* * * * *
Ich blieb nicht lange in Uesan, trotzdem "Sidi" wollte, ich sollte ganz bei
ihm bleiben; als er dann aber mich fest zum Weitergehen entschlossen sah,
stellte er auf liebenswürdige Art ein Maulthier zur Disposition, und
empfahl mich einem Kaufmann aus Uesan, der ebenfalls nach Fes reisen
wollte. Abends vorher, ehe ich Uesan verliess, musste ich im Hause dieses
Kaufmanns zubringen, um die Zeit nicht zu verschlafen; der Hadj Hammed, so
heisst der Mann, war ein grosser Freund von Musik und hatte als
Abschiedsfest verschiedene Freunde geladen, die auch alle musikalisch
waren. Man kann sagen, dass eine Art Soirée musicale abgehalten wurde, denn
Hadj Kassem, ein alter graubärtiger Musikus aus Lxor, berühmt in Marokko
wegen seiner Spielfertigkeit auf dem Alut, wie Liszt bei uns auf dem
Klavier, war auch zugegen, andererseits war sein Schüler, ein Neger Ssalem,
ein fast ebenso bedeutender Künstler auf der Violine wie weiland Paganini,
auch anwesend. Man denke aber ja nicht in Marokko an Flügel, Klaviere,
Harmonium oder dergleichen, denn wenn auch Sidi sich solche Instrumente
hatte kommen lassen, wenn auch beim Sultan dergleichen zu finden sein
möchten, so kennt das Volk sie nicht. Ich glaube kaum, dass das
marokkanische Volk für unsere Musik Verständniss haben würde; wenn es
musikalisch denken könnte, wenn es überhaupt ein Urtheil abgeben könnte,
würde es vielleicht unsere Musik mit "Zukunftsmusik" bezeichnen.
Ich konnte an dem Abend sämmtliche Instrumente, deren sich die Marokkaner
bedienen, kennen lernen. Eingebürgert von europäischen Instrumenten hat man
Guitarre, Violine und Violoncell, welch letzteres in Marokko als Bass
dient. Ausser diesen hat man ähnliche abenteuerlicher Art, und im Lande
selbst angefertigte Instrumente![77] Da ist das Saiteninstrument "Alut",
eine Art Guitarre, nur mit gewölbtem Boden, es hat auf den vier Saiten die
Laute g, e, a, d. Da ist ein Streichinstrument mit zwei Saiten, "Erbab"
genannt, von dem der Hals auch hohl und resonirend ist, es hat die
Grundlaute d, a; der Fiedelbogen dazu besteht aus einem Bogen so gross wie
eine Hand, und die Streiche dazwischen haben nur eine Spannung von etwa 4
bis 5 Zoll. Endlich hat man noch eine grössere Art "Kuitra" mit drei
Saiten, dem Cello entsprechend, mit den Tönen d, h, g. Als Blasinstrumente
besitzen die Marokkaner das "Schebab", eine kurze Flöte mit verschiedenen
Löchern; die "Rheita", ein kleines Instrument mit clarinetartigen Tönen,
endlich eine grosse Posaune, "El-Bamut" genannt. Trommeln verschiedener
Form und Grösse, Schellen u. dgl. vervollständigen die Liste der
Instrumente. Dass ein Unterschied in der Anwendung der Instrumente Seitens
der Araber, Juden und Neger bestände, wie Höst bemerkt haben will, ist mir
nie aufgefallen. Von allen Instrumenten ist die "Rheita" allein das,
welches einen angenehmen Ton hervorbringt. Unsere europäischen Instrumente,
Violine, Guitarre u.s.w. werden von ihnen auf ohrzerreissende Art
behandelt. Das eigentliche Nationalinstrument der Marokkaner ist aber die
"Gimbri", ein kleines zweisaitiges Instrument, eine Guitarre oder Violine
im Kleinen. Der Resonanzkasten ist gemeiniglich nicht grosser als 4 oder 5
Zoll Durchmesser, irgend eine trockne Kürbisschale oder auch ein aus Holz
geschnitztes Becken ist gut dazu, ein Stück dünnes Leder oder Pergament
wird darüber gespannt, ein Stiel daran befestigt und die Saiten aufgezogen.
Jeder verfertigt es selbst, meist ist e und a Grundton. Die "Gimbri" wird
nicht gestrichen, aber auch nicht einfach mit den Fingern geknipst, sondern
man bedient sich dazu eines Hölzchens, wie bei uns es die Klavierstimmer
haben, um über die Saiten dieses Instrumentes zu fahren. Bei grösseren
Concerten findet übrigens die Gimbri keine Anwendung.
