3. Bevölkerung.

* * * * *

Für ein Land, in dem nie statistische Untersuchungen angestellt worden

sind, auch nur annähernd richtig die Zahl der Einwohner angeben zu wollen,

ist äusserst schwer, und wenn für ganz Afrika in dieser Beziehung die

abweichendsten Angaben herrschen, so noch speciell für Marokko. Während

z.B. Jackson die übertrieben grosse Zahl von 14,886,600 Einwohnern angiebt,

hat Klöden in seiner neuesten Geographie nur 2,750,000, während Daniel

3-5,000,000 annimmt.

Durch Vergleich kann man am ersten auf annähernde Wahrheit kommen, und den

besten Vergleich können wir machen mit Algerien, wo bei ähnlicher

Bodenbeschaffenheit und bei fast gleichen klimatischen Verhältnissen eine

ungefähr gleiche _Dichtigkeit_ der Bevölkerung besteht, die sich (im

Jahre 1867) auf 2,921,246 Seelen beläuft. Da nun Marokko mindestens noch

ein Mal so gross als Algerien ist, ausserdem grosse Oasen (Draa, Tafilet

und Tuat) besitzt, endlich südlich vom Atlas grosse und furchtbare

[fruchtbare] Provinzen (Sus und Nun) längs des atlantischen Oceans hat, so

glauben wir nicht zu übertreiben, wenn wir die Bevölkerung von Marokko auf

6,500,000 Einwohner schätzen.

Wir können jetzt mit ziemlicher Bestimmtheit annehmen, dass, noch ehe die

Phönizier nach Nordafrika kamen, noch bevor die Libyer oder Numider

Nordafrika bevölkerten, ein anderes Volk dort hauste. Berbrügger, Desor

u.A. haben die Existenz von Dolmen in Algerien nachgewiesen, man findet

dolmenartige Grabmäler in Fesan, und dolmenartige Hügel konnte ich

wenigstens in Einer Gegend Marokko's constatiren, an einem Bergabhange

östlich von Uesan. Ungefähr zwei Stunden von der Stadt entfernt, führte uns

in Begleitung des Grossscherifs eines Tages eine Jagd dorthin. Leider war

es bei der dortigen Furcht, Gräber zu verletzen, und sollten sie selbst von

Ungläubigen herrühren, vollkommen unmöglich, eine nähere Untersuchung

anzustellen, oder gar die Grabhügel zu öffnen. Ob nun diese Dolmen auf

Kelten, Tamhu oder andere Ureinwohner zurückzuführen sind, müssen spätere

Zeiten entscheiden; auch Marokko wird den Zeitpunkt erleben, wo es dem

europäischen Forscher gestattet sein wird, frei und ungehindert seine

Studien dort anzustellen.

Die Punier legten zahlreiche Colonialstädte dort an; Hanno selbst gründete

bei seiner Umschiffung Hafenplätze, von denen uns die Namen erhalten sind.

Aus den Schriften von Ptolemäus und Plinius ersehen wir ziemlich genau, wo

die einheimischen Stämme--Mauri, Maurenses, Numidae--alles dies ist nur

eine verschiedene Benennung für dasselbe Volk--ihr Gebiet haben. Von diesen

sind als die hauptsächlichsten die Autolalen, die Sirangen, die Mausoler

und Mandorer hervorzuheben; alle diese, wie die weiter im Innern wohnenden

Gaetuler sind das im Norden von Afrika einheimische Berbervolk[22].

Römische, vandalische und gothische Berührung mit diesem Volke fand statt,

hat aber auf den eigentlichen Bewohner Nordafrika's wenig Einfluss gehabt,

da die Vermischung jener mit den Numidern nur ausnahmsweise vor sich ging.

[Fußnote 22: Siehe Mannert und das interessante Schriftchen von

Knötel.]

Wichtiger für Nordafrika's Bevölkerung, mithin auch für Marokko wurde der

Einbruch der Araber. Wir haben eine zweifache Invasion, die eine direct von

Osten kommend, die andere weit später vor sich gehend: die

Zurückvertreibung der Araber aus Spanien, denn wenn auch nach Spanien

gemeinsam Araber und Berber unter Mussa und Tarik gezogen waren, so kamen

nur Araber von dort zurück. Es versteht sich wohl von selbst, dass damit

nicht gemeint ist, die Berber seien in Spanien zurückgeblieben. Die

Thatsache erklärt sich so, dass beide Völker dort im fremden Lande in

einander aufgingen, in Spanien waren sie Angesichts der Christen nur

Mohammedaner, und die Gemeinsamkeit der Sitten, und namentlich der Religion

führte dort rasch die Berber zur Annahme der arabischen Sprache. Der

Spanier kannte denn auch nur los Moros oder los Mahometanos. Die

Sesshaftigkeit beider, sowohl der Araber als auch der Berber trug noch mehr

zu einer Verschmelzung bei, so dass, als sämmtliche Mohammedaner aus

Spanien vertrieben wurden, Berber und Araber sich selbst nicht mehr

unterscheiden konnten; aber die Araber hatten vermöge ihrer geistigen

Ueberlegenheit, vermöge der Religion, deren Träger sie besonders waren,

äusserlich in jeder Beziehung die Berber absorbirt.

Nicht so in Marokko selbst. Bis auf den heutigen Tag hat sich dort das

Urvolk, die alten Numider, von den Arabern fern und unvermischt erhalten.

Allerdings kommen wohl in den Städten und grösseren Ortschaften Heirathen

zwischen beiden Völkern vor, auch giebt wohl der Schich einer grossen

Berbertribe dem Sultan oder einem Grossen des Reiches seine Tochter zur

Frau, oder sucht sich selbst eine solche unter den Töchtern der Araber, im

Ganzen stehen sich aber heute Araber und Berber so fremd gegenüber, wie zur

Zeit der ersten Invasion.

Der Unterschied der meisten Reisenden zwischen reinen Arabern und

Halbarabern, zwischen Mauren, Mooren etc., ist ein vollkommen

willkürlicher, auf Nichts basirter; ebenso ist der Name Beduine in Marokko

vollkommen unbekannt, selbst die in den Hafenstädten sesshaften Europäer

wenden den Ausdruck nicht an. Die Araber nennen sich in Marokko Arbi, d.h.

Araber; wollen sie ihr specielles jetziges Heimathsland damit in Verbindung

bringen, so nennen sie sich (in diesem Falle aber ist es einerlei, ob der

Redende Araber oder Berber, Jude oder auch Neger ist) "Rharbi" oder

"Rharbaui" (der vom Westlande), oder auch "min el bled es Sidi Mohammed"

(vom Lande des Herrn Mohammed). Was die Berber anbetrifft, so nennen sie

sich "Masigh" oder "Schellah"; das Wort "Berber" ist ihnen aber keineswegs

unbekannt, namentlich südlich vom Atlas. Aber als ob sie sich des

Ursprunges des Wortes bewusst seien, hören sie sich nicht gerne so

bezeichnen und nennen _sich selbst_ nie so. Was die Juden anbetrifft,

so nennen sie sich und werden "Jhudi" genannt. Die Europäer werden "Rumi"

oder "Nssara" und die Schwarzen im Allgemeinen "Gnaui" und ihre Sprache

"Gnauya" genannt. Das Spanische der Juden, die verschiedenen Sprachen der

Europäer fasst man im Lande unter dem gemeinsamen Namen "el adjmia"

zusammen.

