkungen zur Transkription
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Im Original in Antiqua gesetzter Text ist ~so ausgezeichnet~.
Im Original gesperrter Text ist +so ausgezeichnet+.
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Buches.
Ferien an der Adria
Bilder aus Süd-Österreich
von
J. C. Heer
4.--8. Tausend
Frauenfeld und Leipzig 1918
Verlag von Huber & Co.
Den Einband zeichnete Otto Baumberger, Zürich
~Copyright 1918 by Huber & Co., Frauenfeld~
Druck von Huber & Co. in Frauenfeld
Vorwort zur dritten Auflage
1887--1917. Dreißig Jahre sind es her, seit ich als junger Mann die
»Ferien an der Adria«, mein erstes Buch schrieb. Dem Werklein war
ein stiller Lebenslauf beschieden; denn die Landschaften, von denen
es handelt, lagen nicht an den großen Straßen der Welt, etwa Triest
ausgenommen. Zwanzig Jahre waren notwendig, daß sich die erste Auflage
erledigte, und als ich 1907 die zweite zeichnete, war ich überzeugt,
daß es zugleich die letzte sein und das Werklein der Jugend in den
Schoß milder Vergessenheit fallen würde. Das wäre der natürliche
Verlauf eines Buchschicksals gewesen, das nie auf große Wirksamkeit
angelegt war.
Nun haben es die Zeiten anders entschieden, und furchtbar schwere
Träume, die schon in den achtziger Jahren über den schweigenden Fluren
des Friauls lagen, haben sich erfüllt, das nur halblaute Flüsterwort
der Bevölkerung: »Um unsere Dörfer und Städte, um unsere Felder und
unser Meer wird zwischen Italien und Oesterreich noch einmal ein
entsetzlicher Krieg geführt werden.« Wie ein Alpdruck lag schon damals
die Furcht davor über jedermann.
Nun haben sich die alten bösen Ahnungen erfüllt, und schauderhaft ist
der Krieg während drei Jahren über das blaue Band des Isonzo hin und
her gestampft, Ebene wie Berge jener Gegenden haben unermeßlich das
Blut der kämpfenden Hunderttausende getrunken. Wo ist die Lieblichkeit
von Görz, der Friede der Lagunen, der düsterschwere Schönheitstraum von
Duino? So weit die Berichte zu uns in die Schweiz dringen, überall nur
Trümmer.
Wir Schriftsteller haben wahrlich keinen Anlaß, dem Krieg ein Loblied
zu singen. Nicht einmal wir Neutralen. ~Inter bellum musae silent.~
Wie viele schöne Arbeitsstunden blieben unter dem Druck des großen
Völkerkrieges unfruchtbar; wie manche Werke müssen ungedruckt im
Pult liegen! Die furchtbaren Ereignisse aber, die sich im Friaul
abspielten, haben da und dort noch einmal die Neugier derer, die dem
italienisch-österreichischen Krieg mit Spannung folgen, auf meine
halbvergessenen Schilderungen »Ferien an der Adria« gelenkt. So
können sie im Gegensatz zu manchem Buch, dem der Krieg den Lebenslauf
bedenklich schmälert, noch einmal in neuer Auflage erscheinen, was mich
für meinen Erstling immerhin erfreut.
Ein Geständnis aber an die Leser. Das Buch erscheint genau, wie es vor
dreißig Jahren geschrieben worden ist, obgleich auch im Küstenland
die Zeit nicht ohne Entwicklung vorübergegangen ist; namentlich hat
sich ja inzwischen Triest wundervoll entfaltet und verdiente ein neues
Kapitel der Schilderung. Es fehlen mir aber für dieses die Unterlagen
eines neuern Besuches an der Adria, und jetzt im Krieg läßt sich ein
solcher doch nicht leicht nachholen. Von Triest aber abgesehen dürften
die Schilderungen im wesentlichen noch stimmen, das Landschaftliche
voran. Dazu trage ich ein weiteres Bedenken gegen eine Umarbeitung
des Werkleins. Wenn es auch keine hohen literarischen Ansprüche
erhebt, so ist es doch aus empfänglichster jugendlicher Wanderstimmung
geschrieben, die ich nach so viel Jahren nicht mit dem Stil des
Alternden durchbrechen mag; mir ist, ein Jugendwerk ehrt man am besten,
indem man es bestehen läßt, wie es ist. Damit mögen sich auch die Leser
zufrieden geben.
Die neue Auflage aber kann ich nicht einleiten, ohne dem Volk der darin
geschilderten Gegenden mein herzliches Mitleid auszusprechen mit den
furchtbaren Erlebnissen, die es selber erfahren hat oder deren Zeuge
es gewesen ist. Möge dies- und jenseits des blauen Isonzo nach dem
Schrecken der Schlachten bald wieder die gesegnete Stille einkehren, in
der das Leben des Volkes am besten gedeiht, mögen die Wunden harschen,
die Dörfer und Städte in neuer Blüte auferstehen und die Wellen der
Adria wieder ein Land küssen, das sich nach Jahren tiefster Prüfung
des süßen Friedens erfreut. Friede den Völkern -- das ist mir mehr
Herzenssache, als daß dieses Büchlein aus Kriegsgründen noch einmal
flüchtige Tagesbedeutung gewinnt.
Weihnacht 1917.
J. C. Heer.
Inhaltsübersicht
Seite
Im Friaul 1
Venedig. -- Abendfahrt. -- Monfalcone. -- Meer und
Tiefland. -- Ein Garten. -- Die Piazza grande. --
Der Markt. -- Leben und Lieben. -- Nord und Süd. --
Ein Original. -- Sein Hausregiment. -- Der Maler.
-- Die Volksschule. -- Am Hafen. -- Die Fischer. --
Ein Strandgebiet. -- Die Malaria. -- Die Campagnen.
-- Der Isonzo. -- Die bäuerliche Wirtschaft. --
Furlanische Dörfer. -- Italiener und Slovenen.
-- Die Karstlandschaft. -- Eine Taubenhöhle. --
Verlorene Wasser.
Österreichisch Nizza 27
Eine Wagenfahrt. -- Görz. -- Völker und Sprachen.
-- Ein mittelalterliches Idyll. -- Industrie. --
Die Villen. -- Der Kurort. -- Ein Ausflug. --
Der Monte Santo. -- Wallfahrer. -- Lienhard und
Gertrud. -- Aussicht. -- Bohnen in den Schuhen. --
Am Isonzo. -- In der Ebene. -- Gradiska. -- Ein
Plan.
Aquileja 45
Die Gründung. -- Die Blüte. -- Leben und Treiben.
-- Der Untergang. -- Alte Lebensfasern. --
Fundgegenstände. -- Ein Stall. -- Das moderne
Aquileja. -- Rückblick. -- Die ungetreuen
Frauen. -- Die Erbin. -- Eine Auferstehung. --
Der Pozzo d'oro. -- Ein Wirrsal. -- Signore
Moschettini. -- Das Museum. -- Skulpturen. --
Grabsteine. -- Anticaglien. -- Neujahrslampen.
