10. Politische Zustände

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Marokko hat eine Regierung so despotisch und tyrannisch eingerichtet, wie

man sie eben nur da findet, wo zu gleicher Zeit geistige und weltliche

Herrschaft in _einer_ Person vereint ist, und der Grund zu diesem

absolutesten Despotismus liegt doch keineswegs im Charakter des arabischen

oder berberischen Volkes, einzig und allein die _mohammedanische

Religion_ ist Schuld daran.

In allen Ländern, auf welche sich der Islam ausgedehnt hat, ist es ähnlich.

In der Türkei, in Persien, in Aegypten, in Tunis, überall die absoluteste

monarchische Herrschaft, ja sogar in Centralafrika hat die mohammedanische

Religion in den Staaten, von denen sie Besitz ergriffen hat, dem jeweiligen

Fürsten unbeschränkte Macht verliehen, so in Uadai, Bornu, Sokoto und

Gando.

_Vor_ dem Islam lebten die Araber in kleinen Triben unter

patriarchalischen Herrschern, und wenn die Berber Nordafrika's es zuweilen

vermochten, sich zu Königreichen zu vereinigen, so war dennoch die

Gemeindeabtheilung, kleine von einander unabhängige Republiken, ihre

Urregierungsform. So finden wir in Nordafrika die Araber und Berber noch

da, wo sie sich unabhängig von den grossen Staaten zu erhalten gewusst

haben.

Nach der Entstehung des Islam folgte es von selbst, die politische

Autorität mit der des obersten Priesters in einer Person zu vereinigen.

Nach unten giebt es im Mohammedanismus keine Hierarchie, keine

Priesterkaste, keine privilegirten Menschen, mit Ausnahme derer, welche

Mohammed selbst als bevorzugt bezeichnete: das sind seine eigenen

Nachkommen.

Freilich die vollkommene Unbeschränktheit, wie sie jetzt die Sultane von

Marokko gemessen, "absolute Unfehlbarkeit," kam erst dann zu Stande, als im

Anfange des 16. Jahrhunderts Sultane aus der Familie der Schürfa auf den

marokkanischen Thron kamen. Seit der Zeit hat im eigenen Lande der

Marokkaner die Macht und _Unfehlbarkeit_ der Herrscher immer mehr

zugenommen, das Wohl, die Bildung und der Fleiss des Volkes aber von dem

Augenblick an auf merkwürdige Weise abgenommen.

Der Sultan von Marokko nennt sich "Beherrscher" oder auch "Fürst der

Gläubigen," Hakem el mumenin, oder will er politisch als Herr des Landes

sich bezeichnen, schreibt er Mul' el Rharb el Djoani[97].

[Fußnote 97: Alle anderen Titel, wie z.B. bei Lempiere: "Emperor of

Africa" (die Marokkaner wissen gar nicht was Afrika ist), "emperor

of Marokko, King of Fes, Suz and Gago, Lord of Dara and Guinea and

great Sherif of Mohamet" (?), sind Erfindungen der Europäer selbst.]

Von seinen Unterthanen wird er "Sidna," unser Herr, oder auch "Sultan,"

"Sultana," Sultan, unser Sultan genannt. Andere Ansprachen sind nicht

üblich. Seine erste Frau, die nicht nothwendig ein weiblicher Scherif zu

sein braucht, hat den Titel Lella-Kebira, und gebiert sie einen

Thronfolger, so hat sie für immer das Recht den Harem zu regieren und bei

der Wahl der übrigen Weiber eine gewichtige Stimme. Der älteste Sohn

bekommt den Titel Sidi el Kebir oder Mulei el Kebir, denn Sidi und Mulei im

Singular wird immer gleichbedeutend gebraucht, während Muleina, der Plural,

nur auf den Propheten angewendet wird. Wie alle Mohammedaner, hat der

Sultan gleichzeitig nur vier rechtmässige Frauen, die nach Belieben

fortgeschickt oder erneuert werden; wie viele unrechtmässige, d.h. nicht

angetraute junge Mädchen und Frauen in den vier Harems sind, weiss der

Sultan, _trotz seiner Unfehlbarkeit_ wohl selbst nicht.

