seiner Gegenwart belebte er die Soldaten, und gab allen militärischen
Anordnungen Kraft. In Thränen versunken, sah Ocollo den Augenblick,
den sie auf eine wunderbare Art so sehr verzögert hatte, unvermeidlich
herankommen. Zu entfliehen wäre unmöglich: Ihr Tod war sicher, und sie
wollte das großartige Schauspiel der Befreiung Perus genießen. Ihre
starke, in den Stürmen große Seele bewahrte Ruhe genug, um die Gefahr
zu erwarten; und durch den Schatten Atahulpas und durch die Liebe
beseelt, die noch in ihrem Busen brannte, dachte sie nur an ihre Rache.
Da die Garnison von Cuzco auf fünfhundert Mann beschränkt und Pizarro
bis zum Verkennen der Gefahren unerschrocken war, setzte er seine Wache
auf eine geringe Anzahl von Soldaten herab, aber seine unendlichen
Sklaven, von dessen Wildheit gewitzigt, zitterten bei seiner Stimme.
Weltklug genug, spiegelte Ocollo niemals eine Vereinigung mit jenen
Unglücklichen vor; manchmal behandelte sie dieselben ebenfalls
mit Anmaßung, und der Statthalter nahm sie mit seinen Interessen
verschmolzen an, weil er in seinem Liebestaumel der Gegenstand zu sein
glaubte, den sie verehrte! Aber Ocollo seufzte um die unglücklichen
Sklaven, und in das Geheimniß der Verstellung eingeweiht, entsprachen
sie ihrer Zärtlichkeit. Einige flößten ihr, bald wegen ihres Muthes,
bald wegen ihren Talenten, größeres Vertrauen ein und sie waren ihre
Hauptagenten für die Mittheilungen mit dem Lager Huascars; und auf
sie gründete sie ihre Hoffnungen und vertraute ihnen einige ihrer
Geheimnisse an. An jenem Tage ermunterte sie ihre Seelen, indem sie
ihnen versicherte, daß in der Nacht die Unabhängigkeit Perus ausgerufen
würde, daß aber ihre Anstrengung unerläßlich war. Die wehrlosen
Peruaner konnten kaum mehr, als großmüthig dem Tode ihre Brust
aussetzen, aber stets vorsehend, wollte Ocollo glückliche Augenblicke
benutzen.
Die geringe Wache, welche die Sicherheit des Palastes des Statthalters
verbürgte, bestand aus Soldaten, die die Nacht auf den Mauern tödtend
zugebracht hatten, die sich zur Feier des Sieges ebenfalls der
Schwelgerei und den geistigen Getränken überlassen hatten, und denen
die Müdigkeit und die Dünste ihre Glieder lähmen, und ein tiefer Schlaf
ihre Augenlider schließen und ihre Köpfe umnebeln würde. Jene Nacht
war die von Pizarro bezeichnete, um seine unkeuschen Begierden zu
sättigen, und die gleichfalls von dem Schicksal bezeichnete, um die
Freiheit Perus auszurufen, und Ocollo kannte ihre Lage, und in ihrer
Brust glühte die Liebe zu ihrem Vaterlande und ihre Rache. Obwohl zu
den Ketten der Knechtschaft herabgewürdigt, bewahrten die Peruaner die
Seelenstärke eines Volkes, das die Wonne der Freiheit gefühlt hat,
und bei dem Ruf der Freiheit flögen sie in den Tod, und Ocollo gab
ihren Lieblingen die erforderlichen Anweisungen, damit sie die Menge
vorbereiteten.
