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Land und Leute
_Monographien zur Erdkunde_
Land und Leute
_Monographien zur Erdkunde_
In Verbindung mit hervorragenden Fachgelehrten
herausgegeben von
_A. Scobel_
~I.~
_Thüringen_
Bielefeld und Leipzig
_Verlag von Velhagen & Klasing_
1898
Thüringen
Von
A. Scobel
Mit 145 Abbildungen nach photographischen Aufnahmen und Kartenskizzen
[Illustration]
Bielefeld und Leipzig
_Verlag von Velhagen & Klasing_
1898
_Alle Rechte vorbehalten._
Druck von Fischer & Wittig in Leipzig.
Inhalt.
Seite
~I.~ Einleitung 3
~II.~ Geographische Übersicht 7
~III.~ Geschichtliche Übersicht 9
~IV.~ Saalthal und Saalplatte 12
~V.~ Osterländisches Stufenland 34
~VI.~ Frankenwald 42
~VII.~ Südöstlicher Thüringerwald 50
~VIII.~ Mittlerer und nordwestlicher Thüringerwald 64
~IX.~ Rennsteig 88
~X.~ Klima und Pflanzenwelt 91
~XI.~ Bevölkerung 96
~XII.~ Nordvorland, Ilmplatte und Thüringisches Becken 110
~XIII.~ Nördliche Grenzhöhen 129
~XIV.~ Südvorland 140
Statistische Übersicht 155
Übersicht der geologischen Formationen 155
Litteratur 156
[Illustration: Abb. 1. _Schwarzburg, vom Trippstein aus gesehen._
(Nach einer Photographie von Junghanns & Koritzer, Leipzig-Meiningen.)]
[Illustration: Abb. 2. _Arnstadt um 1650_ (nach dem gleichzeitigen
Stiche von Merian).]
Thüringen.
~I.~
Wie heller Glockenton am stillen Sonntagsmorgen klingt es über die
duftigen Gefilde. Goldener Sonnenschein lacht vom blauen Himmel, und
aus den Höhen tönt jubelnder Lerchengesang herab. Da weitet sich das
Herz, und Lust und Licht und Duft locken hinaus zur Wanderung durchs
thüringische Land! Die leicht eingesenkten Mulden, in deren Grunde
die klaren Bäche murmeln, sind von frischen Wiesen bedeckt, aus
deren Grün die blaßroten Blüten des Schaumkrauts und das bescheidene
Vergißmeinnicht, die gelben Dotterblumen, Hahnenfuß und der zart
gefiederte Löwenzahn leuchten. Die lilafarbenen Blüten des Salbei, die
blauen des Kreuzblümchens und des Ehrenpreis sind mit dem dreifarbigen
wilden Stiefmütterchen vereint zum Schmucke des Frühlings. In den
lichtblätterigen Hainen prangen heller Weißdorn, die bescheidene Blüte
der Erdbeere und Brombeere, das blau schimmernde Sinngrün, und wie
helle Teppiche weithin ausgebreitet auf dem dunklen Waldboden die
weißrötlichen Sterne des Windröschens. Die Waldränder sind geschmückt
mit den verrankten Hecken der wilden Rose, von deren dunkelgrünen
Blättern sich hell die zierlichen Blüten abheben.
In üppigem Grün stehen die Felder, die sorgsam abgegrenzt von der
Menschen Fleiß Zeugnis geben, in langen Streifen sich hinziehend,
selten von Hecken, Buschwerk oder Baumgruppen unterbrochen, als ob
die Wärme des Himmelslichts mit ganzer Fülle hereinströmen möge zur
Förderung des Wachstums und des Blühens. In sanften Wellen wölbt sich
die Landschaft; hier sind die Fluren eingeschlossen von rundlichen
Hügeln oder lang gestreckten niedrigen Bodenkämmen, dort weitet sich
der Raum, und das Auge schweift in unübersehbare Fernen. Wo der Boden
seine größte Fruchtbarkeit zeigt, drängen sich die menschlichen
Wohnstätten enger zusammen. Die Erde vermag hier viele ihrer Kinder zu
ernähren. Aus dem hellen Grün der Obstbäume, im Mai fast verdeckt vom
weißen Blütenschnee, schimmern die roten Ziegeldächer der Dorfhäuser,
die sich gesellig um die turmgekrönte Kirche schmiegen. Da und dort
grüßt ein stilles träumendes Landstädtchen, das wie vergessen von der
lärmenden Straße des Weltverkehrs fern abliegt, deshalb vielleicht um
so trauter und getreu die Gewohnheiten und Überlieferungen einer längst
entschwundenen Vergangenheit pflegend. Aber in der Nähe des eisernen
Schienenweges, vielleicht in der Richtung eines alten Handelszuges
oder einer Thalsenke, welche durch ihre Form die Verkehrsrichtung
vorschrieb, häufen sich die Häusermassen immer mehr zusammen, und hoch
ragende Schornsteine deuten auf die geräuschvollen Arbeitsstätten der
Industrie. Weichen die Getreidefelder zurück vor Gemüsepflanzungen und
weiten Blumengärten, die in gewaltigem Kreise die werdende Großstadt
umgeben, so gelangen wir in den Mittelpunkt der großen Landschaft, wo
die Bevölkerung sich in größerer Zahl verdichtet und wo ein reges Leben
flutet. Hier erheben sich die mächtigen Steinbogen und Mauern eines
Domes, Zeugen der mittelalterlichen Baukunst, mit zahlreichen Türmen
zur Höhe weisend und weit hinausgrüßend in die Lande.
