Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft.
Eine
interessante, originelle
Familiengeschichte
aus dem drei und zwanzigsten Jahrhunderte
von
A. K. Ruh.
Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Guirlanden
um
Die Urnen
der
Zukunft
Eine
Familiengeschichte
von
A. K. Ruh.
In drei Theilen oder Abschnitten.
Prag und Leipzig 1800.
Im Verlag der Jos. Poltischen Buchhandlung.
Dem
Herrn Stadtrath
Franz Pablitschek,
und
seiner Gemahlin
zugeeignet
vom
Verfasser.
Potui quod feci.
Erster Abschnitt.
Erstes Kapitel.
Blicke in die Zukunft.
An der unendlichen Uhr der Zeiten wird der Zeiger der Jahrhunderte, auf den
dreiundzwanzigsten Punkt deuten. Fünf Generationen des Menschengeschlechts
werden noch erstehn, wie im Frühling des Jahrs der Fluren Blumengewand
ersteht: wie im Herbste das bunte Laub von krafterschöpften Bäumen rieselt,
werden sie fallen.
Eine neue Mennschensaat wird keimen, sprossen und reifen, gesäet von den
Händen der Zeit.
Schwach und matt noch dämmert die allbelebende Sonne Wahrheit durch den
dichten Nebelflor der Vorurtheile und den dunkeln Wolkendampf des Dünkels;
aber sie werden erhellt werden, sinken werden die Nebel und Wolken, sich
zertheilen und nimmer seyn. Und eine Sonne tritt hervor aus der Schacht des
Wahnes, hell und glänzend wie der geläuterte Morgen nach der Sturmnacht,
mild wie der Thau in Perlen am Frühlingshalm, und labend wie Abendkühle den
schweißtriefenden Schnitter. Edle Thaten der Menschen verketten und
verdrängen sich vor meinem Blicke, wie lieblich in einander flirrende
Träume. Ein Odem durchweht die eine Seele der neuen deutschen Familien;
geadelt durch Geistes und Herzenkraft handlen sie edel und -- menschlich.
Aus dem bunten Gewirr künftiger Begebenheiten drängt sich mir eine vor
allen auf -- nicht der Schönsten, schönste, aber auch nicht der Edelsten
lezte.
Nehmt sie erwartungsvolle Leser, gefällig aus meinen Händen. Schwebet mit
mir in dem Kahne der Fantasie auf, dem Meere der Zeiten 500 Jahre vorwärts.
Seht diese neue Welt um euch und hört. Aber erwartet nicht vollkommen
glükseelige Bewohner, vielleicht den Geistern der uns unbekannten andern
Welt gleich. Auch dann -- laßt über unserm Staube noch tausend Generationen
wandeln, laßt Meere austroknen zu Ländern, und Gebirge in Meere sich
verändern -- auch dann bleiben der Erde Bewohner unvollkommne Geschöpfe --
Menschen, gemischt aus guten und niedrigen Neigungen.
Und du, o Genius der Zukunft, der mit sonnigten Finger dem kühnen Späher
den Flor der Nacht vom Sonnenhell der Zukunft hobst, belebe meinen Pinsel,
daß ich mahle, mit jenen Farben mahle, so die Natur zeichnet, die einst als
der alleinige Ring alle Seelen umringen wird. Daß vielleicht wenn ich
Stäubchen lang in Vergessenheit verwitterte, jene Vorwelt meiner Kühnheit
lächelt, und spricht: Dieser las im Buche der Zukunft.
Zweites Kapitel.
Graf von Wallingau.
Nicht Erbrecht, nicht Geburt, der Geist
macht groß und klein.
_Hagedorn_.
Edle Thaten, Verdienst um das Wohl der Nation, oder Erfindungen, welche den
Menschen nützen, und sie erhöhen, adeln den Bürger des Staats. Er sey der
Sohn eines Fürsten oder eines Ackermanns.
Der erfahrneste, weiseste Mann ist der Kaiser Germaniens; gleich verdient
um sein Vaterland durch mannigfaltige Kenntnisse, Geistes und
Herzenstugenden, als auch berühmt durch erhabne Handlungen um das Wohl des
Menschengeschlechtes. Ausgezeichnete Vorzüge, alle gemein erkannte
Ueberlegenheit an den trefflichsten Eigenschaften über alle, machen ihn des
Thrones würdig.
