Vor dem von Doppelsäulchen getragenen Rundbogen des Klostereinganges von
Mariabronn, dicht am Wege, stand ein Kastanienbaum, ein vereinzelter
Sohn des Südens, von einem Rompilger vor Zeiten mitgebracht, eine
Edelkastanie mit starkem Stamm; zärtlich hing ihre runde Krone über den
Weg, atmete breitbrüstig im Winde, ließ im Frühling, wenn alles ringsum
schon grün war und selbst die Klosternußbäume schon ihr rötliches
Junglaub trugen, noch lange auf ihre Blätter warten, trieb dann um die
Zeit der kürzesten Nächte aus den Blattbüscheln die matten, weißgrünen
Strahlen ihrer fremdartigen Blüten empor, die so mahnend und beklemmend
herbkräftig rochen, und ließ im Oktober, wenn Obst und Wein schon
geerntet war, aus der gilbenden Krone im Herbstwind die stachligen
Früchte fallen, die nicht in jedem Jahre reif wurden, um welche die
Klosterbuben sich balgten und die der aus dem Welschland stammende
Subprior Gregor in seiner Stube im Kaminfeuer briet. Fremd und zärtlich
ließ der schöne Baum seine Krone überm Eingang zum Kloster wehen, ein
zartgesinnter und leicht fröstelnder Gast aus einer anderen Zone,
verwandt in geheimer Verwandtschaft mit den schlanken sandsteinernen
Doppelsäulchen des Portals und dem steinernen Schmuckwerk der
Fensterbogen, Gesimse und Pfeiler, geliebt von den Welschen und
Lateinern, von den Einheimischen als Fremdling begafft.
Unter dem ausländischen Baume waren schon manche Generationen von
Klosterschülern vorübergegangen; ihre Schreibtafeln unterm Arm,
schwatzend, lachend, spielend, streitend, je nach der Jahreszeit barfuß
oder beschuht, eine Blume im Mund, eine Nuß zwischen den Zähnen oder
einen Schneeball in der Hand. Immer neue kamen, alle paar Jahre waren es
andere Gesichter, die meisten einander ähnlich: blond und kraushaarig.
Manche blieben da, wurden Novizen, wurden Mönche, bekamen das Haar
geschoren, trugen Kutte und Strick, lasen in Büchern, unterwiesen die
Knaben, wurden alt, starben. Andre, wenn ihre Schülerjahre vorbei waren,
wurden von ihren Eltern heimgeholt, in Ritterburgen, in Kaufmanns- und
Handwerkerhäuser, liefen in die Welt und trieben ihre Spiele und
Gewerbe, kamen etwa einmal zu einem Besuch ins Kloster zurück, Männer
geworden, brachten kleine Söhne als Schüler zu den Patres, schauten
lächelnd und gedankenvoll eine Weile zum Kastanienbaum empor, verloren
sich wieder. In den Zellen und Sälen des Klosters, zwischen den runden
schweren Fensterbogen und den strammen Doppelsäulen aus rotem Stein
wurde gelebt, gelehrt, studiert, verwaltet, regiert; vielerlei Kunst und
Wissenschaft wurde hier getrieben und von einer Generation der andern
vererbt, fromme und weltliche, helle und dunkle. Bücher wurden
geschrieben und kommentiert, Systeme ersonnen, Schriften der Alten
gesammelt, Bilderhandschriften gemalt, des Volkes Glaube gepflegt, des
Volkes Glaube belächelt. Gelehrsamkeit und Frömmigkeit, Einfalt und
Verschlagenheit, Weisheit der Evangelien und Weisheit der Griechen,
weiße und schwarze Magie, von allem gedieh hier etwas, für alles war
Raum; es war Raum für Einsiedelei und Bußübung ebenso wie für
Geselligkeit und Wohlleben; an der Person des jeweiligen Abtes und an
der jeweils herrschenden Strömung der Zeit lag es, ob das eine oder das
andere überwog und vorherrschte. Zuzeiten war das Kloster berühmt und
besucht wegen seiner Teufelsbanner und Dämonenkenner, zuzeiten wegen
seiner ausgezeichneten Musik, zuzeiten wegen eines heiligen Vaters, der
Heilungen und Wunder tat, zuzeiten wegen seiner Hechtsuppen und
Hirschleberpasteten, ein jedes zu seiner Zeit. Und immer war unter der
Schar der Mönche und Schüler, der frommen und der lauen, der fastenden
und der feisten, immer war zwischen den vielen, welche da kamen, lebten
und starben, dieser und jener Einzelne und Besondere gewesen, einer, den
alle liebten oder den alle fürchteten, einer, der auserwählt schien,
einer, von dem noch lange gesprochen wurde, wenn seine Zeitgenossen
vergessen waren.
