Der Kaiser. Getrauest du dich nicht auf andern Wegen deine Kraft dem Lande
zu verwenden? Reizt dich nicht blos der lockende Ruhm, der im
Schlachtgewühle so leicht zu verdienen scheint? Wisse, nicht jedem lächelt
das Glück und läßt den Lorbeer ihn pflücken -- Mancher dir ähnliche
Jüngling feurig, entschlossen, der diese Bahn wandelte, fiel unberühmt.
Sal. Er fiel für das Vaterland -- die Seinen beweinen ihn -- Ruhmes genug.
Aber, erlaube mein Vater! Nicht der lockende Ruhm, nicht des Ehrgeizes
quälender Durst, treibt mich deine Majestät anzuflehn um die Gewährung
meiner Bitte -- das Wohl der Mitmenschen ist der Sporn, der mich spornt,
auch meinen Arm gegen die Störer unsers Friedens zu erheben. Ich will
helfen zu siegen, von meinem Bewustseyn, recht gehandelt zu haben belohnt,
oder fallen, unberühmt und vergessen.
Der Kaiser. Jüngling -- ist dein Entschluß fest, unerschütterlich?
Sal. Ein Fels.
Der Kaiser. Jüngling -- noch einmal -- ich gönne dir Ueberlegung! Laß dich
von Raschheit und feurigem Muthe nicht zu einem Schritt reissen, den du
einst bereuen dürftest -- überlege -- der Pfade dem Vaterland ruhmvoll zu
dienen sind noch unzählige.
Sal. Dieser für itzo der wichtigste.
Der Kaiser. Wohlan denn! Morgen mit dem dämmernden Tage bricht das Heer auf
-- du hast nicht Zeit dich von Allem so dir theuer ist zu beurlauben --
vielleicht auf immer -- zagst du nicht?
Sal. Entschlossen und muthig, will ich gegen Feinde kämpfen.
Der Kaiser. (legt ihm die Hand auf die Schulter mit forschendem Auge) Ich
gewähre dir die rasche Bitte nicht!
Sal. (entflammt) Mein Kaiser! Vergönne -- vergönne mir dies einzige --
erbarme dich meines Jammers -- ich will der letzte im Rang, der erste im
Vordringen seyn!
Der Kaiser. Wohl! Es sey dir gewährt -- aber sogleich, ehe eine Stunde
vorübereilt, sollst du in das Lager!
Sal. (fällt dankend auf die Knie, und faßt ungestüm und stumm des Kaisers
Hand) Mein gütiger --
Der Kaiser. (der Kaiser sieht ihn mit einiger Verwunderung an) Ist dir
alles das erwünscht? Du willst fort, sogleich fort, dahin, wo Tod in jedem
Pulverstäubchen lauert, woher du vielleicht nie zurückkehrst -- und doch
willst du nicht erst von deinen innigsten Freunden dich zum Lebewohl
umarmen lassen? Entzückest über den schnellen Raum einer Stunde?
Sal. Deine Güte -- deine väterliche Weisheit löscht meine Flamme nicht!
Der Kaiser. So zieh denn hin! Jüngling -- ich wollte dämpfen die Glut, die
leicht auflodernd und eben so leicht verglimmend schien -- ist dein
Entschluß die Frucht eines nicht ganz edlen Gefühls -- dann büsse für die
Folgen -- ich warnte dich.
Der Kaiser trat an ein Schreibpult, schrieb, und gab Salassin, der halb
froh, halb harmbetäubt, auf seinen Knien lag, das Billet.
Morgen, wie gesagt, bricht das Heer auf -- wenn es dir Ernst ist -- so zieh
dahin -- und komm als Held zurück.
Der Kaiser reichte dem Jünglinge das Papier, der trunken vor Freude und
Harm nach einer ehrfurchtsvollen Verbeugung dem Antliz des Monarchen
entschwand.
Schnell durch das Volksgewimmel dem tellmannischem Pallaste zu, rannte er
das Papier in der Hand, so ihm einige der niedern Militärstellen bestimmte
--
In seinem Zimmer ergriff er hastig Diente und Feder, und schrieb einige
Briefe in wenigen Minuten. Seinem Vater und seiner Mutter, dem Fürsten von
Tellmann und Sebalden. Er empfahl sich, allen dankte u. s. w. sagte aber
Keinem wohin er gehe.