Ein Gesetz über Erbfolge giebt es bei den Mohammedanern nicht, also

existirt darin auch keine Regel für Marokko. Der augenblicklich auf dem

Thron sitzende Fürst ist der zweite Sohn des verstorbenen Sultans, und

dieser selbst war Neffe seines Vorgängers. Er heisst Sidi Mohammed ben

Abd-er-Rhaman und ist im Jahre 1805 geboren. Wenn schon unter seinen

Vorgängern, Sultan Sliman und Abd-er-Rhaman, Vieles anders am

marokkanischen Hof geworden ist, so wechselte noch mehr unter der

Regierung des jetzigen Herrschers, und trotzdem dieser nicht wie sein

Vater Gelegenheit gehabt hat, mit Europäern auf gleichem Fuss zu

verkehren und sie so besser kennen zu lernen, schätzt doch gerade Sidi

Mohammed mehr als einer seiner Vorgänger die Christen. Der Vater

Mohammed's war nämlich vor seiner Thronbesteigung Bascha in Mogador

gewesen, hatte dort viel mit den Consuln verkehrt und somit europäische

Gewohnheiten und Gebräuche kennen gelernt. Sidi Mohammed war aber

fortwährend Bascha von der Stadt Marokko gewesen, ehe er Sultan ward.

Die Regenten von Marokko haben keinen eigentlichen Divan oder Midjelis, und

die Etikette am Hofe ist äusserst streng. Es giebt aber gewisse Leute, die

den Vorzug haben, sich setzen zu dürfen, z.B. die Prinzen, Gouverneure der

Provinzen, vornehme Schürfa, während die gewöhnlichen Sterblichen vor dem

Kaiser nur hocken oder knieen dürfen. Vorgelassene Bittsteller dürfen nur

von weitem ihr Anliegen vorbringen in knieender Stellung, und nachdem sie

vorher den Erdboden geküsst haben. In Gegenwart des Sultans darf das Wort

"gestorben" nicht ausgesprochen werden, damit er nie an den Tod erinnert

werde. Man umschreibt dies, z.B. mit: er hat seine Bestimmung erfüllt,

ebenso darf nie die Zahl "fünf" vor dem Sultan ausgesprochen werden, man

sagt dafür "4 und 1" oder "3 und 2". Dieser sonderbare Brauch[98] erklärt

sich wohl daraus, weil fünf die Zahl der Finger das Symbol der Hand, der

despotischen Macht ist. In allen mohammedanischen Landen wird man auch

häufig an den Häusern eine rothangemalte Hand oder einfach den Abdruck

einer Hand oder mehrerer finden, man glaubt dadurch Gewalt und Einbruch

abhalten zu können, das Haus wird hiemit unter die unsichtbare Macht einer

starken Hand gestellt.

[Fußnote 98: S. Jackson, Account]

Spricht man in Gegenwart des Sultans von einem Juden, so wird vorher

"Verzeihung" gebeten, "Haschak," weil die Juden für unrein gehalten werden.

Früher galt das auch von den Christen, aber schon unter Abd-er-Rhaman kam

diese Unsitte ab. Es versteht sich von selbst, dass Niemand mit Pantoffeln

vor dem Sultan erscheint, doch haben die hohen Beamten die Erlaubniss, ihre

gelben ledernen Stiefelchen anbehalten zu dürfen. Decorationen giebt es in

Marokko nicht, indess dachte man im Jahre 1864 daran, einen Orden zu

stiften, den vom Sultan Salomon (dem jüdischen König). Modelle waren

angefertigt, ähnlich wie die, welche König Theodor von Abessinien hatte

machen lassen. Die grösste Auszeichnung, die der Sultan von Marokko

gewährt, ist die, wenn er selbst seines Burnus sich entledigt, und ihn

einem der Anwesenden schenkt. Vornehme Personen werden zum Handkusse

zugelassen, seine Kinder, seine Brüder und die allernächsten Günstlinge

dürfen auch die _innere_ Fläche der Hand küssen[99].

[Fußnote 99: S. Aly Bei el Abassi.]