[Illustration: Abb. 3. _Thüringen nach Mercators Darstellung vom Jahre
1628._]
[Sidenote: Städte.]
Manch andere Stadt entstand unter dem Schutze trotziger Burgmauern,
wo Landgrafen und Fürsten saßen und mit gepanzerter Faust Wacht
hielten, stets bereit zum blutigen Streit. Blühten doch auch unter
ihrem eisernen Schirm und Schutz die Künste und Wissenschaften, so daß
durch die Vielheit der Residenzen und durch das Bestehen einer weit
verzweigten Kleinstaaterei Bildung in weitere Volksmassen gelangte,
wie es in solcher Weise sonst nicht möglich gewesen wäre. Wo aber der
Wald am schönsten wuchs, reich belebt von Wild, und wo klare Wässer
rannen, da erhoben sich die Klöster mit ihren weithalligen Kirchen.
Die Klosterbrüder brachten nicht nur das Christentum, sondern vielfach
überhaupt die Anfänge der Kultur, denn sie rodeten den Wald und legten
Pflanzungen an, sie bauten Wein, errichteten an den wasserreichen
Bächen Mühlen, in denen der Felder Frucht gemahlen wurde, sie legten
Teiche an zur Förderung des Fischreichtums, sie entwässerten Sümpfe und
machten unbrauchbares Land urbar. Seitdem freilich die Verheerungen
kriegerischer Jahre über diese Stätten hinwegbrausten, sind schon seit
Jahrhunderten die Klosterbewohner und die Pilger zerstreut in alle
Weiten, die Baulichkeiten sind meist verfallen, in ihrem epheuumrankten
Resten noch Zeugnis gebend von alter Zeit, als deren letzte
Erinnerungen die bildreichen Grabsteine eine stumme Sprache reden.
[Illustration: Abb. 4. _Geologische Skizze von Thüringen._]
[Sidenote: Klöster und Burgen.]
Weit im Westen erhebt sich eine Bergmasse als ein kleines Tafelland,
wegen seiner alten Eichen schon frühe das Eichsfeld geheißen.
In riesigem Kranze erstrecken sich gen Mitternacht bis nach der
Morgenseite hinüber eine Reihe von Bergwällen, einsam und still,
bewachsen von herrlichen Buchen, aus deren grünen Wölbungen hier und
da eine Burgruine emporlugt. Mitten in diesem Kranze erhebt sich der
Kyffhäuser, um dessen geborstenes Gemäuer Sagen und Lieder klangen
in Sehnsucht nach der deutschen Einheit. Aus dem Herzen des Landes
rauschen die Wässer der Unstrut, die den Bergkranz durchbricht und dann
durch ein Thal fließt, über dessen Fluren und Burgen die Geschichte mit
ehernem Fuß hinwegschritt. Jetzt grüßen aber freundliche Städtchen und
helle Schlösser herunter ins Thal, und an den sonnigen Hängen, wo sich
die Unstrut mit der Saale eint, grünen Rebenhügel in üppiger Fülle.
[Sidenote: Saale und Rennsteig.]
In großen Schlangenwindungen zieht die Saale ihren Weg durch ein
breites schönheitgesegnetes Thal. Schiller widmete ihr die Verse:
»Kurz ist mein Lauf und begrüßt der Fürsten, der Völker so viele;
Aber die Fürsten sind gut, aber die Völker sind frei.«
[Illustration: Abb. 5. _Merseburger Schloß_, von der Saale gesehen.
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)]
Ihre Wellen ziehen vorüber an manch alter Stadt, an Weinbergen und
alten Trutzburgen und tragen zu Flößen verbunden zahllose Stämme
des Gebirgswaldes. In ihrem Oberlaufe rücken die Thalränder enger
zusammen, bis zuletzt selbst für eine menschliche Ansiedelung kein
Raum übrigbleibt und der Fels in glatten Wänden bis ins Wasser
heruntersteigt. Zahlreiche Bäche rauschen von den Höhen herab aus dem
Schatten dunkler Tannen und Fichten, die den mächtigen Gebirgsbuckel
mit grünem Mantel umhüllen. In den Seitenthälern weiten sich da und
dort kleine Wiesenmulden und tragen betriebsame Ortschaften, die mit
dem Fels ihrer Nachbarschaft bekleidet sind: vom Dachfirst bis zur
Sohle sind die Häuser mit Schieferplatten bedeckt und bringen in das
Tannendunkel eine noch ernstere Färbung.
Droben aber auf dem Gebirge läuft ein geheimnisvoller verschwiegener
Bergpfad durch die Waldeinsamkeit, der alte Rennsteig auf der
Scheidelinie, von der die Gewässer nach beiden Seiten abrinnen. Durch
vieler Herren Länder, von denen uns alte Wappensteine Kunde geben,
zieht der Pfad, teils im dichten rauschenden Hochwald, zwischen dessen
silbergrauen Stämmen zierliche hellgrüne Farne emporwachsen, teils
Ausblicke gewährend nach fernen duftumflossenen Höhenzügen und in
grüne Thäler, in denen friedliche Ortschaften eingebettet sind. Nicht
ein Laut dringt herauf von den belebten Arbeitsstätten, wo die Säge
kreischt und die Drehbank klappert oder wo Schmiedefeuer glühen und
die Hämmer den Takt schlagen. Außer dem Schrei des Wildvogels oder dem
Gesang der Waldvögel schallt nur der Axtschlag durch den Wald, der
manchen jahrhundertealten Baum trifft, um ihn dem heimatlichen Boden zu
entreißen; oder es tönt ein metallischer Klang herauf, der von Männern
herrührt, die das Schiefergestein absprengen und es zu Tafeln oder
Griffeln verarbeiten.