[Fußnote 77: Siehe Höst p. 260, der Abbildungen von verschiedenen
marokkanischen Instrumenten giebt.]
Wenn _uns_ nun aber auch Alles wie Katzenmusik vorkommt, so muss man
doch keineswegs glauben, dass die Marokkaner ganz ohne musikalisches Gefühl
sind, nur sind eben ihre Empfindungen für Musik anders als unsere. Was für
uns Harmonie und Consonanz ist, hören sie als Dissonanz, ohne aber deshalb
in ihrer eignen Musik gewisser Regeln zu entbehren.
Der Abend ging angenehm hin; hatte ich auch keinen musikalischen Genuss, so
war doch Alles neu. Mit dem Spielen der Stücke war immer Gesang verbunden.
Und auffallend war es mir, dass je mehr Jemand näselte oder Fisteltöne
hervorbrachte, er desto mehr bewundert wurde.
Früh am andern Morgen wurde aufgesessen, ich ritt ein gutes Maulthier. Wie
Spanien ist Marokko das Land der Maulthiere, die meist braun oder grau von
Farbe sind. Die guten Maulthiere sind theurer als die guten Pferde, aber
nicht so theuer wie die besten Pferde. Man kann schon für 30 bis 40
französische (Fünffranken-) Thaler ein gutes Pferd kaufen, aber unter 60
bis 80 Thaler kein starkes gutes Maulthier bekommen. Edle Pferde, wie sie
der Sultan besitzt oder vornehme Schürfa und Kaids, werden aber selbst in
Marokko bis 1000 Thaler geschätzt. Dies ist die Summe, welche mir als die
höchste angegeben wurde.
Zu Pferde oder Maulthier braucht man von Uesan nach Fes anderthalb Tage,
aber da die Hitze jetzt immer grösser wurde, die Wege sehr schlecht waren,
und weil Hadj Hammed unterwegs allerlei Geschäfte abzuschliessen hatte,
brauchten wir drei Tage. Er machte Einkäufe, oder auch bekam hier ein
Töpfchen mit Butter, dort einige Eier zum Geschenk, was zur Folge hatte,
dass zuerst sein, dann auch mein Maulthier so beladen war, dass wir beide
zu Fuss gehen mussten. Man kann sich einen Begriff von der Macht und dem
Reichthum Sidi-el-Hadj-Abd-es-Ssalam's machen, wenn ich anführe, dass fast
alles Land bis dicht vor Fes _sein persönliches Eigenthum_ ist.
Dennoch glaube ich kaum, dass er viel baares Vermögen besitzt, da die
grosse Zahl der Pilger, welche in Uesan auf liberalste Weise bewirthet
werden, wieder Alles verausgaben macht.
Die ganze Gegend, welche man durchzieht, ist gebirgig und aufs reichste
angebaut, Getreidefelder von Weizen und Gerste wechseln ab mit
Olivenwaldungen, Gärten bestanden mit Orangen, Granaten, Aprikosen,
Pfirsichen, Quitten, Mandeln, Feigen und Weinreben, lachen am Wege. Man hat
zwei bedeutende Wasser zu überschreiten, den Ued Uerga, ungefähr auf halbem
Wege zwischen Uesan und Fes, circa sieben Stunden von letzterer Stadt
entfernt, und den Sebu. Beide waren so bedeutend angeschwollen, dass wir
mit einer Fähre übersetzen mussten. Die Fähren waren ebenfalls Eigenthum
des Grossscherifs von Uesan.
Abends 5 Uhr des dritten Tages waren wir endlich vor Fes, der Hauptstadt
des Landes. Mich überwältigte fast der Anblick der ausgedehnten
Häusermasse, aus denen hier und da hohe Sma (Minarets) hervorragten. Wir,
zogen rasch durch die lange Strasse dahin und ich wurde derart zur
"Mhalla", d.h. der Zeltlagerung der Soldaten geführt. Für einen Obersten
der Armee, Hadj Asus, hatte ich ein Empfehlungsschreiben des Grossscherifs.
Nicht nur wurde ich gut aufgenommen, sondern Hadj Asus, dessen Zeltgenosse
und Gast ich bleiben musste, versprach mir schon für den folgenden Tag eine
Anstellung.
