4. Die Religion

* * * * *

Will man die Religion eines Volkes richtig beurtheilen und richtig

erfassen, so muss man sich ausserhalb einer jeden Religion stellen; ein

Christ wird über jede andere Religion immer, fasst er dieselbe von seinem

_christlichen_ Standpunkte auf, ein falsches Urtheil voller

Vorurtheile abgeben; eben so wenig genügt es, die Religion, über welche ein

Urtheil abgegeben werden soll, zur eigenen zu machen (obschon, um in das

Wesen derselben einzudringen, dies vollkommen nothwendig ist), sondern muss

nachdem das geschehen, wieder heraustreten, um für die Kritik ohne Fessel

dazustehen.

In allen Ländern ist die Religion der Grund des moralischen Volkszustandes,

und derjenige, welcher Länder durchforscht und in das Leben des Volkes der

Länder eindringen will, muss daher vor allem sich angelegen sein lassen,

die Religion des Landes einer eingehenden Betrachtung zu unterwerfen.

Von den drei für semitische Völker gemachten Religionen hat keine so

gewirkt, das freie Denken, die _bewusste_ Vernunft einzuschränken, wie

der Islam. Und rechnen wir die Inquisitionszeiten, die Verbrennungen der

Hexenprocesse ab, hat keine der semitischen Religionen so viele

Menschenopfer gekostet, als die mohammedanische. Auch ihr ist ureigen,

unter der Firma der Nächstenliebe, unter der Maske religiöser Heuchelei

jede Freiheit des Gedankens als Sünde hinzustellen; ihr ist ureigen, nur

die _eigene Anschauung_ des Propheten oder Macher der Religion als

allein wahr hinzustellen und den _Glauben_ zum unumstösslichen

_Gesetz_ erhoben zu haben.

Der Grund der mohammedanischen Religion liegt in dem Satze: "Es giebt nur

Einen Gott und Mohammed ist sein Gesandter." Wir sehen hier ausdrücklich,

dass, wie in den anderen beiden semitischen Religionen, die Einheit Gottes

vor allen Dingen betont wird, aber ohne den Glauben, dass Mohammed

"Gesandter"[32] Gottes ist, gilt die ganze Lehre nichts.

[Fußnote 32: Gesandter ist wohl zu unterscheiden von Prophet, deren

die Mohammedaner viele anerkennen, ein Prophet aber wie Moses oder

Jesus bekommt nie den Beinamen "Gesandter".]

Mohammed, von einem als Beduinen gekleideten Engel gefragt: "worin besteht

das Wesen des Islam?"--antwortete: "zu bezeugen, es giebt nur einen Gott

und ich bin sein Gesandter; die Stunden des Gebets innehalten, Almosen

geben, den Monat Ramadhan beobachten, und wenn man es kann, nach Mekka

pilgern."--"Das ist es," erwiederte der Engel Gabriel, indem er sich zu

erkennen gab.

Mit der christlichen Religion hat die mohammedanische das gemein, dass sie

die _unbedingteste_ Herrschaft über alle Menschen anstrebt, wenn aber

jene Herrschaft der christlichen Kirche erst im Mittelalter verloren ging

durch die Reformation oder Revolution eines Luther[33], so sehen wir in der

mohammedanischen Kirche schon 755 ein Schisma. Es bildet sich nach der

Verlegung des Kalifats von Damaskus nach Bagdad ein eigenes vollkommen

unabhängiges _westliches_ Kalifat, welches im Anfange in Cordova

seinen Sitz hatte. Ausser den vielen anderen Religionssecten und Parteien,

welche dann den Islam spalteten, wir erwähnen nur der Kharegisten, der

Kadarienser, der Asarakiten, der Safriensen, sind in der

_rechtgläubigen_ mohammedanischen Welt heute diese beiden Kalifate

noch zu erkennen.

[Fußnote 33: Die krankhafte Anstrengung des Papstthums, diese

Herrschaft bei den Katholiken jetzt wieder herzustellen, darf,

wenigstens was die germanischen Völker anbetrifft, als verfehlt und

zu spät angesehen werden.]

Der Sultan der Türkei erkennt sich als den rechtmässigen Nachfolger des

Kalifats von Bagdad und Damaskus, und da dies Kalifat überhaupt nie als

gleichberechtigt bestehend das westliche Kalifat von Spanien und den

Maghreb anerkannt hat, so glaubt er der Alleinherrscher aller Mohammedaner

zu sein. Es versteht sich von selbst, dass eben so wenig wie Protestanten,

Griechen und andere christliche Bekenner von Rom für _rechtmässige_

Christen gehalten werden, auch die übrigen Bekenner des Islam, die

Schiiten, Aliden, Choms, für rechtgläubige Mohammedaner angesehen werden.

Der Sultan von Marokko als Nachfolger des Kalifats von Cordova erkennt aber

keineswegs die Oberherrschaft des Sultans der Türkei an, und eben so wie

die Kalifen von Spanien ihre Unabhängigkeit von den Abassiden aufrecht zu

erhalten wussten, hat _nie_ irgend ein marokkanischer Herrscher des

Sultans der Türkei Oberherrlichkeit anerkannt. Im Gegentheil, die jetzige

Dynastie der Kaiser von Marokko, die sogenannte _zweite_ Dynastie der

Schürfa, proclamirt laut und feierlich, dass sie die allein rechtmässigen

Herrscher _aller_ Gläubigen seien, eben weil sie Abkömmlinge Mohammeds

sind. Der Sultan von Marokko betrachtet den Sultan von Constantinopel als

einen Usurpator, der nicht einmal arabisches Blut, geschweige das "unseres

gnädigen Herrn Mohammed" in seinen Adern habe.

Der echte Marokkaner, wenn er auch das arabische Volk als das bevorzugte,

das von Gott auserwählte und besonders beschützte betrachtet, erkennt

keineswegs _Nationen_ an. Für ihn giebt es nur Mohammedaner, oder wie

er selbst in römischer Ueberhebung sagt, "Rechtgläubige Moslemin", Juden,

Christen und Ungläubige. Zu den letzteren rechnet er alle solche, die kein

"Buch", d. h. die keine göttliche Offenbarung bekommen haben.

Da nun aber von solchen, die ein "Buch" haben, im Koran nur die Juden und

Christen erwähnt sind, so werden die Wedas der Inder, die Kings (Bücher des

Confucius) der Chinesen und andere als nicht vorhanden betrachtet, und in

Marokko gar hat man die Vorstellung, dass die durch "Tausend und eine

Nacht" bekannten Länder Hind (Indien) und Sind (China) ausschliesslich den

Islam bekennen.

Von den vier rechtmässigen und gleichberechtigten Bekennern des Islam, den

Hanbaliten, Schaffëiten, Hanefiten und Malekiten, huldigen die Marokkaner

wie in Afrika _alle_ Mohammedaner mit Ausnahme der Aegypter, dem

malekitischen Systeme. Für diejenigen, welche weniger mit dem

Mohammedanismus bekannt sind, führe ich hier an, dass man schon gleich nach

dem Tode des Propheten einzusehen angefangen hatte, dass der Koran

unmöglich allein allen religiösen Anforderungen, allen Rechtsfragen

entsprechen konnte. Im Anfange der mohammedanischen Religion begnügte man

sich damit, zweifelhafte Fälle durch Mohammed selbst oder seine Jünger

entscheiden zu lassen. Nach des Propheten Tode, nach dem seiner Jünger,

sammelte man dann die mündlichen Ueberlieferungen; es ist das die Sunnah,

welche im ersten Jahrhundert nach der Hedjra entstand.

Da nun aber noch keineswegs Koran und Sunnah ein regelmässiges System

boten, so fühlte man die Notwendigkeit, für Theologie und Jurisprudenz

einen solchen festen Anhalt zu bilden, und vier Schriftgelehrte unternahmen

diese Arbeit. Jeder lieferte eine Abhandlung über die religiösen

Ceremonien, über die Grundsätze, wonach der Moslim sein häusliches Leben

einzurichten hat, und sie sonderten die Scheria, d. h. das von Gott selbst

gegebene unabänderliche Gesetz, von dem, welches nach dem Willen und

Gutdünken der Menschen abgeändert werden kann. Die Abhandlungen dieser vier

Schriftgelehrten, obschon sie in vielen äusserlichen Sachen von einander

abwichen, wurden alle als orthodox anerkannt und sie bekamen den Namen nach

ihren Urhebern.

Der _Malekitische Ritus_ nun (Malek ben Anas wurde 712 in Medina

geboren, woselbst er 795 starb) verdrängte im Westen von Afrika gegen das

Ende des achten Jahrhunderts den Hanefitischen Ritus, und dieser hat sich

dort bis auf unsere Zeit erhalten. Neben Malek und hauptsächlich als bester

Erklärer der Malekitischen Schriften gilt das Werk von Chalil ben Ischak

ben Jacob, der 1422 starb, und aus einer Menge anderer Schriften über

Malekitischen Ritus seine Werke zusammengesetzt hat. Sehr hoch gehalten

werden in Marokko auch die Schriften des Buchari, der 200 Jahre nach

Mohammeds Tode schon die Ueberlieferungen sichtete und von 7275 für wahr

gehaltenen und 2000 zweifelhaften mehr als über 2000 falsche ausstiess.