Wir haben es also heute nur mit zwei Hauptvölkern in Marokko zu thun, mit

dem ursprünglich in Nordafrika einheimischen, dem Berbervolke, und mit dem

von Asien her eingewanderten, dem Arabervolke. Renou und Jackson, die

versucht haben, die verschiedenen Stämme aus Triben aufzuzählen, zum Theil

sogar versucht haben, ihnen bestimmte Wohnsitze oder Provinzen zuzutheilen,

sind indess weit von der Wahrheit entfernt geblieben. Der eine führt einen

Stamm als irgendwo sesshaft an, wo er vielleicht seiner Zeit war, aber

jetzt nicht mehr ist; der andere führt Berber-Triben als Araber auf. So

sagt Renou in seinem "L'Empire de Maroc", p. 393: "Die Berber bestanden

ursprünglich aus fünf Zweigen: S'enbâdja, Ma'smouda, Haouâra, Znâta und

R'mâra oder R'amra; aber alle diese Abtheilungen, welche den Römern

unbekannt geblieben sind, hatten viele Unterabtheilungen" etc. Renou

schöpft aber nur aus Leo's Berichten. Wenn dann Renou noch auf derselben

Seite seines angeführten Werkes sagt: "Gegenwärtig sind die Berber in

verschiedene grosse Fractionen getheilt, die keineswegs den ursprünglichen

fünf Abtheilungen entsprechen. In Marokko sind es die Chevlleuh' und die

Amazir' etc.", so kann ich versichern, dass man in Marokko von dieser

Abtheilung nichts weiss. Für Algerien nimmt Renou sodann "die Kbail und im

Aures die Châouïa, wovon ein Zweig in der marokkanischen Provinz Temsena

existirt", in Anspruch. Aber was bedeutet denn in Algerien der Name Kbail,

Kabyl? Weiter nichts als Bergbewohner, und dieselbe Bedeutung hat er in

Marokko auch; der Einwohner von Uesan, von Fes nennt die umwohnenden Leute

der Gebirge, _einerlei_, ob sie Berber oder Araber sind: Kbail. Selbst

wenn man im Stande wäre, heute mit Genauigkeit angeben zu können, ein

gewisser Stamm habe irgend ein Gebiet inne, würde das wohl morgen immer

noch der Fall sein? Ich selbst konnte in Marokko constatiren, wie ein Stamm

den andern verdrängt. Unter diesen Völkern findet heute noch immer eine

Völkerwanderung im Kleinen statt. Ausgebrochene Feindseligkeiten,

eingetretene Dürre eines Weideplatzes, Heuschreckennoth, oft auch ganz

unbedeutende Gründe veranlassen ganze Stämme zum Wandern, um sich

begünstigtere Gegenden aufzusuchen.

Was Zahl und Ausbreitung beider Völker anbetrifft, so finden wir in

Marokko, dass die Berber nicht nur bedeutend zahlreicher, sondern auch über

einen viel grösseren Raum des Landes verbreitet sind. Ganz rein arabisch

sind nur die Landschaften Rharb und Beni Hassan südlich davon, endlich

Andjera und der Küstensaum vom Cap Espartel bis Mogador. Denn selbst die

Landschaften Schauya, Dukala und Abda haben theils arabische, theils

berberische Triben. Mit Ausnahme der grossen Städte und Ortschaften, in

denen die Araber überall das überwiegende Element bilden, kommen sie sodann

nur noch sporadisch vor. So findet man einzelne Arabertriben im grossen

Atlas, im Nun- und Sus-Gebiete, in der Draa-Oase finden wir zahlreiche

_nur_ von Arabern bewohnte Ortschaften (später gaben mir die

Draa-Bewohner an, dass die nördliche Hälfte des Draa-Thales, also von

Tanzetta bis zum Atlas, _ausschliesslich_ von Arabern bewohnt sei, was

ich aber bezweifeln möchte), ebenso in Tafilet, ausserdem in beiden

Oasen den grossen in Palmenhütten lebenden Araber-Stamm der

Beni-Mhammed. In Tuat sind die Araber nur ganz vereinzelt, die grosse

Mehrheit der dortigen Bevölkerung ist berberisch. Man kann also fast

behaupten, dass an Land die Berber vier Fünftel besitzen, gegen ein

Fünftel, welches auf Araber kommt. Der Zahl der Bewohner nach dürfte das

Verhältniss so sein, dass zwei Drittel Berber, ein Drittel Araber sind.

Dass die Völker, welche eine Zeitlang im heutigen Marokko sesshaft gewesen

sind, Spuren zurückgelassen haben, ist unleugbar. Nur so können wir

zwischen vorwiegend schwarzhaariger und schwarzäugiger Bevölkerung uns die

helläugigen und blondhaarigen Individuen erklären. Indess kommen

dergleichen Typen bedeutend seltener bei den Arabern vor, was sich

hinwiederum daraus erklären lässt, dass nach der einmal erfolgten Invasion

der Araber, ein Eindringen blonder Völker in Westafrika nicht mehr

stattfand. Es beruht das auf dem Princip der Erblichkeit. So sieht man denn

auch häufig in Familien, wo Vater und Mutter beide schwarzhaarig und

schwarzäugig sind, helläugige und blondhaarige Kinder. Vielleicht war

irgend einer der Vorfahren dieser Familie ein Nichtberber oder Nichtaraber

derart ausgestattet gewesen, welche Eigenthümlichkeit dann später oder

früher, oft vereinzelt, oft bei allen Nachkommen wieder hervortritt.

Bemerkt muss hier werden, dass die sogenannten Kuluglis, Nachkommen der

Araber und Türken, nirgends in Marokko zu finden sind, weil eben die Türken

westlich von Tlemcen oder von der Muluya nie ihre Grenzen ausgedehnt haben.

Was die Sprache der Araber in Marokko anbetrifft, so ist bekannt, dass von

den vier hauptsächlichsten Dialekten dieser Sprache, hier der

maghrebinische gesprochen und geschrieben wird. Vordem ist aber auch, wie

aus Münzen und Inschriften hervorgeht, Kufisch geschrieben worden. Was das

heutige Schreiben anbetrifft, so unterscheidet es sich von dem Uebrigen nur

darin, dass das Qaf oben statt zweier Punkte einen, dass das Fa statt eines

Punktes _oben_, einen solchen _unten_ hat. Was die Aussprache

anbetrifft, so zeichnen sich die Araber in Marokko dadurch aus, dass sie

fast gar nicht die Vocale aussprechen, oder doch so wenig wie möglich

hervorheben. In der gewöhnlichen Schreibweise der Araber werden die aus

Strichen und Punkten bestehenden Vocale weggelassen, und fast könnte man

sagen, dass der marokkanische Araber diese Regel auch in der Aussprache

anwendet, d.h. das Wort so kurz wie möglich ausspricht; z.B. in der

Redensart: "wie heisst Du, asch ismak", sagt der Marokkaner "sch-smk".

Natürlich wird für den Fremden das Erlernen des Sprechens dadurch

außerordentlich erschwert. Ausserdem hat in Marokko der Araber sich

zahlreiche berberische und aus romanischen Sprachen herkommende Ausdrücke

zu eigen gemacht, sogar zum Theil auch Constructionen aus diesen Sprachen

herübergenommen, z.B. die romanische Form des Genitivs, welche man in

Marokko so häufig angewendet findet, um das Genitivverhältniss zwischen

zwei Substantiven auszudrücken.

