Viertes Kapitel

Lange hatten Narzissens Belagerungsversuche das Geheimnis Goldmunds

uneröffnet gelassen. Lange hatte er scheinbar vergeblich sich bemüht,

ihn zu erwecken, ihm die Sprache zu lehren, in der das Geheimnis

mitteilbar wäre.

Was der Freund ihm von seiner Herkunft und Heimat erzählt hatte, hatte

kein Bild ergeben. Es war da ein schattenhafter, gestaltloser aber

verehrter Vater, und dann die Sage von einer schon vor langer Zeit

verschollenen oder umgekommenen Mutter, die nur noch ein blasser Name

war. Allmählich hatte Narziß, im Seelenlesen bewandert, erkannt, daß

sein Freund zu den Menschen gehöre, welchen ein Stück aus ihrem Leben

verlorengegangen ist, welche unter dem Druck irgendeiner Not oder

Bezauberung sich dazu verstehen mußten, einen Teil ihrer Vergangenheit

zu vergessen. Er sah ein, daß bloßes Befragen und Belehren hier unnütz

sei; er sah auch, daß er allzusehr an die Macht der Vernunft geglaubt

und viel vergebens geredet habe.

Nicht vergeblich aber war die Liebe geblieben, die ihn mit dem Freunde

verband, und die Gewohnheit vielen Zusammenseins. Trotz aller tiefen

Verschiedenheit ihrer Wesen hatten sie beide viel voneinander gelernt;

es war zwischen ihnen neben der Vernunftsprache allmählich eine Seelen-

und Zeichensprache entstanden, so wie zwischen zwei Wohnstätten zwar

eine Straße sein mag, auf welcher Wagen fahren und Reiter reiten können,

daneben aber noch viele kleine Spielwege, Nebenwege, Schleichwege

entstehen: Wegchen für Kinder, Pfade für Verliebte, kaum bemerkbare Wege

von Hund und Katze. Allmählich hatte Goldmunds beseelte Einbildungskraft

auf manchen magischen Wegen sich in des Freundes Gedanken und ihre

Sprache eingeschlichen, und dieser wieder hatte manches von Goldmunds

Sinn und Art ohne Worte verstehen und mitfühlen gelernt. Langsam

reiften, im Licht der Liebe, neue Verbindungen von Seele zu Seele,

hinterher erst kamen die Worte. So kam eines Tages, von keinem erwartet,

ein Gespräch zwischen den Freunden zustande, an einem schulfreien Tage

in der Bibliothek – ein Gespräch, das sie plötzlich mitten in den Kern

und Sinn ihrer Freundschaft stellte und weithin neue Lichter warf.

Sie hatten über Astrologie gesprochen, welche im Kloster nicht getrieben

wurde und verboten war, und Narziß hatte gesagt, Astrologie sei ein

Versuch, in die vielen verschiedenen Arten von Menschen, Schicksalen und

Bestimmungen Ordnung und System zu bringen. Hier setzte Goldmund ein:

„Immer sprichst du von den Verschiedenheiten – ich habe allmählich

erkannt, daß dies deine besonderste Eigenschaft ist. Wenn du von dem

großen Unterschied sprichst, der zum Beispiel zwischen dir und mir

bestehe, dann will mir immer scheinen, der Unterschied bestehe in nichts

anderem als eben in deinem merkwürdigen Versessensein auf das Finden von

Unterschieden!“

Narziß: „Gewiß, du triffst damit den Nagel auf den Kopf. In der Tat: dir

sind die Unterschiede nicht sehr wichtig, mir aber scheinen sie das

einzig Wichtige zu sein. Ich bin meinem Wesen nach Gelehrter, meine

Bestimmung ist die Wissenschaft. Und Wissenschaft ist, um dein Wort zu

zitieren, gar nichts anderes als eben das ‚Versessensein auf das Finden

von Unterschieden‘. Man könnte ihr Wesen gar nicht besser bezeichnen.

Für uns Wissenschaftsmenschen ist nichts wichtig als das Feststellen von

Verschiedenheiten, Wissenschaft heißt Unterscheidungskunst. Zum Beispiel

an jedem Menschen die Merkmale finden, die ihn von den andern

unterscheiden, heißt ihn erkennen.“

Goldmund: „Nun ja. Einer hat Bauernschuhe an und ist ein Bauer, ein

anderer hat eine Krone auf und ist ein König. Das sind allerdings

Unterschiede. Sie werden aber auch von Kindern gesehen, ohne alle

Wissenschaft.“

Narziß: „Wenn der Bauer und der König aber beide gleiche Kleider

anhaben, dann kennt das Kind sie nicht mehr auseinander.“

Narziß und Goldmund · 第 8 / 31 题