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Die Hauptstadt des Sultans von Marokko ist nur von wenigen Europäern
besucht worden, ebenso dürftig sind die Nachrichten, welche Augenzeugen
davon gegeben haben. Am ausführlichsten, fast weitschweifig, handelt Leo
von Fes, nächst ihm giebt eine auf eigener Anschauung beruhende
Beschreibung der spanische General Badia (Ali Bey-el-Abassi). Alle anderen
Berichte über Fes beruhen nur auf Kundschaft und Hörensagen.
Ob der Ort, wo heute Fes steht, von den Römern bewohnt war, ist nach so
wenigen Untersuchungen schwer zu entscheiden, aber höchst wahrscheinlich.
Die Lage ist so ausgezeichnet, so für eine Stadt in jeder Beziehung
anlockend, dass eine so günstige Position den Alten gewiss nicht entgangen
ist. Ueberdies haben wir in der Nähe Punkte, welche wir mit Sicherheit als
von den Römern bewohnte kennen. Wir erkennen die Stadt Volubilis im
heutigen Serone, eine Stadt, die zur Zeit Leo's Gualili oder Walili hiess,
und von der er sagt, dass sie ausser dem Grabmale vom älteren Edris nur
drei oder vier Häuser habe. Heute nun ist Walili oder, wie sie jetzt
genannt wird, Serone, ein Städtchen von 4-5000 Einwohnern, und das Grabmal
Mulei Edris-el-Kebir, wie der Vater des Gründers der Stadt Fes genannt
wird, ist noch immer ein berühmter Wallfahrtsort. Wir haben sodann in den
Aquae Dacicae einen sicheren Anhaltepunkt in der Nähe von Fes; können wir
uns genau auf das Itinerarium Antonini verlassen, so würden wir nicht
anstehen, Fes das alte Volubilis zu nennen, denn die Entfernung, 16 Mill.,
stimmt genau mit den berühmten heissen Schwefelquellen von Ain
Sidi-Yussuf[78], die sich nördlich zu West von Fes befinden. Die Aquae
Dacicae sollen nach dem Itinerarium Antonini 16 Mill. nördlich von
Volubilis gelegen sein. Die alten Aquae Dacicae, jetzt Ain-Sidi-Yussuf
genannt, sind heute noch die berühmtesten Thermalen von Marokko.
[Fußnote 78: ain = Quelle.]
Die heutige Stadt Fes wurde nach Leo im Jahr 185 der Hedschra von Edris
gegründet, dieser war ein naher Verwandter von Harun-al-Raschid und ein
noch näherer von Mohammed selbst, denn Edris war Enkel von Ali, dem
Schwiegersohn Mohammed's. Edris' Vater selbst ist jener
Edris-ben-Abd-Allah, der aus Jemen gekommen war und sich in Walili
niedergelassen hatte, sein Sohn wurde ihm erst nach seinem Tode von
einer gothischen Sklavin geboren. Renou giebt an, Edris habe die Stadt
793 n. Chr. gegründet, welches Jahr mit dem 177. Jahre der Mohammedaner
correspondirt Marmol lässt Fes an Jahre 793 n. Chr. erbaut werden,
stimmt aber irrthümlicher Weise dieses Jahr mit dem 185. Jahre der
Hedschra. Während noch Andere für das Gründungsjahr von Fes 808 n. Chr.
ansetzen, verlegt Dapper es auf das Jahr 801 n. Chr. Es geht hieraus
hervor, dass wir nicht ganz mit Bestimmtheit das Jahr angeben können,
sondern uns damit begnügen müssen, zu wissen, dass die Stadt gegen das
Ende des 8. oder im Anfange des 9. Jahrhunderts gegründet wurde.
Ebenso unbestimmt sind die Angaben, woher der Name Fes kommt. Leo leitet
den Namen davon her, weil bei den ersten Grabstichen die Gründer Gold,
Silber (Fodda oder Fedda) gefunden hätten; Andere meinen, die Stadt habe
den Namen vom Flüsschen gleichen Namens, was die Stadt durchschneidet, noch
Andere leiten den Namen der Stadt von Fes her, was im Arabischen eine
"Hacke" bedeutet. Was die Schreibart anbetrifft, so finden wir ebensowenig
Uebereinstimmung; Einige schreiben Fes, Andere Fas, noch Andere Fez, und
doch dürfte Fes die alleinig richtige sein, wenn wir die arabische Schreib-
und Aussprechungsweise zu Grunde legen.
Fes liegt nach Ali Bey auf dem 34° 6' 3" nördl. Breite, dem 7° 18' 30"
östl. Länge von Paris, und da bis jetzt keine anderen Bestimmungen
vorliegen, so müssen wir diese festhalten.
Es herrscht eine grosse Confusion über die örtliche Lage von Fes. So sagt
Leo: "Die Stadt besteht fast ganz aus Bergen und Hügeln; nur der mittelste
Theil ist eben, und Berge sind auf allen vier Seiten." Ali Bey: "Die Stadt
Fes ist auf den Abhängen verschiedener Hügel gelegen, welche die Stadt von
allen Seiten, mit Ausnahme von Norden her, umgeben." Thatsache ist, dass
Fes, als Ganzes betrachtet, denn die Stadt besteht aus zwei vollkommen
getrennten Städten, von allen Seiten, mit Ausnahme vom Süden her, von
Bergen umschlossen ist. Ebenso werden die die Stadt durchziehenden Gewässer
unter verschiedenen Namen aufgeführt, und es hat dies zum Theil seinen
Grund darin, dass die Araber in sehr vielen Fällen für einen und denselben
Fluss verschiedene Benennungen haben, je nach seiner Quelle, nach seinem
mittleren oder unteren Laufe. So hat denn das kleine Flüsschen, welches
südwestlich von Fes etwa 20 Kilometer entfernt entspringt, zuerst den Namen
Ras-el-ma, ändert aber den Namen, sobald es die Stadt erreicht, in Ued-Fes
um; es verbindet sich dieses Flüsschen mit einem stärkeren, aus Südost
kommenden Flusse zwischen Neu- und Alt-Fes, und beide durchströmen nun die
Stadt ebenfalls unter dem Namen Ued Fes, um später Ued Sebu genannt zu
werden. Der grössere Fluss, der von Süd-Süd-Ost in Neu-Fes eindringt,
heisst aber oberhalb der Stadt, wie ich auf meiner zweiten Reise in Marokko
constatiren konnte, ebenfalls Ued Sebu. Wenn noch andere Namen aufgeführt
werden für diese Wässer, als von Renou Oued el Kant'ra (Brückenfluss), von
dem Renou glaubt, es sei dies der von Edris genannte Fluss Ued S'enhâdja,
oder von Graberg von Hemsö Vad-el-Gieuhari und Vad-Matrusin, oder von
Marmol Ouad-el-Djouhour (Perlenfluss), so muss ich gestehen, dass diese
Namen mir während meines Aufenthalts in Fes nicht bekannt geworden sind.
Die Stadt präsentirt sich also derart, dass sie fast mit von Norden nach
Süden (mit etwas von Nordwest nach Südwest geneigter) gerichteter Achse
gelegen ist und aus zwei Städten besteht, Fes-el-bali[79], Alt-Fes, und
Fes-el-djedid, Neu-Fes. Beide Städte aber liegen keineswegs dicht neben
einander, sondern sind durch eine zwei Kilometer lange Strasse, aufs
dichteste von Häusern bestanden, verbunden, so dass es, von oben gesehen,
das Aussehen hat wie zwei getrennte Städte, welche communiciren durch eine
eng gebaute Strasse. Alt-Fes bildet den nördlichen Theil und ist mit
Ausnahme von Süden her von Bergen umschlossen, zum Theil namentlich nach
Osten zu an die Bergwand hinaufgebaut, Neu-Fes bildet den südlichen
Stadttheil und liegt vollkommen in einer Ebene. Nördlich von Neu-Fes
verbinden sich der Sebu und das von Ras-el-ma[80] kommende Wässerchen, um
Alt-Fes zu durchfliessen, Alt-Fes wird so in zwei Hälften getheilt, durch
sechs steinerne Brücken mit einander verbunden, die westliche Seite ist die
kleinere. Beide Städte sind mit 30-40 Fuss hohen Mauern umgeben, welche von
etwa 500 zu 500 Schritt mit viereckigen hervorspringenden Thürmen versehen
sind. Die Mauern sind an der Basis zwei Meter und mehr dick, verjüngen sich
nach oben zu einem Meter, und haben auf der Zinne einen Umgang, geschützt
durch eine etwa 5 Fuss hohe und 1-2 Fuss dicke crenelirte Mauer. Die Thürme
selbst sind eingerichtet, Geschütze aufnehmen zu können.
[Fußnote 79: Fes-el-bali sollte eigentlich Fes-el-kedim heissen, denn
das Wort kedim entspricht genau unserm "alt", während "bali" mehr
das "abgenützt" in sich schliesst.]
[Fußnote 80: Ras-el-ma heisst eigentlich weiter nichts als Kopf des
Wassers d.h. Quelle.]
Die Mauer von Alt-Fes sowie die Thürme befinden sich in äusserst
mangelhalftem Zustande, die von Neu-Fes ist besser erhalten, und ist an
manchen Stellen eine doppelte, so namentlich nach Südwesten und Süden zu,
wo die äussere Mauer ausserdem 80 Fuss hohe Thürme hat.
Die Mauern sowohl wie die Thürme sind aus einer gegossenen oder vielmehr
gestampften Masse aufgeführt, welche zwischen Brettern eingestampft wird
und an der Luft, mit Kalk und Cement vermischt, eine grosse Härte erlangt.
Die Ecken, Bogen, Seiten der Thore sind indess aus behauenen Steinen
hergestellt, denn die Masse, so widerstandsfähig sie im grossen Ganzen auch
ist, so leicht zerbröckelt sie doch an den Ecken und Kanten. Aus eben
dieser Masse sind auch die meisten grossen Gebäude hergestellt, viele aber
auch aus im Feuer gebrannten Ziegeln; gerundete Dachziegel endlich sind das
Material, das man zur Bedeckung der Moscheen genommen hat; die Wohnhäuser
verlangen solche nicht, da alle platte Dächer haben.
Wenn auf diese Art die Stadt gegen Landesfeinde vollkommen geschützt
erscheint--denn so sehr die Mauern auch Verfall drohen, würden sie dennoch
Schutz gegen regellose Angriffe gewähren--, so wenig haltbar würde sich Fes
einem Angriffe irgend einer europäischen Macht gegenüber zeigen. Selbst die
beiden Forts ausserhalb der Stadt tragen nichts zum Schutze gegen einen
Angriff von aussen her bei, weil sie selbst von anderen Anhöhen von
nächster Nähe aus beherrscht sind. Das eine dieser Forts liegt im Südosten
der Stadt auf einer Anhöhe und ist ein mit vier Bastionen versehenes
Viereck, offenbar von ehemaligen europäischen Renegaten nach Vauban'schem
System recht gut angelegt. Im Westen der Stadt auf der nächsten Anhöhe
befindet sich eine Lunette, diese letztere, nach der Stadt zu in ihrer
Kehlseite nur durch Pallisaden geschlossen, ist wie das vorhin erwähnte
Quadrilatär aus behauenen Steinen erbaut, und beide sind überdies mit
tiefen Gräben versehen. Ob diese Steine, welche grosse Quadern aus
Sandstein sind, eigens zu diesen Bauten gehauen worden sind oder von alten
Römerwerken herstammen, konnte ich nicht erfahren; wäre letzteres der Fall,
so wäre das ein Beweis mehr, an der jetzigen Stelle von Fes eine alte
Römerniederlassung, vielleicht Volubilis, suchen zu müssen. Keines der
beiden Forts hatte Kanonen im Jahr 1861/62, und beide waren auch ohne jede
Bewachung.
Die Stadt Fes wird in 18 Quartiere getheilt, von denen zwei auf die
Neustadt, die übrigen auf Alt-Fes kommen, davon hat Alt-Fes sieben Thore,
inclusive des nach der Neustadt zu führenden, während Neu-Fes nur drei hat,
von denen das eine auf Alt-Fes gerichtet ist. Der Länge nach wird die Stadt
von einer Strasse durchschnitten, welche hinlänglich breit ist, denn
überall können vier oder fünf Menschen neben einander gehen, oft auch noch
mehr. Die Gässchen aber, die sich von dieser Hauptstrasse in die
verschiedenen Quartiere hinschlängeln, sind äusserst schmal, manchmal so
eng, dass zwei sich Begegnende sich an einander vorbeidrücken müssen. Es
sind dann zahlreiche Plätze vorhanden, aber kein einziger mit Ausnahme des
grossen Platzes in Neu-Fes, der sich vor dem Palaste des Sultans befindet,
welcher mehr als 500 Menschen aufnehmen könnte, wenn sie dichtgedrängt bei
einander stehen. Hierdurch erlangt die Stadt ein äusserst düsteres
Aussehen, was noch dadurch vermehrt wird, dass kein einziges Haus nach der
Strassenseite Fenster hat, und fast alle zwei oder drei Stockwerke hoch
sind.
Ein grosser Uebelstand ist auch der, dass man gar keine Pflasterung in Fes
kennt, man ist im Sommer einem entsetzlichen Staube ausgesetzt und hat im
Winter die grösste Mühe, durch den tiefen Schmutz fortzukommen. Gegen
diesen haben allerdings die Bewohner eine eigene Art Holzschuhe erfunden
mit 2-3 Zoll hohen Absätzen unter dem Hacken und den Fussspitzen, aber oft
reichen selbst diese nicht aus. Auch in Tunis, wo ähnliche Verhältnisse
während der nassen Jahreszeit sind, hat man diese Holzunterschuhe, die
unter dem gewöhnlichen Schuhzeuge befestigt werden, und wie alt ihr
Gebrauch ist, geht daraus hervor, dass schon Leo ihrer erwähnt.
Das Innere der Häuser ist oft sehr hübsch eingerichtet, obgleich man
natürlich an Möbel, wie sie bei uns in Gebrauch sind, nicht denken muss.
Der Marokkaner will gar keinen Fortschritt, so wie seine Väter gelebt
haben, will auch er leben, und Neuerungen einführen, ist die grösste Sünde.
So sind denn auch alle Einrichtungen so, wie sie vor Hunderten von Jahren
gewesen sind. Gelangt man durch eine starke, meist dick mit Eisen
beschlagene Thür durch einen umgebogenen Gang[81] in das innere einer
Wohnung, so kommt man zuerst auf einen mehr oder weniger grossen nach oben
offenen Hofraum, der meist viereckig von Form ist. Bei Reichen und Armen
ist dieser Raum gepflastert, oft mit Marmorfliessen (weche [welche] von
Spanien und Portugal kommen), meist aber mit Sleadj. Es sind dies kleine
Fliesse mit bunt glasirter Farbe, und da sie in allerlei Formen hergestellt
werden, sternartig, dreieckig, viereckig etc., so legen die Erbauer die
hübschesten Muster damit zusammen. Eine einzelne Sleadj ist nicht grosser
als 1-2 Zoll Seitenlänge; man verfertigt sie in Fes selbst. Auch die
Zimmerböden sind meist aufs reizendste mit diesen Sleadj ausgelegt.