Die von den Berbern gesprochene Sprache, "tamasirht" oder "schellah"

genannt, ist im Grunde, wie aus Sprachvergleichungen hervorgeht, eine und

dieselbe. Es ist eben die, welche die Tuareg temahak im Norden und

temaschek im Süden nennen, und der wir in Audjila und noch ferner im

äussersten Osten in der Oase des Jupiter Ammon begegnen. Jackson freilich

behauptet, dass die Sprache der Siuaner eine vollkommen verschiedene sei;

heutzutage aber wissen wir, dass Marmol vollkommen Recht hat, wenn er sagt,

dass das Siuahnisch nur Dialekt der weit verbreiteten Berbersprache ist.

Allerdings sind die Unterschiede der verschiedenen Dialekte dieser Sprache

äusserst gross, wie das ja auch nicht anders sein kann bei einer Sprache,

welche über einen Raum verbreitet ist, welcher ungefähr den vierten Theil

von Afrika ausmacht. Dennoch aber sind sie nicht so gross, um nicht leicht

eine Verständigung zwischen den verschiedenen, berberisch redenden Völkern

zu ermöglichen. Kommt der Berber, der im fernen Westen am Nun ansässig ist,

auf seiner Pilgerreise nach Mekka zu demjenigen, der in der Oase Siuah

wohnt, so ist nach einer kurzen Uebung zwischen diesen Leuten gleichen

Stammes eine Unterhaltung leicht hergestellt, und als vor einigen Jahren

mehrere Schichs der Tuareg nach Algier zum Besuche kamen, ward es ihnen

keineswegs schwer, sich mit den Berbern des Djurdjura-Gebirges, also mit

Leuten, die am Mittelmeere wohnen, zu verständigen. Die Berber in Marokko

haben und kennen keine Schriftzeichen wie ihre Brüder, die Tuareg. Die

einzigen berberischen Schriftzeichen, die ich in Marokko vorfand, befinden

sich in Tuat, und rühren jedenfalls von Tuareg her, die früher vielleicht

weiter nach dem Norden hinauf kamen, als dies heute der Fall ist. Ob aber

überhaupt mit berberischen Lettern geschriebene Bücher oder auch nur

längere Gedichte und Geschichten unter den Tuareg bestehen, ist trotz der

Versicherung der Tuareg sehr zweifelhaft. Einer der intelligentesten

Tuareg, Si Otman ben Bikri, hat wiederholentlich sowohl gegen Duveyrier als

auch gegen mich dies geäussert, er hatte sogar Duveyrier versprochen, ein

solches Buch später nach Algier zu bringen oder doch einzuschicken, aber

bis jetzt hat Si Otman sein Versprechen nicht erfüllt, obschon er nach

seinem Begegnen mit Henry Duveyrier wiederholentlich in Algier gewesen ist.

Das Eigenthümliche bei den berberischen Buchstaben, sie so schreiben zu

können, dass sie bald nach rechts, bald nach links offen sind, bald diese,

bald jene Seite offen haben, dass man von oben nach unten, von rechts nach

links, oder von links nach rechts schreiben kann, muss eine so grosse

Verwirrung herbeiführen, dass die Existenz ganzer Bücher in berberischer

Schrift kaum glaublich erscheint.

Was die Berber am entschiedensten von den Arabern trennt, ist eben die

Sprache, denn obschon die Berber natürlich viele Worte aus der arabischen

Sprache aufgenommen haben, wie die marokkanischen Araber solche dem

Berberischen entlehnten, unterscheidet sich im Grunde das Berberische

derart vom Arabischen, dass die Sprachforscher, welche sich mit dem

Berberischen beschäftigt haben, und unter diesen vorzugsweise H.A.

Hannoteau, nicht wagen, es den semitischen Sprachen beizuzählen. Ja, in der

jüngsten Zeit war der französische General Faidherbe, welcher ebenfalls

sich viel mit dem Berberischen beschäftigt hat, geneigt, Berber und ihre

Sprache für die Arier zu vindiciren. Spätere genauere Untersuchungen,

namentlich wenn alle verschiedenen Dialekte der Berber bekannt sind, werden

hoffentlich zu einem Resultate führen, ebenso wird man sodann wohl

erfahren, ob im Berberischen Wörter vorhanden sind, welche auf andere

ältere Sprachen zurückführen.

Unterscheiden sich nun Araber und Berber so sehr durch die Sprache, so sind

die übrigen Unterschiede äusserst gering. Derselbe Körperbau auf dem

Flachlande wie im Gebirge (wegen der vielen Wanderungen), d.h. schlanker,

sehnigter Wuchs mit stark ausgeprägtem Muskelbau, gebräuntem Teint,

kaukasischer Gesichtsbildung, stark gebogener Nase, schwarzen feurigen

Augen, schwarzem schlichtem Haare, spitzem Kinne, etwas stark

hervortretenden Bakenknochen, spärlichem Bartwuchse--alles dies haben

Berber und Araber gemein. Allerdings sind im Allgemeinen die

Gebirgsbewohner heller, aber das gilt sowohl für die berberischen Bewohner

des Rif-Gebirges, wie für die arabische Bevölkerung der Gebirge der

Andjera-Landschaft. Bei den Frauen beider Völker muss allerdings auffallen,

dass das Weib des Arabers durchschnittlich kleiner sein dürfte, als das des

Berbers. Im Uebrigen sind auch sie nicht äusserlich zu unterscheiden. Man

kann von beiden sagen, dass sehr früh entwickelt, sie in der Jugend hübsche

volle Formen haben, meist regelmässige Gesichtszüge besitzen, aber schnell

alternd und durch unzulängliche Nahrung äusserst mager werdend, sie im

Alter wegen ihrer überflüssigen Hautfalten die hässlichsten Hexen werden.

Hervorzuheben ist, dass bei den Berbern die Stellung der Frauen eine

bedeutend hervorragendere ist als bei den Arabern. Indess ist das Lied der

meisten Reisenden, als sei die Frau bei den Arabern weiter nichts als eine

Magd, ein blosses Werkzeug, ein auf oberflächlicher Anschauung beruhendes.

Bei dem Araber ebensogut wie bei uns schwingt die Frau den Pantoffel. Liegt

der Mann die grösste Zeit des Jahres auf der Bärenhaut, so hat das seinen

Grund darin, weil eben für ihn keine häusliche Beschäftigung vorhanden ist.

Oder soll etwa der Mann das Wasser für den täglichen Bedarf holen, soll der

Mann den Mühlstein drehen, oder das Korn zu Mehl zerreiben, oder ist es

Sache des Mannes das Kind auf dem Rücken zu tragen, oder Reisig zum Feuer

zu holen oder Kuskussu zuzubereiten, und die heimkehrenden Heerden zu

melken? Sind nicht dergleichen Geschäfte in der ganzen Welt Sache der Frau.

Für einen europäischen Reisenden muss es allerdings hart erscheinen, wenn

er den ganzen Tag den Mann ausgestreckt liegen oder am Boden hocken sieht,

während die Frau sich abmüht, oft stundenweit das Wasser herbeischleppt und

dann mühsam stundenlang den Stein dreht, um Mehl zu gewinnen. Kommt aber

die Zeit der Arbeit für den Mann heran, dann ist der Berber sowohl wie der

Araber bei der Hand: das Feld wird von den Männern bestellt, das Einheimsen

des Getreides besorgen die Männer, ebenso die Abwartung der Gärten, wo

solche vorhanden sind, das Hüten der Heerde, das Abschlachten des Viehes,

kurz alle schwerere Arbeit, wie sie eben auch bei anderen Völkern von der

stärkeren Hälfte verrichtet wird.