-- Ziegelinschriften. -- Der Campanile. -- Die
Patriarchen. -- Der Dom. -- Die Krypta. -- Ein
urchristliches Taufbecken. -- Die Aussicht.
Lagune von Grado 73
Die Düne. -- Ebbe und Flut. -- Lagunenfahrt.
-- Säkuläre Senkungen. -- Schöne Pläne. --
Gradonesische Fischer. -- Indolenz. -- Ein Asyl. --
Das Städtchen Grado. -- Badeleben. -- Inselgrün. --
Die steigende Flut. -- Südliche Nacht.
Im Frühling von Miramare 87
Ein Badeort im Sumpfe. -- Der kürzeste Strom
Europas. -- Naturrätsel. -- »Es stand in alten
Zeiten ...« -- Duino. -- Meerbilder. -- Die
Dolinen. -- Slavische Dörfer. -- An der Küste. --
Die Gärten von Miramare. -- Erzherzog Max. -- Das
Trauerspiel von Mexiko. -- Der Kaiser. -- Charlotte
von Belgien. -- Das Ende. -- Ein Gang durchs
Schloß. -- Auf der Balustrade. -- Ave Maria.
Triest 106
An den Quais. -- Der Hafen. -- Der Leuchtturm.
-- Ausblick. -- Schiffer und Arbeiter. -- Der
Fischmarkt. -- Meerspinnen und Muscheln. -- Die
Stadt. -- Denkmäler. -- Die Einwohnerschaft. --
Gegensätze. -- Antikes. -- Winckelmann. -- Beim
Antiquar. -- Das Arsenal. -- Der Schiffsbau. --
Seeleute. -- Ein Maschinist.
Die Küste von Istrien 125
Meerfahrt. -- Capo d'Istria. -- Pirano. -- Das
Volksleben. -- Schöne Frauen. -- Die Salzgärten. --
Die Punta Salvore. -- Spielende Delphine. -- Der
Name Istrien. -- Der kleine Antiquar. -- Parenzo.
-- Eine Schweiz im Wasser. -- Felsen und Riffe. --
Rovigno. -- Schiffersagen. -- Die Bucht von Pola.
Im Kriegshafen von Österreich-Ungarn 143
Das Seearsenal. -- Schiffsmodelle. -- Trophäen und
Standarten. -- Die Magazine. -- Die Riesen des
Alpenwaldes. -- Werften und Docks. -- Das Stadtbild
von Pola. -- Chidher, der ewig junge. -- Römische
Denkmäler. -- Die Arena. -- Eine Überraschung.
-- Arme Leutchen. -- Im Mondschein. -- Aus der
Schenke. -- Ein Nachtspaziergang. -- Sonnenaufgang.
-- ~La poveretta.~ -- Der Scirocco. -- ~Mal di
mare.~
Der Karst und die Grotte von Adelsberg 163
Osterfahrt. -- Die Karstgewässer. -- Äcker und
Weiden. -- Die Bora. -- Der Wald. -- Aufforstungen.
-- Adelsberg. -- Am Grottentor. -- Die Grotte.
-- Der große Dom. -- Der Höhlenfluß. -- Die
Geschichte der Grotte. -- Die Tropfsteinbildungen.
-- Der Tartarus. -- Geheimnisvolle Bildwerke. --
Festliches Leben. -- Unerforschte Gänge. -- Zum
Kalvarienberg. -- An die Sonne.
[Illustration]
Im Friaul.
Als der Schnee schon in die Berge zurückgewichen war, Lenzsonnenschein
auf den Höhen, junge Wanderlust im Herzen lag, da brachte mir eine
Briefschwalbe aus dem Süden unerwartete Botschaft: eine herzliche
Einladung meines Onkel -- Direktor Johannes Heers in Monfalcone -- zu
einem längeren Aufenthalte am Golfe von Triest.
Ich las das freundliche Schreiben und jenes stille Heimweh nach
dem sonnigen Süden, das Goethe mit seinen Mignon-Liedern uns
Nordlandssöhnen nun einmal in die Brust gedichtet hat, brach durch; die
schöne Süderde stand verführerisch vor meiner Seele: »Du hast Ferien,
Junge, du hast etwas Kleingeld, du hast vor Jahren eine italienische
Schulgrammatik durchgearbeitet, es fehlt dir nicht an Wandermut,
geh und sieh dir den Garten unter den südlichen Alpenkämmen, die
lombardischen Städte, die Meerkönigin, das wundersame Venedig, an und
halte dann Wanderrast in Monfalcone, der kleinen Stadt am Golfrund von
Triest.«
Vierzehn Tage später flog ich durch den Gotthardtunnel. In Lugano und
auf seinem herrlichen See bot ich im Geist Willkomm dem Lande ewigen
Lenzes und sonniger Kunst, dem Land dunkler Weine und dunkler Frauen;
in Lecco, wo die »~Promessi sposi~« in Liebesträumen gewandelt, fing
ich an zu wandern die Kreuz und die Quer; in Verona ließ ich mir den
Palast der Capulet und hinter einem Krautgarten das legendäre Grabmal
Juliens zeigen, und vierzehn Tage nach meiner Abreise stand ich auf dem
Markusplatz zu Venedig.
»~La mia bella Venezia!~« Es war am dritten Tag meines dortigen
Aufenthaltes, das schöne Venedig hatte mich gewaltig reisemüde gemacht,
und ein feiner, trostloser Regen rieselte in die Lagune; da war mir die
märchenschöne Stadt in tiefster Seele verleidet. Wenn man sie im Glanz
des vollen Mondes gesehen hat, gibt's nichts Traurigeres, als Venedig
bei Regenwetter; es ist dann wirklich nichts mehr als die Totenstadt
der erschlagenen Republik.
Ich atmete auf, als der Nachmittagszug Venedig-Triest die lange Brücke
gegen Mestre hinüberdonnerte; ich hatte sogar nicht viel dagegen, daß
in Treviso eine italienische Arbeiterkolonie, die hinaus nach Graz oder
Wien wollte, lärmend und singend den Rest der Plätze besetzte und mich
mit ihren Reisesäcken einpferchte. Der Regen floß in Strömen auf die im
ersten, zarten Laubkleid prangende Tiefebene des östlichen Venetiens.
Als wir ein paar Stunden gefahren, hielt der Zug plötzlich im freien
Feld still; der Lärm der Italiener wurde noch größer; so viele Köpfe
als unter den Wagenfenstern Platz hatten, reckten sich in den Regen
hinaus. »~Addio, carissima patria, addio, addio!~« schrien die braunen
Männer, schwenkten ihre roten Sacktücher, und ein blutjunger Bursche,
der zum erstenmal von Vater und Mutter gegangen, zerdrückte eine Träne
im Auge.
Wir standen auf der Brücke des Judrio, auf der diesseitigen Grenztafel
war das italienische Kreuz, auf der jenseitigen der österreichische
Doppeladler.
Eine Minute Halt, als Reverenz gegen die habsburgische Monarchie -- die
Lokomotive schrillte, und ein Weilchen später waren wir in Cormons.