Nach so vielem Bemühen gab Pizarro der Müdigkeit schon nach; wiewohl
seine Glieder stahlhart waren, giebt auch der Stahl nach. Nachdem
alle militärischen Vorsichtsmaßregeln getroffen waren, zog er sich
bereits beim ersten Sturmgeschrei nach seinem Palaste zurück, um einen
Augenblick der Ruhe zu haben, aber die Liebe verzehrte sein Innerstes,
und eine trostlose Unruhe beunruhigte seine Brust. Ausdrucksvoller denn
je, ging Ocollo, ihm tausend verstellte Liebkosungen erweisend, ihm
entgegen, und bei dem Anblick der Schönen erwarb die Seele Pizarros
Kraft und Leben, seine Liebe brannte heftig, und sich entsinnend, daß
jene Nacht die letzte der Verstellung wäre, hielt er den glücklichen
Augenblick für gekommen. Ocollo jedoch, welche Pizarros erregte
Leidenschaften bereits kannte, nahm ein strenges Aussehen an und begann
seinen Liebkosungen auszuweichen. Da wurde der Statthalter wieder
stolz, und erinnerte sie an das Geheiß: »In dieser Nacht, Ocollo, in
dieser selben Nacht; es ist Alles umsonst....«
»Hoffe es nicht, Unmensch,« versetzte die Peruanerin, »niemals wird
Ocollo der Stimme des Mörders Atahulpas nachgeben.« »Ah! Treulose, und
du wagtest.... In dieser Nacht, in dieser selben Nacht ... umsonst
wirst du versuchen, deine Hand loszumachen, in meinen nervigen
Armen wirst du dein Verbrechen sühnen....« Wie ein schwaches
Rohr riß Pizarro das Opfer mit sich fort; bleich, in ihrer Ruhe,
schien Ocollo von einer göttlichen Macht beseelt; schon betastete
der Statthalter mit seinem schwarzen Munde die purpurnen Wangen,
als Ocollo muthig einen Dolch in seine Brust stieß und ihn mitten
durchbohrte. Pizarro fiel, sich in einem Strom von Blut wälzend,
und Ocollo rannte tapfer mit dem rauchenden, im Blute des Eroberers
gerötheten Dolche davon, gab den Ruf der Freiheit, und die Sklaven
flogen in Schaaren herbei. Alle Vorsichtsmaßregeln waren genommen;
die Peruaner bemächtigten sich der Waffen der Wache, welche träge
einen lethargischen Schlaf abschüttelten, um mordend unter dem Getöse
der Sklavenketten zu sterben; die ganze Wache wurde, wiewohl zu
theurem Preise, niedergemacht, und die Aufrührerischen flogen nach
einem Thore der Stadt, um es ihren Gefährten zu öffnen. Die Spanier,
welche die Mauern besetzten, hielten den Tumult für eine Ueberraschung
des Feindes, der Statthalter fehlte ihnen an ihrer Spitze, und sie
geriethen in Unordnung. Zu spät ja erkannten sie, was die Bewegung und
den Tod Pizarros verursachte, man hatte die Thore gesprengt, und das
peruanische Heer rückte eilfertig heran; es entspann sich jedoch, bei
der Dunkelheit der Nacht, ein lebhafter Kampf in den Straßen, und die
Spanier hätten den Sieg angestimmt, aber wie ein starkes Donnerwetter
brach Almagro herein und entschied den Triumph. Das peruanische Heer
weidete sich mit Entsetzen an den Besiegten; vergebens mochte Almagro
in jenen Augenblicken die Macht der Disziplin anrufen: Ein jeder Soldat
hatte tausend Opfer seiner Familie zu rächen, er mußte seine Schmach
in dem Blute seiner Unterdrücker waschen, und man hörte nur furchtsames
Todes-, Freiheits- und Rachegeschrei.
[Illustration]
[Illustration]
Kapitel 25.
Schluß.
Die Stadt war in ihrem ganzen Umkreise ein Schlachtfeld, und die
peruanischen Abtheilungen rückten, Tod und Verderben hinter sich
her reißend, überall siegreich vor. Ohne sich von der Spitze der
Bataillone zu entfernen, siegte Almagro, jedoch die Truppe zügelnd
und die Mannszucht bewahrend, und er warf durchdringende Blicke rings
umher, den Statthalter, seinen Gegner zu entdecken, um mit ihm Körper
an Körper die Waffen zu messen, und Coya, stets an seiner Seite,
entflammte die Tapferkeit der Peruaner, und flößte ihnen Muth und
Todesverachtung ein, um Siegeslieder und Freiheitsgesänge anzustimmen.