Der Bürger, der gleichfalls nur durch moralische Vorzüge, und ohne diesen
unedel war, und sollte er des Goldes vollauf haben, lebte froh und
ungestört im Genuße der Früchte seiner Thätigkeit; häuslich und voll der
Liebe, voll der innigen Verehrung seines Kaisers, der ein Vater aller war,
lebte er begeistert vom Gefühl des Friedens im Ueberfluß.
Unter so manchen Biedermännern gab es einen gewissen Grafen von Wallingau,
der Edelsten einer die Germaniens Boden trug.
Sein Vater war ein Landmann gewesen, stark und schlicht, wie sein Pflug,
mit dem er sein Brod baute; herzensgut und redlich. Sein ungemeiner Fleiß
erwarb ihm ein großes Vermögen, das ohngeachtet seiner Mildthätigkeit die
oft sogar an Verschwendung gränzte, immer grösser wuchs, und nach seinem
Tode dem einzigen Sohne Welly zufiel, der seinem kindlich betrauerten Vater
nacheifernd Herzensgüte mit Talent, Seelenstärke mit Eifer und Thätigkeit
vereinte, um so seinem Vaterlande Ehre und Vergnügen zu machen.
Anfangs blieb auch Welly bei dem Geschäfte, des Ackerbaus. Die Natur seine
stäte Führerinn, hatte den Drang zu Wissenschaften in sein Herz gelegt, der
immer stärker und endlich zum Bedürfnisse ward, das Befriedigung heischte.
Die Naturgeschichte war unter vielen andern Gegenständen, welche die
treffliche Einrichtung des Staats jeglichem Gliede zur Kenntniß ans Herz
legte, sein Lieblingsstudium. Das von seinem Vater ererbte Vermögen sezte
ihn in den Stand seine Wißbegierde auf Reisen zu sättigen. Er durchzog
einige Jahre lang im Vaterlande und den angränzenden Reichen die Fluren der
Gelehrsamkeit, sog überall den Honig aus den Blumen, und kam ein geschikter
Physiker in seine heimischen Auen zurük, wo er rastlos seinem Fache oblag
und es darinn soweit brachte, daß er in einem Raum von acht Jahren durch
unermüdetes Forschen und Streben verschiedene nützliche Maschienen erfand.
Dies, und Wellys geschäzte Eigenschaften überhaupt, vorzüglich seine
Verdienste um die Armen, denen er oft im größten Frost, Holz, Speise und
Kleider und Geld trug, wurden denn auch belohnt, da überall Gerechtigkeit
in der Belohnung des Verdienstes und Aufmunterungseifer die ganze Nation
beseelte.
Eben war durch den Tod des Besitzers die Grafschaft Wallingau leer. Welly
ward als Kandidat vorgeschlagen, und da seine Verdienste grösser und edler
als jene aller andern Kandidaten waren, so entschied für Welly der Kaiser,
und Welly ward Graf von Wallingau.
Drittes Kapitel.
Der Spaziergang in das Kastanien Wäldchen.
In seeligen Frieden lebte nun der neue Graf den Mittag seines Lebens. Eine
treue zärtliche Gattin zur Seite. Sie geliebt und nachgeeifert von allen
Mädchen und Frauen, er das Muster, nach dem sich die Jünglinge der Gegend
und des Dorfes bildeten, das im halben Kreise das gräfliche Schlos umgab.
So war Elisium ihr Ländchen, und glükliche Unterthanen, thätig und reich,
segneten mit frohen Thränen die Stunde, die ihnen dieser Vater gebahr,
bekränzten im blühenden Frühling als eines Heiligen Statue das
Ehrendenkmal, so die Gemeinde Wellys den verstorbnem und von Jedem
geschäzten Vater gesezt hatte, und dankten der Vorsicht die im Sohne den
Todten erstehen ließ.