Wagenwechsel -- Gepäckrevision -- dann sank melancholisch die Nacht
herein; die Italiener wurden stiller und stiller; der Zug brauste die
öden Hügellehnen, welche die julischen Alpen als Brustwehr gegen die
Tiefebene hinausstellen, entlang und donnerte über die Isonzobrücke,
während bergeinwärts ein Lichtfunkeln im Tal die Lage der Stadt Görz
verriet.
Der Schaffner schrie sein schnarrendes »Gorizia« -- dann
»Rubbia-Savogna -- Zagrado -- Ronchi« und endlich -- meine Ungeduld war
aufs höchste gestiegen -- »Monfalcone«!
Als ich ausstieg, schloß mich ein hochgewachsener Mann mit einem großen
schwarzen Bart in seine Arme. Das war mein Onkel, und die vier Kinder,
die sich an mich drängten, sein blühender Nachwuchs.
Das Direktionshaus der erst vor wenigen Jahren gegründeten großen
Baumwollspinnerei im Osten des Städtchens war mir nun während drei
Monaten freundliches Asyl, wo ich herzliche Gastfreundschaft genoß.
Ich war frei und von jeher kein Stubenmensch; ich suchte von Land und
Volk so viel zu erfassen, als in der kurzen Frist möglich war. Hier
die Eindrücke, mit denen mich das sonnige Meer, das üppige Tiefland,
die grottendurchwühlten Berge, das italienische Volksleben, die mehr
als zweitausendjährige Geschichte des österreichischen Südens gefesselt
haben.
* * * * *
»Du kleine Stadt, du weites Land, du blinkendes Meer, grüß euch Gott.
Hier ist gute Wanderrast!«
Als ich's rief -- oder vielmehr war's nur ein halblauter Gedanke
-- stand ich auf einem jener steinigen Hügelrücken, welche vom
innersten Winkel der Adria bis nach Görz und noch ein Stück weiter
die nordadriatische Tiefebene begleiten. Ein klarer, wundervoller
Morgen, wie ich während meines Aufenthaltes im Küstenland noch manchen,
aber keinen schönern erlebt, lag über der regennassen Erde, die im
Sonnenschein lächelte, wie ein Kind, dem noch die Tränen an den Wangen
perlen.
Mir zu Füßen lag, von West nach Ost, die kleine Stadt, und von dem
großen, viereckigen Platz in ihrer Mitte tönte der Lärm des südlichen
Marktes; allein nicht Stadt, nicht Markt fesselten mich; mein erster
Blick war gebannt von jenem lieblichen Stück des »alten, heil'gen,
ew'gen Meers«, welches bis gegen das Städtchen hin vordringt.
Das ist der Golf von Monfalcone, der innerste Busen der Adria. An
seiner felsenstarrenden Ostküste stehen die herrlichen Schlösser Duino
und Miramare, weiter nach Süden, wo sich der Golf zur offenen See
ausweitet, schimmert Triest an grünen Uferhügeln, und die dunkeln
Küsten Istriens grüßen mit ihren blinkenden Hafenpunkten meerherüber.
Dem Zauber des Meeres entzieht sich kein Sohn des Binnenlandes; denn
es liegt etwas unendlich Träumerisches, Auflösendes im Anblick seiner
ruhsamen, azurenen Flut, und immer wieder kehrt der Blick zu seinem
sonnigverklärten Blau zurück.
Allein kaum weniger mächtig reizte mich gebirgsgewohnten Mann die
Ausschau auf die im Süden und Südosten sich unübersehbar dehnende,
von keiner Erdwelle durchsetzte Ebene des untern Friauls, aus deren
frühlingszartem Grün, wohin ich blickte, graziöse Kirchtürme gegen
den tiefblauen Südhimmel aufstiegen. Am Horizonte dämmerte, zugleich
Grabmonument einer der größten Römerstädte und weithin sichtbares
Wahrzeichen des Friauls, der Campanile von Aquileja, der acht
Jahrhunderte kommen und gehen sah.
Meer und Tiefland sind schön durch ihre ahnungsvolle, träumerische
Einförmigkeit; doch ebenso schön sind die Berge. In den wilden Häuptern
der Alpen ist nichts Gleichartiges, da liegt in jeder Falte, in jeder
Linie ein origineller Gedanke, wie ihn die geniale Natur gefaßt und zu
Stein verhärtet hat.
Die julischen Alpen sind zwar keine Schweizerberge, dafür fehlen ihnen
die ewigen Firnen und die donnernden Gletscher, doch tragen sie bis
weit in den Sommer hinein den Hermelin des Winters; sie stehen über
den Hügeln des Karsts und den Fichtenwäldern des Tarnovanerwalds als
achtungfordernde Pioniere nordischer Herrlichkeit und sind ein Schmuck
der nördlichen Adria, gegen welchen die Südgestade dieses Meeres nichts
zu vergleichen haben.
Auf der höchsten Erhebung des Karstrückens, den ich erklommen, steht
eine Ruine, ein runder Turm auf einem breitern, runden Grundbau. Das
ist die Rocca von Monfalcone, die älteste Burg des Küstenlandes.
Die Geschichte kennt nicht Ursprung, nicht Schicksal; die dichtende
Sage aber verknüpft ihren Namen mit demjenigen Theodorichs, des
Ostgotenkönigs. Ich kletterte über die äußere Mauerbrüstung und
durchstöberte das einzige Gelaß der Burg; allein im Halbdunkel war
außer vielem Schutt und einigen morschen Knochen nichts zu entdecken.
Das war mein erster Spaziergang in Monfalcone, und nachmals bin ich
noch oft auf die Höhe gewandert, um auszuschauen in die sonnigen
Weiten; doch mein Lieblingsplätzchen wurde ein in der Nähe unseres
Wohnhauses an den Hügel sich lehnender Garten, der früher einem Grafen
Asquini gehörte, jetzt aber vernachlässigt ist. Da blühen ungehegt und
ungepflegt Mandel- und Olivenbaum; Weinreben und Rosen ranken sich um
die Stämme breitschirmiger Pinien, und im ungehindert wuchernden Grün
stehen feierliche Zypressen. Mitten in die Romantik dieser Wildnis,
in ein blühendes Lorbeerwäldchen, ließ ich mir ein Tischchen setzen.
Da las ich in den Morgenstunden meinen Goethe, und er liest sich noch
einmal so schön in dem ihm geistig heimischen Land.
Manch eine Frucht seiner tiefen, geläuterten Lebensanschauung, um die
ich im Norden vergebens rang, senkte sich unter dem grünen Laubdach
leicht und zwangslos in die Seele.
Dann wanderte ich hinunter in die Stadt, von der ich gerne viel Schönes
und Interessantes schreiben würde; doch ist Monfalcone nicht anders als
irgend eine italienische Kleinstadt der Lombardei oder der Toskana.
Vor mancher andern zeichnet sie sich durch eine gewisse Reinlichkeit
vorteilhaft aus, obwohl sich noch italienischer Absonderlichkeiten
genug vor den Blick des Fremden drängen.