Der vom Sultan gemachte Aufwand ist verhältnissmässig gering und besteht

hauptsächlich in schönen Waffen, herrlichen Pferden und einem grossen

Harem, bewacht von einer glänzend gekleideten Schaar von Eunuchen. Die

einflussreiche Stellung, welche diese unglücklichen Geschöpfe unter den

früheren marokkanischen Fürsten hatten, hat indess jetzt ganz aufgehört und

beschränkt sich lediglich darauf, unbeschränkt in dem Theile des Palastes

zu herrschen, in den auser [außer] dem Sultan keine Mannsperson eintreten

darf. Aehnlich gekleidet wie die marokkanischen Maghaseni oder Reiter,

haben sämmtliche Eunuchen silbergestickte Leibgürtel. Alle haben einen

stark riechenden duftenden Namen; so hiess in Mikenes der Eunuchenoberst

"Kaid Kampher", andere hiessen Moschus, Amber, Thymian etc. Ein Theil des

Harems ist stets mit dem Sultan unterwegs, dieser besteht aus den

Lieblingsfrauen, Quintessenz der vier Harem von Fes, Mikenes, Rbat und

Marokko. Marschirt der Sultan, so hat er zwei grosse Zelte, ein jedes

umgeben von einer äusseren vom Hauptzelte unabhängigen Zeltwand. Beide

Zelte sind durch einen Zeltgang verbunden: das eine bewohnt der Sultan, das

andere ist für die Frauen. Im äusseren Umgang des für die Frauen bestimmten

Zeltes halten sich die Eunuchen auf.

Die Regierung des jetzigen Sultans besteht aus dem ersten Minister, der vom

Volke Uisir el Kebir genannt wird, sonst aber den Titel "Ketab el uamer",

Schreiber des Fürsten, hat. Dieser ist der allmächtigste Mann im Reiche,

ehemaliger Lehrer des Sultans, und sein Einfluss, namentlich in allen

äusseren Angelegenheiten, ist entscheidend; sein Name ist

Si-Thaïb-Bu-Aschrin-el-Djemeni. Der unmittelbare Verkehr mit den

europäischen Consuln findet in Tanger statt, durch den dortigen

Gouverneur, der den Titel Uisir-el-uasitha hat, und der seine

Instructionen in dieser Beziehung vom Uisir-el-Kebir oder auch direct

vom Sultan bekommt.

In allen despotischen Staaten, und vorzugsweise in

mohammedanisch-despotischen Staaten, wird manchmal der niedrigste und

dümmste Mann durch eine Laune des _unfehlbaren_ Herrschers zum obersten

Posten hinaufgehoben. Wer sollte sich dem auch widersetzen? In Marokko

Niemand; allerdings giebt es fast allmächtige Kaids, unabhängig in ihren

Provinzen regierend; allerdings giebt es die Classe der Schürfa, der

Abkömmlinge Mohammeds, die sich wohl erdreisten, fern vom Sultan in

Gegenwart des ganzen Volkes zu sagen: "Ich bin auch Scherif, und der

Sultan hat kein besseres Blut in seinen Adern als ich;" allerdings ist

da der Grossscherif von Uesan, der sagt, er stamme directer von

Mohammed, als der Sultan selbst, und dieser allein wagt auch manchmal zu

trotzen--aber sonst ist Niemand im Lande, der in Gegenwart des

unfehlbaren Herrschers nicht von seiner eigenen Nichtigkeit und

Unbedeutendheit überzeugt wäre.

So ist denn auch der zweitmächtigste Mann im Reiche, Si-Mussa, den ich

gewissermaßen "Minister des kaiserlichen Hauses" tituliren möchte, weiter

nichts, als ein ehemaliger Sklave, ein Neger von Haussa. Er hat nur das

Verdienst, mit dem jetzigen Sultan aufgewachsen zu sein, und leitet

augenblicklich alle inneren Palast-Affairen. Sein Bruder, Si-Abd-Allah,

ebenfalls ein Haussa-Neger und ehemaliger Sklave, ist dermalen

Kriegsminister.

Wichtiger Posten am Hofe von Marokko ist der des Mschuar. Der Kaid el

Mschuar hat das Amt, Bittende, Fremde, Besuchende dem Sultan vorzuführen.

