=Quatsch= -- Sammelbegriff, unter den der Familienvater den Rummel

einer festereichen Saison zusammenfaßt. Und wenn man gerecht sein

will, kann man nicht bestreiten, daß hier wieder einmal der grade

Bauernverstand das Richtige getroffen hat.

=Quelle= -- eine Stelle der Erdoberfläche, wo Wasser zutage tritt.

Ist das Wasser für die Umwohner ungenießbar, weil es warm ist oder

salzig und sauer schmeckt, so baut man neben die Quelle ein Kurhotel

und lädt die Menschheit zum Besuch ein.

=R= -- der siebzehnte, oder, wenn man genauer zählt, der

achtzehnte Buchstabe des Alphabets. In Norddeutschland ist R ein

Kehllaut, sonst ein Gaumenlaut. Das sogenannte dramatische R (R^3)

besteht aus einem Trommelwirbel, den die Zunge gegen die Vorderzähne

ausübt.

=Referendar=, der -- wird durch alkoholische Genußmittel, die man

ihm tief unter dem Einkaufspreis anbietet, physisch betäubt; hierauf

bittet man ihn auf nächsten Sonntag zu einem Löffel Suppe, um ihm unsre

Klara in stiller Häuslichkeit zu zeigen. Der gemütlose Familienvater

legt auf das Ausbleiben des Gastes Wetten 1:100, läßt es aber in

Erwartung eines gutbürgerlichen Mittagtisches auf den Versuch ankommen.

=Reformkleid= -- graziöse Verpackung von Frauen, die nicht über

140 Pfund in den Hüften wiegen. Das erste Reformkleid trug die Eiserne

Jungfrau von Nürnberg, und schon damals richtete sich die Spitze gegen

den Mann.

=Regenmantel= -- Hülle des Weibes zum Schutz gegen Atmosphärilien;

ist andern zweckähnlichen Apparaten vorzuziehen, da der Regenmantel

einerseits die Kleidung ausreichend schützt, andrerseits

entgegenkommenden Kavalieren dennoch Gelegenheit bietet, sich durch

Darleihung eines Schirms gefällig zu erweisen. -- Regenmäntel sind

wasserdicht, das heißt: sie lassen Wasser, das einmal eingedrungen ist,

nicht wieder heraus.

=Rendezvous= -- Ort, wo zwei oder mehrere zusammenkommen wollen;

sinds bloß zwei, dann ists eine Liebesaffäre, sinds mehr, dann ists

eine Treibjagd. Siehe: Kino!

=Resi= -- die Köchin. Namenstag 15. Oktober. Man muß ihr, gelinde

gesagt, Glyzerinseife schenken.

=Réunion=, die -- findet mit der Regelmäßigkeit

planetarischer Ereignisse jeden Montag abend im Verein statt.

Nicht hingehen ist gleichbedeutend mit einer Obstruktion gegen den

Vorsitzenden. Ein bacchantisches Vergnügen ist die Réunion ja

nicht, aber man findet doch immer ein paar geistvolle Menschen dort --

die Anwesenden natürlich ausgenommen. Nach einigem Zögern und Gähnen

kommt durch geschicktes Eingreifen der Komiteedame irgend was zustande,

was wie ein Arrangement der großen Welt aussieht. Die Ehemänner

benutzen diesen Augenblick, einem ihre Frauen anzuhängen, und begeben

sich ins Nebenzimmer, um Whistlinge zu werden.

=Rock=, der -- vormals erste sichtbare Bekleidung der Frau von der

Körpermitte abwärts; z. Z. im Absterben; das Absterben begann im Süden

und schreitet bedrohlich nach Norden vor; auf Kostümbällen ist der

Rock jetzt kaum mehr durch kümmerliche Reste angedeutet.

=Rose= -- (~Rosa centifolia~, ~Linné~), Blume mit

herrlichem Duft, deutlicher Sprache und geringem Anschaffungspreis.

Wenn es also durchaus nicht anders geht, schenke man Rosen.

=Saison=, die -- Erntezeit des Kurortes. Unter fröhlichen Sängen

werden da die Fremden von den Einheimischen gekeltert und gerebelt.