Die alten römischen Städte hatten ihr Forum, die neuen italienischen,
auch die kleinsten, wollen nicht ohne ihre »Piazza grande« sein. Auf
derjenigen von Monfalcone steht, vielleicht in Nachahmung der drei
Mastbäume auf dem Markusplatz zu Venedig, eine hohe Stange mit dem
Wappentier der Stadt, dem Falken, auf der Spitze.
Es erinnert daran, daß die Burg, jene verwitterte Rocca, im
Mittelalter, als von der Longobardenzeit her noch ein deutscher
Adel über die Gegend herrschte, die »Falkenburg« hieß. Ihren
ins Italienische übersetzten Namen hat dann mit dem Emporkommen
italienischer Volkselemente das Städtchen selber angenommen, während
sein ursprünglicher deutscher -- Neuenmarkt -- in Vergessenheit geriet.
Einige Gebäude unter dem Häuserviereck, welches die Piazza grande
umschließt, sehen recht gedeihlich aus. Der schönste Schmuck des
Platzes indes ist das in schlichtem Tempelstil gehaltene Stadthaus mit
einem daran stoßenden kleinen Park.
Das Kasino im Erdgeschoß des Gebäudes und die Vortreppe desselben
bilden den Sammelort der vornehmen Welt von Monfalcone, doch beschränkt
sich diese auf einige reiche Grundbesitzer, einige Rittmeister außer
Diensten, einige Handelsleute und ein paar kleine Rentiers.
Auf der Piazza entfaltete sich in den Morgenstunden ein lebhafter
Markt, besonders stellen sich die Karstbauern mit ihren Fuhren von
Wurzelwerk und Staudenholz ein; denn der Holzbedarf einer furlanischen
Städterfamilie wird entweder täglich oder wöchentlich, selten aber
durch große Einkäufe gedeckt. Der Mangel an diesem so unentbehrlichen
Feuerungsmaterial ist fühlbar, die Qualität des Holzes sehr gering,
da es fast ausnahmslos aus zehn- oder zwanzigjährigem Niederwald
stammt. Längs des Stadthausparkes sind die Stände des Fischmarktes;
doch kommen in Monfalcone selber nur die geringsten Sorten der
Seeflosser, am häufigsten der Tintenfisch und der Aal, zum Verkauf; die
schmackhafteren wandern fast alle auf binnenländische Märkte, besonders
nach Wien.
Östlich von der Piazza liegt der Kern des Städtchens, ein
Viereck älterer Gebäude. Aus der Mitte steigt der Campanile der
Parochialkirche, ein zierlicher Bau, dessen achteckiger Helm von acht
Säulen getragen wird. Vier schöne Glocken schimmern zwischen denselben
durch.
Ich war entzückt, als ich das reine volle Geläute zum erstenmal hörte,
allein es hat den Fehler eines Plauderers: man hört es zu viel;
es ist keine Stunde in der Morgenfrühe, keine im Tag und keine am
Spätabend, wo nicht Glockenklänge über das Städtchen hallen. Dazu
hat der Italiener eine bewundernswerte Virtuosität, Mannigfaltigkeit
in die Tonregister des Geläutes zu bringen, eine Virtuosität, die in
abgebrochenen kurzen Klängen und in wimmerndem Gebimmel das Höchste
leistet.
Nur in der Charwoche, wenn die katholische Christenheit auch den
Bilderschmuck ihrer Kirchen mit Tüchern verhängt, blieben, ein hübsches
Sinnbild der Trauer, die Glocken stumm. Selbst der Stundenschlag hörte
auf; aber an seine Stelle trat das weithin tönende Geklapper einer im
Glockenhaus aufgestellten Maschine, das von der mit Handklappern durch
das Städtchen schwärmenden Jugend verstärkt wurde.
Am Ostende des die Kirche umschließenden Quartiers ist eine schöne
Kastanienallee, die von der Zeit an, wo sie in der Pracht ihrer
rötlichen Blütenkandelaber steht, bis in die letzten Tage des Herbstes,
wo der Borasturm sie entblättert, den Lieblingsaufenthalt der
Monfalconeser bildet.
Hier oder im Park des Stadthauses hat der Fremde am ehesten
Gelegenheit, das Leben und Lieben dieses Völkleins zu beobachten, und
nie mehr als an einem Sonntagnachmittag, wenn leichte, lose Musik die
Jugend zum Tanz unter die Baumkronen lockt, denn kein Bursche, kein
Mädchen widersteht den Klängen.
Wenn sich das italienische Barfüßele des Werktages sonntäglich
schmückt, wenn es Haar und Büste mit Knospen und Blüten ziert, wenn
es, das Köpfchen an die braune Brust des Burschen geschmiegt, wild und
wilder durch die Reihen fliegt, die schwarzen Augen glühen, die Wangen
gerötet sind, die Leidenschaft durch alle Bewegungen und Züge rinnt,
dann liegt wirklich etwas exzentrisch Schönes in diesen südlichen
Gestalten.
Da kann man allerdings ein keckeres Kosen sehen als draußen im kühlen
Nord, und manch ein braunes, glutäugiges Kind, das im Begriffe steht,
eine Jungfrau zu werden, reift hier unter den sengenden Blicken seines
Burschen rascher aus, als ihm vielleicht gut ist. Der Süden, der der
Natur einen so kurzen Lenz zumißt, er gönnt auch dem Menschenkind
keinen langen Lebensmai, und wenn das nordische Mädchen in seiner
schönsten Blüte steht, ist diejenige des südlichen schon dahin.
Auf der Nordseite der viereckigen Häuseranlage zieht sich die Straße,
die von Triest nach Venedig führt, durch das Städtchen.
Denke ich an diese Gasse, dann kommt mir die Erinnerung an einen
liebenswürdigen und originellen Menschen, an den Signore Battistic. Ich
habe in seinem Atelier zu manche Stunde verplaudert, als daß ich den
würdigen Postwirt von Monfalcone totschweigen wollte.
Er ist der berühmteste unter den Bewohnern des Orts, und sein Gasthof
hat einen Ruf, der genau soweit reicht wie derjenige seines Städtchens.
Nennt man einem Triestiner Monfalcone, so denkt er sicherlich nicht an
die Stadt, er denkt an die Küche des Herrn Battistic, an die Schnepfen,
an die Branzins, an die Austern, an die Spargeln, die man nirgends so
gut bekommt, wie auf der Post zu Monfalcone.
Ich habe zwar mehr die andern guten Eigenschaften des Herrn
Battistic als diejenigen des Hoteliers kennen und schätzen gelernt.
Er geht nämlich im Ruhm seines Gasthofes nicht auf, sondern ist
der erste Naturforscher und der erste Nimrod der Gegend, er ist
Antiquitätenhändler, Briefmarkensammler, ein Universalgenie; sein
höchster Stolz aber ist die Kunst: er ist ein Meister des Pinsels und
der Palette.
Er mag jetzt seine vierzig Jahre haben und in seinen jüngern Zeiten
war er zweifellos ein sehr hübscher Mann, denn er ist jetzt noch nicht
häßlich, obwohl er sich eines gewissen Embonpoints erfreut. Noch flutet
eine Fülle von Künstlerlocken in seinen Nacken, und die kleinen, klugen
Augen sprühen zuweilen noch die Glut des verliebten Italieners.