Auch jetzt gab es im Kloster Mariabronn zwei Einzelne und Besondere,
einen Alten und einen Jungen. Zwischen den vielen Brüdern, deren Schwarm
die Dormente, Kirchen und Schulsäle erfüllte, gab es zwei, von denen
jeder wußte, auf die jeder achtete. Es gab den Abt Daniel, den Alten,
und den Zögling Narziß, den Jungen, der erst seit kurzem das Noviziat
angetreten hatte, aber seiner besonderen Gaben wegen gegen alles
Herkommen schon als Lehrer verwendet wurde, besonders im Griechischen.
Diese beiden, der Abt und der Novize, hatten Geltung im Hause, waren
beobachtet und weckten Neugierde, wurden bewundert und beneidet und auch
heimlich gelästert.
Den Abt liebten die meisten, er hatte keine Feinde, er war voll Güte,
voll Einfalt, voll Demut. Nur die Gelehrten des Klosters mischten in
ihre Liebe etwas von Herablassung, denn Abt Daniel mochte ein Heiliger
sein, ein Gelehrter jedoch war er nicht. Ihm war jene Einfalt eigen,
welche Weisheit ist, aber sein Latein war bescheiden, und Griechisch
konnte er überhaupt nicht.
Jene wenigen, welche gelegentlich die Einfalt des Abtes etwas
belächelten, waren desto mehr von Narziß bezaubert, dem Wunderknaben,
dem schönen Jüngling mit dem eleganten Griechisch, mit dem ritterlich
tadellosen Benehmen, mit dem stillen, eindringlichen Denkerblick und den
schmalen, schön und streng gezeichneten Lippen. Daß er wunderbar
Griechisch konnte, liebten die Gelehrten an ihm. Daß er so edel und fein
war, liebten beinahe alle an ihm, viele waren in ihn verliebt. Daß er so
sehr still und beherrscht war und so höfische Manieren hatte, nahmen
manche ihm übel.
Abt und Novize, jeder trug auf seine Art das Schicksal des Auserwählten,
herrschte auf seine Art, litt auf seine Art. Jeder der beiden fühlte
sich dem andern mehr verwandt und mehr zu ihm hingezogen als zum ganzen
übrigen Klostervolk; dennoch fanden sie nicht zueinander, dennoch konnte
keiner beim andern warm werden. Der Abt behandelte den Jüngling mit
größter Sorgfalt, mit größter Rücksicht, hatte um ihn Sorge als um einen
seltenen, zarten, vielleicht allzufrüh gereiften, vielleicht gefährdeten
Bruder. Der Jüngling nahm jeden Befehl, jeden Rat, jedes Lob des Abtes
mit vollkommener Haltung entgegen, widersprach niemals, war nie
verstimmt, und wenn das Urteil des Abtes über ihn richtig und sein
einziges Laster der Hochmut war, so wußte er dies Laster wunderbar zu
verbergen. Es war gegen ihn nichts zu sagen, er war vollkommen, er war
allen überlegen. Nur wurden wenige ihm wirklich Freund, außer den
Gelehrten, nur umgab seine Vornehmheit ihn wie eine erkältende Luft.
„Narziß“, sagte der Abt nach einer Beichte zu ihm, „ich bekenne mich
eines harten Urteils über dich schuldig. Ich habe dich oft für hochmütig
gehalten, und vielleicht tat ich dir damit unrecht. Du bist sehr allein,
junger Bruder, du bist einsam, du hast Bewunderer, aber keine Freunde.
