Schackgalerie ab.
Dann fragte ich sie, wie es ihr gefallen hätte.
„Großartig, lieber Neffe, großartig. In ganz Ingolstadt weiß ich keine
drei Familien, die solche Bilder haben.“
Das Auge.
Unsre Gouvernante, die Gans, hat sich irgendeinmal das linke Auge
operieren lassen -- von einem Prinzen -- das erzählt sie uns schon
sieben Jahre.
Unlängst fings am rechten Auge an. Wir brachten sie zu Professor
Uhthoff.
Nach zwei Wochen kam sie zurück.
„Na, Fräulein, ist das rechte Auge wieder gut?“
„Ja. Aber so gut wie das andre doch nicht.“
Eine Leseprobe ergab grade das Gegenteil. Sie mußte es zugeben.
„Gott, ja,“ sagte sie, „ich sehe mit dem rechten Aug besser; aber mit
dem Aug Seiner Hoheit seh ich viel feiner.“
Die Natur.
Ich ging mit Frau Kulicke spazieren -- im Wald bei Feldafing.
„Ja,“ sagte Frau Kulicke, „es ist hier janz anders als bei uns in der
Mark. De janze Vejetationg viel südlicher, allens so scheen un üppig.“
Da kam ein Grünspecht geflogen.
Frau Kulicke -- überrascht:
„Wat? Ooch Papageien?“
Im Hofbräu.
Ich esse... Was? Natürlich eine Kalbshaxe.
Mein Nachbar, ein Eingeborner, sieht mir zu -- nicht mit Interesse,
nein, mit Inbrunst.
Plötzlich ruft er bös:
„Sö! Warum schneiden S’ denn ’s Fette weg -- han???!“
„Weil ich,“ erwidere ich kleinlaut, „das Fette später mit Salz und
Pfeffer auf Brot essen will.“
„Na,“ sagt mein Nachbar versöhnt, „na is mir scho recht.“
Roda Rodas
Kondensationslexikon
1. Band
Aa-Zz
ohne in den Text eingedruckte zahlreiche Illustrationen, ohne 3712
Farbendrucktafeln, Autotypien und Photogravüren.
Vorwort
Tritt der Jüngling zum erstenmal in die Welt ein -- Winters in der
Stadt oder Sommers auf dem Lande -- da sieht er sich einem Trubel
von Ereignissen gegenüber, die er unmöglich verstehen kann, wenn ihm
nicht ein verläßlicher Berater zur Seite steht. Ein solcher Berater
soll das vorliegende Lexikon werden. Es bringt in gedrängter Kürze
alles, was der Jüngling in dem unhandlichen, in Gesellschaften nicht
leicht mitführbaren sechzehnbändigen Brockhaus vergebens sucht --
enthält alles, was man wissen muß, und noch einiges darüber: einen
spirituösen Auszug aus den Kulturbestrebungen Europas; den Abschaum der
Weltgeschichte, seit Eva das erste ~fig-gown~ anlegte und Jakob
seinem Josef ein Röcklein anmessen ließ, ganz wie neu; die technischen
Errungenschaften, auch wenn sie uns das Leben noch so sehr vergällen;
endlich die letzten Harlekinaden der Wissenschaft.
Der geringe Anschaffungspreis, die gediegene Ausstattung machen
Roda Rodas Kondensationslexikon vollends zu einem unentbehrlichen
Hausschatz der Familie.
Der Herausgeber kann nicht umhin, an dieser Stelle seinen Mitarbeitern
gebührenden Dank zu sagen. Insbesondere waren das: für Botanik -- Herr
Sergeant Seif des Regiments Jäger zu Pferde; Ethik -- Herr Albert
Knetsche, Reisender in Herrensocken, Firma Ignatz Jerusalem & Sohn;
Volkswirtschaft -- Fräulein Ännchen Schnäbelein, Kindergärtnerin
zweiter Klasse, bei Frau Schlächtermeister Rille, Knieritz bei Saabe,
Kreis Thorn. -- Heißer Dank gebührt auch dem Magistrat der Stadt
München, der mich durch Darleihung eines Fahrplans der Elektrischen
Straßenbahnen werktätig unterstützt hat.