Man kann einen Embonpoint tragen und eine Vielseitigkeit des Geistes
entwickeln, wie Herr Battistic, und dabei doch ein armer Teufel sein.
Er war's. Wurde am Morgen für ein Gesellschäftchen aus Triest ein
Abendessen bestellt, dann war mein Freund in Verzweiflung, kein Geld,
kein Kredit und keine Ware. Er war nicht mehr zu sprechen, er irrte in
seinen Schlappschuhen durch die Gemächer, er irrte durch die Stadt,
verwünschte seine beschränkten Verhältnisse und raufte sich das dunkle
Haar.
Jedesmal wurde das Wunder neu. Wenn die Gäste kamen, war ein Essen
da, wie man es nur auf der Post zu Monfalcone bekommt. Herr Battistic
glänzte vor Vergnügen, sprach geistreich, und keiner seiner Gäste
lernte ihn anders denn als einen Gentleman kennen. War man aber
vertrauter, so machte er aus seinen bedenklichen Umständen kein Hehl.
»Aber sagen Sie mir, wie kamen Sie denn in eine solche Lage, Sie, der
kluge, lebenserfahrene Mann?« fragte ich ihn einmal.
»Das kommt von meinem Hausregiment«, sagte er, »das kommt davon, daß
meine Köchin und meine Kellnerin die größten Schelme sind auf der
Welt. Brauch' ich im Tag einen Liter in der Wirtschaft, so trinken
die beiden heimlich drei; bleibt von einer Mahlzeit ein Rest, den ich
wieder verwenden könnte, so ist er fort, ehe ich danach sehen kann, und
frage ich, wohin die Dinge gekommen seien, so antworten die beiden aus
+einem+ Mund: »Wir wissen es nicht, wir sind ganz unschuldig, Patron.«
Zuweilen erwische ich sie aber doch.«
»Wie so denn?«
»Nun, bald so, bald so. Ich habe schon eine Purgaz in den Wein getan.
Sie können sich nicht vorstellen, was das für ein Rennen gab; aber
bekannt haben die Weiber nicht. Ich habe auch einmal Hundsexkremente
auf einen Teller gelegt und überzuckert; da haben sie, nachdem sie es
zum Munde geführt, schrecklich gespien; aber gebessert haben sie sich
nicht.«
»Dann entlassen Sie die Unverbesserlichen.«
»Ich kann nicht. Die Köchin ist die beste Stütze des Geschäftes, an
die andere bin ich mich auch gewöhnt, und Wechseln würde doch nur den
Tausch eines Schelmes mit einem Dieb bedeuten -- mein Gott, hätte ich
nur 2000 Gulden, in zwei Jahren wäre ich Rentier.« Herr Battistic
wußte Dutzende von Gelegenheitskäufen in Smyrna, in Bombay, ein großer
Spekulant ist an ihm verloren gegangen.
Allein die Malerei hilft ihm über die Misere des Lebens weg. Er malt
in einer Art von Loggia, aus der man in den Hof seines Hauses sieht.
Eine wirre Sammlung von Muscheln, ausgestopften Vögeln, selbstgemalten
Bildern und aus Büchern ausgeschnittenen Holzstichen bringt die nötige
Stimmung in sein Arbeiten. Steht er an der Staffelei, so hüllt er
seine Gestalt in einen Schleier von Zigarrenrauch, aus dem das sonnige
Gesicht des Künstlers in sanfter Verklärung strahlt, und so entstehen
unter seinem Pinsel Strandlandschaften, Meerbilder, Jäger, Fischer,
Netze und Wild.
Mit diesem Künstler, und jovialen Gesellschafter, von dessen
Naturerkenntnis und Jägererfahrung man, so oft er erzählte, das
Sprichwort »~Se non è vero, è ben trovato~« anwenden mußte, bin ich
immer gern einen Weg gewandert; er hat mir auch einen wesentlichen
Dienst geleistet, eine kleine Sammlung von Muscheln und Krebstieren der
nördlichen Adria hübsch präpariert.
Hier muß ich auch noch eines andern lieben Mannes gedenken, des Herrn
Primosciz, Schulleiter in Monfalcone, der mich eben so sehr durch seine
Herzensgüte als durch seinen aufgeschlossenen Natursinn sympathisch an
sich gefesselt hat.
Dort, fast dem Gasthof zur Post gegenüber, steht das Schulhaus, in
dem er mit fünf andern Kollegen wirkt. Es ist ein enger, abstoßender
Bau und furchtbar mit Schülern überfüllt; allein es ist Hoffnung
vorhanden, daß die Stadt in einigen Jahren ein würdiges Heim für die
heranwachsende Jugend baut.
Sonst bildet das Schulwesen ein trübes Blatt im furlanischen Volkstum.
Es fehlt nicht immer an gebildeten Lehrern und in den Schulen nicht
an guten, allgemeinen Lehrmitteln, für den Anschauungsunterricht sind
sogar vorzügliche und reiche Bilder da, auch die Bücher der Jungen
sind nicht ungeschickt abgefaßt, doch vielleicht etwas zu hoch; aber
es fehlt die Hauptsache: Die Schule hat im Volk keine Wurzeln, man
betrachtet sie als eine von der Regierung aufgebürdete Last, und das
Obligatorium derselben wird durchbrochen, wo immer es geht. Nicht nur
einmal sind mir draußen in den Pächterhütten der Campagna zehn- und
elfjährige Rangen begegnet, die noch über keine Schulschwelle getreten
waren.
Herr Primosciz und ich, wir sind häufig miteinander gewandert hinab
ans Meer, hinaus in die Campagna, hinein ins Gebirg -- und manch
ein Merkwürdiges, das ich dort gesehen, habe ich seiner Führung zu
verdanken.
Ein Lieblingsziel war mir stets der Porto Rosega, der Hafen von
Monfalcone. Man spaziert in einer halben Stunde dorthin, und so oft man
kommt, sieht man etwas Neues.
Der Hafen selber ist zwar nur ein ins Land einschneidender Kanal von
etlichen Metern Breite. Nichtsdestoweniger gehört er zu den besten der
adriatischen Nordküste.
Und welch einen herrlichen Blick hat man, wenn man auf der äußersten
Spitze seines Molo steht. Man sieht ein Golfoval, das zu den
schönsten Stellen des Mittelmeeres gerechnet wird. Man hat den steilen
Küstensturz von Duino und darüber die uralte gewaltige Veste selbst, wo
die deutschen Kaiser auf ihren Italienfahrten gerastet, wo der Geist
Dantes umgeht, man hat gerade vor sich Miramare, das Tränenschloß,
zur Rechten Triest, sich hell und klar von silbergrauen Olivenhängen
hebend, und noch ein paar istrianische Städte: Capo d'Istria, Isola
und auf verblauendem Vorgebirg Pirano. Dazwischen liegt der von hellen
Segeln belebte herrliche Golf, der bald wie Silber glänzt und gleißt
und bald wie ein großes Träumerauge in stiller Ruhe blaut.