Ich wollte wohl, ich hätte Anlaß, dich zuweilen zu tadeln, aber es ist
kein Anlaß. Ich wollte wohl, du wärest manchmal unartig, wie es junge
Leute deines Alters sonst leicht sind. Du bist es nie. Ich sorge mich
zuweilen ein wenig um dich, Narziß.“
Der Junge schlug seine dunklen Augen zu dem Alten auf.
„Ich wünsche sehr, gnädiger Vater, Euch keine Sorge zu machen. Es mag
wohl sein, daß ich hochmütig bin, gnädiger Vater. Ich bitte Euch, mich
dafür zu strafen. Ich habe selbst zuzeiten den Wunsch, mich zu strafen.
Schickt mich in eine Einsiedelei, Vater, oder lasset mich niedere
Dienste tun.“
„Für beides bist du zu jung, lieber Bruder“, sagte der Abt. „Überdies
bist du der Sprachen und des Denkens in hohem Grade fähig, mein Sohn; es
wäre eine Vergeudung dieser Gottesgaben, wollte ich dir niedere Dienste
auftragen. Wahrscheinlich wirst du wohl ein Lehrer und Gelehrter werden.
Wünschest du dies nicht selbst?“
„Verzeiht, Vater, ich weiß über meine Wünsche nicht so sehr genau
Bescheid. Ich werde stets Freude an den Wissenschaften haben, wie sollte
es anders sein? Aber ich glaube nicht, daß die Wissenschaften mein
einziges Gebiet sein werden. Es mögen ja nicht immer die Wünsche sein,
die eines Menschen Schicksal und Sendung bestimmen, sondern anderes,
Vorbestimmtes.“
Der Abt horchte und wurde ernst. Dennoch stand ein Lächeln auf seinem
alten Gesicht, als er sagte: „Soviel ich die Menschen habe kennenlernen,
neigen wir, zumal in der Jugend, alle ein wenig dazu, die Vorsehung und
unsere Wünsche miteinander zu verwechseln. Aber sage mir, da du deine
Bestimmung vorauszuwissen glaubst, ein Wort darüber. Wozu denn glaubst
du bestimmt zu sein?“
Narziß schloß seine dunklen Augen halb, daß sie unter den langen
schwarzen Wimpern verschwanden. Er schwieg.
„Sprich, mein Sohn“, mahnte nach langem Warten der Abt. Mit leiser
Stimme und gesenkten Augen begann Narziß zu sprechen.
„Ich glaube zu wissen, gnädiger Vater, daß ich vor allem zum
Klosterleben bestimmt bin. Ich werde, so glaube ich, Mönch werden,
Priester werden, Subprior und vielleicht Abt werden. Ich glaube dies
nicht, weil ich es wünsche. Mein Wunsch geht nicht nach Ämtern. Aber sie
werden mir auferlegt werden.“
Lange schwiegen beide.
„Warum hast du diesen Glauben?“ fragte zögernd der Alte. „Welche
Eigenschaft in dir, außer der Gelehrsamkeit, ist es wohl, die in diesem
Glauben zu Wort kommt?“
„Es ist die Eigenschaft“, sagte Narziß langsam, „daß ich ein Gefühl für
die Art und Bestimmung der Menschen habe, nicht nur für meine eigene,
auch für die der andern. Diese Eigenschaft zwingt mich, den andern
dadurch zu dienen, daß ich sie beherrsche. Wäre ich nicht zum
Klosterleben geboren, so würde ich ein Richter oder Staatsmann werden
müssen.“
„Mag sein“, nickte der Abt. „Hast du deine Fähigkeit, Menschen und ihre
Schicksale zu erkennen, an Beispielen erprobt?“
„Ich habe sie erprobt.“
„Bist du bereit, mir ein Beispiel zu nennen?“
„Ich bin bereit.“
„Gut. Da ich nicht in die Geheimnisse unserer Brüder ohne deren Wissen
eindringen möchte, magst du mir vielleicht sagen, was du über mich,
deinen Abt Daniel, zu wissen meinst.“
Narziß hob seine Lider und blickte dem Abt in die Augen.