Obschon den Befehlen Almagros gehorsam, obschon von edler großmüthiger
Seele, führte, eine Division von verschiedenen Flanken anführend,
Huascar hinter seinen Fußstapfen das Verderben nach, und ließ genugsam
erkennen, daß er künftighin den Krieg bis auf den Tod führen würde; und
in Mitten so vielen Greuels nahm die Nacht ihren schwarzen Schleier
zusammen, das Licht des neuen Tages begann den Horizont zu erhellen und
glänzend brach die Morgenröthe der Freiheit Perus an.
Gar bald aber gelangte die Nachricht von der Ermordung Pizarros,
den er unter den Kämpfenden glaubte, an Almagro, und da zeigte der
junge Kriegsheld seinen ganzen Seelenadel: Er beweinte den Tod seines
Feindes, und schwermüthig warf er den Degen weg, den seine Rechte
schwang. Huascar, inzwischen siegreich vorrückend, bemächtigte sich
des Palastes des Statthalters, der früheren Wohnstätte der Inkas,
und in starrer Betäubung betrachtete er den Leichnam des kühnen und
ruhmvollen Spaniers, der das kolossale Reich in Staub versenkt hatte,
als auch Almagro herzutrat; und Ocollo ermüdet, und mit schwerem und
ängstlichem Athem in tiefer Ohnmacht dalag. »Inka«, sagte der Spanier
zu ihm, »bereits bewohnst du die Stätte deiner Vorfahren; hier hast du
meinen Degen; ich werde nicht mehr an deiner Seite kämpfen; ich habe
keinen Feind mehr zu besiegen; dieser kalte Leichnam hat meine Rechte
entwaffnet.« »Wie, tapferer Almagro, ich konnte dich beleidigen!«
»Nein, Huascar, nein, du bist edel und großmüthig, aber mein tadel- und
fleckenloser Name wird mit Schmach bedeckt werden, wenn ich fortfahre,
gegen meine Brüder zu kämpfen. Pizarros Stolz und Luques Fanatismus,
die Unduldsamkeit und die Gewaltherrschaft der beiden, brachten mich
in dein Lager, und die persönlichen Beleidigungen des Statthalters
forderten einzig meine Rache heraus. Die entfernten Geschlechter werden
vielleicht glauben, daß aus dem Blute Pizarros die Freiheit Perus
hervorquoll, weil seine Ermordung uns den Sieg verliehen hätte; die
peruanischen Waffen würden sich, den Eroberer überwindend, mit Ruhm
bedeckt haben, nun aber sind sie befleckt, und ich muß mich, von dem
Schauplatz des Krieges abtretend, vor der Schmach retten.« »Ocollo
rächte den Schatten Atahulpas; sieh, wie sie zuckend in tiefer Ohnmacht
versunken ist.« Da fing Ocollo an, ihre Schlafsucht abzuschütteln, und
sich von den Armen der sie umstehenden Peruaner losmachend, wollte
sie erschreckt entfliehen, und schrie krampfhaft: »Nein, Unmensch,
niemals, der Schatten Atahulpas.« Mit großer Mühe konnten sie sie in
ein gesondertes, ruhiges Zimmer bringen, wo sie, nachdem man ihr die
eifrigste Sorgfalt angedeihen ließ, bald wieder stille wurde und in
ihrem Geiste entsetzliche Erinnerungen vorüberziehen sah.
»Nein, Huascar,« wiederholte Almagro, »ich beschuldige Ocollo nicht;
ihre Rache und ihre Ehre erforderten ihre Tollkühnheit, doch Pizarro
ist todt, und es ist bereits meine Pflicht, die Waffen abzulegen.