Am andern Tage war grosse Revue vor dem Sultan; die ganze regelmässige
Armee, circa 4000 Mann, musste in ziemlich guter Ordnung vor dem unter
einem Baldachin sitzenden Sultan vorbeidefiliren; sobald eine Abtheilung in
unmittelbare Nähe des Sultans kam, riefen sämmtliche Soldaten "Allah ibark
amar Sidna", "der Herr segne die Seele unseres gnädigen Herrn". Die
Anführer selbst präsentirten die Säbel, prosternirten sich und küssten den
Boden. Sobald die Abtheilung des Hadj Asus herankam, defilirt und gerufen,
und dann Hadj Asus seinen Gruss verrichtet hatte, wurde er in die Nähe des
unbeweglich dasitzenden Sultans gerufen. Ursache war, dass ich mich seinem
Zuge angeschlossen hatte, und mit Offizieren und Soldaten den Parademarsch
mitmachte. Natürlich musste meine Erscheinung Aufsehen erregen, denn ich
hatte einen ziemlich langen schwarzen Ueberrock an, der bis auf die Kniee
reichte, darunter guckte die Unterhose kaum hervor, gelbe, recht abgenutzte
Pantoffeln und ein rother Fes, das war meine übrige Bekleidung. Hadj Asus
kam freudestrahlend zurück.
Der Sultan hatte sich in der That über meine Persönlichkeit informirt; Hadj
Asus hatte ihm gesagt, ich sei zum Islam übergetreten, habe vom
Grossscherif eine Empfehlung gebracht und wünsche in die Armee als Arzt
einzutreten: ein "Achiar" (Fi el cheir, d.h. das ist gut) war die Antwort
des Sultans gewesen, und Hadj Asus war den ganzen Tag über ausser sich über
das Glück, vom Sultan angeredet worden zu sein.
Nach der Parade wurde ich sodann dem Kriegsminister vorgestellt, einem
Schwarzen, Si Abd-Allah genannt, der besondere Meldungen unter einem
schirmartigen Zelte sitzend entgegennahm. Er war sehr zufriedengestellt
über meine Antworten und sagte, dass ich am folgenden Tage meine Anstellung
zu erwarten habe. Am folgenden Tage wurde ich denn auch benachrichtigt, ich
sei zum obersten Arzte der ganzen Armee seiner Majestät ernannt.
Als Obliegenheit wurde mir bezeichnet, alle Soldaten, die sich krank
meldeten, zu untersuchen und zu behandeln. Die Medicamente hatten sie von
mir zu bekommen, mussten aber dafür zahlen, da mir überhaupt von der
Regierung auch keine zur Disposition gestellt wurden. Mein Gehalt war
täglich auf 2-1/2 Unzen angesetzt, ungefähr 3 bis 4 Groschen. So klein das
nun auch klingt, so sind doch die Verhältnisse in Marokko derart, dass man
damit recht gut existiren konnte, zumal mir volle Freiheit blieb,
Privatpraxis zu treiben, wo und soviel ich wollte. Man kümmerte sich
überdies nicht viel um mich. Mein Quartier hatte ich vorläufig beim Hadj
Asus behalten; wenn ich aber den ganzen Tag von der "Mhalla" abwesend war,
fragte Niemand danach. Ich sollte ein Pferd, Maulthiere, Diener zur
Disposition erhalten, habe dieselben doch nie bekommen. Meine Nahrung hatte
ich mir selbst zu beschaffen, es war das freilich meine wenigste Sorge,
heute war ich Gast bei diesem, morgen bei jenem. Wenn gerade keine
Hungersnoth in Marokko ist, hat ein lediger Mann dafür nicht zu sorgen.
Nach einigen Tagen liess der Baschagouverneur von Fes, Ben-Thaleb, mich
rufen. Er hatte von der Ankunft eines europäischen Arztes gehört, und
selbst an chronischem Asthma leidend, bat er mich ihn zu behandeln, zu
gleicher Zeit aber auch bei ihm Wohnung zu nehmen. Ich nahm diesen
Vorschlag mit Freuden an. Hadj Asus hatte nichts dagegen, dass ich beim
Bascha wohnte; dieser, einer der reichsten und einflussreichsten Beamten
des ganzen Kaiserreiches, hatte wohl Anspruch auf seine Rücksicht.
Um die Zeit kam denn auch Joachim Gatell, der vorhin erwähnte Spanier, der
den Namen Smaël angenommen hatte, nach Fes. Er wurde Si-Mohammed-Chodja,
einem andern Commandanten der regelmässigen Truppe zugetheilt, und erhielt
bald darauf ein selbstständiges Commando über die Artillerie. Später
sollten wir genauer mit einander bekannt werden, als es jetzt der Fall war.
