Achtzehntes Kapitel

Goldmund wohnte die ersten Tage im Kloster selbst, in einer der

Gastzellen. Dann wurde ihm auf seine Bitte in einem der

Wirtschaftsgebäude, die den großen Hof wie einen Marktplatz umstanden,

Quartier gemacht, der Schmiede gegenüber.

Mit einem so heftigen Zauber, daß er selbst sich manchmal darüber

verwunderte, ergriff ihn das Wiedersehen. Niemand hier kannte ihn außer

dem Abt, niemand wußte, wer er sei; die Menschen hier, Brüder sowohl wie

Laien, lebten in einer festen Ordnung und waren beschäftigt, sie ließen

ihn in Ruhe. Aber es kannten ihn die Bäume des Hofes, es kannten ihn die

Portale und Fenster, die Mühle und das Wasserrad, die Fliesen der Gänge,

die welken Rosenbüsche im Kreuzgang, die Storchennester auf Kornhaus und

Refektorium. Es duftete aus jeder Ecke seine Vergangenheit, seine erste

Jugendzeit ihm süß und rührend entgegen, Liebe trieb ihn, alles

wiederzuschauen, alle Klänge wiederzuhören, die Vesperglocke und das

Sonntagsgeläut, das Rauschen des dunklen Mühlbachs in seinen engen

moosigen Mauern, das Schreiten der Sandalen auf den Steinplatten, den

abendlichen Klang des Schlüsselbundes, wenn der Bruder Pförtner

schließen ging. Neben den steinernen Abflußrinnen, in die vom Dach des

Laienrefektoriums das Regenwasser fiel, wucherten noch immer dieselben

kleinen Kräuter, Storchschnabel und Wegerich, und der alte Apfelbaum im

Garten der Schmiede hielt noch immer seine weitgreifenden Äste gleich

gewunden. Stärker aber als alles andere bewegte es ihn jedesmal, wenn

die kleine Schulglocke zu hören war und wenn in der Erholungsstunde alle

die Klosterschüler die Treppen herab und auf den Hof gepoltert kamen.

Wie jung und dumm und hübsch waren ihre Knabengesichter – war wirklich

auch er einmal so jung, so täppisch, so hübsch und kindisch gewesen?

Aber außer diesem wohlbekannten Kloster fand er auch ein beinahe

unbekanntes wieder, schon in den ersten Tagen stach es ihm in die Augen,

wurde ihm immer wichtiger und verband sich mit dem Wohlbekannten nur

langsam. Denn war auch hier nichts Neues hinzugekommen, stand auch alles

gleich, wie es in seiner Schülerzeit und vorher hundert und mehr Jahre

gestanden war, so sah er es doch nicht mit den Augen des Schülers. Er

sah und fühlte die Maße dieser Bauten, die Gewölbe der Kirche, die alten

Malereien, die steinernen und hölzernen Figuren auf den Altären, in den

Portalen, und obwohl er nichts sah, was nicht auch damals schon an

seinem Ort gewesen wäre, sah er doch jetzt erst die Schönheit dieser

Dinge und den Geist, der sie geschaffen hatte. Er sah die alte steinerne

Mutter Gottes in der obern Kapelle, auch als Knabe schon hatte er sie

gern gehabt und hatte sie abgezeichnet, aber erst jetzt sah er sie mit

wachen Augen, und sah, daß sie ein Wunderwerk war, das er auch mit der

besten und geglücktesten Arbeit niemals übertreffen konnte. Und solche

wunderbare Dinge gab es viele, und jedes stand nicht für sich und war

ein Zufall, sondern jedes stammte aus demselben Geist und stand zwischen

den alten Mauern, Säulen und Gewölben als in seiner natürlichen Heimat.

Was hier in ein paar hundert Jahren gebaut, gemeißelt, gemalt, gelebt,

gedacht und gelehrt worden war, das war eines Stammes, eines Geistes,

und paßte zusammen wie die Äste eines Baumes zusammenpassen.

Inmitten dieser Welt nun, dieser stillen mächtigen Einheit, fühlte

Goldmund sich sehr klein, und nie fühlte er sich kleiner, als wenn er

den Abt Johannes, seinen Freund Narziß, in dieser gewaltigen und doch

still-freundlichen Ordnung walten und regieren sah. Mochte zwischen dem

gelehrten, schmallippigen Abt Johannes und dem einfachen, gütig

schlichten Abt Daniel ein noch so großer Unterschied der Personen

bestehen, jeder von ihnen diente doch der gleichen Einheit, demselben

Gedanken, derselben Ordnung, erhielt durch sie seine Würde, brachte ihr

seine Person zum Opfer. Das machte sie einander ebenso ähnlich, wie die

Klostertracht es tat.