Die Ebbe des Golfes, die im Mittel nicht mehr als sechzig Centimeter,
im Maximum einen Meter beträgt, ruft zwar nicht jene großartigen
Erscheinungen hervor, welche an der Nordsee den Fremden so gewaltig
fesseln, doch legt sie an dem flachen Strand von Monfalcone weite
Meergebiete bloß.
Dann eilen halb entblößte Weiber und Kinder, einen Sack am Rücken,
ein Netz in der Hand, auf die Sandbänke, waten weit hinein in die
zurückweichende Flut und sammeln ihre »~frutti di mare~.«
Es braucht den Mut dieser Strandläufer, immer frisch und keck in den
krabbelnden Quark von Seespinnen, Krebsen, Strahltieren und Mollusken,
zwischen denen sich wohl auch etwa ein Wasserschlänglein verfängt,
hineinzugreifen.
Der Golf von Monfalcone muß übrigens, sowohl was die Artenmenge,
als die Farbenschönheit der Seetiere betrifft, als das am meisten
durch Süßwasser geschwängerte Becken dieses Meeres, von den südlichen
Gebieten desselben zurücktreten; doch schon bei Grado, einer kleinen
Insel wenige Stunden mittäglich von Monfalcone, prangt das Meer mit
vielen farbenprächtigen Muschelgebilden.
Dagegen ist der Golf von Monfalcone sehr fischreich, und es bilden die
Fischer ein wesentliches Element der monfalconesischen Bevölkerung.
Wie oft bin ich im Morgenschein oder in der Abendglut hinausgefahren
mit den braunen Männern, die Netze zu ziehen oder neu zu legen! Es
war mir immer wohl bei den treuherzigen, einfachen Naturmenschen,
welche den italienischen Volkscharakter von einer andern, bedeutend
bessern Seite offenbaren als der schlaue Handelsmann oder Wirt und
die unverschämten Ciceroni zu Venedig. Viele dieser Fischer haben ein
schönes Stück Welt gesehen, denn sie haben bei der Marine gedient und
wissen von den griechischen Inseln, von da und dort, wo österreichische
Kriegsschiffe kreuzen, zu erzählen. Bei ihrer Arbeit singen sie ihre
fulanischen Weisen und keine häufiger als jene, worin der mit dem Sturm
ringende Schiffer seines Liebchens gedenkt:
»~Il mar' è turpido
E la barquetta pendole
E nome tei è tendere
Ch'è amic' sola me.~«
Sie leben höchst einfach, diese wetterharten, tiefbraunen Fischer, die
zuweilen mehrere Tage zur See bleiben. Ein schmaler, gedeckter Raum
der Barke ist dann Stube, Küche und Schlafkammer zugleich, wo das Weib
den Mais und die Meerfrüchte abkocht, ihren Kleinsten säugt und pflegt,
und das Meer denselben in Schlummer wiegt, ihn sturm- und sonnenhart
macht, den zukünftigen adriatischen Seemann.
Keiner der Fischer ist selbständig. Entweder hängen sie von einem
Händler ab, oder stehen im Dienst eines Unternehmers, so daß dann nicht
einmal die Barke, auf der sie fahren, ihr Eigentum ist. Bezahlt werden
sie durch einen kleinen Anteil an der Beute. Darum achtet kein Mensch
ein Stück Kleingeld so hoch wie sie.
Neben den Fischerflottillen, welche aus dem Porto Rosega in die
Gewässer der obern Adria ausschwärmen, beleben wohl auch einige
Lastschiffe den Hafenkanal; allein denkt man an jene Zeiten zurück,
da die großen Handelskarawanen und Fuhrwerke, welche fast den ganzen
Warentransport nach Kärnten und bis ins Tirol hinein besorgten, hier
ihren Ausgang nahmen, Monfalcone ein berühmter Stapelplatz war, dann
kann allerdings das Leben, das sich in der Gegenwart hier bewegt, nur
als ein Abglanz von demjenigen früherer Tage erscheinen.
Wenn man vom Porto Rosega südwärts wandert, so kommt man in ein
seltsames Strandgebiet, wo der Meersand, nur von Salzpflanzen und
sauren Gräsern durchwuchert, einen stundenbreiten Gürtel zwischen
Meer und Campagna bildet, eine stille Landschaft, über welche die
melancholische Poesie der Steppe schwebt.
Da und selbst weit in den angrenzenden Campagnen ist für den Menschen
keine bleibende Stätte, schwingt die Malaria ihre Geißel. Wachthäuser
haben hier ihretwegen von den Zollwächtern, Pächterhütten von den
Bauern verlassen werden müssen; ja auch an den Insassen weit vom
Meer abliegender Gehöfte kann man noch den Einfluß des Sumpffiebers,
aufgetriebene Leiber und blasse Gesichter, sehen.
Die Sonne brütet über den Sandsümpfen; salziges und süßes Wasser, von
denen eines die Organismen des andern tötet, fließen ineinander und
werden zum fortwährenden Fäulnisherd.
Das Seegeflügel hat die Herrschaft, die der Mensch nicht aufrecht
halten konnte, übernommen, und König über seine Vasallen, den Storch,
den wilden Schwan, den Kranich und Reiher, ist der Seeadler, der im
Blau des Äthers seine einsamen Bahnen zieht.
Nur der Zollwächter und der nächtliche Schmuggler haben ihre Wege
in diesem traurigen Gebiet; doch es ist wie überall: Die Hüter des
Gesetzes sind immer da, wo die Übertreter nicht sind. Wenigstens
hört man selten von einem größern Fang, es sei denn, man halte ein
furlanisches Weibchen, das in seinen großen Schuhen ein Kilogramm
Kaffeebohnen aus der Freihafenstadt Triest etliche Stunden weit
schleppt, dafür.
In der Tat ist der Beruf eines »Finanzers« ein undankbarer; denn keine
Verletzung hat im Volke einen solchen Rückhalt wie der Schmuggel und
keine Beamten sind so verachtet wie die »~doganieri~«; ich aber, der
ich kein Interesse hatte, ihnen gram zu sein, habe im Zollhaus am Porto
Rosega hin und wieder gern Rast gehalten.
Westlich von diesem öden Sandstrich beginnen jene üppigen Campagnen des
untern Friauls, die sich fortsetzen in die Lombardei, bis hinüber zu
den Seealpen.
Die meisten Touristen schelten sie langweilig, und fast tödlich
langweilig mögen sie für den Fußwanderer sein, der ihre schnurgeraden,
endlosen, staubigen Straßen geht. Eine Spazierfahrt in offener
Kalesche und am kühlen Abend hinaus in diese unabsehbare, leuchtende
Pflanzenüppigkeit, die Wald und Feld und Garten zugleich ist, in der
man Richtung und Himmelsgegend wie auf dem offenen Meer verliert, habe
ich immer angenehm gefunden.
Es ist wahr, wenn ich nichts sah als die offenen Weiten, das
grenzenlose Grün, dann suchte ich fast ängstlich nach den Stützen des
Firmaments. Am Horizont des Nordens standen dann weiße Schimmer. --
Waren es Wolken -- waren es Schneeberge? Ich konnte im Zweifel sein.
