Zwei Jahre arbeitete Goldmund an diesem Werk, und vom zweiten Jahr an
bekam er Erich ganz als Schüler zugewiesen. Im Schnitzwerk der Treppe
dichtete er ein kleines Paradies, mit Wollust gestaltete er eine holde
Wildnis von Bäumen, Laubwerk und Gekräute, mit Vögeln im Geäste, und die
Leiber und Köpfe von Tieren tauchten überall dazwischen auf. Inmitten
dieses friedlich sprossenden Urgartens stellte er einige Szenen aus dem
Leben der Patriarchen dar. Selten erlitt dies fleißige Leben eine
Unterbrechung. Selten kam ein Tag, an dem die Arbeit ihm unmöglich war,
an dem Unrast oder Überdruß ihm sein Werk entleideten. Dann gab er dem
Schüler eine Arbeit, lief oder ritt ins Land hinein, atmete im Wald den
mahnenden Duft der Freiheit und des Vagantenlebens, suchte da oder dort
eine Bauerntochter auf, ging auch auf die Jagd und lag Stunden im
Grünen, in die Gewölbehallen der Waldwipfel starrend und in die
wuchernden Wildnisse von Farnkraut und Ginster. Nie blieb er länger weg
als einen Tag oder zwei. Dann ging er mit neuer Leidenschaft ans Werk,
schnitzte mit Wollust die krautig wuchernden Pflanzen, holte sacht und
zärtlich die Menschenköpfe aus dem Holz, schnitt einen Mund mit
kräftigem Schnitt, ein Auge, einen faltigen Bart. Außer Erich kannte nur
Narziß das Werk, oft kam er herüber, die Werkstatt wurde ihm zu Zeiten
der liebste Raum im Kloster. Mit Freude und Erstaunen sah er zu. Da kam
nun zur Blüte, was sein Freund in seinem unruhigen, trotzigen und
kindlichen Herzen getragen hatte, da wuchs und blühte es herauf, eine
Schöpfung, eine kleine quellende Welt: ein Spiel vielleicht, aber gewiß
kein schlechteres als das Spiel mit Logik, Grammatik und Theologie.
Nachdenklich sagte er einmal: „Ich lerne viel von dir, Goldmund. Ich
beginne zu verstehen, was Kunst ist. Früher schien sie mir, mit dem
Denken und der Wissenschaft verglichen, nicht ganz ernst zu nehmen. Ich
dachte etwa so: Da nun einmal der Mensch eine zweifelhafte Mischung aus
Geist und Materie ist, da ihm der Geist die Erkenntnis des Ewigen
öffnet, die Materie aber ihn hinabzieht und ans Vergängliche fesselt,
sollte er von den Sinnen weg ins Geistige streben, um sein Leben zu
erhöhen und ihm Sinn zu geben. Ich gab zwar vor, die Kunst hochzuachten,
aus Gewohnheit, aber eigentlich war ich hochmütig und sah auf sie herab.
Jetzt erst sehe ich, wie viele Wege zur Erkenntnis es gibt und daß der
Weg des Geistes nicht der einzige und vielleicht nicht der beste ist. Es
ist mein Weg, gewiß; ich werde auf ihm bleiben. Aber ich sehe dich auf
dem entgegengesetzten Weg, auf dem Weg durch die Sinne, das Geheimnis
des Seins ebenso tief erfassen und viel lebendiger ausdrücken, als die
meisten Denker es können.“
„Du begreifst nun“, sagte Goldmund, „daß ich nicht verstehen kann, was
Denken ohne Vorstellungen sein soll?“
„Ich habe es längst begriffen. Unser Denken ist ein beständiges
Abstrahieren, ein Wegsehen vom Sinnlichen, ein Versuch am Bau einer rein
geistigen Welt. Du aber nimmst gerade das Unbeständigste und
Sterblichste ans Herz und verkündest den Sinn der Welt gerade im
Vergänglichen. Du siehst nicht davon weg, du gibst dich ihm hin, und
durch deine Hingabe wird es zum Höchsten, zum Gleichnis des Ewigen. Wir
Denker suchen uns Gott zu nähern, indem wir die Welt von ihm abziehen.
