ohne seine Nerven zu verlieren. Ein Heer von Spezialisten kurierte
dran herum. Natürlich wurden da die Nerven ungebärdig und gereizt.
Sie bäumten sich und dehnten sich und schnurrten wieder zusammen und
zupften und rissen ihn an allen Enden.
Nicht mehr zu ertragen war es. Zwischen seinen Milliarden rannte
er herum. An ihren stahlharten Wänden brach sich sein Gestöhne und
klatschte mitleidlos auf ihn zurück.
Zerfasert und zersetzt rannte Morgan von den Spezialisten zum Schäfer
Ast. Der behandelte ihn genau wie alle andern: drei Nackenhaare
ausgerissen, ins Weiße der Augen gestarrt und abermals drei Nackenhaare
ausgerissen.
„Es war die höchste Zeit,“ sagte der Schäfer Ast, „denn Sie hatten
gerade noch sechs Nackenhaare.“ Und dann stellte er die Diagnose:
„Sie leiden an Ihren Milliarden, Herr Morgan“, sagte er.
„Sie meinen an den Nerven?“
„Ihre Nerven sind wie Spargeln aus dem Miste Ihrer Milliarden
herausgewachsen,“ sagte Schäfer Ast, der sich landwirtschaftlich
auszudrücken liebte, „schmeißen Sie den Mist hinaus, so hören auch die
Spargeln auf zu treiben.“
„Sie können mit dem Misten meinetwegen gleich bei mir den Anfang
machen“, setzte er hinzu und rollte einen leeren Mistkarren herbei.
Mit der lumpigen Million, die da hineinging, war es freilich nicht
getan. Morgan fing nach allen Seiten auszumisten an. Aber wie er
auch verschenkte und verschenkte, noch größer war der Zustrom seiner
Dividenden. Er war zu reich geworden, als daß er sich mit Schenken
hätte helfen können. Immer unbarmherziger schossen Spargel durch die
Beete, zappelten die Nerven am Gerüste, so sich Morgan nannte.
Morgan floh aus Kontor und Börse weit hinaus ins Land. Gleich schoß ihm
ein dünner Kupfernerv nach, der tickte, tickte: der Telegraph.
Morgan floh aufs Meer. Erschöpft lehnte er am Mast und murmelte:
„Gott sei Dank, daß in die Ozeanwüste keine Nervendrähte reichen.“
„Tick -- tick -- tick“, machte es oben am Mast und rann in den
zuckenden Körper Morgans ein. Es war der Auffangapparat für drahtlose
Telegraphie.
Morgan floh unerkannt in die telegraphenlosen Sabiner Berge. Das Leben
eines Hirten wollte er da führen. Aber unter seinen Händen organisierte
sich sein Schafgewerbe lukrativer, als bei allen anderen Hirten. Daran
erkannten sie ihn auch da und riefen:
„Du bist Morgan“, und begannen ihn anzubetteln.
Da erkannte er, daß er sich selber nicht entrinnen könne und floh, ein
zuckendes, zerflackerndes Nervenbündel, in die nächste Stadt. Das war
Rom.
Seine Leute wollten das erste Hotel für ihn mieten. Aber es war ein
Kongreß in der Stadt. Alle Gasthöfe waren überfüllt. In zwei Zimmern
eines kleinen Gasthofes landete der Abgehetzte. Fieberschauer warfen
ihn ins Bett. Der Hausarzt sah, es ging aufs Ende.
Die Nervenempfindlichkeit hatte derart zugenommen, daß ein umgewendetes
Blatt in seinem Buche ihn zum Rasen brachte.
Gegenüber klopfte ein Schuster und sang dazu. Morgan schäumte.
„Aufhören, auf der Stelle!“ ließ er ihm sagen. „In Rom gibt’s gegen
Klopfen und Singen kein Gesetz“, erwiderte der Schuster und sang und
klopfte weiter.
Morgan ließ ihm 1000 Dollar bieten. Der Schuster lachte und machte
Fenster und Laden zu. Aber Morgans Nerven wuchsen durch Ladenritzen und
durch Glas und hörten den Schuster immer noch.
10000 Dollar bot er ihm, wenn er das Klopfen ließe. Der Schuster lachte
und hörte auf zu klopfen. Aber noch immer sang er.
„Was verlangst du für deinen verfluchten Gesang?“ ließ Morgan sagen.