Der Unterschied der Malekiten von den übrigen drei rechtgläubigen Parteien

beruht nur auf Aeusserlichkeiten, so namentlich in der Verrichtung bei den

Ablutionen, in den Bewegungen beim Gebet, endlich hat Malek vor seinen

gelehrten Collegen den Vorzug, dass er denen, die seine Religionsregeln

befolgen, entschiedene Erleichterungen gewährt.

Das Sultanat von Marokko als solches wurde gegründet nach dem Untergange

des Königreichs von Granada am 2. Januar 1492, als Ferdinand auf der

Alhambra die Fahne von Castilien und des heiligen Jacob aufziehen konnte.

Das westliche Kalifat war nun begraben, aber als Erben desselben

betrachteten sich von dem Augenblicke an die Sultane von Marokko. Wenn dann

noch später bis zur eigentlichen Vertreibung der Mohammedaner aus Spanien

ein inniger Zusammenhang mit den afrikanischen Glaubensgenossen blieb, so

hatte doch jeder politische Zusammenhang, wie früher schon oft, seit 1492

gänzlich zu existiren aufgehört. Marokko selbst hatte auch freilich nicht

die Grenzen, welche es jezt [jetzt] inne hat, seine Ausdehnung wechselte je

nach der Macht der regierenden Sultane. Einzelne dehnten ihre Oberhoheit

durch die Sahara bis Timbuctu und Senegambien hin aus, und Mascara und

Tlemçen haben häufig genug die Oberherrlichkeit derselben anerkannt.

Oftmals aber regierten drei Könige oder Sultane neben einander, daher die

Namen Königreich Fes, Tafilet, Marokko. Nie aber, wir betonen es,

namentlich weil _jetzt_ die Pforte auch die Souveränetät über Marokko

beanspruchen zu wollen scheint, ist im eigentlichen Marokko, d. h. westlich

von der Muluya, irgend wie oder irgend wo ein türkischer Pascha als Regent

seines Herrn, des Sultans der Türken, gesehen worden.

Im Allgemeinen sind die Begriffe des Volkes von der mohammedanischen

Religion äusserst oberflächlich und verworren. Der gemeine Mann giebt sich

auch gar keine Mühe, in das Wesen des Islam einzudringen, und was die Faki

und die Tholba, d. h. die Doctoren und Schrifgelehrten [Schriftgelehrten],

anbetrifft, so sind diese in Marokko auf einer bedeutend tiefer stehenden

Stufe der Gelehrsamkeit, als in den meisten anderen Ländern, wo der Islam

herrscht.

Die Lehre von der _Prädestination_ zieht sich auch in Marokko durch

die ganze religiöse Anschauung hin: "Es stand geschrieben," dass an dem

Tage der und der sterben muss, "es stand geschrieben," dass der und der das

Verbrechen beging etc. Es würde indess lebensgefährlich sein, einem Thaleb

zu sagen: Da Gott _allmächtig_ ist und _Alles_ erschaffen hat, so

hat er doch auch den Teufel geschaffen; oder, der Teufel als gefallener

Engel hat doch nur mit _Wissen_ und _Willen_ Gottes fallen

können. Man würde in Gefahr sein, verbrannt zu werden, wenn man einem Faki

sagte: Da Gott _Alles_ geschaffen hat, so muss er doch auch das

_Böse_, die _Sünde_, geschaffen haben; wie erklärst Du das mit

der _Allgute_ Gottes, Gottes, welcher doch nur der Inbegriff _alles

Guten_ sein soll? Ein marokkanischer Geistlicher würde nicht antworten

"mit unerforschlichen Geheimnissen", die wir nicht zu ergründen vermögen,

sondern gleich mit "Feuer und Schwert".

Gott mit "hundert guten Eigenschaften", als "grösster", "allbarmherziger",

"allmitleidiger", denkt sich der marokkanische Mohammedaner als ein

persönliches Wesen. Obschon der Name Gottes "Allah" immer mit besonderer

Betonung und recht sonor ausgesprochen wird, so hat doch das _häufige_

Anrufen desselben eine völlige Missachtung nicht nur des Namens, sondern

Gottes selbst herbeigeführt. Die eigene Lehre Mohammed's trägt Schuld

daran. Während die jüdischen Lehrer vor allen Dingen darauf hielten, den

Namen Gottes so wenig wie möglich im Munde zu führen, "Du sollst den Namen

des Herrn, Deines Gottes, nicht unnützlich führen; denn der Herr wird den

nicht ungestraft lassen, der seinen Namen missbraucht", und die Israeliten

hierin so weit gingen, dass der Name Jehovah nur von den Priestern im

Tempel ausgesprochen werden durfte, und man für Gott Eloah oder Adonai, d.

h. "Herr" im gewöhnlichen Leben, sagte, lehrte die mohammedanische

Religion, es ist _verdienstvoll_, den Namen Gottes _so viel als

möglich_ auszusprechen.

Bei aussergewöhnlichen Versammlungen von Religionsgenossenschaften kann man

daher sehen, wie manchmal die Versammelten mit nichts Anderm sich

beschäftigen, als wiegend mit dem Körper den Takt zu geben, und jedesmal

das Wort "Allah" auszusprechen. Eine Versammlung der religiösen

Genossenschaft der Mulei Thaib in Rhadames, der ich dort beiwohnte,

behauptete, am selben Abend das Wort "Allah" 70,000 Mal ausgerufen zu

haben. Wenn dies nun auch nicht genau dem Worte nach genommen werden muss,

denn die Zahlen in grösseren Zusammensetzungen sind überhaupt den

Marokkanern ziemlich unbekannte Grössen, so kann ich doch versichern, dass

ich sicherlich eine nachhaltige Heiserkeit würde davon getragen haben, wenn

ich mit gleicher Regelmässigkeit und Vehemenz eben so oft Allah

mitgeschrien hätte.

Allah wird deshalb eigentlich weder geliebt, noch gefürchtet und kaum

verehrt, denn wenn auch das Chotba-Gebet Freitags wie die täglichen Gebete

an Gott gerichtet sind, so wendet sich doch der Marokkaner, um irgend eine

Gunst zu erlangen, um irgend etwas durchzusetzen, an irgend Jemand sonst,

nur nicht an Gott.

Wie hat es aber auch anders sein können? Es liegt dem Menschen so nahe,

dass er das, was er immer zur Hand hat, was er täglich braucht, anfängt

nicht zu beachten, und die Nichtbeachtung ist immer der erste Schritt zur

Verachtung. Und in Marokko wird das Geringste, das unbedeutendste Geschäft,

ja Dinge, die nach den Gesetzen aller Menschen sündhaft sind, um nicht noch

mehr zu sagen, mit der Anrufung Gottes "Bi ism' Allah, im Namen Gottes"

begonnen. Mit dieser Redensart steht der Marokkaner auf, ergreift seine

Kleidungsstücke, falls er sich derselben ausnahmsweise Nachte entledigt

hätte, unternimmt Waschungen, betritt die Strasse, geht damit zur Arbeit,

prügelt damit seine Lehrlinge durch, ohrfeigt seine Gattin, empfängt damit

ein Almosen, ersticht damit seinen Feind, schwört damit einen falschen Eid,

betritt damit die Moschee, legt sich damit schlafen, um in der Regel damit

auch seinen letzten Hauch von sich zu geben.

Die Vorstellung, welche man sich von Engeln macht, ist im Wesentlichen der

der anderen semitischen Lehre nachgebildet. Die Engel haben einen feinen

und reinen Körper; sie essen und trinken nicht, sind geschlechtslos und

werden als specielle Diener Gottes betrachtet. Die Befehle Gottes, der

unumschränkter Gebieter des Weltalls ist, werden durch die Engel

vermittelt. So beginnt die 35. Sure[34]: "Lob und Preis sei Gott, dem

Schöpfer des Himmels und der Erde, der die Engel zu seinen Boten macht, so

da ausgestattet sind mit je zwei, drei und vier Paar Flügeln." Als

vornehmster wird _Gabriel_ betrachtet, der manchmal auch als "Geist

Gottes" erwähnt ist; _Michael_, der Engel der Offenbarung,

_Azariel_ der Todesengel, _Israful_ der Engel der Auferstehung.

Man glaubt sodann an Geister, _Djenun_ (Plural von Djin), welche als

aus gröberer Materie gemacht gedacht werden und am jüngsten Tage einem

Gerichte unterliegen.

[Fußnote 34: Der Koran von Dr. Ullmann. Bielefeld.]