„Ist es Euer Befehl, gnädiger Vater?“
„Mein Befehl.“
„Es fällt mir schwer, zu sprechen, Vater.“
„Auch mir fällt es schwer, junger Bruder, dich zum Sprechen zu zwingen.
Ich tue es dennoch. Sprich!“
Narziß senkte den Kopf und sagte flüsternd: „Es ist wenig, was ich von
Euch weiß, verehrter Vater. Ich weiß, daß Ihr ein Diener Gottes seid,
dem es lieber wäre, Ziegen zu hüten oder in einer Einsiedelei das
Glöckchen zu läuten und die Beichten der Bauern anzuhören, als ein
großes Kloster zu regieren. Ich weiß, daß Ihr eine besondere Liebe zur
heiligen Mutter Gottes habet und zu ihr am meisten betet. Ihr betet
zuweilen darum, daß die griechischen und anderen Wissenschaften, die in
diesem Kloster gepflegt werden, keine Verwirrung und Gefahr für die
Seelen Eurer Anbefohlenen sein mögen. Ihr betet zuweilen, daß Euch gegen
den Subprior Gregor die Geduld nicht verlasse. Ihr betet zuweilen um ein
sanftes Ende. Und Ihr werdet, so glaube ich, erhört werden und ein
sanftes Ende haben.“
Still war es in dem kleinen Sprechzimmer des Abtes. Endlich sprach der
Alte.
„Du bist ein Schwärmer und hast Gesichte“, sagte der greise Herr
freundlich. „Auch fromme und freundliche Gesichte können täuschen;
verlaß dich nicht auf sie, wie auch ich mich nicht auf sie verlasse. –
Kannst du sehen, Bruder Schwärmer, was ich über diese Sache im Herzen
denke?“
„Ich kann sehen, Vater, daß Ihr sehr freundlich darüber denket. Ihr
denket das Folgende: ‚Dieser junge Schüler ist ein wenig gefährdet, er
hat Gesichte, er hat vielleicht zu viel meditiert. Ich könnte ihm
vielleicht eine Buße auferlegen, sie wird ihm nicht schaden. Ich werde
aber die Buße, die ich ihm auferlege, auch selbst auf mich nehmen.‘ –
Dies ist es, was Ihr soeben denket.“
Der Abt erhob sich. Lächelnd winkte er dem Novizen, sich zu
verabschieden.
„Es ist gut“, sagte er. „Nimm deine Gesichte nicht allzu ernst, junger
Bruder; Gott fordert noch manches andere von uns, als Gesichte zu haben.
Nehmen wir an, du habest einem alten Mann damit geschmeichelt, daß du
ihm einen leichten Tod versprachst. Nehmen wir an, der alte Mann habe
einen Augenblick lang diese Versprechung gern gehört. Es ist nun genug.
Du sollst einen Rosenkranz beten, morgen nach der Frühmesse, du sollst
ihn mit Demut und Hingabe beten und nicht obenhin, und ich werde
dasselbe tun. Geh nun, Narziß, es ist genug geredet.“
Ein andermal hatte der Abt Daniel zu schlichten zwischen dem jüngsten
der lehrenden Patres und Narziß, die sich über einen Punkt im Lehrplan
nicht einigen konnten: Narziß drang mit großem Eifer auf die Einführung
gewisser Änderungen im Unterricht, wußte sie auch mit überzeugenden
Gründen zu rechtfertigen; Pater Lorenz aber, aus einer Art von
Eifersucht, wollte nicht darauf eingehen, und jeder neuen Besprechung
folgten Tage eines verstimmten Schweigens und Schmollens, bis Narziß im
Gefühl des Rechthabens nochmals mit der Sache anfing. Schließlich sagte
Pater Lorenz, etwas gekränkt: „Nun, Narziß, wir wollen dem Streit ein
Ende machen. Du weißt ja, daß die Entscheidung bei mir und nicht bei dir
läge, du bist nicht mein Kollege, sondern mein Gehilfe und hast dich mir
zu fügen. Aber da die Sache dir gar so wichtig scheint und da ich dir
zwar an Amtsgewalt, nicht aber an Wissen und Gaben überlegen bin, will
ich nicht selbst die Entscheidung treffen, sondern wir werden sie