Wo aber der Bergpfad dem Kamme folgt, der immer schmaler wird und
von dessen Flanken sich tiefe Thäler einschluchten, deren obere
Mulden fast bis zum Rennsteig selbst reichen, da nimmt der Wald eine
freundlichere Färbung an, Tannen und Fichten bleiben zurück, und über
dem Dickicht der Beerensträucher streben leuchtende Buchen empor.
Ihre Baumkronen wölben sich wie gotische Dome, durch deren Maßwerk
die Sonne goldene Lichter sendet, und aus dem grünen Laube singt und
jubelt es in vielstimmigem Gesange. Malerischer und bewegter sind hier
die Formen des Gebirges, und es erschließt sich hier der anmutigste
und gepriesenste Teil des Thüringerwalds: in den Waldthälern trauliche
Ortschaften, auf den Höhen so manche zerborstene Burg. Am herrlichsten
von allen aber grüßt die Wartburg herab, von deren wunderbarer
Vergangenheit Sagen und Lieder erzählen. In dichterischem Glanze
erscheinen Ritter und Edelfrauen, die Säle hallen von Waffenklang und
Sängerstreit wieder, es erklingen Eisenspeere und Minnelieder, und
wenn der Abendsonne Gold hinter den Höhen des Ringgaus verglüht, des
Mondes Silberstrahlen über die rauschenden Buchenwipfel fluten, dann
singt und klingt es dem kundigen Wanderer wie Erinnerung aus blühendem
Mittelalter.
Wo die Gewässer des Gebirges südwärts fließen, breitet sich in hellem
Duft das Werrathal aus, geziert von mancher lebensfrohen Stadt.
Auch hier grüßen von den Vorbergen altersgraue Rittersitze, und am
glänzenden Flusse ragen verlassene Klosterhallen empor, bekränzt
vom dunklen Epheu oder vom wilden Wein, aber vom verfallenen Turme
läutet frommen Wallfahrern keine Glocke mehr. Dort dehnen sich
die geschichtsreichen und doch heute so stillen Gelände des alten
Grabfeldgaues. Im Südosten aber ragt die schöne kleine Hauptstadt
aus üppigen Gärten mit ihrem Kranze von Bergen und Burgen, die
hinüberschauen in die blühenden Gefilde des Mainthals.
[Illustration: Abb. 6. _Dom zu Merseburg._
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)]
~II.~
[Sidenote: Das westliche Gebirge. Ausdehnung Thüringens.]
Im Herzen Deutschlands erhebt sich das Gebirge des Thüringerwaldes,
ausgezeichnet durch die Schönheit seiner Umrißlinien, bedeckt von
üppigen Wäldern, gegliedert durch anmutige Thäler, in denen eine
arbeitsame und sangesfrohe Bevölkerung wohnt. Schon auf alten Karten
war unter dem Namen Thüringerwald das ganze Gebirge zwischen Werra
und Fichtelgebirge verstanden worden, wenn auch über seine einzelnen
Gebiete noch etwas verworrene Anschauungen herrschten, wie unsere
Abb. 3 zeigt, die besonders im Flußnetz die kühnsten Linien aufweist.
Jedenfalls wurde schon in alter Zeit der Frankenwald miteingeschlossen,
eine Auffassung, die heute noch gilt und die einzig volkstümliche
ist. Weit aber über den Thüringerwald hinaus dehnen sich die Grenzen
der Landschaft Thüringen, vom Werradurchbruch im Nordwesten bis
über die Saale hinaus im Südosten -- wo Altenburg politisch noch zu
Thüringen zählt -- von dem Ufergelände der Werra im Süden bis an den
Erhebungskranz im Norden, wo von den Höhen des Kyffhäusers das mächtige
Kaiserdenkmal hinunterschaut in die fruchtbaren Gefilde der Goldenen
Aue.
[Illustration: Abb. 7. _Kreuzgang im Merseburger Dom._
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)]
[Sidenote: Alte Schilderung Thüringens.]