Denn der Sultan hatte nach Verlauf von ungefähr vier Wochen Befehl zum
Aufbruche gegeben. Es war die Zeit des Residenzwechsels gekommen und der
Sultan beschloss, das Hoflager und die "Mhalla" nach Mikenes zu verlegen.
Natürlich durfte ich nun auch nicht in Fes bleiben, da alle Truppen mit
Ausnahme derer, welche den beiden Gouverneuren beigegeben waren, mit dem
Sultan fort mussten.
Schwer würde es sein, ein richtiges Bild von diesem eigenthümlichen
Ausmarsche zu entwerfen. Alles lief bunt durcheinander. Da waren die
sogenannten regelmässigen Soldaten, in Begleitung ihrer Weiber (fast jeder
Soldat ist verheirathet), Kinder und Sklaven. Kaufleute drängten sich
dazwischen, hier bot einer Brod feil, hier Zwiebeln, dort hatte ein anderer
ein Brettchen mit verschiedenen Fächern und Schachteln darauf; eine
ambulante Gewürzkrambude, Zimmt, Pfeffer, Nelken u. dgl. war da zu haben.
Hier bot einer Fleisch, dort Fische feil. Und da kam der Sultan selbst
daher, ein grosser glänzender Haufe, die Minister, die höchsten Beamten des
Landes umgaben ihn, ein langer, langer Tross beladener Maulthiere und
Kameele folgte. Dann der Harem, über hundert Frauen und junge Mädchen,
dicht verschleiert auf Maulthieren daherreitend, diese allein eine
geschlossene Masse bildend, denn auf schnellen Pferden hielten die Eunuchen
diese Lieblingsweiber des Herrschers zusammen. Es war dies gewissermassen
der ambulante Harem des Sultans, die schönsten, jüngsten und fettesten
Frauenzimmer der vier Harems von Fes, Mikenes, Arbat und Maraksch, meist
Kinder von 12 bis 15 Jahren. Endlich kam die grosse Abtheilung der
Maghaseni, der unregelmässigen jedoch besoldeten Cavallerie; es mochten
wohl 10000 Pferde zugegen sein. Man denke sich nun diesen Menschen- und
Thierknäuel ohne Ordnung und einheitliche Leitung in Bewegung, der eine
schnell, der andere langsam, der hier marschirend, der dort, dieser hier
laufend, jener langsam seinen Weg fortsetzend, wie ein Jeder es eben für
gut fand.
Als wir, ich befand mich unter den Ersten, Mikenes erreichten, war der
ganze Weg zwischen Fes und Mikenes noch mit Menschen und Thieren
überschwemmt, denn als die ersteren in letzterer Stadt eintrafen, waren
noch lange nicht alle von Fes aufgebrochen. Zwei Tage dauerte es, bis die
ganze Armee, vielleicht in allem etwa 40,000 Menschen, eingetroffen waren,
und das Terrain zwischen beiden Städten ist derart eben und schön, derart
ohne alle Hindernisse, dass man fortwährend mit mehreren Armeen, fast
möchte ich sagen im Frontmarsche von einer Stadt zur andern marschiren
kann. Die Armee lagerte an der Aussenseite der Stadt, der Sultan selbst
bezog sein Palais.
Was mich anbetrifft, gebunden, da zu sein, wo die Armee ist, hatte ich
andererseits Freiheit genug, wohnen zu können wo ich wollte, und miethete
deshalb in einem Funduk der Stadt ein Zimmer zum Wohnen, während ich
andererseits ein "Hanut", Bude, in der belebtesten Strasse in Gemeinschaft
mit einem Franzosen, Namens Abd-Allah bezog. Ich prakticirte oder hielt ein
Polyclinicum ab. Meine Medicamente bestanden wie die der marokkanischen
Aerzte aus einem grossen Kohlenbecken, mit Eisenstäben zum Weissglühen, aus
grossen Töpfen mit Salben, Kampheröl, Brechpulver, Abführungsmitteln und
verschiedenen unschädlichen gefärbten Mehlpulversorten für Hypochonder und
hysterische Kranke. Und was nie und nirgends in Marokko gesehen war: ich
hatte ein grosses Aushängeschild; darauf hatte Smaël (Joachim Gatell) mit
grossen und schönen Buchstaben gemalt: "Mustafa nemsaui tobib ua djrahti",
d.h. Mustafa der Deutsche, Arzt und Wundarzt. Es ist kaum zu glauben, welch
Aufsehen es erregte in einem Lande, wo die Annoncen, Anzeigen,
Aushängeschilde noch nicht etwa in der Kindheit liegen, sondern wo sie noch
gar nicht geboren sind, ein solches Schild zu führen. Von Morgens früh bis
Abends spät stand Jung und Alt, Vornehme und Geringe, Männer und Weiber vor
der Bude, und buchstabirten (lesen kann Niemand in Marokko, aber
buchstabiren können alle Städter) die langen arabischen Buchstaben, welche
zwei grosse Bogen Papier einnahmen. Der Erfolg war vollständig.