Du näherst dich ihm, indem du seine Schöpfung liebst und nochmals
erschaffst. Beides ist Menschenwerk und unzulänglich, aber die Kunst ist
unschuldiger.“
„Ich weiß nicht, Narziß. Aber mit dem Leben fertigzuwerden, die
Verzweiflung abzuwehren, das scheint euch Denkern und Theologen doch
besser zu gelingen. Ich beneide dich längst nicht mehr um deine
Wissenschaft, mein Freund, aber ich beneide dich um deine Ruhe, um
deinen Gleichmut, um deinen Frieden.“
„Du solltest mich nicht beneiden, Goldmund. Es gibt keinen Frieden, so,
wie du es meinst. Es gibt den Frieden, gewiß, aber nicht einen, der
dauernd in uns wohnt und uns nicht mehr verläßt. Es gibt nur einen
Frieden, der immer und immer wieder mit unablässigem Kämpfen erstritten
wird und von Tag zu Tag neu erstritten werden muß. Du siehst mich nicht
streiten, du kennst weder meine Kämpfe beim Studium, noch kennst du
meine Kämpfe in der Betzelle. Es ist gut, daß du sie nicht kennst. Du
siehst nur, daß ich weniger als du Launen unterworfen bin, das hältst du
für Frieden. Es ist aber Kampf, es ist Kampf und Opfer wie jedes rechte
Leben, wie das deine auch.“
„Wir wollen darüber nicht streiten. Auch du siehst meine Kämpfe nicht
alle. Und ich weiß nicht, ob du verstehen kannst, wie mir ums Herz ist,
wenn ich daran denke, daß nun bald dieses Werk hier fertig sein wird. Es
wird dann fortgebracht und aufgestellt, und man sagt mir einige
Lobsprüche, und dann kehre ich in eine nackte leere Werkstatt zurück,
betrübt über alles das, was in meinem Werk mir nicht gelungen ist und
was ihr andern gar nicht sehen könnt, und bin im Innern so leer und
beraubt, wie die Werkstatt es ist.“
„Das mag so sein“, sagte Narziß, „und keiner von uns kann den andern
darin ganz verstehen. Gemeinsam aber ist allen Menschen, die des guten
Willens sind, dieses: daß unsere Werke uns am Ende beschämen, daß wir
immer wieder von vorn beginnen müssen, daß das Opfer immer neu gebracht
werden muß.“
Einige Wochen später war Goldmunds große Arbeit fertig und aufgestellt.
Es wiederholte sich, was er schon längst erlebt hatte: Sein Werk ging in
den Besitz der andern über, ward betrachtet, beurteilt, gelobt, man
rühmte ihn und erwies ihm Ehre; sein Herz aber und seine Werkstatt
standen leer, und er wußte nicht mehr, ob das Werk des Opfers wert
gewesen sei. Am Tag der Enthüllung war er bei den Patres zur Tafel
geladen, es gab ein Festmahl und den ältesten Wein des Hauses; Goldmund
schluckte den guten Fisch und das Wildbret, und mehr als der alte Wein
erwärmte ihn die Teilnahme und Freude, mit welcher Narziß sein Werk und
seine Ehrung begrüßte.
Eine neue Arbeit, vom Abt gewünscht und bestellt, war schon entworfen,
ein Altar für die Marienkapelle in Neuzell, die dem Kloster gehörte und
in der ein Mariabronner Pater als Priester amtete. Für diesen Altar
wollte Goldmund eine Marienfigur machen und wollte in ihr eine der
unvergeßlichen Gestalten seiner Jugend verewigen, die schöne ängstliche
Ritterstochter Lydia. Im übrigen war dieser Auftrag ihm wenig wichtig,
er schien ihm aber dazu geeignet, daß Erich sein Gesellenstück an ihm
mache. Bewährte sich Erich, so würde er an ihm für immer einen guten
Mitarbeiter haben, der ihn ersetzen konnte und ihn für jene Arbeiten
freimachte, die allein ihm noch am Herzen lagen. Jetzt suchte er mit
Erich die Hölzer für den Altar aus und ließ ihn sie herrichten. Oft ließ
Goldmund ihn allein, er hatte das Streifen und die weiten Waldgänge
wieder angefangen; als er einmal mehrere Tage ausblieb, meldete Erich es
dem Abt, und auch der Abt fürchtete ein wenig, er möchte sich für immer
davongemacht haben. Er kam indessen zurück, arbeitete eine Woche lang an
der Lydiafigur, dann fing er wieder an zu schweifen.
