Wenn er indessen mit allen gut Freund war, einen wirklichen Freund fand
er doch nicht so bald; es war keiner unter den Mitschülern, dem er sich
besonders verwandt oder zugeneigt fühlte. Sie aber waren verwundert, in
dem schneidigen Faustkämpfer, den sie geneigt waren für einen
liebenswerten Raufbold zu halten, einen sehr friedfertigen Kollegen zu
finden, der eher nach dem Ruhm eines Musterschülers zu streben schien.
Zwei Menschen im Kloster gab es, zu denen Goldmund sein Herz hingezogen
fühlte, die ihm gefielen, die seine Gedanken beschäftigten, für die er
Bewunderung, Liebe und Ehrfurcht fühlte: den Abt Daniel und den
Lehrgehilfen Narziß. Den Abt war er geneigt für einen Heiligen zu
halten, seine Einfalt und Güte, sein klarer sorglicher Blick, seine Art,
das Befehlen und Regieren demütig als einen Dienst zu vollziehen, seine
guten stillen Gebärden, das alles zog ihn gewaltig an. Am liebsten wäre
er der persönliche Diener dieses Frommen geworden, wäre immer gehorchend
und dienend um ihn gewesen, hätte all seinen knabenhaften Drang nach
Devotion und Hingabe ihm als beständiges Opfer dargebracht und ein
reines, edles, heiligmäßiges Leben von ihm gelernt. Denn Goldmund war
gesinnt, nicht nur die Klosterschule zu absolvieren, sondern womöglich
ganz und für immer im Kloster zu bleiben und sein Leben Gott zu weihen;
so war es sein Wille, so war es seines Vaters Wunsch und Gebot, und so
war es wohl von Gott selbst bestimmt und gefordert. Niemand schien es
dem schönen, strahlenden Knaben anzusehen, und doch lag eine Bürde auf
ihm, eine Bürde der Herkunft, eine geheime Bestimmung zu Sühne und
Opfer. Auch der Abt sah es nicht, obwohl Goldmunds Vater ihm einige
Andeutungen gemacht und deutlich den Wunsch geäußert hatte, sein Sohn
möge für immer hier im Kloster bleiben. Irgendein geheimer Makel schien
an der Geburt Goldmunds zu haften, irgend etwas Verschwiegenes schien
Sühne zu fordern. Aber der Vater hatte dem Abt nur wenig gefallen, er
hatte seinen Worten und seinem ganzen etwas wichtigtuerischen Wesen
höfliche Kühle entgegengestellt und seinen Andeutungen keine große
Bedeutung eingeräumt.
Jener andere, der Goldmunds Liebe erweckt hatte, sah schärfer und ahnte
mehr, aber er hielt sich zurück. Narziß hatte recht wohl bemerkt, welch
ein holder Goldvogel ihm da zugeflogen war. Er, der in seiner
Vornehmheit Vereinsamte, hatte alsbald in Goldmund den Verwandten
gewittert, obwohl er in allem sein Gegenspiel zu sein schien. Wie Narziß
dunkel und hager, so war Goldmund leuchtend und blühend. Wie Narziß ein
Denker und Zergliederer, so schien Goldmund ein Träumer und eine
kindliche Seele zu sein. Aber die Gegensätze überspannte ein
Gemeinsames: beide waren sie vornehme Menschen, beide waren sie durch
sichtbare Gaben und Zeichen vor den andern ausgezeichnet, und beide
hatten sie vom Schicksal eine besondere Mahnung mitbekommen.