„Der Gesang ist mir das teuerste“, antwortete der Schuster und
verlangte 100000 Dollar.
Als der Schuster so erledigt war, fingen Straßenbuben zu pfeifen an.
Zwei Abgesandte Morgans stellten sich an beiden Straßenenden auf und
kauften jedem, der den Mund zu spitzen anfing, jeden Pfiff für schweres
Geld ab.
Als so die Straße pfiffefrei war, kamen die Zeitungen heraus.
Brüllend stürzten sich die Zeitungsjungen in die Straße. Wieder blieb
nichts anderes übrig, als ihnen alle Nummern schon am Straßeneingang
abzukaufen. Das war nicht so billig als es aussieht. Denn kaum hatten
die Druckereien erfahren, wer die Nummern kaufte, als sie ihre
Rotationsmaschinen aufs neue laufen ließen und die herausgeschleuderten
Zeitungsbündel alle nach der einen Straße schickten. Es begann ein
Kampf zwischen den Rotationspressen und Morgans Geld. Das Geld blieb
Sieger.
Schon glaubten Morgans Leute ihren Kampf gewonnen, als es über den
Zimmern zu dudeln und zu schleifen anfing. Ein Strohflechter feierte
seine Hochzeit. Braut und Bräutigam hatten ein Jahrzehnt für diesen Tag
gespart und wollten sich den Tanz, das Essen und die frohe Laune etwas
kosten lassen.
Morgans Bote kam heraufgestürzt: „Unser Herr ist außer sich. Ich kaufe
euch eure Hochzeit ab. Was kostet sie?“
Der Strohflechter und die Strohflechterin sahen sich an und lächelten
glücklich:
„Nein,“ sagten sie, „unser Hochzeitstag ist nicht verkäuflich.“
„Aber bedenkt doch, es ist Morgan, der eure Hochzeit kaufen will.“
„Wir kennen keinen Morgan.“
„Was, den kennt ihr nicht? Er ist der reichste Mann der Welt!“
Da sah der Strohflechter die Strohflechterin zum zweitenmal glückselig
an: „Der reichste Mann der Welt?“ lächelte er ungläubig, „nein, mein
Lieber, da irrt ihr euch, beim Blut der heiligen Madonna. Denn der
reichste Mann der Welt bin heute ich -- hopp, Kinder, einen neuen Tanz!“
„Deine Millionen haben da droben nichts ausrichten können, o Herr“,
berichteten Morgans Leute ängstlich vor seinem Bett.
Da ergrimmte das zuckende Nervenbündel, raffte sich zum letzten Male
auf und warf ihnen Armleuchter, Uhren, Stühle, Stiefel an den Kopf. Und
so gräßlich war er anzuschauen in seiner unglückseligen Tobsucht, daß
sie sich entsetzten und flohen. Der wimmernde Milliardär lag allein im
Bett.
Der kleine Laufjunge, der auch die Stiefel im Gasthof reinigte, war zur
Hochzeit hinaufgeschlichen, stieß die tanzende Braut an und flüsterte
ihr zu:
„Du, Maria, unter deinen Füßen liegt einer im Sterben...“
Die Musik hatte schon lange ausgesetzt. Kein neuer Tanz konnte
beginnen. Es fehlte ja die Braut. Wo sie nur blieb.
Unruhig stieg der Strohflechter eine Treppe tiefer. Da war eine Tür.
Klang hinter ihr nicht ihre Stimme? Vorsichtig klinkte er sie auf:
Ein unsäglich zermürbter Mann lag in den Kissen im Sterben. Die
Strohflechterin kniete im Hochzeitsstaat am Bett, wie Mütter an
Kinderbetten knien. Sie gab ihm zu trinken. Sie kühlte ihm mit ihrer
Hand die verwüstete Stirne. Sie sprach ihm zu, wie man Kindern
liebreich zuspricht:
„_Povero -- poverino -- poverissimo..._“
Und der sterbende Milliardär stammelte, wie Gehetzte stammeln:
„_Oh, thank you -- thank you -- I’ll get you a million I’ll get you
more_ -- eine Million sollen Sie haben -- mehr sollen Sie haben --
_thank you -- oh, I thank you so much..._“
Nun verstand freilich Morgan kein Italienisch, und die Strohflechterin
verstand kein Englisch. So zerstäubte das Millionenversprechen in der
Luft des Sterbezimmers.