Zur ungemeinen Erhöhung des Lebens, gebahr Wellys geliebte Gattin Jadilla
zwei Kinder. Salassin einen Knaben, ganz das Bild des Vaters, und ein
Mädchen das den Namen der Mutter und den schönsten Keim zur künftigen
Grazie trug.
Also waren in beneidenswerthen Freuden sechs Jahre entflohn, schnell wie
ein Pulsschlag und hold wie ein blühender Frühling. Salassin zählte sechs
und die plappernde Jadilla vier Sommer. Aber nun erwachte das Glük, das im
achtzehnten wie im 23. Jahrhundert nie das menschliche Leben ungetrübt
läßt, aus seinem Schlummer, und schüttete Wermuth in den Kelch der Freude.
Eben streifte mit rosichten Finger der Morgen vom dämmernden Kastanienhaine
die Nebelwolken der Nacht. Der Sonne halbe Goldscheibe strahlte hinter dem
östlichen Berge hervor, und der Thau rann an Grashalmen in spiegelnde
Perlen.
Da saß Welly mit seiner kleinen Familie im elisischen Parke des Schlosses
am Frühmale. In einer duftigen Schasminlaube mit grünen Bänken und einem
Mahonitischchen, genoßen sie das ländliche Mahl von frischgemolkner Milch,
gewürzt von vertraulichen Scherze der Gattin, und naiven Fragen und
Schäckereien der herzigen Kinder; voll Heiterkeit der Seele wie der Morgen,
der durch die Lichträume des Schasmingeflichts seinen purpurnen Strahl, auf
die liebliche Milch und die Wangen der Frohen goß.
»Wie so herrlich der Morgen auf uns lächelt, meine Jadilla! -- sprach der
muntre Vater und drückte inniger der Gattin Hand. Wie alles lebt und sich
regt! Düftet und blühet! Wollen wir nicht einen Spaziergang in das nahe
Kastanienwäldchen machen, das dort an dem Berge in bläulichen Gruppen an
den Wald sich schließt? Komt! komt meine Trauten! Schöner ist Mutter Natur
im Freyen! Dort athmen wir den Odem der Liebe, die uns das allwirkende
Wesen in jedem Grashalm und Wurm erkennen läßt! Komt!
Ja! -- lieber Vater! -- rief hastig der muthige Salassin, und küßte ihm die
Hand. -- Ich will Schmetterlinge fangen, so schöne Schmetterlinge, wie du
aus dem fremden Lande gebracht hast.
Ja ja! -- liebe Mütterchen -- stammelte hüpfend die kleine Jadilla, und
schmiegte sich an die Mutter. Schöne Blümchen da giebts -- dir Sträuschen
und dem Vater auch, und dem Salassin auch -- komt! komt! mit dir im Grase
springen.
Mit einem zärtlichen Blick, der ganz die Seeligkeit des Gefühls ausdrückte,
so das holde Geschwätze der Unschuld erregte, begegneten sich die Gatten,
und wandelten auf das Kastanienwäldchen zu; ein Diener folgte mit dem
Sonnenschirme.
Dies war die gewöhnliche Stunde, in der Welly seine Kinder belehrte. Am
Morgen wo die Seele heiter und sorgenlos, gefühlvoller das Herz für das
Schöne der Natur, und faßlicher für jeden Unterricht ist nahm er sie in das
Freye mit, und brachte seinen Kindern angemessene Begriffe von Gott und
manchen andern Sachen bei. Der Schmetterling, den Salassin mühsam gefangen,
das Blümchen so Jadilla gepflükt, war Stoff und Gegenstand, von dem er auf
den Urheber und Erhalter des Universums in leichten Gesprächen kam, und so
die Begriffe von Milde, Güte, Weisheit und Ordnung des Urwesens spielend in
das Herz und Gedächtniß der Kinder pflanzte.
Auf schlängelnden Wegen der Wiesen, die ein Kieselbach murmelnd in zwei
Fluren theilte, neben rauschenden Weidengesträuchen Hollunder und
Hagedornhecken giengen sie dahin im lachenden Thale, und achteten nicht des
glänzenden Thaues, der ihre Schuhe benäßte.