Inmitten dieses seines Klosters wurde Narziß in Goldmunds Augen

unheimlich groß, ohne daß er doch sich gegen ihn anders denn als

freundlicher Kamerad und Wirt betragen hätte. Bald wagte er kaum mehr,

ihn du und „Narziß“ zu nennen.

„Höre, Abt Johannes“, sagte er einmal zu ihm, „allmählich werde ich mich

doch wohl an deinen neuen Namen gewöhnen müssen. Ich muß dir sagen, daß

es mir bei euch sehr wohlgefällt. Beinah hätte ich Lust, dir eine

Generalbeichte abzulegen und nach getaner Buße um die Aufnahme als

Laienbruder zu bitten. Aber sieh, dann würde unsere Freundschaft zu Ende

sein; du wärest der Abt und ich der Laienbruder. Aber so neben dir

hinzuleben, und deine Arbeit zu sehen und selber nichts zu sein und zu

leisten, das ertrage ich nicht länger. Auch ich möchte gern arbeiten und

dir zeigen, was ich bin und kann, damit du sehen kannst, ob es sich

gelohnt hat, mich vom Galgen loszubitten.“

„Ich freue mich darüber“, sagte Narziß und sprach seine Worte noch

präziser und formulierter als sonst. „Du kannst zu jeder Stunde

beginnen, dir deine Werkstatt einzurichten, sofort werde ich den Schmied

und den Zimmermann anweisen, zu deiner Verfügung zu sein. Was an

Arbeitsmaterial hier am Ort aufzutreiben ist, darüber verfüge! Was von

auswärts bestellt werden muß, durch Fuhrleute, darüber fertige eine

Liste an. Und nun höre, wie ich über dich denke und über deine

Absichten! Du mußt mir etwas Zeit lassen mich auszudrücken: ich bin

Gelehrter und möchte versuchen, dir die Sache aus meiner Denkwelt heraus

darzustellen, ich habe keine andere Sprache als diese. Also folge mir

noch einmal, wie du es in früheren Jahren oft so geduldig getan hast.“

„Ich versuche dir zu folgen. Sprich nur.“

„Erinnere dich daran, wie ich dir schon in unsern Schülerzeiten manchmal

sagte, daß ich dich für einen Künstler halte. Damals schien mir, es

könnte ein Dichter aus dir werden; du hattest beim Lesen und Schreiben

eine gewisse Abneigung gegen das Begriffliche und Abstrakte und

liebtest in der Sprache die Worte und Klänge besonders, denen

sinnlich-dichterische Qualitäten eigen waren, also die Worte, bei

welchen man sich etwas vorstellen kann.“

Goldmund unterbrach. „Verzeih, aber sind Begriffe und Abstraktionen, die

du bevorzugst, nicht doch auch Vorstellungen, Bilder? Oder brauchst und

liebst du wirklich zum Denken die Worte, bei welchen man sich nichts

vorstellen kann? Kann man denn denken, ohne sich etwas dabei

vorzustellen?“

„Gut, daß du fragst! Aber gewiß kann man ohne Vorstellungen denken! Das

Denken hat mit Vorstellungen nicht das mindeste zu tun. Es vollzieht

sich nicht in Bildern, sondern in Begriffen und Formeln. Genau dort, wo

die Bilder aufhören, fängt die Philosophie an. Dies war es ja, worüber

wir einst als Jünglinge so oft gestritten haben: für dich bestand die

Welt aus Bildern, für mich aus Begriffen. Ich sagte dir stets, du seiest

zum Denker untauglich, und sagte dir auch, daß dies kein Mangel sei, da

du dafür ein Herrscher im Gebiet der Bilder bist. Paß auf, ich werde es

dir klarmachen. Wärest du, statt damals in die Welt zu laufen, ein

Denker geworden, so hättest du Unheil anrichten können. Du wärest

nämlich ein Mystiker geworden. Die Mystiker sind, kurz und etwas grob

gesagt, jene Denker, welche nicht von den Vorstellungen loskommen

können, also überhaupt keine Denker sind. Sie sind heimliche Künstler:

Poeten ohne Verse, Maler ohne Pinsel, Musiker ohne Töne. Es sind höchst

begabte und edle Geister unter ihnen, aber sie sind alle ohne Ausnahme

unglückliche Menschen. So einer hättest auch du werden können. Statt

dessen bist du, Gott sei Dank, ein Künstler geworden und hast dich der

Bilderwelt bemächtigt, wo du ein Schöpfer und Herr sein kannst, statt

als Denker im Unzulänglichen steckenzubleiben.“

„Ich fürchte“, sagte Goldmund, „es wird mir nie gelingen, mir von deiner

Denkwelt, wo man ohne Vorstellungen denkt, einen Begriff zu machen.“

„O doch, sofort wird dir das gelingen. Höre zu: Der Denker versucht das

Wesen der Welt durch die Logik zu erkennen und darzustellen. Er weiß,

daß unser Verstand und sein Werkzeug, die Logik, unvollkommene

Instrumente sind – ebenso wie ein kluger Künstler recht wohl weiß, daß

sein Pinsel oder Meißel niemals vollkommen das strahlende Wesen eines

Engels oder Heiligen wird ausdrücken können. Dennoch versuchen es beide,

der Denker wie der Künstler, auf ihre Weise. Sie können und dürfen nicht

anders. Denn indem ein Mensch mit den ihm von Natur gegebenen Gaben sich

zu verwirklichen sucht, tut er das Höchste und einzig Sinnvolle, was er

kann. Darum sagte ich früher so oft zu dir: Versuche nicht den Denker

oder den Asketen nachzuahmen, sondern sei du selbst, suche dich selbst

zu verwirklichen!“

„Ich verstehe dich so halb und halb. Aber was heißt das eigentlich: sich

verwirklichen?“

„Es ist ein philosophischer Begriff, ich kann es nicht anders

ausdrücken. Für uns Schüler des Aristoteles und des heiligen Thomas ist

der höchste aller Begriffe: das vollkommene Sein. Das vollkommene Sein

ist Gott. Alles andere, was ist, ist nur halb, ist teilweise, es ist

werdend, ist gemischt, besteht aus Möglichkeiten. Gott aber ist nicht

gemischt, er ist eins, er hat keine Möglichkeiten, sondern ist ganz und

gar Wirklichkeit. Wir aber sind vergänglich, wir sind werdend, wir sind

Möglichkeiten, es gibt für uns keine Vollkommenheit, kein völliges Sein.

Dort aber, wo wir von der Potenz zur Tat, von der Möglichkeit zur

Verwirklichung schreiten, haben wir teil am wahren Sein, werden dem

Vollkommenen und Göttlichen um einen Grad ähnlicher. Das heißt: sich

verwirklichen. Du mußt ja diesen Vorgang aus eigener Erfahrung kennen.

Du bist ja Künstler und hast manche Figuren gemacht. Wenn dir nun eine

solche Figur wirklich geglückt ist, wenn du das Bildnis eines Menschen

von Zufälligkeiten befreit und auf eine reine Form gebracht hast – dann

hast du, als Künstler, dies Menschenbild verwirklicht.“

„Ich habe verstanden.“

„Du siehst mich, Freund Goldmund, an einem Ort und in einem Amte, wo es

meiner Natur einigermaßen leicht gemacht wird, sich zu verwirklichen. Du

siehst mich in einer Gemeinschaft und Überlieferung leben, die mir

entspricht und mir hilft. Ein Kloster ist kein Himmel, es ist voll von

Unvollkommenheit, aber dennoch ist ein anständig geführtes Klosterleben

für Menschen von meiner Art unendlich viel fördernder als das Weltleben.