Im ältesten Mittelalter wurde das Gebirge wohl als Loiba oder Leube
bezeichnet, d. h. waldige Höhe; noch heute nennt man in Thüringen
das Obergestock im Hause oder den Galeriegang in der Kirche Leibe
oder Leim. Nur in einigen Teilen des Gebirges hat sich dieser älteste
Name noch bis heute erhalten, so in der Struther Leube, in der Zeller
und Suhler Leube, letztere das Waldgebiet zwischen Suhl und dem
Gebirgskamm umfassend. Jetzt redet das Volk schlechthin vom »Wald«,
im Gegensatz zum flachen Lande. In den 1651 erschienenen deutschen
Erläuterungen (die übrigens mit dem Text des in Amsterdam 1635 von
Blaeuw herausgegebenen Atlas wörtlich übereinstimmen) zu der erwähnten
Karte (Abb. 3) ist Thüringen in wenigen Sätzen gekennzeichnet: »Ist ein
vberauß Fruchtbar Land vnd sonderlich an der Mänge vnd fürtrefflichkeit
deß Getreyds allen andern in gantz Teutschland vberlegen, derowegen
es denn Georgius Agricola nicht vnbillich deß Teutschlands Sumen oder
Schmaltz zu nennen pflegt ... Also hat es auch an Obs vnd andern
dergleichen Früchten fast durchauß keinen Mangel, jedoch gar nichts von
Wein, als was man auß dem Land zu Francken, von dem Rheinstrom vnd von
andern Orten dahin bringt: macht aber an statt desselbigen ein sehr gut
vnd wolgeschmackt Bier, mit welchem der Durst nach lust und notturfft
auch gelöschet werden kan. Der reichen Bergwercke von Gold vnd Silber
vnd grossen vorraths von Saltz zu geschweigen ... mit Wäldern ist es an
vielen Orten fast gantz vberdeckt, welche allesampt allerley Wildbret
in grosser menge von sich geben. Endlich hat es in diesem Land auch
viel Kirchen vnd Clöster ... Die Inwohner aber deß Thüringerlands sind
grimmige vnd harte Leute, so den Feind auch mit ihrem blossen Ansehen
erschrecken, einer grossen länge, vnd stärcke, schwartzbraunen Farb vnd
guten gestalt.«
[Sidenote: Geologische Verhältnisse.]
Wollen wir die Formen Thüringens ganz verstehen, so müssen wir sein
erdgeschichtliches Werden verfolgen und die ganze Landschaft nur als
ein Glied in der Gruppe der mitteldeutschen Gebirge betrachten. Der
Untergrund besteht zunächst aus den Resten uralter Gebirge, deren
Bildung zur Steinkohlenperiode vollendet war. Durch einen gewaltigen
Druck aus Südost war ein großes von Südwest nach Nordost streichendes
Faltengebirge entstanden, dessen Achsen noch im Frankenwalde und
Erzgebirge sichtbar sind; man nennt dieses nordöstliche Streichen
auch erzgebirgisches Streichen. Die Sättel dieses alten Gebirges
wurden in der Zeit des Rotliegenden[1] besonders im Nordwesten teils
abgetragen und eingeebnet, die Thäler des untergetauchten Gebirges
mit den Geröllen des Rotliegenden zugeschüttet. Zu gleicher Zeit
erfolgten zahlreiche Eruptionen, die namentlich Porphyre und Melaphyre
empordringen ließen. Das Gebirge sank unter den Meeresspiegel und wurde
durch Brandung stark zerstört (abradiert). Diese Umwälzungen dauerten
von der Triasperiode bis zur Jura- und Kreidezeit, bis endlich in der
Tertiärzeit das Gebirge in erneuter Form wieder erstand. Vielfach
kamen jetzt auch von Südwest wirkende Druckkräfte in Thätigkeit,
die ein von Südost nach Nordwest gerichtetes Streichen, nach dem
Böhmer Wald hercynisches Streichen genannt, veranlaßten. Hierdurch
entstanden große Brüche und das Gebiet wurde in eine Anzahl einzelner
Schollen zerteilt, die sich unabhängig voneinander bewegten, so
daß sich entweder das Gebirge hob oder das Vorland senkte. Auf der
fränkischen Seite trennen die Brüche das paläozoische Gebirge von der
Trias, auf der Nordostseite verlaufen die Brüche in der Triaszone.
In bedeutenden Schichtenbiegungen fallen Zechstein, Buntsandstein
und Muschelkalk vom Gebirge ab und gehen in die flache Lagerung des
thüringischen Vorlandes über. In der neueren Zeit sind dann Zechstein
und Trias von den Höhen des Gebirges abgeschwemmt und dieses um etwa
1200 ~m~ erniedrigt worden. Trotzdem überragen dort noch zwei große
Landschollen horstartig das gesunkene Land, die beiden Horste des
Thüringerwaldes und des Harzes, die im Südwesten und Nordosten das
Thüringische Becken begrenzen (Abb. 4). Im Südosten des Thüringerwaldes
und des Frankenwaldes wurde die Brandungsfläche entblößt, so daß hier
die alten Schiefer sichtbar sind. Im nordwestlichen Thüringerwald
sind vielfach die weicheren Gesteine der Verwitterung anheimgefallen,
der die Porphyre und Granite aber erfolgreich widerstanden. Der
Wechsel von härteren und weicheren Gesteinen, aufgeschlossen durch
die einschneidenden Thäler, bedingt hier die Mannigfaltigkeit der
Landschaftsformen.
[1] Am Schlusse des Buches ist eine Übersicht der wichtigsten
geologischen Abteilungen gegeben.
[Illustration: Abb. 8. _Schloßhof zu Merseburg._
(Nach einer Photographie von F. Herrfurth in Merseburg.)]
~III.~
[Sidenote: Thüringen bis zum ~X.~ Jahrhundert.]
Noch wechselreicher als seine Oberfläche ist die Geschichte Thüringens.