Da rief ein singendes Mädchen, die blinzelnde Sichel in der Hand, unter
welcher die Blumenglieder stürzten, der kommenden Familie herzlich und
lächelnd ihren Morgengruß zu. Dort am Fahrwege that es ein Ackersmann
hinter dem knarrenden Pflug -- hier ein Knabe, der zottige Ziegen am Felber
weidete -- dort der Schaafhirt am Abgang des Hügels mit der Flöte.
O Natur! Natur wie bist du so schön! -- rief Welly über den Anblik dieser
Szenen entzükt, und schmiegte sich heißer an die mitfühlende Gattin.
Endlich nahm sie das niedliche Kastanienwäldchen in seinen moosichten
Schoos auf. Sie lagerten sich im Schatten, denn die Sonne stand schon viel
höher über den waldigen Ostberg, und die wachsende Schwüle trieb die
Wandlenden ins erfrischende Kühl. Salassin und Jadillchen jagten herum in
riechenden Wacholderbüschen, und liefen bald einem Schmetterling, bald
einem Blümchen nach. Ein bunter Vogel flog um den andern auf, und der Knabe
wußte nicht, welchem er folgen sollte: ein Waldblümchen um das andere lokte
das kleine Mädchen, das schon alle Händchen vollgepflükt hatte. Immer warf
sie die Gepflükten hinweg, und brach sich Neue. Willot der Diener hatte
Mühe, die beiden im Gesichte zu erhalten, er folgte bald diesem, bald
jener, sie liefen zertheilt herum, und kaum rief er den hastigen Salassin,
war ihm schon wieder das geschäftige Jadillchen aus dem Auge.
Die kleine Pflückerinn verlor sich denn dabei einmal soweit in einen
Birkenschlag, daß Willots Ruffen sie nicht mehr hörte. Sie verfolgte die
Blüthen, im eifrigen Pflücken hatte die Schuhe verlohren, das florne
Schürzchen und das leichte Kleid an den Dornen der Hambutensträuche
zerrissen, und gerieth endlich soweit, bis sie unvermuthet am Ende des
Schlages um den ganzen Hügel herum gekommen war, wo sie ein Thal, das sich
vor ihren Füssen aufschlos, mit einiger Verwirrung erblikte.
Sie kam eben auf eine Strasse, ein neues schöneres Blümchen blühte vor ihr,
sie grief nach ihm, und ach! -- eine Biene stach Jadillchen in das weiße
Händchen.
Der Schmerz erpreßte ihr Thränen und sie weinte laut.
Eine Kutsche rollte grade die Strasse heran, darinn saß eine ältliche Dame.
Sie ließ den Kutscher halten.
»Warum weinst du? Mädchen! -- sagte die Dame freundlich. Ein Bienchen hat
mich stochen -- in die Hand hat es mich stochen! -- weinte das Mädchen und
blies auf die brennende Wunde.
»Was machst du denn da im Walde?«
Blümchen pflüken dem Vater und Mutter und Salassin.
»Wo ist denn Vater und Mutter?«
Jadillchen schaute sich herum, die neue Gegend verwirrte sie, sie zeigte in
das fremde Thal hinab wo ein Dorf lag. Da ist Mutter!
»Komm mit mir Mädchen, weine nicht, ich will dein Händchen heilen!«
Ja du bist nicht meine Mutter.
»Komm ich bringe dich zu ihr, du möchtest dich verlaufen!«
Jadillchen ließ sich nicht zweimal bitten, man hob sie in den Wagen, und
die Dame beschäftigte sich mit dem Bienenstich, der das arme Kind so
schmerzte, daß es Mutter und Vater, Salassin und Blümchen vergaß, und
weinte. Die Dame zog ein Balsambüchsgen heraus, und der Schmerz ließ nach,
sie fuhren dem Dorfe zu, auf das die wirre Jadilla gezeigt hatte.
Viertes Kapitel.
Auf Sonnenschein folgt Regen.
Willot hatte damals Salassin nachgeruffen, der nach einer ganz
entgegengesezten Seite des Birkenschlages lief; und weil er nicht folgen
wollte, sprang Willot ihm nach, um ihn mit Jadillen beisamm zu erhalten.