[Fußnote 81: Ein gerader Gang darf von der Strasse nicht ins Innere
des Hauses führen, weil sonst, bliebe ja einmal aus Versehen die
Hausthür offen stehen, der Blick eines Fremden in den Hofraum fallen
könnte.]
In der Mitte des Haushofes befindet sich ein springender oder jedenfalls
fliessender Quell, auch in der ärmsten Wohnung fehlt er nicht. Bei den
Reichen befinden sich zu dem Ende meist hübsche Marmorbecken, welche
ebenfalls aus Europa bezogen werden, im Hofe. Die Vertheilung des Wassers
in der Stadt ist nämlich so ausgezeichnet, dass Canäle weit oberhalb der
Stadt von den Flüssen abgeleitet sind, und so auch die höchsten Stadttheile
mit reinem Wasser versorgen. In Neu-Fes hat man an einem Canal sogar grosse
Räder erbaut, welche, wie in Italien die Bewässerungsräder, mittelst ihrer
eigenen vom Wasser bewirkten Umdrehung Wasser auf die Höhe schaffen. Nach
Leo sollen diese Wasserräder schon 100 Jahre vor seiner Ankunft in Fes
gewesen sein und von einem Genueser herrühren.
Ebenso gut ist für die Abführung der Unreinigkeiten aus den Häusern
gesorgt, das lebendige Wasser führt allen Unrath mittelst kleiner
unterirdischer Canäle in den Ued Fes[82].
[Fußnote 82: Leo giebt an: es seien über 150 öffentliche Latrinen in
Fes, und sämmtliche wurden durch fliessendes Wasser von selbst
reingehalten. Ob so viele in Fes sind, kann ich nicht behaupten,
jedenfalls wird, da man in allen marokkanischen Städten, auch in den
Oasen, öffentliche Latrinen findet, auch wohl in Fes dafür gesorgt
sein. Man findet sie übrigens nicht nur mit Moscheen verbunden,
sondern häufig auch ganz unabhängig von solchen.]
Die Zimmer der Häuser, von denen sich in der Regel drei oder vier auf den
Hofraum öffnen, sind stets sehr lang, sehr hoch, aber auch nie breiter, als
dass ein grosser Mensch der Breite nach darin liegen kann. Grosse und hohe
Thüren, wie immer mit hufeisenförmigen Bogen führen zu den Zimmern; im
Sommer und bei gutem Wetter sind sie offen, im Winter verschlossen, und man
gelangt durch eine kleine Thür, eine Art Schlüpfthür (Poterne), welche sich
in jeder grossen befindet, ins Zimmer. An beiden Seiten der Thür sind
manchmal kleine viereckige, oder auch ogivische stark vergitterte Fenster,
Glasscheiben hat man erst in letzter Zeit angefangen einzuführen, Möbel
nach unserem Sinne sind nirgends vorbanden. Bei den Reichen findet man
Teppiche, Wollmatratzen, feine Matten, und auch die Wände der Zimmer 3-4
Fuss hoch mit hübschen Matten ausgeschlagen; auch manchmal Betten an den
Enden der Zimmer auf europäischen Bettstellen, aber diese werden mehr als
Luxus, als Schmuck betrachtet, es würde nie Jemandem einfallen, darin zu
schlafen.
Die Wände der Zimmer sind weiss ausgekalkt, aber unterhalb des Plafond
laufen manchmal Arabesken herum, oft in Form von Koransprüchen.
Die Plafonds der Zimmer sind bunt bemalt, oft azur mit Gold, oft aber auch
mit Holzschnitzerei bedeckt oder mit Holzstückchen ausgelegt. In den Wänden
sind häufig nischenartige Vertiefungen angebracht, welche als Schränke
dienen; ebenso findet man bei der wohlhabenden Classe Holzschränke, oft aus
sehr hübschen Holzschnitzwerken gearbeitet, oder mit Perlmutterstückchen,
Elfenbein oder Ebenholzstückchen ausgelegt.
Während im Hofe rings um die inneren Wände ein durch steinerne Säulen
getragener Bogengang läuft, der zugleich Schatten gegen die senkrechte
Sonne gewährt, dient dieser Bogengang für das zweite Stockwerk als
Vorplatz, von dem aus man in die Zimmer gelangt; und ist noch ein drittes
Stockwerk vorhanden, so gehen die Gallerien ebenfalls höher. Die oberen
Zimmer unterscheiden sich in der Anordnung durch nichts von den unteren;
ganz oben auf dem platten Dache, welches aus gestampfter und cementirter
Erdmasse besteht, befindet sich manchmal noch ein Zimmer, Mensa genannt;
hier geben die Frauen vorzugsweise ihre Gesellschaften. Der Zugang nach
oben geschieht mittelst Treppen, die immer sehr schmal, und, wenn im Innern
des Hauses, niedrig angelegt sind; aber so sehr man darauf sieht, den Raum
in Breite und Höhe bei der Treppe zu beschränken, so wenig sieht man
darauf, die Absätze selbst kurz zu machen; im Gegentheil, diese sind so
hoch, dass manchmal ein ausserordentlicher Kraftaufwand erforderlich wird,
um einen Absatz zu ersteigen.
Von aussen werden die Häuser bisweilen durch anstrebende Pfeiler verstärkt
oder durch Bogengänge auseinandergehalten; es trägt dies keineswegs dazu
bei, die ohnehin schon schmalen Gassen passirbarer zu machen, und wo man ja
einmal eine etwas breitere Strasse antrifft, kann man sicher sein, dass die
Anwohner dies derart durch Ueberbauen der zweiten und dritten Etage benutzt
haben, dass die breiteren Strassen hiedurch fast zu den dunkelsten gemacht
sind.
Nachts werden nicht nur die Stadtthore geschlossen, sondern auch die Thore,
welche die verschiedenen Quartiere von einander trennen, und da die
Quartiere gemeiniglich durch mehrere Strassen mit einander communiciren, so
kann man sich denken, wie viele Thore alle Abende verschlossen werden
müssen. Man sagt: es sei dies eine Sicherheitsmassregel, und hauptsächlich
sei dieselbe gegen Diebe gerichtet. In der That wird dadurch alle
Communication Nachts aufgehoben; nach dem l'Ascha (das letzte Gebet) ist es
unmöglich, aus seiner Strasse oder seinem Quartier herauszukommen. Während
des Chotba-Gebetes am Freitag werden ebenfalls alle Thore abgeschlossen,
nicht nur in Fes, sondern in allen Städten Marokko's, ja im ganzen Rharb
(die arabischen Geographen rechnen alles Land westlich vom Nil zum Rharb,
d.h. dem Westen, alles östlich davon zum Schirg, d.h. dem Osten) herrscht
diese Sitte, wie ich später in Rhadames, Tripolis, Bengasi, Tunis und
anderen Städten zu erfahren Gelegenheit hatte. Es soll dies deshalb
geschehen, weil einer alten Sage zu Folge sich um die Zeit des
Chotba-Gebetes die Christen der mohammedanischen Städte bemächtigen
würden. Wahrscheinlich ist es aber ein alter Brauch der Regierungen, die
sich dann mit ihrer ganzen Macht in den Moscheen befinden und sich so
gegen ihr eigenes Volk sichern wollen.
An öffentlichen Gebäuden der Stadt sind die Paläste des Sultans, die
Moscheen, die Funduks, Bäder und Grabstätten hervorzuheben.
Der grosse Palast des Sultans nimmt den ganzen südwestlichen Theil von
Neu-Fes ein; von dem Innern dieses Gebäudes kann ich nur wenig
berichten, da ich hier nicht dem Leser die übertriebenen Beschreibungen
der Bewohner von Fes wiedergeben mag, die mehr nach Fabeln aus 1001
Nacht klingen, als auf Wirklichkeit beruhen. Grossartige Ruinen deuten
allerdings auf einstige grossartige Bauten hin, aber _alle_ Bauten der
Mohammedaner haben das Eigenthümliche, dass sie meist schon _gleich_
nach dem Entstehen ein ruinenhaftes Aussehen bekommen. Der Palast
besteht eigentlich aus weiter nichts als vielen grossen mit Arkaden
versehenen Höfen mit Springbrunnen, auf welche sich die Zimmer öffnen,
Pferdeställe, Bedientenstuben, Wachtzimmer, Empfangshöfe--diar el
meshuar genannt--wechseln damit ab. An der südöstlichen Ecke, durch hohe
Mauern von den übrigen Theilen des Palais getrennt, befindet sich das
Harem, welches Platz für mehr als 1000 Frauen hat. Zwischen der
kaiserlichen Wohnung und der südwestlichen Stadtmauer befindet sich ein
grosser Garten, in welchen ich mehrere Male Zutritt bekam. Man findet
hier fast alle feineren europäischen Gemüse, auch Blumenkohl,
Artischocken und dgl. Von langen geraden Gängen durchschnitten, sind
diese an den Seiten eingefasst von Beeten mit Rosen, Jasmin und Luisa,
und fast alle Wege sind zu Tunnels und Laubengängen umgeschaffen, wo die
rankenden Weinreben kühlenden Schatten gewähren. Eine kleine Veranda,
vor einem Theil des Palais gelegen--und davor ein besonderes
abgeschlossenes Gärtchen, worin nur Blumen gezogen werden, dienen zum
Privatgebrauche des Kaisers.
Ein zweiter Palast des Sultans ist zwischen Neu- und Alt-Fes gelegen und
hat den etwas sonderbaren Namen Bu-Djelud[83]. Es ist dies, abgesehen von
dem halbverfallenen Aussehen, ein hübsches Gebäude, und,
eigenthümlicherweise im Renaissancestyl, vermischt mit maurischer
Architektur errichtet, was wohl daher rührt, dass europäische Renegaten die
Erbauer waren. Es gelang mir leider nicht (da der Sultan in Mikenes war),
in das Innere zu kommen; ebenso war mir auch der Garten verschlossen,
welcher damit verbunden ist, und dessen herrliche Baumgruppen, aus denen
schlanke Palmen hervorragten, ich oft im Vorübergehen bewunderte. Dieser
Garten war den Damen des Harems reservirt.
[Fußnote 83: Bu-Djelud heisst Vater der Felle; wahrscheinlich befand
sich hier am Flusse--denn dieser Palast liegt hart am Ued-Sebu--eine
Gerberei. Eine ähnlich sonderbare Benennung hat ja auch der Palast
der französischen Herrscher in Paris: Tuilerie.]
Eine halbe Stunde von Neu-Fes entfernt, nach dem Süden zu, befindet sich
eine sultanatliche Wohnung, von einem äusserst grossen und mit hoher Mauer
umringten Garten umgeben; in diesem Gebäude hält sich der Sultan manchmal
auf, um die Sommerfrische zu geniessen; zum Theil wohnen sodann die
Minister, die Grossen des Reichs, die Gouverneure der Provinzen, welche zum
Besuch anwesend sind, mit in dem weitläufigen Gebäude, zum Theil campiren
sie in ihren Zelten ausserhalb des Gartens.
Zwischen diesem Landsitz in Neu-Fes ist auch gewöhnlich die Mhalla, d.h.
der Lagerplatz des Heeres. Dieses muss immer da sein, wo der Sultan sich
aufhält; und da in Neu-Fes für die Truppen, welche der Sultan immer um sich
hat, nicht hinlänglich Platz ist, so campiren sie hier unter Zelten. Von
Weitem gesehen, sieht dieses Zeltlager, inmitten der grünen Wiesen,
durchschlängelt vom Ued-Fes, sehr malerisch aus, aber im Innern herrscht
die grösste Unreinlichkeit und Verwirrung.
Die stehende Macht des Sultans bestand 1862 aus etwa 4000 Infanteristen,
welche aufs bunteste costümirt sind. Sidi-Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman,
jetziger Sultan und derselbe, dem zu Lebzeiten seines Vaters eine so
empfindliche Niederlage durch den Marschall Bugeaud bei Isly[84]
beigebracht wurde, war im Feldzuge gegen die Spanier nicht glücklicher
gewesen. Indess hatte er so viel Einsehen bekommen, dass er begriff, mit
seinen regellosen Schaaren nicht gegen europäische Streitkräfte kämpfen zu
können.
[Fußnote 84: Am 14. August 1844. Der jetzige Sultan entkam seiner
Gefangennahme nur dadurch, dass er beim Eindringen der Franzosen in
sein Zelt dieses mit dem Säbel schlitzte, und aufs Pferd sich
schwingend, von diesem aus dem Bereich der Feinde getragen wurde.]
Er glaubte nun ein regelmässiges stehendes Heer zu haben, wenn er Leute auf
europäische Art uniformiren liess, und so sah man hier Uniformstücke
sämmtlicher Nationen, gemeinsam ist allen nur der rothe Fes und die gelben
Pantoffeln; auch hatte man angefangen, kurze bis an die Knie gehende Hosen
einzuführen, da es den Berbern und Arabern unmöglich schien, lange Hosen zu
tragen. Diese Infanterie ist in vier Theile oder Bataillone getheilt, je
von einem "Agha" commandirt, untergetheilt sind sie wieder in vier
Abtheilungen, denen ein Kaid (Hauptmann) vorsteht, und noch kleinere
Abtheilungen werden von Califat-el-kaid (Lieutenants) und Mkadem
(Unterofficier) commandirt. Die Mannschaft selbst besteht aus Berbern,
Arabern, Negern und spanischen Renegaten, welche letztere Sträflinge von
Ceuta, Penon oder Mellila her desertiren. Diese Renegaten sind vorzugsweise
Hornisten, Tamboure oder bei der Capelle angestellt. Denn da die englische
Regierung die Instrumente geschenkt hat, so hat der Sultan eine Capelle
einrichten lassen, welche aber auf noch viel haarsträubendere Art deutsche
Walzer oder italienische Stücke zum Besten giebt, als die türkischen
Regimenter. Die Capelle hat 24 Mitglieder, während der Hornisten und
Tamboure für jede Compagnie je zwei vorhanden sind. Die Trommeln sind
ähnlich wie die des deutschen Heeres, die Hörner sind gleich denen der
Engländer.
Die Bewaffnung besteht aus alten französischen Steinschlossgewehren, fast
alle mit der Jahreszahl 1813. Der Sultan, hat diese im Preise von 40 Fr.
das Stück kaufen lassen (er hätte dafür auch Zündnadeln bekommen können),
aber die Zwischenhändler haben ihr Profitchen dabei gemacht. Das Commando
geschieht in türkischer Sprache, was den Uebelstand für den Soldaten hat,
dass derselbe das Commando nur mechanisch verstehen lernt. Jede Compagnie
hat eine Fahne, jedes Bataillon (ich nenne so die vom "Agha" commandirte
Atheilung [Abtheilung]) eine etwas grössere, die Farben der Fahnen sind
roth, gelb, blau, je nachdem der Chef Vorliebe für diese oder jene Farbe
hat.
Der gemeine Soldat bekommt sechs Mosonat Löhnung, und muss sich hierfür
Alles halten, was bei den billigen Verhältnissen in Marokko auch recht gut
angeht, zumal die Kleidung vom Sultan geliefert wird. Die höheren Stellen
sind allerdings nicht besonders bezahlt, so bekommt ein Agha,
Bataillonschef, nur ein Metcal täglich (= 40 Mosonat oder etwa = 2 Francs).