Die hervorragende Stellung der Frauen bei den Berbern datirt jedenfalls

noch aus den vormohammedanischen Zeiten. Denn Mohammed, obschon ein so

grosser Verehrer von Frauen, dass er sich nicht scheute manchmal ins Gehege

seines Nächsten einzudringen[23], hat im Ganzen den gläubigen Frauen eine

etwas stiefmütterliche Stellung angewiesen. Indess haben die Berberinnen,

obschon auch sie Mislemata wurden, ihren Rang beizubehalten gewusst. Bei

manchen berberischen Triben offenbart sich dies in der Erbfolge, wo nicht

der älteste Sohn nachfolgt, sondern der Sohn der ältesten Tochter oder der

Schwester. Ja, in einigen Stämmen kann sogar eine Frau herrschen. Südlich

vom eigentlichen Marokko fand ich mitten unter Berbern, dass die Sauya

Karsas, eine religiöse Corporation, und eine geistliche Oberbehörde für den

ganzen Gehr-Fluss nicht vom allerdings vorhandenen männlichen Chef Namens

Sidi Mohammed ben Aly befehligt wurde, sondern dass factisch seine Frau,

eine gewisse Lella-Diehleda, die geistlichen Angelegenheiten besorgte. In

allen wichtigen Sachen hat die Berberfrau mitzureden, und mehr wie bei

anderen Völkern fügen sich die Männer dem Ausspruche der Frauen.

[Fußnote 23: Siehe darüber die 33. Sure des Koran, worin Mohammed die

Vorwürfe, die man ihm darüber machte, seinen Sklaven Said gezwungen

zu haben, ihm seine Frau abzutreten, damit zurückwies, dass er für

sich allein, den anderen Gläubigen voraus, göttliche Natur, d.h.

Unfehlbarkeit beanspruchte.]

Die mohammedanische Religion hat aber in jeder Beziehung dazu beigetragen,

die Verschiedenartigkeiten der Sitten und Gebräuche nicht nur zwischen

Arabern und Berbern auszugleichen, sondern auch die Eigenthümlichkeiten der

einzelnen Stämme unter sich zu verwischen. Es soll hier nur die Rede sein

von den Bewohnern des Landes, welche allein treu und wahr ihre alten

Ueberlieferungen beibehalten haben. Die Landbevölkerung[24] gegen die

Städtebevölkerung gehalten, ist in Marokko so überwiegend, dass wenn man

von jener spricht, damit der Kern des Volkes bezeichnet wird.

[Fußnote 24: Jackson in seinem Account of Marokko kommt freilich zu

dem Resultate von 895,600 Einw. für die Städte und von diesen hat er

Fes mit 380,000, Marokko mit 27,000 und Mickenes mit 11,000 Einw.]

Vor allem muss daher bemerkt werden, dass nur Einweiberei in Marokko

herrscht, sowohl bei den Arabern als auch bei den Berbern; die wenigen

Ausnahmefälle, wo ein reicher oder hochgestellter Araber sich einen Harem

hält, kommen kaum in Betracht, und ein Berber, mag er eine noch so hohe

Stellung einnehmen, noch so reich sein, heirathet _nie_ mehr als Eine

Frau. Freilich durch die Religion begünstigt kommen häufig genug

Scheidungen vor, was dann oft zu unerquicklichen Verhältnissen führt: ein

Mann trennt sich nachdem er schon ein Kind mit der Frau gehabt von dieser,

heirathet wieder, die Frau auch; sie zeugt mit dem neuen Mann nochmals ein

Kind, wird abermals verstossen, heirathet vielleicht zum dritten Male und

hat dann manchmal drei Familien Kinder gegeben. Es ist äusserst selten,

dass sich ein unverheiratetes Mädchen einem Manne hingiebt, auch Ehebruch

kommt fast nie vor. Desto ungebundener leben die Frauen, welche Wittwen

sind, diese glauben ihrer Sittlichkeit, namentlich wenn sie merken, dass

die Hoffnung auf Wiederverheirathung vorbei ist, "keine Schranken"

auferlegen zu müssen. Ueberhaupt zeichnen sich Mädchen und Frauen in

Marokko durch unanständige Gangart aus. Es scheint sich dies von den

Araberfrauen den Berberweibern mitgetheilt zu haben (vielleicht ist es aber

auch diesen eigenthümlich), denn alle semitischen Frauen scheinen an einer

unanständigen Allure Gefallen zu haben. Schon Jesaias Cap. 3, 16. wirft den

israelitischen Frauen ihren buhlerischen und herausfordernden Gang vor,

ebenso Mohammed im Koran Sure 24. den arabischen Frauen.

Es ist hier nicht der Ort die Ceremonien einer Verheirathung zu schildern,

mehr oder weniger gleichen sich alle bei den Mohammedanern, und oft genug

sind sie beschrieben worden. Hervorgehoben soll aber werden, dass in der

Regel die Heirath eine zwischen Eltern oder Verwandten für die betreffenden

Personen abgemachte Sache ist, doch auch häufig genug Liebesheirathen

vorkommen. Es hat dies seinen Grund darin, weil alle Frauen und jungen

Mädchen (ich spreche immer von der Landbevölkerung) unverschleiert gehen,

mithin hat der Freier Gelegenheit seine Zukünftige kennen zu lernen. Solche

Liebesheirathen gelten meist für Lebzeiten, während die Ehebündnisse,

welche aus Convention geschlossen sind, gemeiniglich keine Dauer haben. Ein

eigentlicher Kauf der Frauen, obschon die meisten Reisenden sich so

ausdrücken, findet nicht statt; der betreffende Bräutigam erlegt nur dem

zukünftigen Schwiegervater die Geldsumme, welcher dieser für die

Anschaffung der Kleidungsstücke und Schmucksachen seiner Tochter nöthig

hat, der gewöhnliche Preis hierfür ist auf 60 französische Thaler normirt.

Giebt die Frau Grund zur Scheidung, oder aber beantragt sie die Scheidung,

so muss das Geld zurückbezahlt werden, verstösst aber der Mann seine Frau,

so bleibt sie Eigenthümerin ihrer Sachen und ihr Vater behält obendrein das

Geld.

Beschneidung ist durchweg eingeführt, doch giebt es einige

_Berberstämme_, welche sie nicht üben. In Marokko hält man die

Beschneidung als nicht unbedingt erforderlich für den Islam. Die

Berberstämme, welche nicht Beschneidung üben, leben sowohl im Rif-Gebirge,

als auf den Gehängen der nördlichen Seite des Atlas. Ueberhaupt haben die

Berber Eigenthümlichkeiten bewahrt, die bei den Arabern nicht zu finden

sind, so essen _sämmtliche_ Rif-Bewohner das wilde Schwein trotz des

Koran-Verbotes. Alle Berber rechnen nach Sonnenmonaten und haben dafür die

alten von den Christen herrührenden Benennungen; ja südlich vom Atlas haben

auch die dort hausenden Araber diese Zeitrechnung angenommen.

Das Leben in der Familie ist ein patriarchalisches und man hält

ausserordentliche Stücke auf Verwandtschaft und Sippe; eigenthümliche

Familien-Namen nach unserem modernen Sinne haben weder Araber noch Berber,

Familien-Namen werden nur von der ganzen Sippschaft oder dem Stamme

geführt, z.B. die grosse Familie der Beni Hassan in Marokko, die von einem

gewissen Hassan abstammen. Oder bei den Berbern die zu einem grossen Stamme

herangewachsene Familie der Beni Mtir[25], welche von einem gewissen Mtir

abstammen. In diesen Stämmen setzt dann Jeder den Namen seines Vaters,

manchmal auch den seines Grossvaters und Urgrossvaters hinzu (äusserst

selten den der Mutter), z.B. Mohammed ben Abdallah ben Yussuf, d.h.