Aber der Knabe zerrte sich und entlief dem Diener immer weiter; so geschah
es denn, daß jenseits das Mädchen ganz aus den Augen schwand, und schon mit
der Dame fortfuhr, als er den muthwilligen Salassin kaum noch gebändigt
hatte.
Nun lief er den ganzen Schlag durch. Jadillchen! Jadillchen! Aber
Jadillchen war verschwunden, das Echo wiederhallte die Antwort: Jadillchen!
Fort über Stock und Stein durch Hecken und Sträuche suchend und ruffend;
aber Jadillchen war verschwunden. Müde gelaufen und heiser geschrien lief
er auf die Eltern zu, und konnte kaum ein Wörtchen vor Bestürzung stammeln.
Salassin saß dem Vater zur Seite abgemüdet vom Papilionenfang.
Wo ist Jadillchen? -- fragte die Mutter.
Daß sie sich nicht verirre! Der daranstossende Wald ist groß und verworren.
-- Fügte der Vater bei.
Ach Herr! -- stotterte der todtenblasse Willot. -- Ich kann kaum mehr
sprechen -- überall war ich -- Jadillchen ist verschwunden! -- Er sprachs
keuchend und lief sogleich wieder in den Schlag, lieber athemlos, müd und
erschöpft bei dem Suchen liegen zu bleiben, als hier die erschrokenen
Gesichter länger anzusehn.
Welly eilte nach, mit Mutter Jadilla an der Hand. Salassin folgte den
Vorauslaufenden.
Sie suchten und riefen, und riefen und suchten; aber freylich -- vergebens.
Mit jedem Pulsschlage ward ängstlicher die bange Mutter, besorgter der
Vater.
Die Sonne stand hoch am Himmel, die Schwüle des Tages, die heftige Bewegung
im Herumrennen, und die Angst ermattete bald die Forschenden. Jadilla gieng
eilig dem Schlosse zu frische Leute zu schicken. Eine Kutsche ward
bespannt, sie fuhr mit andern ins Wäldchen zurük.
Die Hälfte der Dorfbewohner vergaß des Mittagmahles, das sie eben genoßen,
vergaß Ruhe und Geschäfte, und lief der Gräfinn nach in das Wäldchen.
Vereint suchten Alle -- kein Pläzchen im Walde blieb unbesehn: aber
freylich -- das Mädchen ward nicht gefunden.
Müde und matt schliechen die Guten zurük: bestürzt kam der Vater,
todtenblaß die Mutter in das Schloß: ihres Kummers heiße Thränen bewegten
auch den Knaben Salassin zum weinen, und er rief schluchzend: »So ist
Jadillchen nicht da? Jadillchen! ach Jadillchen! bist verloren! nun
springst du nimmer mit mir im Grase herum!
Zwei unbeschreiblich jammervolle Nächte waren bereits vorüber, der Mutter
schienen sie Jahrhunderte, und noch war keine Spur. Am zweiten Morgen kam
endlich Welly zurük -- mit seinen Leuten: sie hatten alle an den Hügel
anstossende Wälder durchspürt, in den nahen Dörfern herumgefragt, ach! des
Vaters Besorgniß ward folternder Schmerz; denn alle Mühe war vergebens.
Aus dem Fenster sah die Hoffnung und Furcht erschütterte Jadilla dem
kommenden Gatten, entgegen, sie sprang eilends hinab auf den Platz vor dem
Schlosse; halberschöpft war sie, denn Tag und Nächte hatte sie durchhärmt
Ruhe und Schlummerlos. Er komt! Er komt! und bringt mein geliebtes Kind
wieder! -- rief sie von Freude gespannt, und drängte sich entgegen den
Kommenden; aber die Kutsche war leer an Jadillchen.
Welly sprang heraus und fieng sie in seine Arme. Mein Kind -- schrie sie,
und sank leblos auf den kummervollen Gatten.
Jadilla! Jadilla! Mein Weib! -- Erwache! Erwache! rief Welly erschüttert,
und schlos die Ohnmächtige ungestimzitternd an sein Herz.