Da man nur ausnahmsweise, um vom Sultan empfangen zu werden, sein Gesuch

durch einen andern Minister anbringen lassen kann, ist dieser Posten sehr

einträglich, folglich auch einflussreich. Denn jedes derartige Gesuch muss

erst durch ein Geschenk, angemessen nach dem Reichthum des Petenten,

unterstützt sein. Ebenso werden Consuln, wenn sie in Gesandtschaft zum

Sultan kommen, oder auch in Rbat in gewöhnlicher Audienz empfangen werden,

durch den Kaid el Mschuar eingeführt. Wie viele Plackereien damit für

Europäer verbunden sind, wie vom Kaid el Mschuar abwärts Jeder, der ein

Aemtchen hat, seinen Fremden auszubeuten bestrebt ist, davon hat Maltzan

eine anziehende Schilderung gegeben.

Der, welchen man in Marokko den Minister des Innern nennen könnte, der aber

zugleich auch Gross-Siegelbewahrer ist, der Mul-el-taba oder Kaid-el-taba,

ist derzeit auch eine vollkommen aus dem Staub, oder, wie der Marokkaner

sich viel kräftiger ausdrückt, aus dem Dr. ... "Sebel" heraufgekommene

Persönlichkeit. Der Mul-el-Taba beräth mit dem Sultan die Besetzung der

Kaid- oder Gouverneurstellen in den Provinzen und Städten.

Es giebt keinen eigentlichen Schatzmeister in Marokko, oder gar einen

Finanzminister, denn den Schlüssel zur Hauptcasse, welche in Mikenes sein

soll, hat der Sultan selbst. Dass eine Hauptabtheilung des dortigen

Palastes, von aussen einen vollkommen viereckigen steinernen Würfel

darstellend, "el dar-el chasna," oder "bit el mel", Schatzhaus heisst, kann

ich aus eigener Anschauung bestätigen; anscheinend hat dieses massive

Gebäude von aussen gar keinen Zugang, indess liegt eine Seite nach dem

Harem zu, von wo aus der Eingang wohl sein wird. Die Marokkaner behaupten,

der Zugang zum Schatz sei unterirdisch vermittelst eines Tunnels. Das

Innere wird beschrieben als eine ausgemauerte Höhlung, in deren Innerem

wieder ein gemauertes Gemach enthalten sei[100]. Alles dies ist wohl Fabel,

denn Niemand, auch nicht der Kaid-etsard oder Schatzmeister, hat wohl je

einen Blick ins Innere gethan. Ebenso sind die Summen, welche im Schatzhaus

angehäuft liegen sollen, wohl lange nicht so bedeutend, als Manche

herausgerechnet haben. Französische Schriftsteller haben die Ersparnisse

der marokkanischen Regenten auf 300 Millionen Franken, ja auf eine

Milliarde veranschlagt, ohne zu bedenken, dass das, was der eine Sultan

zurückgelegt hatte, oft vom folgenden, der durch Usurpation und

Gewaltmittel auf den Thron kam, in einem Tage der Plünderung preisgegeben

wurde. Als z.B. an Spanien jene 22 Millionen spanische Thaler

Kriegsentschädigung gezahlt werden mussten, fand es sich, dass der

Staatsschatz leer war. Oder durfte und wollte der Sultan ihn nicht

angreifen? Das Nichtvorhandensein des Geldes ist das Wahrscheinlichere.

[Fußnote 100: S. Höst p. 221, der die Höbe des damaligen Schatzes auf

50 Millionen Thaler angiebt.]

Eine kirchliche Behörde giebt es in Marokko nicht, der Sultan als unfehlbar

vereinigt Papst, Cultusministerium oder oberste Synode, wie man bei den

Christen dergleichen Einrichtungen nennt, in seiner Person.

Ich unterlasse es, auf niedere Aemter am Hofe von Marokko einzugehen, werde

jedoch einige derselben, wie sie jetzt noch existiren, erwähnen: den

Mundkoch Mul' el tabach, den Sonnenschirmträger Mul' el schemsia,

Säbelträger Mul' el skin, den Theeservirer Mul' el atei, Speiseträger Mul'

el taam. Alle diese Aemter werden meist von Sklaven versehen, viele aber

auch, und es giebt derer noch fünfzig, von freien weissen Leuten. Für die

kleinste Handthierung ist ein besonderer Angestellter vorhanden, z.B. für

den, der die Pantoffel des Sultans umdreht, damit er sie beim Anziehen

gleich wieder fussgerecht vor sich hat. Um den Steigbügel zu halten, um

eine Schale mit Wasser zu bringen, um die ausgetrunkene Theetasse in

Empfang zu nehmen, um die Serviette zu reichen, um das Waschbecken zu

präsentiren, für jeden kleinen Dienst hat der Sultan einen besonderen

Angestellten. Man glaube aber nicht, dass alle diese Leute besoldet sind.