Man kann nicht sagen, dass in Marokko ein _Teufelcultus_ bestände, und

als ob man sich überhaupt etwas aus dem Teufel mache. Er wird nicht so oft

in den Mund genommen, wie Allah, und ist dem zufolge den dortigen

Mohammedanern ziemlich zur Nebensache geworden. Wie bei den meisten

Völkern, wird auch hier dem Teufel Alles in die Schuhe geschoben und

_"Allah rhinal Schitan, Gott verfluche den Teufel!"_ kann man täglich

hören. Stösst einer aus Versehen an, schneidet sich einer in den Finger,

fällt einer zur Erde, zerbricht aus Versehen ein Gefäss, beschmutzt durch

eigene Unvorsichtigkeit sein Gewand, so wird unabänderlicherweise der

Teufel verflucht. Als eigenthümlich beobachtete ich, dass, sobald _ein

Esel_ seine musikalischen Töne ausstösst, es zum guten Ton gehört, sich

mit Abscheu wegzuwenden und "Gott verfluche den Teufel" auszurufen. Der

Teufel wird _Iblis_ oder _Schitan_ genannt, und nach der Meinung

der Mohammedaner wird er deshalb als gefallener Engel angesehen, weil er

sich weigerte, Adam anzubeten[35].

[Fußnote 35: An anderen Orten und Surat 2 im Koran: "Darauf sagten

wir zu den Engeln: Fallet vor dem Adam nieder, und sie thaten so,

nur der hochmüthige Teufel weigerte sich, er war ungläubig."]

Als Lohn wird den Menschen nach dem irdischen Tode ein Aufenthalt entweder

im _Paradiese_ oder in der _Hölle_ zu Theil. Indess kommen die

Abgeschiedenen keineswegs sofort dorthin; sondern erst _nach_ dem

jüngsten Gericht. Höst[36] sagt S. 197, und dieser Glaube ist auch heute

noch in Marokko: "Wenn ein Maure gestorben ist, so glauben die Anderen,

dass er gleich im Grabe von zwei Engeln befragt wird, die sie Munkir und

Nakir nennen; und wenn er dann als ein echter Moslim zu ihrer Zufriedenheit

antwortet, so ruhet der Leib ungestört bis zum Gerichtstage; wo nicht, so

schlagen sie ihn mit eisernen Keulen an die Schläfe, und er wird von

giftigen Thieren gebissen und übel behandelt. _Die Seelen der Märtyrer

verbleiben im Halse der grünen Vögel des Paradieses_ bis an den Tag des

Gerichts; aber die anderen rechtgläubigen Seelen, die durch den Engel

Azariel mit Gelindigkeit vom Körper getrennt werden, halten sich um die

Gräber herum auf, ob sie gleich gehen könnten, wohin sie wollen. Für

diejenigen Seelen hingegen, die verdammt werden, wissen sie keinen Platz,

denn weder Himmel noch Erde will sie annehmen."

[Fußnote 36: Nachrichten von Marokko und Fes, Ton G. Höst.

Kopenhagen 1781.]

Endlich naht der _jüngste_ Tag, dessen Ankunft durch "Zeichen"

angekündigt wird. So soll am Abend vorher die Sonne aufgehen, der zwölfte

Imam, der Mehedi verkündet aufs Neue und zuletzt den Islam, und Jesus

Christus, die Lehre Mohammed's bekennend, erscheint aufs Neue. Nach dem

Glauben der Mohammedaner haben sowohl Moses als auch Christus den wahren

Islam gepredigt, nur wir Christen und die Juden haben unsere, respective

ihre Bücher gefälscht. Die Mohammedaner verweisen auf verschiedene Stellen

des Alten und Neuen Testaments, von denen sie glauben, dieselben enthielten

eine Weissagung, einen Bezug auf Mohammed.

Die Trompete erschallt, die Sonne wird verfinstert, die Sterne fallen zur

Erde, es herrscht Chaos. Ein zweiter Trompetenstoss ertönt, und Alles auf

Erden, was Leben hat, stirbt. Ein 40 Jahre anhaltender Regen soll zum neuen

Keimen und Leben rufen, und dann werden die Engel Gabriel, Michael und

Israful zuerst erweckt (an anderen Koranstellen lässt Mohammed sie nicht

sterben, wie überhaupt die grössten Widersprüche herrschen). _Letzterer

sammelt die Seelen in seiner Trompete_, und beim letzten Schall

entfliegen sie derselben, um den Raum zwischen Erde und Himmel auszufüllen.

Die Länge des jüngsten Gerichtstages wird im Koran verschieden, im 30.

Capitel zu 1000, im 70. Capitel zu 50,000 Jahren angegeben.

Nachdem die Menschen von den Engeln Munkir und Gabriel gefragt sind, wiegt

Gabriel in einer Waage, die so gross ist, dass sie Himmel und Erde zugleich

enthalten kann, die Thaten der Menschen. Ueberwiegen die guten Thaten auch

nur _Ein Haar_ die bösen, so ist der Eingang in das Paradies

gesichert. Ein Mohammedaner, der einem andern Unrecht gethan hat, muss

übrigens einen Theil seiner guten Thaten demselben abgeben, hat er gar

keine, so übernimmt er dafür des Anderen Sünden. Obschon die Verdammung an

vielen Stellen als eine _ewige_ geschildert wird, so glaubt man doch

nach anderen Andeutungen, wenigstens für die Rechtgläubigen auf eine

_zeitweise_ Strafe rechnen zu können, "nachdem die Haut 1000 Jahre

lang zu Kohle verbrannt ist".

Bei der _Auferstehung_ sind die Frommen bekleidet mit Leinwand, die

Gottlosen erstehen nackt, und jene, welche unrechtmässig Reichthümer

erworben haben, werden als Schweine auferstehen; die, welche Zinsen nehmen,

werden Kopf und Füsse verkehrt tragen. Um einer solchen Strafe zu entgehen,

leiht man in Marokko nie auf Zinsen, aber man umgeht das unentgeltliche

Darleihen dadurch, dass man z.B. 100 Metkal ausleiht, aber gleich zur

Bedingung macht, nach so und zo [so] langer Zeit das _verdoppelte_

oder _verdreifachte_ Capital zurückzubekommen. Nur so konnte ich mir

selbst später am Tsadsee vom Mohammedaner Mohammed Sfaxi 200

Maria-Theresia-Thaler verschaffen; es war Bedingung, 400

zurückzuerstatten; Zeit war hierbei nicht angegeben, aber man verlangte

Zahlung auf Sicht in Tripolis, und da die Karavane gleich darauf abging

nach dieser Stadt und etwa neun Monate Zeit gebrauchte, so konnte der

Darleiher gewiss zufrieden sein.--Die ungerechten Richter, die Mörder,

Diebe etc., Alle werden in eigenen Gestalten erscheinen, um ihre Strafe

anzutreten. Das Gericht wird lange dauern und Gott wird in Person

richten, Mohammed wird Fürbitter sein, Adam, Noah, Abraham und Jesus

weisen das Amt der Fürbitte von sich. Auch die Engel, die Geister und

die Thiere werden zur Rechenschaft gezogen.

Die Auferstandenen haben, um in den für sie bestimmten Aufenthalt zu

kommen, die _Siratbrücke_ zu passiren, die so fein wie ein Haar und so

schneidig wie ein Messer ist; die frommen Seelen kommen mit telegraphischer

Geschwindigkeit hinüber, die Gottlosen stürzen in die Tiefe.

Ehe man ins Paradies gelangt, kommt man zu einer _Mauer_, welche Hölle

und Paradies trennt. Diese Mauer wird zugleich als neutrales Gebiet

betrachtet und dient als Aufenthalt für Solche, die gleichviel Gutes und

Böses, oder überhaupt weder Böses noch Gutes gethan haben.

Das mohammedanische _Paradies_ mit den rieselnden Bächen von Milch und

Honig, den schwarzäugigen Huris, deren Leib aus duftendem Bisam besteht,

dem Weine, der nicht berauscht, und den 80,000 Sklaven, die jeder

Rechtgläubige zur Verfügung hat, ist hinlänglich bekannt, und der

Marokkaner schmückt sich nach seiner Art die Versprechungen, die ihm

Mohammed im Koran davon gemacht hat, noch mehr aus. So wird er dort immer

seine Haschischpfeife haben, und der Haschisch wird ihn nicht schlaftrunken

machen; er wird nicht schwarzäugige Huris als Dienerinnen haben, sondern

_blauäugige, blondlockige Engländerinnen_, welche nach der Meinung der

Marokkaner diesen Vorzug verdienen. Das Paradies befindet sich über den

sieben Himmeln, unmittelbar unter dem Throne Gottes; was aber räumlich

_über_ Gott selbst ist, darüber nachzudenken ist dem Marokkaner nicht

erlaubt.

Nach der Beschreibung der die Hölle vom Paradiese trennenden Mauer sollte

man denken, dass dieses letztere sich auf gleichem Niveau befände mit der

Hölle. Aber wie bei den übrigen semitischen Religionen und wie bei fast

allen Völkern ist mit der _Hölle_ der Begriff des "Tiefen,

Unterirdischen" verbunden. Deshalb sagt man auch, die Bösen _fallen_

von der Siratbrücke. Man stellt sich sodann die _Hölle mit sieben

Stockwerken_ vor; im obersten wohnen jene Mohammedaner, die auf Fürbitte

des Herrn Mohammed nach einigen tausend Jahren Eintritt ins Paradies

bekommen können. Es ist sodann ein Aufenthalt für die Christen, für die

Juden, für Sabäer, Magier, Ungläubige überhaupt vorhanden. In das unterste

Stockwerk werden die Heuchler kommen, d.h. Solche, die äusserlich eine

Religion, vornehmlich die mohammedanische, bekannten, aber innerlich nicht

daran glaubten. Die Qualen der Hölle werden eben so erfinderisch

beschrieben, wie bei den übrigen Völkern, so dass es eine wahre Lust ist,

sich daneben den _allbarmherzigen_ Gott zu denken, wie er im Paradiese

in seiner ewig _allgütigen_ und _allmitleidigen_ Natur auf diese

_seine_ Geschöpfe hinabschaut, ohne dass es ihm einfällt in seinem

unerforschlichen Rathschlusse, die von ihm verhängten und nach seiner

Vorherbestimmung (nach der Lehre Mohammed's ist ja Alles vorherbestimmt)

erfolgten Qualen zu lindern oder gar zu beendigen.