Übrig blieb von allen Millionen ein gütiges und kostenloses „_Povero
-- poverino -- poverissimo_“ zwischen zwei Hochzeitstänzen
einer Strohflechterin, und der befreite Dankblick eines zerquälten
Milliardärs, der in seiner Sterbestunde das einzige ~geschenkt~
bekam, was er nimmermehr bezahlen hätte können.
Tag- und Nachtärger
Da hatte ich mich wieder einmal schandbar geärgert wegen irgendwas.
„Sie sollten sich doch nicht so ärgern am hellichten Tage“, sagte
jemand.
„Am hellichten Tage?“ sagte ich verwundert und ärgerlich zugleich,
„wissen Sie vielleicht ein Mittel, um den Ärger aus dem wachen Tag in
die dunkle Nacht zu schieben?“
„Ich nicht, aber der Doktor Switschbidiwitsch weiß eines.“
Stracks lief ich zum Doktor Switschbidiwitsch.
„Ist es wahr?“ sagte ich, „daß Sie den Tagärger in die schlafende Nacht
hineinzaubern können?“
„Gewiß kann ich das.“
„Dann bitte ich darum.“
„Hm, von welchem Tagärger werden Sie geplagt?“
„Es kommt hie und da ein Manuskript von einer Redaktion zurück.“
„Sonst nichts?“
„Es regnet stets in meinen Ferien.“
„Sonst nichts?“
„Meine Frau ist manchmal anderer Meinung.“
„Sonst nichts?“
„Und hat dazu noch meistens recht.“
„Hm, das letzte läßt sich hören -- aber ich mache Sie darauf
aufmerksam, ich kann den Ärger nicht verschwinden lassen -- das kann
niemand -- nur in den Schlaf abschieben.“
„Im Schlaf ertrage ich den Ärger gern, wenn nur der Tag von Ärger frei
ist.“
„Und ferner möchte ich bemerken, daß sich der in die Nacht geschobene
Tagärger zu wandeln pflegt, alle möglichen bizarren Gestalten annimmt.“
„Was liegt daran. Geträumter Ärger kann beschaffen sein wie er mag,
wenn ich nur den Tag vom wirklichen Ärger frei bekomme.“
„Hm, was den Unterschied von Traum und Wirklichkeit betrifft --“
„Zur Sache, Herr Doktor, ich spüre schon wieder einen Ärger unterwegs.“
„Nun, wie Sie wollen -- switsch -- bi -- di -- witsch -- switsch -- bi
-- di -- witsch -- zwanzig Märker, wenn ich bitten darf.“
Bei „Switschbidiwitsch“ hatte er ein paar magnetische Bewegungen meinen
Schläfen entlang gemacht, und bei den „zwanzig Märkern“ verwandelte er
die vertikale Handbewegung in eine horizontale.
„Wie, schon fertig?“ fragte ich, die Börse ziehend.
„Wenn Sie im Laufe der nächsten vierzehn Tage den geringsten Ärger
empfinden,“ sagte Doktor Switschbidiwitsch ein wenig beleidigt, „zahle
ich Ihnen vierzig Mark zurück -- freilich, was die Nacht betrifft...“
Doktor Switschbidiwitsch hatte nicht gelogen. Noch am gleichen
Tage liefen mir soviel Dinge über den Weg, über die ich mich sonst
totsicher geärgert hätte. Jetzt wunderte ich mich bloß ein wenig.
Wunderte mich, wenn ich dreimal hintereinander den Straßenbahnanschluß
verpaßte. Wunderte mich, als ich auf drei unter vier angekommenen
Briefen schweres Strafporto zu zahlen hatte. Wunderte mich
stärker, als meine Frau bei drei hintereinander aufgetretenen
Meinungsverschiedenheiten viermal recht bekam. Und wunderte mich
schließlich am stärksten darüber, daß ich mich über alle diese Dinge
lediglich zu wundern vermochte, und keine Spur zu ärgern.
Ich sah schon, die Sache war in Ordnung: ich würde niemals vierzig Mark
von Doktor Switschbidiwitsch erhalten.
Dann kam die Nacht. Mit der Nacht der Traum. Und mit dem Traum der
erste prophezeite Traumärger.
In der ersten Nacht träumte mir, ich ginge nach dem Frühstück in
mein Arbeitszimmer. Da saß schon einer an meinem Schreibtisch. Ein
wildfremder Mensch. Und schrieb und schrieb.