Mohammed Sohn Abdallah's, Sohn Yussuf's. Will er aber noch näher sich

bezeichnen, so sagt er z.B. "von den uled Hassan". Letzteres ist

gewissermassen der Familien- oder Zunamen. Bei den Arabern haben wir fast

nur biblische und koranische Namen, sowohl bei den Männern als Frauen. Die

beliebtesten in Marokko sind Mohammed (mit den verschiedenen Variationen),

Abdallah, Mussa, Isssa [Issa] oder Aïssa, Edris, Said, Bu-Bekr und Ssalem.

Die Frauen findet man fast unabänderlich Fathma, Aischa oder Mariam

benannt. Die Berber haben sich auch hierin apart gehalten und fahren fort

heidnische oder berberische Namen zu führen, z.B. Humo, Buko, Rocho, Atta

etc.[26], obschon natürlich arabische Namen vorwalten.

[Fußnote 25: Was "Uled und Beni", d.h. Söhne, Abkömmlinge bei den

Arabern bedeutet, drücken sonst in der Regel die Berber durch das

Wort "ait" aus.]

[Fußnote 26: Berberische Frauennamen liegen mir gerade nicht vor.]

Eine eigentliche Erziehung wird den Kindern nicht gegeben, die ganz jungen

Kinder bleiben circa zwei Jahre auf dem Rücken ihrer Mütter, welche

dieselben wenigstens zwei Jahre stillen. Allerdings hat jeder Tschar (Dorf

aus Häusern), jeder Duar (Dorf aus Zelten), jeder Ksor (Dorf einer Oase)

seinen Thaleb oder gar Faki, der die Schule leitet, aber die Meisten

bringen es kaum dazu die zum Beten nothwendigen Korancapitel auswendig zu

lernen, geschweige dass sie sich ans Lesen und Schreiben wagten. Aber jeder

Marokkaner weiss doch das erste Capitel des Koran auswendig, wenn auch die

meisten besonders unter den Berbern den Sinn der Verse nicht kennen.

Beim Heranwachsen stehen die Töchter den Müttern in der häuslichen

Beschäftigung bei, während die männliche Jugend zuerst zum Hüten des Viehes

verwandt wird, in der Pflanzzeit den Acker mit bestellen helfen muss, und

schliesslich nach einer kurzen Arbeitszeit im Jahre, die liebe lange Zeit

mit Nichtsthun hinbringt. Obschon überall Taback und Haschisch in Gebrauch

und namentlich letzterer ganz allgemein ist, kann man kaum sagen, dass der

Marokkaner einen unmässigen Gebrauch davon macht. Der Taback wird auf alle

drei Arten genommen, man findet Stämme, wo geraucht wird, andere welche

kauen, und das Schnupfen ist ganz allgemein, namentlich machen die

Gelehrten Gebrauch davon. Haschisch wird in Marokko entweder geraucht oder

pulverisirt mit Wasser hinuntergeschluckt. Der Gebrauch des Opium ist mit

Ausnahme der Städte, und der Oase Tuat, nicht eingebürgert. Desto

allgemeiner ist in der Weinlesezeit und kurz nachher der Genuss des Weines.

Marokko ist ein an Weinreben ungemein reiches Land, namentlich producirt

der kleine Atlas, die Provinz Andjera, die Gegenden von Uesan, Fes und

Mikenes derart viele und gute Weintrauben, dass die Leute von selbst darauf

fallen mussten Wein zu bereiten. In allen diesen Gegenden sind denn auch

viele Leute Weintrinker, ohne Unterschied ob sie Araber oder Berber sind.

Aber unmässig wie Araber und Berber immer beim Essen und Trinken sind,

sobald dies in Hülle und Fülle vorhanden ist, haben sie ihre Weintrinkezeit

nur für einige Wochen. Der schlecht zubereitete Wein, man gewinnt ihn

mittelst Kochen, würde sich auch wohl nicht lange halten. Die Marokkaner

thun ihn in grössere oder kleinere irdene Gefässe, manchmal antik wie eine

Amphore geformt, die enge Oeffnung wird mit Thon zugeklebt. Reiche Leute

und Schürfa[27], welche ihn längere Zeit bewahren wollen, giessen oben auf

den Wein eine Schicht Oel und sodann wird die Krugöffnung mit Thon

verkittet. Von Geschmack ist der Wein nicht übel, das Aussehen desselben

aber meist trübe. Es ist gefährlich zur Zeit der Lese durch jene Gegenden

zu reisen, weil ein grosser Theil der Bevölkerung dann stets betrunken ist,

und da, je roher ein Mensch ist, die Intoxicationsäusserungen des Rausches

auch um so unmanierlicher sind und oft viehisch ausarten, so vermeidet

derjenige, der die Gegenden nicht unumgänglich besuchen _muss_,

dieselben.

[Fußnote 27: Die Schürfa, d.h. die Nachkommen Mohammeds sind die

hauptsächlichsten Weintrinker.]

Ueberhaupt zeichnet sich das ganze marokkanische Volk durch eine gewisse

Rohheit und durch wenig edle Gefühle und wenig sanfte Neigung aus. Bei den

Berbern namentlich am Nord-Abhange des Atlas streift die Rohheit sogar an's

Thierische. Ich wusste nicht, wofür ich es halten sollte, ob für kindliche

Unschuld, mit der junge und erwachsene Mädchen den Spielen vollkommen

nackter Jünglinge zusahen, oder ob es ein rohes Interesse war. Der

entsetzlich verdummende Einfluss der mohammedanischen Religion, der

Fanatismus, die _eitle Anmassung nur den eigenen Glauben für den

richtigen_ zu halten, schliessen aber auch jede Besserung aus.

Wie unmanierlich ist die Art und Weise zu essen! So wie man zur Zeit

Abrahams ass, so wie die Juden in Palästina, aus Einer Schüssel am Boden

hockend, assen, so isst noch heute der Marokkaner. Morgens nach

Sonnenaufgang wird nur saure Milch mit hineingebrocktem Brode, oder eine

mässige Suppe genommen. Die zweite Mahlzeit ist gegen Mittag: Bröde d.h.

eine Art von Mehlkuchen, welche auf eisernen Platten oder erhitzten Steinen

gebacken sind, heisse Butter (in diese tippt man die Brodstücken und

verfährt recht haushälterisch; nur die Reichen geben harte Butter) bilden

dies zweite Mahl, zu dem auch wohl noch Datteln, oder im Sommer andere

Früchte, wie die Jahreszeit und die Gegend sie bietet, gegeben werden.

