Nadja lächelt befriedigt. »Sie sind also nicht böse, Michail?«

Echtes Gefühl verleiht dem gedunsenen, roten Gesicht plötzliche Würde.

»Gott wird es Ihnen lohnen, mein Täubchen. Und ... falls Sie einen

Wunsch haben ...«

* * * * *

So blieb denn der kleine Ivan bei Nadja, schlief in einem weichen Bett, aß

sich täglich satt, erhielt von Nadjas Freunden die herrlichsten Spielzeuge

und wurde allmählich ein verwöhnter kleiner Herr.

Die ersten Wochen lastete das Erlebte noch schwer auf ihm. Er schrak

zusammen, wenn er laute Stimmen hörte, wollte nicht auf die Straße gehen,

fuhr des Nachts schreiend aus dem Schlaf. Auch um die Großmutter weinte

er, um die treue, nimmermüde Liebe, die seine Kindheit schützend umhüllt

hatte. Nadja war zu ihm gut und zärtlich, doch fand sie nie Zeit, sich

mit ihm zu beschäftigen. Das Kind verbrachte seine Tage einsam in dem

schönen, hellen Zimmer, das die Frau für den Knaben eingerichtet hatte.

Nach einigen Monaten war das Vergessen wie ein schwarzer Schleier auf

Ivans Denken gefallen. Er kannte kein anderes Leben, als die behagliche

Üppigkeit in dem schönen Hause; wußte nicht mehr, daß er gehungert und

gefroren hatte, daß ihm auf der Straße große böse Buben »grindiger

Judenbengel« nachgeschrien und ihn mit Steinen beworfen hatten.

In Nadjas duftendem, prunkendem Schlafzimmer hing in der einen Ecke ein

Muttergottesbild, vor dem Tag und Nacht ein rotes Lämplein brannte. Nadja

lehrte das Kind, sich vor dem Bild verneigen und ein Kreuz schlagen.

»Wer ist die Frau mit dem Kind?« fragte Ivan.

»Die Muttergottes.«

»Und wer ist die Muttergottes?«

Nadja lächelte verlegen: »Die Mutter des Heilands. Wenn Du brav und fromm

bist, wird sie Dich immer beschützen.«

»Beschützt sie Dich?«

»Sie wird sich meiner erbarmen.«

»Bist Du brav und fromm?«

Das schöne Gesicht drückte sich gegen den lockigen Kinderkopf und ward

dunkelrot. »Nein, mein kleiner Ivan; deshalb mußt Du, wenn Du vor der

Muttergottes das Kreuz schlägst, immer sagen: »Heilige Jungfrau, bete

für Nadja, die arme Sünderin.«

* * * * *

Zwei Jahre waren verflossen, Ivan zählte nun bereits sechs Jahre. Er war

zu einem schmächtigen Knaben mit blassem Gesicht und leuchtenden schwarzen

Augen herangewachsen. Die Zeit war ihm vergangen wie ein Traum. Zwei

herrliche Sommer in Peterhof, wo er am Meer spielen und baden durfte,

zwei Winter in der Stadt. Nun kam der dritte Frühling, den er mit Nadja

verlebte. Doch schien, er wußte nicht warum, nun plötzlich alles anders

zu werden. Die vielen Besuche, die lachend in den Salons saßen und

Champagner tranken, blieben aus; Nadja selbst, die sonst nie daheim war,

wenn es keine Gesellschaft gab, saß tagelang allein in ihrem Schlafzimmer,

lag müde und verdrossen auf dem Bett, starrte in den Spiegel und weinte

bisweilen, was Ivan stets sehr erschreckte. Sie hustete, war mager geworden

und wurde oft von jäher Ungeduld erfaßt, die auch den Knaben nicht

verschonte.