Brennend nahm Narziß an dieser jungen Seele teil, deren Art und
Schicksal er bald erkannt hatte. Glühend bewunderte Goldmund seinen
schönen, überlegen klugen Lehrer. Aber Goldmund war schüchtern; er fand
keine andere Weise, um Narziß zu werben, als daß er sich bis zur
Übermüdung bemühte, ein aufmerksamer und gelehriger Schüler zu sein. Und
nicht die Schüchternheit allein hielt ihn zurück. Es hielt ihn auch
zurück ein Gefühl dafür, daß Narziß eine Gefahr für ihn sei. Er konnte
nicht den guten demütigen Abt zum Ideal und Vorbild haben und zugleich
den überklugen, gelehrten, scharfgeistigen Narziß. Und dennoch strebte
er mit allen Seelenkräften seiner Jugend beiden Idealen nach, den
unvereinbaren. Oft machte ihn das leiden. Manchmal in den ersten Monaten
seiner Schülerzeit fühlte Goldmund sich so im Herzen verwirrt und hin
und her gerissen, daß er stark in Versuchung kam, davonzulaufen oder im
Umgang mit den Kameraden seine Not und seinen inneren Zorn auszulassen.
Oft wurde er, der Gutmütige, auf irgendeine kleine Hänselei oder
Schülerfrechheit hin urplötzlich so aufflammend wild und böse, daß er
nur mit äußerster Anstrengung sich halten und sich, mit geschlossenen
Augen und leichenblaß, schweigend abwenden konnte. Dann suchte er in der
Stallung das Pferd Bleß auf, lehnte den Kopf an seinen Hals, küßte es,
weinte bei ihm. Und allmählich nahm sein Leiden zu und wurde bemerkbar.
Seine Wangen wurden schmal, sein Blick war oft erloschen, sein von allen
geliebtes Lachen selten geworden.
Er selbst wußte nicht, wie es um ihn stehe. Es war sein ehrlicher Wunsch
und Wille, ein guter Schüler zu sein, bald ins Noviziat aufgenommen und
dann ein frommer stiller Bruder der Patres zu werden; er glaubte daran,
daß alle seine Kräfte und Gaben diesem frommen sanften Ziele zustrebten,
er wußte nichts von anderen Strebungen. Wie seltsam und traurig war es
ihm darum, sehen zu müssen, daß dies einfache und schöne Ziel so schwer
zu erreichen sei. Wie entmutigt und befremdet nahm er zuweilen
tadelnswerte Neigungen und Zustände an sich wahr: Zerstreutheit und
Widerwillen beim Lernen, Träumen und Phantasieren oder Schläfrigkeit
während der Lektionen, Auflehnung und Abneigung gegen den Lateinlehrer,
Reizbarkeit und zornige Ungeduld gegen die Mitschüler. Und das
Verwirrendste war dies, daß seine Liebe zu Narziß sich so schlecht mit
seiner Liebe zum Abt Daniel vertragen wollte. Dabei glaubte er manchmal
mit innerster Gewißheit zu spüren, daß auch Narziß ihn liebe, daß er an
ihm teilnehme und auf ihn warte.
Viel mehr, als der Knabe ahnte, waren Narzissens Gedanken mit ihm
beschäftigt. Er wünschte sich diesen hübschen, hellen, lieben Jungen zum
Freunde, er ahnte in ihm seinen Gegenpol und seine Ergänzung, er hätte
ihn an sich nehmen mögen, ihn führen, aufklären, steigern und zur Blüte
bringen. Aber er hielt sich zurück. Er tat es aus vielen Beweggründen,
und sie waren ihm beinah alle bewußt. Vor allem band und hemmte ihn der
Abscheu, den er gegen jene nicht seltenen Lehrer und Mönche fühlte,
welche sich in Schüler oder Novizen verliebten. Oft genug hatte er
selbst mit Widerwillen die begehrenden Augen älterer Männer auf sich
ruhen gefühlt, oft genug war er ihren Freundlichkeiten und Hätscheleien
mit stummer Abwehr begegnet. Nun verstand er sie besser – auch er sah
