Lange hatten Narzissens Belagerungsversuche das Geheimnis Goldmunds
uneröffnet gelassen. Lange hatte er scheinbar vergeblich sich bemüht,
ihn zu erwecken, ihm die Sprache zu lehren, in der das Geheimnis
mitteilbar wäre.
Was der Freund ihm von seiner Herkunft und Heimat erzählt hatte, hatte
kein Bild ergeben. Es war da ein schattenhafter, gestaltloser aber
verehrter Vater, und dann die Sage von einer schon vor langer Zeit
verschollenen oder umgekommenen Mutter, die nur noch ein blasser Name
war. Allmählich hatte Narziß, im Seelenlesen bewandert, erkannt, daß
sein Freund zu den Menschen gehöre, welchen ein Stück aus ihrem Leben
verlorengegangen ist, welche unter dem Druck irgendeiner Not oder
Bezauberung sich dazu verstehen mußten, einen Teil ihrer Vergangenheit
zu vergessen. Er sah ein, daß bloßes Befragen und Belehren hier unnütz
sei; er sah auch, daß er allzusehr an die Macht der Vernunft geglaubt
und viel vergebens geredet habe.
Nicht vergeblich aber war die Liebe geblieben, die ihn mit dem Freunde
verband, und die Gewohnheit vielen Zusammenseins. Trotz aller tiefen
Verschiedenheit ihrer Wesen hatten sie beide viel voneinander gelernt;
es war zwischen ihnen neben der Vernunftsprache allmählich eine Seelen-
und Zeichensprache entstanden, so wie zwischen zwei Wohnstätten zwar
eine Straße sein mag, auf welcher Wagen fahren und Reiter reiten können,
daneben aber noch viele kleine Spielwege, Nebenwege, Schleichwege
entstehen: Wegchen für Kinder, Pfade für Verliebte, kaum bemerkbare Wege
von Hund und Katze. Allmählich hatte Goldmunds beseelte Einbildungskraft
auf manchen magischen Wegen sich in des Freundes Gedanken und ihre
Sprache eingeschlichen, und dieser wieder hatte manches von Goldmunds
Sinn und Art ohne Worte verstehen und mitfühlen gelernt. Langsam
reiften, im Licht der Liebe, neue Verbindungen von Seele zu Seele,
hinterher erst kamen die Worte. So kam eines Tages, von keinem erwartet,
ein Gespräch zwischen den Freunden zustande, an einem schulfreien Tage
in der Bibliothek – ein Gespräch, das sie plötzlich mitten in den Kern
und Sinn ihrer Freundschaft stellte und weithin neue Lichter warf.
Sie hatten über Astrologie gesprochen, welche im Kloster nicht getrieben
wurde und verboten war, und Narziß hatte gesagt, Astrologie sei ein
Versuch, in die vielen verschiedenen Arten von Menschen, Schicksalen und
Bestimmungen Ordnung und System zu bringen. Hier setzte Goldmund ein:
„Immer sprichst du von den Verschiedenheiten – ich habe allmählich
erkannt, daß dies deine besonderste Eigenschaft ist. Wenn du von dem
großen Unterschied sprichst, der zum Beispiel zwischen dir und mir
bestehe, dann will mir immer scheinen, der Unterschied bestehe in nichts
anderem als eben in deinem merkwürdigen Versessensein auf das Finden von
Unterschieden!“
Narziß: „Gewiß, du triffst damit den Nagel auf den Kopf. In der Tat: dir
sind die Unterschiede nicht sehr wichtig, mir aber scheinen sie das
einzig Wichtige zu sein. Ich bin meinem Wesen nach Gelehrter, meine
Bestimmung ist die Wissenschaft. Und Wissenschaft ist, um dein Wort zu
zitieren, gar nichts anderes als eben das ‚Versessensein auf das Finden
von Unterschieden‘. Man könnte ihr Wesen gar nicht besser bezeichnen.
Für uns Wissenschaftsmenschen ist nichts wichtig als das Feststellen von
Verschiedenheiten, Wissenschaft heißt Unterscheidungskunst. Zum Beispiel
an jedem Menschen die Merkmale finden, die ihn von den andern
unterscheiden, heißt ihn erkennen.“
Goldmund: „Nun ja. Einer hat Bauernschuhe an und ist ein Bauer, ein
anderer hat eine Krone auf und ist ein König. Das sind allerdings
Unterschiede. Sie werden aber auch von Kindern gesehen, ohne alle
Wissenschaft.“
Narziß: „Wenn der Bauer und der König aber beide gleiche Kleider
anhaben, dann kennt das Kind sie nicht mehr auseinander.“