Einmal fand er sie vor dem Spiegel sitzend und ihre Wangen mit einer roten

Puderquaste betupfend. Die eine Wange war weiß, während die andere rosig

schimmerte. Dies deuchte dem Kinde äußerst drollig und es lachte. Da warf

Nadja die Puderquaste auf den Boden, vergrub das Gesicht in den Händen

und begann zu schluchzen. »Du siehst es auch schon, Du! ... Wie eine

alte Hexe sehe ich aus, Nikolai Tichonowitsch sagte gestern zu mir: »Sie

müssen sich erholen, Nadja.« Ich weiß, was das heißt. Keiner will mich

mehr. Und früher, auf den Knien haben sie vor mir gelegen, die Hunde! Und

Du lachst, herzloses Kind. Du wirst nicht lachen, wenn wir verhungern, in

einer Dachkammer verrecken.« Sie sprang auf, trat vor den Spiegel und riß

mit zitternden Händen den Schlafrock herunter. »Da, schau das an, diese

Knochen, diese eingefallenen Brüste. Aus ist es mit mir, aus. Wir können

betteln gehen. Und Du lachst!«

Das erschrockene Kind begann zu weinen; Nadja kniete sich neben es

hin. »Weine nicht, mein Täubchen, mein Seelchen. Ich werde Dich nicht

verlassen. Die Muttergottes wird mich gesund machen, und ich werde an

Michail Michailowitsch nach Nischni Nowgorod schreiben, der soll uns nach

dem Süden schicken. Und wenn ich dann zurückkomme, gesund und schön,

dann werde ich es den Hunden schon zeigen. Weine nicht, mein kleiner

Ivan.«

Der Brief ging ab, doch kam nicht die Antwort von Michail Michailowitschs

klobiger Hand geschrieben, eine feine spitze Frauenschrift teilte

»Fräulein Nadja Sklowski« mit, sie habe den ihr unverständlichen Brief

erhalten und glaube, es müsse sich um ein Mißverständnis handeln, ihr

verstorbener Gatte habe sich nie im Leben, bestimmt aber nicht seit seiner

Verehelichung, mit leichtfertigen Personen abgegeben.

Der Sommer kam, drückende, luftlose Hitze lag über der Stadt, die

Sonne brannte auf das Pflaster nieder, die Straßen wurden öder und

menschenleerer, Nadja weinte immer öfter, häufig kamen Männer, die

lange Bogen Papier vorlegten und etwas zu verlangen schienen, und dann

widerhallten die schönen Räume von groben Worten und Beschimpfungen. Ivan

flüchtete erschrocken in eine Ecke und kam erst wieder zum Vorschein, wenn

die Männer abgezogen waren.

Eines Tages begann Nadja zu packen. Ivan freute sich, als er inmitten des

Schlafzimmers den großen Koffer erblickte. »Gehen wir ans Meer?« fragte

er freudig.

Nadja lachte böse auf. »Ans Meer! Ja, ich habe einen Palast am Meer

gemietet; wir sind ja so vornehme Herrschaften. Weißt Du, wo wir hingehen?

Dorthin, woher wir beide kommen, in den Schmutz, in den Rinnstein.«

Und dann weinte sie wieder und hustete und warf Kleider und Wäsche und

Schuhe kunterbunt in den Koffer.

Ein schäbiger Einspänner brachte Nadja und den Knaben in ihr neues Heim.

Keiner der Diener, keines der Mädchen begleitete sie. In einer engen,

übelriechenden dunklen Gasse machte der Wagen Halt. Der Kutscher trug den

Koffer unzählige schmutzige Treppen hinauf und schob ihn in eine kleine

Stube, die er fast ausfüllte. Dann brummte er über das geringe Trinkgeld

und stampfte schwerfällig die Stufen hinab; der Klang seiner Schritte

hallte dumpf gegen die schwarzen Mauern.

Ivan sah sich im Zimmer um, ein Bett, ein Waschtisch, zwei Stühle und ein

kleiner wackeliger Tisch. An den schmierigen Wänden hatte die Feuchtigkeit

seltsame Muster gezeichnet, die Decke war rauchgeschwärzt. Die schwere

Luft roch nach Kohl und Spülwasser. Eine beklemmende Angst erfaßte den

Knaben, all dies hatte er schon einmal gesehen, doch gehörte zu diesem

Bilde noch etwas anderes. Warum glaubte er, gleich würde die Tür

aufgehen, böse Menschen würden eintreten, brüllen, fluchen, Drohungen

ausstoßen? Jählings fühlte er sich ganz klein, ganz verlassen. Er

schmiegte sich an die Frau, wollte bei ihr Schutz suchen. Nadja jedoch

stand reglos in der Mitte der Stube, die verkrampften Hände hingen schlaff

herab. Ihre Augen starrten vor sich hin, ein leises Keuchen drang aus ihrer

Kehle. Wie unheimlich war diese Stille, wenn sie doch sprechen wollte, nur

ein einziges Wort!