_Feuer_ spielt natürlich eine Hauptrolle in der Hölle; die Anzüge sind

von Feuer, in den Eingeweiden brennt Feuer, Feuer verkohlt die Haut,

Feuerschuhe bekleiden die Füsse; ebenso heisses Wasser (22. Cap.). "Es soll

auf ihre Köpfe gegossen werden, wodurch sich ihre Eingeweide und ihre Haut

auflösen." Genug von den Freuden des mohammedanischen Paradieses und den

Leiden der mohammedanischen Hölle.

Unter dem Schutze des Grossscherifs von Uesan, der mir ein unwandelbarer

Freund war, wagte ich einst, einem Thaleb, der mit glühenden Farben die

Köstlichkeiten des Paradieses der Gläubigen mir ausmalte, zu erwiedern:

"wenn aber Ihr Marokkaner Alle Anspruch macht, ins Paradies zu kommen, so

will ich lieber nach dem Orte kommen, der den Christen angewiesen wird." Da

mein Beschützer zu lachen anfing, lachten Alle pflichtschuldigst über die

Abfertigung, die der Thaleb erhalten hatte, mit. Ich konnte mir damals in

Uesan eine solche Aeusserung erlauben, weil ich nach den Worten Mohammed's

als _übergetretener_ Christ den Vortritt vor den übrigen Moslemin

hatte. Wenn Mohammed von Vortritt spricht, meint er darunter den in das

Paradies.

Folgendes ist die unwandelbare Lehre, wie sie von Gott durch die Propheten

den Menschen vermittelt worden ist; sind Juden und Christen später von

diesem Islam abgewichen und haben die Bücher verfälscht, so war es die

Hauptaufgabe Mohammed's, die reine Lehre wieder herzustellen. Mohammed

lässt verschiedene Offenbarungen zu seit der Erschaffung der Welt, und

unter den Propheten giebt es verschiedene Rangstufen. Zu den ersten gehören

Adam, Noah, Abraham, Moses und Jesus. Es kommen sodann Patriarchen und

Propheten, welche vollkommen heilig und sündlos auf Erden lebten. Nach der

Meinung der Marokkaner giebt es 104 heilige Schriften[37], von denen auf

Adam 10, auf Seth 50, auf Edris oder Enoch 30, auf Abraham 10, auf Moses 1,

auf David 1, auf Jesus 1 und auf Mohammed 1 kommen. Bis auf die vier

letzten sind alle anderen verloren gegangen, und bis auf das letzte, den

Koran, die drei noch übrig gebliebenen gefälscht. Damit der Koran nicht

gefälscht werde, darf er nur _geschrieben_ und in arabischer Sprache

verbreitet werden. Ein gedruckter Koran ist daher in Marokko schlecht

angesehen; gleichwohl machte ich dem Grossscherif einen solchen sowie ein

Altes und Neues Testament in arabischer Sprache zum Geschenk, und er nahm

sie gern an. Aus demselbsn [demselben] Grunde, d.h. um den Koran verstehen

zu können, müssen aller _nichtarabischen_ Völker Schriftgelehrte

Arabisch lernen. Ein Versuch, den die Marokkaner selbst machten, den Koran

ins _Berberische_ zu übersetzen, da die überwiegende Mehrzahl der

Marokkaner Berber sind, scheiterte vollkommen an dem Fanatismus der

arabischen Tholba; die schon übersetzten Exemplare wurden verbrannt.

[Fußnote 37: Siehe Jackson, Account of Marocco, p. 197.]

Unter den Propheten erkennt Mohammed Jesu den ersten Platz zu; er glaubt,

dass Jesus der Sohn Mariä sei und dass diese auf wunderbare Weise empfangen

habe. Er glaubt weiter, dass die Juden Jesum nicht kreuzigten, sondern eine

andere Person unterschoben. Die Auferstehung und die Höllenfahrt werden

also vollkommen von den Mohammedanern geleugnet. Indess glauben sie, dass

Jesus lebendig gen Himmel empor gestiegen sei; und ebenfalls wird er, wie

schon erwähnt, zum jüngsten Gericht zurück erwartet.--

Ein Haupterforderniss ist das _Gebet_; aber kein Gebet ist gültig,

wenn nicht vorher eine Abwaschung des Körpers, d.h. eine bestimmte

Ceremonie, vorgenommen worden ist. Man unterscheidet in Marokko wie

überhaupt bei den Mohammedanern die _grosse Abwaschung_, el odho el

kebir[38]; die _kleine_, el odho el sserhir; _die Abwaschung mit

Sand_, el timum, und das blosse _Fingiren des Waschens_, el chofin.

Diese Abwaschung wird in verschiedener Weise bei den vier rechtgläubigen

Riten vorgenommen, aber nach einer der vorgeschriebenen Normen _muss_

die Ablution verrichtet werden. Würde man z.B. zuerst das _linke_ Auge

auswaschen, wenn es erforderlich ist, dass vorher das rechte gewaschen

werden soll, dann ist die ganze Ablution _batal_, d.h. umsonst, und es

kann nicht gebetet werden. Würde man z.B. um den Mund auszuspülen, dies mit

der linken statt mit der vorgeschriebenen rechten Hand thun, so _taugt

die ganze Ablution_ nichts. Jeder Körpertheil kommt nach

_vorgeschriebener_ Ordnung an die Reihe, und je nachdem wird die

_rechte_ oder _linke_ Hand zum Abwaschen benutzt. Die grosse

Abwaschung unterscheidet sich von der kleinen dadurch, dass man bei jener

den _ganzen_ Körper einer Reinigung unterzieht, bei dieser indess nur

die Theile des Körpers abwäscht, welche man, ohne sich der Kleidungsstücke

zu entledigen, einer Wäsche unterziehen kann. Bei der Waschung mit Sand

reibt man sich natürlich nicht buchstäblich mit Sand ab, sondern legt die

Hände auf den reinen Erdboden und _fingirt_ die Waschung. Auch hier

muss streng die _Reihenfolge_ der abzuwaschenden Theile inne gehalten

werden. Bei _unreinem_ Boden und wenn kein Wasser vorhanden ist,

berührt man irgend einen Gegenstand, eine Wand, einen Stein, und fingirt

dann die Ablution; es ist dies was man _el chofin_ nennt. Malek, der

überhaupt duldsamer als die übrigen drei mohammedanischen Gelehrten ist,

erlaubt auch das _timum_ und _el chofin_ da, wo _Wasser_

vorhanden ist; deshalb findet man in den meisten marokkanischen Moscheen,

namentlich in allen Djemen der Oasen, _Steine_, welche umfasst werden,

nach welcher Umfassung sodann die Ablution vor sich geht.

[Fußnote 38: Höst S. 204 sagt: Die grosse Abwaschung heisst Ergasel.

Es ist dies ein Irrthum; Ergasel bedeutet jede beliebige Abwaschung,

aber keine _religiöse_; wenigstens habe ich in Marokko dies Wort nie

in diesem Sinne gebrauchen hören, obschon ich selbst täglich die

Ceremonien mitzumachen hatte.]

Das Gebet der Marokkaner ist keineswegs ein solches nach dem Sinne solcher

Christen, welche darunter vorzugsweise einen freien Herzenserguss, einen

selbständigen Gedankenausfluss, eine aus eigenem Herzen entspringende Bitte

an Gott sehen, sondern vielmehr ein bestimmt auswendig Gelerntes, und eine

mit _bestimmt_ vorgeschriebenen Ceremonien verknüpfte Handlung. Es

kann daher bei den Marokkanern nach christlicher Auffassung von keinem

eigentlichen Gebet die Rede sein, sondern nur von Gebets_übungen_, von

Gebetsceremonien; und so muss man es wohl für alle Mohammedaner auffassen,

indem die dabei vorkommenden Ceremonien und Verbeugungen für Alle

_bestimmt vorgeschrieben_ sind. Fehlt eine dieser Ceremonien, würde

man z.B. sich statt nach Mekka nach einer andern Richtung wenden, oder

würde man es unterlassen; sich nach der und der Stelle zu Boden zu werfen,

so ist das Gebet ungültig; es steigt dann nicht zu Gott auf.