Soweit der Blick des Auges reicht, ziehen sich längs der Ackerfurchen
in zierlichen Reihen die Maulbeerbäume; und von Maulbeerbaum zu Ulme,
von Ulme zu Kirschbaum, vom Kirschbaum zum Feldahorn, von diesem
zum Maulbeerbaum schlingen sich, in die Baumkronen geheftet, die
Rebenguirlanden, während das zarte Grün des jungen Maiskorns, das
zweimal im Jahr den Erntesegen liefert, oder der mächtig in die Halme
schießende Weizen die Felder deckt.
Durch dieses üppige Landschaftsbild schlängelt sich halbwegs zwischen
Monfalcone und Aquileja das blaue, breite Stromband des Isonzo, über
welchen die Straße mit einer halbkilometerlangen Holzbrücke setzt.
Wie alles in diesem Lande, so hat auch dieser Fluß seine Geschichte und
zwar eine Geschichte in der geschichtlichen Zeit. Er ist der jüngste
Strom Europas und kaum über vierhundert Jahre alt, während der Natisso,
jener schiffbare Strom, der, wie die römischen Schriftsteller melden,
an den Mauern Aquilejas vorüberfloß, verschwunden ist und durch jene
Gegend jetzt nur ein seichtes Küstenwässerchen schleicht.
Seltsamer Weise melden die mittelalterlichen Schriften kaum etwas,
wie aus dem Natisso der Isonzo entstand. Man weiß nur, daß ums Jahr
580 während eines vollen Monats Wolkenbrüche, welche das ganze
Landschaftsbild umformten, über das Friaul niedergingen, so daß die
Leute glaubten, die zweite Sündflut sei gekommen.
In dieser bösen Zeit, so glaubt man, habe der Natisso, durch einen
Bergsturz in den julischen Alpen aus seinem Bette gedrängt, seinen
Oberlauf, in den späteren Jahrhunderten immer mehr durch das Tiefland
ostwärts vagierend, seinen Unterlauf geändert und am Ende des
fünfzehnten Jahrhunderts endlich diejenige Gestalt angenommen, mit der
er dem Wanderer jetzt als Isonzo entgegentritt.
Zwei Jahrtausende schon entzückt das Friaul -- so bezeugt es Herodian,
der Geschichtsschreiber des zweiten Jahrhunderts -- den Fremden durch
eine Üppigkeit, welche nur derjenigen der Lombardei zu vergleichen ist;
zwei Jahrtausende aber ist der Bauer auch ein armer, enterbter Mann
geblieben.
Die mächtigen Latifundienbesitzer des Altertums und die Landbarone
der Gegenwart, der bäuerliche Proletarier der Vergangenheit und der
Colono des gegenwärtigen Jahrhunderts, die Gegensätze prahlenden
Lebensgenusses und unsäglichen Darbens, sie sind anderthalb
Jahrtausenden christlicher Entwicklung zum Trotz dieselben geblieben.
Mit seiner Zeit und seiner Kraft, mit allem und jeglichem steht der
Colono in der Schuld seines Herrn. Nach altem Herkommen sichert der
Pachtvertrag dem Gutsbesitzer zwei Drittel vom Laub der Maulbeerbäume,
zwei Drittel vom Wein und vom Obst, vom Weizen und Mais, er sichert ihm
auch jene Dutzende von Abgaben an jungem Vieh, an Geflügel, Butter,
Eier und Erstlingsfrüchten und überdies eine bare Pachtsumme oder
Wohnungsmiete, wofür der Bauer mit dem Rest der Landerträge aufzukommen
hat.
Der Arme ist stets ein schlechter Wirtschafter, darum kann der Colono
kein guter sein! In der Tat fehlt es ihm an allem, an Betriebskapital,
an vorteilhaften Geräten, an einem erfreulichen Viehstand und an der
Lust, irgend etwas zu verbessern. Was sollte er auch? Treibt sein Fleiß
und seine Intelligenz den Ertrag der Pachtgründe in die Höhe, dann hat
der Herr das größte, er selber das kleinste Interesse daran.
Das Verhältnis des Grundbesitzers zum Colono ist im günstigsten Fall
ein patriarchalisches; man läßt ihn nie ganz verkommen; man ermutigt
ihn mit Pachtnachlässen, wenn Hagelschlag oder Dürre die Campagne
heimsucht; im ungünstigsten Fall aber, wenn der Grundbesitzer ein Mann
harten Rechts ist, waltet das Gesetz, und wehe dann dem Colono! Dann
hat er zu Zeiten wohl auch das rauhe Brot der italienischen Armut, die
Polenta, nicht mehr.
Doch zuckt ein Morgenschimmer der Besserung über das Land. Der
transozeanische Westen ist das Ziel, dem hundert furlanische Herzen
entgegenklopfen, und es ist keine Frage, daß die genügsamen, braunen
Tieflandssöhne drüben noch eine Zukunft haben.
Die Colonenhütten sehen mit ihren rauhen, schwarzen Mauern und
Hohlziegeldächern wenig wohnlich aus. Die viereckigen Löcher, in denen
keine Fenster sind und die des Nachts mit vorgestellten Brettstücken
geschlossen werden, geben ihnen etwas Ruinenhaftes im Ansehen.
Allein es fehlt in den Dörfern des Friauls auch nicht an hübschen
Bauten, oft sogar sieht man freundliche Villen, und ein besseres
Bauernhaus, etwa dasjenige eines Verwalters, gewährt mit seinem hübsch
verzierten Portal, mit der Zysterne des Hofes, über die sich eine
schmiedeiserne Krone spannt, mit den feierlichen Zypressen oder einer
gewaltigen Linde, die den Hofraum beschattet, einen echt südlichen und
wohltuenden Eindruck.
Entgegen der ersten Vermutung, der man beim Anblick der vielen
halbzerfallenen Hütten Raum gewährt, sind die furlanischen Ortschaften
sehr dicht bewohnt; zehn bis fünfzehn Personen sind unter dem gleichen
Hüttendach nicht selten. So zählt Monfalcone 4800 Einwohner; es hat
indes kaum mehr Häuser als ein schweizerisches Dorf von der halben
Bevölkerungszahl.
Der furlanisch-italienische Volksschlag tritt im allgemeinen vor
demjenigen von Venedig an Schönheit und natürlicher Grazie zurück;
denn wenn der Furlaner auch einen Dialekt spricht, der sich noch mehr
dem Lateinischen nähert, als das Italienische selber, so rollt das
italienische Blut doch nicht mehr so rein durch seine Adern, sondern
ist mit slavischem und deutschem versetzt.
Nur der flache Strand ist italienisch, und schon an den ersten
Vorflügeln des Karsts erstirbt der melodiöse Laut des Südens in der
konsonantenreichen windischen Sprache; das Volkselement der Italiener
weicht dem gelassenen, wie von einer Art Schwermut durchzitterten
slavischen Wesen.