eine Verlockung darin, den hübschen Goldmund liebzuhaben, sein holdes
Lachen hervorzurufen, mit zärtlicher Hand durch sein hellblondes Haar zu
streichen. Aber nie würde er das tun, niemals. Außerdem war er als
Lehrgehilfe, der im Rang eines Lehrers stand, ohne doch dessen Amt und
Autorität zu haben, an besondere Vorsicht und Wachsamkeit gewöhnt. Er
war daran gewöhnt, den um wenige Jahre Jüngeren gegenüberzustehen, als
sei er zwanzig Jahre älter, er war daran gewöhnt, sich jede Bevorzugung
eines Schülers streng zu verbieten, sich gegen jeden ihm widerwärtigen
Schüler zu besonderer Gerechtigkeit und Fürsorge zu zwingen. Sein Dienst
war ein Dienst am Geiste, ihm war sein strenges Leben gewidmet, und nur
heimlich, in seinen unbewachtesten Augenblicken, erlaubte er sich den
Genuß des Hochmuts, des Besserwissens und Klügerseins. Nein, mochte eine
Freundschaft mit Goldmund noch so verlockend sein, sie war eine Gefahr,
und den Kern seines Lebens durfte er von ihr nicht berühren lassen. Der
Kern und Sinn seines Lebens war der Dienst am Geist, der Dienst am Wort,
war das stille, überlegene, auf eigenen Nutzen verzichtende Führen
seiner Schüler – und nicht nur seiner Schüler – zu hohen geistigen
Zielen.
Ein Jahr und länger war Goldmund schon Klosterschüler in Mariabronn,
hundertmal schon hatte er unter den Linden des Hofes und unter dem
schönen Kastanienbaum mit den Kameraden die Schülerspiele gespielt,
Laufspiele, Ballspiele, Räuberspiele, Schneeballschlachten; nun war es
Frühling, aber Goldmund war müde und fühlte sich kränklich, oft tat der
Kopf ihm weh, und in der Schule hatte er Mühe, sich wach und aufmerksam
zu erhalten.
Da sprach eines Abends Adolf ihn an, jener Schüler, dessen erste
Begegnung mit ihm damals ein Faustkampf gewesen war und mit dem er in
diesem Winter den Euklid zu studieren begonnen hatte. Es war in der
Stunde nach dem Abendessen, einer Freistunde, in der das Spielen in den
Dormenten, das Plaudern in den Schülerstuben und auch das Spazieren im
äußern Klosterhof erlaubt war.
„Goldmund“, sagte er, indem er ihn mit sich die Treppe hinabzog, „ich
will dir etwas erzählen, etwas Lustiges. Aber du bist ja ein Musterknabe
und willst gewiß einmal Bischof werden – gib mir zuerst dein Wort, daß
du Kameradschaft halten und mich nicht bei den Lehrern angeben willst.“
Goldmund gab ohne weiteres sein Wort. Es gab eine Klosterehre, und es
gab eine Schülerehre, und beide kamen zuweilen in Widerstreit, er kannte
das, aber es waren, wie überall, die ungeschriebenen Gesetze stärker als
die geschriebenen, und nie hätte er, solang er Schüler war, sich den
Gesetzen und Ehrbegriffen der Schülerschaft entzogen.
Flüsternd zog ihn Adolf zum Portal hinaus unter die Bäume. Es seien da,
erzählte er, ein paar gute kühne Kameraden, zu denen er gehöre, die
hätten von früheren Generationen den Brauch übernommen, je und je sich
dessen zu entsinnen, daß sie ja keine Mönche seien, und für einen Abend
das Kloster zu verlassen und ins Dorf zu gehen. Es sei ein Spaß und
Abenteuer, dem ein ordentlicher Kerl sich nicht entziehe, in der Nacht
werde man zurückkommen.
„Aber dann ist ja das Tor geschlossen“, warf Goldmund ein.
Gewiß, natürlich sei es geschlossen, dies eben sei ja der Spaß bei der
Sache. Man wisse aber auf geheimen Wegen unbemerkt hereinzukommen, es
sei nicht das erstemal.