Die Thüringer gelten als Nachkommen der alten Hermunduren und treten
zuerst im ~V.~ Jahrhundert in die Geschichte. An der Unstrut brach das
Königreich Thüringen zusammen, die Thüringer erlagen den fränkischen
Eroberern, und die alte Königsburg Scidingi (Burgscheidungen) fiel 531
in die Hände der Franken. Die nordwärts der unteren Unstrut und Helme
gelegenen Gebiete wurden gegen Zahlung eines Jahreszinses den Sachsen
überlassen, das übrige Thüringen wurde den Franken botmäßig. Im ~VII.~
Jahrhundert erstarkte Thüringen durch die Kämpfe seiner Bewohner gegen
die westwärts vorrückenden Slaven. Irische Mönche bereiteten das Volk
zur Annahme des Christentums vor, und 719 kam Winfried (Bonifatius)
nach Thüringen, um für die Ausbreitung der christlichen Lehre zu
arbeiten. Unter Karl dem Großen wurde Thüringen immer enger mit dem
Frankenreiche verknüpft, um mit ihm gemeinsam das Vordringen der Slaven
zu bekämpfen. Im ~VIII.~ Jahrhundert galt die Saale als ethnographische
und politische Grenze, und das Grenzgebiet an Saale, Unstrut und
Gera wurde zur Thüringischen Mark; bis hierher durften die deutschen
Kaufleute mit den Slaven Handel treiben. Von hier aus suchten im ~IX.~
Jahrhundert die Markgrafen eine Vorherrschaft für ganz Thüringen zu
begründen. Durch den lang ausgedehnten Befestigungskranz der Burgen an
den Uferhöhen der Saale wurden aber die Slaven in Schach gehalten.
[Illustration: Abb. 9. _Die Lauchstädter Bühne mit den aus dem Jahre
1803 erhaltenen Dekorationen._
(Nach einer Photographie im Besitz des Herrn Franz Peschel in
Straßburg.)]
Im ~X.~ Jahrhundert übernahm das sächsische Geschlecht die Führung
in den östlichen Grenzmarken. Die 965 erfolgte Dreiteilung der
Thüringischen Mark in eine Merseburger, Zeitzer und Meißnische Mark
wurde zur Grundlage der Bistumsgründung für die drei genannten
Gebiete. Bis zum Anfange des ~X.~ Jahrhunderts wohnte das Volk in
offenen Dörfern, und erst dann begann man, die Wohnplätze gegen
feindliche Einfälle mit Mauern, Gräben und Bollwerken zu schützen. Aus
diesen Plätzen erblühten dann die Städte, die zu Haupthaltestellen
für die Richtungen des damaligen Handelsverkehrs wurden. Neben der
Gemeindeverfassung kam für die Ausbildung des Städtewesens erst in
zweiter Linie das Gedrängtsein der Wohnungen hinter schirmenden Mauern
und der dadurch gewährleisteten Blüte von Handel und Gewerbe. Um
die Ausdehnung des Binnenverkehrs war auch die Geistlichkeit in den
größeren Bischofssitzen, Klöstern und Stiftern bemüht, und sie richtete
bei Gelegenheit großer Feste ihrer Schutzheiligen einen Markt ein, zu
dem Zoll- und Münzrechte leicht zu erlangen waren. So ward Hochmesse
und Markt gleichbedeutend als »Messe«, eine Vereinigung von geistlichen
und weltlichen Geschäften, die in katholischen Gegenden heute noch
häufig besteht.
[Sidenote: Thüringen vom ~XI.~ bis ~XV.~ Jahrhundert.]
Im ~XI.~ Jahrhundert kam in Thüringen das Geschlecht des Grafen Ludwig
des Bärtigen zu Macht und Ansehen, besonders unter seinem Sohne Ludwig
dem Springer, dem Erbauer der Wartburg und der Neuenburg bei Freyburg
an der Unstrut. Im Jahre 1130 wurde Thüringen zur Landgrafschaft und
gelangte dadurch zur Einheit und gedeihlichen Entwickelung. Unter
Hermann ~I.~ soll 1207 der durch Dichtung und Sage verherrlichte
Sängerkrieg auf der Wartburg stattgefunden haben. Nach dem
Thüringischen Erbfolgekrieg (1247-1263) kam Thüringen an Heinrich den
Erlauchten, den Wettiner, dessen Sohn Albrecht der Unartige mit seinem
Vater und Brüdern, später mit seinen eigenen Söhnen in unaufhörlicher
Fehde lag. Friedrich der Streitbare erwarb 1423 das Herzogtum Sachsen
und die Kurwürde, wodurch der Name Sachsen auch auf die thüringischen
Besitzungen der Wettiner übertragen wurde. Von den vielen Hunderten
von Grafen und Herren, die in den übrigen Teilen Thüringens die
Territorialgewalt ausübten, waren die wichtigsten die Grafen von
Henneberg, die Grafen von Schwarzburg, die Vögte von Weida, Gera und
Plauen, die Ahnherren der Fürsten von Reuß.
[Illustration: Abb. 10. _Weißenfels um 1650_ (nach dem gleichzeitigen
Stiche von Merian).]
[Sidenote: Thüringen vom ~XV.~ bis ~XIX.~ Jahrhundert.]