Ich habe dich schon zum Siege vorbereitet, Benalcazar und andere
berühmte Kapitäne verstärken deine Reihen; du hast bereits gelernt,
die europäischen Waffen nicht zu fürchten; das Reich jauchzt dir als
seinem Herrscher zu, und du bemeisterst den Sieg schon. Lebe wohl,
großmüthiger Huascar; lebe wohl, Heer der Peruaner, lebe wohl. -- Im
Osten geboren, kam ich, um euer Glück zu stören; der barmherzige Gott
wollte mich mit weniger Ehrgeiz, oder mit mehr Empfindsamkeit, als
meine Gefährten ausstatten, und ich trachtete, in eurem gemeinsamen
Unglück eure Stütze und euer Trost zu sein. Die Undankbarkeit und der
Stolz Pizarros, die Liebe Coyas, die Einflüsterungen meines Herzens
brachten mich in euer Lager; ich kämpfte für eure Freiheit, und habe
euch vielleicht zum Siege verholfen. Wenn ihr mir etwas schuldet, wenn
ich würdig wäre, nach eurer Erkenntlichkeit zu trachten, so verzeiht
die Verbrechen meiner Gefährten, flucht ihrem Andenken nicht.... Ihre
Verbrechen sind Verbrechen ihres Jahrhunderts gewesen.«
Reichliche Thränen vergossen die einfachen Gemüther; eine tiefe Stille
herrschte unter den berühmten Personen, und die Blut- und Greuelscenen,
welche die neue Welt entsetzten, fingen an, sich in Scenen der Rührung
und der Freude zu verwandeln. Coya, die an den Blicken Almagros ihr
reines Herz entflammte, hing immerwährend an seinen Lippen; der
Wille, die Launen ihres Geliebten waren für die Schöne heilige und
unverletzliche Gebote, und wenn sie an der Seite ihres Almagros stand,
hielt sie ihre ganze glückliche Zukunft und ihre goldenen Träume
verwirklicht. Huascar, welcher in dem herzhaften jungen Manne keinen
Nebenbuhler, sondern einen Freund, eine unüberwindliche Stütze sah,
erschöpfte alle möglichen Hülfsquellen, damit er nicht die Waffen
ablegte, doch der herzhafte Spanier konnte nicht einem Feldzuge folgen,
worin sein mächtiger Nebenbuhler ermordet worden war. Es war alles
umsonst; Almagro hatte unwiderruflich seinen Entschluß gefaßt, und er
wandte sich endlich an Huascar: »Du weißt es,« sagte er zu ihm, »Sklave
der Schönheit und der Reize Coyas, ist die ganze Glückseligkeit, nach
der ich mich sehne, sie als Gattin zu besitzen, da ich schon vor so
langer Zeit ihr Herz besitze. Gewähre mir, als Herrscher von Peru, als
Oberhaupt der Familie der Inkas, diese Gabe, und meine geringen Dienste
für die Sache des Reiches, werden höchlich belohnt sein.« Huascars
größte Ehre war, Almagro unter die Familie der Inkas zu zählen, und
bald vermählte sie, indeß in dem ganzen ausgedehnten Reiche die
Vermählung unter Lustbarkeiten und herrlichem Gepränge gefeiert wurde,
der ehrwürdige Priester Las-Casas, mit allen kirchlichen Bräuchen, im
Tempel von Cuzco; und nach den gleichzeitigen Chroniken lebten die
beiden Gatten noch lange Jahre froh und glücklich in dem prächtigen
Palaste Coyas, den unsere Leser bereits kennen.
Der tugendhafte Las-Casas blieb als Oberhaupt und Generalverweser der
christlichen Priester des Reiches ebenfalls in Cuzco und predigte
unermüdlich von der Zärtlichkeit und dem balsamischen Troste der
hehren Religion des Gekreuzigten; er ertheilte den neuen Priestern
die heiligen Befehle, er war der Schutzengel der Unglücklichen, und
er ließ in seinen Tugenden das wahrhaftige Bildniß eines allmächtigen
und anbetungswürdigen Gottes wiederstrahlen. Ocollo, die Tugenden
des frommen Dieners bewundernd, und durch die Bekehrung Huascars
angespornt, haßte die Christen nicht; sie hätte vielleicht sogar
bereitwillig das Wasser der Taufe empfangen, aber die Liebe Atahulpas
lebte unauslöschlich in ihrer Brust, und niemals wollte sie den
Glauben ihres angebeteten Inkas aufgeben, und in stiller Einsamkeit sah
sie ihr von herrlichen Erinnerungen kontrastirtes Leben dahinziehen;
und bald stellte sich der blutige Schatten Atahulpas ihrer beunruhigten
Einbildungskraft vor, bald ließ ein rächender in eine anmaßende Brust
gestoßener Dolch ihre Seele lächeln.