Ziemlich gute Kleidung, oft die, welche der Sultan oder die Prinzen

abgelegt haben, und die sieh von der fürstlichen Tracht durch nichts

unterscheidet, als durch grössere Fadenscheinigkeit--dann Nahrung, das ist

Alles, was dieses Heer von Bedienten und Beamten bekommt. Aber keineswegs

sind sie deshalb ohne Geld, von Jedem, der nach Hofe kommt, wissen sie

etwas zu erpressen; gehen sie in die Stadt auf die Märkte, so entlocken sie

bald hier einem unglücklichen Juden, dort einem leichtgläubigen Landmann

eine Mosona, wer würde der Bitte oder der Drohung eines Ssahab sidna

widerstehen? Es ist das officieller Name aller Beamten und Diener. Der

erste Minister des Sultans, wie sein letzter Sklave, schämt sich dieses

Titels nicht, was wiederum seinen Grund daher hat, weil in den Augen des

Sultans der höchste Beamte keinen grösseren Werth hat als der letzte

Sklave. Vor der marokkanischen Unfehlbarkeit verfällt mit derselben

Leichtigkeit das Haupt des rechtschaffensten Beamten dem Schwert, wie das

eines Verbrechers, der es wirklich verdient hat. Eigentlich kann daher

Unfehlbarkeit nur in einem solchen Lande vollkommen blühen und existiren

wie in Marokko, d.h. in einem Lande, wo das Gesetz nichts gilt, sondern

Alles sich der Laune eines schwachköpfigen Fanatikers fügen muss.

Es giebt kein höchstes Justizamt in Marokko; vom Kadi einer einzelnen

Provinz oder einer Stadt, oder eines kleinen Ortes kann nur an den Uisir

oder an den Sultan appellirt werden, welche letztere nach ihrem Gutdünken

das gefällte Urtheil bestätigen oder verwerfen.

Die einzelnen Provinzen und Ortschaften werden manchmal von Kaids und

Schichs regiert, die direct, wenn es sich um Provinzen und um grössere

Städte handelt, vom Sultan ernannt werden. So wie wir auf den meisten

Karten die verschiedenen Provinzen abgegrenzt finden, existiren sie in

administrativer und gerichtlicher Beziehung nicht. Die Kaid stehen einem

Kaidat vor, das manchmal aus einer Stadt mit verschiedenen Triben oder

Dörfern besteht. Oft ist ein Kaid direct vom Sultan abhängig, oft hat ein

Kaid oder Schich 40 oder gar 100 Kaids, die unter ihm stehen. Ein Kaid hat

manchmal nur einen Duar[101], einen Tschar[102], eine Tribe zu commandiren,

manchmal deren 20, 50 und noch mehr. Ein Kaid commandirt z.B. vielleicht zu

einer Zeit die beiden Rhabprovinzen mit den Triben darin, oder wie zur Zeit

des jetzt regierenden Sultans sind sie getheilt, und werden von zwei Kaids

regiert. Der Titel "Kaid" ist der allein officielle, sowohl für die Beamten

einer grossen Provinz, wie für die einer kleinen Ortschaft. Gleichbedeutend

ist der Name "Schich", den man vorzugsweise in den Gegenden von

überwiegender Berber-Bevölkerung antrifft. Der Titel "Bascha" wird nur

einzelnen besonders hervorragenden Gouverneuren, z.B. dem von Alt-Fes,

verliehen. Der Titel "Chalifa" schliesst immer eine Stellvertretung in

sich, so hat z.B. der älteste Sohn des Sultans unter der Regierung des

jetzigen Kaisers, sobald dieser nach Marokko übersiedelt, den Titel

"Chalifa von Fes" als seines Vaters Stellvertreter. Kehrt der Sultan nach

Fes zurück, hat einer der Brüder des Sultans, Mulei Ali, in der Hauptstadt

Marokko den Titel "Chalifa". Es ist dies die einzige Erinnerung daran, dass

ehemals Fes und Marokko getrennte Königreiche waren.