=A= -- von vorn der erste, von hinten gerechnet der letzte
Buchstabe des Alphabets, kann in Verbindung mit andern Verschiedenes
bedeuten. In der Musik ist schon das eingestrichene a ein sehr hoher
Ton; wer ihn nicht singen kann, sollte sich garnicht erst darauf
einlassen.
=Abend= -- unregelmäßig wiederkehrende Unterhaltungsgelegenheit,
beginnt zehn Uhr nachts und endet, je nach Stimmung und
Verpflegsvorräten, zwischen drei und elf Uhr morgens. Manchmal fallen
zwei Abende auf einen Tag, das wirkt dann sehr abspannend. Über acht
bis zehn Abende in der Woche sollte der Jüngling nicht hinausgehen. --
Der Abend gibt der Frau Gelegenheit, die
=Abendtoilette= anzulegen -- eine Kleidung, die den Zweck hat, gewisse,
durch Konvention bestimmte Körperteile unbedeckt zu lassen. Viel Takt
und einige Erfahrung erfordert die Festsetzung der obern Grenzlinie
einer Abendtoilette; ein Zoll zu hoch ist protestantisch, ein Zoll zu
tief veranlaßt Pistolenforderungen.
=Armut= -- der Mangel am Notwendigsten, Urvorwand der
Wohltätigkeitsfeste. Eine Abart, die verschämte Armut, bringt in der
Hand raffinierter Wohltäterinnen wahre Wunderwerke an Erpressungen
zustande. Mit Recht hat ein berühmter Physiker sie den Voltagürtel des
Vereinswesens genannt, da sie selbst das abgestumpfteste Mitleid zur
Regsamkeit aufstachelt.
=Arzt= -- der Mann, der einen nach eingehender Betrachtung eines
Probefläschchens mit ernster Miene ins Bad schickt.
=Bad= -- der Ort, wo man sie im Sommer kennen lernt, Sitz des
=Badearztes= -- eines schönen Mannes mit Fußsackbart, der auf die
Heilkraft seiner Quelle schwört und die Namen aller übrigen Kurorte
und Quellen nur mit Abscheu in den Mund nimmt. Er verordnet das
Wasser sowohl äußerlich wie innerlich -- äußerlich gegen Gicht, Ruhr,
Pest, Halsschmerzen, Brechreiz, Knochenfraß und Fettsucht; innerlich
gegen alles übrige. Was immer einem fehlen mag, und wärs auch nur ein
Tennispartner -- der Badearzt verordnet einem Brunnen. Die männlichen
Kurgäste belästigt der Badearzt gern mit Speiseverboten. Durch sein
einnehmendes Wesen erübrigt er im Sommer so viel, daß er die Zeit vom
ersten Frost bis zum ersten Hitzschlag in den unheizbaren Ländern
(~la Méditerranée~, siehe diese!) verbringen kann.
=Balz=, die -- zeremoniöser Flirt verschiedener wildlebender
Hühnerarten, wobei die Männchen eigentümliche Lockrufe hören lassen.
Beim Auer- und Birkwild im Vorfrühling; beim Menschen perennierend,
am heftigsten im Februar. Schwache Männchen werden von finanziell
begabtern Rivalen abgekämpft.
=Basare= (persisch s. v. w. Marktplätze) -- Sammlungen unnützer
Gegenstände, durch deren Verkauf weitreichende Handelsbeziehungen
zwischen den Geschlechtern herbeigeführt werden sollen. Nach der Tiefe
der Dekolletage des verkaufenden Teiles richtet sich der Preis der
Ware, wobei eine nachträgliche Anfechtung des Kaufvertrages aus dem
Grund einer ~laesio enormis~ ausgeschlossen ist. Um die Basare im
Äußern ihren morgenländischen Vorbildern anzunähern, umgibt man den
Marktplatz mit Palmen, unter denen sich die Paare ungestraft ergehen
dürfen. -- „Gnädigste, kennen Sie einen Satz mit ‚Hosenträger‘?“
=Boa= -- schlangenartiger Pelzstreifen, meist aus Federn, zum
Schutz des weiblichen Halses bestimmt. Richtig angewendet, läßt die
Boa den Hals frei, erwärmt aber den Beschauer. Beim Anhören von
Geständnissen spielt das Mädchen mit dem linken Ende der Boa, um
Nachdenklichkeit vorzutäuschen.