»Mütterchen,« er zupfte sie am Rock.

Sie schien es nicht zu bemerken, starrte mit geweiteten, verzweifelten

Augen die Wand an.

»Mütterchen, wo werde ich schlafen?«

Sie lachte heiser. »Ja, mein Prinzlein, wo wirst Du schlafen? Auf dem

Stuhl, auf dem Tisch, auf dem Boden vor meinem Bett?« Sie hustete heftig,

dann sich jäh einer anderen Stimmung hingebend. »Sei nicht traurig, Ivan,

es wird schon wieder besser werden. Und dann kaufen wir uns ein großes

Haus und leben schöner als zuvor.«

Sie trat an den Koffer, warf Kleider und Wäsche achtlos auf den

schmutzigen Boden und wühlte unter den Gegenständen etwas hervor. Es

war das Muttergottesbild. Sie fand einen Haken an der Wand, befestigte das

Bildnis und lachte plötzlich vergnügt wie ein Kind. »Es wird uns Glück

bringen, Ivan, ich fühle mich schon besser. Mach aber das Fenster auf,

hier ist es zum Ersticken.«

Sie schwankte, tastete sich an den Möbeln bis zum Bett und fiel bewußtlos

auf die rauhe, schmierige Decke.

Drittes Kapitel.

Der kleine Ivan ist ein geschicktes Kind, schier vermag er Nadja die Zofe

zu ersetzen. Er findet das richtige Kleid im Koffer -- einen Schrank gibt

es nicht im Zimmer --, versteht gar bald, die Haken zu schließen, die

feinen Haare zu bürsten und zu kämmen, wenn Nadja dazu allzu müde ist.

Auch hat er gelernt, Tee zu kochen, zum Bäcker zu laufen und allerlei

kleine Einkäufe zu besorgen.

Er hat das schöne Haus und sein geräumiges Zimmer ebenso rasch vergessen,

wie er damals das erste Heim seiner Kindheit vergessen hat, ist schier

glücklicher denn zuvor. Nadja ist den ganzen Tag daheim, liegt meist auf

dem Bett, plaudert mit ihm, erzählt ihm Geschichten aus der fernen Zeit,

als »ich noch ein kleines Mädchen war«. Wenn nur die Nächte nicht

wären, diese unheimlichen, einsamen Nächte. Am Abend kleidet sich Nadja

an, legt ihn zu Bett, und geht fort. Kaum ist der Knabe allein, so foltern

ihn unbegreifliche Ängste, Gespenster, die seinem Gedächtnis entsteigen.

Kracht nicht die Treppe? Tönen nicht dumpfe Schritte? Wer schleicht

vor der Tür umher? Gleich wird sie aufgehen, etwas Entsetzliches wird

geschehen. Leise wimmernd kriecht er unter die Decke und schließt

krampfhaft die Augen, bis endlich der Schlaf sich seiner erbarmt.

Spät nachts oder früh morgens wecken ihn dann Nadjas schleppende Schritte

auf den Treppenstufen. Sie schwankt herein, erschöpft, zitternd vor

Müdigkeit, mit glühenden Wangen und fieberglänzenden Augen. Er schlüpft

aus dem Bett, hilft ihr beim Entkleiden, deckt sie fürsorglich zu und legt

sich, in eine Decke gewickelt, zu ihren Füßen nieder. Bisweilen murmelt

sie schon halb im Schlaf: »Ein guter Abend, Ivan, morgen können wir uns

satt essen«, und schläft noch im Reden ein.