Er hatte Sorgen; seit dem Fertigwerden der großen Arbeit war sein Leben
in Unordnung, er versäumte die Frühmesse, er war tief unruhig und
unzufrieden. Viel dachte er jetzt an den Meister Niklaus und ob nicht
bald auch er selbst so werden würde, wie Niklaus war, fleißig und bieder
und kunstfertig, aber unfrei und unjung. Kürzlich hatte ein kleines
Erlebnis ihn nachdenklich gemacht. Auf seinen Streifen hatte er ein
junges Bauernmädchen namens Franziska gefunden, die ihm sehr gefiel, so
daß er sich Mühe gab, sie zu bezaubern, und alle seine einstigen
Werbekünste anwandte. Das Mädchen hörte sein Geplauder gern, sie lachte
beglückt zu seinen Witzen, aber seine Werbungen lehnte sie ab, und zum
erstenmal spürte er, daß er einem jungen Weibe alt erscheine. Er war
nicht mehr hingegangen, aber er hatte es nicht vergessen. Franziska
hatte recht, er war anders geworden, er fühlte es selbst, und zwar waren
es nicht die paar verfrühten grauen Haare und die paar Falten um die
Augen, es war mehr etwas im Wesen, im Gemüt; er fand sich alt, er fand
sich dem Meister Niklaus unheimlich ähnlich geworden. Mit Unwillen
beobachtete er sich selber und zuckte die Achseln über sich; er war
unfrei und seßhaft geworden, er war kein Adler und kein Hase mehr, er
war ein Haustier geworden. Trieb er sich draußen herum, so suchte er den
Duft der Vergangenheit, das Gedächtnis seiner einstigen Wanderschaft
mehr als neue Wanderung und neue Freiheit, er suchte sehnlich und
mißtrauisch danach wie ein Hund nach einer verlorengegangenen Witterung.
Und war er einen Tag oder zwei draußen gewesen, hatte er ein wenig
gebummelt und gefeiert, so zog es ihn unweigerlich wieder zurück, er
hatte ein schlechtes Gewissen, er fühlte die Werkstatt warten, er fühlte
sich für den begonnenen Altar, für das vorbereitete Holz, für den
Gehilfen Erich verantwortlich. Er war nicht mehr frei, er war nicht mehr
jung. Fest nahm er sich vor: wenn die Lydia-Maria fertig wäre, wollte er
eine Reise antreten und es noch einmal mit dem Wanderleben probieren. Es
war nicht gut, so lange in einem Kloster und bei lauter Männern zu
leben. Für Mönche mochte es gut sein, für ihn aber nicht. Mit Männern
konnte man schön und klug sprechen, und sie hatten Verstand für die
Arbeit eines Künstlers, aber alles andere, das Schwatzen, das
Zärtlichsein, das Spiel, die Liebe, das Behagen ohne Gedanken – das
gedieh unter Männern nicht, dazu brauchte es Frauen und Wanderung und
Schweifen und immer neue Bilder. Es war alles hier um ihn her ein wenig
grau und ernsthaft, ein wenig schwer und männlich, und er war davon
angesteckt, es war ihm ins Blut gekrochen.