An Sebalden schrieb er folgendes:
_Sebald_!
»Sey glücklich! Ich wünsche das dir -- Du liebst Lolly, ich sah euch beide
im Garten in einer Laube vertraut, -- Lolly liebt auch dich. Die
Freundschaft muß meine Flamme, die für Lolly brennt, verlöschen. Noch
einmal -- sey glücklich -- und weine dem Freunde eine mitleidige Thräne,
dem eine wohlthätige Hand bald Ruh und Frieden geben wird.«
Salassin.
Keine Seele war in dem Hause -- alles bei dem Feste noch -- das war dem
Stürmischen lieb: er konnte sich unbemerkt wegbegeben. -- Die Briefchen
ließ er auf dem Tische liegen: Lollys Bildniß hieng an der Tapetenwand ob
seinem Ruhebette -- schon stand er in der Thüre, ein Blick auf das Bildniß
und er blieb wie eingewurzelt stehen. Unwillkührlich langte seine Hand
darnach -- seine Seele ward mächtig erschüttert.
Lolly! Mädchen -- der schönsten schönstes -- edelstes der edelsten -- Ach
ich darf dich nicht lieben -- Vielleicht wirst du gerührt einst meiner Urne
eine Thräne schenken, wenn mich des Krieges Schlund verschlungen haben wird
-- dann sprichst du vielleicht mit nassem Auge: »Er war auch ein guter
Jüngling! Er liebte mich -- und opferte sich meinem Heile.« Ja -- Unendlich
Geliebte -- dein Heil -- deins ist mir theurer als meines -- Sebald ist ein
edler Mann -- der dich ganz mit voller Seele liebt -- du wirst glücklich in
seinen Armen seyn.
Salassin ergriff das Bildniß, drückte es glühend an seine Lippen, blickte
es noch einmal an -- gierig -- stand wieder -- ein Geräusch flüsterte in
den Tapeten -- schnell flog er aus dem Zimmer: sattelte sich ein Roß, und
entfloh mit unbeschreiblichem Drang im Herzen der Residenzstadt. -- Die
Strassen die er unlängst geritten -- die Erinnerung der kleinen Vorfälle
auf der Reise damals mit Sebalden -- die Urnen im Walde wurden nur schwach
durch den Anblick der Plätze erregt -- wo es geschah und er nun vorüberritt
-- so betäubend war das Gewitter in seinem Innern.
Mächtiger war der Eindruck des im Schlachtdampfe gefallenen Felsthals, der
mit Salassins itziger Lage viel Nahes hatte. Ihn trieb einst Verzweiflung
in den Krieg -- sich den Adel zu erkämpfen, und die Geliebte des Herzens
dadurch zu erringen -- und ach! er fand den Tod --! Ich will Ruhe finden --
ich muß Sebalden glücklich wissen --
Noch stand die Sonne am Himmel, die Wölkchen spiegelten wie blanke Muscheln
an dem Gewölbe des Firmaments -- als Salassin im schnellsten Galopp in das
Lager an seinen Posten kam.
Mit der ersten Röthe des Tages brach das Heer auf, und Salassin ritt
schweigend in sich gekehrt in dem Zuge. Die muthigen Helden sangen zum
Musikhall ihre Kriegslieder, und glühten vor Eifer nach Schlacht und Tod
oder Sieg, ihre Gesänge weckten den mit sich ringenden Salassin nur selten.
Dritter Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Die Wahrheit in der Lüge.
Die Krieger ziehn dahin, wohin das Wohl des Vaterlandes sie bestimmt, schon
sind sie nahe dem verheerenden Schwarm der Feinde -- schon stossen sie auf
Spuren der feindlichen Verwüstungen. Wir lassen sie eiferglühend den Feind
aufsuchen, und wenden uns in die Stadt zurück.
Noch weiß keine Seele von Salassins Entschluß außer dem Kaiser. Die Freunde
noch immer den Ergötzungen des Festes überlassen, ahnten nicht einmal was
der übereilte Jüngling unternommen. Zwar sprang Sebald von seinem Sitze in
der Laube von Jillas Seite auf, als Salassin Beide in ihrem Kosen geweckt
hatte, und ergriffen von Empfindungen, die wirklich aus übertriebnen
Begriffen und Irrthum entsprangen, wie ein Flüchtling fortlief.