Ich will nicht vom Sittlichen reden, aber schon rein praktisch verlangt

das reine Denken, das zu üben und zu lehren meine Aufgabe ist, einen

gewissen Schutz vor der Welt. Ich habe also hier in unserem Hause es

viel leichter gehabt, mich zu verwirklichen, als du es gehabt hast. Daß

du trotzdem einen Weg gefunden hast und ein Künstler geworden bist, das

bewundere ich sehr. Denn du hast es ja so viel schwerer gehabt.“

Goldmund errötete vor Verlegenheit über das Lob, und auch vor Freude. Um

abzulenken, unterbrach er den Freund: „Das meiste von dem, was du mir

sagen wolltest, habe ich verstehen können. Eines aber will mir noch

immer nicht in den Kopf: das, was du ‚das reine Denken‘ nennst, also

dein sogenanntes Denken ohne Bilder und das Operieren mit Worten, bei

denen man sich nichts vorstellen kann.“

„Nun, an einem Beispiel kannst du es dir klarmachen. Denke doch an die

Mathematik! Was für Vorstellungen enthalten die Zahlen? Oder die Zeichen

Plus und Minus? Was für Bilder enthält eine Gleichung? Gar keine! Wenn

du eine arithmetische oder algebraische Aufgabe lösest, so hilft dir

keine Vorstellung dabei, sondern du vollziehst innerhalb gelernter

Denkformen eine formale Aufgabe.“

„So ist es, Narziß. Wenn du mir eine Reihe von Zahlen und Zeichen

hinschreibst, so kann ich mich ohne alle Vorstellungen durch sie

hindurcharbeiten, kann mich von dem Plus und Minus, den Quadraten, den

Einklammerungen und so weiter leiten lassen, und kann die Aufgabe lösen.

Das heißt – ich konnte es einst, heut könnte ich es längst nicht mehr.

Aber ich kann mir nicht denken, daß das Vollziehen solcher formaler

Aufgaben einen anderen Wert habe als den einer Verstandesübung für

Schüler. Rechnen lernen ist ja ganz gut. Aber ich fände es sinnlos und

kindisch, wenn ein Mensch sein Leben lang über solchen Rechenaufgaben

sitzen und ewig sein Papier mit Zahlenreihen bedecken würde.“

„Du täuschest dich, Goldmund. Du nimmst eben an, daß dieser fleißige

Rechner immer neue Schulaufgaben löse, die ein Lehrer ihm stellt. Er

kann sich die Fragen aber auch selbst stellen, sie können als zwingende

Gewalten in ihm entstehen. Man muß manchen wirklichen und manchen

fiktiven Raum mathematisch berechnet und gemessen haben, ehe man als

Denker an das Problem des Raumes sich wagen kann.“

„Nun ja. Aber das Problem des Raumes, als reines Denkproblem, scheint

mir auch in der Tat nicht der Gegenstand zu sein, an den ein Mann seine

Arbeit und seine Jahre verschwenden sollte. Das Wort ‚Raum‘ ist für mich

nichts und keines Gedankens wert, solange ich mir nicht einen wirklichen

Raum dabei vorstelle, etwa den Sternenraum; den zu betrachten und

auszumessen scheint mir allerdings keine unwürdige Aufgabe.“

Lächelnd fiel Narziß ein: „Du willst eigentlich sagen, daß du vom Denken

nichts hältst, wohl aber von der Anwendung des Denkens auf die

praktische und sichtbare Welt. Ich kann dir antworten: an Gelegenheiten

zur Anwendung unseres Denkens und am Willen dazu fehlt es uns

keineswegs. Der Denker Narziß zum Beispiel hat die Ergebnisse seines

Denkens sowohl auf seinen Freund Goldmund wie auf jeden seiner Mönche

hundertmal zur Anwendung gebracht und tut es zu jeder Stunde. Wie aber

sollte er etwas ‚anwenden‘, wenn er es nicht zuvor gelernt und geübt

hätte. Auch der Künstler übt ja sein Auge und seine Phantasie immerzu,

und wir anerkennen seine Übung, wenn sie auch nur in wenigen wirklichen

Werken zur Auswirkung kommt. Du kannst nicht das Denken als solches

verwerfen, seine ‚Anwendung‘ aber billigen! Der Widerspruch ist klar.

Also laß mich ruhig denken, und beurteile mein Denken nach seinen

Auswirkungen, ebenso wie ich deine Künstlerschaft nach deinen Werken

beurteilen werde. Du bist jetzt unruhig und gereizt, weil zwischen dir

und deinen Werken noch Hindernisse liegen. Räume sie weg, suche oder

baue dir eine Werkstatt und gehe auf deine Werke los! Viele Fragen

werden sich dabei von selber lösen.“

Goldmund wünschte sich nichts Besseres.

Er fand einen Raum neben dem Hoftor, der zur Zeit leer stand und sich

zur Werkstatt eignete. Er gab dem Zimmermann einen Zeichentisch und

anderes Gerät in Auftrag, das er ihm genau aufzeichnete. Er stellte eine

Liste der Gegenstände auf, die ihm von den Klosterfuhrleuten nach und

nach aus den nächsten Städten mitgebracht werden sollten, eine lange

Liste. Er schaute sich beim Zimmermann und im Walde alle Vorräte von

geschlagenem Holze an, wählte viele Stücke für sich aus und ließ sie

eins ums andere in den Grasgarten hinter seiner Werkstatt schaffen, wo

er sie trocken lagerte und mit eigenen Händen ein Schutzdach darüber

zimmerte. Auch hatte er viel beim Schmied zu tun, dessen Sohn, einen

jungen träumerischen Menschen, er ganz bezauberte und für sich gewann.