=Butterbrot= -- prismatisches Zerealienprodukt, das oben mit
einer ein bis drei Millimeter dicken Margarineschicht bedeckt ist --
dient in seiner edlern Gestalt, dem Sandwich, zur Abspeisung großer
Menschenmassen.
=~Cadaver~=, ~_eris_~, ~n.~, -- der Leichnam. Seine
Frischerhaltung kostet beiweitem mehr, als er wert ist. Sie geschieht
durch Waldluft und Soolbäder, in Reichenhall durch Latschendampf. Am
kostspieligsten sind die elektrischen Wiederbelebungsversuche, von
denen sich aber kein Arzt abhalten läßt, der Geld in derlei Apparate
gesteckt hat.
=Champagner= -- Rebenblut, das zum Wohl der Menschheit verströmt,
meist in Deutschland -- und nur selten in Luxemburg auf Flaschen
gefüllt. -- Der Kenner zieht Marken, die man bouteillenweis in soliden
Lokalen kaufen kann, weit vor und trinkt grundsätzlich nur aus Kelchen,
die von keinen, oder doch nicht von gesellschaftsfähigen weiblichen
Lippen berührt sind.
=~Cri~= -- der Schrei. ~Dernier cri~ -- die letzte Mode.
Beim Mann erregt sie nur Seufzen.
=Dackel= -- humoristische Hunderasse mit konkaven Beinen,
die Ureinwohner Münchens. Dackel, die unter Umgehung der
Polizeivorschriften in der Öffentlichkeit erscheinen, werden von
ihren Besitzern am besten verleugnet. Eine gefürchtete Spezies bilden
die Poetendackel; sie erhalten von ihren Herren Wohnung, Beheizung,
Beschuhung, sowie das Verpflegsgeld auf die Hand und beunruhigen dann
das Küchenpersonal verheirateter Bürger durch unausgesetztes Suchen
nach Nahrung.
=Dämlack= -- Jüngling vom Land, der, mit zwei ungewechselten
Zehnmarkscheinen versehen, im Saal auftaucht, Kellner mit
Komiteemitgliedern verwechselt, ewig nach der Herrentoilette sucht und
gegen Mitternacht unbefriedigt verschwindet.
=Decolleté= -- der Mangel an Bekleidung des weiblichen
Oberkörpers. (Siehe: Abendtoilette!) Das Decolleté pflegte
Jünglinge oft aus dem Tanzrhythmus zu stören; man verlegt es daher
jetzt praktischerweise auf den Rücken, wo es sich bis in gefährliche
Tiefen erstrecken kann.
=Diät= -- wissenschaftlich regulierter Hungertod. Durch eine gut
erfundene Diät kann der widerspenstigste Patient leicht und endgültig
der Alleinherrschaft des Arztes unterworfen werden. -- Diät ist nicht
zu verwechseln mit
=Diäten= -- die, besonders von der fünften Rangklasse aufwärts,
eher eine belebende Wirkung ausüben.
=Drücken=, sich -- Form des Abschiedes aus zwanglosen
Gesellschaften. Dem Dienstmädchen beim Öffnen des Tores drei Mark, ohne
Vertraulichkeiten.
=Ehe= -- niederste Organisationseinheit der Menschheit unter
einheitlichem, gewöhnlich weiblichem Kommando. Die Betroffenen heißen
ein Ehepaar. Wenn sie sich auf einem Tanzfest kennen gelernt haben,
kühlt sich ihr Eifer für derartige Veranstaltungen bald ab. Der Ehe
geht eine Vorbereitungsperiode voraus, die sogenannte Brautzeit; sie
läßt uns alle Freuden der Ehe genießen, erspart uns aber die störenden
Unannehmlichkeiten des Hausstandes. Kenner pflegen daher die Brautzeit
durchzumachen, ohne ihr eine Ehe folgen zu lassen. Oft schon nach
überraschend kurzer Zeit entwickelt sich aus dem Ehepaar eine Familie.
(Siehe diese!)
=Eingeborenen=, die -- ständige Insassen der Kurorte, haben je
ein Dutzend Kurgäste auf der Streu und leben von ihrer Milch und ihrem
Fett. Eingeborne baden nie.
=Eis= -- die glatte Oberfläche der öffentlichen Wintergewässer.