Aber Sebald -- wer hätte mit menschlichem Auge Salassins Seelengewitter
vermuthen können? Die Beiden blieben lange noch da, in ihren traulichen
Umarmungen.
Lolly suchte unter dem Gewimmel den Ersehnten -- ach -- Arme Bangende! Wie
hättest du ahnden können, was deinen Geliebten so weit und vielleicht auf
immer trennte! Lolly begnügte sich, weil sie schon manche Stunde vergebens
nach ihn gespäht hatte, mit dem nicht ganz süssen Troste: »Morgen kömmt ja
Salassin in unsre Miethwohnung!«
Aber als mit der Mitternacht das Fest zu Ende gieng, alle Wandler theils
schon dem Schlummer huldigten, theils schon am Wege waren, zur Ruhe zu
eilen, als schon nur hie und da in dunklen Alleen und Gartengängen einzelne
Paare Liebender wandelten im Mondenscheine, und auch Sebald aus Jillas
Armen in seine Wohnung kam: wie verdampfte der Rausch der Liebe, den er
sich an Jillas Lippen geholt hatte.
Er glaubte Salassin schon im Schlafe zu finden -- aber natürlich der war
nicht da.
Meinen Bruder läßt gewiß nicht die reizende Lolly von der Seite! meinte
Sebald, und trat im Tageshell der Krystallsonne von ungefähr an Salassins
Schreibpult.
Die Briefe fielen ihm auf -- Die Freunde kein Geheimnis sich verbergend,
theilten sich jeden Gedanken mit, wenn der Eine oder der Andere es nur
hören wollte: daher ergriff Sebald die Briefe -- las -- und erschrak, als
er den an ihn gerichteten gelesen hatte.
Als wäre der Pallast auf ihn gestürzt, stand Sebald mit schwerem Herzen da.
Gott der Freundschaft! Was ist da geschehen -- rief er und starrte
unentschlossen, was er thun solle, die Papiere an. -- Der Unglückselige --
Wohin trieb ihn sein schrecklicher Irrthum --! Was unternimmt er! Eine
Thräne deiner Blindheit will ich weinen -- kaum verdienst du ja --
Blödsinniger -- -- Ich liebe Lollyn? Ich wäre mit Lolly in der Laube
gesessen? Narr! Deine edle Aufopferung für Freundschaft ist Grille -- ha --
wie könnt ich da glücklich seyn -- glücklich, wenn dein Herz blutet! --
Unseliger Irrthum! -- Er rannte mit den Briefen in der Hand zu Tellmanns
Gemach, und öffnete schon die Thüre. Das stille Dunkel des Ruhezimmers riß
ihn plötzlich aus dem Traume, und errinnerte ihn, er habe vergessen daß es
Mitternacht sey, und Tellmann schlafe.
»Weck ich den müden -- erfährt er Salassins Entweichen -- dann hab ich ihn
um seine Ruhe gebracht! -- Und was nützt das, wenn er itzo noch drum weiß?
-- Kann ich sagen wo der Verblendete hingeirrt ist? Können wir ihn finden?«
-- Sebald begab sich zurück, und haderte mit der Nacht, die dem
harmdurchdrungenen Bangen so lange nicht zu Ende schenkte, und kaum
flüsterte des Morgens lauer Wind durch die Jalusien, als Tellmann die
Geschichte erfuhr, und die Hände unwillig an einander schlagend vom Lager
sprang.
Sein Edelmuth ist am unrechten Orte! Wo ist er hingerennt! Sebald sogleich
auf Erkundigung! -- sprach Tellmann, und rafte sich verstört zusammen.
Eben erwachte das Getümmel der Menschen auf den Strassen: Trompeten und
Pauken schmetterten, und Musiken hallten vom Platz der kaiserlichen
Residenz.
Ha! der Kaiser bricht auf! -- scholl es überall. Wohin? -- rief hier eine
Schaar und steckte die Köpfe zusammen. In den Krieg! -- schrien die Andern.
Gott gieb ihm Heil und Sieg! Gott erhalte ihn! -- Erklang es allenthalben,
und die unzählige Menge der Menschen, die sich wie der Blitz geschwind aus
den Armen der Ruhe gerissen hatten, sobald das Abschiedszeichen ertönte,
umgab den innigverehrten Monarchen, der dem kleinen Kriegsheere, so in der
Stadt noch lag, vorausritt, sein Lebetwohl, meine Kinder! dem Volke zurief,
das sein kaiserlich geschmücktes Roß kaum traben ließ, und Millionen
Segenswünsche der Majestät nachrief.