Mit ihm stand er nun halbe Tage an der Esse, am Amboß, am Kühltrog und

am Schleifstein, da stellten sie alle die krummen und geraden

Schnitzmesser, Meißel, Bohrer und Schabeisen her, die er zur Bearbeitung

der Hölzer brauchte. Der Schmiedssohn Erich, ein Jüngling von etwa

zwanzig Jahren, wurde Goldmunds Freund, er half überall mit und war voll

glühender Teilnahme und Neugierde. Goldmund versprach ihm, ihn im

Lautenspiel zu unterrichten, was er sich sehnlich wünschte, und auch das

Schnitzen sollte er bei ihm probieren dürfen. Wenn Goldmund zu Zeiten

sich im Kloster und bei Narziß recht unnütz und bedrückt fühlte, konnte

er sich bei Erich erholen, der ihn schüchtern liebte und ohne Maß

verehrte. Oft bat er ihn, ihm vom Meister Niklaus und von der

Bischofsstadt zu erzählen; manchmal tat Goldmund es gerne und war dann

plötzlich verwundert darüber, daß er nun hier sitze und wie ein alter

Mann von Reisen und Taten der Vergangenheit berichte, da doch sein Leben

erst richtig beginnen sollte.

Daß er sich in den letzten Zeiten stark verändert hatte und weit über

seine Jahre gealtert war, konnte niemand sehen, sie hatten ihn ja vorher

nicht gekannt. Die Nöte der Wanderschaft und des unsteten Lebens mochten

schon früher an ihm gezehrt haben; dann aber hatte die Pestzeit mit

ihren vielen Schrecken und zuletzt seine Gefangenschaft beim Grafen und

jene grausige Nacht im Schloßkeller ihn bis ins tiefste erschüttert, und

es blieb davon dies und jenes zurück: graue Haare im blonden Bart, dünne

Falten im Gesicht, Zeiten mit schlechtem Schlaf und zuweilen innen im

Herzen eine gewisse Ermüdung, ein Erschlaffen der Lust und Neugierde,

ein graues laues Gefühl von Genughaben und Sattsein. Beim Vorbereiten

seiner Arbeit, in den Gesprächen mit Erich, in den Hantierungen beim

Schmied und Zimmermann taute er auf, wurde lebhaft und jung, alle

bewunderten ihn und hatten ihn gern, aber dazwischen saß er nicht selten

halbe und ganze Stunden müde, lächelnd und träumerisch, einer Apathie

und Gleichgültigkeit hingegeben.

Sehr wichtig war ihm die Frage, wo er denn mit seiner Arbeit beginnen

solle. Das erste Werk, das er hier machen und mit dem er die

Gastfreundschaft des Klosters heimzahlen wollte, sollte kein zufälliges

sein, das man irgendwo zur Neugierde aufstellt, sondern es sollte gleich

den alten Werken des Hauses ganz zum Bau und zum Leben des Klosters

gehören und ein Teil von ihm werden. Am liebsten hätte er einen Altar

gemacht oder auch eine Kanzel, für beides aber war kein Bedürfnis und

Raum. Dafür fand er etwas anderes. Im Refektorium der Patres gab es eine

erhöhte Nische, in der während der Mahlzeiten stets ein junger Bruder

die Legende vorlas. Diese Nische war ohne Schmuck. Goldmund beschloß,

den Aufgang zum Lesepult und dieses selbst mit einer hölzernen

Schmuckverkleidung zu versehen, der einer Kanzel ähnlich, mit halb

erhabenen und einigen beinah freistehenden Figuren. Er teilte den Plan

dem Abte mit, der ihn lobte und willkommen hieß.

Als nun endlich die Arbeit beginnen konnte – es lag Schnee, und

Weihnachten war schon vorüber –, nahm Goldmunds Leben eine neue Gestalt

an. Fürs Kloster war er wie verschwunden, niemand sah ihn mehr, er

wartete nicht mehr am Ende der Schulstunden auf die Schülerschar, strich

nicht mehr im Walde herum, wandelte nicht mehr im Kreuzgang. Die

Mahlzeiten nahm er jetzt beim Müller – es war nicht mehr der, den er als

Schüler einst viel besucht hatte. Und in seine Werkstatt ließ er keinen

Menschen eintreten als seinen Gehilfen Erich; auch dieser bekam an

manchen Tagen kein Wort von ihm zu hören.