Goldmund erinnerte sich. Die Redensart „Ins Dorf gehen“ hatte er schon
gehört, man verstand darunter nächtliche Ausflüge der Zöglinge, zu
allerlei geheimen Genüssen und Abenteuern, und es war vom Klostergesetz
bei schwerer Strafe verboten. Er erschrak. „Ins Dorf“ zu gehen war
Sünde, war verboten. Er begriff aber sehr wohl, daß es gerade darum
unter „ordentlichen Kerls“ zur Schülerehre gehören könne, das
Gefährliche zu wagen, und daß es eine gewisse Auszeichnung bedeute, zu
diesem Abenteuer aufgefordert zu werden.
Am liebsten hätte er nein gesagt und wäre zurückgelaufen und zu Bett
gegangen. Er war so müde und fühlte sich so elend, den ganzen Nachmittag
hatte ihm der Kopf weh getan. Aber er schämte sich ein wenig vor Adolf.
Und wer weiß, vielleicht gab es da draußen, bei dem Abenteuer, irgend
etwas Schönes und Neues, etwas, worüber man Kopfweh und Stumpfheit und
allerlei Elend vergessen konnte. Es war ein Ausflug in die Welt, ein
heimlicher und verbotener zwar, ein nicht ganz rühmlicher, aber
vielleicht doch eine Befreiung, ein Erlebnis. Zögernd stand er, während
Adolf auf ihn einredete, und plötzlich lachte er auf und sagte ja.
Unbemerkt verlor er sich mit Adolf unter den Lindenbäumen im weiten,
schon dunklen Hof, dessen äußeres Tor um diese Stunde schon verschlossen
war. Der Kamerad führte ihn in die Klostermühle, wo in der Dämmerung und
im stetigen Lärm der Räder es leicht war, sich ungehört und ungesehen
hindurchzuschleichen. Durch ein Fenster gelangte man, schon ganz im
Finstern, auf einen feuchten schlüpfrigen Stapel von hölzernen Bohlen,
deren eine man herausziehen und über den Bach legen mußte, um
hinüberzukommen. Und nun war man draußen, auf der matt schimmernden
Heerstraße, die in den schwarzen Wald hinein verschwand. Dies alles war
erregend und geheimnisvoll und gefiel dem Knaben sehr.
Am Waldrande stand schon ein Kamerad, Konrad, und nachdem sie lange
gewartet, kam noch einer dahergestapft, der große Eberhard. Zu vieren
marschierten die Jünglinge durch den Wald, über ihnen rauschten
Nachtgevögel auf, ein paar Sterne zeigten sich hell-feucht zwischen
stillen Wolken. Konrad schwatzte und machte Witze, zuweilen lachten die
andern mit, dennoch schwebte ein banges und feierliches Nachtgefühl über
ihnen, und ihre Herzen schlugen reger.
Jenseits des Waldes, nach einer kleinen Stunde, erreichten sie das Dorf.
Da schien alles schon zu schlafen, bleich schimmerten die niederen
Giebel, von den dunklen Rippen des Gebälks durchwachsen, nirgends war
Licht. Adolf ging voran, schleichend und schweigend umgingen sie einige
Häuser, stiegen über einen Zaun, standen in einem Garten, traten in die
weiche Erde von Beeten, strauchelten über Stufen, hielten vor der Wand
eines Hauses. Adolf pochte an einen Laden, wartete, pochte nochmals,
innen gab es Geräusch, und bald schimmerte Licht auf, der Laden öffnete
sich, und einer hinterm andern stiegen sie ein, in eine Küche mit
schwarzem Rauchfang und irdenem Boden. Auf dem Herd stand klein eine
Öllampe, flackernd brannte auf dünnem Docht eine schwache Flamme. Ein
Mädchen stand hier, eine hagere Bauernmagd, die gab den Eindringlingen
die Hand, hinter ihr aus dem Dunkel trat ein zweites, ein junges Kind
mit langen dunklen Zöpfen. Adolf brachte Gastgeschenke mit, einen halben
Laib weißes Klosterbrot und etwas in einem papierenen Beutel, Goldmund
vermutete, es sei ein wenig gestohlener Weihrauch oder Kerzenwachs oder
dergleichen. Die Junge mit den Zöpfen ging hinaus, ohne Licht tastete
sie sich durch die Tür, blieb lange aus und kam wieder mit einem Krug
aus grauem Ton mit blauer Blume darauf, den sie Konrad reichte. Er trank
daraus und gab ihn weiter, alle tranken, es war starker Apfelmost.