Manchmal jedoch kommt sie nach zwei Stunden wieder heim, und Ivan hat

gelernt, diese Abende zu fürchten, das verzweifelte Weinen, das:

»Wir werden beide verhungern!« Er sitzt auf dem Bett, streichelt die

schluchzende Frau, küßt ihre heißen Hände und weiß sich keinen Rat.

Die Tage werden immer kürzer, kalter, schneidender Wind heult durch die

Straßen. Nadja kommt halb erstarrt und frostbebend heim. Eines Abends ist

sie nicht allein, ein häßlicher, roh aussehender Mann tritt nach ihr

in die Stube. »Ein Kind hast Du auch?« ruft er lachend, als er Ivans

ansichtig wird. Nadja lacht ebenfalls, Ivan wundert sich über ihre

Lustigkeit.

»Soll denn der Fratz hier bleiben?« fragt der Mann etwas verdrießlich.

»Nein, um Gotteswillen!« Nadja scheint ganz erschrocken zu sein. »Ivan,

Herzchen, geh ein wenig vor die Tür, ich ... ich habe mit dem Herrn zu

sprechen.«

»Sprechen!« Der Mann lacht brüllend vor Vergnügen.

»Und komm erst wieder, wenn ich Dich rufe.«

Ivan gehorcht. Er sitzt auf der Türschwelle im dunklen Korridor und

horcht ängstlich auf jedes Geräusch. Wird der Mann dem Mütterchen nichts

zuleide tun? Warum lachen die beiden so viel? Der Knabe zittert vor Kälte

und Angst, schließlich fängt er zu weinen an. Wie lange die beiden

sprechen! Aber er hört ja ihre Stimmen gar nicht mehr, sicherlich tut ihr

der Mann etwas zuleide. Plötzlicher Zorn übermannt ihn, warum muß er

hier draußen sitzen, ganz allein, und der fremde Mann darf in der warmen

Stube sein? Seinen müden Kopf deucht unklar, daß er immer draußen

gesessen hat, allein, frierend, in der Dunkelheit, nicht nur heute abend,

nein, viele, viele Abende, jahrelang, immer. Und es wird auch immer so

sein. Andere werden behaglich in hellen, warmen Stuben sitzen und lachen.

Er aber hockt im Dunkeln und weint. Wer war es nur, der immer weinte? Eine

ferne Erinnerung steigt in ihm auf: Ein Mann, der um einen zerstörten

Tempel weinte ... nein, es war eine Frau, die um ihren Sohn weinte, den

ihr böse Menschen getötet hatten, die Frau auf dem Bilde, das in der Ecke

hängt ... Oder war es noch anders? Einmal hatte er bei Nadja einen

jungen Mann gesehen, mit blassem Gesicht und wilden Augen, der hatte laut

geschrien, wie im Zorn: »Ihr trinkt und feiert Feste, und draußen vor

euren Türen stöhnt und weint das Volk!«

Die müden Augen fielen ihm zu, unklar jagten Worte durch seinen Kopf:

»der Mann, der um den Tempel trauert ... die Mutter, der sie den Sohn

getötet haben ... das Volk ... sie weinen alle, alle ...«

Viertes Kapitel.

Der Frühling kommt; selbst in die enge übelriechende Gasse dringt die

Sonne; ihre Strahlen klettern die Mauern entlang, fallen durch die blinden

Scheiben in Nadjas Zimmer. Sie hat das Bett ganz nahe ans Fenster gerückt,

hält die durchsichtig gewordenen Hände der Wärme entgegen und freut sich

des blauen Himmels, von dem sie zwischen Dächern und Schloten ein kleines

Stück zu sehen vermag.

Seit sechs Wochen hat sie das Bett nicht mehr verlassen. »Ich bin nicht

krank,« versichert sie Ivan wieder und wieder, »bin nur so entsetzlich

müde. Wenn der Mai kommt, werde ich aufstehen und gesund sein.«

Den ganzen Tag liegt sie reglos da, stöhnt bisweilen leise, antwortet kaum

auf des Kindes ängstliche Fragen. Am Abend jedoch färben sich die blassen

Wangen dunkelrot, sie spricht, spricht unentwegt mit heiserer, keuchender

Stimme. Oft sind ihre Worte Ivan unverständlich. Bisweilen scheint sie zu

vergessen, wo sie sich befindet, ruft nach ihrer Zofe, verlangt »das neue

Kleid aus Paris«. Dann wieder lacht sie in tollem Übermut, verspottet

Leute, die sie vor sich zu sehen glaubt, verlangt nach Champagner, plaudert

von großen Städten, fremden Ländern.