Für sein erstes Werk, die Vorleserempore, hatte er in langem Sinnen

diesen Plan aufgestellt: von den beiden Teilen, aus denen das Werk

bestand, sollte der eine die Welt, der andere das göttliche Wort

darstellen. Der untere Teil, die Treppe, aus einem starken Eichenstamm

hervorwachsend und sich um ihn drehend, sollte die Schöpfung darstellen,

Bilder der Natur und des einfachen Lebens der Patriarchen. Der obere

Teil, die Brüstung, würde die Bilder der vier Evangelisten tragen. Einem

der Evangelisten wollte er die Gestalt des seligen Abtes Daniel geben,

einem anderen die des seligen Pater Martin, seines Nachfolgers, und in

der Figur des Lukas wollte er seinen Meister Niklaus verewigen.

Er stieß auf große Schwierigkeiten, auf größere, als er gedacht hatte.

Sie machten ihm Sorgen, aber es waren süße Sorgen, er warb um das Werk

entzückt und verzweifelt wie um eine spröde Frau, er kämpfte mit ihm

erbittert und zart, wie ein Angler mit einem großen Hecht kämpft, jeder

Widerstand belehrte ihn und machte ihn feinfühliger. Er vergaß alles

andere, er vergaß das Kloster, vergaß beinahe Narziß. Dieser fand sich

einige Male ein, bekam aber nichts zu sehen als Zeichnungen.

Dafür überraschte ihn eines Tages Goldmund mit der Bitte, ihm Beichte zu

hören.

„Ich konnte mich bisher nicht dazu bringen“, gestand er, „ich kam mir zu

gering vor, ich fühlte mich vor dir schon gerade genug gedemütigt. Jetzt

ist mir wohler, ich habe jetzt meine Arbeit und bin kein Nichts mehr.

Und da ich nun schon einmal in einem Kloster mitlebe, möchte ich mich

der Ordnung fügen.“

Er fühlte sich der Stunde jetzt gewachsen und wollte nicht länger damit

warten. Und in dem beschaulichen Leben der ersten Wochen, in der Hingabe

an all das Wiedersehen und Jugendgedenken und auch in den Erzählungen,

um die ihn Erich bat, war der Rückblick auf sein Leben in eine gewisse

Ordnung und Klarheit gerückt.

Narziß empfing ihn ohne Feierlichkeit zur Beichte. Sie dauerte gegen

zwei Stunden. Mit unbewegtem Gesicht hörte der Abt die Abenteuer, Leiden

und Sünden seines Freundes an, stellte manche Fragen, unterbrach nie und

hörte auch jenen Teil der Beichte gleichmütig an, in dem Goldmund das

Hinschwinden seines Glaubens an Gottes Gerechtigkeit und Güte bekannte.

Er war ergriffen von manchen Bekenntnissen des Beichtenden, er sah, wie

viel er geschüttelt und erschreckt worden war und wie nah er zuweilen am

Untergang gewesen war. Dann wieder mußte er lächeln und war gerührt von

des Freundes unschuldig gebliebener Kindlichkeit, denn er fand ihn

besorgt und reuig wegen unfrommer Gedanken, die im Vergleich mit seinen

eigenen Zweifeln und Denkabgründen harmlos waren.

Zu Goldmunds Verwunderung, ja Enttäuschung, nahm der Beichtvater seine

eigentlichen Sünden nicht allzu schwer, mahnte und strafte ihn aber ohne

Schonung wegen seiner Vernachlässigung des Betens, Beichtens und

Kommunizierens. Er legte ihm die Buße auf, vor dem Empfang der Kommunion

vier Wochen mäßig und keusch zu leben, jeden Morgen die erste Frühmesse

zu hören und jeden Abend drei Vaterunser und einen Marienhymnus zu

sprechen.

Nachher sagte er zu ihm: „Ich ermahne und bitte dich, diese Buße nicht

leicht zu nehmen. Ich weiß nicht, ob du den Text der Messe noch genau

kennst. Du sollst ihn Wort für Wort verfolgen und dich seinem Sinn

hingeben. Das Vaterunser und einige Hymnen werde ich noch heute selbst

mit dir sprechen und dir Anweisungen geben, auf welche Worte und

Bedeutsamkeiten du ganz besonders deine Aufmerksamkeit zu richten hast.