„Herr,“ tippte ich ihm ärgerlich auf die Schulter, „hier schreibe ich.“
„Wie Sie sehen, ist das eine falsche Behauptung“, sagte der Fremde,
ruhig weiterschreibend, ohne aufzusehen.
„Herr,“ ärgerte ich mich, „dieses Arbeitszimmer habe ich gemietet.“
„Stimmt.“
„Und bezahlt!“
„Stimmt auch.“
„Also arbeite ich auch darin.“
„Das ‚also‘ stimmt nicht.“
„Herr!“ schrie ich, „es ist mein Schreibtisch, auf dem Sie schreiben!“
„Seien Sie vergnügt, daß einmal was ordentliches drauf geschrieben
wird“, sagte der Fremde, ohne mit dem Schreiben auch nur einen
Augenblick anzuhalten.
Ich ärgerte mich schandbar. Aber es war nichts zu machen. Ich kam zu
keinem Federstrich an diesem Morgen und mußte mich entschließen, in
aller Frühe an meinen Stammtisch zu pilgern, wo ich meinen Ärger zu
ersäufen hoffte, aber weiter nichts als einen dicken Kopf davontrug.
Nun wird man freilich sagen, was liegt an einem dicken Nachtkopf, der
am Tage wieder dünn ist? Was liegt an einem dicken Nachtärger, den man
beim Morgenkaffee lachend untern Tisch wischt:
„Denk’ mal, liebe Frau, was für komisches Zeug ich heute nacht
geträumt...“
Aber ganz wohl war mir bei dieser Überlegung nicht, und ich erwartete
mit einigen Bangen die zweite Nacht.
Darin träumte mir, ich hätte meinen Namen zu schreiben. Der weiße Bogen
lag schon da. Auch die Feder, die eingetauchte.
„Ein bißchen rasch, wenn ich bitten darf“, sagte der Beamte, dem ich
meine Namensunterschrift abzugeben hatte.
Ich setzte zu seinem großen F an und stockte schon nach einem Zug: hm,
setzte man den oberen F-haken nach links an oder nach rechts? Es kam
mir vor, als hätte ich schon ebensoviele linkshakige als rechtshakige
F gesehen. Welche waren recht? Meine Feder zitterte und machte
schließlich einen Haken links und einen Haken rechts. Na, der Haken war
erledigt, Gott sei Dank. Jetzt den F-Strich durch die Mitte. Wieder
stockte ich: zum Donner, machte man jetzt noch den F-Strich, oder war
der nicht laut letzter Ministerialverordnung amtlich abgeschafft? Da
konnte man sich ja fürchterlich blamieren bei der eigenen Unterschrift.
Schließlich machte meine Feder einen solch haardünnen F-Strich, daß er
ebensogut mittels eines schemenhaften Traummeineids abgeleugnet hätte
werden können. Jetzt der zweite Buchstabe. Ich machte einen i-Strich
mit weniger Mühe, als ich gefürchtet hatte. Auf einmal spürte ich --
sehen konnte ich ihn nicht -- den höhnischen Blick des königlichen
Beamten, der mir beim Schreiben zusah: macht dieser Mensch das i vor
dem r!
„Entschuldigen Sie!“ sagte ich fahrig und versuchte, das i in ein
r umzukorrigieren. Das war eine endlose Arbeit. Ich drückte meinen
Zeigefinger ächzend durch vor Mühsamkeit. Davon bog sich auch der
Federhalter. Mit einem durchgebogenen Federhalter zu schreiben,
war erst recht eine Heidenarbeit. Der Schweiß brach mir aus, der
geschlängelte Federhalter fing zwischen meinen Fingern zu rutschen an.
Aber schließlich stand das r doch da. Es war freilich das sonderbarste
r, das ich je geschrieben hatte. Aber immerhin, es war ein r.
Jetzt kommt t und z, dachte ich, und wurde aufs neue unsicher: kam
zuerst das t, oder kam zuerst das z? Es schien mir im höchsten Grade
fraglich. Aber da spürte ich wieder den höhnischen Blick im Nacken und
wußte gerade noch rechtzeitig, daß weder das t noch das z kam, sondern
das i, das i von vorhin.