Im Schein der winzigen Lampenflamme ließen sie sich nieder, auf kleine
steife Stabellen die beiden Mädchen, rund um sie auf den Boden die
Schüler. Es wurde flüsternd gesprochen, dazwischen Most getrunken, Adolf
und Konrad führten das Wort. Zuweilen stand einer auf und streichelte
der Hageren das Haar und den Nacken, flüsterte ihr ins Ohr, die Kleine
blieb unberührt. Wahrscheinlich, dachte Goldmund, war die Große die
Magd, die hübsche Kleine die Tochter des Hauses. Es war übrigens
gleichgültig, es ging ihn nichts an, denn er würde niemals mehr
hierherkommen. Das heimliche Ausreißen und der Nachtgang durch den Wald,
das war schön, das war ungewohnt, erregend, geheimnisvoll und doch nicht
gefährlich. Es war zwar verboten, aber die Übertretung des Verbots belud
das Gewissen nicht schwer. Das hier aber, dieser nächtliche Besuch bei
den Mädchen, war mehr als nur verboten, so fühlte er, es war Sünde. Für
die andern vielleicht war auch dies nur ein kleiner Seitensprung, für
ihn aber nicht; für ihn, der sich zum Mönchsleben und zur Askese
bestimmt wußte, war kein Spiel mit Mädchen erlaubt. Nein, er würde nie
wieder mitkommen. Aber sein Herz schlug stark und bang in der
Ampeldämmerung der ärmlichen Küche.
Seine Kameraden spielten vor den Mädchen die Helden und machten sich mit
lateinischen Redensarten wichtig, die sie in die Unterhaltung mischten.
Alle drei schienen bei der Magd in Gunst zu stehen, sie näherten sich
ihr je und je mit ihren kleinen, linkischen Liebkosungen, deren
zärtlichste ein scheuer Kuß war. Sie schienen genau zu wissen, was ihnen
hier erlaubt sei. Und da die ganze Unterhaltung im Flüsterton geführt
werden mußte, hatte die Szene eigentlich etwas Komisches, doch Goldmund
empfand nicht so. Er kauerte still am Boden und blickte starr ins
Flämmlein der Ampel, ohne ein Wort von sich zu geben. Zuweilen fing er
mit etwas begehrlichem Seitenblick eine der Zärtlichkeiten auf, die
zwischen den andern getauscht wurden. Steif blickte er vor sich hin. Am
liebsten aber hätte er nichts anderes angeschaut als die Kleine mit den
Zöpfen, aber gerade dies verbot er sich. Immer aber, wenn einmal sein
Wille nachließ und sein Blick sich zu dem stillen süßen Mädchengesicht
hinüber verirrte, fand er unfehlbar ihre dunklen Augen auf sein Gesicht
geheftet, wie verzaubert starrte sie ihn an.
Eine Stunde war vielleicht vergangen – nie hatte Goldmund eine so lange
Stunde erlebt –, da waren die Redensarten und Zärtlichkeiten der Schüler
erschöpft, es wurde still, und man saß etwas verlegen, Eberhard fing an
zu gähnen. Da mahnte die Magd zum Aufbruch. Alle erhoben sich, alle
gaben der Magd die Hand, Goldmund zuletzt. Dann gaben sie alle der
Jungen die Hand, Goldmund zuletzt. Dann stieg Konrad voran aus dem
Fenster, ihm folgten Eberhard und Adolf. Als auch Goldmund hinausstieg,
fühlte er sich von einer Hand an der Schulter zurückgehalten. Er konnte
nicht anhalten; erst als er draußen am Boden stand, wandte er sich
zögernd um. Aus dem Fenster beugte sich die Junge mit den Zöpfen.