Sie ist ganz zufrieden, nur manchmal, wenn das Fieber ihren Geist nicht

völlig trübt, wird sie unruhig, murmelt zaghaft vor sich hin: »Das Kind,

was soll aus dem Kind werden?«

Die Nachbarn sind sehr gut zu den beiden. Die bucklige Schustersfrau

bringt ihnen täglich von ihrer Suppe, und die dicke Anastasia mit den

geschminkten Wangen aus dem vierten Stock drückt Ivan häufig einen Rubel

in die Hand, damit er für Nadja etwas kaufe. Sie kommt zu der Kranken,

bettet sie um, sitzt plaudernd an ihrem Lager. Sie ist es auch, die Ivan

ein paar Griffe auf der Balalaika lehrt und einige Liebeslieder, ihn auf

die Straße singen schickt, damit er etwas Geld verdiene.

Ivan zieht durch die engen Gassen, singt mit der schwachen Kinderstimme

auf Höfen und Plätzen, und die Armen geben von ihrer Armut: Kopeken,

Piroggen, bisweilen sogar ein Stückchen Fleisch.

Die Dämmerung liegt weich über der engen Stube, das letzte Licht hat

sich im kleinen Spiegel gefangen, der hell aufleuchtet. Anastasia sitzt

an Nadjas Bett. Sie hat sich schon für ihre Arbeit bereitgemacht, ist

geschminkt und gepudert, eng geschnürt. Mit besorgten Augen schaut sie

auf die Kranke, deren Atem schwer pfeifend die schmerzende Brust hebt.

Anastasia hat getrunken, ihr Mund strömt Wodtkageruch aus, und schwere

Traurigkeit lastet auf ihr.

»Ein Hundeleben!« seufzt sie. »Und wenn man das Ende bedenkt.«

Nadja schweigt.

»Und in der Kirche will keine neben mir knien«, fährt Anastasia fort.

»Bin ich denn schlechter als sie? Ich stehle doch nicht, tue keinem

Menschen etwas zuleide, bin eine Rechtgläubige.«

Der letzte Lichtstrahl erlischt, der silberglänzende Spiegel wird zur

toten, grauen Fläche.

»Nadja, Du solltest doch einmal den Popen kommen lassen.«

»Weshalb?«

»Man weiß doch nicht. Gott wird Dir Deine Sünden vergeben, Täubchen,

aber so, ohne Popen, ohne Gottes Verzeihung darfst Du nicht sterben. Man

ist doch kein Vieh.«

»Sterben?« Nadjas schwache Stimme gellt auf. »Wer spricht vom Sterben?«

»Mein Seelchen,« die rauhe, rote Hand streichelt beruhigend über die

Decke, »Du weißt doch selbst, daß Du nicht mehr lange leben wirst. Der

Tod steht Dir schon auf dem Gesicht. Wozu willst Du auch leben? Das Leben

ist gar nicht so schön für unsereins.«

Nadjas abgezehrte Hand greift nach Anastasias Arm, verkrallt sich in das

weiche Fleisch. »Ich will nicht sterben, Stasia, will nicht. Das Leben ist

so gut und schön. Und ich bin noch so jung. Stasia, halte mich fest; ich

fürchte mich!«

Etwas erschreckt über die Wirkung ihrer Worte drückt Anastasia die Kranke

an sich. »Still, still, mein Täubchen, es braucht ja nicht so zu kommen.