Du sollst die heiligen Worte nicht sprechen und anhören, wie man

Menschenworte spricht und anhört. So oft du dich darauf ertappst, daß du

die Worte nur herunterleierst, und das wird öfter geschehen, als du

glaubst, dann sollst du dich an diese Stunde und an meine Ermahnung

erinnern, sollst von vorn beginnen und die Worte so sprechen und so in

dein Herz einlassen, wie ich es dir zeigen werde.“

Ob es nun ein schöner Zufall war oder ob des Abtes Seelenkunde so weit

reichte, es ergab sich aus dieser Beichte und Buße für Goldmund eine

Zeit der Erfülltheit und des Friedens, die ihn tief beglückte. Inmitten

seiner an Spannungen, Sorgen und Befriedigungen reichen Arbeit fand er

sich jeden Morgen und Abend durch die leichten, aber mit

Gewissenhaftigkeit begangenen geistlichen Übungen von den Erregungen des

Tages erlöst und mit seinem ganzen Wesen zurückbezogen auf eine höhere

Ordnung, die ihn der gefährlichen Einsamkeit des Schöpfers entriß und

ihn als Kind in ein Reich Gottes einbezog. Mußte er den Kampf um sein

Werk durchaus als Einsamer bestehen und ihm alle Leidenschaft seiner

Sinne und Seele geben, so führte ihn doch die Andachtsstunde immer

wieder zur Unschuld zurück. Während der Arbeit oft vor Wut und Ungeduld

rauchend oder bis zur Wollust verzückt, tauchte er in den frommen

Übungen wie in einem tiefen kühlen Wasser unter, das den Hochmut der

Begeisterung ebenso wie den Hochmut der Verzweiflung von ihm abwusch.

Es gelang nicht immer. Manchmal fand er am Abend nach glühenden

Arbeitsstunden die Ruhe und Sammlung nicht, einige Male vergaß er die

Übungen, und mehrmals, wenn er sich um die Versenkung mühte, hinderte

und quälte ihn der Gedanke, daß das Gebetsprechen am Ende eine kindische

Bemühung um einen Gott sei, den es gar nicht gebe oder der ihm doch

nicht helfen könne. Er klagte es dem Freunde.

„Fahre fort“, sagte Narziß, „du hast es versprochen und mußt es halten.

Du hast nicht darüber nachzudenken, ob Gott dein Gebet hört oder ob es

den Gott, den du dir vorstellen magst, überhaupt gebe. Du hast auch

nicht darüber nachzudenken, ob deine Bemühungen kindisch seien. Im

Vergleich mit dem, an den unsere Gebete sich wenden, ist all unser Tun

kindisch. Du sollst dir diese törichten Kleinkindergedanken während der

Übung ganz und gar verbieten. Du sollst dein Paternoster und dein

Marienlied sprechen und sollst dich ihren Worten hingeben und dich mit

ihnen erfüllen, so, wie du etwa beim Singen oder Lautespielen auch nicht

irgendwelchen klugen Gedanken und Spekulationen nachjagst, sondern einen

Ton und einen Fingergriff um den andern so rein und vollkommen wie

möglich ausführst. Während man singt, denkt man nicht darüber nach, ob

das Singen etwa nützlich sei oder nicht, sondern man singt. Ebenso

sollst du beten.“

Und wieder gelang es. Wieder erlosch sein gespanntes und begieriges Ich

in der weitgewölbten Ordnung, wieder zogen die ehrwürdigen Worte über

ihn hinweg und durch ihn hindurch wie Sterne.

Mit großer Befriedigung sah der Abt, daß Goldmund nach dem Ablauf seiner

Bußzeit und dem Empfang des Sakraments die täglichen Übungen weiter

vollzog, wochen- und monatelang.

Währenddessen rückte sein Werk voran. Aus der dicken Treppenspindel

wuchs eine kleine quellende Welt von Gestaltungen, von Pflanzen, Tieren

und Menschen empor, in ihrer Mitte ein Vater Noah zwischen Weinlaub und

Trauben, ein Bilderbuch und Lobpreis der Schöpfung und ihrer Schönheit,

frei spielend, aber von einer geheimen Ordnung und Zucht geleitet.