Da diese aber ausser den Pferderationen Korn, Aecker und Vieh vom Sultan
bekommen, überdies die Gelder der beurlaubten Soldaten zum grössten Theil
in ihre Tasche fliessen, so stehen sie sich nicht schlecht. Denn von 1000
Mann, die ein Agha commandirt, sind höchstens 800 zur Stelle, die 200
fehlenden werden aber geführt, und der Sold davon täglich vom "Amin el
Lascari," d.h. dem Zahlmeister, bezogen.
Man kann sich einen Begriff von dieser regelmässigen Armee, welche aus den
grössten Taugenichtsen des ganzen Reiches zusammengesetzt ist, machen, wenn
ich einige kurze Personalnotizen der Befehlshaber, mit denen ich bekannt
wurde, hier gebe.
Der Agha des einen Bataillons war ehedem ein Verkäufer von roher Seide und
Seidengarn in Fes, Namens Hadj-Asus, er verdankte seine Stellung bloss dem
Umstande, dass er Hadj, d.h. Pilger nach Mekka war. Marokko, welches so
weit von Mekka entfernt liegt, hat verhältnissmässig nur wenig Pilger
aufzuweisen, und obgleich die Dampfer jetzt die frommen Gläubigen auf
erstaunlich billige Weise von Tanger nach Alexandria und von da nach Djedda
schaffen, so hat dadurch keineswegs die Zahl der Pilger zugenommen, weil
eine Dampfschifffahrt nicht als so verdienstlich angesehen wird[85] wie
eine Pilgerfahrt zu Fusse. Und die grosse Landpilgerkarawane, welche früher
jährlich von Fes, Maraksch und Tafilet abging, hat für die ersten beiden
Orte zu existiren aufgehört.
[Fußnote 85: Eine Dampfwallfahrt bei den Christen wird ebenfalls
bedeutend geringer angerechnet, als wenn man den Wallfahrtsort auf
Erbsen rutschend erreicht, wir dürfen uns also keineswegs hierin
über die Mohammedaner wundern oder gar lustig machen.]
Der zweite Agha, ein gewisser Si-Hammuda, geborener Algeriner, hat sich
dadurch seine Stellung erworben, weil er ein französischer Proscribirter
ist; seinem Stande nach schwang er, ehe der Sultan das Schwert ihm in die
Hand gab, die Elle. Der dritte Agha, ein gewisser Si-Mohammed-Chodja, ein
geborener Tunesier, weiss wohl selbst nicht, wie er zum Militärstande
gekommen ist, er ist von Haus aus Thaleb, d.h. Schriftgelehrter. Der vierte
und letzte Agha ist ein gewisser Ben-Kadur; von Haus aus Kaid einer
Bergtribe, sind diesem letzteren wenigstens nicht kriegerische
Eigenschaften abzusprechen, aber vom eigentlichen europäischen Militärwesen
hat er ebensowenig einen Begriff wie die übrigen. Ich könnte, da ich
Gelegenheit hatte, alle Kaids kennen zu lernen, so fortfahren, aber dies
wird genügen.
Indess sei noch erwähnt, dass zwei wirkliche französische Officiere,
Eingeborne der Tirailleurs indigènes, es nie weiter bringen konnten als zum
Lieutenant, weil sie im Verdachte standen Christen zu sein, während ein
anderer, ein "Sussi", Herumstreicher (Eingeborne aus der Provinz Sus),
gleich zum Hauptmann oder Kaid ernannt wurde. Da diese Ernennung während
meiner Anwesenheit in Fes erfolgte, so kann ich hier anführen, dass sie aus
dem Grunde geschah, weil dieser "Sussi" vor den Augen des Sultans in
Seiltänzerkunststücken sich ausgezeichnet hatte. Er hatte ehedem einer
Gesellschaft angehört, wie sie häufig aus dem Sus kommen, und mit dieser
nicht nur die ganze mohammedanische Welt, sondern auch ganz Europa
durchzogen; so behauptete er auch in Deutschland gewesen zu sein, und da er
mir mehrere Städte Deutschlands mit Namen nennen konnte, musste ich es wohl
glauben, denn welcher andere Marokkaner hätte eine deutsche Stadt
namentlich gekannt; das geographische Wissen der grössten marokkanischen
Gelehrten, soweit es Europa betrifft, beschränkt sich auf Baris (Paris),
Lundres (London), Manta (Malta), Blad Andalus (Spanien), Bortugan
(Portugal), Musgu (Russland), Nemsa (Deutschland) und Stambul
(Konstantinopel). Kann ein Thaleb oder Faki der Reihe nach diese Namen
auskramen, so glaubt er wenigstens ein Humboldt oder Ritter zu sein.
Manövrirt wird denn auch nie mit dieser oben geschilderten "regelmässigen"
Truppe, und die Exercitien beschränken sich auf Parademärsche, auf ssalam
dur (präsentirt das Gewehr) und einige andere Griffe. Ein grosser
Uebelstand ist, dass die meisten Soldaten verheirathet sind und Kinder
haben, viele auch Sklaven besitzen, kurz man kann sagen, dass der Sultan
mit seiner bunt nach aller Herren Länder Art uniformirten Truppe sich
keineswegs eine regelmässige Armee oder nur den Kern dazu geschaffen hat.
Aber die seit Jahrhunderten bestehende Unfehlbarkeit des Sultans hat dazu
geführt, dass diese Persönlichkeiten anfangen sich selbst für unfehlbar zu
halten, und der Sultan glaubt in der That mit der Ernennung irgend eines
Menschen zum Bataillonschef wirklich dadurch einen tüchtigen Chef gemacht
zu haben.
Besser ist die Cavallerie organisirt (nach Sir Drummond Hay 16000 Mann
stark), weil sie auf einheimische Verhältnisse basirt ist. Die
Cavalleristen bekommen zwei Mosonat täglich mehr, als die Infanteristen,
haben aber dafür ihre Pferde zu unterhalten. Sie sind eingetheilt in kleine
Truppen von 50-60 Pferden, welche einem Kaid untergeben sind. Das Commando
ist hier arabisch. Der Cavallerist hat eine lange Steinschlossflinte und
einen ziemlich geraden Säbel als Bewaffnung; wer sich selbst 1 oder 2
Pistolen anschafft, glaubt dann aufs vollkommenste ausgerüstet zu sein. Der
Säbel wird an einer seidenen oder baumwollenen Schnur von der rechten
Schulter zur linken Seite herabhängend getragen. Die Sättel sind jene mit
hohen Lehnen nach hinten, mit hohem Knaufe nach vorne versehenen und
allgemein unter Arabern und Berbern gebräuchlichen. Von Exercitien und
Manövern ist bei der Cavallerie noch weniger die Rede, die ganze Kunst des
Cavalleristen beschränkt sich darauf, im schnellsten Laufe das Pferd
fortzureiten und während des Rittes die Flinte abzufeuern. Da die grossen
Steigbügel sehr kurz hängen und so eingerichtet sind, dass der ganze Fuss
darin Platz hat, so _stehen_ beim schnellen Reiten meistens die
Cavalleristen. Auf diese Art wird auch der Angriff gemacht, man saust mit
Windeseile heran, schiesst ohne zu zielen das Gewehr ab, und das dann von
selbst wendende Pferd trägt den Angreifer zurück. Die Cavallerie hat nur
Hengste.
Seit dem Kriege mit Spanien hat der Sultan von Marokko auch Feldartillerie
angeschafft, aber eben so unglücklich berathen wie in Beschaffung seiner
Uniformstücke, hat er wohl kein einziges Geschütz, welches dem andern
gleich wäre. Die Artilleristen, welche diese Kanonen zu bedienen haben,
sind fast alle spanische Renegaten; auch einen Franzosen fand ich dort, der
Hauptmann war, und einen Deutschen, der in der Heimath Maurergeselle
gewesen, die Kelle mit der Kanone vertauscht und von Sidi Mohammed, dem
Hakem el mumenin (Beherrscher der Gläubigen), dem er verschiedene Arbeiten
in seinem Palais aufgemauert hatte, zum Kaid el Tobdjieh, d.h. zum
Artillerie-Hauptmann war ernannt worden. Ich brauche wohl kaum
hinzuzufügen, dass alle diese Renegaten dort verheirathet sind, mithin
factisch und für immer sich zu marokkanischen Bürgern erklärt haben. Einem
einzigen Europäer gelang es jedoch, sich eine achtenswerthe Stellung in
Marokko zu erringen. Freilich war auch dieser nur zum Schein Mohammedaner
geworden, und, zugleich mit mir die Hauptstadt Fes betretend, hat er jetzt
seit langem Marokko den Rücken gekehrt. Es ist dies der Spanier Joachim
Gatell, der in Marokko den Namen Ismael angenommen hatte. Da in seiner
Beschreibung "L'ouad Noun et el Tekna" eine interessante Schilderung des
marokkanischen Kriegslebens enthalten ist, so lasse ich sie hier übersetzt
aus den Bulletins de la Société de Geographie de Paris folgen.
Auf der 279. Seite erzählt Gatell: "Im Jahr 1861 war so eben der Krieg
zwischen Spanien und Marokko beendet. Die Erzählungen, welche man zu der
Zeit vom marokkanischen Volke machte, von den Sitten, vom Muthe, den
barbarischen Gebräuchen, dem Fanatismus der Bewohner, erregten in mir die
Idee in das Innere des Landes einzudringen, trotz der Fährlichkeiten, denen
ich dabei ausgesetzt sein konnte. Ich reiste also nach Fes ab, wo sich der
Hof befand, und, um besser meine Absicht zu erreichen, trat ich in die
regelmässige Armee des Sultans. Obschon ich nur äusserst wenig vom
Waffenhandwerk verstand, wurde ich gleich zum Officier befördert." Nach
einer Schilderung der Campagne gegen die Beni Hassen, wobei Gatell zum Chef
der "Garde-Artillerie" des Sultans ernannt wurde, fährt er fort die
Expedition gegen die Rhamena zu schildern: "Wir hatten 29 Stück, einen
Mörser eingeschlossen; aus den Magazinen von Arbat nahmen wir 55 Centner
Pulver in Fässern, und ausserdem eine Menge fertiger Munition in Kisten
mit, und fingen so an die Aufständischen zu verfolgen.["] Ein Theil der
Seragua-Kabylen vereinigte sich so eben mit den Rhamena, nichts desto
weniger ging auch jetzt die kaiserliche Armee mit marokkanischer Würde und
Langsamkeit vorwärts: es schien, als wenn wir einen Spaziergang im
Sonnenschein zu machen, keineswegs aber den Feind anzugreifen hätten. Die
Hauptstadt war bedroht, aber um eine solche Kleinigkeit kümmern sich dort
die Leute nicht. "--Wir werden zeitig genug ankommen, und wenn nicht, so
ist es Gottes Wille. Die marokkanische Majestät darf nie Eile zeigen, oder
auch nur den Anschein haben sich zu sehr um den Gang der Ereignisse zu
kümmern." Gatell erzählt sodann, wie man nicht den Bewohnern den Krieg
machte, sondern den Getreidefeldern, welche angezündet wurden, und als sie
endlich vier Stunden von Marokko im Angesichte der Rhamena waren, die
Aufständischen auseinandergesprengt wurden; hiebei feuerte die Artillerie
15 Schüsse ab und warf 8 Bomben.
Was die sogenannte schwarze Garde des Sultans von Marokko anbetrifft, die
"Buchari," die unter den früheren Kaisern, namentlich unter Mulei Ismael
eine so grosse Rolle spielte, so ist dieselbe heute sehr
zusammengeschmolzen; kaum einige hundert Mann stark, dient sie jetzt nur zu
Prunkaufzügen, und scheint gegen den Feind nicht mehr verwendet zu werden,
wenigstens nahmen die Buchari am Kriege gegen Spanien keinen Antheil. Dem
ganzen Heere steht ein Schwarzer, Namens Abd-Allah, als Kriegsminister vor,
er hat das Verdienst ehemals als Sklave mit dem jetzigen Sultan auferzogen
worden zu sein. Unter ihm stehen verschiedene "Amin," welche für die
geldlichen und sonstigen Angelegenheiten der Armee zu sorgen haben. Nach
diesem Besuche bei der Armee wenden wir uns wieder zur Stadt Fes zurück.
Von den übrigen erwähnenswerthen Gebäuden haben wir nur zwei Moscheen zu
nennen. Es ist dies zunächst die Djemma Karubin (die den Cherubim gewidmete
Moschee). Diese Moschee ist wohl die grösste in ganz Nordafrika. Die
Bewohner Fes' behaupten, sie ruhe auf mehr als 360 Säulen, ja Einige
sprachen von 800; ich konnte mich natürlich nicht daran machen sie zu
zählen, aber wenn man von dem Hofe der Moschee ins Innere sieht, glaubt man
einen Wald von Säulen vor sich zu haben. Wenn man der Beschreibung von Leo
trauen darf, so hat die Djemma 31 grosse Thore, das Dach ruht auf 38 Bogen
der Länge und 20 Bogen der Breite nach; es würde dies schon über 900 Säulen
ergeben. Ali Bey giebt 300 Säulen an.
Die Moschee Karubin liegt ziemlich im Mittelpunkt von Alt-Fes, und ist wie
fast alle Moscheen derart gebaut, dass sie aus einem grossen, von hohen
Mauern und Arkaden umgebenen Hofraum und aus einem bedeckten Theile
besteht, der eigentlichen Moschee. Ganz aus überkalkten Ziegeln erbaut, ist
das Dach, oder vielmehr sind die Dachreihen ebenfalls mit Ziegeln à cheval
gedeckt, und nicht glatt. Das ziemlich hohe Minerat ist, wie überall in
Marokko, äusserst plump und vierseitig aufgeführt. Im Hofe des Gebäudes
springen aus zwei reizenden und grossartigen Marmorfontainen
Wasserstrahlen, überhaupt sind die Wasseranlagen, die kleinen Häuschen,
worin die vor dem Gebete nothwendigen Ablutionen verrichtet werden,
ausgezeichnet und zahlreich.
Der verdeckte Theil der Moschee hat wie alle diese Gebäude vollkommen
nackte gegypste Wände, der ganze Fussboden ist aber zum Theil mit kostbaren
Teppichen, und überall wenigstens mit feinen Matten belegt. Auch an den
Wänden und um die Säulen ziehen sich halbmannshoch hübsche Strohmatten
hinauf. Wie in allen Moscheen des Rharb ist an und in der östlichen Wand
die Nische, welche die Gebetsrichtung "Kibla" angiebt. Gleich links davon
ist eine Treppe, von welcher herab Freitags das Chotba-Gebet abgelesen
wird. Der erste Priester der Moschee tritt nach einem kurzen Gebet, mit
einem langen Stock in der rechten Hand versehen, auf die dritte Stufe (die
Treppe enthält fünf oder sechs Stufen), und liest dann mit einförmiger
Stimme das Freitagsgebet ab, der Schluss ist immer von einem Gebete für den
jemaligen Regenten begleitet; im ganzen Rharb, d.h. Marokko, und
auch in den südalgerischen Ortschaften bezieht sich das Gebet auf
Mohammed-ben-Abd-er-Rhaman, im Osten aber, incl. Tunis und Aegypten, auf
Abd-ul-Asis-Chan. Ob die Mohammedaner in Algerien, wie früher für den
Türkensultan, heute noch für denselben Fürsten den Segen herabflehen,
oder für den jemaligen französischen Regenten, kann ich nicht sagen.