Der Saisonbeginn richtet sich nach dem Klima -- im Salzkammergut, zum

Beispiel, fällt er mit dem Anfang der Regenperiode zusammen. Eine kluge

Einrichtung, weil sich die Einheimischen dann zu schönerer Zeit, von

Fremden ungestört, ihrer Erholung widmen können.

=Schadchen= -- der Mann, an den man sich schließlich doch wenden

muß.

=Schmuck= -- Erzeugnisse aus goldähnlichem Metall und täuschend

nachgeahmten Edelsteinen.

=Schnurrbart= -- herrliche Manneszier, die ihre Farbe vom

grauesten Grau bis zum grünlichen Schwarz oft in überraschend kurzer

Zeit wechselt. Wenn die Wandlung vollzogen ist, färbt der Schnurrbart

bei inniger Annäherung an eine fremde Kiefermuskulatur ab.

=Strand= -- sandiger Abschluß von Badeorten gegen das Meer zu. Das

angrenzende Gewässer gibt Gelegenheit zu Fußwaschungen.

=Takelage= -- kostspielige Aufmachung, besteht beim Familienvater

aus einem chemisch geputzten Frack und zwei Talmibrustknöpfen. Der

seelischen Auftakelung der Tochter sind Jahre einer systematischen

Erziehung geweiht -- leider vergebens: sie ist und bleibt eine

Schneegans, die es nie zu etwas bringen wird.

=Taktik= -- die Wissenschaft vom Bestehen feindlicher Affären mit

heiler Haut. Taktik nennt man auch die Grundsätze des Verfahrens eines

Versuches, die Tochter endlich an den Mann zu bringen. Ist es auch

Wahnsinn, hat es doch Methode.

=Tee= -- wässeriger Auszug aus einer asiatischen Heusorte. Durch

Beimengungen von Alkohol gelingt es, den mongolischen Geschmack

dem europäischen Gaumen anzupassen. Die auf diese Weise gewonnene

Flüssigkeit wird dann in Opferschalen umhergetragen. -- Figürlich

bedeutet Tee auch die Gelegenheit, wobei die Flüssigkeit dieses Namens

serviert wird. Bekannt sind der ~Five o’clock tea~ und der ~Thé

dansant~. Während man, wenn man zu einem Löffel Suppe gebeten wird,

immerhin auf sieben bis acht Gänge und einige Spirituosen rechnen

kann, während selbst die Einladung zu einem einfachen Butterbrot kühle

Gänsebrüste und laues Bier in Aussicht stellt: ein ~Thé dansant~,

o Jüngling, ist keine Redeblume, sondern grausame Wahrheit und bedeutet

heißes Wasser mit viel Klavier. Darum sei sparsam mit der reinen Wäsche.

=Toaste= -- Trinksprüche, die zu Beginn eines geselligen Abends

auf anwesende Höhere von den Nächsthöhern ausgebracht und fast bis zum

Schluß lautlos angehört werden. Im weitern Verlauf des Abends werden

Toaste auch oft von mehrern Rednern gleichzeitig gesprochen.

=Übelkeit= -- Störung des körperlichen Wohlbefindens, befällt den

Dämlack (siehe diesen!) unausbleiblich nach dem dritten Sektglas. Wenn

hingegen Mama eine Übelkeit vortäuscht, so weiß sie sehr wohl, warum --

und man nennt das dann: momentane Indisposition.

=Übermensch= -- ein durch fehlerhaftes Nachlassen mehrerer

Schrauben des Gehirns entstehender Typus. Es gibt auch Übermenschen in

Unterröcken.

=Uhr= -- zur schnellen Beschaffung von kleinen Kapitalien

geeigneter Zeitmesser, der manchmal auch geht. Goldne Exemplare geraten

bald, nachdem der Jüngling sie geschenkweise erworben hat, rettungslos

in Verlust, während andre, aus weniger edelm Material gefertigte Uhren

dank der Zähigkeit des Mantelmetalls oft Jahrzehnte überdauern.

=Unverheiratet= -- Euphemismus für ‚ledig‘.

=Urlaub= -- ein Laub, das selten, kurz und immer nur im Sommer

grünt.