Man unterscheidet das _Morgengebet, essebah_, das _Mittagsgebet,

eldhohor_, das _Nachmittagsgebet, elassar_, das _Abendgebet, el

maghreb_, und das _Nachtgebet, elascha_. Die so häufige

Wiederholung der Gebetsübungen ist im Anfange des Islam auf zähen

Widerstand gestossen, später gewöhnte man sich daran, so wie sich der

Soldat an Disciplin gewöhnt. Und dadurch, dass Mohammed überall das Beten

erlaubt, und das Gebet auf der Strasse oder im freien Felde für ebenso

verdienstvoll gilt, als das in der Moschee, und vom Gebet im "stillen

Kämmerlein" im Koran nirgends die Rede ist, dadurch hat sich nach und nach

ein Pharisäismus in die mohammedanische Religion eingeschlichen, der

anderen Leuten ganz ungeheuerlich vorkommen muss. Namentlich in Marokko hat

sich _unter dem Systeme der Unfehlbarkeit des Sultans_ eine

entsetzliche Scheinheiligkeit und Heuchelei aller Classen bemächtigt. Der

gewöhnlichste Marokkaner versteht es, sich beim Beten derart den Schein der

Andacht, der Heiligkeit zu geben, er weiss seiner Stimme derart einen

näselnden Ton, einen feierlichen Klang beizulegen, er wendet derart seine

Augen gen Himmel und scheint überhaupt so sehr seinen ganzen Körper dem

nichtigen, irdischen Dasein zu entrücken, dass man glauben sollte, er

zerflösse vor Heiligkeit. Und doch ist er nichts weniger als fromm; die

Worte, die er an Allah richtet, versteht er kaum, falls er nicht sehr

gebildet ist. Das koranische Arabisch unterscheidet sich vom Neuarabischen

und namentlich vom Magrhebinischen eben so sehr, wie das Lateinische von

den neueren romanischen Sprachen. Man hält in Marokko darauf, beim Beten

_gesehen_ zu werden, man hält in Marokko auch darauf, recht _laut

die vorgeschriebenen_ Worte auszusprechen, damit man ja, falls man

übersehen wird, gehört werde. Da es nicht nöthig ist, genau die Zeit des

Gebetes inne zu halten, die Gebete aber nachgeholt werden müssen, so trifft

man allerorts, auf allen Plätzen, auf allen Strassen, in allen Moscheen

Leute, die ihre Gebetsübungen verrichten. Besucht man einen Marokkaner, so

kann man sicher sein, dass unter hundert neunundneunzig den Gast einen

Augenblick zu warten bitten, "damit ein nachzuholendes Gebet erst

verrichtet werde." Man will damit documentiren, dass man fromm sei! Recht

eifrige Leute, namentlich Brüder einer religiösen Innung, pflegen ausser

den vorgeschriebenen Gebetsceremonien noch andere zu bestimmten Tageszeiten

abzuhalten, z. B. vor dem Morgengebet das Morgenrothgebet _Fedjer_; um

die Zeit des _Dhaha_, d.h. zwischen dem Morgen- und Mittagsgebete, das

Dhahagebet; das _eschefah-_ und _uter-_Gebet nach dem _el

ascha_ etc.

In den Städten wird von den Thürmen der Moschee die Gebetsstunde durch

Aufziehen einer weissen am Freitage zum Chotbagebet einer

_dunkelblauen_ Fahne angekündigt, ausserdem ruft der _Muden_ von

den Thürmen zum Gebet auf. Auch dieser Aufruf ist bestimmt vorgeschrieben

und beginnt nach Osten, um durch Süden, Westen und Norden wieder gen Osten

beendigt zu werden. Die Worte lauten: "Gott ist der Grösste, Gott ist der

Grösste, ich bezeuge, es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, es giebt nur

Einen Gott, Mohammed ist sein Gesandter, Mohammed ist sein Gesandter[39];

kommt zum Gebet, kommt zum Gebet, kommt in den Tempel, kommt in den Tempel,

Gott ist der Grösste, Gott ist der Grösste, es giebt nur Einen Gott!"

[Fußnote 39: Vor dem Morgengebet werden die Worte "das Gebet ist

besser als der Schlaf" eingeschaltet.]

_Das Gebet selbst_ zerfällt in Anrufung, verschiedene Rikats und

Gruss[40] und wird folgendermassen bei den Malekiten abgehalten:

[Fußnote 40: Siehe Ali Bey el Abassi, Voyage en Afrique etc. I, p.

153.]

_Die Anrufung_: Körper gerade und beide Hände erhoben bis zur Höhe der

Ohren, "Gott ist der Grösste!"

Erstes Rikat und erste Position: Aufrecht, die Hände fallen herab, und man

sagt das erste Capitel des Koran her. "Lob und Preis dem Weltenherrn, dem

Allerbarmer, der da herrschet am Tage des Gerichts. Dir wollen wir dienen,

und zu Dir wollen wir flehen, auf dass Du uns führest den rechten Weg, den

Weg derer, die Deiner Gnade sich freuen, und nicht den Weg derer, über

welche Du zürnest, und nicht den der Irrenden."--Es folgt jetzt ein

Koranvers, z.B. "Gott ist der einzige und ewige Gott. Er zeugt nicht und

ist nicht gezeugt, und kein Wesen ist ihm gleich."

Zweite Position: Man verbeugt sich, die Hände auf die Knie stützend, und

ruft: "Gott ist der Grösste!" Dritte Position, sich wieder aufrichtend:

"Gott hört, wenn man ihn lobt." Vierte Position, niederknieend berührt man

mit beiden Händen, mit der Stirn und Nasenspitze die Erde und ruft: "Gott

ist der Grösste!" Fünfte Position: Man setzt sich auf die zurückliegenden

Waden, legt die Hände auf die Schenkel und ruft: "Gott ist der Grösste!"

Sechste Position: Man berührt abermals mit Händen, Stirn und Nasenspitze

den Boden und ruft: "Gott ist der Grösste!" Siebente Position: Man richtet

sich auf und ruft stehend! "Gott ist der Grösste!"

_Zweites Rikat_: Die ersten sechs Stellungen werden wiederholt, nach

der sechsten bleibt man sitzen und spricht: "Die Nachtwachen sind für Gott,

wie auch die Gebete und Almosen; Gruss und Friede sei Dir, o Prophet

Gottes; Gottes Mitleid und Segen ruhe auf Dir. Heil und Friede komme auf

uns und alle Diener Gottes, die gerecht und tugendhaft sind. Ich bezeuge,

es giebt nur Einen Gott, ich bezeuge, dass Mohammed sein Diener und

Gesandter ist!" Hat das Gebet nur zwei Rikats, so fügt man noch hinzu,

indem man in derselben Stellung bleibt und dabei immer den rechten

Zeigefinger kreisförmig bewegt: "Und ich bezeuge, Er war es, der Mohammed

zu Sich rief, und ich bezeuge die Existenz des Paradieses, die der Hölle,

die des Sirat (Brücke), die der Wage und die des ewigen Glückes, welches

denen gewährt werden soll, welche nicht zweifeln und die wahrhaftig Gott

aus dem Grabe erwecken wird. O, mein Gott, giesse Deinen Segen auf Mohammed

und Mohammed's Nachkommen aus, wie Du Deinen Segen auf Abraham ausgegossen

hast; segne Mohammed und die von Mohammed Stammenden, wie Du Abraham und

die von Abraham Stammenden gesegnet hast. Die Gnade, das Lob und die

Erhebung zum Kuhme sind in Dir und bei Dir."

_Der Gruss und Schluss_: Man bleibt sitzen, wendet das Gesicht erst

links, dann rechts, erhebt etwas die Finger beider auf den Schenkeln

ruhenden Hände und ruft: "Friede sei mit Euch!"

Fedjer und Esebah haben zwei, Dhohor und l'Asser vier, Magrheb drei,

l'Ascha vier, l'Eschefa und l'Uter drei Rikats. Recht fromme Leute,

namentlich solche, die sich gern beten sehen und hören lassen, die sich den

Ruf eines "Heiligen" erwerben wollen, machen ausserdem fünf, sechs und noch

mehr Rikats.

Der Freitagsgottesdienst, das Chotbagebet, wird in der Regel eine Stunde

nach Mittag verrichtet. Nach vorhergegangener Ablution geht Jeder in die

Moschee und betet für sich ein aus zwei Rikats bestehendes Gebet und setzt

sich. Es dauert nicht lange, so erscheint ein Fakih, besteigt den Mimbr,

ein Gerüst, ähnlich einer Treppe, und beginnt mit näselnder Stimme eine Art

Predigt _abzulesen_. In seiner Rechten hat er einen langen Stock, aber

auch nur in diesem Augenblicke des Treppenbesteigens, denn sobald er

dieselbe verlässt, wird der der Moschee zugehörende übrigens werthlose

Stock in eine Ecke gestellt. Die Fakihs und Tholba (Schriftgelehrten) der

Marokkaner unterscheiden sich keineswegs in der Kleidung von ihren übrigen

Glaubensgenossen. Da überhaupt Jeder, der lesen und schreiben kann,

_Thaleb_, Jeder, der den Koran lesen und interpretiren kann,

_Fakih_, d.h. _Doctor_ ist, so halten die Tholba und Fakih, die

sich speciell mit der Bedienung der Moscheen befassen, es nicht für

nothwendig, sich durch besondere, z.B. _schwarze Tracht_

auszuzeichnen; sie würden es auch nicht wagen, da in Marokko sich Jeder

wenigstens eben so fromm und von Gott geliebt glaubt, als sein Nächster,

_innerlich_ sogar Jeder sich wohl für am frömmsten hält. Es mag

anderen unbefangenen Menschen dies unglaublich vorkommen, aber die

fanatische Dummheit in Marokko ist so gross, dass man der festen

Ueberzeugung lebt, jedwede Sünde begehen zu können, wenn man nur mit dem

Munde bereut und mit dem Munde durch Gebete seine Reue kund thut.