Die Moschee Karubin hat das Eigenthümliche, dass _mehrere_ Mimber oder
Gebetstreppen vorhanden sind. Freitags zum Chotba-Gebet wird allerdings nur
die eine links von der Gebetsnische befindliche benutzt, aber die übrigen
dienen als Lehrstühle, von denen aus zu sonstiger Zeit den Gläubigen
gepredigt und gelehrt wird. Wenn aber Ali Bey meint, nur die Karubin, habe
den Vorzug eine besondere Abtheilung für Frauen zu haben, und es sei dies
zu verwundern, weil Mohammed den Frauen im Paradiese keinen Platz zuerkannt
habe, so kann ich entgegnen, dass die Frauen in allen Moscheen Zutritt
haben. Für gewöhnlich gehen die mohammedanischen Frauen allerdings Behuf
des Gebetes nicht in die Moschee, keineswegs aber ist den Frauen die
Moschee verboten, ebensowenig wie den Frauen das Mekka-Pilgern verboten
ist. Es ist ein Irrthum zu glauben Mohammed habe den Frauen das Paradies
verschlossen, in der 17. Sure heisst es wörtlich[86]: "die in Geduld
ausharren, werden wir mit herrlichem Lohn ihr Thun belohnen. Wer
rechtschaffen handelt, _sei es Mann oder Frau_, und sonst gläubig ist,
wollen wir ein _glückliches Leben_ geben, und ausserdem noch mit
_herrlichem Lohn_ sein Thun vergelten." Und an vielen anderen Stellen
im Koran, namentlich noch in der 13. Sure erwähnt Mohammed der Frauen als
Theilnehmer der zukünftigen Paradiesesfreuden.
[Fußnote 86: Uebersetzung des Koran von Dr. Ullmann, Bielefeld,
1867.]
Was die Architektur der grossen Karubin anbetrifft, so ist dieselbe
keineswegs eine schöne zu nennen. Zumal von aussen, wo dies grosse Gebäude
eingepfercht zwischen Buden und Häusern sich befindet, nimmt es sich höchst
unvortheilhaft aus, überdies lassen sich immer nur einzelne Partien, da wo
Thore sind, überblicken. Aber selbst wenn die Karubin frei stände, würde
sie sehr unharmonisch aussehen, da die einzelnen Theile in gar keinem
Verhältniss zum Ganzen stehen. Die Höhe der Moschee, die Höhe der Säulen,
etwa 20 Fuss hoch, ist viel zu gering zur kolossalen Baute, um einen guten
Anblick zu gewähren. Der Hof würde einen vorteilhaften Eindruck machen,
erhöht durch die beiden herrlich skulptirten Marmorfontainen (diese sind
nach den Aussagen der Bewohner von Fes von europäischen Renegaten
gemeisselt), wenn nicht hier dieselben Missverhältnisse zu Tage träten.
Dazu kommt noch, dass der Mohammedaner, und namentlich der Araber, der
geschworenste Feind von Symmetrie ist. Hier stehen zwei Säulen 8 Fuss, dort
7 Fuss auseinander, hier ist eine Säule 21 Fuss hoch, dort 20 oder 22 Fuss.
Hier ist eine einfache, dort eine Doppelsäule, hier hat eine Säule, dort
keine ein Capitäl. Dazu sieht das Ganze so gedrückt aus, als wenn Alles
halb in den Boden hinein versunken wäre.
Es ist in keiner Zeichnung bis heute den Arabern gelungen etwas
Symmetrisches zu schaffen, und im Grossen wie im Kleinen, in der Baukunst,
in der Weberei, in ihren Arabesken, in ihren Holzschnitzereien, in ihrer
Plafondirung, in ihrer Parquetirung, überall tritt uns die
Unregelmässigkeit störend entgegen. Es giebt keinen einzigen von Arabern
gewebten Teppich, dessen Muster so wie es angefangen zu Ende geführt ist,
es giebt kein Zelt, welches aus gleichmässig gewebten Stücken vollendet
ist, ein arabischer Haik (d.h. Tuch) hat sicher, falls an der einen Seite 3
Streifen als Einfassung sind, an der anderen 2 oder 4, es giebt keine Thür,
die eine vollkommen durchgeführte Holzschnitzerei aufzuweisen hätte, und es
giebt keinen einzigen Bau, der einen vollkommen durchgeführten Plan
erkennen liesse. Ich kann, nicht umhin hier anzuführen, dass wir da, wo die
Araber allein gebaut haben, nirgends ein vollkommen schönes Product der
sogenannten maurischen Architektur vorfinden. An der ganzen Nordküste von
Afrika finden wir nirgends eine Baute, die sich durch vollkommene Schönheit
auszeichnete, in ihrem eigenen Vaterlande noch weniger. Aus den Abbildungen
von Niebuhr ersehen wir, dass die Moscheen von Mekka und Medina plumpe,
rohe Gebäude sind. Vollkommen schöne maurische Gebäude finden wir nur da,
wo die Araber mit Christen untermischt sesshaft waren: in Spanien und
Syrien. Möglicherweise mögen christliche Architekten, christliche
Handwerker und Sklaven mehr ihre Hand dabei im Spiele gehabt haben, als wir
heute wissen. Es könnte nach vier- oder fünfhundert Jahren mit den
Prachtbauten, die von Mohammed Ali Pascha bis auf Ismael Pascha in Aegypten
errichtet werden, ebenso ergehen, d.h. kämen unsere Nachkommen nach einer
solchen Spanne Zeit nach Aegypten, so würden sie sagen, dass die Aegypter
unserer Tage es wohl verstanden hätten, in der maurischen Architektur
Prachtbauten zu errichten. Heute aber haben wir glücklicherweise feste und
tägliche geschichtliche Aufzeichnungen, wir wissen, dass die Moscheen und
Paläste in Aegypten, die in diesem Jahrhundert dort erbaut wurden, nicht
von Arabern oder Aegyptern herrühren, sondern von europäischen Architekten
und Handwerkern errichtet worden sind; ich nenne unter ersteren bloss Hrn.
Franz von Darmstadt und den verewigten v. Diebitsch von Berlin.
Mit der Karubin ist ein Gebäude verbunden, welches die ziemlich bedeutende
Bibliothek, natürlich nur aus Manuscripten zusammengesetzt, enthält; nach
einer oberflächlichen Schätzung, die ich machte, sind wenigstens
fünftausend Bände vorhanden. Der ganze Bücherschatz befindet sich übrigens
in einem sehr verwahrlosten Zustande, und es ist ein Wunder, dass Staub und
Motten nicht schon grössere Verwüstungen angerichtet haben. Es ist ziemlich
leicht Bücher von der Bibliothek zum Lesen zu bekommen, auch ist es
gestattet Abschriften zu nehmen (natürlich nur den Gläubigen), es ist aber
streng untersagt, irgendwie ein Buch zu entlehnen, um es mit nach Hause zu
nehmen, und da die dortigen Bibliotheken mit unseren Einrichtungen,
Katalogen, Scheinen und dergleichen nicht bekannt sind, ist diese Massregel
sehr nothwendig.
Es wird heutzutage noch immer in der Karubin gelehrt, obgleich von der
einst so berühmten Schule nur noch ein schwacher Schatten übrig ist. Man
legt den Koran aus, d.h. disputirt über äussere Kleinigkeiten, denn am
eigentlichen Dogma darf nicht gerüttelt werden; wer nur im Geringsten
zweifelte an irgend einem Glaubenssatze, würde gleich als Ketzer
beschuldigt werden, würde des Abfalls vom Islam geziehen werden, und da in
Marokko noch wie ehedem bei uns für dergleichen Zweifler die Todesstrafe
blüht, so hütet sich wohl Jeder irgendwie an einem Worte des Buches,
welches vom Himmel herabgekommen ist, zu rütteln. Dagegen hört man die
gelehrtesten Erklärungen über Formen und Aeusserlichkeiten, z.B. ob
Mohammed am Feste nach dem ersten Ramadhan ein _schwarzes_ oder
_weisses_ Lamm geopfert habe, wie gross die Hölle sei, ob im Paradiese
auch die und die Speise würde verabreicht werden, und dergleichen
Albernheiten mehr. Es werden sodann die vier Species gelehrt, aber nur auf
nothdürftige Art und Weise; ich bemerke hiebei, dass der Marokkaner, mit
Ausnahme der Addition, bei dem Abziehen, Vervielfältigen und Theilen ganz
andere Verfahren in Anwendung bringt, als wie wir sie in unseren Schulen zu
erlernen pflegen. Auch geographischer Unterricht wird ertheilt, oder soll
vielmehr gelehrt werden, denn in einem Lande, wo man von Erdbeschreibung so
wenig Kenntniss hat, dass man die Vorstellung hegt, Portugal sei grösser
als Frankreich, sieht es gewiss traurig mit der Kenntniss der Erde aus. So
glauben denn auch die Marokkaner, dass ihr Land das grösste und ihr Volk
das erste und mächtigste der Welt sei.
Auch Astronomie wird getrieben, aber nur in Verbindung mit Astrologie.
Einige der gelehrten Marokkaner stehen auf dem Ptolemäischen Standpunkte,
sie haben eine Idee von den grossen Planeten; dass die Erde sich um die
Sonne dreht, darf übrigens nicht gelehrt werden, wenn man sich überhaupt zu
einer solchen Vorstellung emporschwingen könnnte [könnte], es steht das im
Widerspruch mit dem Koran. Es giebt sodann Geschichtslehre und im ganzen
kann man dieser Lehrabtheilung noch den grössten Beifall zollen. Ich hörte
interessante Vorlesungen derart mit an, welche die Geschichte der Araber im
Bled Andalus (Spanien) zum Gegenstand hatten. Endlich ist eine Abtheilung
für Djerumia, d.h. arabische Grammatik vorhanden, die aber auch aus dem
Gewöhnlichen nicht herauskommt.
Alle diese Fächer werden in der Karubin selbst gelehrt, so dass man hier zu
jeder Tageszeit auf Lehrer und Schüler stösst. Die Lehrer sind aus dem
Fonds der Moschee besoldet und zum Theil die Schüler auch, alle haben
wenigstens freies Logis und freie Kost. Die Karubin wird für eine der
reichsten Moscheen gehalten, ein Drittel der Läden oder Gewölbe in Fes
gehören ihr zu, die Aecker und Gärten sind zahlreich, und wenn manchmal
auch die früheren Machthaber von Fes sich aller Einkünfte der Moschee und
ihrer Güter bemächtigten, so machten dafür andere dies doppelt wieder gut.
Die mohammedanische Geistlichkeit hat ebenso gut einsehen gelernt wie
andere, dass die Macht der Geistlichkeit auf _Geld und Grundbesitz_
beruhe, und, eigenthümlich genug, obschon auch Mohammed lehrt wie Jesus
Christus, "ihr sollt kein Gold und Silber in euren Taschen tragen," "ihr
sollt dem Mammon nicht dienen," sehen wir, dass die mohammedanische
Geistlichkeit nicht weniger darauf bedacht ist Schätze anzusammeln, um zu
Macht zu kommen, als die aller anderen Religionen.
Wie reich die Karubin schon zur Zeit Leo's war, geht aus seiner
Beschreibung hervor: "die tägliche Einnahme macht 200 Ducaten [87] aus, in
der Nacht zündet man 900 Lampen an, ausserdem giebt es grosse Leuchter, von
denen jeder Platz für 1500 Lampen hat etc." Jene grossen Leuchter müssen
wohl im Laufe der Zeit verschwunden sein; aus christlichen Glocken, wie Leo
erzählt, geschmolzen, dienten sie einem Sultan vielleicht später dazu, in
Kanonen umgegossen zu werden. Die zahlreichen übrigen Oellämpchen und
grossen Krsytallkronleuchter [Krystallkronleuchter] sind aber noch
vorhanden. In einem anstossenden Zimmer befinden sich noch verschiedene
grosse Uhren, Compasse, Magnete u. dergl., ohne dass ich eigentlich wüsste,
dass man sich dieser Sachen bediene.
[Fußnote 87: "Ducaten" in der deutschen Uebersetzung Leo's von
Lorsbach, ist wohl dahin zu verstehen, dass Ducaten = einem Metkal,
also ungefähr = 1 Fr. 25 C. ist, aber immerhin würde die tägliche
Summe 250 Fr. für damalige Zeit eine grosse Summe sein.]
Die andere Moschee, welche wegen ihrer eigenthümlichen Bauart einerseits,
dann wegen ihrer Berühmtheit als Asyl zu nennen ist, ist die, welche den
Namen und die irdischen Reste des Gründers der Stadt trägt, die Djemma el
Mulei Edris. Sie ist dicht bei der vorigen gelegen, nur durch eine schmale
Gasse davon getrennt. Sie zeigt sich eigentlich auch nur von dieser Gasse,
Bab es ssinsla[88], Kettenthor genannt, mit einem grossartigen und hübschen
Portale in Hufeisenform, alle anderen Seiten sind ummauert. Die Mulei Edris
Moschee unterscheidet sich dadurch von allen übrigen kirchlichen Gebäuden
Marokko's, dass sie keinen Hof hat, denn eine kleine Arkadenreihe ist
offenbar erst später angelegt. Es deutet dies auf das hohe Alterthum des
Gebäudes hin, wobei man die Nachahmung des christlichen Tempels noch
wahrnehmen kann.
[Fußnote 88: Bab es ssinssla oder ssilsla = Kette, weil sie mit einer
eisernen Kette querüber abgeschlossen ist, jedoch so dass man zu
Fusse an beiden Seiten vorbeigehen kann. Aber hier in dieser
heiligen Strasse, bei dem Portale Mulei Edris' vorbei, darf kein
Jude (Christen kommen ja ohnedies nicht nach Fes) sich zu zeigen
wagen, Tod oder sein Uebertritt zum Islam würde unmittelbare Folge
einer Ueberschreitung des Verbotes sein. Aber auch Gläubige dürfen
in dieser Strasse nicht rauchen oder sich dem Opium- und
Haschisch-Genusse hingeben.]
Das Hauptgebäude, welches auf einen kleinen von Arkaden eingeschlossenen
Vorhof folgt, besteht in einem einzigen nach Osten gerichteten Schiffe;
fast viereckig von Form, ohne Säulen wird das Ganze von einem sehr hohen
achteckigen Dache bedeckt, welches inwendig aus Holzskulpturen besteht,
dessen äussere Seite jedoch Ziegel zeigt. Diese Dachziegeln sind bei allen
monumentalen Gebäuden immer selber Art und auf selbe Art gelegt, wie in
Italien und Spanien. Dicht bei der Kibla-Nische befindet sich das prächtige
Grabmal Mulei Edris', dessen kostbare Tuchdecken alle Jahre erneuert
werden. Das Innere der Moschee enthält ausserdem viel Gold und Silber,
Geräthe, Offranden, was eigentlich gegen die Satzungen des Koran streitet.