„Goldmund!“ flüsterte sie. Er blieb stehen.
„Kommst du einmal wieder?“ fragte sie. Ihre schüchterne Stimme war nur
ein Hauch.
Goldmund schüttelte den Kopf. Sie streckte ihre beiden Hände aus, faßte
seinen Kopf, warm fühlte er die kleinen Hände an seinen Schläfen. Sie
beugte sich tief herab, bis ihre dunklen Augen dicht vor den seinen
waren.
„Komm wieder!“ flüsterte sie, und ihr Mund berührte den seinen in einem
kindlichen Kuß.
Schnell lief er den andern nach durch den kleinen Garten, taumelte über
die Beete, roch feuchte Erde und Mist, riß sich die Hand an einem
Rosenstrauch wund, kletterte über den Zaun und trabte den andern nach,
zum Dorf hinaus, dem Wald entgegen. „Niemals mehr!“ sagte befehlend sein
Wille. „Morgen wieder!“ flehte schluchzend sein Herz.
Niemand begegnete den Nachtvögeln, unbehelligt kamen sie nach Mariabronn
zurück, über den Bach, durch die Mühle, über den Lindenplatz und auf
Schleichwegen über Vordächer und durch säulchengeteilte Fenster ins
Kloster und in den Schlafsaal.
Am Morgen mußte der lange Eberhard mit Püffen geweckt werden, so schwer
war sein Schlaf. Alle waren sie rechtzeitig in der Frühmesse, bei der
Morgensuppe und im Hörsaal, aber Goldmund sah schlecht aus, so schlecht,
daß Pater Martin ihn fragte, ob er krank sei. Adolf warf ihm einen
warnenden Blick zu, und er sagte, ihm fehle nichts. Im Griechischen
aber, gegen Mittag, ließ Narziß ihn nicht aus den Augen. Auch er sah,
daß Goldmund krank sei, schwieg aber und beobachtete ihn scharf. Am Ende
der Lektion rief er ihn zu sich. Um die Schüler nicht aufmerksam zu
machen, schickte er ihn mit einem Auftrag in die Bibliothek. Dorthin
ging er ihm nach.
„Goldmund“, sagte er, „kann ich dir beistehen? Ich sehe, daß du in Not
bist. Vielleicht bist du krank. Dann legen wir dich zu Bett und schicken
dir eine Krankensuppe und ein Glas Wein. Du hast heut keinen Kopf fürs
Griechische.“
Lange wartete er auf eine Antwort. Aus verstörten Augen sah der bleiche
Knabe zu ihm her, senkte den Kopf, hob ihn wieder, zuckte mit den
Lippen, wollte sprechen, konnte es nicht. Plötzlich sank er zur Seite,
lehnte den Kopf auf ein Lesepult, zwischen die beiden kleinen
Engelsköpfe aus Eichenholz, die das Pult einfaßten, und brach in ein
solches Weinen aus, daß Narziß sich verlegen fühlte und eine Weile den
Blick abwandte, ehe er den Schluchzenden anfaßte und aufhob.
„Nun ja“, sagte er freundlicher, als Goldmund ihn je hatte sprechen
hören, „nun ja, _amice_, weine nur, es wird dir bald besser sein. So,
setze dich, du brauchst nicht zu sprechen. Ich sehe, du hast genug;
wahrscheinlich hast du schon den ganzen Morgen Mühe gehabt, dich
aufrecht zu halten und dir nichts anmerken zu lassen, sehr brav hast du
das gemacht. Weine jetzt nur, es ist das Beste, was du tun kannst. Nein?