Da sich das Festland teils wegen seiner relativ geringen Ausdehnung,
teils wegen des Verkehrs, der sich darauf abspielt, nicht für jedes
Stelldichein eignet, verlegt man die Zusammenkünfte gern auf das
Eis. Muß sich der Jüngling schon wegen der allgemeinen Glätte der
großstädtischen Basis vor dem Ausgleiten hüten, so tut Vorsicht
hier doppelt not: jede Eisbahn hat einen versteckten, ins Land
einspringenden Winkel, den sogenannten Ehehafen.
=Embonpoint= (französisch, s. v. w. Vortrag) -- eine Beschwerde
gegen das Zuleichtnehmen des Lebens; führt mit der Zeit zum natürlichen
Tod, soweit von einem solchen bei ärztlicher Mitwirkung die Rede sein
kann.
=Familie=, die -- besteht in ihrer Vollendung aus ihm, ihr, zwei
Kindern, seiner Freundin, ihrem Freund und einer Kindergärtnerin. In
sparsamen Häusern kann seine Freundin mit der Kindergärtnerin identisch
sein, was eine gewisse Beständigkeit der Verhältnisse verbürgt.
=Feuilletonist= -- Parterreakrobat der Zeitungsschmiere. Durch
Vorschüsse kann er zu echt dichterischem Empfinden, ja, zum ~Furor
feuilletonicus~ aufgestachelt werden.
=Flüssigkeiten= -- Körper in tropfbarem Aggregatzustand,
unmittelbare Ursache des Sitzenbleibens in Gaststätten. In Mengen
genossen, bewirken sie bei Melancholikern eine Aussöhnung mit dem
Schicksal, bei heiter angelegten Naturen mehrfach abgestuftes
Wonnegefühl. Es gibt auch Flüssigkeiten ohne Alkoholgehalt; sie dienen
teils zum Waschen, teils zum Korrigieren von Schulaufgaben.
=Frassäh= -- (Lehnwort, siehe Quadrille!) Die Windmühle in der
vierten Tour wird jetzt meist durch Schlingern kompliziert. Damen, die
zur Seekrankheit neigen, reiche man kleine Gaben von Brechweinstein.
=Fremdenstrom=, der -- überschwemmt alljährlich befruchtend die
Alpentäler, ungefähr wie der Nil Ägypten überschwemmt. Das Quellgebiet
des Fremdenstroms breitet sich über das ganze nördliche und westliche
Europa aus, die stärksten Zuflüsse kommen von der Spree und Pleiße. Im
letzten Sommer zählte man eine Million Fremde -- alle, bis auf einen,
verfehlt gekleidet. Der Eine, der allgemein für einen Filmdarsteller
gehalten wurde, war ein Herzog.
=Freude= -- Gefühl, das einen beschleicht, wenn einem ein guter
Freund fünfzig Mark zurückgibt, die man ihm anno 1873 auf der Wiener
Weltausstellung geborgt hat. -- Im allgemeinen die Quittung der Seele
über den Empfang einer Gehaltaufbesserung; bei Volontären gebührenfrei.
=Galoschen= -- Bekleidungsstück des Dämlacks (siehe diesen!) bei
Beginn der zweiten Quadrille. -- Zuerst hat er sie zu Haus anzulegen
vergessen, dann in der Garderobe nicht abgestreift, zum Schluß läßt er
sie endgültig stehen.
=Glatze= -- siehe Kommerzienrat!
=Grobheit= -- Umgangsform des Staates mit dem Bürger; die
reziproke Anwendung ist strafbar.
=Grüaß Goott in Ischl!= -- familiäre Sommergrußformel auf der
Esplanade. Im Winter sagt man in ähnlichem Sinn: „Gut Jonteff!“
=Gürtel=, der -- äquatoriales Bekleidungsstück des Frauenkörpers.
Wenn die Länge des Gürtels ein Meter überschreitet, ist Marienbad
indiziert.
=Habitué= -- der Stammgast des Kurortes, belästigt einen
mit honorarfreien medizinischen Ratschlägen und Erzählungen aus der
ältern Geschichte des Kurorts. Großen Nutzen hingegen kann man aus
seinen Erfahrungen in Bierangelegenheiten schöpfen.