Wie irrende Kometen gingen die Helden Perus dem Ende ihrer Laufbahn
und ihrem Untergange entgegen; doch knüpfen wir, um ihre Seiten
abzuschließen, wieder an die Erzählung unserer Geschichte an.
Trotz des vollständigen Sieges der Peruaner konnten doch noch einige
Spanier aus Cuzco und dem Tode entrinnen, welche auf die Befehle des
Kapitäns Soto eiligst nach Cajamalca flohen. Die Beharrlichkeit und die
Tapferkeit waren bereits vergebens, die Revolution Perus war bereits
ausgebrochen, um nicht wieder zurückzugehen; die Peruaner hatten
bereits mörderische Waffen, sie waren tugendhaft und kämpften für ihre
Freiheit, das ist es, was die Völker zum Siege führt, und schwächere
und ohnmächtigere Streitkräfte würden sich dem reißenden Strome
widersetzen können. Der fanatische und blutdürstige Luque rettete sich
ebenfalls vor dem Gemetzel von Cuzco, und floh, wenngleich er nicht
mehr auf jene zauberhafte und unwiderstehliche Gewalt rechnete, die ihm
der Aberglaube in den ersten Augenblicken verlieh, weil sein düsterer
Fanatismus sogar die Fanatiker ermüdet hatte, mit den Ueberresten des
besiegten Heeres.
Der herzhafte Huascar schlief nicht unter den Lorbeeren seiner ersten
Triumphe ein, und Sieger über die Mauern von Cuzco, war er noch immer
nicht Sieger über das Reich der Inkas. Die Eindringlinge beherrschten
viele Provinzen, und sie mußten sich von Neuem vorbereiten, zu kämpfen
und zu siegen. Die Kundschafter Huascars und der Freiheit durchzogen
das Land nach allen Theilen, das Mangels an Garnisonen nur aus einer
eingebildeten Furcht seinen Hals der Gewaltherrschaft bog, und mit
Leichtigkeit erhoben sich die Provinzen und gaben, auf den geringen
Schutz, den ihnen eine Division Huascars anbot, den Ruf der Freiheit
und Unabhängigkeit. Einzig von Cajamalca nach San Mateo breitete
die Herrschaft ihren Schrecken aus, weil es der Punkt war, wo die
geringe feindliche Macht, welche immer noch die neue Welt besetzte,
zusammengezogen war.
Jeden Tag rief eine Provinz ihre Freiheit und Unabhängigkeit aus;
im ganzen Reiche brannte ein heftiges, unterirdisches Feuer der
Revolution; mit bewunderungswürdiger Thätigkeit war Huascar allerorts
zugegen; die Eindringlinge waren, schon auf einen kurzen Raum
beschränkt, und zu Tausenden strömten die Peruaner nach Cuzco, das Heer
der Freiheit zu vergrößern. Huascar konnte nicht mehr länger dulden,
daß Cajamalca und San Mateo unter fremder Herrschaft fortfuhren, und
an der Spitze eines mächtigen und wohlorganisirten Heeres brach er
auf, jenen köstlichen Gegenden die Freiheit zu geben, und der Thron
von Madrid und der Vatikan erbebten bei den Schritten des Befreiers
der neuen Welt. Auch in dieser Provinz loderte das Feuer des Aufruhrs;
vergebens strengten sich die Eindringlinge an, um es zu ersticken, und
Huascar zog eilig daher, und sie mußten sich zum Kampfe vorbereiten.