Der Gedanke an die Reise tröstete ihn; er hielt sich brav zur Arbeit, um
desto eher frei zu werden. Und wie ihm aus dem Holz die Gestalt Lydias
allmählich entgegenkam, wie er von ihren edlen Knien die strengen
Kleidfalten niederstreben ließ, entzückte ihn eine innige und
schmerzliche Freude, eine wehmütige Verliebtheit in das Bild, in die
schöne scheue Mädchenfigur, in die Erinnerung an damals, an seine erste
Liebe, an seine ersten Reisen, an seine Jugend. Andächtig arbeitete er
an dem zarten Bilde, fühlte es eins mit dem Besten in sich, mit seiner
Jugend, mit seinen zärtlichsten Erinnerungen. Es war ein Glück, ihren
geneigten Hals zu bilden, ihren freundlich-traurigen Mund, ihre
vornehmen Hände, die langen Finger, die schön gewölbten Kuppen der
Fingernägel. Mit Bewunderung und ehrfürchtiger Verliebtheit betrachtete
auch Erich die Figur, so oft er konnte.
Als sie nahezu fertig war, zeigte er sie dem Abt. Narziß sagte: „Das ist
dein schönstes Werk, Lieber, wir haben nichts im ganzen Kloster, was ihm
gleichkommt. Ich muß dir gestehen, daß ich in diesen letzten Monaten
einige Male um dich in Sorgen gewesen bin. Ich sah dich unruhig und
leidend, und wenn du verschwandest und länger als einen Tag ausbliebest,
dachte ich manchmal mit Sorge: Vielleicht kommt er nicht wieder. Und nun
hast du diese wundervolle Figur gemacht! Ich bin froh über dich und bin
stolz auf dich!“
„Ja“, sagte Goldmund, „die Figur ist ganz gut geworden. Aber nun höre
mich, Narziß! Daß diese Figur gut geworden ist, dazu war meine ganze
Jugend nötig, meine Wanderschaft, meine Verliebtheit, mein Werben um
viele Frauen. Das ist der Brunnen, aus dem ich geschöpft habe. Der
Brunnen wird bald leer sein, es wird mir dürr im Herzen. Ich werde diese
Maria fertigmachen, dann aber werde ich für eine gute Weile Urlaub
nehmen, ich weiß nicht, für wie lange, und werde meine Jugend und alles
dies wieder aufsuchen, was mir einst so lieb gewesen ist. Kannst du es
verstehen? – Nun ja. Du weißt, ich war dein Gast, und ich habe für meine
Arbeit hier nie eine Bezahlung genommen ...“
„Ich habe sie dir oft angeboten“, warf Narziß ein.
„Ja, und jetzt nehme ich sie an. Ich werde mir neue Kleider machen
lassen, und wenn sie fertig sind, bitte ich dich um ein Pferd und um ein
paar Taler Geld, dann reite ich in die Welt. Sage nichts, Narziß, und
sei nicht betrübt. Es ist nicht, daß es mir hier nicht mehr gefallen
würde, ich könnte es nirgends besser haben. Es geht um anderes. Wirst du
mir meinen Wunsch erfüllen?“
Es wurde wenig mehr darüber gesprochen. Goldmund ließ sich ein einfaches
Reiterkleid und Stiefel machen, und während der Sommer näher kam, machte
er die Maria fertig, als sei es sein letztes Werk, mit liebender
Behutsamkeit gab er den Händen, dem Gesicht, dem Haar die letzte
Vollendung. Es konnte sogar so scheinen, als zögere er die Abreise
hinaus, als lasse er sich recht gerne von diesen letzten zarten Arbeiten
an der Figur immer wieder ein wenig aufhalten. Tag um Tag verging, und
er hatte noch immer dies und jenes anzuordnen. Narziß, obwohl er den
bevorstehenden Abschied schwer empfand, lächelte manchmal ein wenig über
die Verliebtheit Goldmunds und sein Nichtloskommenkönnen von der
Marienfigur.
Dann aber überraschte ihn Goldmund doch eines Tages, indem er plötzlich
kam, um sich zu verabschieden. Über Nacht hatte er seinen Entschluß
gefaßt. Im neuen Kleide, in einem neuen Barett, kam er zu Narziß, um
Abschied zu nehmen. Er hatte schon vor einer Weile gebeichtet und
kommuniziert. Jetzt kam er, um Lebewohl zu sagen und sich den Reisesegen
zu holen. Beiden fiel der Abschied schwer, und Goldmund tat forscher und
gleichmütiger, als ihm ums Herz war.