Nach der Erbteilung von 1445 erhielt Wilhelm, Herzog von Sachsen, die
Landgrafschaft Thüringen, die fränkischen Besitzungen sowie einige
Ämter des Osterlandes. Nach Beendigung eines Bruderkrieges zwischen
Wilhelm und Friedrich ~II.~, dem Sanftmütigen, raubte 1455 Kunz von
Kaufungen aus dem Altenburger Schlosse die beiden Söhne Friedrichs
~II.~, Ernst und Albrecht, die späteren Stifter der beiden sächsischen
Hauptlinien. 1485 erfolgte die Leipziger Teilung, wodurch Ernst
Thüringen und die Kurwürde erhielt, Albrecht erhielt Meißen; in das
Oster- und Pleißenland teilten sich beide. Seitdem blieb das sächsische
Haus in die zwei Linien, die Ernestinische und Albertinische, getrennt.
In die Regierungszeit Friedrich des Weisen (1486-1525) fällt das Wirken
Luthers. Auf Friedrich folgte sein Bruder Johann der Beständige, als
in die Gefilde Thüringens der Bauernkrieg Blut und Verderben brachte.
Johann starb schon 1532, und nach seinem Tode führte Johann Friedrich
mit seinem minderjährigen Bruder Johann Ernst anfangs gemeinsam die
Regierung, entschädigte ihn aber im Torgauer Vertrage 1541 mit Geld
und der Pflege Coburg. Nach dem für die Evangelischen unheilvollen
Schmalkaldischen Kriege kam 1547 die Wittenberger Kapitulation
zustande, worin Johann Friedrich seiner Herrscherwürde entsagte, 1552
aber wieder eingesetzt wurde und 1554 in der Naumburger Kapitulation
einen großen Teil der früher an die Albertiner verlorenen Gebiete
wieder zurückerhielt. Unter seinen drei Söhnen gingen die Wogen wieder
hoch; Johann Friedrich der Mittlere kam mit dem wegen seiner Händel
berüchtigten fränkischen Ritter Grumbach in unliebsame Freundschaft,
weswegen er in die Reichsacht gethan wurde. Nach 28jähriger
Gefangenschaft starb er. Immer wieder gab es Verzichtleistungen,
Verpfändungen und Teilungen. Eine der wichtigsten Teilungen war die
von 1572, in der die Grundgebiete der heutigen Herzogtümer Gotha und
Weimar festgelegt wurden; auch bei den reußischen und schwarzburgischen
Gebieten wurde damals der Grund zu den heutigen Besitzverhältnissen
gelegt. Im Jahre 1638 wurde eine weimarische, eine eisenachische
(die aber 1645 an Weimar kam) und eine gothaische Linie gegründet.
Die Greuel des dreißigjährigen Krieges sind über Thüringen schwer
dahingebraust und haben in vielen Orten neun Zehntel der Bevölkerung
dahingerafft.
Als Glieder des 1805 gestifteten Rheinbundes nahmen die Herzogtümer
die in ihren Landen gelegenen reichsritterschaftlichen Gebiete
in Besitz. Als 1825 mit dem Tode Friedrichs ~III.~ die Linie
Gotha-Altenburg ausstarb, gab es wieder Erbstreitigkeiten, die
aber durch den Erbteilungsvertrag von 1826 geschlichtet wurden.
Der Herzog von Hildburghausen überließ sein ganzes Land seinen
Mitbewerbern, empfing aber dafür das Herzogtum Altenburg. Gotha wurde
mit Coburg, Hildburghausen und Saalfeld mit Meiningen vereinigt,
von kleineren Gebietstauschen abgesehen. Damit entstanden die drei
noch heute blühenden Linien des sächsisch-Ernestinischen Hauses:
Meiningen-Hildburghausen, Coburg-Gotha und Altenburg. Auch die
schwarzburgischen Linien Rudolstadt und Sondershausen erlangten 1825
völlige Selbständigkeit.
Schon während der Landgrafenzeit hatte die Kirche in den thüringischen
Landen ihre Besitzungen weiter ausgedehnt und befestigt. Im südlichen
Teile griffen die Besitzungen der Abtei Hersfeld bis gegen Salzungen
auf thüringisches Gebiet über. Das Erzbistum Mainz hatte Erfurt und das
Eichsfeld im Besitz, an der Saale blühten die Bistümer Merseburg und
Naumburg-Zeitz. Vom ~XII.~ bis ~XV.~ Jahrhundert waren eine große Zahl
Stifter, Klöster und Ordenshäuser entstanden. Im Jahre 1803 kam Erfurt
sowie das Eichsfeld an Preußen, ebenso die nördlichen thüringischen
Besitzungen des Kurhauses Sachsen.
~IV.~
[Sidenote: Merseburg.]
Wir beginnen unsere Wanderung am Nordostpfeiler Thüringens, bei der
alten auf hohem Uferrande gelegenen preußischen Kreisstadt Merseburg
(18800 Einw.). Die Stadt lag dicht am slavischen Wohngebiete, erhob
sich im ~X.~ Jahrhundert unter König Heinrichs, des »Städtegründers«
Regierung hinter neuen Mauern und umschloß den Dom, der später Sitz
des Bistums wurde, sowie die Pfalz den Hof zu vereinigen pflegte. Als
Stifter Merseburgs kann Heinrich der Finkler angesehen werden, der als
Markengründer so segensreich im Osten unseres Vaterlandes waltete.