Eine kurze, entmuthigte, besiegte, von der Metropole verlassene
Division, konnte ohne Hülfsquellen, und auf dem Boden, den sie betrat,
mit Wuth befeindet, nicht gut dem Siege trauen; aber Soto und seine
Soldaten waren tapfer und kriegerisch, sie konnten nicht einmal den
Schimpf ertragen, besiegt zu werden, und sie würden nicht vom Platze
weichen, ohne mit Anstrengung die Waffen zu messen.
Gleichwie ein reichhaltiger Strom, der seine Dämme durchbrechend sich
dahin stürzt und sich majestätisch über die Fluren ergießt, so dehnte
und breitete Huascar seine Kriegsmacht auf den Feldern von Cajamalca
aus, und schickte sich an, der Anmaßung der Eindringlinge den Todesstoß
zu versetzen. Soto hatte seine Kriegsmacht ebenfalls zusammengezogen,
und rüstete sich kühnen Muthes zur Schlacht, und die alte und neue Welt
erwarteten mit Begierde den Schlag, der ihre moralische und politische
Zukunft so sehr beeinflussen sollte.
Wie wir schon angezeigt haben, erfreute sich Luque weder einer
so großen Macht, noch eines so großen Ansehens; sein Fanatismus
beherrschte nicht mehr ausschließlich die Gewissen, und es fing an,
eine Umgebung von Vorurtheilslosigkeit zu herrschen, welche den Seelen
eine ziemlich deutliche Stimmung verlieh. In jenen Gegenden waren
ebenfalls die beiden Culte vorherrschend, das Christenthum und die
Sonnenanbetung, welche in vielen Peruanerherzen geweihte Tempel hatte;
die Glaubensunduldsamkeit und die militärische Gewaltherrschaft fuhren
fort, mit mehr oder weniger Rohheit ihre Schrecken zu verbreiten, und
die Peruaner würden einen ruhmvollen Tod vorziehen, als die Fesseln der
Sklaverei weiter schleppen. Die Nachrichten von der Annäherung Huascars
entflammten die Gemüther, und in Cajamalca heulte ebenfalls eine
fürchterliche Revolution.
Aufbrausend und anmaßend zog Soto bei den Neuigkeiten von der Ankunft
Huascars hinaus auf’s Feld, und von seiner tollen Heißblütigkeit
getrieben, schickte er sich an, einen verwegenen Zusammenstoß zu wagen.
Luque konnte nicht begreifen, wie der Gott der Schlachten, die Waffen
der Nazarener verlassend, den Sieg einem von ihm mit dem Kirchenbann
belegten Heere verlieh, und in seinem barbarischen Fanatismus sah
er die Kehrseiten ihres Lagers als eine sichtbare Strafe der Sünder
und als einen schwierigen Beweis dessen an, wozu der gerechte Gott
die Christen aussetzte, und inbrünstig eröffnete er öffentliche
Bußpredigten, belegte das Reichsheer und die abtrünnigen Christen,
welche ihm nachfolgten, von Neuem mit dem Kirchenbann, und feierte, so
den Muth der Besiegten in etwas aufrecht haltend, tägliche Gebete.
Huascar verdankte Almagro eine kluge Tapferkeit und eine strenge
Mannszucht, und er zweifelte nicht daran, den Kampf, wozu ihn Soto
herausforderte, anzunehmen, weil er kaltblütig seine gewaltigen
Vortheile erwog und überdachte. Gar bald entspann sich angesichts
Cajamalcas der hartnäckige Kampf; der so muthige und todesverachtende
Soto hatte nicht das Ansehen wie Pizarro, noch dessen Takt und
militärische Kenntnisse; die kriegerischsten Soldaten und die
erfahrensten Anführer waren in den Anden und in Cuzco umgekommen,
und bald sahen sich die Eindringlinge umzingelt und in die Flucht
geschlagen, und sie mußten den Rückzug antreten.