=Verdauung= -- innerliche Verarbeitung von Nahrungsmitteln zum

Zweck der Aufnahme in das Blut. In übertragenem Sinn: das Hinwegkommen

über die Eigenschaften der Zeitgenossen. Der Verdauung dient der

sogenannte Verdauungsapparat, zu dessen Reparatur umfangreiche

Werkstätten bestehen. Abgerissene Hosenknöpfe und eine schlechte

Verdauung geben direkten Anlaß zur

=Verlobung= -- der plötzlichen Überleitung einer Liebschaft in

reguläres Fahrwasser. Die Verlobung kann geschehen ~a~) zum Zweck

einer nachfolgenden Ehe oder ~b~) (häufiger) behufs einer spätern

Entlobung. Jedenfalls bietet die Verlobung ein kurzes, durch Ausflüge

und Abendmähler ausgefülltes Übergangsstadium, dessen ohnehin labiles

Gleichgewicht nicht durch übertriebene Intimitäten gestört werden

sollte.

=Volontär= -- ein Mann, der es eigentlich nicht nötig hat und sich

dementsprechend benimmt.

=W., die drei= (Frauen, Sekt und Tiergartenviertel) -- der Stoff

für den modernen Berliner Roman.

=Waisenkind= -- dasjenige, wofür.

=Walzer= -- Rotation zweier verschlungener Menschenkinder um eine

ideale Vertikalachse -- nach dem Takt einer vom Komponisten irgendwo

entlehnten Weise. (Siehe: Mtata!)

=Wanze=, die -- Ehrenmitglied der Hotelfauna, Insekt mit je

sechzehn Schneidezähnen in Ober- und Unterkiefer. Männliche Wanzen

haben überdies Hauer. Das Jahr über schlummern die Wanzen, von den

Einheimischen wenig beachtet, in ihren Lagern; zu Beginn des Sommers

leben sie auf, wetzen die Rüssel und stürzen sich auf die Gäste. Das

Necken der Tiere ist verboten.

=Watschen= -- volkstümliche Bezeichnung für heftige

Meinungsäußerungen, die, insbesondre wenn sie in einen Dialog ausarten,

von rechtlichen Folgen begleitet sein können.

=Weißwürscht= -- mit Vegetabilien und angeblich auch

zerkleinertem Kalbfleisch gefüllte bleiche Rotationsellipsoide, die in

Bayern am Schluß von Faschingsabenden gierig verzehrt werden.

=Xang= -- eine von ältern weiblichen Vereinsmitgliedern

verursachte Luftvibration, die sich sphärisch fortpflanzt und

glücklicherweis in quadratischem Verhältnis mit der Entfernung von der

Schallquelle an Intensität verliert. Man entschuldige sich vorweg mit

einer Abhaltung und komme erst gegen eins, wenn der Xang vorbei ist.

Gleichwohl soll uns auch dann nichts hindern, Dankbarkeit zu heucheln,

wenn wir im Verlauf des Abends mit der Sängerin zusammenstoßen. Kluge

Jünglinge, die in diese Notlage geraten, ohne die leiseste Ahnung vom

Programm zu haben, vermeiden tunlichst ein Eingehen aus Details, tipen

aber im äußersten Fall auf Brahms.

=Xellschaft= (~la société~) -- die obern Zehntausend,

insbesondre deren unterer Rand -- die Gesamtheit jener Personen, mit

denen man, ohne sich zu kompromittieren, öffentlich verkehren kann. Da

die Wärme alles ausdehnt, sind die Grenzen des Xellschaftskreises im

Sommer etwas weiter als im Winter gezogen.

=Yankee= -- der Mann, dessen Schwein über alle Grenzen geht,

Bewohner des Landes der begrenzten Unmöglichkeiten. Vorsicht!

Gewöhnlich entpuppt sich der Yankee als Schlawiner.

=Ylang-Ylang= -- Ausstrahlung der Patronessen-Estrade.

=Zähne= -- Bewaffnung der menschlichen Kiefer zum Zweck einer

deutlichen Aussprache. Fachleute unterscheiden Gaumenplattenzähne,

Brücken- und Stiftzähne. Es gibt auch Zähne, die von Natur gewachsen

sind, doch sind sie nie so schön und regelmäßig wie die künstlichen.