Wirkliche Gebete, d. h. improvisirte, selbstgemachte, von Herzen kommende

Anreden an Gott, meistens Wünsche und Bitten enthaltend, giebt es auch.

Erfleht der Marokkaner etwas, so hält er beide Hände zumal offen gen

Himmel, als ob er etwas empfangen wollte; auf dieselbe Art wird auch der

Segen erfleht. Selbst ein Scherif, d. h. ein Abkömmling Mohammed's,

erflehet den Segen für sich oder für die Menge derart, d. h. die Hand offen

haltend. Der Mohammedaner würde es als grosse Sünde ansehen, wenn ein

Mensch sich vermässe, die Hand umzudrehen, um den Segen zu ertheilen, wie

es bei den Christen Sitte ist.

Aber "das Gebet führt nur halbwegs zu Gott, die Fasten fuhren uns vor die

Thore seines Palastes und das Almosen verschafft uns Einlass."

Es giebt verschiedene den Mohammedanern vorgeschriebene _Fasttage_, in

Marokko werden sie indess nur von aussergewöhnlich fromm sein wollenden

Leuten gehalten, jeder aber ist verpflichtet, den ganzen Monat Ramadhan zu

fasten: _Bruch wird mit dem Tode bestraft_. Sobald der Neumond von

zwei des Lesens und Schreibens kundigen Leuten in einem Orte gesehen

worden, ist für _den_ Ort der Ramadhan angegangen. Da nun manchmal der

Himmel an einigen Stellen bewölkt ist, so treten dort die Fasten einen Tag

später ein; da die Marokkaner wie überhaupt die Mohammedaner, _was das

Religiöse anbetrifft_, nach Mondsmonaten rechnen, so muss, falls

_immer_ der Himmel bewölkt bliebe, nach Ablauf von 30 Tagen des

vorhergehenden Monats der 31. der erste Tag des Rhamadhan sein.

Von Morgens bis Abends, d.h. sobald man in der Morgen- oder Abenddämmerung

einen weissen von einem blauen Faden unterscheiden kann, ist sodann jeder

materielle Genuss untersagt. Nicht nur dass man nicht essen, trinken,

rauchen oder schnupfen darf, muss auch in dieser Zeit der Umgang mit

Frauen, überhaupt jeder Sinnengenuss gemieden werden. Ja in Marokko geht

man so weit, das Riechen an eine Blume, das Ergötzen des Auges an einer

schönen Landschaft und das Anhören von Musik für Sünde zu erklären. In

diesem Monat erhielt Mohammed den Koran vom Himmel, und zwar am 27. des

Monats. Diese Nacht wird daher besonders gefeiert. Es giebt Einzelne, die

sich derart kasteien, dass sie Tag und Nacht in der Djemma bleiben, sich

Nachts nur etwas Brot und Wasser bringen lassen. Solche Heilige nennt man

Elatkaf. Man kann sich denken, dass namentlich in der ersten Zeit des

Ramadhan, wo der Magen sich noch nicht an eine solche Ordnung gewöhnt hat,

diese ganze Lebensweise Einfluss auf das Gemüth des Menschen hat.

Streitigkeiten, Processe, Prügeleien und Ehescheidungen sind immer am

häufigsten in der ersten Hälfte des Ramadhan.

Der Reiche entbehrt übrigens gar nichts, er führt nur eine umgekehrte

Lebensweise; denn Nachts entschädigt er sich durch Essen und Trinken

reichlich. Nachts sind überhaupt alle Genüsse erlaubt, indess pflegen

manche Schnapstrinker während des Ramadhan sich geistiger Getränke zu

enthalten; Opiumesser, Haschisch- und Tabacksraucher können, übrigens ohne

dass man Anstoss daran nimmt, ihren Leidenschaften fröhnen. Nachts dürfen

auch Hochzeiten im Ramadhan gefeiert werden, obschon auch dies selten

vorkommt. Die Moscheen sind um die Zeit hell erleuchtet, die Buden und

Gewölbe in den Strassen ebenfalls, die Kaffeehäuser stark besucht; überall

hört man ausgelassenen Lärm, und besonders in der Nacht des 27. Ramadhan.

Bricht einer aus Versehen den Ramadhan, d.h. er wäre z.B. ins Wasser

gefallen und hätte dabei einen Schluck Wasser getrunken, so muss er

nachfasten. Es brauchen den Ramadhan nicht zu halten schwangere Frauen,

solche, die säugen, Kinder unter 13 Jahren, alte Leute, Kranke und

Reisende. Ebenfalls ausgenommen sind die Wahnsinnigen. Kranke und Reisende

sind verpflichtet, die Fasten nachzuholen, was aber in der Regel

unterbleibt. Früher wurde der Anfang und das Ende der täglichen Fasten

durch Hornsignale von den Thürmen der Djemma dem Volke mitgetheilt, heute

geschieht dies in den meisten marokkanischen Städten wie im Orient durch

einen Kanonenschuss.

Im zweiten Capitel des Koran heisst es an verschiedenen Stellen, wo vom

Almosen die Rede ist: "O, Ihr Gläubigen, gebet Almosen von den Gütern, die

Ihr erwerbet, und von dem, was wir aus der Erde Schooss wachsen lassen;

suchet aber nicht das Schlechteste zum Almosen aus, solches, was Ihr wohl

selbst nicht annehmet, es sei denn, Ihr werdet getäuscht." Und etwas weiter

hin: "Machet Ihr Eure Almosen bekannt, so ist's gut, doch wenn Ihr das, was

Ihr den Armen gebet, verheimlicht, so ist es besser; dies wird Euch von

allem Bösen befreien. Gott kennt, was Ihr thut! Was Ihr den Armen Gutes

thut, wird Euch einst belohnt etc." Diese und sehr viele andere Stellen des

Koran (fast in jedem Capitel ist die Rede davon) zeigen, wie grosses

Gewicht Mohammed auf die Mildthätigkeit legte, und wenn der unparteiische

Mensch auch Vieles in der Lehre Mohammed's findet, was gegen die allgemein

von civilisirten Völkern angenommenen Sitten verstösst, so muss man ihm

dies hingegen hoch anrechnen. Norm ist in Marokko, den zehnten Theil aller

der Güter den Armen abzugeben, welche von Ländereien hervorgebracht, oder

aus Waaren erlöst sind, die man über ein Jahr im Besitz hat. Viehheerden

gehören ebenfalls hierher. Dieser Zehnte wird vom Sultan von Marokko

eingefordert. Die Armen bekommen nichts davon, wenn nicht dahin zu rechnen

ist, dass der Sultan den Schürfa (Scherifen) von Tafilet und Mekka jährlich

Geschenke macht, aber diese Schürfa sind keineswegs hülfsbedürftig. Man

nennt diese Almosen _el-aschor_. Eine andere Art Almosen wird

_Sakat_ genannt und besteht darin, dass man am ersten Tage des Monats

Schual am Feste des _aid el sserir_ vor Sonnenaufgang den Armen je

nach seinen Kräften Gerste, Weizen, Datteln etc. zum Geschenk macht, damit

auch sie das Fest würdig begehen können. Die gewöhnliche Art, Almosen zu

geben, _Ssadakat_ genannt, besteht, wie bei uns, in täglichen Gaben,

die man Hülfsbedürftigen und Bettlern giebt, welche den Vorübergehenden im

Namen irgend eines Heiligen anrufen, oder auch selbst von Haus zu Haus

gehen.

Das letzte Erforderniss des Islam, _das Pilgern nach Mekka_, ist nicht

unumgänglich nothwendig und wird in Marokko im Ganzen selten ausgeführt.

Die Pilger bekommen nach vollführter Wallfahrt den Titel _el Hadj_,

d.h. Pilger, und sind dann sehr geachtet. Man kann übrigens für Geld einen

Andern für sich pilgern lassen; so lassen die Sultane von Marokko stets für

sich einen andern Mann nach Mekka wallfahrten. Stirbt ein reicher Mann, ehe

er Mekka gesehen, so miethen die Nachkommen bisweilen einen Mann, der

nachträglich das Geschäft für Geld besorgen muss. Manchmal bemächtigt sich

unter diesem Vorwande der Kaid oder Bascha eines grossen Theils der

Hinterlassenschaft eines reichen Mannes, um von _Amtswegen_ das

nachträgliche Pilgern besorgen zu lassen.