Der Gegensatz der italienischen und slovenischen Furlaner ist ebenso
groß wie derjenige zwischen Romanen und Germanen, wenigstens hier, wo
die Armut nicht das Leben ganz verkümmert, südliche Lebensfülle und
südliche Lust, glutäugige, braune Mädchen, dort ein stummer Duldermut,
ein tiefer fatalistischer Zug, blaßwangige Mädchen mit schlichtem Haar
und wasserblauen Augen.
Arm, wie der zerrissene Felsboden, den es bewohnt, ist auch das
slovenische Volk. Wenn ein Fremder in ein solches Karstdörfchen kommt,
dann springen aus allen Häusern die Kinder daher. Die halbzerlumpten,
bleichen Gestalten werfen sich knielings in den Straßenstaub und
bitten, die Arme über die Brust gekreuzt, mit den kläglichsten Gebärden
um eine Gabe. Wirft man ihnen einige Kreuzerstücke zu, dann purzeln
alle in den Staub, lüften ihre Mützen und werfen dem Spender unter
beständigen Segenswünschen ihre Handküsse nach, bis er verschwindet.
Nur der materielle Notstand des slavischen Colono läßt das Bild
begreifen. Noch größer als dieser ist der geistige, denn ich habe
es aus guter Quelle, daß in einigen dieser Karstdörfer selbst die
Bürgermeister nicht schreiben können.
Wenn man auf der Rocca von Monfalcone steht, sieht man hinein ins
windische Land, Bühel an Bühel, unregelmäßig ohne bestimmte Richtung,
grau und nackt, nur in den Frühlingswochen mit einem schwachen Flor
sprießender Gräser überhaucht, sonst dürrer als eine Heide, eine
Felsenwüste.
Das ist der Karst. Wandert man von der Rocca über die Karren des
Burghügels hinab, so kommt man an den kleinen See von Pietra rosa in
einem einsamen Tälchen. Das Ried, das ihn umkränzt, ist das einzige
Grün in dieser Steinwildnis.
Das kleine Wasser und seine Umgebung mahnt an einen Alpensee unter
der Grenze ewigen Schnees, etwa im Gotthardhochtal; allein in Tat und
Wahrheit liegt es wenige Meter über der Adria, und wenn eine Springflut
den Golf von Monfalcone schwellt, dann steigt auch in diesem Becken die
Flut aus verborgenen Quellen auf, er ist ein kleiner Zirknitzersee und
war für mich das erste kleine Wunder des Karsts, des Gebirges, wo man
aus den Wundern nicht herauskommt.
Doch hat das Seelein einen oberirdischen Abfluß und an diesem steht
eine kleine Mühle. Ihr Klappern ist der einzige Laut des stillen Tales.
Eine Bodensenkung führt im Norden der Mühle weiter hinein in den Karst,
dessen Halden stellenweise ein mageres Eichengestrüpp bedeckt, und wir
kommen nach Jaminiano hinüber, einem kleinen slavischen Dorf, das mit
seinen elenden Hütten an der Halde eines Hügels klebt.
Jaminiano bedeutet im Slovenischen »Ort bei der Grotte«, und in der
Tat liegt ein Viertelstündchen davon eine ~grotta di columbe~, eine
Taubenhöhle.
Grotten gibt es im Karst fast so viele als Wasserfälle in den Alpen.
Die Höhle von Jaminiano ist nur eine von den zahlreichen, in denen
wilde Tauben ihr Geniste haben. Sie liegt nicht an einem Abhang,
sondern in der Sohle eines von Osten nach Westen laufenden Tals,
unfern eines kleinen Sees, und das Auge entdeckt von ihr nichts, bis
man hart an ihrem Eingang steht. Es ist dies ein zehn Meter tiefer
Felsenschacht, an dessen Rand ein kärgliches Gebüsche wächst.
In dieser Kluft, in die man ohne Leiter und Seile nicht hinuntersteigen
kann, öffnet sich in der Richtung gegen das Meer eine Höhle. Horcht
man, so tönt aus derselben das »ruck, ruck, ruck« und das Girren
von etlichen hundert Tauben, von denen man erst einige zu Gesichte
bekommt, wenn man sie durch Steinwürfe oder besser noch durch einen
Pistolenschuß erschreckt.
Die Tiere führen hier ein idyllisches Leben; doch machen sich hin und
wieder die Nimrode der Gegend den Spaß, daß einer von ihnen an Seilen
die Höhle hinunter gelassen wird und die friedliche Vogelkolonie in
Aufruhr bringt, während ihrer ein Dutzend mit gespanntem Hahn am Rande
stehen und, zusammenpaffend was möglich ist, unter den Tieren ein
Blutbad anrichten.
Der See im Süden der Grotte hat keinen oberirdischen Abfluß; am Eingang
der Taubenhöhle aber hört man die abfließenden Wasser in verlorenen
Tiefen rauschen. Wer weiß, durch welche phantastische Tropfsteingänge
und Hallen sie ziehen, bis sie den Timavo, jenen aus den Uferfelsen der
Adria brechenden kurzen Strom erreichen.
Als Andenken an den in Karrenfelder eingebetteten See von Dobredo und
die Taubengrotte habe ich mir die Zwiebeln einiger bis halbmeterhoch
werdenden Amaryllen und einiger Zyklamen, welche das stille Wasser
umblühen, mitgenommen.
Doch nun zu größern Ausflügen. Drüben im Hof des »~Cotonificio
triestino~« knallt Antonio, der Kutscher, mit der Peitsche; dort
scharren Bubo und Plato, die treuen Tiere. Geht's nach Görz, der
furlanischen Gartenstadt, geht's nach Duino, dem gewaltigen Schloß
am Meer oder in den märchenträumenden Frühling von Miramare? -- Von
solchen vergnüglichen Fahrten plaudern die folgenden Blätter.
[Illustration]
[Illustration]
Österreichisch Nizza.
Es ließe sich mit Städtenamen und ihren Umschreibungen ein
stattliches Lexikon füllen; vielleicht ist auf keinem Gebiete die
schriftstellerische Paraphrase fruchtbarer gewesen als auf diesem, und
eine Reihe dieser umschreibenden Städtebezeichnungen sind Gemeingut
der Bildung geworden. Wer wüßte nicht, daß Amsterdam ein »nordisches
Venedig«, München ein »deutsches Athen«, Dresden das »Elbeflorenz«,
Montreux das »schweizerische Nizza« ist?
Wo aber ist »österreichisch Nizza?« -- Es ist Görz, eine
küstenländische Stadt an der Linie Triest-Venedig; und das Verdienst
dafür, einen so schönen Namen aufgebracht zu haben, gebührt Baron
Czörnig, der ein umfangreiches Buch über die Stadt geschrieben hat.
Gewiß liegt etwas Verlockendes in dem Namen, denn ein »Nizza« bedeutet
doch wohl milde Lüfte, steten Frühling, eine reizende Gegend, eine
schöne, fröhliche Stadt, kurz ein Paradies! Wer wollte nicht in einem
Paradiese sein? So dachte ich, und der Gedanke wurde zu einer frischen,
frohen Frühlingsfahrt über den Karst nach Görz.