Wieder glückte der i-Strich verhältnismäßig rasch. Ach so, fehlte noch
der Punkt, der I-Punkt. Na, das ist doch das allereinfachste bei der
ganzen Namensschreiberei, der gotteslästerlichen, dachte ich, und
machte frischweg einen Punkt. Teufel, war er über’s r gekommen. Ich
strich ihn durch und machte ihn ein zweites Mal. Donner, jetzt saß er
überm F. Wieder durchgestrichen und gezielt, wie man auf einen Feind
zielt, scharf, unerbittlich. Ha, jetzt saß er überm i-Strich. Whupp,
kollerte er von seiner Höhe und trieb sich wie ein Billardball ruhelos
zwischen den Grund- und Haarstrichen der drei Buchstaben herum. Ich
lief ihm nach, ich fing an ihn anzuflehen:
„I-Punkt, lieber i-Punkt, laß dich doch erwischen, laß dich doch ein
einziges Mal erwischen.“
I-Punkte scheinen auch im Traume nicht ganz unbarmherzig zu sein. Denn
er ließ sich wirklich erwischen, und ich hielt ihn mit beiden Händen
über den i-Strich fest. Aber schon fing er wieder zwischen den Händen
zu surren an. Gleich würde ich ihn nicht mehr halten können... Es war
ein gräßlicher Traum. Ich wachte ärgerlich und schweißgebadet auf.
Wieder folgte ein glockenheller Tag ohne den geringsten Ärger. Wieder
kam die Nacht. Ich schob den Schlaf so lang als möglich auf, mit Lesen,
mit Summen, mit Liedersingen suchte ich mich im Bette wach zu halten.
Aber da schlief ich doch.
Da packte mich schon einer freundschaftlich-dringend am Ärmel:
„Gut, daß Sie da sind. Der Stelzenmaier ist erkrankt. Sie müssen für
ihn einspringen.“
„Stelzenmaier? Ich kenne keinen Stelzenmaier“, sagte ich.
„Ist auch nicht nötig. Hauptsache ist, daß Sie gleich seine Rolle
übernehmen -- sofort wird Ihr Stichwort fallen, machen Sie sich doch
bereit.“
„Aber ich habe doch noch nie auf dem Theater gespielt.“
„Ausgezeichnet, das gibt Ihrer Rolle die beste Natürlichkeit.“
„Aber ich weiß ja gar nicht, welches Stück und welche Rolle,
Heiligschockschwerenot...!“
„Das werden Sie alles wissen, wenn Sie vor dem Publikum stehen -- ha,
Ihr Stichwort -- rasch!“
Da hatten sie mich schon durch die Kulissen hinausgeschoben in ein
grelles mitleidsloses Licht...
Mitten in dieser Nacht mußte ich einen kalten Umschlag nehmen und wagte
nicht mehr einzuschlafen. Um das zu erreichen, zog ich den Wecker
auf, ließ ihn ablaufen, zog ihn wieder auf, immerzu. Aber schon beim
drittenmal veranlaßte meine Gattin meinen Umzug in das Fremdenzimmer.
Hier erwartete ich den vierten Tag, der wieder seraphinenhaft ganz ohne
Ärger aufzog. So sehr auch die Erinnerung an die drei Ärgernächte
versuchte, sich in den Tag als Ärger einzuschleichen, es gelang nicht.
Lächelnd schob der Tag jeden aufsteigenden Ärger mit der flachen Hand
gegen Abend zu:
„Dahinein, wenn ich bitten darf, laut Doktor Switschbidiwitsch.“
„Ich weiß schon, was ich die vierte Nacht tue“, dachte ich und
beschloß, mir sie in irgendeinem Gasthaus um die Ohren zu schlagen. Da
saß ich still in einer Ecke und kämpfte und kämpfte gegen den Schlaf.
Auf einmal war ich nicht mehr im Gasthaus, sondern im Bahnhof am
Schwanze einer langen Menschenschlange vor dem Fahrkartenschalter. Wie
alle andern trippelte ich vor Ungeduld, wann ich endlich an die Reihe
kommen würde. Wie die andern murmelte ich dann und wann: „Den Teufel
auch, wenn ich nun den Zug nicht mehr erwische.“
Endlich, nach einer Viertelstunde, bin ich an der Reihe. Ein
verärgertes Beamtengesicht mit gesträubtem Schnurrbart fährt mich aus
dem Schalter an:
„Na, wohin, -- so reden Sie doch!“
Heiliger Bimbam, jetzt hatte ich den Namen der Station vergessen.