Ich hatte vorhin erwähnt, dass ich mich mit einem Franzosen Namens
Abd-Allah zusammengethan hatte, weil ich allein nicht die Miethe für die
Bude von Anfang an zu Stande bringen konnte. Dieser Franzose, ein
ehemaliger Spahisoffizier, war vor ungefähr zwanzig Jahren mit der Casse
seiner Compagnie nach Marokko entflohen, hatte bei dem vorletzten Sultan
Muley-Abd-er-Rahman gute Aufnahme gefunden, sein Geld (wie er selbst
angab 20,000 Franken) mit liederlichen Dirnen in Saus und Braus, aber in
einigen Jahren durchgebracht. Hernach hatte er sich dem Hofe
angeschlossen, hatte natürlich geheirathet und lebte nun von
mechanischen Fertigkeiten. So behauptete er, der Introducteur des
soufflets in Marokko zu sein, und seine damalige Beschäftigung bestand
darin, neue Püster anzufertigen, alte auszubessern. Von Zeit zu Zeit
pflegte er nach irgend einem Hafenplatz zu gehen, von wo er sich neue
Vorräthe holte. Ohne besonderes Wissen, trotzdem er darauf pochte,
französischer Offizier gewesen zu sein, war er ein harmloser Mensch, was
man nicht immer von den übrigen Renegaten sagen kann. Er war übrigens
vollkommen durch seinen langen Aufenthalt in Marokko marokkanisirt, und
liess den Rosenkranz auf ebenso scheinheilige Art und Weise durch die
Finger gleiten, wie der beste Thaleb oder Faki es nur kann.
Aber sonderbar genug sah unsere Bude aus, auf der einen Seite arbeitete der
Franzose Püster, auf der andern Seite quacksalberte ich, denn so muss ich,
wenn ich aufrichtig sein will, meine ärztliche Praxis in Marokko nennen.
Das ausgehängte Plakat, dann überhaupt die Ankunft eines europäischen
Arztes, hatten indess viel Lärm gemacht, und der Ruf davon war bis zu den
Ohren des ersten Ministers, Si-Thaib-Bu-Aschrin, gedrungen. Eines Abends
kamen einige seiner Diener und ergriffen meine Hand; ich hatte kaum noch
Zeit, den Franzosen Abd-Allah zu bitten, als Dolmetsch mit zu kommen, und
fort ging's. Wir trafen Si-Thaib gerade beim Nachtmahl mit mehreren anderen
Beamten des Hofes, die seine Gäste waren. Im äussersten Winkel des Zimmers
spielten drei Musikanten auf einer Rheita, Kuitra und Erbab. Si-Thaib lud
uns beide gleich ein, mit an die Maida (kleiner flacher Tisch) zu rücken,
aber Abd-Allah dankte für sich und mich, und wir zogen uns, während die
hohen Würdenträger von einer Schüssel zur andern übergingen, in ein
Nebenzimmer zurück, und bald darauf brachten uns Sklaven die angebrochenen
Schüsseln, worin allerdings noch reichliche und recht gut zubereitete
Speisen sich befanden, die mir aber widerlich zu berühren waren, weil jene
Würdenträger, so hoch sie nun auch in Marokko sein mögen, mit ihren kaum
gewaschenen Händen darin herum gerührt hatten. Anstandshalber _musste_
ich aber einige Bissen von jeder Schüssel nehmen, und dabei nicht
vergessen, die Grossmuth Si-Thaib's und die Güte der Speisen zu preisen.
Abd-Allah sagte mir dann auch, es würde sehr unschicklich gewesen sein,
hätten wir die Einladung Si-Thaib's, mit ihm zu essen, angenommen, er würde
aber jetzt über unsere Bescheidenheit und unser Savoir-vivre hoch erfreut
sein.