Unglücklicherweise hatte sich in Cajamalca zugetragen, was Soto
hätte voraussehen sollen. In dem Augenblick, in welchem er seine
ganze Kriegsmacht auf das Feld hinausnahm, um Huascar eine Schlacht
zu liefern, platzte in der Stadt der Vulkan los, der im Verborgenen
glühte; die geknechteten Bewohner liefen mit viel früher ausgedachter
Absicht zu den Waffen; bemächtigten sich der Mauern und der wichtigsten
Punkte, überraschten und hieben die geringe Wache nieder, womit man die
Ruhe gesichert glaubte, und nicht ein einziger Eindringling konnte sich
von dem Tode befreien. Die Sklaven tödteten mit äußerster Erbitterung,
aber sie sehnten sich darnach, ihre ganze Wuth an dem barbarischen
Luque auszulassen.
Pizarro’s Verweser hatte einen unauslöschlichen Haß auf sein Haupt
zugezogen, weil er, so sehr der Fanatismus seines Jahrhunderts seine
Grausamkeit und seine Mordthaten für die kommenden Geschlechter
bedeckt, wie wir gesehen haben, in Mitten eines See’s von Blut gelebt
hatte. Umsonst suchte ihn wüthend das empörte Volk durch die Stadt
und an den verborgensten Orten, da Luque sich angesichts der Gefahr
in den Tempel flüchtete, den er für eine unverletzliche Freistätte
hielt und sich in inbrünstigem Gebete vor dem Altare niederwarf; aber
die Aufrührer hatten es bald erfahren, und sie fielen über den Tempel
her, sprengten dessen Thüren ein, warfen sich wie hungrige Wölfe über
den Fanatiker her und zerfleischten ihn wüthend an demselben Altare,
an welchem er betete. Ihre Wuth war noch immer nicht gesättigt; sie
schleiften seine zuckenden Glieder durch die Stadt, und verbrannten
sie endlich unter Jubel und Freudengeschrei auf einem fürchterlichen
Scheiterhaufen. Luque starb, wie er so viele Unglückliche hatte
sterben lassen, die neue Welt verweigerte ihm sogar einige Fuß Erde,
wo dessen sterbliche Ueberreste ausruhten, seine Asche wurde in
den Wind gestreut, wie er diejenige Atahulpas und tausend anderer
Märtyrer seines barbarischen und blutgierigen Fanatismus gestreut
hatte. Inzwischen veranstaltete Almagro im Gegentheil für den
unsterblichen Eroberer des Inkareiches ein prächtiges und königliches
Leichenbegängniß.
Zwar besiegt und in die Flucht geschlagen, erfuhr Soto die Empörung
und die Schrecknisse von Cajamalca; ohnmächtige Verzweiflung war
seine Qual, aber der Strom war bereits durchaus unwiderstehlich.
Ohne Hülfsquellen irgend welcher Art, von der Metropole, wo sie
sich umsonst auf Verstärkungen und Beistand beriefen, verlassen,
konnten die Eindringlinge dem Andrange eines mächtigen, siegreichen
Heeres, nicht gut die Stirne bieten, da es ihnen sogar an befestigten
Punkten, um sich darin zu wehren, fehlte. Unter tausend heldenmüthigen
Anstrengungen erreichte Soto, die Eindringlinge auf San Mateo
zurückzuwerfen, wo es ebenso wenig möglich war, daß er bestünde, und
sie mußten sich an Bord schwacher und zerstörter spanischer Schiffe
flüchten, welche die Bucht durchfuhren.
Die spanischen Priester verschwanden ebenfalls in dem rasenden Strudel,
aber die christliche Religion blieb gesichert und triumphirend an den
Gestaden des südlichen Meeres, und die süße Moral des Evangeliums
verbreitete in dem Reiche der Inkas die Sanftmuth und den Trost,
welche die göttlichen Lippen des Gekreuzigten auf der Erde kosteten.
Der ehrwürdige Las-Casas war das Oberhaupt der Kirche jener entlegenen
Gestade; unter seinem wohlthätigen Schatten erwuchs dem Lande ein
menschenfreundliches Priesterthum, und voller Zärtlichkeit, und kaum
konnten die entfernten Geschlechter nachher begreifen, daß auch Luque
sich ein Priester des Christenthums genannt hatte.