„Werde ich dich denn wiedersehen?“ fragte Narziß.
„O ja, wenn dein hübscher Gaul mir den Hals nicht bricht, wirst du mich
gewiß wiedersehen. Es wäre ja sonst niemand da, der dich noch Narziß
nennt und dir Sorgen macht. Verlaß dich drauf. Vergiß nicht, ein Auge
auf Erich zu haben. Und daß niemand mir meine Figur anrührt! Sie bleibt
in meiner Kammer stehen, wie ich gesagt habe, und du darfst mir den
Schlüssel nicht aus der Hand geben.“
„Freust du dich auf die Reise?“
Goldmund zwinkerte mit den Augen.
„Na, ich habe mich darauf gefreut, das ist schon so. Aber jetzt, wo ich
losreiten soll, kommt es mir doch weniger lustig vor, als man meinen
sollte. Du wirst mich auslachen, aber ich trenne mich gar nicht leicht,
und diese Anhänglichkeit gefällt mir nicht. Es ist wie eine Krankheit,
junge und gesunde Leute haben das nicht. Der Meister Niklaus war auch
so. Ach, schwatzen wir nicht unnützes Zeug! Segne mich, Lieber, ich will
abreisen.“
Er ritt davon.
Narziß war in seinen Gedanken viel mit dem Freunde beschäftigt, er
sorgte um ihn und hatte Sehnsucht nach ihm. Würde er ihm denn
zurückkommen, der entflohene Vogel, der liebe Leichtfuß? Nun zog dieser
wunderliche und geliebte Mensch wieder seine krause, willenlose Bahn,
nun strich er wieder lüstern und neugierig durch die Welt, seinen
starken dunklen Trieben nach, stürmisch und unersättlich, ein großes
Kind. Möge Gott mit ihm sein, möge er heil zurückkommen. Nun flog er
wieder kreuz und quer, der Schmetterling, nun sündigte er wieder,
verführte Frauen, ging seinen Gelüsten nach, geriet vielleicht wieder in
Totschlag, in Gefahr und Gefangenschaft und kam darin um. Wieviel Sorgen
machte einem dieser blonde Knabe, der über sein Altwerden klagte und aus
solchen Kinderaugen blickte! Wie mußte man um ihn in Angst sein. Und
doch freute sich Narziß von Herzen über ihn. Es gefiel ihm im Grunde
sehr, daß dieses trotzige Kind so schwer zu bändigen war, daß er solche
Launen hatte, daß er nun wieder ausgebrochen war und sich die Hörner
ablief.
Jeden Tag kehrten die Gedanken des Abts zu irgendeiner Stunde zu seinem
Freunde zurück, in Liebe und Sehnsucht, in Dankbarkeit, in Sorge,
zuweilen auch mit Bedenken und Selbstvorwürfen. Hätte er dem Freunde
nicht vielleicht mehr davon verraten sollen, wie sehr er ihn liebte, wie
wenig er ihn anders wünschte, wie reich er durch ihn und durch seine
Kunst geworden war? Er hatte ihm wenig davon gesagt, viel zuwenig
vielleicht – wer weiß, ob er ihn nicht hätte halten können?
Er war durch Goldmund aber nicht nur reicher geworden. Er war durch ihn
auch ärmer geworden, ärmer und schwächer, und es war gewiß gut, daß er
das dem Freunde nicht gezeigt hatte. Die Welt, in der er lebte und
Heimat hatte, seine Welt, sein Klosterleben, sein Amt, seine
Gelehrsamkeit, sein schön gegliedertes Gedankengebäude waren ihm durch
den Freund oft stark erschüttert und zweifelhaft geworden. Kein Zweifel:
vom Kloster aus, von der Vernunft und Moral aus gesehen war sein eigenes
Leben besser, es war richtiger, steter, geordneter und vorbildlicher, es
war ein Leben der Ordnung und des strengen Dienstes, ein dauerndes
Opfer, ein immer neues Streben nach Klarheit und Gerechtigkeit, es war
sehr viel reiner und besser als das Leben eines Künstlers, Vagabunden
und Weiberverführers. Aber von oben gesehen, von Gott aus gesehen – war
da wirklich die Ordnung und Zucht eines exemplarischen Lebens, der
Verzicht auf Welt und Sinnenglück, das Fernbleiben von Schmutz und Blut,
die Zurückgezogenheit in Philosophie und Andacht besser als das Leben
Goldmunds? War der Mensch wirklich dazu geschaffen, ein geregeltes Leben
zu führen, dessen Stunden und Verrichtungen die Betglocken anzeigten?