unserem Vater Abt vortragen und ihn entscheiden lassen.“
So taten sie denn, und Abt Daniel hörte den Streit der beiden Gelehrten
über ihre Auffassung des Unterrichts in der Grammatik geduldig und
freundlich an. Nachdem sie beide ihre Meinungen ausführlich dargelegt
und begründet hatten, blickte der alte Mann sie fröhlich an, schüttelte
ein wenig das greise Haupt und sprach: „Liebe Brüder, ihr glaubet ja
wohl beide nicht, daß ich von diesen Sachen ebensoviel verstünde wie
ihr. Es ist löblich von Narziß, daß die Schule ihm so sehr am Herzen
liegt und daß er den Lehrplan zu verbessern strebt. Wenn aber sein
Vorgesetzter anderer Meinung ist, so hat Narziß zu schweigen und zu
gehorchen, und alle Verbesserungen der Schule wögen es nicht auf, wenn
ihretwegen Ordnung und Gehorsam in diesem Haus gestört würden. Ich tadle
Narziß, daß er nicht nachzugeben wußte. Und euch beiden jungen Gelehrten
wünsche ich, es möge euch nie an Vorgesetzten mangeln, welche dümmer
sind als ihr; nichts ist besser gegen den Hochmut.“ Mit diesem
gutmütigen Scherz entließ er sie. Aber er vergaß keineswegs, während der
nächsten Tage ein Auge darauf zu haben, ob zwischen den beiden Lehrern
wieder ein gutes Einvernehmen bestehe.
* * * * *
Und nun begab es sich, daß ein neues Gesicht im Kloster erschien, das so
viele Gesichter kommen und gehen sah, und daß dies neue Gesicht nicht zu
den unbemerkten und schnell wieder vergessenen gehörte. Es war ein
Jüngling, der, schon vorlängst von seinem Vater angemeldet, an einem
Frühlingstage eintraf, um in der Klosterschule zu studieren. Beim
Kastanienbaum banden sie ihre Pferde an, der Jüngling und sein Vater,
und aus dem Portal kam der Pförtner ihnen entgegen.
Der Knabe blickte an dem noch winterkahlen Baum empor. „Einen solchen
Baum“, sagte er, „habe ich noch nie gesehen. Ein schöner, merkwürdiger
Baum! Ich möchte wohl wissen, wie er heißt.“
Der Vater, ein ältlicher Herr mit einem versorgten und etwas
verkniffenen Gesicht, kümmerte sich nicht um die Worte des Jungen. Der
Pförtner aber, dem der Knabe alsbald wohlgefiel, gab ihm Auskunft. Der
Jüngling dankte ihm freundlich, gab ihm die Hand und sagte: „Ich heiße
Goldmund und soll hier zur Schule gehen.“ Freundlich lächelte der Mann
ihn an und ging den Ankömmlingen voran durchs Portal und die breiten
Steintreppen hinauf, und Goldmund betrat das Kloster ohne Zagen mit dem
Gefühl, an diesem Ort schon zwei Wesen begegnet zu sein, denen er Freund
sein konnte, dem Baum und dem Pförtner.
Die Angekommenen wurden erst vom Pater Schulvorsteher, gegen Abend auch
noch vom Abte selbst empfangen. An beiden Orten stellte der Vater, ein
kaiserlicher Beamter, seinen Sohn Goldmund vor, und man lud ihn ein,
eine Weile Gast des Hauses zu sein. Er machte jedoch nur für eine Nacht
vom Gastrecht Gebrauch und erklärte, morgen zurückreisen zu müssen. Als
Geschenk bot er dem Kloster das eine seiner beiden Pferde an, und die
Gabe ward angenommen. Die Unterhaltung mit den geistlichen Herren
verlief artig und kühl; aber sowohl der Abt wie der Pater blickte den
ehrerbietig schweigenden Goldmund mit Freude an, der hübsche zärtliche
Junge gefiel ihnen sogleich. Den Vater ließen sie andern Tages ohne
Bedauern wieder ziehen, den Sohn behielten sie gerne da. Goldmund wurde
den Lehrern vorgestellt und bekam ein Bett im Schlafsaal der Schüler.