Schon fertig? Schon wieder aufrecht? Nun ja, dann gehn wir jetzt in die
Krankenstube, und du legst dich ins Bett, und heut abend wird dir schon
viel besser sein. Komm nur!“
Er führte ihn, unter Umgehung der Schülerstuben, in ein Krankenzimmer,
wies ihm eines der beiden leeren Betten an und ging, als Goldmund sich
folgsam auszukleiden begann, hinaus, um ihn beim Vorsteher krank zu
melden. Er bestellte auch, wie versprochen, eine Suppe und ein Glas
Krankenwein für ihn in der Speisung; diese beiden klosterüblichen
_beneficia_ waren bei den meisten Leichtkranken sehr beliebt.
Im Krankenbett lag Goldmund und suchte sich aus seiner Verwirrung
zurückzufinden. Vor einer Stunde vielleicht hätte er sich klarzumachen
vermocht, was ihn heute so unsäglich müde machte, was für eine tödliche
Überanstrengung der Seele es war, die ihm den Kopf leer und die Augen
brennen machte. Es war die gewaltsame, in jeder Minute erneute, in jeder
Minute mißglückende Anstrengung, den gestrigen Abend zu vergessen –
vielmehr nicht den Abend, nicht den törichten und hübschen Ausflug aus
dem geschlossenen Kloster, nicht die Wanderung im Walde, noch den
schlüpfrigen Notsteg über den schwarzen Mühlbach oder das Aus- und
Einsteigen über Zäune, durch Fenster und Gänge, sondern einzig den
Augenblick an jenem dunklen Küchenfenster, den Atem und die Worte des
Mädchens, den Griff ihrer Hände, den Kuß ihrer Lippen.
Aber jetzt war noch etwas hinzugekommen, ein neuer Schreck, ein neues
Erlebnis. Narziß hatte sich seiner angenommen, Narziß liebte ihn, Narziß
hatte sich um ihn bemüht – er, der Feine, Vornehme, der Kluge mit dem
schmalen, leicht spöttischen Munde. Und er, er hatte sich vor ihm gehen
lassen, war beschämt und stammelnd und schließlich heulend vor ihm
gestanden! Statt diesen Überlegenen mit den edelsten Waffen zu gewinnen,
mit Griechisch, mit Philosophie, mit geistigem Heldentum und würdiger
Stoa, war er schwach und jämmerlich vor ihm zusammengebrochen! Nie würde
er sich das verzeihen, nie würde er ihm ohne Scham ins Auge sehen
können.
Aber mit dem Weinen war die große Spannung entladen, die stille
Stubeneinsamkeit, das gute Bett tat wohl, der Verzweiflung war mehr als
die halbe Kraft geraubt. Nach einem Stündchen kam ein dienender Bruder
herein, brachte eine Mehlsuppe, ein Stückchen Weißbrot und einen kleinen
Becher roten Wein dazu, den die Schüler sonst nur an Festtagen bekamen,
und Goldmund aß und trank, aß den Teller halb leer, stellte ihn weg,
fing wieder zu denken an, aber es ging nicht; er holte den Teller wieder
her, aß nochmals einige Löffel voll. Und als etwas später die Tür leise
aufgetan wurde und Narziß hereinkam, um nach dem Kranken zu sehen, lag
er und schlief und hatte schon wieder Rot auf den Wangen. Lange
betrachtete ihn Narziß, mit Liebe, mit forschender Neugierde und auch
mit etwas Neid. Er sah: Goldmund war nicht krank, er würde ihm morgen
keinen Wein mehr zu schicken brauchen. Aber er wußte, der Bann sei
gebrochen, sie würden Freunde sein. Mochte heute Goldmund es sein, der
seiner bedurfte, dem er Dienste erweisen konnte. Ein andermal würde
vielleicht er selbst es sein, der schwach wäre und einer Hilfe, einer
Liebe bedürfte. Und von diesem Knaben würde er sie annehmen können, wenn
es einmal dahin kommen sollte.