War der Mensch wirklich dazu geschaffen, den Aristoteles und Thomas von
Aquin zu studieren, Griechisch zu können, seine Sinne abzutöten und der
Welt zu entfliehen? War er nicht von Gott geschaffen mit Sinnen und
Trieben, mit blutigen Dunkelheiten, mit der Fähigkeit zur Sünde, zur
Lust, zur Verzweiflung? Um diese Fragen kreisten des Abts Gedanken, wenn
sie bei seinem Freunde weilten.
Ja, und es war vielleicht nicht bloß kindlicher und menschlicher, ein
Goldmundleben zu führen, es war am Ende wohl auch mutiger und größer,
sich dem grausamen Strom und Wirrwarr zu überlassen, Sünden zu begehen
und ihre bitteren Folgen auf sich zu nehmen, statt abseits der Welt mit
gewaschenen Händen ein sauberes Leben zu führen, sich einen schönen
Gedankengarten voll Harmonie anzulegen und zwischen seinen behüteten
Beeten sündelos zu wandeln. Es war vielleicht schwerer, tapferer und
edler, mit zerrissenen Schuhen durch die Wälder und auf den Landstraßen
zu wandern, Sonne und Regen, Hunger und Not zu leiden, mit den Freuden
der Sinne zu spielen und sie mit Leiden zu bezahlen.
Jedenfalls hatte Goldmund ihm gezeigt, daß ein zu Hohem bestimmter
Mensch sehr weit in die blutige, trunkene Wirrsal des Lebens
hinabtauchen und sich mit vielem Staub und Blut beschmutzen könne, ohne
doch klein und gemein zu werden, ohne das Göttliche in sich zu töten,
daß er durch tiefe Verdunkelungen irren könne, ohne daß im Heiligtum
seiner Seele das göttliche Licht und die Schöpferkraft erlosch. Tief
hatte Narziß in seines Freundes verworrenes Leben geblickt, und weder
seine Liebe zu ihm noch seine Achtung für ihn war kleiner geworden. O
nein, und seit er aus Goldmunds befleckten Händen diese wunderbar
still-lebendigen, von innerer Form und Ordnung verklärten Gebilde hatte
hervorgehen sehen, diese innigen, von Seele leuchtenden Gesichter, diese
unschuldigen Pflanzen und Blumen, diese flehenden oder begnadeten Hände,
all diese kühnen und sanften, stolzen oder heiligen Gebärden, seitdem
wußte er wohl, daß in diesem unsteten Künstler- und Verführerherzen eine
Fülle von Licht und Gottesgnade wohne.
Leicht hatte er es gehabt, in ihren Gesprächen dem Freund überlegen zu
scheinen, dessen Leidenschaft seine Zucht und Gedankenordnung
entgegenzusetzen. Aber war nicht jede kleine Gebärde einer
Goldmundfigur, jedes Auge, jeder Mund, jede Ranke und Kleidfalte mehr,
war wirklicher, lebendiger und unersetzlicher als alles, was ein Denker
leisten konnte? Hatte dieser Künstler, dessen Herz so voll Widerstreit
und Not war, nicht für unzählige Menschen, heutige und kommende,
Sinnbilder ihrer Not und ihres Strebens aufgestellt, Gestalten, zu
welchen Andacht und Ehrfurcht, Herzensangst und Sehnsucht Unzähliger
sich wenden und in ihnen Trost, Bestätigung und Stärkung finden konnte?