Otto ~I.~ gründete infolge eines Gelübdes das Domstift, das für
Kultur und Verbreitung des Christentums im deutschen Osten von hoher
Bedeutung war. Der alte Dom und das Schloß sind die Charaktergebäude
Merseburgs, die flußwärts das Landschaftsbild beherrschen (Abb.
5). Die Turmbauten des Domes stammen noch aus dem ~XI.~ Jahrhundert,
die anderen Bauteile meist aus dem ~XIII.~ Jahrhundert, das
spätgotische Schiff aus dem Ende des ~XV.~ Jahrhunderts. Der Dom
(Abb. 6) strebt nicht sehr in die Höhe, macht aber trotz seiner 1886
vollendeten Erneuerung einen altertümlichen Eindruck und besitzt einen
außerordentlich stimmungsvollen Kreuzgang (Abb. 7). Im Chor befindet
sich eine Metallplatte als Denkmal für den 1080 im Kampfe gegen
Heinrich ~IV.~ gefallenen Gegenkönig Rudolf von Schwaben. Das Schloß
umfaßt mit seinen drei Flügeln einen weiten viereckigen Hof von sehr
malerischer Wirkung (Abb. 8). Der turmreiche Bau wurde 1483 bis 1561
errichtet, Ende des ~XVII.~ Jahrhunderts zum Teil erneuert und ist
jetzt Regierungsgebäude. Im Schloßhofe stehen ein figurengeschmückter
dreiseitiger Ziehbrunnen und der alte schwarze Käfig, worin der
historische Merseburger Rabe gefüttert wird. Die Sage erzählt von
einem dem Bischof Thilo von Throta gestohlenen Ringe, den ein Rabe bei
geöffnetem Fenster aus des Bischofs Gemach getragen; von dem Verdacht,
der auf einen der bischöflichen Diener gelenkt wurde, der unter der
Folter ein Geständnis machte und darauf hingerichtet wurde; und wie
dessen Unschuld an den Tag kam, als ein Schieferdecker bei Ausbesserung
des Turmes den Ring im Rabenneste auffand. Die Stadt entwickelt sich
neuerdings zu einem lebhaften Industrieplatze.
[Illustration: Abb. 11. _Naumburg._
(Nach einer Originalaufnahme von Carl Becker in Naumburg.)]
In dem Dreieck Halle-Weißenfels-Leipzig reicht die
Sächsisch-Thüringische oder Leipziger Bucht des Norddeutschen
Tieflandes bis nach Thüringen hinein, im äußersten Dreieckwinkel
das Ausgangsthal der Saale einschließend und deshalb die beste
Eingangspforte nach Thüringen bildend. Mit Ausnahme des Südwestens und
Westens entwässert ganz Thüringen zur Saale, deren Nebenflüsse zur
Linken ins Land hineingreifen wie ein aufgespannter Fächer. Die Saale
ist also der bedeutendste Fluß Thüringens und bildet in der Thalstrecke
Merseburg-Naumburg einen natürlichen Verbindungsweg zwischen Ost und
West. Von der Quelle bis zur Mündung in die Elbe hat sie eine Flußlänge
von 450 ~km~ und ein Stromgebiet von 23776 Quadratkilometern.
[Illustration: Abb. 12. _Schulpforta._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
[Sidenote: Lauchstädt. Weißenfels. Zeitz.]
In sanfter Abdachung gegen die Saale endet hier die Querfurter
Platte (Thüringische Grenzplatte), deren Muschelkalk meist von
Tertiärschichten oder Diluvialgebilden bedeckt ist und außer dem
westlichen der Unstrut zugewandten Steilrande nur bei Mücheln und
Branderoda zu Tage tritt. Die flach gebuchteten Thäler der Laucha und
Geisel sind hier am dichtesten mit Siedelungen besetzt, und in beide
Thäler führen jetzt Eisenbahnen. Dort sind Lauchstädt (2100 Einw.) und
Schafstädt (2800 Einw.), hier Mücheln (1600 Einw.) die einzigen Städte.
Lauchstädt hat eine seit 1710 gefaßte erdig-salinische Eisenquelle (11°
~C.~) und war früher Sommerresidenz der Herzöge von Sachsen-Merseburg.
Während seiner höchsten Blütezeit war es oft Sommeraufenthalt von
Karl August von Weimar und Goethe, die auch den Vorstellungen der
weimarischen Schauspielergesellschaft auf der kleinen Bühne (Abb. 9)
beiwohnten. Hier ging zuerst in Anwesenheit Schillers am 19. März 1803
die »Braut von Messina« über die Bretter, deren Proben Goethe geleitet
hatte. Südlich des Geiselthales erhebt sich der 159 ~m~ hohe Janushügel
bei dem Dorfe Roßbach, wo 1757 Friedrich der Große die Franzosen schlug.
Östlich von Merseburg winden sich in grünen weit ausgedehnten Auen die
Arme der Luppe und Elster, die unterhalb Merseburgs ihre Wasser der
Saale zuführen. Das rechte Saalufer bleibt nun flach bis zum kleinen
aufstrebenden Solbade Dürrenberg (250 Einw.), dessen Salzwerk der
Zechsteinformation angehört. Auf der östlich sich ausbreitenden Ebene
liegen das Dorf Schladebach, bekannt wegen seines 1748 ~m~ tiefen
Bohrloches, und die Stadt Lützen (3700 Einw.), wo 1632 Gustav Adolf
von Schweden fiel und wo 1813 bis zum Dorfe Großgörschen zwischen den
Verbündeten und den Franzosen gekämpft wurde. Oberhalb Dürrenberg
treten leichte Böschungen zu engerer Umrandung der Saale zusammen. Auf
dem Hochrande des linken Ufers liegt der Eisenbahnknotenpunkt Korbetha.