Auch an der Aussenwand der Djemma el Mulei Edris befindet sich eine
silberne Tafel mit massiv goldenen und erhabenen Buchstaben, welche eine
Legende der Erbauung der Moschee enthält. Diese Tafel ist, um der Witterung
vollkommen widerstehen zu können, unter Glas.
Die Moschee, welche Asyl ist, d.h. wo geflüchtete Verbrecher vor der
Verfolgung weltlicher Gerechtigkeit sicher sind, ist ausserdem Sauya.
Freilich ist mit dieser Sauya kein religiöser Orden verbunden, der
eigentliche religiöse Orden Mulei Edris befindet sich in Uesan, aber sonst
hat sie nicht nur Einrichtungen, um Pilger zu beherbergen und zu bewirthen,
sondern auch eine grossartige Schule ist damit verbunden.
Alle übrigen Moscheen von Fes, obschon noch sehr grosse vorhanden, so
namentlich eine von Mulei Sliman in Neu-Fes errichtete, sind gegen diese
beiden gehalten kaum der Beschreibung werth. Es befinden sich im ganzen
jetzt in Fes eilf Moscheen, in welchen Freitags das Chotba-Gebet gehalten
wird, welchen man also gewissermassen den Rang unserer christlichen
Pfarrkirchen zuerkennen könnte. Im übrigen giebt es aber noch eine sehr
grosse Anzahl Moscheen, manche grösser an Umfang als jene, worin Chotba
gelesen werden, obschon die Zahl von 700, welche Leo anführt, heute nicht
mehr existirt und auch wohl zu seiner Zeit übertrieben war.
Ebenso existiren heute nicht jene zwei Collegien für Studenten, von denen
Leo so grossartige Berichte giebt; ausser den Lehrstühlen an der Karubin
hat Fes nur niedrige Schulen, Medressa, worin den Schülern nothdürftig und
mechanisch lesen und schreiben gelehrt wird. Solcher Schulen giebt es eine
grosse Anzahl, vielleicht über hundert.
Hospitäler hat Leo auch aufgeführt, es sind dies aber keine Hospitäler nach
unserem Sinne, d.h. Krankenhäuser, sondern vielmehr Hospitäler (Gasthäuser)
im wahren Sinne des Wortes. Schon die Beschreibung, die Leo davon giebt,
deutet darauf hin, dass man es zu seiner Zeit ebenso wenig mit Hospitälern
oder Lazarethen nach unserem Sinne zu thun hatte. Es sind dies Stifte, wo
Pilger, Reisende, müde Wanderer ausruhen können, und während einer gewissen
Zeit unentgeltlich Kost und Logis erhalten. Es war dieser Brauch, in den
Städten solche Stifte zu haben, nicht nur in mohammedanischen Ländern
heimisch, sondern zur Zeit, als das Gasthofleben noch nicht so ausgebildet
war wie jetzt, auch in allen christlichen Ländern zu finden. In vielen
europäischen Städten existiren noch jetzt solche Einrichtungen, z.B. in
Savoyen, in Frankreich und Italien. Eigentliche Hospitäler, d.h.
Krankenhäuser, giebt es in Fes nicht.
Indess besitzt Fes eine Anstalt, wie sie keine andere Stadt Marokko's
aufzuweisen hat; eine Irrenanstalt oder vielmehr ein Narrenhaus. Man denke
sich aber keineswegs eine Anstalt, welche Heilung oder Wohlbehagen dieser
unglücklichen Geschöpfe im Auge hätte, mit dergleichen Versuchen plagt sich
der Mohammedaner nicht. Man findet in diesem Gebäude, in dem zur Zeit als
ich es besuchte etwa 30 Individuen sein mochten, nur Tobsüchtige oder Irre,
die durch ihr Wesen dem Nebenmenschen sich gefährlich gemacht haben;
gutmüthige Narren, Idioten u.s.w. lässt man ruhig laufen, ebenso die
religiös Wahnsinnigen, die noch obendrein als Heilige verehrt werden.
Der Zustand in diesem Narrenhause ist ein entsetzlicher, und es gleicht
dasselbe mehr einer Gefängnisshöhle als sonst einem Gebäude. In langen
Zimmern, worin auf dem blossen Steinboden im grössten Schmutze
halbverhungerte Gestalten mit dicken eisernen Ketten an die Wände
festgemauert sind, fast alle nackt, ohne jegliche Pflege und Sorgfalt,
verbleiben diese Unglücklichen hier, um die Welt nie wieder zu betreten.
Die Anstalt selbst wird durch Vermächtnisse unterhalten.
Erwähnt zu werden verdienen sodann die vielen Bäder, welche zum Theil
Privaten gehören, zum Theil Eigenthum der Regierung oder der Moscheen sind.
Eingerichtet sind sie wie alle warmen Bäder im Orient, in Aegypten oder den
übrigen Berberstädten, so dass ich eine specielle Beschreibung nicht für
nothwendig halte. Der Luxus der algerinischen oder ägyptischen Bäder ist
hier aber nicht bekannt, Handtücher zum Abtrocknen werden nicht gereicht,
dafür sind sie aber auch so billig, dass selbst der Aermste sich häufig den
Genuss einer gründlichen Reinigung gewähren kann. Die Bäder geringster
Sorte kosten nur 3 Flus, die theuersten nicht ganz 2 Mosonat.
Gasthäuser oder Fenaduk (pl. von Funduk) giebt es zweierlei Art in Fes. Es
möchte auffallen, dass bei der Anwesenheit von Sauyat bei der Einrichtung
der eben erwähnten Hospizen, ausserdem noch Gasthöfe nothwendig sind,
namentlich wenn man in Erwägung zieht, dass der Marokkaner der gastfreieste
Mensch der Welt ist. Und dennoch ist dem so. Die Gastfreiheit ist auf dem
Land eine fast möcht' ich sagen unbegrenzte; aber in den Städten, wo
täglich ein so grosser Zusammenfluss von Fremden ist, wird sie natürlich
nicht geübt. In den Sauyat und Hospizen ist es Regel, einen Fremden nicht
länger als drei Tage zu behalten. Man hat also, um die Fremden, welche
einen längeren Aufenthalt nehmen wollen, zu beherbergen, Gasthöfe
einrichten müssen. Die grosse Zahl solcher Gebäude spricht für den grossen
Fremdenverkehr in Fes, obschon die Zahl von 200, die Leo angiebt, wohl
übertrieben ist.
Es giebt Fenaduk, welche gebaut sind, Menschen und Vieh zu beherbergen, und
solche die nur Platz für Menschen und allenfalls für ihre Waaren haben.
Erstere haben in der Regel eine entsetzliche Einrichtung. Ein grosser,
meist viereckiger und ungepflasterter Hofraum, wo sich Pferde mit Kameelen,
Maulthiere mit Eseln um den Platz streiten, wird von allen Seiten von
kleinen Zimmern umgeben, die nur Zugang und Licht durch eine kleine
niedrige Thür bekommen. Meist sind diese Zimmer selbst nicht grösser, als
dass man ausgestreckt darin liegen kann. Von Aufwartung ist natürlich keine
Rede, der Neuangekommene muss, hat er überhaupt Sinn für Reinlichkeit, den
Schmutz, den sein Vorgänger als Andenken im Zimmer zurückgelassen
hat, eigenhändig hinauskehren. Ein Portier, der meist kauadji
(Kaffee-Ausschenker) ist, steht dem Ganzen vor, oft ist er Besitzer, oft
Verwalter, oft bloss Miether. Die Gebühren stehen natürlich mit der
schlechten Einrichtung im Einklange, für ein Zimmer zahlt man
durchschnittlich täglich nur eine Mosona, für ein Thier ebenso viel.
Viel besser sind die Fenaduk eingerichtet, wo man nur Reisende aufnimmt,
die ohne Thiere sind. Diese sind meistens mitten in der Stadt gelegen,
einige sogar in der eigentlichen Kesseria, dem Handelscentrum, der "Börse"
könnte man fast sagen, von Fes. Grosse mehrstöckige Gebäude, sind die
Zimmer dieser Gasthöfe geräumig, haben oft, ausser der Thür nach dem Hofe
oder nach den Gallerien zu, noch vergitterte Fensteröffnungen. Die Zimmer
sind gut ausgeweisst, der Fussboden mit "Slaedj" belegt, sonst aber ist von
Möbeln natürlich nichts zu finden; aber der bemittelte oder reiche Kaufmann
hat auch sein ganzes Meublement bei sich: eine gute Matratze, ein Teppich,
einige Matten und Kisten vervollständigen dasselbe. Es fehlt auch der
grosse Messingteller, ssenia, nicht mit dem Theetopf aus Britannia-Metall
und sechs kleinen Theetassen. Ein Bochradj, d.h. ein Kessel zum Sieden des
Wassers, ist auch unentbehrlich. Die Miethe von solchen Zimmern variirt von
vier Mosonat bis zu sechs und mehr per Tag. Die Kaffeebuden, welche sich am
Eingang oder im Innern eines solchen Funduk befinden, gehören zu den
besten.
Solche Wirthshäuser, wie Leo sie beschreibt, als von unanständigen Wirthen,
sog. el kahuate bewohnt, wo auch lüderliche Weibspersonen sich
herumtreiben, giebt es jetzt in Fes nicht mehr, vor den Thoren ist
allerdings ein Viertel, welches in dieser Hinsicht in schlechtem Rufe
steht; eigentliche Prostitution aber findet man überhaupt in Marokko nur in
Mikenes.
Dagegen giebt es zahlreiche Kaffeehäuser, wo Kif, d.h. das getrocknete
Kraut vom indischen Hanfe (Can. indica) geraucht und gegessen wird, auch
Opium wird in diesen Kaffeehäusern gegessen; die Sitte des
_Opiumrauchens_ kennt man im Rharb nicht. Die Polizei oder Regierung
thut gegen diese schädlichen Genüsse nichts, wie denn auch Haschisch und
Opium mit Taback zusammen nur von solchen Kaufleuten in der Stadt verkauft
wird, die sich dazu einen Schein von der Regierung gekauft haben. Es
herrscht also--denn nicht nur in Fes ist dies der Fall, sondern in allen
binnenländischen marokkanischen Städten--für die Städte eine Art Taback-,
Opium- und Haschisch-Regie.
Anständige Leute hüten sich indess wohl, in solche Kaffeehäuser zu gehen,
obschon fast Jeder in Fes dem Genüsse des Haschisch fröhnt, aber nur
heimlich und im Innern der Wohnung. Desto strenger ist dagegen der Verkauf
von Schnaps und Wein verboten, obschon beides in Fes für Geld und gute
Worte zu haben ist; ersterer wird von den Juden destillirt aus Feigen,
Rosinen oder Datteln, wird wohl auch von Gibraltar her eingeschmuggelt;
letzterer wird in der Lesezeit von Juden sowohl wie von Mohammedanern
bereitet.
Es würde zu weit führen, wollten wir alle Handwerke, Industrien,
Manufacturen und Handelszweige einzeln aufführen. Es genügt, wenn wir hier
vorzugsweise das nennen, wodurch Fes heut excellirt, und wenn wir
hervorheben, dass selbst heute Fes noch immer den ersten Rang unter allen
Handelsstädten vom ganzen Rharb einnimmt.
Um letzteres zu erhärten, führe ich nur an, dass mir während meines
Aufenthaltes in Fes manchmal Facturen gezeigt wurden, von französischen,
englischen oder spanischen Handlungshäusern herstammend, die sich auf
50,000 Frcs. beliefen. Man kann in der That also wohl behaupten, dass Fes
auch Engros-Handel besitzt, wie es denn wirklich vornehme Kaufleute genug
dort giebt, welche mit Marseille, Gibraltar, Cadix oder Lissabon
Auseinandersetzungen haben, welche die eben angeführte Summe jährlich noch
übersteigen. Es versteht sich von selbst, dass dieser Handel meist durch
Vermittlung abgeschlossen wird; aber auch oft genug kommt es vor, dass ein
Fessi auf der Pilgerfahrt nach Mekka Station in Marseille macht, dass er in
Gibraltar längeren Aufenthalt hat, ja ich lernte Kaufleute in Fes kennen,
die direct, bloss um Waaren zu kaufen oder um Handelsbeziehungen
anzuknüpfen, eine Reise nach Cadix oder Lissabon unternommen hatten.
Alle diejenigen, welche in den berberischen Staaten gewesen sind, welche
sich in den leichter zugänglichen Städten Bengasi, Tripolis, Sfax, Tunis
und anderen Orten aufgehalten haben, wissen, wie gross das Vertrauen
europäischer Kaufleute ist; den Eingebornen werden oft Waaren von sehr
bedeutendem Werth auf Credit verabfolgt. Man borgt selbst Kaufleuten aus
dem fernen Innern, wo jede Reclamation, falls man betrogen würde, unmöglich
wäre. Und doch kommt es sehr selten vor, dass irgend Jemand sich eines
Betrugs schuldig macht. Von Timbuctu, Kano, Bornu, Mursuk und Rhadames
sehen wir Kaufleute auf Credit in Tunis, Tripolis oder Kairo Waaren
entnehmen; sie ziehen damit in ihre Heimath, jahrelang bleiben sie manchmal
verschollen, aber nachdem sie ihre Waaren verkauft haben, laufen immer
Gegenwaaren oder Gelder ein, und der europäische Kaufmann wird befriedigt.
So machen es die Fessi auch; die Waaren, welche sie sich en gros von Europa
holen, bestehen vorzugsweise in roher und verarbeiteter Seide, in
Baumwollenstoffen, Tuchen, Papier, Waffen, d.h. langen Flinten und Säbeln,
Pulver, Thee, Zucker, Droguen und Gewürzen. Es giebt überhaupt jetzt fast
keinen Artikel, den man in Fes nicht fände.
Die Engros-Händler haben ihre Waaren bei sich im Hause, die meisten aber
haben zugleich ein Hanut, d.h. ein Verkaufsgewölbe, wo sie entweder selbst
verkaufen oder verkaufen lassen. Der Punkt, wo der Haupthandelssitz ist,
heisst die Kessaria; derselbe liegt im Centrum von Alt-Fes, dicht bei der
Karubin- und Mulei-Edris-Moschee, die zum Theil von der Kessaria umgeben
sind.
Leo will das Wort Kessaria vom lateinischen Caesar ableiten; zur Zeit der
römischen Herrschaft hätten in den mauritanischen Städten einige ummauerte
Centren bestanden, damit die kaiserlichen Beamten hier ihre Zolle erhöben,
und wo zu gleicher Zeit dann die innewohnenden Kaufleute die Verpflichtung
gehabt hätten, mit ihren eigenen Gütern das Eigenthum der kaiserlichen
Regierung zu beschützen. Man findet übrigens den Ausdruck Kessaria als
Marktplatz in allen Städten Nordafrika's.