„Nach -- nach --“, stotterte ich. Die Schweißperlen standen mir auf
der Stirne. Der Name fiel mir um alles in der Welt nicht ein. Die Leute
hinter mir drängten ungeduldig:
„Wir kommen nicht mehr mit -- wir kommen nicht mehr mit -- der Mensch
dort vorne soll doch -- soll doch -- kruzitürkennocheinmal...“
„Nach -- nach“, setzte ich verzweifelt wieder an.
„Nach -- nach -- wohin Sie halt meinen, Herr Sekretär.“
Hinter mir halb Höllengelächter:
„Ein solcher Depp -- habt’s jetzt schon ein solchen Deppen g’sehn...“
Und halb Wutgeheul:
„Der Kerl ist ein Schuft -- der hat sich nur hineingedrängt, damit wir
unsern Zug versäumen -- haut ihn!“
Fäuste hoben sich. Ich fiel unter den Tisch vor dem Fahrkartenschalter.
Jemand hob mich auf und sagte:
„Es tut mir leid, wir schließen jetzt die Wirtschaft -- Sie müssen nach
Hause gehen.“
Zerschlagen wanderte ich durch die Straßen. Schon dämmerte der Morgen.
Ich lief schnurstracks zum Doktor Switschbidiwitsch.
„Eigentlich habe ich jetzt keine Sprechstunde,“ sagte er, „aber wenn es
dringend ist --“
„Es ~ist~ dringend,“ sagte ich, „ich pfeife auf den ärgerlosen Tag
-- der Nachtärger bringt mich um -- ich möchte meinen alten Tagärger
wieder haben.“
„Das wird nicht so leicht gehen -- es sei denn, daß es mir gelänge, das
ärgerliche Tageis durch einen besonders dicken Tagärger zu brechen.“
„Tun Sie’s, Herr Doktor, tun Sie es sofort -- ich gehe sonst in der
nächsten Nacht darauf.“
Er machte wieder ein paar magnetische Striche längs meiner Schläfen,
diesmal aber nach der umgekehrten Richtung. Dann zupfte er mich am Ohr.
„Na, ärgert Sie das vielleicht?“
„Keine Spur.“
Jetzt gab er mir einen Hirnschnalzer mittels Daumen- und Mittelfinger,
daß alles krachte.
„Das wird Sie aber ärgern, nicht wahr?“ sagte er.
„Keine Idee“, sagte ich traurig-milde.
„Na, ich sehe schon, bei Ihnen hat sich die Tagesärgerlosigkeit in
der kurzen Zeit so eingefressen, daß ich es mit dem stärksten Mittel
probieren muß.“
Abermals machte er mit seinen Händen die vertikalen magnetischen
Gegenstriche an meinen Schläfen und streckte dann plötzlich beide Hände
horizontal aus:
„Hundert Mark, wenn ich bitten darf!“ sagte er energisch.
Irgend etwas in meinem Gehirn knackte.
„Das ist denn doch eine Unverfrorenheit!“ brauste ich auf, „hundert
Mark! wo Sie noch nicht einmal erfolgreich --“
„Gewonnen!“ lachte Doktor Switschbidiwitsch, „das Eis ist gebrochen
-- Sie haben Ihren soliden Tagärger wieder -- gehen Sie nach Hause --
Sie werden heute nacht vortrefflich traumlos schlafen -- hier ist die
Quittung über hundert Mark -- Sie müssen es nicht tragisch nehmen --
eine Heilung von der Heilung ist stets ein wenig teurer, wissen Sie...“
Von =Fritz Müller= erschienen:
Bei =Otto Rippel=, Hagen i. W.
=Der Sepp im Krieg.= 8. Tausend.
=Hinter der Front.= 5. Tausend.
=Vergnügliche Geschichten.= 11. Tausend.
=Klassengold.= 5. Tausend.
=Ich dien.= 5. Tausend.
Bei =Eugen Salzer=, Heilbronn a. N.
=Das Land ohne Rücken.= 14. Tausend.
=Fröhliche Wissenschaft.= 7. Tausend.
Bei =Egon Fleischel & Co.=, Berlin.
=O Frida!= Novellen. 2. Tausend.
=Zweimal ein Bub.= 3. Tausend.
=Die andre Hälfte.= 2. Tausend.
=Kurzehosengeschichten.= 10. Tausend.
Bei =Huber & Co.=, Frauenfeld (Schweiz).