Die grossen _Karawanen_, welche ehemals von Fes aus nach Mekka

fortzogen, haben jetzt ganz aufgehört, nur in Tafilet sammelt sich noch ein

Häuflein, um den weiten beschwerlichen Marsch durch die Sahara, wobei fast

immer die Hälfte zu Grunde geht (ein solcher Tod auf der Pilgerschaft ist

aber sehr verdienstvoll und verschafft directen Eintritt ins Paradies),

zurückzulegen. Jetzt fahren die meisten Marokkaner mit Dampfschiffen nach

Djedda, und allmälig gewöhnt man sich daran, eine solche Wallfahrt mit

Dampf für eben so heilig und verdienstvoll zu halten, als eine zu Fuss

zurückgelegte. Es würde hier zu weit führen, die endlosen Ceremonien einer

solchen Wallfahrt zu beschreiben, uns genüge diese kurze

Auseinandersetzung. Wir wollen noch weiter in Marokko selbst die

Entwickelung der mohammedanischen Religion verfolgen.

Was die _religiösen Festtage_, die Feiertage Marokko's, anbetrifft, so

gelten im Allgemeinen dieselben Regeln, wie in den übrigen mohammedanischen

Ländern. Indess ist nirgends Zwang, irgendwie an einem Feiertage die Arbeit

einzustellen, oder Handel und Wandel zu beschränken. So sehen wir

namentlich, dass Freitags, welcher Tag bei dem Mohammedaner dem Sabath der

Juden, dem Sonntage der Christen entspricht, Niemand daran denkt, irgend

wie seine Arbeit einzustellen, seinen Verkaufsladen zu schliessen, oder

sonst seine tagtägliche Beschäftigung zu unterlassen. Nur während der Zeit

des Chotbagebetes liegt Alles still in den Städten, weil jeder Städter aus

_eigenem Antriebe_[41], dann auch weil das Gesetz es erheischt, diesem

Gebete in der Djemma beiwohnt.

[Fußnote 41: Aus eigenem Antriebe, d.h. wer ohne Grund Freitags das

Chotbagebet zweimal hinter einander versäumt, muss der Djemma, zu

der er gehört, Strafe zahlen; dies gilt natürlich nur für Städter.]

Die Feste religiöser Art, welche in Marokko gefeiert werden, sind im Monat

Rebi-el-ual das Geburtsfest Mohammed's, _Mulud_ genannt, am 12. des

genannten Monats. Dies Fest dauert sieben Tage, aber nur der erste Tag wird

durch einen besondern Gottesdienst in der Djemma gefeiert. Gefastet wird

nicht, aber viel Musik gemacht, Pulver verschwendet und Phantasia geritten.

Das kleine Fest, _aid el sserir_, beendigt den Fastenmonat Ramadhan;

es findet vom 1. bis zum 7. Schual statt. Bei diesem Feste werden, wie

schon erwähnt, grosse Almosen gegeben, und man hält sodann ein grosses

öffentliches Gebet im Freien. Zu dem Ende hat jede Stadt in Marokko

ausserhalb des Weichbildes einen gemauerten, weiss angekalkten Gebetsplatz,

_Emssala_ genannt. Eine 5 bis 6 Fuss hohe crenelirte Mauer, 20 Schritt

lang, hat in der Mitte einen steinernen _Mimbr_, d. h. eine Treppe,

die für den Fakih, der die Predigt hält, bestimmt ist. Darf man Ali Bey

Glauben schenken, so wohnte er einem solchen Gottesdienste bei, wo zu

gleicher Zeit 250,000 Menschen sich vor Gott zur Erde beugten; es war dies

in Fes zur Zeit der Regierung des Sultans Sliman. Ich wohnte in Uesan einem

solchen religiösen Feste zweimal bei; der Grossscherif, Sidi-el-Hadj

Abd-es-Ssalam, war die Hauptperson dabei; im Ganzen mochten 20,000

Menschen anwesend sein. _Nach der Predigt_ und nach dem Gebete war

ein grosses _lab-el-barudh_, d. h. ein _Pferdewettrennen_ mit

Flintenschüssen. Dies Fest findet am 1. Schual statt; die übrigen sechs

Tage zeichnen sich nur dadurch aus, dass man aussergewöhnlich grosse

Quantitäten Nahrung zu sich nimmt und dem süssen Nichtsthun huldigt.

Am 10. Dulhaja ist das grosse Fest oder _aid el kebir_ zur Erinnerung

des Opfers Abraham's; zugleich ist es jetzt für die, welche nicht nach

Mekka pilgern, eine Mitfeier des dort stattfindenden grossen Festes.

Dasselbe dauert drei Tage. Man verrichtet zuerst sein Gebet in der Moschee

und geht sodann nach Hause, um ein Schaf zu opfern, d. h. zu schlachten und

zu verspeisen. In nicht reichen Familien hält man für genügend, ein Schaf

für Alle zu schlachten, in reichen Familien aber opfert jedes männliche

Mitglied ein Thier. Der ganz arme Mann holt sich sein Viertel bei dem

Reichen, kurz, an dem Tage ist Niemand ohne Fleischkost in Marokko. Höst

meint, dass an jenem Tage in Fes 40,000, in Maraksch 20,000 Schafe

geschlachtet werden, und nach der Zahl zu urtheilen, die in Uesan geopfert

wurden (Sidi-el-Hadj Abd-es-Ssalam z. B. liess von einem seiner Duar 500

Schafe zum Opfern bloss für seinen Haushalt nach Uesan kommen), möchte ich

glauben, dass jene Zahlen eher zu niedrig als zu hoch gegriffen seien. An

diesem Tage werden dem Sultan ebenfalls grosse Geschenke gemacht, von jeder

Stadt und jeder Ortschaft. Die beiden folgenden Tage zeichnen sich

ebenfalls durch Schmausereien aus, und Unverdaulichkeit, allgemeines

Kranksein und Unfähigkeit, irgend etwas zu thun, sind immer Folge dieser

Feier, namentlich für solche, die so wenig an animalische Kost gewöhnt

sind, wie die Marokkaner.

Ein halb religiöses, halb weltliches Fest ist das _aid el tholba_, das

Fest der Schriftgelehrten. Es findet im Frühjahr zur Zeit der Tag- und

Nachtgleiche statt; sämmtliche Tholba und Fakih ziehen zur Stadt hinaus und

lagern während einer Woche unter Zelten. Obschon Koranlesen und Beten der

ursprüngliche Zweck dabei sein soll, konnte ich davon in der heiligen Stadt

Uesan, aber vielleicht gerade _weil_ Uesan eine heilige Stadt ist,

nichts merken; im Gegentheil, bei Tage beschäftigten sich die Doctoren und

Schriftgelehrten damit, Almosen zu empfangen in Gestalt von Geld, Thee,

Zucker, Lebensmitteln aller Art und leckeren Gerichten, welche die

andächtigen Frauen aus der Stadt heraussandten. Inzwischen wurde enorm

gegessen, und wenn Abends profane Blicke der Bauern aus der Umgegend nicht

zu befürchten waren, gab man sich fleissig dem Wein und Schnaps hin. War am

andern Morgen ein Doctor oder Schriftgelehrter durch Trunkenheit oder

Katzenjammer unfähig, sich irgend wie vernünftig mit Almosen bringenden

Leuten aus dem Gebirge und der fernen Umgegend zu unterhalten, so _wuchs

sein Ruf_, man glaubte, er habe sich durch Nachtwachen derart in einen

überreizten und heiligen Zustand versetzt, dass er dem gewöhnlichen

Erdenleben entrückt sei.

Wir haben oben bemerkt, dass in Marokko nur rechtgläubige Mohammedaner

malekitischen Bekenntnisses sind, denn die wenigen _Choms_ (eine nicht

den vier orthodoxen Secten huldigende fünfte Partei) im Gebirge sind kaum

erwähnenswerth. Aber in dieser malekitischen Sekte haben sich nun wieder

zahlreiche _religiöse Genossenschaften_ gebildet, religiöse Innungen,

so dass man fast sagen kann, ein jeder Marokkaner gehört einer solchen an.

In gewisser Beziehung haben solche religiöse Verbindungen Aehnlichkeit mit

den christlichen, besonders insofern, als ihnen speciell eine gewisse

Verpflichtung obliegt, gewisse Privatgesetze gemein sind, Viele noch

besondere additionelle Gebete verrichten, gewisse Fasten halten, mancher

Speise insbesondere sich enthalten. Sie unterscheiden sich aber am

deutlichsten von christlich-religiösen Genossenschaften dadurch, dass jedes

Mitglied einer solchen Innung[42] verheirathet ist, weil Mohammed das

Heirathen an und für sich als verdienstlich und gut hinstellt. Leute unter

den Mohammedanern, die nicht verheirathet sind, werden daher unter allen

Umständen verächtlich angesehen.

[Fußnote 42: Mir wurde in ganz Marokko nur von einer religiösen

Genossenschaft Kunde gegeben, deren Mitglieder _unverheiratet_ sein

mussten, diese nannten sich _Fokra el mulei Abd Allah el Scherif_ in

Uesan. Diese Brüderschaft war äusserst schwach, die Mitglieder waren

alle gelehrt und (dem Anscheine nach) sittenreine Leute. _Leo_, Bd.

I, S. 251, Ausgabe von Loosbach, spricht aber von den sogenannten

Romiti (Marabuten), welche ebenfalls nicht heirathen dürfen, aber

deren Lebenswandel nach seiner Beschreibung eben nicht sehr

erfreulich und tugendhaft gewesen sein soll.]