In dieser Kessaria finden wir alle feineren und vorzugsweise die von Europa
kommenden Waaren. Die Kessaria besteht aus einem grossen Complex von nicht
für Thiere zugänglichen Strassen, zum Theil durch Häuser, zum Theil aber
auch nur durch Gewölbe gebildet. Alle Strassen sind überdacht. Wir haben
hier Gänge mit Buden wo Specereien, andere wo Essenzen, andere wo Thee und
Zucker[89], andere wo Porzellan, d.h. vorzugsweise Vasen, Gläser, Tassen
und Teller, andere wo Tuche, andere wo Seidenstoffe, andere wo Lederwaaren
verkauft werden. Auch Uhrläden, zwei oder drei, ja sogar eine Pharmacie ist
vorhanden, wenn man so eine Ansammlung fast aller Medicamente, worunter
auch Chinin, Tartarus stib. und Ipecacuanha, nennen kann. Ein gewisser
Djaffar hat sich diese Medicamente von Lissabon geholt, und ein
Verzeichniss in portugiesischer Sprache zeigt zugleich die zu gebende Dose
an und die Krankheit, wogegen die Medicin gegeben wird.
[Fußnote 89: Thee und Zucker wird in ganz Marokko als eine
zusammenhängende Waare verkauft, wenigstens hält es sehr schwer Thee
allein zu bekommen. Auf ein halbes Pfund Thee werden fünf Pfund
Zucker gerechnet. Der Thee selbst, von Engländern importirt, ist von
der grünen Sorte und schlechter Qualität.]
Tritt man aus der Kessaria heraus, so kommt man ins eigentliche
industrielle Leben hinein. Hier eine lange Reihe von Buden, wo gelbe, rothe
und buntfarbige Pantoffel verarbeitet werden, dort dicht dabei Gerber,
welche das buntgefärbte weiche Corduan, Marocain- und Saffian-Leder
verkaufen. Zeigt schon der Name an, dass zuerst die Kunst, das Schaf- und
Ziegenleder zu jener schönen Weiche, mit der grössten Zähigkeit verbunden,
zuzubereiten, von den Mohammedanern in Cordova erfunden wurde, später aber
die berühmtesten Gerbereien in Marokko selbst und noch später in Saffi
(Asfi) sich befanden, so scheinen heute die schönsten Leder in Fes bereitet
zu werden, wenigstens sind in ganz Nordafrika die Leder von Fes als die
feinsten und dauerhaftesten gerühmt.
Aber man kommt nicht gleich aus der Kessaria in die labyrinthischen
Handwerkerstrassen, man hat, wenigstens auf dem Wege nach Neu-Fes hin,
zuerst die Blumenbuden zu durchwandern, und es bilden die Blumen einen
hübschen Uebergang von der Industrie zum Handel. Es ist eigenthümlich,
welche Vorliebe von jeher die Bewohner von Fes vor den übrigen Marokkanern
für Blumen gehabt zu haben scheinen, wie denn auch die Cultur derselben in
Gärten überall hervortritt.
Das Haus, welches der Bascha-Gouverneur von Fes mir als Aufenthalt
angewiesen hatte, lag am Abhange der östlichen Hügel. Von einem Arme des
Ued Fes durchflossen, waren ausser Orangen, Feigen, Oliven, Aprikosen,
Pfirsichen und Granaten, überall blühende Rosenstöcke, grosse Büsche
Jasmin, Nelken, Veilchen und stark duftende Kräuter.
Diese findet man denn auch vorzugsweise in der Blumenabtheilung, hier sind
Jasmin, Basilik, Nelken, Hyazinthen, Rosen, Narcissen, Pfefferminze,
Absinth, Thymian, Majoran, dort sind ganze Blumenbouquets, Meschmum en nuar
genannt, zu haben. Gemüse und Obstbuden schliessen sich daran.
Von solchen Gewerken, worin Fes noch heute vorzugsweise glänzt, nenne ich
ferner die Töpferwaaren. Grosse Schüsseln, kleine Leuchter und Lampen und
dergleichen Gegenstände werden aus einem porcellanartigen Thone sehr schön
hergestellt. Nach Art unserer alten deutschen Thonwaaren sind sie mit
groben blauen Figuren bemalt und glasirt.
Hieran schliessend, erwähne ich der "Slaedj," kleine Fliesen von bunten
Farben, die ebenfalls in Fes fabricirt werden. Wenn einst die
Waffenschmiede in diesen Ländern berühmt waren, so sieht man jetzt in den
Gewölben nur europäische Fabrikate ausgestellt. Ebenso haben die früher so
bekannten rothen Mützen (daher der Name "Fes," den wir jetzt noch den
rothen Mützen geben) sich nicht auf ihrer einstigen Höhe halten können,
nicht nur die von Tunis sind jetzt bedeutend besser, sondern selbst in
Livorno werden sie billiger und schöner hergestellt. Besonders hervorheben
müssen wir sodann die Manufacturwaaren von seidenen Schärpen, 3-4 Fuss
breit, 40-50 Fuss lang; es sind diese seidenen von Gold durchwirkten Stoffe
das Kostbarste, was Fes auf den mohammedanischen Markt bringt, und
heutzutage das Einzige, worin es unübertroffen dasteht.
Von allen übrigen Handwerken finden wir in Fes nichts, was die Stadt
vorzugsweise auszeichnete, aber alle sind in so grosser Menge vertreten,
dass man auf den ersten Blick sieht, es wird hier nicht bloss für die
Bedürfnisse der Stadt gearbeitet, sondern für das ganze Land.
Die lange Strasse, welche Alt-Fes mit Neu-Fes verbindet, ist denn auch
weiter nichts als ein Bazar, und es herrscht hier natürlich die grösste
Frequenz, nicht nur weil alle Leute vorzugsweise diesen verhältnissmässig
breiten Weg benutzen, um von einer zur andern Stadt zu kommen, sondern auch
weil ein Hauptkarawanenweg hier durchführt, auf dem sich beständig lange
Reihen von beladenen Kameelen, Maulthieren und Eseln fortbewegen. Verfolgt
man diesen Weg weiter nach Neu-Fes hinein, so findet man sich gleich darauf
vor dem ummauerten Stadttheile der Juden, der Melha. Die Juden aber dürfen
_nur_ in Neu-Fes und hier abgesondert von den Gläubigen in einem
ummauerten Viertel, das gleich an das kaiserliche Palais stösst, wohnen.
Und sie sind gern hier, denn so sehr sie auch den Vexationen und
Erpressungen der Regierung des Sultans ausgesetzt sind, so haben sie doch
längst einsehen gelernt, dass es besser ist unter dem Schutze selbst der
despotischsten Herrschaft zu wohnen, als der Willkür eines dummen und
fanatischen Volkes preisgegeben zu sein. Im Judenviertel herrscht übrigens,
was Handel und Wandel, was Industrie und Handwerke anbetrifft, eben das
geschäftliche und rege Treiben, wie in der Kessaria und den Strassen von
Alt-Fes.
Vorzugsweise sieht man Gold- und Silberarbeiten in den Händen der Juden,
die Nadeln, welche dazu dienen, das Haar der Frauen oder ihre Kleider zu
befestigen, Fingerringe, Arm- und Fussbänder (auch die marokkanischen
Frauen tragen oberhalb der Knöchel schwere kupferne oder silberne Ringe)
werden fast ausschliesslich von den Juden hergestellt. Ebenso ist die
Secca, d.h. Münze, nur von den Juden bedient. Es ist dies ein ziemlich
ansehnliches Gebäude, welches Theil des Palastes des Sultans ist und
unmittelbar an die Melha anstösst.
An einheimischen Münzen haben die Marokkaner jetzt nur den Fls (pl. flus),
eine kleine Kupfermünze, welcher auf einer Seite das Salomon'sche Siegel,
d.h. das bayerische Bierzeichen (zwei durcheinandergehende Dreiecke), und
auf der anderen Seite Jahreszahl und Prägungsort (auch in Tetuan befindet
sich eine Münze) zeigt, dann zwei Flus-Stücke, udjein genannt, ebenfalls
geprägt. Sechs Flus bilden die imaginäre Münze, Mosona genannt: eine Mosona
giebt es nicht geprägt. Sie ist ungefähr gleich einem Sou.
Vier Mosonat bilden sodann eine Okia, d.h. Unze, ebenfalls nur ein
Ausdruck, aber acht Mosonat oder zwei Unzen ist die kleinste, und 10
Mosonat oder 2-1/2 Unzen die grösste _geprägte_ Silbermünze. 10 Unzen
bilden die imaginäre Münze Metkal. Und die einzige _geprägte_
Goldmünze, Bendki genannt, besteht aus 2-1/2 Metkal. Im übrigen gelten die
französischen und die spanischen Silbermünzen im ganzen Lande, und
französisches, spanisches und englisches Geld überall nördlich vom Atlas.
Der einst so beliebte spanische Bu-Medfa-Thaler, so genannt von den beiden
Herkulessäulen, welche die Marokkaner für Kanonen halten, ist fast ganz aus
dem Handel verschwunden, dagegen hat der französische fünf Francs-Thaler
Platz gegriffen. Frankreich lässt für Marokko auch silberne 20
Centimes-Stücke schlagen[90], welche in Marokko im Werthe einer Unze
cursiren. Der österreichische Maria-Theresien-Thaler, der sonst in ganz
Afrika ohne Nebenbuhler herrscht, wird in Marokko äusserst selten
gefunden.
[Fußnote 90: Wenigstens muss man so annehmen, da man in Frankreich
selbst die 20 Cent.-Stücke fast gar nicht sieht, hingegen in Marokko
sie äusserst zahlreich und von allen Jahrgängen vertreten findet.]
Die Maasse und Gewichte sind in Marokko fast für jede Stadt
_verschieden_, für die Länge hat man die Elle, Draa mit Brüchen als
Unterabtheilung, dann Zoll, für das Gewicht das Pfund, Unze, Metkal
(letzteres für Goldstaub) für flüssige und trockene Sachen, endlich
verschiedene Maasse.
Administrirt wird die Stadt von zwei Gouverneuren, von denen der eine den
Titel "Bascha" hat und Alt-Fes vorsteht, während der andere "Kaid" genannt
wird und über Neu-Fes herrscht. Es scheint hieraus hervorzugehen,
einestheils dass die Regierung des Sultans beide Städte als vollkommen
getrennt betrachtet, und andererseits Neu-Fes mehr als eine Festung
angesehen, während Alt-Fes als wichtiger gehalten wird, dadurch dass man es
von einem Bascha administriren lässt. In den Wohnungen des Bascha und Kaid
wird zu gleicher Zeit täglich Recht gesprochen. Der Kadi jeder Stadt findet
sich dort täglich ein, und alle Rechtsfälle werden auf der Stelle zur
Entscheidung gebracht. Es kann sodann an den Bascha oder Kaid appellirt
werden, und von diesen an den Grosswessier oder Sultan selbst.
Es kommt gar nicht selten vor, dass Kläger sich von dem Kadi an den Bascha
und von diesem an den Sultan wenden. Gegen Stockstrafe oder Knutenhiebe
wird fast nie remonstrirt, wohl aber gegen Geldbusse. Der Kadi and Bascha
haben Strafvermögen in unbegrenztem Masse, indess werden selten Knutenhiebe
über 300 an der Zahl ausgetheilt, die Geldbussen aber so hoch wie möglich
hinaufgetrieben. Grösserer Diebstahl hat immer das Abhacken zuerst der
linken, dann beim Rückfall das der rechten Hand zur Folge. Hat man keine
Hände mehr zum Abschlagen, so kommen die Füsse an die Reihe, oft bei
grossen Diebstählen oder gravirenden Umständen werden auch gleich die Füsse
abgehauen. So wurden einem Landbewohner, der im Sommer, als ich mich in Fes
befand, ein Pferd des Sultans gestohlen hatte, der rechte Fuss und die
linke Hand abgehackt. Das aus der Altstadt nach Neu-Fes zu führende Thor
hat immer eine Menge solcher Trophäen auszuweisen, auch Köpfe von
hingerichteten Verbrechern haben hier ihren Ausstellungsort, während meiner
Anwesenheit in Fes sah ich indess keinen Kopf ausgestellt.
Das Recht wird übrigens vollkommen willkürlich gesprochen, und Bestechungen
sind an der Tagesordnung.
In Neu-Fes war in den ersten sechziger Jahren ein Schwarzer, ein ehemaliger
Sklave Namens Faradji Kaid. Dieser hatte schon seit mehr als 50 Jahren
diesen Posten inne, und galt als ein Phänomen. Er hatte unter Sultan Sliman
die Stelle bekommen, sie unter Abd-er-Rhaman behauptet, und war auch von
Sidi Mohammed, dem jetzigen Sultan, bestätigt worden. Im ersten Jahre der
Regierung des jetzigen Kaisers wurde Faradji verläumdet, man machte den
Sultan auf seine ungeheuren Reichthümer aufmerksam, man deutete darauf hin,
dass Faradji, der doch ehemals nur Sklave gewesen, diese grossen
Reichthümer wohl nur durch Erpressung, Bestechung oder gar dadurch, dass er
sich am Eigenthum des Sultans selbst vergriffen, habe erwerben können. Der
Sultan liess Faradji kommen, und befahl ihm, da er gehört habe Faradji habe
_fremdes_ Eigenthum, er überdies ja als ehemaliger Sklave nichts
besessen habe, das fremde Eigenthum, und namentlich das was ihm, dem
Sultan, zukomme, von seinem zu sondern. Der schlaue Faradji erwiederte
nichts, ging in den Pferdestall des Sultans, entledigte sich seiner
Kleidungsstücke, zog einen alten wollenen Kittel über, und fing an den
Stall zu kehren. Der Sultan fragte einige Zeit später nach Faradji, und war
erstaunt als derselbe im ärmlichsten Anzüge vor ihm erschein. Befragt,
warum dies, erwiederte er: "Ja Herr, Du befahlst meine Habe von der
Deinigen zu trennen! Als ich von Deinem Grossoheim Mulei Sliman gekauft
wurde, hatte ich nichts als diesen wollenen Sklavenkittel, den ich zum
Andenken meiner Herkunft aufbewahrt habe, und auch dieser gehört ja, streng
genommen, nicht einmal mir, wie konnte ich also mein Eigenthum von Deinem
trennen, bin ich nicht noch immer Dein Sklave? Lass von Deinem Diener alles
nehmen, alles was ich verwaltete, ist Dein rechtmässiges Eigenthum."
Man kann sich denken, dass der auf diese Art die Grossmuth des Sultans
anrufende Faradji leichtes Spiel hatte, in der That umarmte ihn Sidi
Mohammed, und Faradji wurde aufs neue in seine Kaidwürde eingesetzt, und
ihm alle seine Güter gelassen. Als der Sultan von Neu-Fes nach Mikenes
übersiedelte, besuchte ich mehreremal Faradji, er war immer sehr freundlich
und zuvorkommend, pflegte den ganzen Morgen, auf einem Teppich sitzend, vor
dem Magazin (es ist dies der officielle Ausdruck für das Palais des
Sultans, und bedeutet zugleich die ganze Regierung) zuzubringen. Faradji
war ein stattlicher schwarzer Greis mit intelligenten Gesichtszügen und
schönem, wenn auch nur spärlichem weissem Barte. Seiner eigenen Meinung
nach war er 1863 neunzig Jahre alt, was wohl eher zu wenig als zu viel sein
dürfte, da er schon unter Sultan Sliman[91], also zur Zeit als Ali Bey
Marokko besuchte, Kaid war.