=Harpune= -- Lanze mit Widerhaken, womit sich Mütter vor dem
Besuch von Festen ausrüsten, um Referendare (siehe diese!) zu erlegen.
-- Walfischjäger versehen ihre Waffe mit einem Tau, das sich allmählich
abwickelt und die einmal ergatterte Beute für immer am Entkommen
hindert. Auf dem Land ist der Gebrauch ähnlicher Vorrichtungen
unstatthaft.
=Heirat= -- gesetzlich geregelter Vorgang zum Zweck der privaten
Herstellung warmer Nahrungsmittel. Über die durch Heirat hervorgerufene
dauernde Gemeinschaft: siehe Ehe!
=Horizont= -- kreisrunde Schnittlinie von Himmel und Erde.
Eine Abart, der politische Horizont, verfinstert sich, sooft große
Großkapitalisten in Hafer spekulieren. Für kleinere Großkapitalisten
erscheinen am Horizont nur dunkle Punkte.
=Hut= -- oberer Abschluß der Frau. Eine Zeit lang pflegte man
sich blumengefüllte Schubladen auf den Kopf zu setzen, jetzt wählt man
bescheidenere Dimensionen -- höchstens etwa moosbewachsene Mühlsteine.
Man begnüge sich aber mit Nachahmungen; echte Mühlsteine sind zu
gewichtig.
=Ideal= -- weibliche Huldgestalt im Alter von tausend Wochen bis
zu zehntausend Tagen. Wenn das Ideal aus des Vorgesetzten siebenter
Tochter besteht, ist es ohne weitres erlangbar. Schon nach überraschend
kurzer Zeit sieht man allerdings ein, daß man ein
=Idiot= gewesen ist -- ein Mensch, den seine kräftig entwickelten
Kauwerkzeuge nur schwer über den Mangel an Geistesgaben trösten.
=Illusion= -- prächtiges Wahngebilde, die Hoffnung auf eine
anständige Mitgift. Später stellt sich heraus, daß kaum die
Selbstkosten gedeckt sind.
=Jahr= -- ein 365, seltener 366 Tage währender Jammer, der sich
erneut, wenn er eben vorbeiging. In Ägypten gabs nur sieben magere
Jahre; die rastlos fortschreitende moderne Technik ist über diese
Einschränkung längst hinausgekommen. Wenn vierzig Jahre verflossen
sind, feiert man ein
=Jubiläum= -- schmeißt unter Begleitung von Reden einige Flaschen
Sekt und freut sich, daß sich die Hintermänner ärgern, weil man noch
nicht in den Ruhestand tritt.
=Journalist= -- ein Mann, der sich mit der Abfassung von
interessanten Indiskretionen beschäftigt. Sie werden alsbald amtlich
dementiert, ohne darum auch schon wahr sein zu müssen. -- Der
Journalist hat von Natur zwei Augen und zwei Ohren, um doppelt soviel
zu sehen und zu hören wie geschieht.
=Jury= -- Ansammlung von ältern Künstlern, die über die
Möglichkeit beraten, jüngere Mitstrebende niederzuhalten.
=Kapellmeister= -- ein Mann, der sich durch Komposition reizender
Blechmusik über die Sorge um ein sorgenfreies Alter wegzutäuschen sucht.
=Kino= -- Anstalt zur Projizierung von Sentimentalitäten auf die
Wand; wegen des verdunkelten Zuschauerraumes gefährlich.
=Klarinett= -- spektalöses Instrument, dem man bei
Tanzunterhaltungen vermittelst eines in der Richtung der Längenachse
durchgeblasenen Luftstromes süße Weisen entlockt.
=Klima= -- (griechisch, wörtlich: Neigung -- hat aber mit
dieser nicht das geringste zu tun) -- die öffentliche Temperatur in
Verbindung mit den jeweils drohenden Niederschlägen. Man spricht von
einem milden oder strengen Klima -- je nachdem, ob die Möpse zittern
oder nicht. Klimatische Kurorte zeichnen sich vor andern dadurch aus,
daß die Witterung immer zweifelhaft ist. Wenn das Barometer überhaupt
steigt, steigt es nur aus Gefälligkeit gegen die Wirte der umliegenden
Ausflugsorte. An besonders günstigen Tagen wird die Hitze wieder so
derartig, daß korpulente Badegäste eine ~haut gout~ annehmen.