[Fußnote 101: Zeltdorf.]

[Fußnote 102: Bergdorf aus Häusern.]

Es würde unmöglich sein, genau die Grenzen der verschiedenen Provinzen

Marokko's angeben zu wollen, da überhaupt je nach den Launen der Regierung

heute eine Provinz vergrössert, morgen verkleinert oder gar entzwei

geschnitten wird, heute eine Tribe dieser, morgen jener Provinz einverleibt

wird, manchmal mit den Provinzen eine geographische Bezeichnung für immer

verbunden ist, manchmal auch nicht.

Auf der Abdachung des Atlas nach dem Mittelmeer und Ocean, umfasst von der

Gebirgskette, welche zwischen Cap Gehr und Cap el Deir hinzieht, haben wir

im Norden die Andjera und Rif-Provinz, südlich von Andjera die beiden

Rharb-Provinzen, und dann längs des Oceans von Norden Beni-Hassen, Schauya,

Dukala, Abda, Schiadma und Haha. Südlich vom Rif die Hiaina, und südlich

von der Hiaina die Provinz Fes. Auf den Stufen des Atlas liegen östlich von

Haha die Ahmar und die Erhammena, dann Maroksch (District der gleichnamigen

Stadt), und nördlich von Maroksch, Temsena und östlich Scheragna. Diese

soeben aufgeführten Districte, die aber keineswegs alle eine besondere

Regierung haben, und deren Grenzen nicht genau bestimmt sind, dürften die

Benennungen für die bezeichneten Oertlichkeiten sein. In denselben, sind

indessen Districte enthalten, die ebenso gut den Namen Provinz führen

könnten. Die östliche Partie des Garet, welche Provinz westlich mit dem Rif

zusammenhängt, ist in den letzten Jahren als Beni-Snassen bekannt geworden,

ein eigener politisch begrenzter District, mit eigenem Kaid. Südlich von

der Provinz Fes, von Scheragna, Maroksch und Erhammena sind Atias aufwärts

noch die verschiedensten Districte bis zum Kamme des Gebirges, aber die

Namen derselben zum Theil unbekannt, zum Theil wissen wir nicht mit

derselben Sicherheit anzugeben, wohin sie setzen. Von Fes in südöstlicher

Richtung könnte ich constatiren den District der Beni Mtir und der Beni

Mgill.

Südlich vom Cap Gehr längs des Oceans sind die Provinzen Sus und Nun (mit

Tekna), der Staat des Sidi Hischam existirt nicht mehr[103]. Die Provinz

Draa kommt natürlich nur soweit hier in Geltung, als sie bewohnt ist, das

ist bis zum Umbug des Flusses nach Westen. Es folgt sodann östlich vom Draa

Tafilet mit seinen verschiedenen Districten, und nordöstlich von Tafilet

die verschiedenen kleinen Oasen am südöstlichen Atlasabhange, die

bedeutendste davon ist Figig. Endlich die südöstlichste Provinz von Marokko

ist Tuat.

[Fußnote 103: Per Name "Dschesula" oder, wie Renou auf seiner Karte

hat, Gezoula, existirt nirgends südlich vom Atlas, vielleicht soll

er auf den Karten bloss die Gaetuler der Alten in Erinnerung

bringen.]

Ueber die Einnahmen und Ausgaben des Sultans von Marokko lässt sich nichts

Bestimmtes sagen, da keine Staatsbücher darüber existiren, die Einkünfte

dem Zufall unterworfen und der Laune der einzelnen Kaids anheimgegeben

sind, oft auch andere Umstände eintreten, die ganz unvorhergesehen sind.

Im Jahre 1778 veranschlagte Höst, auf Koustroup fussend, die Einnahme auf

eine Million Piaster[104], hervorgegangen aus Zoll, Schutzgeldern,

Thorsteuern, Judenabgaben, Monopolen, Miethen, Strassenzöllen und

ausländischen Geschenken, letztere figuriren allein mit 250,000 Piastern.