Das Zimmer, worin Si-Thaib sich aufhielt, war eine sogenannte Mensa,
d.h. ein Gemach im ersten Stocke. Lang, wie alle marokkanischen Zimmer,
war es elegant möblirt, d.h. durch das Zimmer zog sich ein weicher
Beni-Snassen-Teppich, und der hohen ogivischen Thür gegenüber waren noch
andere Teppiche auf diesem. Hierauf lagen sodann wollene Matratzen und
Kissen. Mehrere Lampen von Messing, alterthümlich gestaltet, hingen von
der Decke des Zimmers und auch einige silberne Leuchter mit
Stearinkerzen brannten in den Nischen. Der Plafond des Zimmers war bunt
bemalt, und an den Wänden desselben Arabesken in Gyps.
Als auch wir abgegessen hatten, wurden wir ins Zimmer gerufen und durften
am Thee theilnehmen, der nur in kleinen aus sehr feinem Porzellan
bestehenden Tässchen herumgereicht wurde. Si-Thaib hielt mir sodann seine
Füsse hin und fragte mich, was Krankes daran sei. Abd-Allah, der Franzose,
hatte mir vorher schon mitgetheilt, der Minister leide an Podagra ich hatte
also eine leichte Mühe, ihm seine Krankheitserscheinungen zu sagen. Dennoch
befühlte ich die Füsse vorher genau, fragte nach einigen anderen Umständen,
um der ganzen Sache mehr Ansehen zu geben, und als ich ihm dann
schliesslich sagte, er hätte die Ministerkrankheit (mrd el uïsirat wird in
Marokko das Podagra genannt), war er höchst erfreut, dass ich seiner
Meinung nach aus blossen äusseren Kennzeichen seine Krankheit erkannt
hatte.--Er fragte mich sodann, ob ich Anhänger der heissen oder der kalten
Mittel sei (nach Meinung der Marokkaner haben die Medicamente entweder
erhitzende oder abkühlende Eigenschaften), und als ich mich für die ersten
erklärte, fand ich, dass ich auch darin seinen Geschmack getroffen hatte.
Si-Thaib entliess uns huldvollst und fügte beim Abschied hinzu, ich solle
am andern Tage eine seiner Wohnungen beziehen, um ihn an seinem Podagra zu
behandeln. Aber es sollte anders kommen, schon am folgenden Tage früh kamen
Maghaseni vom Dar es Ssultan (Palast des Sultans) mit der Weisung, rasch
dahin zu kommen; kaum liess man mir Zeit, die Pantoffeln anzuziehen und den
Burnus umzuhängen. Dort angekommen, erklärte mir ein Beamter des Sultans,
Ben Thaleb, der Gouverneur von Alt-Fes, habe an den Sultan geschrieben, ob
ich nicht zurückkehren dürfe, um ihn zu behandeln, der Kaiser habe diese
Bitte gewährt und ich habe auf der Stelle abzureisen. Mein Protest, nach
Hause zurückkehren zu müssen, um meine Sachen zu holen, um die Medicamente
mitzunehmen, um den Bekannten Lebewohl zu sagen, alles das half
nichts; die Antwort war immer: "der Sultan hat gesagt, du solltest
_gleich_ abreisen, also _musst_ du auch _gleich_ abreisen". Ein
gesatteltes Maulthier stand bereit, ein Maghaseni zu Pferde war als
Begleiter da, und so musste ich fort, wie ein Packet ohne eigenen Willen.
Da der Sultan befohlen hatte, selben Abends noch in Fes anzukommen, wurde
scharf geritten, und vor Sonnenuntergange war die Hauptstadt erreicht und
bald darauf war ich wieder beim Gouverneur der Alt-Stadt.
Ich hatte indess einen guten Tausch gemacht, Ben-Thaleb sorgte dafür,
einen Dolmetsch kommen zu lassen, einen eingeborenen Algeriner Thaleb,
Namens Si-Abd-Allah, der leidlich gut Französisch verstand, ich bekam
eine gute Wohnung, Pferde, Maulthiere, Diener zur Disposition; Essen und
der dazu gehörende Thee wurden vom Bascha geschickt, und ich hatte dafür
weiter keine Verpflichtung, als mich täglich eine oder zwei Stunden mit
dem Bascha zu unterhalten. Dass ich bei diesem mehrmonatlichen
Aufenthalt in Fes hinlänglich Gelegenheit hatte, die Stadt kennen zu
lernen, braucht wohl kaum erwähnt zu werden.
* * * * *