Narziß: „Vielleicht doch. Sie ist ja nicht klüger als das Kind, das sei
zugegeben, aber sie ist geduldiger, sie merkt sich nicht bloß die
gröbsten Kennzeichen.“
Goldmund: „Das tut jedes kluge Kind auch. Es wird den König am Blick
erkennen oder an der Haltung. Und kurz gesagt: Ihr Gelehrte seid
hochmütig, ihr haltet uns andere stets für dümmer. Man kann ohne alle
Wissenschaft sehr klug sein.“
Narziß: „Es freut mich, daß du das einzusehen beginnst. Nun wirst du
bald auch einsehen, daß ich nicht die Klugheit meine, wenn ich vom
Unterschied zwischen dir und mir rede. Ich sage ja nicht: du bist klüger
oder dümmer, besser oder schlechter. Ich sage nur: du bist anders.“
Goldmund: „Das ist leicht zu verstehen. Du sprichst aber nicht nur von
Unterschieden der Merkmale, du sprichst oft auch von Unterschieden des
Schicksals, der Bestimmung. Warum zum Beispiel solltest du eine andere
Bestimmung haben als ich? Du bist wie ich ein Christ, du bist wie ich
zum Klosterleben entschlossen, du bist wie ich ein Kind des guten Vaters
im Himmel. Unser beider Ziel ist dasselbe: die ewige Seligkeit. Unsere
Bestimmung ist dieselbe: die Rückkehr zu Gott.“
Narziß: „Sehr gut. Im Lehrbuch der Dogmatik ist freilich ein Mensch
genau wie der andere, im Leben aber nicht. Mir scheint: der
Lieblingsjünger des Erlösers, an dessen Brust er ruhte, und jener andere
Jünger, der ihn verriet – die haben doch wohl beide nicht dieselbe
Bestimmung gehabt?“
Goldmund: „Du bist ein Sophist, Narziß! Auf diesem Wege kommen wir
einander nicht näher.“