=Künstler= -- ein Mann, der, wenn nicht auf der Saalbühne, doch
wenigstens auf dem Programm stehen muß. Man versucht ihn zunächst
durch Hinweis auf den erhabenen Zweck der Veranstaltung zur Mitwirkung
zu bewegen und verleiht ihm ausdrücklich das weiland herzoglich
nassauische Privilegium. Der Künstler pflegt nur unbestimmt zu
antworten. Hierauf sichert man ihm ein Honorar zu -- von dessen Höhe
wird der Gesundheitszustand des Künstlers am Tag des Festes abhängen.
=Kusine= -- junges, weibliches Wesen, dessen zarte Formen in
keinem Verhältnis zu dem Eindruck stehen, den sie auf uns machen.
Als Kusinen bezeichnet man fälschlich, besonders in größern Orten,
weibliche Wesen schlechtweg -- auch wenn sie mit dem Begleiter in
keinem -- oder doch in keinem verwandtschaftlichen -- Verhältnis stehen.
=Lady patroneß= -- Dame der höhern Alters- und
Gesellschaftsklasse. Sollte die Vergangenheit etwa zweifelhaft sein, so
ist sie ebenso dicht zu verschleiern wie die Schlüsselbeine. Reiches
Geschmeide, darunter eine Brillantrivière sind unerläßlich. Die
Lady patroneß wird eine Stunde nach der im Programm festgesetzten Zeit
durch zwei angesehene Mitbürger auf eine eigens dazu erbaute Estrade
gesetzt, worauf sie mit jedem Regierungsrat einige Bierminuten hindurch
medisiert und nach Ablauf einer angemessenen Frist unter huldvoll
oszillierenden Bewegungen des Kopfes verschwindet.
=Landwirtschaft= -- kostspielige Passion zahlreicher Mitbürger,
die in der Bestellung mehr oder weniger großer Stücke der Erdoberfläche
und in dem Einernten des darauf gedeihenden Unkrauts besteht. Das
Mißverhältnis zwischen den Kosten und dem Ertrag nennt man Bodenrente.
In dürren Jahren bietet eine erfolgreiche Hagelversicherung einige
Aussichten.
=Lausbub=, der -- ihr Bruder. Statt Gefallen an kindlichen Spielen
zu finden, läuft er immerzu hinterher und petzt, was er gesehen hat,
der Mutter. Man schenke dem Lausbuben eine Angelrute und meide dann die
Ufer der Gewässer.
=Liebe= -- aufregende Beziehung von ein bis zwei Männern zu einem
Weib -- führt oft zur Familiengründung mit allen damit verbundenen
Enttäuschungen. Unglückliche Liebe verdirbt den Teint. Die innige
Liebe, von unsern Voreltern auch reine Liebe genannt, grassierte zu
Werthers Zeiten, ist aber seit 1829 erloschen. -- Liebe steigert den
Nerven- und Toilettenverbrauch, ist daher unökonomisch.
=Maccaroni= -- Mannesmann-Röhren von Teig, Paradegericht für
plötzlich auftauchende Besucher.
=Mai= -- der Wonnemonat, hat 31, meist regnerische Tage -- der
letzte der drei Monate mit P und Schnupfen (Pärz, April, Pai).
=Malheur= (französisch, sprich: Pech) -- Unglück geringern Grades.
Pech ist es, wenn man das Taschentuch zu Haus vergißt. Malheur, wenn
man der Braut irrtümlich einen Mahnbrief schickt, den man selbst
tags vorher empfangen hat. Unglück, wenn ihr Papa Pleite macht, und
Verhängnis, wenn sich die Schwiegermutter daraufhin entschließt, ihren
Wohnsitz dauernd mit dem jungen Paar zu teilen.
=Mathematik= -- höhere Wissenschaft, die mit ihrem Gipfel hart
an die Theologie stößt und dann nurmehr an den Glauben ihrer Jünger
appelliert. Sie wirkt störend auf die Fröhlichkeit des studierenden
Nachwuchses und erscheint konzentriert in Gestalt von Tabellen; diese
unterscheiden sich von den Hilfslehrern dadurch, daß sie fünf bis zehn
Stellen haben.