Abends nach Sonnenuntergang ist die Hauptmahlzeit, welche aus Kuskussu

besteht. Aber Tag für Tag, Jahr aus Jahr ein, kommt dies Gericht auf die

Erde (auf den Tisch kann ich nicht sagen, da der Marokkaner ein solches

Möbel nicht kennt) und mittelst der Hand, die Marokkaner kennen noch nicht

den Gebrauch der Messer und Gabeln, wird das Gericht rasch in den Magen

befördert. Auch der Gebrauch der Löffel ist nicht überall eingebürgert. Am

atlantischen Ocean vom Cap Spartel südlich bis nach der Mündung des Sus,

vielleicht noch weiter südlich, bedienen sich sämmtliche Leute statt eines

Löffels einer austerartigen Muschel, wie sie der Ocean dort an den Strand

wirft. Die Männer essen getrennt von den Frauen, diese essen mit den

Kindern des Hauses. Selbst bei den Berbern hat der Islam dies durchzusetzen

gewusst. Oder sollten auch die Berber schon _vor_ der Einführung des

Islam ohne ihre Frauen ihre Mahlzeiten eingenommen haben? Fleisch wird von

den Bewohnern auf dem Lande nur bei Gelegenheit eines Festes gegessen und

auch dann nur in geringer Quantität. Wenn nicht manchmal ein Stück Wild

erlegt wird, bekommt manche arme Familie oft jahrelang kein Fleisch zu

sehen, und wenn nicht der Genuss von Eiern, von Butter und Milch die

animalische Kost ersetzte, könnte man mit Recht sagen, die Marokkaner sind

der Mehrzahl nach Vegetarianer. Der in den marokkanischen Städten so sehr

beliebte Thee wird auf dem Lande nur noch bei vereinzelten Vornehmen und

Reichen gefunden; das allgemeine Getränk ist Wasser. Nirgends kennt man in

Marokko die Bereitung von Busa oder Lakby, d.h. ersteres ein gegohrenes

Getränk aus Getreide, letzteres der den Palmen abgezapfte Saft. Es würde

den Marokkanern ein grosses Verbrechen sein, eine Dattelpalme derart für

das Tragen der Früchte unbrauchbar zu machen oder gar zu tödten. Ebenso ist

in den marokkanischen Oasen, sowohl in den grossen wie in den kleinen, der

Lackby vollkommen unbekannt, und dennoch giebt es in der ganzen Sahara

keine Oasen, die sich an Palmenreichthum, und auch was die Güte der Palmen

anbetrifft, mit den marokkanischen Oasen messen können. Der Gebrauch die

Palmen anzuzapfen beginnt erst in den südlich von Tunesien gelegenen Oasen.

Indessen müssen wir doch auch einer guten Eigenschaft der Marokkaner

gedenken, der Gastfreundschaft, welche ohne Prunk, ohne Ceremonie als etwas

Selbstverständliches in Marokko überall geübt wird. In den meisten Duar, in

fast allen Tschar's giebt es eigene Häuser oder Zelte, Dar und Gitun el

Diaf genannt, welche für die Reisenden bestimmt sind. Der Fremde hat

dagegen keinerlei Verpflichtung. Kommt er zu einem Duar und hat sich

glücklich durch die kläffenden und bissigen Hunde hindurchgearbeitet, so

weisen ihm die Leute nach dem Gastzelte. Man bringt Früchte, wenn sie die

Jahreszeit und Gegend bietet, sonst Brod oder Datteln, und wenn Abends die

Zeit des Hauptmahls ist, werden die Fremden _zuerst_ bedient. In

einigen Gegenden besteht die Sitte, dass die einzelnen Familien tageweise

der Reihe nach die Fremden zu verpflegen haben, in anderen kommen Abends

die Familienväter mit vollen Schüsseln in das Fremdenzelt und das Mahl wird

gemeinschaftlich verzehrt. In anderen Gegenden existirt ein Gemeindefond

zur Speisung der Fremden, oder eine Sauya, d.h. eine religiöse

Genossenschaft besorgt dies Geschäft. Nie wird dafür irgend eine Vergütung

vom Fremdling beansprucht. Im Gegentheil, wird man nicht ordentlich

verpflegt, so hat man das Recht Beschwerde zu führen. Natürlich wird man

bei dieser Gelegenheit von Allen über Alles ausgefragt, denn Zurückhaltung

und Schweigsamkeit kennt in dieser Beziehung der Marokkaner nicht. Die

grosse Gastfreundschaft erklärt sich nun zum Theil dadurch, dass sie auf

Gegenseitigkeit beruht: der, welcher heute Gastgeber ist, beansprucht

vielleicht am nächsten Tage von einem Anderen freie Bewirthung. Es verdient

hervorgehoben zu werden, dass die arabischen Stämme bedeutend liberaler

sind, als die berberischen.

Barth und von Maltzan haben ausgesprochen, dass in Nordafrika je weiter

nach dem _Westen_, desto kriegerischer und muthiger die Bewohner seien

und dass man in Marokko den grössten Sinn der Unabhängigkeit träfe. Es

scheint mir dies nur in sofern richtig zu sein, als man die Eigenschaft der

Freiheitsliebe, den kriegerischen Sinn stärker bei den Gebirgsvölkern

ausgeprägt findet. Die Bewohner der Cyrenaica sind heute noch ebenso

freiheitsdurstig und unabhängig wie die Rif-Bewohner in Marokko, bis jetzt

sind sie von den Türken noch nicht vollkommen unterworfen. Die Bewohner des

Gorian-Grebirges in Tripolitanien sind bedeutend kriegerischer, als die

_westlich_ davon wohnenden Stämme. Das Djurdjura-Gebirge oder die

grosse Kabylie wurde zu _allerletzt_ von den Franzosen unterworfen,

nachdem schon jahrelang der ganze _Westen_ von Algerien, d.h. die

Provinz Oran unterworfen war. Endlich sind die im äussersten Westen von

Marokko wohnenden Stämme, die der Schauya, Abda und Dukala die

geknechtetsten von allen, und seit Jahren wissen sie nicht mehr was

Freiheit und Unabhängigkeit ist.

Die Bevölkerung von Marokko hat keinen eigentlichen Adel in unserem Sinn.

Die vornehmste Classe sind die Schürfa, d.h. Abkömmlinge Mohammeds,

selbstverständlich sind diese arabischen Stammes. Da sie sich unglaublich

vermehrt haben, giebt es ganze Ortschaften, die fast nur aus Schürfa

bestehen; man erkennt sie daran, dass sie vor dem Namen das Prädicat "Sidi"

oder "Mulei", d.h. "mein Herr" führen. Die gegenwärtige Dynastie von

Marokko besteht aus Schürfa. Das Sherifthum ist _nicht_ erblich durch

die Frau heirathet z.B. ein gewöhnlicher Marokkaner eine Sherifa, so sind

die Kinder keine Schürfa. Aber ein Sherif kann eine Frau aus jedem Stande

nehmen und die aus der Ehe entspringenden Kinder werden alle Schürfa. Sogar

eines Sherifs Heirath mit einer Christin oder Jüdin, (die in ihrer Religion

verbleiben können) oder mit einer Negerin (eine solche muss aber den Islam

angenommen haben) hat auf das Sherifthum der Kinder keinen vernichtenden

Einfluss, ebenso sind die im Concubinate erzeugten Kinder vollkommen

gleichberechtigt mit den in gültiger Ehe erzeugten.

Die Schürfa werden überall in Marokko als eine besonders bevorzugte

Menschenclasse angesehen. Sie haben das Recht, andere Leute zu insultiren,

ohne dass man mit gleichen Waffen antworten darf. Der Mohammedaner schimpft

_dann_ am stärksten, wenn er Beleidigungen auf die Vorfahren oder

Eltern des zu Beschimpfenden häuft. Der Sherif darf zu einem Nicht-Sherif

sagen "Allah rhinal buk" odes [oder] "Allah rhinal djeddek", "Gott

verfluche deinen Vater", "Gott verfluche deinen Grossvater". Der

Nicht-Sherif darf dies nicht erwidern, denn den Vorfahr oder Vater eines

Nachkommen des Propheten beleidigen, wäre ein Verbrechen gegen die

Religion. Er hat aber das Recht, die Person des Sherif selbst zu schimpfen,

und gegen ein "Allah rhinalek" "Gott verfluche Dich" kann in einem solchen

Falle als Entgegnung, der Sherif nicht klagen. Ich habe selbst oft

Gelegenheit gehabt, so zu antworten; wenn in Uesan die jungen Schürfa sich

darin gefielen, meinen Grossvater und Vater zu verfluchen und zu

verbrennen, verbrannte und verfluchte ich sie selbst in meiner Antwort:

"Allah iharkikum"--"Allah rhinalkum"[28], dagegen konnten sie nichts

machen. Entschieden aber glaubten sie stets einen Sieg über mich

davongetragen zu haben, da ich ihren Eltern und Vorfahren nichts nachsagen

durfte.