Lächelnd und traurig erinnerte Narziß sich all der Szenen seit früher
Jugend, in denen er seinen Freund geführt und belehrt hatte. Dankbar
hatte der Freund es angenommen, hatte immer wieder seine Überlegenheit
und Führerschaft gelten lassen. Und dann hatte er in aller Stille die
aus dem Sturm und Leid seines gepeitschten Lebens geborenen Werke
hingestellt: keine Worte, keine Lehren, keine Aufklärungen, keine
Ermahnungen, sondern echtes, erhöhtes Leben. Wie arm war er selbst
dagegen mit seinem Wissen, seiner Klosterzucht, seiner Dialektik!
Dies waren die Fragen, um welche seine Gedanken kreisten. So wie er vor
vielen Jahren einst erschütternd und mahnend in Goldmunds Jugend
eingegriffen und sein Leben in einen neuen Raum gestellt hatte, so hatte
seit seiner Rückkehr der Freund ihm zu schaffen gemacht, ihn
erschüttert, ihn zu Zweifel und Selbstprüfung gezwungen. Er war ihm
ebenbürtig; nichts hatte Narziß ihm gegeben, das er nicht vielfach
wiederbekommen hätte.
Der davongerittene Freund ließ ihm Zeit zu seinen Gedanken. Die Wochen
vergingen, längst hatte der Kastanienbaum geblüht, längst war das
milchig hellgrüne Buchenlaub dunkel, fest und hart geworden, längst
hatten die Störche auf dem Torturm gebrütet, hatten Junge und hatten sie
fliegen gelehrt. Je länger Goldmund ausblieb, desto mehr sah Narziß, was
er an ihm gehabt hatte. Er hatte einige gelehrte Patres im Hause, einen
Kenner des Plato, einen vorzüglichen Grammatiker, einen oder zwei
subtile Theologen. Er hatte unter den Mönchen einige treue, redliche
Seelen, denen es ernst war. Aber er hatte keinen seinesgleichen, keinen,
an dem er sich ernstlich messen konnte. Dies Unersetzliche hatte nur
Goldmund ihm gegeben. Es nun wieder entbehren zu müssen, fiel ihm
schwer. Mit Sehnsucht dachte er an den Entfernten.
Oft ging er in die Werkstatt hinüber, ermunterte den Gehilfen Erich, der
am Altar weiterarbeitete und sehr nach der Rückkehr seines Meisters
bangte. Manchmal schloß der Abt Goldmunds Kammer auf, wo die Maria
stand, hob vorsichtig das Tuch von der Figur und verweilte bei ihr. Er
wußte nichts von ihrer Herkunft, Goldmund hatte ihm die Geschichte
Lydias nie erzählt. Aber er fühlte alles, er sah, daß diese
Mädchengestalt lange in seines Freundes Herzen gelebt habe. Vielleicht
hatte er sie verführt, vielleicht sie betrogen und verlassen. In seiner
Seele aber hatte er sie mitgenommen und bewahrt, treuer als der beste
Gatte, und schließlich hatte er, vielleicht nach vielen Jahren, in denen
er sie nie mehr gesehen, diese schöne rührende Mädchenfigur gemacht und
in ihr Gesicht, ihre Haltung, ihre Hände alle Zärtlichkeit, Bewunderung
und Sehnsucht eines Liebenden beschlossen. Auch in den Figuren der
Lesekanzel im Refektorium las er dies und jenes von der Geschichte
seines Freundes. Es war die Geschichte eines Landfahrers und
Triebmenschen, eines Heimatlosen und Treulosen, aber was hier davon
übriggeblieben, war alles gut und treu, war voll lebendiger Liebe. Wie
geheimnisvoll war dieses Leben, wie trüb und reißend flossen seine
Ströme, und wie edel und klar standen die Ergebnisse da!
Narziß kämpfte. Er wurde Herr darüber, er wurde seiner Bahn nicht
untreu, er versäumte nichts an seinem strengen Dienst. Aber er litt
unter dem Verlust und litt unter der Erkenntnis, wie sehr sein Herz, das
doch nur Gott und seinem Amt gehören sollte, an diesem Freunde hing.