=Modekupfer= -- Darstellung von langbeinigen Damen in Zinkätzung;
wirken auf Frauen nervenpeitschend und regen sie zu ungeheuern
Taten an. Die Modekupfer selbst blicken mit der sympathischen
Gleichgiltigkeit von Schafhirten auf das Unheil, das sie angerichtet
haben.
=Mtata -- mtata= -- Urmotiv der Ballmusik. Das Programm der
Ballmusik bildet eine Jahrhundertausstellung der Kompositionen von
Johann Strauß dem Ersten bis zu Richard Strauß dem Einzigen. Beliebt
sind Eduard und Oskar Strauß.
=N= -- was man hier nicht findet, suche man vergebens unter V.
=Nabob= -- der Traum der Mutter.
=Nachtigall= -- schluchzender Singvogel, nicht zu verwechseln
mit dem Afrikareisenden gleichen Namens. Die Nachtigall hält sich
im Gebüsch nächst den Rendezvous-Orten auf und gibt durch Piepen
unmittelbaren Anlaß zu Geständnissen.
=Naivität= -- der ursprüngliche Zustand des menschlichen Gemütes
-- seit Jahren nurmehr am heranwachsenden männlichen Geschlecht zu
beobachten; meist unheilbar.
=Nerven= -- reizbare Stränge, die bestimmt sind, dem Gehirn
Eindrücke von außen her zu übermitteln. Die meisten Nebenmenschen
machen einen
=Nervös= -- eine Eigenschaft, die sich in einem krankhaft
gesteigerten Empfindungsleben austobt, in ihrer weitern Folge zur
Kriegspsychose im Kampf ums Dasein führt.
=Oha= (bayerisch) -- s. v. w. „Verzeihung!“
=Offizier= -- der Traum der Tochter; wenn sie nicht den dauernden
Besitz zur unumgänglichen Bedingung macht, ist der Traum ziemlich
leicht zu verwirklichen.
=One-step= (spr. Wannschtepp) -- der Tanz. Man kann Polka, Tango,
Hohenfriedbergermarsch, Sonaten und Kantaten -- man kann alles als
One-step tanzen und tut es auch. Ein deutscher Name für den One-step
fehlt. Die vulgäre Bezeichnung ‚Nabelpolierer‘ mag bildhaft sein -- vom
Standpunkt der Sprachreinheit befriedigt sie nicht völlig.
=Perücke= -- Ersatz für ausgefallenes Haar, am unauffälligsten
anbringbar bei Veränderung des Aufenthaltsortes. (Daher der Name:
Übersiedlungslocke.) Auch Frauen und Männer vorgerückter Jahrgänge
können noch ein perückendes Äußere gewinnen.
=Picknick=, das -- Unterhaltungsgelegenheit, zu der Wein, Weib und
Gesang von jedem Teilnehmer selbst mitzubringen sind. Gewöhnlich stellt
sich heraus, daß alle, alle -- Sardinen, nur Sardinen beigesteuert
haben.
=Postkarten= -- dezente Erzeugnisse der vervielfältigenden
Künste, die auf Wohltätigkeitsbasaren von jungen Damen im Umherziehen
feilgeboten werden. Man hüte sich vor der Versuchung, die ganze
Kollektion anzukaufen und die Verkäuferin in einen Nebenraum zu locken;
die Erfahrung lehrt, daß man damit kaum jemals ein nennenswertes
Ergebnis erzielt.
=Pump= -- Verfahren zur Aufbesserung der eignen
Vermögensverhältnisse. Die darauf abzielende Tätigkeit, das Anpumpen,
richtet sich zunächst, jedoch ohne feindselige Absicht, gegen ältere
Familienmitglieder. Trotz wiederholten Mißerfolgen vermögen sich die
von dem häßlichen Laster Befallenen nicht mehr zu bezähmen und ähneln
darin den Morphinisten.
=Quadrat= -- die viereckigste unter den geometrischen Figuren,
Element des Wiener Kunstgewerbes. Erfinder des Quadrates ist Professor
Kolo Moser; er wurde von Pythagoras, dem Erfinder des Dreiecks,
angeregt. Hingegen ist die
=Quadratschnauze= berlinischen Ursprungs.
=Quadrille= -- heidnische Zeremonie der Ureinwohner Europas, oft
Vorläufer einer Verlobung. (Siehe diese!)