=Alltagsgeschichten.= 2. Tausend.
Bei =C. F. Amelang=, Leipzig.
=Die eisernen Kameraden.= 2. Tausend.
Bei der =Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung=, Hamburg.
=Fröhliches aus dem Kaufmannsleben.= 45. Tausend.
=Fröhliches aus dem Krieg.= 20. Tausend.
Rippels Deutsche Hausbücher
(Umfang und Ausstattung wie vorliegender Band)
Jeder Band gebunden 1.70 M.
Teuerungszuschlag 50 Pf. -- Bisher erschienen:
Wie die große Zeit kam. Erlebtes und Empfundenes von Fritz Müller,
Rich. Voß, L. Schulze-Brück, Auguste Supper, Hans v. Zobeltitz. 5.
Tausend.
Die bekannten Schriftsteller und Schriftstellerinnen schildern uns in
diesem Buche, was sie in jenen unvergeßlichen Augusttagen erlebt und
empfunden und welch herrlicher Geist in Ost und West, in der Stadt und
auf dem Dorfe das deutsche Volk beseelte.
Nach der Schlacht. Ein Kriegsbuch von Helene Christaller, Otto
Frommel, Hermann Hesse, Paul Natorp, Rich. Nordhausen, Fritz
Philippi, L. Sternberg, Paul Wüst. 5. Tausend.
.... So ist denn „Nach der Schlacht“ ein sehr lesenswertes,
inhaltreiches und abgerundetes Werk geworden, keine laute, aber doch
sehr eindringlich wirkende literarische Gabe.
Kölnische Zeitung.
Stille Opfer. Den deutschen Frauen und Jungfrauen in großer Zeit
von Helene Christaller, Agnes Harder, S. Ch. v. Sell, Auguste
Supper. 21. bis 23. Tausend.
Den vielen Tausenden, die in dieser Zeit dem Vaterlande ihr stilles
Opfer darbringen müssen, wird dieses Büchlein eine Herzensstärkung
sein, das sie in ihrem Schmerze aufrichtet, stark und fähig macht für
die hehre Aufgabe der Zukunft.
Auguste Supper, Vom jungen Krieg. Erzählungen.
„In fesselnder kraftvoller Schilderung bringt A. Supper in ihrem sehr
geschmackvoll ausgestatteten Bändchen eine gute Auswahl gehaltvoller
Erzählungen.“
Die schöne Literatur.
Verlag von Otto Rippel, Hagen i. W.
Helene Christaller, Wir daheim. Ein Kriegsbuch. 19. Tausend.
„Ich wollte, man könnte es in Tausenden von Exemplaren ins Ausland
schleudern, besonders auch unter die Neutralen, damit sie aus diesen
tief empfundenen lebenswarmen Skizzen ein Wirklichkeitsbild gewännen
von dem kämpfenden Deutschland daheim.“
Christl. Welt.
Fritz Müller, Der Sepp im Krieg. Bayerische Geschichten. 8. Tausend.
„Das sind Perlen neudeutscher Erzählungskunst! Die Geschichten, so
einfach und schlicht sie an sich sind, gehören zu dem Besten, was die
deutsche Kriegsliteratur bis jetzt hervorgebracht hat. Wir können
sie mit bestem Gewissen allen denen empfehlen, denen der klare,
unerschöpfliche Born des deutschen Gemüts und des tiefinnerlichen
deutschen Volkshumors eine Offenbarung bedeutet.“
Der Reichsbote.
Fritz Müller, Hinter der Front. Erzählungen von zuhause. 5. Tausend.
Das sind eigenartige Kriegsgeschichten von daheim, weit hinter der
Front. Kein Pulverdampf und Kanonendonner wird vernommen und doch
bringen uns diese tief empfundenen Erzählungen die große Zeit so nahe
und zeigen uns, welch herrlicher Geist das deutsche Volk beseelt und
welche Opfer es zu bringen imstande ist.
Helene Christaller, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an...
Erzählungen. 6.-7. Taus.
„In dieser neuesten Gabe schenkt uns die beliebte Verfasserin eine
besonders sorgfältig ausgewählte Sammlung ihrer besten und reifsten
Erzählungen. Dieses Büchlein ist ein besonders geeignetes Geschenkwerk
für das deutsche Haus.“
Fritz Philippi, Aus meinem Guckkasten. Erzählungen. 3. Tausend.