Das Volk drängte sich geschäftig an das blasse Paar, und Thränen der
innigsten Theilnahme glänzten in jedem Auge. Ein Fläschgen Kraftgeistes
ward gebracht, ein Tropfe auf die Schläfe -- Jadilla schlug die Augen auf.
-- Wo ist meine Tochter? fragte sie mit matter Stimme.
Sie lebt! Sie lebt! -- rief das Volk untereinander, und freute sich wieder.
Sie lebt? Wo? Wo? -- fragte hastig erhohlt die Mutter.
Jadilla! Mein Weib! Sey getröstet! -- versezte Welly, indem er die Wankende
dem Zimmer zu führte. -- Wir sehen Jadilla wieder -- sey getröstet!
In der Schlosallee wand sich zur versammelten Gemeinde der edle Pfarrer des
Dorfes, entblöste sein schneelockigt Haupt, und begann mit zitternder
Stimme: »Meine Kinder! --
Aber der Haufe errieth sogleich, was er wolle, man ließ ihn gar nicht
ausreden -- Jeder, der gesunde und auch nur halbgesunde Füsse hatte lief
begeistert fort. Zwei Drittheile des Dorfes strömten dem Walde zu,
zertheilten sich in alle Gegenden, forschten überall, suchten alles aufs
neue durch, kamen viele Meilen weit in der Runde herum, keine Seele hatte
zum Unglük das kleine Mädchen, so nun den vierten Tag schon verschwunden
war, gesehen; sie wiederholten ihre Mühe; aber -- edles Völkchen! dein ward
nicht die Wonne den geliebten Grafen, die verehrte jammervolle Mutter zu
trösten mit dem gefundenen Kinde, an dem sie mit ganzer Seele hieng!
Fünftes Kapitel.
Der Gasthof.
Jadillchen fuhr inzwischen mit der fremden Dame immer weiter von der
heimischen Flur. Sobald ihr Wundenschmerz nachgelassen hatte, wurde das
Mädchen sehr munter, sie plauderte mit der Dame, die ihr allerlei
Näschereien gab und mit ihr spielte. Die niedliche Schwätzerinn behagte
jener immer mehr und mehr, so daß in der Seele der Fremden der Wunsch sich
regte: Wenn doch das liebe Kind bei mir bleiben könnte.
Endlich wekte der Anblik eines fremden Schlosses sie aus dem Spiele, und
Jadillchen schlug vor Freuden die Händchen zusammen: Mütterchen! Mütterchen
da ist! Vater und Salassin.
Das unbekannte Frauenzimmer mochte es aber nur zu gut merken, daß
Jadillchen durch die noch ungesehnen Bilder nicht wisse, wo es sey. Sie
ließ vor dem Schlosse den Wagen halten, stiegen ab, ein finstrer grämlicher
Mann trat tiefsinnig aus dem Gebäude, und gieng dem Garten zu, ohne beide
eines Blickes zu würdigen.
Ist das der Vater? -- fragte die Dame, die Jadillchen bei der Hand hielt.
Jadillchen schüttelte bestürzt den Kopf, und sah bald das Haus, bald ihre
Gefährtin an.
So müssen wie weiter fahren!
Jadillchen schluchzte. »Da ist nicht Vater und Mutter und Salassin!«
Wir werden sie schon finden! tröstete sie die Dame, und hob sie wieder in
den Wagen, wo das Mädchen durch den Reitz artiger Spielwerke bald wieder
allen Kummer vergaß, und nur dann es fallen ließ und Mütterchen! rief, wenn
sie ein Weib irgendwo oder ein Gebäude, dem väterlichen Schlosse ähnlich,
erblikte.
So fuhren sie ungefähr, bis der heiße Mittag allmählig seine segnenden
Strahlen auf die Fluren warf. Der Staub wirbelte in leichten Wolken unter
den Hufen den Rosse und Rädern des Wagens, und die schwüle Luft länger zu
athmen, war der Reisenden zu beschwerlich -- Sie kehrten in einem der
nächsten Gasthöfe an der Landstrasse grade zur Zeit schon ein, als Willot
dem Grafen anzeigte, Jadillchen könne er nicht finden.