Ich meine nur, weil Du genau so aussiehst, wie Natascha, die vor einem

Monat starb.«

»Und Ivan,« Nadja beginnt zu weinen, »was soll aus ihm werden, wenn ich

sterbe? Er ist noch so klein.«

»Wir werden für ihn sorgen,« beruhigt sie die andere. »Und dann gibt es

ja auch Waisenhäuser.«

Nadja scheint ihre Worte nicht zu hören. Mit starren Augen blickt sie

vor sich hin, ein Zittern erfaßt ihren Körper, ihre Zähne schlagen

gegeneinander: »Sterben! Sterben!«

Ivan bringt eine ganze Tasche voll Geld heim. Hat der herrliche

Frühlingstag die Herzen erweicht, fächelt der laue Wind den Menschen

leichtsinnige Großmut zu? Jeder hat ihm heute etwas gegeben, und nicht nur

Kopeken, auch Silbermünzen, ja sogar einen ganzen Rubel schüttet er auf

Nadjas Bett aus.

»Morgen bekommst Du gut zu essen, Mütterchen!« ruft er freudig und

schlingt die Arme um ihren Hals. »Milch und Piroggen, und Stasia soll uns

eine gute Kohlsuppe kochen. Bist Du froh, Mütterchen?«

»Ja, mein kleiner Ivan.«

»Und dann wirst Du nicht mehr müde sein, wirst aufstehen und mit mir in

die Sonne gehen. Nicht wahr, Mütterchen?«

»Ja, mein Täubchen!«

Ivan klettert aufs Bett. »Mütterchen, heute, wie ich ganz weit draußen

war, sah ich Jungen, die liefen einem kleinen Knaben nach und warfen mit

Steinen nach ihm und schrien: »grindiger Jud!« Sie wollten, ich solle

auch mit Steinen werfen, aber mir tat das Herz weh, weil der kleine

Knabe so weinte. Warum verfolgten sie ihn, Mütterchen, was hat er Böses

getan?«

Nadja schlingt den Arm um das Kind, ihre Lippen beginnen zu beben, wie

in schwarze Nebel gehüllt steigt ein schauriges Bild vor ihr

auf: zerschmetterte Schädel ... blutige Leiber ... ein kleines,

schwarzäugiges Kind hockt weinend neben einer toten Frau. ...

»Warum weinst Du, Mütterchen?«

»Ivan, versprich mir, daß Du nie mit den bösen Buben gehst und Steine

nach einem anderen wirfst. Du darfst auch nie jemand: »grindiger Jud«

nachschreien. Versprich mir das, Ivan.«

Unklar durchzuckt ihren müden Kopf der Gedanke: »Nun wird mir die alte

Frau verzeihen, daß der kleine Moische zur Muttergottes betet.«

»Ja, Mütterchen.«

»Du darfst auch niemals gegen Schwache böse sein, Ivan. Mußt ihnen immer

helfen. Du mußt alle Menschen lieben, Ivan.«

»Auch die bösen Menschen, Mütterchen?«

Da blitzen die großen Augen wild aus dem hageren Gesicht, schrilles Beben

kommt in die müde Stimme, fieberglühende Hände pressen sich schmerzhaft

um die kleine Kinderhand.

»Nein, Ivan, die mußt Du hassen; die bösen Menschen, die uns zu Tieren

machen und dann verachten, die uns verhungern lassen, den kleinen Kindern

ihre Eltern erschlagen; die bösen Menschen, die unsere Herren sind, die

reich und glücklich leben, die unsere Freunde nach Sibirien schicken. Die

mußt Du hassen. Dein ganzes Leben lang, Ivan, mußt gegen sie kämpfen,

sie vernichten!«

Die Stimme versagt ihr, kraftlos fällt sie auf die Kissen zurück. Der

Knabe hat ihre Worte nicht verstanden, doch begreift er, sie fordere eine

Antwort; er nickt ernst: »Ja, Mütterchen.«

»Und jetzt schlafe, mein Seelchen, ich bin müde.«

»Gute Nacht, liebes Mütterchen, morgen wird ein herrlicher Tag sein.«

* * * * *

Es ist noch dunkel in der kleinen Stube, da fühlt Ivan, wie er an den

Schultern gepackt und gerüttelt wird. Schlaftrunken öffnet er die Augen:

»Ist es schon spät, Mütterchen? Ich stehe schon auf.«

Der Tempel: Roman · 第 5 / 26 题