Ehrerbietig und mit betrübtem Gesicht nahm er Abschied von seinem
wegreitenden Vater, stand und blickte ihm nach, bis er zwischen Kornhaus
und Mühle durch das enge Bogentor des äußeren Klosterhofes verschwand.
Eine Träne hing ihm an der langen blonden Wimper, als er sich umwandte;
da empfing ihn schon der Pförtner mit einem liebkosenden Schlag auf die
Schulter.
„Junges Herrchen“, sagte er tröstend, „du mußt nicht traurig sein. Die
meisten haben im Anfang ein klein wenig Heimweh, nach Vater, Mutter und
Geschwistern. Aber du wirst schnell sehen: es läßt sich auch hier leben,
und gar nicht übel.“
„Danke, Bruder Pförtner“, sagte der Junge. „Ich habe keine Geschwister
und keine Mutter, ich habe bloß den Vater.“
„Dafür findest du hier Kameraden und Gelehrsamkeit und Musik und neue
Spiele, die du noch nicht kennst, und dies und jenes, du wirst schon
sehen. Und wenn du einen brauchst, der es gut mit dir meint, dann komm
nur zu mir.“
Goldmund lächelte ihn an. „Oh, ich danke Euch sehr. Und wenn Ihr mir
eine Freude machen wollet, dann zeigt mir bitte bald, wo unser Rößlein
steht, das mein Vater hiergelassen hat. Ich möchte es begrüßen und
sehen, ob es ihm auch gut gehe.“
Der Pförtner nahm ihn sogleich mit und führte ihn in den Pferdestall
beim Kornhaus. Da roch es in lauer Dämmerung scharf nach Pferden, nach
Mist und nach Gerste, und in einem der Stände fand Goldmund das braune
Pferd stehen, das ihn hierhergetragen hatte. Er legte dem Tier, das ihn
schon erkannt hatte und ihm den Kopf lang entgegenstreckte, beide Hände
um den Hals, legte ihm die Wange an die breite weißgefleckte Stirn,
streichelte es zärtlich und flüsterte ihm Worte ins Ohr: „Grüß dich
Gott, Bleß, mein Tierchen, mein Braver, geht es dir gut? Hast du mich
noch lieb? Hast du auch zu fressen? Denkst du auch noch an daheim?
Bleßchen, Rößchen, lieber Kerl, wie gut, daß du dageblieben bist, ich
will oft zu dir kommen und nach dir sehen.“ Er zog aus dem Ärmelumschlag
ein Stück Frühstücksbrot, das er beiseitegebracht hatte, und gab es in
kleinen Brocken dem Tier zu fressen. Dann nahm er Abschied, folgte dem
Pförtner über den Hof, der breit wie der Marktplatz einer großen Stadt
und zum Teil mit Linden bewachsen war. Am innern Eingang dankte er dem
Pförtner und gab ihm die Hand, dann merkte er, daß er den Weg zu seinem
Schulsaal nicht mehr wisse, der ihm gestern gezeigt worden war, lachte
ein wenig und wurde rot, bat den Pförtner, ihn zu führen, und der tat es
gerne. Dann trat er in den Schulsaal, wo ein Dutzend Knaben und
Jünglinge auf den Bänken saßen, und der Lehrgehilfe Narziß wendete sich
um.
„Ich bin Goldmund“, sagte er, „der neue Schüler.“
Narziß grüßte kurz, ohne Lächeln, wies ihm einen Platz in der hintern
Bank an und fuhr sofort in seinem Unterricht fort.