[Fußnote 91: Die jetzige Dynastie in Marokko wird die der Filali
genannt, weil der Gründer Mulei Ali ans Tafilet (der Bewohner
Tafilets heisst ein Filali) stammt. Dessen Sohn Mulei Mohammed wurde
von seinem Bruder Mulei Arschid vom Throne gestürzt, und dieser, der
von 1664-1672 regierte, war nach Jussuf ben Taschfin der mächtigste
Monarch. Die Grausamkeit dieses Sultans wurde von den raffinirten
Grausamkeiten Mulei Ismaëls, der sein Bruder war und ihm 1672
folgte, noch übertroffen. Ismaël, jetzt einer der grössten Heiligen
von Marokko, regierte bis 1727. Nach ihm folgte Mulei Ahmed Dehabi,
vierter Sohn Ismaëls, regierte jedoch nur bis 1729; sein Bruder
Mulei-Abd-Allah folgte bis 1757, und nach ihm kam sein Sohn Sidi
Mohammed, der bis 1790 regierte und im Jahre 1760 Mogador gründete.
Die beiden folgenden Söhne, Mulei Mohammed Mahdi el Tisid und Mulei
Haschem regierten nach einander zusammen nur zwei Jahre. Mulei
Sliman behauptete sodann den Thron von 1792-1822, und nach ihm
regierte Mulei Abd-er-Rhaman ben Hischam bis 1859, und dessen
zweiter Sohn, Sidi Mohammed, behauptet heute noch den Thron.]
Si Mohammed ben Thaleb, der Bascha von Alt-Fes, dessen Gast ich während der
ganzen Zeit meines Aufenthalts in Fes war, hatte freilich ein ganz anderes
Schicksal. Er war ein Mann von rechtlichem Charakter und vollkommen
vorurteilsfrei, was in Marokko viel sagen will; ich finde in meinem
Tagebuch sogar die Notiz: "Ben Thaleb war der einzige wirklich ehrliche und
durchaus rechtliche Mensch, den ich in Marokko kennen lernte." Gebürtig aus
Ain Tifa, einem Orte etwa einen Tagemarsch südöstlich von der Stadt
Marakisch gelegen, war er fast unabhängiger Herrscher über eine dortige
Berbertribe, welche seiner eigenen Aussage nach sieben Hauptstämme
umfasste. Mächtig und reich (er verkaufte jährlich für etwa 200,000 Fr.
Mandeln nach Ssuera), wäre er gewiss lieber in seiner Stellung als
Berberchef geblieben, wie er überhaupt nie fröhlicher und vergnügter war,
als wenn seine Stammgenossen, Berber von der Heimath, ihn in Fes besuchten
und er mit ihnen Schellah oder Tamashirt reden konnte. Aufstände, wie sie
so häufig in Marokko vorkommen, verwickelten seine Berberstämme im Jahre
1846 gegen die kaiserliche Regierung; Ben Thaleb selbst betheiligte sich
jedoch nicht daran, sondern hielt mit seiner ganzen Familie zum Sultan. Der
Aufstand endete, wie in der Regel, mit der Niederlage der Rebellen, der
Sultan Abd-er-Rhaman aber, um einen so mächtigen Stamm für immer an sein
Haus zu ketten, ernannte ihren Schich Ben Thaleb zum Bascha-Gouverneur von
Fes, welche Stelle als die erste nach dem Uïsirat (Ministerium) im ganzen
Reich betrachtet wird. Der Berberstamm wurde durch eine so schmeichelhafte
Auszeichnung, die seinem Chef widerfuhr, vollkommen zum Sultan
hinübergezogen, und auch Ben Thaleb schien diesen Platz, der mehr als jeder
andere abwirft, zuerst nicht ungern angenommen zu haben.
Indess schon zu Lebzeiten Mulei-Abd-er-Rhaman's war Ben Thaleb wiederholt
um seinen Abschied eingekommen, er hatte in Erfahrung gebracht, dass ein
Gouverneur von Alt-Fes, der reichsten Stadt des Landes, nie eines
natürlichen Todes stürbe. In Marokko haben nämlich die Beamten eine ganz
andere Stellung als bei uns. Nicht dass sie vom Staate, wie denn dort Staat
und Sultan noch eins sind, oder vom Herrscher Gehalt bekommen, müssen sie
im Gegentheil der Regierung, oder der Casse des Sultans, Gelder abliefern.
Sie können allerdings dafür von ihren Schutzbefohlenen so viel erpressen,
wie sie wollen. Da nun jeder Beamte darauf ausgeht, seinen Säckel zu
füllen, ausserdem aber grosse Summen dem Sultan abzuführen hat, so kann man
sich denken, wie schlecht das Volk dabei fährt, und meistens sind
Uebersteuerungen und willkürliche Erpressungen die Ursachen der so häufigen
Revolten. Es ist dieses System auch andererseits Ursache der schlechten
Cultur des Bodens; abgesehen davon, dass weder Berber noch Semiten je etwas
im Ackerbau geleistet haben, giebt sich kein Mensch Mühe, den Boden so
ergiebig wie möglich zu machen, weil er weiss, dass die Erzeugnisse der
Regierung verfallen sind. Ebenso ist der Handel dadurch gelähmt, der reiche
Kaufmann von Fes sieht mit Bangen dem Tage entgegen, wo die Regierung sich
seiner Ersparnisse bemächtigt, und es giebt deshalb auch in keiner Stadt,
in keinem Ort Jemand, der nicht seinen geheimen Schatz hätte, der in der
Regel vergraben ist.
Der Bascha ben Thaleb regierte im Jahre, als ich Fes betrat, die Stadt seit
13 Jahren. Da er seinen Abschied auch von Sidi Mohammed nicht bekommen
konnte, tröstete er sich mit den Gedanken, diesem bei seinem
Regierungsantritt den wichtigsten Dienst geleistet zu haben, und rechnete
auf seine Erkenntlichkeit.
Wie bei jedem Kaiserwechsel, so waren auch bei dem Tode
Mulei-Abd-er-Rhaman's grosse Unruhen und Fehden um die Nachfolge
ausgebrochen. Es war vor allen der älteste Sohn des Sultan Sliman,
Namens Mulei Abd-er-Rhaman-ben-Sliman, der mit Hülfe der Franzosen
hoffte, den Thron seines Vaters wieder zu gewinnen, aber trotzdem er
seinen Sohn Hülfe bittend an den gerade mit der Niederwerfung der Beni
Snassen beschäftigten französischen General Martimprey schickte, konnte
er nicht aufkommen. Da war ferner der erste Sohn des verstorbenen
Sultans und älterer Bruder des jetzt regierenden, auch er wurde aus dem
Felde geschlagen, und wurde wie der ersterwähnte nach Tafilet
verbannt[92]. Der jetzt regierende Sultan Sidi Mohammed verdankte seine
schnelle Installirung hauptsächlich dem Umstande, dass sich Sidi el
Hadj-Abd-es-Ssalam von Uesan für ihn erklärte, dass er schon bei
Lebzeiten des Vaters Califa, d.h. Stellvertreter des Sultans gewesen und
grosse Schätze angesammelt hatte, und dass sich Ben Thaleb, der
Gouverneur von Fes, sofort zu seiner Partei bekannte.
[Fußnote 92: Beide Prinzen, die ich dort kennen lernte im Jahre 1863,
lebten in freiwilliger Verbannung, obschon man in Marokko behauptet,
die Regierung habe sie dorthin verbannt. Die Lage ist aber derart,
dass, wenn der Sultan seines Bruders und Vetters habhaft werden
könnte, er sie sicher würde hinrichten lassen.]
Der Bascha von Alt-Fes hatte indess gar nicht so leichtes Spiel, denn wenn
auch Faradji, der Gouverneur von Neu-Fes, des jetzigen Sultans Panier
ergriff, so hatte dieser mit seinen wenigen Soldaten genug zu thun, um das
Palais des Sultans und Neu-Fes vor Plünderung und Angriff zu schützen. Ben
Thaleb hatte aber ausser einem Dutzend Maghaseni (Reiter) nur von seinen
eigenen, mit Flinten bewaffneten Berbern vielleicht 50 Mann zur Verfügung.
Der jetzige Sultan war mit der Armee noch fern von der Hauptstadt.
Eines der wichtigsten Quartiere der Stadt, das der Djemma Mulei Edris,
vorzugsweise von Schürfa (Abkömmlingen Mohammed's) bewohnt, empörte sich
nun sofort nach dem Tode Abd-er-Khaman's und rief den ältesten Sohn des
Sultan Sliman zum Nachfolger aus. Aber sie hatten nicht auf Ben Thaleb's
eiserne Energie gerechnet: er liess fast vom ganzen Quartiere die
erwachsenen Männer decimiren, die Häuser der vornehmsten Schürfa wurden dem
Boden gleich gemacht, und alles was am Leben blieb, wurde seines Eigenthums
beraubt. Diejenigen nun, welche wissen was es heisst, einen Scherif in
Marokko beleidigen, strafen oder gar tödten, können sich denken, welche
Aufregung dieses Verfahren Ben Thalebs hervorrief, der nicht einmal Araber,
geschweige Scherif, sondern nur ein Brebber[93] war. Aber der Berber-Schich
war nicht der Mann, sich einschüchtern zu lassen, andererseits vertheilte
er den anderen Quartieren der Stadt je 2000 Metkal, ein ganz artiges
Sümmchen für 17 Quartiere. So brachte er durch Strenge und Güte es dahin,
dass Fes den jetzigen Sultan gleich anerkannte, und als der Vetter des
Sultans mit seinem Heere vor die Hauptstadt rückte, wurde er von den
Bewohnern von Fes, an deren Spitze Faradji und Ben Thaleb standen,
feindselig empfangen; er musste fliehen, als Sidi Mohammed herbeirückte,
diesem wurden die Thore geöffnet, und damit hatte Marokko einen Sultan,
[Fußnote 93: Bezeichnung für Berber in Marokko. Man sieht hieraus,
dass der Araber den Wahn, den Mohammed lehrte, das arabische Volk
sei besser als jedes andere, noch immer aufrecht erhalten. Es trug
dies wesentlich zum Untergange des arabischen Volkes bei, wie denn
auch die Juden den Dünkel das auserwählte Volk Gottes zu sein
schwer genug haben büssen müssen.]
Als Gast des Bascha's bezog ich mit meinem Dolmetsch, welcher Hauptmann der
regelmässigen Armee des Sultans war, ein Zimmer, welches zur Privatmoschee
des Bascha's gehörte, welche gleich neben seiner Amtswohnung gelegen ist.
Mit zunehmender Wärme wurde der Aufenthalt in diesem Zimmer bald
unerträglich, und als eines Tages der Bascha fragte, wie ich mit meiner
Behandlung zufrieden sei, machte ich ihn auf die unerträgliche Hitze
aufmerksam. Er rief einen seiner Diener und fragte ihn, welche Wohnung in
der Nähe der seinigen auf der Stelle zu haben sei; dieser bezeichnete einen
reizenden Sommersitz, welcher, obschon in der Stadt gelegen, einen hübschen
Garten habe, vom Fes-Flusse durchzogen würde, an die Wohnung des Bascha
anstiesse, "aber, fügte er hinzu, der Scherif, dem es gehört, hat seinen
Sommeraufenthalt schon darin genommen." "Geh' auf der Stelle und sage ihm,
ich brauche seine Wohnung," war des Bascha's kurze Antwort "Und du
Mustafa,"[94] fuhr er fort, "kannst heute noch umziehen, und wirst nun
gewiss zufrieden sein." Der Scherif schien indess nicht grosse Eile zu
haben; vielleicht glaubte er auch, weil er Scherif (Abkömmling Mohammed's)
sei, dem Befehle trotzen zu können. Kurz, als ich am folgenden Tage Ben
Thaleb besuchte und er sich nach meiner Wohnung erkundigte, musste ich
gestehen ich sei, weil der Eigenthümer sich noch immer in seinem Hause
befände, noch in meinem Moschee-Zimmer. Aber kaum liess der Bascha mich
vollenden; ein Diener wurde gerufen, er bekam Befehl, auf der Stelle den
Scherif mit seinem beweglichen Eigenthum auf die Strasse zu setzen; so
geschah es, und an demselben Tage konnte ich einziehen. Es würde nichts
genützt haben, hätte ich zartfühlend gegen diesen Befehl, den Eigenthümer
aus seinem Besitze zu vertreiben, protestiren wollen, Niemand würde ein
solches Benehmen verstanden haben, da das _unfehlbare Benehmen_, d.h.
willkürliches Betragen, sich vom Sultan auch auf seine Beamten übertragen
hat.
[Fußnote 94: Es war dies mein in Marokko angenommener Name.]
Folgendes nun wirft auch Licht auf das summarische Gerichtsverfahren in
Marokko und Fes überhaupt, und ich schreibe die hier folgenden Zeilen
wörtlich aus meinem damals geführten Notizbuch ab.
Das neue Haus, welches ich bezog, hat ein Stockwerk und ist nicht nach Art
der Wohnhäuser in Fes eingerichtet, sondern nach anderen Regeln erbaut.
Mitten im Garten liegend, fliesst unter dem Hause der kleine Ued Fes, der
hier in den Garten tritt und in einer 4' tiefen und 6' breiten gemauerten
Rinne läuft, bis er an eine dem Hause gegenüberliegende Veranda kommt, und
unter dieser in einen andern Garten tritt. Das Haus selbst hat unten eine
geräumige Veranda, einen Salon und ein Zimmer, das alkovenartig (eine Art
von Kubba) hinten angebaut ist; oben sind drei Zimmer, die wir unbewohnt
liessen; ebenso wurde das platte Dach selten benutzt. Der mir als Dolmetsch
beigegebene Offizier schlief mit mir im hintern alkovenartigen Zimmer; in
der einzigen Thür, welche zum Salon führte, schliefen drei Diener zwei
andere in der Veranda, und zwei waren in der gegenüberliegenden Veranda, wo
wir der Bequemlichkeit halber auch unsere Pferde stehen hatten. So bewacht,
dachten wir nicht im entferntesten an Diebstahl, zudem in Fes Nachts, weil
die einzelnen Quartiere, wie früher schon erwähnt ist, abgeschlossen sind,
die grosse Communication ganz aufgehoben ist.
Eines Abends hatten wir, der Kaid oder Hauptmann und ich, auf unserem
Teppich liegend, spät Abends Thee getrunken, beim silbernen Mondschein, am
Rande des vorbeiplätschernden Flüsschens, unter duftenden Orangenbäumen
hatten wir die Zeit vergessen, und der Muden ilul (das erste Avertissement
zum Gebet wird im Sommer schon um 1 Uhr Morgens von den Minarets gegeben)
ertönte, als wir schlafen gingen. Wir mochten kaum eine halbe Stunde
geschlafen haben, als einer der Diener "Sserakin, Sserakin" (Diebe, Diebe)
rief. Alle liefen wir hinaus mit Gewehren bewaffnet, aber nichts war zu
finden. Wie hätte aber auch ein Dieb herein und so schnell hinauskommen
können: an drei Seiten hatte der Garten fast 20 Fuss hohe Mauern, und die
vierte Seite führte mittelst einer senkrechten, etwa 30 Fuss hohen
Mauerwand in einen anderen Garten, unmöglich konnte er hier
hinuntergesprungen sein. Indess fanden wir, nach unserer Behausung
zurückgekehrt, dass wirklich ein Dieb dagewesen sein musste, es fehlten von
meinen Kleidungsstücken, die ich abgelegt hatte, Hosen, Pantoffeln, dann
der Turban des Hauptmanns, ferner ein erst Tags zuvor angebrochener Hut
Zucker, endlich unser ganzes Theeservice, Eigenthum des Bascha's. Eine
genauere Untersuchung ergab, dass der Dieb unter der Gartenthür sich
durchgewühlt, und wahrscheinlich schon mehrere Gänge gemacht hatte.