Während all der Monate sah niemand das Werk außer Erich, der dabei

Handreichung tun durfte und keinen andern Gedanken mehr hatte, als ein

Künstler werden zu dürfen. An manchen Tagen durfte auch er die Werkstatt

nicht betreten. An andern Tagen nahm Goldmund sich seiner an, unterwies

ihn und ließ ihn probieren, froh daran, einen Gläubigen und Schüler zu

haben. War das Werk fertig und geglückt, so dachte er ihn von seinem

Vater loszubitten und zum ständigen Gehilfen zu erziehen.

An den Figuren der Evangelisten arbeitete er an seinen besten Tagen,

wenn alles im Einklang war und keine Zweifel ihn beschatteten. Am

besten, so schien ihm, gelang ihm die Figur, der er die Züge des Abtes

Daniel gab, er liebte sie sehr, von ihrem Gesicht strahlte Unschuld und

Güte aus. Mit der Figur des Meisters Niklaus war er weniger zufrieden,

obwohl Erich diese am meisten bewunderte. Diese Gestalt zeigte Zwiespalt

und Trauer, sie schien voll hoher Schöpferpläne und zugleich voll

verzweifelten Wissens um die Nichtigkeit des Schöpfertums, voll Trauer

um eine verlorene Einheit und Unschuld.

Als der Abt Daniel fertig war, hieß er Erich die Werkstatt säubern. Er

verhängte das übrige Werk mit Tüchern und stellte nur diese eine Figur

ans Licht. Dann ging er zu Narziß und wartete, da dieser beschäftigt

war, geduldig bis zum nächsten Tag. Dann führte er zur Mittagsstunde den

Freund in seine Werkstatt und vor die Figur.

Narziß stand und schaute. Er stand und ließ sich Zeit, mit der

Aufmerksamkeit und Sorgfalt des Gelehrten betrachtete er die Gestalt.

Goldmund stand hinter ihm, schweigend, und suchte den Sturm in seinem

Herzen zu bändigen. „Oh“, dachte er, „wenn jetzt einer von uns beiden

nicht besteht, dann ist es böse. Wenn mein Werk nicht gut genug ist oder

wenn er es nicht verstehen kann, dann hat alle meine Arbeit hier ihren

Wert verloren. Ich hätte doch noch warten sollen.“

Die Minuten schienen ihm Stunden, er dachte an die Stunde, da Meister

Niklaus seine erste Zeichnung in den Händen gehalten hatte, er preßte

die heiß-feuchten Hände ineinander vor Spannung.

Narziß wendete sich zu ihm um, und alsbald fühlte er sich erlöst. Er sah

in des Freundes schmalem Gesicht etwas blühen, das ihm seit den

Knabenjahren nicht mehr geblüht hatte: ein Lächeln, ein beinah

schüchternes Lächeln in diesem Gesicht voll Geist und Willen, ein

Lächeln der Liebe und Hingabe, einen Schimmer, als sei die Einsamkeit

und der Stolz dieses Gesichts für einen Augenblick durchbrochen und es

schiene nichts daraus hervor als ein Herz voll Liebe.

„Goldmund“, sagte Narziß ganz leise, auch jetzt die Worte wägend, „du

erwartest nicht von mir, daß ich plötzlich ein Kunstkenner sein soll.

Ich bin es nicht, du weißt es. Ich kann dir über deine Kunst nichts

sagen, was dir nicht lächerlich wäre. Aber laß mich dir das eine sagen:

Beim ersten Blick habe ich in diesem Apostel unsern Abt Daniel erkannt,

und nicht nur ihn, sondern auch alles, was er uns damals bedeutet hat:

die Würde, die Güte, die Einfalt. So, wie der selige Vater Daniel vor

unserer jugendlichen Ehrfurcht stand, so steht er hier wieder vor mir,

und mit ihm alles, was damals uns heilig war und was uns jene Zeit

unvergeßlich macht. Du hast mich mit diesem Anblick reich beschenkt,

mein Freund, du hast mir nicht nur unsern Abt Daniel wiedergegeben, du

hast mir, zum erstenmal, dich selbst ganz erschlossen. Ich weiß jetzt,

wer du bist. Laß uns nicht mehr darüber reden, ich darf es nicht. O

Goldmund, daß uns diese Stunde gekommen ist!“

Es war still in dem großen Raum. Goldmund sah, daß sein Freund im Herzen

bewegt war. Eine Verlegenheit engte ihm den Atem.

„Ja“, sagte er kurz, „ich bin froh darüber. Aber es ist nun wohl Zeit,

daß du zu Tische gehst.“

Narziß und Goldmund · 第 27 / 31 题