Die verschiedenen religiösen Genossenschaften zu beschreiben werde ich

andernorts Gelegenheit haben, hier genüge, dass die vornehmste religiöse

Innung die der _Muley Thaib_ in Uesan ist, die ausgebreitetste im

ganzen Nordwesten von Afrika. Es kommt sodann die Corporation der _Sidi

Hammed ben Nasser_ mit dem Centralsitze von Tamagrut in der Draa-Oase;

die der _Sidi Abd-es-Ssalam-ben-Mschisch_ mit der Hauptstadt Sauya, im

Djebel Habib, südöstlich von Tanger; die von _Sidi Mussa_ in Karsas,

und viele andere. Ohne religiöses Centrum, Sauya[43], sodann ist der Orden

der _Aissauin_, d. h. der Jesuitenorden, zu erwähnen. Da wir gleich

auf letztere etwas näher eingehen wollen, erwähne ich nur, dass alle

übrigen religiösen Genossenschaften als alleinigen Zweck haben, _sich die

Menschen zu unterwerfen und dieselben auszubeuten_. Indem sie vorgeben,

dass wer ihrem Orden beitrete, d. h. die und die Ceremonie mitmache, dies

oder jenes Gebet ausserdem verrichte, an die Fürbitte dieses oder jenes

Heiligen besonders glaube, den oder jenen Festtag extra halte und, worauf

es besonders ankommt, freiwillige oder bestimmte Gaben der Sauya oder dem

Oberhaupte darbiete, suchen sie sich mehr oder minder der Herrschaft über

die Geldbeutel und damit über die Leute selbst zu bemächtigen. Aeusserlich

unterscheiden sich die Genossen einer religiösen Innung von denen einer

andern nicht, höchstens findet man einen Unterschied im Rosenkranz. Die

Mohammedaner haben mit den Katholiken gemein die Hantirung eines

Rosenkranzes, der aus hundert Perlen besteht. Die Mohammedaner beten

freilich nicht bei jeder der Hand entgleitenden Kugel ein Ave oder

Paternoster, sondern rufen bloss Gott an (es ist vorhin gesagt, wie

verdienstvoll es ist, den Namen Gottes auszusprechen), bei jeder Perle z.

B. "Gott ist gross" oder "Gott ist allbarmherzig" etc. Als Unterschied von

übrigen religiösen Orden haben die Brüder des Mulei Thaib einen grossen

Messingring am Rosenkranz, die des Sidi Hussa in Karsas eine grosse Perle

von Bernstein, und andere ähnliche Abzeichen.

[Fußnote 43: Das Wort _Sauya_ bedeutet Kloster, Pilgerort, Schule,

Asyl zusammengenommen. Da aber, wie schon gesagt, die Mitglieder

einer religiösen Genossenschaft fast immer verheirathet sind, so hat

eine Sauya ein ganz anderes Aussehen als ein Kloster. Wichtigkeit

haben Sauya besonders, wenn sie Centralstelle eines religiösen

Ordens sind, wenn sie todte oder lebendige Heilige haben, wenn sie

durch Tradition ein unverletzliches Asylrecht besitzen. Letzteres

wird aber dennoch manchmal durch die _Unfehlbarkeit_ irgend eines

Sultans, _dem ja keine Ueberlieferung heilig ist_, gebrochen.]

Die vorhin erwähnten _Aissauin_ oder Brüder vom Orden Jesu (Aissa

heisst Jesus) sind eine der merkwürdigsten Verbindungen. Sie haben kein

bestimmtes _lebendes_ Oberhaupt, keine bestimmten Ordensregeln, keine

Sauya, sie leben nur vom Aberglauben und dadurch, dass sie die

Leichtgläubigkeit ihrer Mitmenschen täuschen. Ihren Namen haben sie vom

Propheten Jesus angenommen, den sie auch als geistiges, unsichtbares

Oberhaupt anerkennen, und sie behaupten auch, ihre Wunderkraft von ihm

ererbt zu haben. Sie fussen dabei auf die Worte Mohammed's im Koran, "dass

ihm (d. h. Mohammed) die Gabe, Wunder zu thun, nicht verliehen gewesen sei,

dass aber Jesus sie gehabt habe." Die Aissauin sind sehr zahlreich, und

nicht nur in Marokko zu finden, sondern in der ganzen mohammedanischen

Welt.

Manchmal sind die Kunststücke, welche ihre wunderthätige Heiligkeit darthun

sollen, sehr einfacher Art, z. B. dass sie einen Scorpion in die Hand

nehmen, Schlangen auf dem Körper herumkriechen lassen; manchmal aber erregt

es Entsetzen, wenn man sieht, wie diese Leute Schlangen lebendig verzehren,

zerhackte Nägel, gestossenes Glas, scharfkantige Steine und glühende Kohlen

hinunterschlucken, wie sie unter Anrufung von "Gott und Jesus" ihren Körper

wund schlagen, dass er blutrünstig wird (ähnlich wie die Flagellanten der

Christen etc.), und ausserdem nicht nur gegen ihren _eigenen_ Körper

Verbrechen begehen, sondern oft _öffentlich_ und _ungestraft_

gegen die Sittlichkeit mit anderen Menschen und Thieren sich versündigen,

dass dergleichen in anderen Ländern als Wahnsinn bezeichnet, oder wollte

man es berichten, als erlogen betrachtet würde. Ich unterlasse es deshalb,

Beispiele ihrer religiösen Tugend, die ich selbst gesehen, anzuführen,

verweise dafür auf Leo Africanus I, S. 253 oder Lempriere's Reise durch

Marokko und auf fast alle anderen Schriftsteller, welche über Marokko

berichtet haben.

Wie in der christlichen Kirche, so hat sich auch im Mohammedanismus ein

_Heiligenstand_ entwickelt und namentlich in Marokko steht derselbe in

Blüthe. Die mohammedanische Religion spricht aber nicht durch ein

bestimmtes Organ, wie z. B. bei den Christen durch den Papst, heilig; ein

solches hat die gesammte mohammedanische Religion überhaupt nicht, sondern

in einzelnen mohammedanischen Ländern, wie Marokko, wo der Sultan Papst,

der Papst Sultan ist, besorgt es das ganze Volk, welches nie Heilige genug

haben kann. Die mohammedanische Religion hat nun den Vortheil, dass

Menschen schon bei Lebzeiten heilig gehalten oder gesprochen werden, und da

jeder Mohammedaner heirathet, _so ist die Erblichkeit in das Heiligsein

gekommen_, d. h. die Nachkommen eines solchen Heiligen werden auch als

heilig betrachtet. Ja, im Laufe der Jahrhunderte hat sich dies so

eigenthümlich herausgestaltet, dass die Heiligkeit nicht nur erblich,

sondern _wachsend_ geworden ist, derart, dass der Nachkomme eines

Heiligen stets für heiliger gehalten wird, als er selbst. So sehen wir,

dass z. B. in Uesan der directeste Sprössling Mohammed's jetzt für viel

heiliger und unfehlbarer gehalten wird, als Mohammed selbst.

Wenn meistens bei Christen und anderen der Glaube obwaltet, es sei um

Mohammedaner zu werden, unumgänglich die Beschneidung nothwendig, so ist

dies irrthümlich. Im Koran ist für den Moslim die Beschneidung nicht

gesetzlich gemacht, und so giebt es denn, namentlich unter den

Berberstämmen Marokko's, verschiedene, welche _nie die Beschneidung bei

sich eingeführt haben_. Trotzdem zweifelt Niemand an dem Islam dieser

Stämme. Ueberdies wird die Circumcision erst im siebenten oder achten

Lebensjahr vorgenommen, und falls die Beschneidung _wesentlich_ zum

Islam gehörte, wären sodann Kinder, die jenes Alter nicht hätten, keine

Mohammedaner. Es werden nur Knaben in Marokko beschnitten.

Ziehen wir schliesslich einen Vergleich, so finden wir, dass gleiche Lehren

und gleicher Glaube auf das Volk dieselbe Wirkung haben. Die

_Unfehlbarkeit eines Einzelnen_, die in Marokko schon seit der

Regierung des Sultans Yussuf Ben Taschfin's besteht, hat die grenzenloseste

Dummheit des Volkes, den kolossalsten Aberglauben, die grösste

Scheinheiligkeit und den Ruin der Nation und des Landes zur Folge gehabt.

So hat auch in der jüdischen, der ersten semitischen Religion, die

Unfehlbarkeit der Bundeslade, des Hohenpriesters, Jerusalems, d. h. das

starre, eiserne Festhalten eines überlebten Grundsatzes Scheinheiligkeit,

Aberglauben, Heuchelei, Selbstüberschätzung und dann den Ruin des Volkes

zur Folge gehabt. Und bei den Christen sehen wir, dass das feste Anklammern

an abgelebte Ideen, das Wiederaufrichten vorweltlicher Lehren, der

eingebildete Wahn, den allein seligmachenden Glauben zu besitzen, oder die

allein unfehlbare Oberkirchenbehörde zu sein, schliesslich zur

"Unfehlbarkeit" eines einzelnen Menschen selbst führte.

* * * * *

Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet. · 第 9 / 20 题