[Fußnote 28: Gott soll euch verbrennen, Gott verfluche euch!]

Die sogenannten Marabutin, heilige Personen oder Nachkommen solcher

Heiligen, stehen in Marokko in bedeutend geringerem Ansehen, sie werden zu

sehr von den Schürfa verdunkelt. Selbst Chefs grosser Stämme, in deren

Familien seit langer Zeit Kaid oder Schichthum nebst Reichthümern und Macht

erblich sind, verschwinden an der Seite der Schürfa.

Ueber die geistige Begabung der Marokkaner lässt sich wenig sagen.

Hervorragende Männer hat die Neuzeit nicht hervorgebracht, und bei der

Verdummung, welche die Religion herbeigeführt hat und worin das Volk zu

erhalten, der Sultan und die Grossen ihr Interesse sahen, wird hierin auch

aus ihnen selbst heraus keine Abhülfe kommen. Kunst und Handwerke findet

man nur noch in den Städten und auch da kümmerlich genug. Edlerer Regungen

ist der Marokkaner kaum fähig; das Gute zu lieben und zu thun blos um des

Guten willen, das kennt man fast bei diesen Leuten nicht. Höchstens

schwingt sich der Marokkaner auf den Standpunkt, deshalb gut zu handeln,

weil es die Religion vorschreibt, weil er sonst der zukünftigen Freuden des

Paradieses verlustig ginge, oder sich wohl gar die Strafen der Hölle

zuziehen könne.

Indess ist die Unmoralität beim Volke lange nicht so schlimm wie in den

Städten. Ausschweifungen, eheliche Ueberschreitungen oder andere Laster

hört man im Volke fast nie vorkommen. Diebstahl, Lug und Betrug kommen zwar

oft genug vor, namentlich einer Tribe gegen die andere, indess wird dies

kaum als sündhaft betrachtet. Lügen ist überhaupt den Arabern und Berbern

so eigen, dass es wohl kaum ein Individuum giebt, das die Wahrheit spricht.

Und professionsmässige Lüge hat wohl immer Betrug und Diebstahl im Gefolge.

Das Faustrecht, der Raub und Mord sind in all den Theilen des Landes, die

nicht von der Armee des Sultans erreicht werden können, an der

Tagesordnung, und Niemand findet auch etwas Ausserordentliches darin. Dass

der Gastfreund den Marokkanern eine geheiligte Person sei, ist eine Farce,

in vielen Gegenden respectiren die Bewohner nicht einmal die Schürfa.

Soll ich einen Vergleich wagen zwischen Berbern und Arabern, so möchte ich

sagen, die Zukunft gehört den ersteren. Bis jetzt haben die Araber der

Neuzeit sich der Civilisation am wenigsten geneigt gezeigt, sie sind die

echten Römlinge des Islams und mit Stolz bekennen sie sich als die Träger

und Stützen dieser fanatischen Religion. Der Berber ist in dieser Beziehung

bescheidener, er hängt weniger an Religion, und die Leute lassen sich

weniger von der Religion beherrschen. In Algerien haben denn auch die

Franzosen schon die Erfahrung gemacht, dass die Berber weit empfänglicher

für Civilisation sind, _als die nur für und durch ihre Religion lebenden

Araber_.

Was die Juden in Marokko anbetrifft, so habe ich an anderen Orten

Gelegenheit, von ihrer miserabelen Stellung gegenüber den Mohammedanern zu

sprechen. Zum Theil sind sie direct aus Palästina hergewandert, zum Theil

aus Europa zurück vertrieben. Ich glaube nicht, wie einige Schriftsteller

annehmen, dass von den jetzt noch im grossen Atlas und in den Oasen der

grossen Wüste existirenden Judengemeinden, diese Abkömmlinge[29] der

Ureinwohner Nordafrikas also Berber ihrer Herkunft nach sind. Wenn man auch

annimmt, dass Berber vor der arabischen Invasion zum Theil das

Christenthum, zum Theil das Judenthum angenommen hatten, so mussten höchst

wahrscheinlich Christen und Juden den Islam annehmen. Man behauptet, diese

eben erwähnten Juden haben gleiches Aeussere, gleiche Sitten und Gebräuche

mit den Berbern. Es ist das ein Irrthum. Ich habe jüdische Gemeinden des

grossen Atlas und fast sämmtliche jüdische Ortschaften der Draa- und

Tafilet-Oasen besucht, aber immer gefunden, dass sie sich auszeichneten von

der sie umgebenden mohammedanisch-berberischen Bevölkerung, sowohl in der

Sprache, als auch durch anderen Körperbau, andere Gesichtsbildung und

Sitten. Im Allgemeinen sind die Juden schöner und kräftiger als die Araber,

aber der entsetzliche Schmutz, den sie zur Schau tragen, die nachlässige

und ärmliche Kleidung, der sie sich bedienen müssen, entstellt sie mehr als

es unter anderen Umständen der Fall sein würde. Die Jüdinnen namentlich

zeichnen sich durch Schönheit der Körperformen und reizende Gesichtszüge

aus, müssen dafür aber auch oft genug, sind sie in der Nähe eines Grossen

und Vornehmen, in dessen Harem wandern.

[Fußnote 29: Die Angaben von Richardson und Davidson über die frei im

Atlas lebenden Juden, die berechtigt seien Waffen zu tragen, beruhen

auf trügerischer Information. Aus _eigener_ Anschauung weiss ich,

dass die Juden im Atlas und in den grossen Oasen der Sahara ebenso

miserabel leben, wie nur in Fes oder irgend einer anderen Stadt des

Landes.]

Die direct von Palästina hergekommenen Juden finden sich auf dem Atlas und

in der Sahara, auch in den Städten Uesan, Fes, Tesa, Udjda giebt es deren.

Sie reden kein Spanisch, sondern nur Arabisch und in rein berberischen

Gegenden Schellah oder Tamasirht.

Aber eigenthümlich! Der Jude scheint nirgends die Landessprache erlernen zu

können. Wir wissen alle, dass der echte Jude in Deutschland gleich an

seiner lispelnden Sprache zu erkennen ist, ebenso die Juden aller übrigen

europäischen Länder, die stets die Sprache des Landes anders sprechen als

die christlichen Bewohner. So auch in Nordafrika. Selbst wenn nicht durch

Tracht und Physiognomie verschieden von dem Araber, würde man unter

Hunderten den Juden gleich an der Sprache herauskennen. Nichts lächerlicher

als einen Juden arabisch schmunzeln zu hören, und die unter den Berbern

ansässigen Israeliten, die berberisch sprechen, schmunzeln das Tamasirht,

wie der Jude überhaupt in allen Sprachen schmunzelt.