Goldmund setzte sich. Er war erstaunt darüber, einen so jungen Lehrer zu
finden, kaum einige Jahre älter als er selbst, und war erstaunt und tief
erfreut darüber, diesen jungen Lehrer so schön, so vornehm, so ernst,
dabei so gewinnend und liebenswert zu finden. Der Pförtner war nett mit
ihm gewesen, der Abt war ihm so freundlich begegnet, drüben im Stall
stand Bleß und war ein Stück Heimat, und nun war da dieser erstaunlich
junge Lehrer, ernst wie ein Gelehrter und fein wie ein Prinz, und mit
dieser beherrschten, kühlen, sachlichen, zwingenden Stimme! Dankbar
hörte er zu, ohne doch gleich zu verstehen, von was da die Rede sei. Ihm
wurde wohl. Er war zu guten, zu liebenswerten Menschen gekommen, und er
war bereit, sie zu lieben und um ihre Freundschaft zu werben. Am Morgen
im Bett, nach dem Erwachen, hatte er sich beklommen gefühlt, und müde
von der langen Reise war er auch noch, und beim Abschied von seinem
Vater hatte er etwas weinen müssen. Aber jetzt war es gut, er war
zufrieden. Lange und immer wieder sah er den jungen Lehrer an, freute
sich an seiner straffen schlanken Gestalt, seinem kühl blitzenden Auge,
seinen straffen, klar und fest die Silben formenden Lippen, an seiner
beschwingten, unermüdlichen Stimme.
Aber als die Unterrichtsstunde zu Ende war und die Schüler sich lärmend
erhoben, schrak Goldmund auf und merkte etwas beschämt, daß er eine
ganze Weile geschlafen hatte. Und nicht er allein merkte es, auch seine
Banknachbarn hatten es gesehen und flüsternd weitergemeldet. Kaum hatte
der junge Lehrer den Saal verlassen, da zupften und stießen die
Kameraden Goldmund von allen Seiten.
„Ausgeschlafen?“ fragte einer und grinste.
„Feiner Schüler!“ höhnte einer. „Aus dem wird ein schönes Kirchenlicht
werden. Dachst gleich in der ersten Stunde ein!“
„Bringt ihn zu Bett, den Kleinen“, schlug einer vor, und sie griffen ihn
an Armen und Beinen, um ihn unter Gelächter wegzutragen.
So aufgeschreckt wurde Goldmund zornig; er schlug um sich, suchte sich
zu befreien, bekam Püffe und wurde schließlich fallen gelassen, während
einer ihn noch an einem Fuße festhielt. Von diesem trat er sich
gewaltsam los, warf sich auf den ersten besten, der sich stellte, und
war alsbald mit ihm in einen heftigen Kampf verwickelt. Sein Gegner war
ein starker Kerl, und alle sahen dem Zweikampf mit Begierde zu. Als
Goldmund nicht unterlag und dem Starken einige gute Fausthiebe
beibrachte, hatte er schon Freunde unter den Kameraden, noch ehe er
einen von ihnen mit Namen kannte. Plötzlich aber stoben alle in größter
Hast davon, und kaum waren sie weg, so trat der Pater Martin herein, der
Schulvorsteher, und stand dem allein zurückgebliebenen Knaben gegenüber.
Verwundert sah er den Knaben an, dessen blaue Augen verlegen aus dem
hochgeröteten und etwas zerschlagenen Gesicht blickten.
„Ja, was ist denn mit dir?“ fragte er. „Du bist doch Goldmund, nicht?
Haben sie dir denn etwas getan, die Lotterbuben?“
„O nein“, sagte der Knabe, „ich bin mit ihm fertig geworden.“
„Mit wem denn?“
„Ich weiß nicht. Ich kenne noch keinen. Einer hat mit mir gekämpft.“
„So? Hat er angefangen?“
„Ich weiß nicht. Nein, ich glaube, ich habe selber angefangen. Sie haben
mich gehänselt, da wurde ich böse.“
„Nun, du fängst ja gut an, mein Junge. Also merke dir: Wenn du noch
einmal hier im Schulzimmer Prügeleien auskämpfst, gibt es Strafe. Und
jetzt mache, daß du zum Vesperbrot kommst, vorwärts!“
Lächelnd sah er Goldmund nach, wie er beschämt davonlief und unterwegs
das zerzauste hellblonde Haar mit den Fingern zu strählen bemüht war.
Goldmund war selbst der Meinung, seine erste Tat in diesem Klosterleben
sei recht unartig und töricht gewesen; ziemlich zerknirscht suchte und
fand er seine Schulkameraden beim Vesperbrot. Aber er wurde mit Achtung
und Freundlichkeit empfangen, er versöhnte sich ritterlich mit seinem
Feinde und fühlte sich von Stund an wohl aufgenommen in diesem Kreise.