Der Wirth des prächtigen Gasthofes, ein höflicher artiger Mann, kam ihnen
sogleich entgegen, und half den Ankommenden aus der Kutsche: faßte die Dame
beim Arme und erschrak als er ihr ins Gesicht blickte. Doch verbarg ers und
wies ihr ein Zimmer an, worinn alles war, was der bedürfnißvolleste Mensch
nicht gebraucht hätte, und doch war es blos ein noch ganz gewöhnliches
Zimmer. Tapeten üppiger an Gold und Seide als vor 500 Jahren Persiens
Monarchen sie besaßen, dekten die Wände: grünsamtne Ottomanen zum Ausruhn,
niedliche mit den schönsten Holzgattungen ausgelegte Tische, Spiegeln in
den Fensterläden und an den Wänden mit silbernen Rahmen. -- Ein Wink und
zwei geschäftige Diener flogen um das Verlangte.
Jadillchen machte große Augen. Außer den Gemächern des väterlichen
Schlosses, die zwar weit schöner und geschmakvoller waren, hatte das
Mädchen noch keine andern gesehn, und der Reitz der schönen Neuheit
bezauberte sie, daß Mütterchen spät erst wieder ihr in Erinnerung kam.
Sie genossen beide das Mahl. Die Reise hatte den Hunger erregt, und der ist
wie bekannt, nicht nur bei armen Poeten und Schuhflickern unsers
Jahrhunderts, sondern auch im 23. bei Damen und Kindern.
Nach dem Mittagsessen kam der Gastwirth und fragte nach einigen
gewöhnlichen Komplimenten.
Meine Dame, du scheinst mir nicht unsers Landes zu seyn?
»Ich bin hier fremde.«
Vergieb -- daß ich fragen muß, woher? wohin? wer? in welchen Geschäften? --
aber es ist Landessitte.
»Ich komme aus dem roten Kreise Deutschlands, von meinem Bruder dem Edlen
von Winzor, und reise zurük in meine Heimath nach England.
Und das ist ohne Zweifel -- deine Tochter? oder Enkelin das kleine Mädchen
da?
Die Dame nickte halbverlegen: Ja!
Der Gastwirth reichte ein großes Quartbuch mit stark vergoldetem Einbunde
der Dame hin, brachte Schreibzeug, und fuhr fort: -- Ich bitte, sey so gut,
deinen Namen hineinzuschreiben. Es ist Sitte bei uns, alle Durchreisenden
wo sie einkehren aufzuzeichnen. Theils der Ehre wegen, viele Gäste und
vorzüglich Edle aufweisen zu können, theils um aus der Menge der Passagiers
den Standwerth des Gasthofs taxiren zu können.
Die Dame schrieb ihren Namen in das Buch.
Wie? Saline Melson? Aus England?
»Ja! mein Herr!«
Dein Bruder -- Edler von Winzor?
»Ja! wie fragst du so auffallend?«
Und hast du deinen Bruder getroffen?
»Mein Herr --«
Erlaube -- wenn ich nicht irre -- ich habe dich, meine Dame jemal schon
gesehen.
»Sehr möglich wenn du in England vielleicht gewesen --« Sollte dir denn
meine Phisognomie gar nicht eine bischen bekannt vorkommen?
»Wie das? Ich --«
(Der Gastwirth küßt ihr bewegt die Hand) Kennst du --
(Die Dame ward frappirt) Wen?«
(Zu ihren Füssen stürzend) Deinen verstoßnen Sohn nimmer?
»Gott im Himmel mein Sohn! mein Jehnson! -- Die Stirnnarbe!« Sie umarmten
sich zärtlich, und als die erste Begeisterung des Entzückens verflogen war,
rief die Dame:
»Welch frohes Wiedersehen nach langen Jahren!«
Der Gastw. (im Erguß seiner Freude) Ja wohl nach langen, langen Jahren! Wie
so unverhoft! O meine Mutter was hab ich gelitten, was hab ich erduldet,
seit ich aus deinen mütterlichen Armen verstossen bin. Tausendmal wollt ich
zurük an dein Herz, das mich immer zärtlich geliebt, tausendmal zurück in
mein Vaterland fliehen, aber -- ach, mein Vater --