Sebald lief inzwischen die Stadt ab und auf, ohne zu wissen warum?
»Ja wo sollte er Salassin aufzusuchen? Keine Spur -- kein Wörtchen schrieb
er von dem, wohin er fliehen würde. Ohne Zweifel -- sagte Sebald -- wird er
in seine Heimat zurückgekehrt seyn, und dann auf Reisen gehen!«
Mit dem Strassengetümmel stand auch Bengler in dem Gasthof zur silbernen
Narrheit auf. Lolly schlief die ganze Nacht sehr unruhig. Sie hatte trübe
Ahnungen, die sich durch die Wonnegefühle des Wiedersehens drängten, und
sich vermischten, daß dieses Empfindungsgemengsel einem süssen Weine
gliech, in den man Meerwasser schüttet. Daß sie von dem träumte, an dem
einzig und allein ihre ganze Seele hieng -- das fragen doch meine Leser
schon gar nicht! Sie sprang wohl zehnmahl vom Ruhebette an das Fenster, und
liebäugelte mit dem Mond, der blaß und trübe sie anguckte. Und als die
Nacht ihr Schattenkleid kaum abzustreifen begann, war Lolly die erste im
ganzen Gasthofe munter und wach. Die Freude -- heute morgen kommt er!
erheiterte sie, wie die Morgensonne die Flur, und der Gedanken morgen seh
ich ihn schon wieder nicht mehr! war ein trübes Wölkchen, das manchen
Strahl der Wonne auffieng. Sie harrte voll banger Erwartung des Geliebten.
Der Kaiser war bereits aus der Stadt geleitet, das Volk begab sich
allmählig an seine Taggeschäfte, der Morgen wich schon dem Mittage; aber
Salassin -- natürlich konnte Lollyn nicht erscheinen!
Wo mag er seyn? Was hält ihn ab zu mir zu kommen? Er versprach hoch und
theuer mit dem frühesten Sonnenglanz da zu seyn -- er kömmt nicht -- schon
ist Mittagsschwüle -- Salassin! Salassin! Erscheine.
So härmte sich das liebende Mädchen, mit jedem Pulsschlage wurde das Herz
banger, mit jeder Minute ihre Unruh bittrer. In jedem Manne, der in dem
Gassengewimmel sich drängte, wähnte sie -- da kömmt er einmal! Aber wie
herb war dann immer die Täuschung!
Als endlich die eilfte Stunde des Tages mit unaussprechlichem Verlangen und
Sehnen schon heranschnekte, und Salassin noch nicht da war, da konnte das
arme Mädchen nimmer die Unruhe, die ihre ganze Seele erschütterte,
verbergen. Sie theilte dem Vater ihre Besorgniß mit, der selbst nicht
begreifen konnte, wie ein Liebender weilen könne zu seiner brünstig
harrenden Erkohrenen zu eilen.
Er ist mir ungetreu -- er heuchelte Liebe -- er ist falsch, würde ein
Mädchen unsers Sekulums in diesem Falle sagen -- Aber Lollyn kam der
Gedanke gar nicht bei, Salassin, der ein so edler Mann war, könnte treulos
seyn, so sehr war sie überzeugt.
Sebald kam zu dem Gasthofe der silbernen Narrheit, und las den Thorzettel
auf dem die Namen der Einkehrenden angezeigt waren. Wer? Woher? Wohin? Wie
lange? Auf alle diese Fragen war die Antwort auf dem Zettel.
Edler Bengler von Palmhain, mit seiner Tochter Lolly -- stand unter andern
da!
Ha -- rief Sebald freudig -- da sind sie! Er sprachs und ließ sich vom
Diener die Zimmer zeigen.
Er trat herein, Lolly lag im Fenster und sah nach der Gasse, wand sich
hurtig nach der Thüre, als sie rauschte, und kam dem Eintretenden entgegen,
den sie für den Ersehnten hielt, freudig rief sie: Endlich ist er einmal
da! Aber bitter getäuscht stieß sie einen lauten Schrei aus, als sie
Sebalden erblickte, der mit unbeschreiblichem Entzücken sie faßte: Jilla!
Jilla! Wie kömmst du daher?