Auf unsere am anderen Morgen erfolgte Anzeige wurden von Ben Thaleb
sämmtliche umwohnenden Bürger verhaftet, sie mussten die Sachen in
Gemeinschaft ersetzen, ausserdem ein jeder 20 "Real" (so nennt man die
französischen fünf Francs-Stücke) Caution erlegen, bis der Dieb von ihnen
selbst ermittelt wäre. Mit Erlegung der 20 Reals erlangten sie zwar ihre
Freiheit wieder, aber ich glaube kaum, dass sie je wieder zu ihrem Gelde
gekommen sind, sollte es ihnen auch gelungen sein den Dieb zu ermitteln.
Ich bemerke hiebei, dass ich einige Jahre später in Leptis magna von der
türkischen Behörde eine ganz ähnliche Justiz üben sah, als einem meiner
Diener aus dem Zelt ein Revolver Nachts gestohlen wurde.
Ausser den beiden Gouverneuren der Stadt giebt es sodann Vorsteher der
einzelnen Quartiere, Vorsteher der Moscheen, Einsammler der Gelder,
Marktvögte, einen Marktkaid der Kessaria, und einen Marktkaid des grossen,
einmal in der Woche ausserhalb der Stadt abgehaltenen Marktes. Die
Marktvögte und der Marktkaid haben hauptsächlich die Obliegenheit
Streitigkeiten zu schlichten und Ordnung zu halten. An jedem Thore findet
man einen Kaid el Bab, der die Thore zu öffnen und zu schliessen, sowie den
Zoll zu erheben hat, es ist sodann eine Hauptzollamt in der Stadt, endlich
sind als Behörden noch die Zunftmeister zu nennen, da jedes Handwerk zu
einer Zunft verbunden ist, welcher ein Meister, der den Titel Kebir hat,
vorsteht.
Die nächste Umgebung der Stadt zeigt im Norden, Osten und Westen die
blühendsten Gärten, die man sich nur denken kann, im Südwesten sind
Vorstädte; fast vor allen Thoren ziehen sich Gräberreihen und Gottesäcker
hin, von denen einige äusserlich recht stattlich aussehende grössere
Grabmonumente aufzuweisen haben. Indess liegt in diesen kaiserlichen
Grabmonumenten eine gewisse Einförmigkeit, alle haben viereckige Form,
darüber eine achteckige oder viereckige oder auch ganz runde Bedachung. Im
Innern findet man in der Regel einen Sarkophag, oft mit Tuch überzogen, oft
aber auch nur aus einem hölzernen Gestell bestehend. Neben einem solchen
Hauptgrabe findet man manchmal zwei bis sechs und noch mehre kleinere
einfache Gräber; entweder waren es Kinder der hier begrabenen Fürsten oder
manchmal auch Vornehme und Grosse des Landes, die gegen hohe Geldsummen das
Recht erwarben, sich an der Seite ihres Sultans begraben lassen zu können.
Von der jetzt _regierenden_ Dynastie ist niemand in oder ausserhalb
Fes' beerdigt, sie hat ihre Grabstätten in Mikenes.
Ein grosser und für uns Europäer fast unerträglicher Uebelstand ist, dass
dicht vor den Thoren sich verwesende Berge, oft 50 Fuss hoch, von crepirten
Thieren befinden; seit Jahrhunderten ist es Brauch, jedes todte Vieh, allen
Unrath vor die Thore der Stadt zu bringen, aber so dicht an den Wegen sind
diese verpestenden Hügel errichtet, dass es eine Qual ist, aus der Stadt
heraus und in dieselbe hinein zu kommen.
Der die Stadt beherrschende Berg, der im Norden und Nordwesten sich um
dieselbe herumzieht, heisst Djebel-Ssala, er hat vielleicht 1000 Meter
absolute Höhe. Unter dem Vorwande, Kräuter für Bascha Ben Thaleb suchen zu
wollen, bekam ich eines Tages Erlaubniss hinauf zu reiten; durch einen
breiten Gürtel lachender Feigen- und Orangengärten, wo ausserdem Pfirsiche,
Aprikosen, Granaten, Wein und Kirschen gezogen werden, gelangt man in
Oelwaldungen, das zweite Drittel ist von immergrünen Eichen, von Lentisken
und anderen das Laub nicht verlierenden Bäumen bestanden, das letzte
Drittel hat nur Buschwerk und Zwergpalmen. Oben auf dem Berge, von dem aus
man eine prächtige Uebersicht über die Stadt, über die Ebene bis zum
grossen Atlas und über das nach Westen sich ziehende Serone-Gebirge hat,
traf ich einen Einsiedler, Sidi Mussa, schon seit 50 Jahren in einer Höhle
auf dem Ssala-Berge lebend. Im Rufe grosser Heiligkeit, lebt er von den
Gaben der Pilger, hat aber ausserdem eine grosse Bienenzucht. Auf dem
Plateau des Ssala-Berges sind mehrere Quellen und sogar Gärten und
Ackerbau.
Was die Bevölkerung von Fes anbetrifft, welche wir auf 100,000 Seelen
schätzen können und die vor der Cholera im Jahre 1859 wohl noch 20,000 mehr
betrug, so besteht dieselbe vorzugsweise aus Arabern und Berbern.
Während aber auf dem Lande die Mischung von Berbern und Arabern bedeutend
seltener ist, kommt sie in den Städten häufiger vor, indess doch nicht der
Art, dass man sagen könnte, ein Volk habe das andere absorbirt. Aeusserlich
unterscheiden sich die Bewohner von Fes, wie die der übrigen Städte von den
Landbewohnern durch grosse Weisse der Haut, es hat dies aber einzig seinen
Grund darin, dass sie fast nie der Sonne ausgesetzt sind, da selbst, wenn
sie auf die Strassen gehen, diese so eng sind, dass sie nur auf kurze Zeit
von der Sonne beschienen werden. Der Grund der häufigen Corpulenz bei den
Männern ist denn auch nur darin zu suchen, dass sie wenig Uebung, wenig
Bewegung bei verhältnissmässig kräftiger Kost haben. Im allgemeinen sind
trotz des sehr hellen Teint die Leute von Fes sehr hässlich, namentlich
häufig findet man wulstige Lippen und krauses, obschon langes Haar.
Negerblut ist hier unverkennbar, wie denn überhaupt in ganz Marokko viel
Negerblut unter die Arabern gekommen ist. Fes vor den übrigen Städten des
Landes zeichnet sich noch dadurch aus, dass mit den arabischen und
berberischen Elementen sich stark das jüdische gemischt hat. Nicht etwa
durch freiwillige Heirathen, sondern dadurch, dass hübsche Jüdinnen
gezwungen werden, in den Harem des Sultans oder eines Grossen des Reichs zu
treten oder durch gezwungene Uebertritte, durch Kinderraub; so pflegen denn
auch die übrigen Bewohner des Landes von den Familien in Fes zu sagen: die
Hälfte derselben habe jüdisches Blut in ihren Adern.
Die Zahl der Juden in Fes, welche, wie alle marokkanischen, zum Theil
direct von Palästina eingewandert, zum Theil von Spanien zurückvertrieben
sind, mag sich auf 8-10,000 belaufen. Sie leben hier ebenso unglückselig
wie in den übrigen marokkanischen Städten. Der verstorbene Sultan
Abd-er-Rhaman glaubte es durchsetzen zu können, den Juden eine Art
Emancipation zu verschaffen, und gestattete den Juden gleiche Tracht mit
den Moslemin. Der erste Unglückliche, der es wagte seine Melha (den
Juden-Ghetto) mit rothem Fes, mit gelben Pantoffeln zu verlassen, kehrte
nie zurück: er wurde gesteinigt. Der Sultan hatte, trotz seiner
Unfehlbarkeit, nicht die Macht den religiös-fanatischen Wuthausbruch
seiner Unterthanen zu dämpfen.
Der religiöse Fanatismus, der ja allen semitischen Religionen innewohnt,
ist überhaupt eine der schlimmen Seiten der Bewohner von Fes. Wie oft habe
ich selbst mich von irgend einem Lumpen auf der Strasse angehalten gesehen,
der mir mit den Worten "Scha had," d.h. bezeuge, den Weg vertrat, und er
und die sich rasch ansammelnde Menge liessen mich sicher nicht eher
passiren, als bis ich "Lah il Laha il Allah" gesagt hatte, bekanntlich die
Glaubensformel der Mohammedaner.
Die Tracht der Bewohner von Fes ist die der übrigen Städter, d.h. es kann
hier nur von der Kleidung der Reichen die Rede sein, da ein Armer nur
seinen Haik, d.h. ein langes weiss wollenes Umschlagetuch und ein
cattunenes Hemd darunter zum Anziehen hat, sonst aber barfuss und barhaupt
daherkommt. Im Winter wird freilich der wollene Burnus darüber gezogen, der
manchmal aus schwarzer, manchmal aus weisser Wolle besteht.
Der Anzug des wohlhabenden Bewohners von Fes ist indess viel reichhaltiger.
Auf dem Kopf trägt er einen hohen spitz zulaufenden rothen Fes, Saschia
genannt, um den ein weisser Turban, Rasa, gewickelt wird. Ueber ein langes
weissbaumwollenes Hemd, Camis, vervollständigen eine Tuchweste mit vielen
Knöpfen, und bis oben eng anschliessend und zugeknöpft, Ssodria, dann ein
Tuchkaftan aus schreienden Farben und eine weite Hose, Ssrual, den Anzug,
gelbe Pantoffel bilden die Fussbekleidung. Die meisten Jünglinge und Männer
tragen Fingerringe aus Silber mit werthlosen Steinen, einige haben Ringe
mit Steinen, welche man im Wasser auflösen kann (nach der Aussage des
Besitzers), und welche Auflösung alsdann ein Mittel gegen Vergiftung ist.
Einen solchen Ring besass Ben Thaleb auch, dennoch entging er nicht seinem
Tode.
Sehr unangenehm ist die entsetzliche Unreinlichkeit, welche überall
herrscht; die Kleider werden nie gewechselt, sondern, wenn einmal
angezogen, immer Tag und Nacht, so lange auf dem Körper getragen, bis man
neue Kleidungsstücke anschafft. Allerdings spricht Leo von grossen
öffentlichen Waschanstalten in Fes; ich konnte leider solche zu meiner Zeit
nicht mehr constatiren. Der reiche Bewohner kauft sich einmal, wohl auch
zweimal, im Jahr einen neuen Anzug, bei Gelegenheit eines grossen Festes.
Das altgewordene bekommen sodann die Kinder, Verwandten, Diener, oder auch
arme Freunde zum Weitertragen. Der Arme kauft sich, nachdem er lange darauf
gespart hat, einen Anzug, legt ihn dann aber nie wieder ab, bis er absolut
unbrauchbar geworden ist. Freilich findet _einmal_ im Jahr eine grosse
Kleiderreinigung, eine allgemeine Wäsche, statt: am Tage vor dem
aid-el-kebir, dem grossen Bairain der Türken. Da an diesem Tag Jeder
geputzt erscheint, wer es kann sich ein neues Kleid kauft, und wer
nicht, doch darauf hält so rein als möglich zu erscheinen, so sehen wir
denn am Tage vor dem aid-el-kebir alle Welt, Jung und Alt, Männer und
Frauen den Wasserplätzen zueilen; man entledigt sich der Kleidungsstücke
und wie besessen tanzt und springt Jeder auf seinem Zeuge herum, um mit
den Füssen den jahrelangen Schmutz herauszustampfen: eine einfache
Handwäsche würde dazu nicht genügen.
Die Nationalspeise der Fessi ist ebenfalls Kuskussu--ein Mehlgericht,
welches aus geperltem Weizen- oder Gerstenmehl bereitet und mittelst Dampf
gekocht wird. Der nahe Sebu liefert indess ausgezeichnete Fische, die man
in einer gepfefferten und durch Tomaten rothgefärbten Oelsauce stets fertig
auf dem Marktplatze bekommen kann. Hammel-, Ziegen- und Schaffleisch ist
gleichfalls billig zu haben, und in Fes wird wohl mehr animalische Nahrung
consumirt, als im ganzen übrigen Lande, die Städte ausgeschlossen,
zusammen.
Wie alle Marokkaner, sind auch die Fessi grosse Liebhaber von Thee, der vor
dem Essen gereicht wird; die Manier zu essen ist aber eben so unsauber bei
den vornehmsten Fessi, wie im ganzen Lande. Mehrere Personen hocken um eine
irdene Schüssel, die in einem niedrigen Tischchen, etwa zwei Zoll hoch,
Maida genannt, aufgetragen wird. Alles kauert auf der Erde, in solcher
Stellung, wie Jeder sie nehmen will; nachdem ein Sklave oder einer der
Gesellschaft Wasser zum Abwaschen der Hände herumgereicht hat, spült man
sodann diese ab, und ein _gemeinsames_ Handtuch bei den Reichen dient
zum Trocknen, bei Unbemittelten trocknet man sich einfach die Hände mit dem
Zipfel seines Burnus. Dann, auf ein gegebenes Zeichen, greift mit dem Worte
"Bi' Ssm' Allah" (Im Namen Gottes) ein Jeder mit der Rechten in die
Schüssel, um den erhaschten Bissen zum Munde zu führen. Alle befleissigen
sich einer ausserordentlichen Eile, um nicht zu kurz zu kommen, nur bei
sehr Reichen wird langsam gegessen, weil da mehrere Schüsseln folgen. Es
gehört übrigens zum guten Ton für die Frauen, Diener und Kinder, oder auch
für die herumlungernden Armen, Anstandsbrocken in der Schüssel zu lassen.
Eine grosse Auszeichnung aber ist es jedenfalls für einen Fremden, wenn der
Wirth selbst mit seiner schmutzigen Hand in die Schüssel fahrt, einen
Lockina, d.h. Bissen oder Mundvoll, hervorholt und ihn dem Gast in den Mund
schiebt. Obschon ich nicht lange Zeit brauchte um mich an diese Art des
Essens zu gewöhnen, denn Hunger überwindet Alles, so hatte ich doch längere
Zeit nöthig zu lernen _geschickt_ und _anständig_ zu essen, denn
es gehört Geschicklichkeit dazu die oft halb flüssigen Bissen mit Eleganz
an den Mund zu befördern, namentlich, wenn man nicht zu kurz kommen will.
Ein Trunk Wasser, eine abermalige oberflächliche Handabspülung und ein nie
unterlassenes "Hamd ul Lah" (Lob sei Gott) beschliesst jedes Mahl.
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