Man wird wohl kaum übertreiben, wenn man die Zahl der in Marokko lebenden

Juden auf circa 200,000 Seelen angiebt. Der grösste Zuschub von Aussen trat

1492 bei der Vertreibung aus Spanien ein, dazu kamen 1496 die aus Portugal

vertriebenen Juden. Aber früher schon hatten andere europäische Länder ihr

Contingent gestellt, 1342 fand in Italien eine Judenvertreibung, 1350 in

den Niederlanden und 1403 in England und Frankreich statt[30]. Alle diese

unglücklichen Israeliten fanden in Nordafrika und vorzugsweise in Marokko

eine Zuflucht. Und wie unglücklich und gedrückt ihre Stellung auch dort

ist, bis auf den heutigen Tag haben sie ausgehalten und sich vermehrt.

[Fußnote 30: Don Serafin Calderon, Cuadro geografico de Marrueccos,

Madrid 1844.]

Auch die schwarze Race ist in Marokko vertreten und zwar sind es

vorzugsweise Haussa-, Sonrhai- und Bambara-Neger, die man antrifft. Sie

haben dazu beigetragen, das arabische Element kräftig zu durchsetzen,

obschon auf dem Lande die Mischung mit den Schwarzen seltener ist als in

den Städten. Es ist weniger im arabischen _Volke_ Sitte eine Negerin

zu nehmen, als bei den _Grossen_. Die ganze Familie des Sultans, alle

ersten Familien der Schürfa haben heute eben so viel Negerblut in ihren

Adern als rein arabisches. Die Berber mischen sich nie mit den Schwarzen,

sie würden glauben sich dadurch zu degradiren. Als Sklaven werden die

Schwarzen in Marokko gut behandelt und fast immer nach kürzerer oder

längerer Zeit in Freiheit gesetzt. Die Zahl der Schwarzen in Marokko,

welche stets durch neue Zufuhren aus Centralafrika erneuert wird, dürfte

sich auf circa 50,000 beziffern.

Die in Marokko sich aufhaltenden Renegaten verdienen kaum einer Erwähnung.

Es ist meist der Abschaum der menschlichen Gesellschaft,

Galeerensträflinge, die aus den spanischen Praesidos von Ceuta, Melilla,

Alhucanas und Peñon de la Gomera entflohen sind. Und die Aussicht auf

Begnadigung ist ihnen dadurch, dass sie die mohammedanische Religion

angenommen haben, vollkommen abgeschnitten, sie würde auch nutzlos für sie

sein, da sie im Falle einer Begnadigung, _dem Rächerarm der allliebenden

katholischen Kirche anheimfallen würden_. Die katholische

alleinseligmachende Religion in Spanien und die mohammedanische

alleinseligmachende Religion in Marokko stehen sich noch ebenso feindlich

gegen einander, wie zur Zeit Ferdinand des Katholischen.

Es mögen einige Hundert Renegaten in Marokko sein, fast alle Spanier, mit

Ausnahme von drei oder vier Franzosen; alle sind verheirathet, die meisten

sind Soldaten und alle leben in einer sehr verachteten Stellung. Selbst die

Kinder und Nachkommen solcher Oeludj[31] haben noch zu leiden von der

tiefverachteten Stellung, die ihre Eltern einnahmen.

[Fußnote 31: Oeludj pl. von Oeldj heisst man in Marokko den

ehemaligen christlichen Sklaven und ebenso auch die Renegaten.]

Europäer, oder wie die Marokkaner sie nennen: Christen, trifft man nur in

den Häfen. Im Ganzen beträgt ihre Zahl jetzt wohl 2000; sie zeigt also eine

grosse Zunahme gegen früher. Tanger und Mogador haben das grösste

Contingent aufzuweisen. In den übrigen Küstenstädten, wie Tetuan,

L'Araisch, Rbat, Darbeida, Dar-Djedida und Saffi findet man nur einzelne

Familien. Die Häfen von Sla, Asamor und Agadir haben _keine europäische

Bevölkerung_.

Ueber Zu- oder Abnahme der Bevölkerung in Marokko liegen natürlich keine

Angaben vor. Was die Städte anbetrifft, so hat in der neuesten Zeit Fes

durch Cholera bedeutend an der Einwohnerzahl verloren. Dass die Stadt

Marokko ehedem viel bedeutender bevölkert war als jetzt, dass ein Gleiches

in Mikenes, Luxor (Alcassar) und Tarudant der Fall gewesen ist, habe ich

selbst beobachten können. Die grossen Gärten innerhalb der Stadtmauern, die

vielen leerstehenden Häuser, meistens schon Ruinen, endlich die grosse

Anzahl unbenutzter Moscheen, zu gross für die jetzige Population, deuten

darauf hin, dass die Bevölkerung dieser Städte bedeutend abgenommen hat.

Zunahme sehen wir nur in den Hafenstädten, namentlich in denen, welche

hauptsächlich den Handel mit dem Auslande vermitteln; aber auch hier ist

die Zunahme mehr unter der fremden, europäischen Bevölkerung zu bemerken,

als unter den Eingeborenen. Viele Hafenstädte, welche ehemals bewohnt

waren, sind in der Neuzeit sogar gänzlich entvölkert und verlassen worden.

Ebenso kann auf dem Lande von einer merklichen Zunahme der Einwohner nicht

die Rede sein; es kann sein, dass einzelne Triben sich vermehren, durch

locale Einflüsse begünstigt, während aber andere dafür sich vermindern oder

ganz aussterben. Constante Zunahme der Bevölkerung und fast möchte ich

sagen Uebervölkerung findet man nur in den Sahara-Oasen, namentlich im Draa

und Tafilet. Es scheint, dass diese gesegneten Inseln, wie sie Treibhäuser

für Pflanzen sind, auch ebenso günstig auf die Menschen einwirken. Dazu

kommt, dass in den grossen Oasen eine verhältnissmässig grosse Sicherheit

des Lebens und Eigenthums ist, dass Kriege und Raubzüge dort seltener sind,

und Beraubungen und Vexationen durch die marokkanische Regierung dort nicht

vorkommen.

Hauptgründe aber der Abnahme der Bevölkerung Marokko's (höchstens kann man

sagen, dass diese bleibt wie sie ist) sind vor allem mangelhafte Nahrung.

Die Faulheit und Sorglosigkeit der Bewohner ist derart; dass trotz des

reichen und jungfräulichen Bodens oft Missernten erzielt werden. Nicht zur

rechten Zeit eingetretener Regen, Hagelwetter oder Heuschrecken führen

häufig Hungersnoth herbei. Vorräthe anlegen kennt der Marokkaner nicht.

Aber selbst bei reichlichen Ernten, in Jahren, wo Marokko Getreide

ausführen kann, ist die Nahrung wegen der Einförmigkeit keine die

Gesundheit fördernde. Wie schon angeführt worden ist, kommt beim

Landbewohner das ganze Jahr keine Fleischkost vor. Unmässigkeit, wenn

Nahrung reichlich vorhanden ist, hat dann Krankheit im Gefolge. Das

weibliche Geschlecht entkräftet sich durch zu langes Säugen der Kinder.

Fortwährende Kriege und Raubzüge fordern Opfer unter den kräftigsten

Männern. Die willkürliche Regierung, die dem Volke den letzten Blutstropfen

aussaugende mohammedanische _Geistlichkeit_, endlich die grassirenden

Krankheiten, alles dieses sind Ursachen, welche auf die Entwickelung des

marokkanischen Volkes hemmend und hindernd einwirken.

* * * * *

Mein erster Aufenthalt in Marokko und Reise südlich vom Atlas durch die Oasen Draa und Tafilet. · 第 8 / 20 题