=Zahlen=, schweigen und nächstes Jahr verständig daheimbleiben

-- Resumé des klug gewordnen Familienoberhauptes am Schluß der

Saison.

=Zylinder= -- aus Hasenhäuten erzeugte röhrenförmige Kopfbedeckung

mit eirunder Basis. Der Zylinder ist das Ende militärischer Karrieren

und dieses Lexikons.

Todesfall

Es wallt, es wallt die Gasse --

Musike schnedrengdeng;

Begräbnis erster Klasse,

Chopin.

Der Domvikar bekreuzt sich --

Der tote Mann war groß.

Die Witwe weint und schneuzt sich

Fast mühelos.

Als sie den Toten senken

Ins düstre Grabesrohr,

Tritt ein befracktes Mänken

Vor.

Ein Präsident. Er hält ’n

Begräbnisschwefel stramm:

Was, ach, die beiden Welten

Verloren ham.

Viel wunderschöne Kränze:

Vom Türingerverein,

Von Seiner Exzellenze,

Von Doktor Klein,

Vom Gärtnerplatztheater,

Vom Magistrat der Stadt,

Vom Dichterstammtisch ‚Kater‘

(Siehe Abendblatt!),

Von Seiten der Famili,

Von Franz v. Stuck,

„Von der unvergeßlichen Tili“ --

(Ei -- ei, guck -- guck!)

Der Redner aber predigt

So rührend wie er kann:

Der Dichter ist erledigt --

Nun kommt der Mensch daran.

„Ein Wort noch vom Verluste,

Der unser Schrifttum traf.“

Fehlts endlich dir an Puste,

Du Schaf?

Gerührt sind Damen und Knoten

Vom tristen Fall. --

Heut spricht man nur vom Toten.

Und vom Juristenball.

~Von Roda Roda sind erschienen~

~bei Rösl & Cie. in München:~

Irrfahrten eines Humoristen 10. Tausend

Die Streiche des Junkers Marius. Ein Buch

für Backfische. 17. Aufl.

500 Schwänke Erscheint 1922 in neuer, 19. Auflage

~bei Eysler & Co. in Berlin:~

Der Schnaps, der Rauchtabak und die verfluchte Liebe 34. Aufl.

Ihre Gnaden und die Bäuerinnen (Adlige Geschichten) 16. Aufl.

Schummler, Bummler, Rossetummler 20. Auflage

Der Pascha lacht, Morgenländische Schwänke 20. Auflage

Eines Esels Kinnbacken (Schwefel über Gomorrha) 18. Auflage

Die Kummerziege 4. Tausend

Der Ehegarten 3. Auflage

Der Feldherrnhügel, Schnurre von Roda Roda und

Karl Rößler 17. Auflage

Der Sanitätsrat, Komödie von Roda Roda und

Gustav Meyrink 2. Tausend

Bubi, Lustspiel von Roda Roda u. Gustav Meyrink 2. Tausend

Die Sklavin a. Rhodus, Lustspiel nach dem Eunuchus

des Terenz, von Roda Roda und Gustav Meyrink,

Musik von Eugen d’Albert; Ausstattung von

Olaf Gulbransson 2. Tausend

Die Staatsgewalten. Drei lustige Akte 2. Tausend

So jung und schon 40. Tausend

Die verfolgte Unschuld 68. Tausend

~im Rikola-Verlag zu Wien:~

Von Bienen, Drohnen und Baronen 27. Auflage

Die sieben Leidenschaften 5. Tausend

Das Rosenland, Bulgarische Gestalter und Gestalten.

Mit 23 Bildnissen 4. Tausend

~bei der Ullstein A. G. Berlin~

Serbisches Tagebuch 50. Tausend

Frau Tarnotzis feinster Coup 20. Tausend

~bei Philipp Reclam jun. in Leipzig:~

Die Uhr, ein Spiel von Gustav Meyrink und Roda Roda 3. Aufl.

Druck von E. Haberland in Leipzig.

Schwabylon, oder Der sturmfreie Junggeselle · 第 15 / 15 段