An Ausgaben giebt er nur 300,000 an, so dass 700,000 Piaster für den Schatz

geblieben wären. Da der zu der Zeit regierende Sultan im Jahr 1778 zwei und

zwanzig Jahre regierte, meint Höst den Schatz in der Bit el mel auf 13

Millionen Piaster veranschlagen zu können.

[Fußnote 104: Ein spanischer Piaster ungefähr 1 Thlr. 13 Sgr.]

Im Jahr 1821 giebt Hemsö die Einkünfte auf 2,600,000 Thaler an, darunter an

Geschenken für 225,000 Thaler. Die Ausgaben berechnet er auf 990,000

Thaler, und wie Höst schliessend, dass Sultan Soliman seit seiner

Thronbesteigung im Jahre 1793 jährlich eine Ersparniss von 1,600,000 Thaler

gemacht habe, meinte er, müsse in der Bit ei mel nach einer Regierung von

34 Jahren zum mindestens die Summe von 50 Millionen Thaler sein.

Neuere Nachrichten liegen über den Staatshaushalt nicht, vor, denn Jules

Duval in der Revue des deux Mondes von 1859 hat einfach von Hemsö

abgeschrieben, die Zahlen für die neuesten ausgegeben, ohne der Quelle

dabei auch nur zu gedenken; ebenso wenig verdienen Calderons Angaben

Glauben.

Auch über Gesammtausfuhr und Einfuhr, über Handel und Wandel liegen keine

statistischen Nachrichten vor. Ueber verschiedene Häfen besitzen wir in

dieser Beziehung gar kein Material. Agadir mit sehr bedeutender Importation

von Naturalien aus Sudan, der Sahara, Nun, Draa und Sus hat, wie Asamor,

keine Consuln irgend eines Staates. Und Asamor ist eine der bedeutendsten

Städte. Aus einzelnen Häfen jedoch liegen über ein- und ausgelaufene

Schiffe, Tonnengehalt, Aus- und Einfuhrartikel, Nationalität der Schiffe

etc. genaue Angaben vor[105].

[Fußnote 105: Siehe Richardson Vol II, p. 316.]

Serafin Calderon schätzt den Gesammtwerth des Handels auf 50,000,000

Thaler. England vermittle davon zwei Drittel, das dritte vertheile sich auf

Spanier, Portugiesen, Franzosen, Belgier etc. Beaumier giebt die

Handelsbewegung von Marokko mit einem jährlichen Mittel von etwa 40

Millionen Franken an, und was die Wichtigkeit der daran theilnehmenden

Häfen anbetrifft, stellt er Mogador mit 5/8 voran, während L'Araisch,

Tanger, Rbat, Casablanca und Masagan je mit 1/8, und Tetuan und Saffy mit

je 1/16 im gleichen Verhältniss daran Theil nehmen[106].

[Fußnote 106: Siehe Beaumier, Déscription sommaire de Maroc, p. 31.]

Obschon nun verschiedene Tractate mit den christlichen Nationen geschlossen

sind über Zoll bei Einfuhr und Ausfuhr, so hebt sie der Sultan manchmal

ohne besonderen Grund auf, weshalb sollte er auch nicht? Braucht er, der

unfehlbare Herrscher der Gläubigen, Sklave seines Wortes zu sein? ist er

nicht Herr und uneingeschränkter Gebieter aller Leute, die im Rharb sich

aufhalten, folglich auch der Christen, so lange wie sie dort wohnen? Giebt

es überhaupt einen Fürsten, der sich mit ihm messen kann? Freilich regiert

der Sultan von Stambul die andere Hälfte[107] der Gläubigen, aber das ist

von Gott so geschrieben. Freilich schlugen die Franzosen bei Isly den jetzt

regierenden Sultan aufs Haupt, aber das war auch Mektub Allah (von Gott

geschrieben); freilich nahmen die Spanier Tetuan, aber auch das war Mektub

Allah; einige alte Wahrsager sagen sogar, die Christen werden einst in

Mulei Edris (Fes) einrücken, und man antwortet in Marokko: "Gott verfluche

sie, aber vielleicht ist es _geschrieben_."

[Fußnote 107: Anschauungsweise der Marokkaner.]

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Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet. · 第 15 / 20 题