Malerisch am rechten Saalufer erbaut ist Weißenfels (26000 Einw.), das
seinen Namen vom »weißen Fels« hat, dem hell schimmernden Sandstein,
der hier die Uferränder bildet. Die preußische Stadt wird vom Schlosse
Neu-Augustusburg (Abb. 10) überragt, das von 1680-1746 die Residenz der
Herzöge von Sachsen-Weißenfels war. In der lebhaften Industrie nimmt
die Herstellung von Schuhwaren einen bedeutenden Rang ein. Den ersten
Anstoß zum Aufschwung der Stadt gaben aber die reichen Braunkohlenlager
der weiteren Umgebung. Von hier aus dehnt sich ein weites Gebiet über
Teuchern (5400 Einw.) bis Stößen (1250 Einw.), Osterfeld (1700 Einw.),
Hohenmölsen (3000 Einw.) und Zeitz aus, das außerordentlich reich an
Braunkohlengruben ist und wo sich infolgedessen eine Großindustrie
in der Herstellung von Solaröl, Teer und Paraffin entwickelt hat,
deren Bedeutung sich an der Anlage mehrerer Eisenbahnlinien erkennen
läßt. Die jährliche Kohlenförderung im Regierungsbezirk Merseburg
beschäftigt etwa 13000 Arbeiter und bringt acht Mill. Tonnen im Werte
von 18 Mill. Mark. Die seit 1815 preußische Stadt Zeitz (24800 Einw.)
erhebt sich auf den Buntsandsteinhöhen am Südufer der weißen Elster und
ist eine außerordentlich betriebsame Fabrikstadt, in deren Umgebung
viele Braunkohlenwerke im Betrieb sind. Das ehemalige Bistum bestand
nur von 968-1028, in welchem Jahre es nach Naumburg verlegt und dann
Naumburg-Zeitz genannt wurde. Das Schloß Moritzburg (an Stelle des
bischöflichen im ~XVII.~ Jahrhundert erbaut) ist jetzt Armen- und
Besserungsanstalt.
[Illustration: Abb. 13. _Bad Kösen._
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer,
Leipzig-Meiningen.)]
[Sidenote: Naumburg. Weinbau.]
Der schönste Teil des Saalethales ist sein mittlerer Teil von Naumburg
bis Saalfeld, wo der Fluß im Muschelkalk und Buntsandstein sich ein
geräumiges Bett gegraben hat. Schon oberhalb von Weißenfels mehren sich
die alten Burgen, die von den Uferhöhen ins Thal hinunterleuchten und
uns die Wichtigkeit dieses Flußstückes für den Verkehr erkennen lassen.
Im allgemeinen sind die Orte am linken Ufer als Verteidigungsposten
gegen die vordrängenden Slaven zu betrachten, während die Hauptpunkte
am rechten Ufer zum Schutze der Straße dienten und zur Förderung der
Slavenunterwerfung angelegt wurden. Am linken Ufer ist hoch oben
Schloß Goseck erbaut, schon 899 eine Schutzburg gegen die Sorben,
dann Sitz der sächsischen Pfalzgrafen. Im Jahre 1041 wurde Goseck in
eine Benediktinerabtei umgewandelt und dort in Basilikenform eine
kleine Kirche erbaut. Heute ist Goseck ein epheuumrankter Gutssitz,
von dessen üppigen Gartenanlagen aus man herrliche Blicke ins
Saalthal hat. Gegenüber am rechten Ufer erhebt sich der alte Turm der
Schönburg (Sconinburg = schöne Burg), 1062 vom Landgrafen Ludwig dem
Springer erbaut und später zum Hochstifte Naumburg gehörig. Als die
Burgvögte sich aber dem Räuberhandwerk ergaben, wurde die Burg 1446
zerstört. Unweit mündet das Thal der Wethau, das bis zum Buntsandstein
einschneidet und im unteren Teile kräftige Formen zeigt. Der Thalgrund
ist mit Wiesen erfüllt, die Hänge mit einzelnen Baumgruppen geschmückt;
im oberen Teile verflacht es sich und führt langsam zur Höhe von
Eisenberg, einer welligen Fläche mit vorwiegendem Landbau; bewaldete
Thalränder oder flache bewaldete Kuppen verleihen der Landschaft
abwechslungsvollen Reiz.
[Illustration: Abb. 14. _Die Rudelsburg und Saaleck._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
An der Unstrutmündung erreicht die grüne Saalaue eine Breite von 1-2
~km~. Hier liegt auf der Höhe der Muschelkalkplatte am rechten Saalufer
Naumburg (21200 Einw.), einst der Sitz des von Zeitz hierher verlegten
Bistums und ein Mittelpunkt für die Ausbreitung des Christentums nach
dem Osten. 1534 kam es an Sachsen und 1815 nach den Beschlüssen des
Wiener Kongresses an Preußen. An die alte Zeit erinnert der schöne im
~XIII.~ Jahrhundert im romanisch-gotischen Übergangsstil erbaute Dom.
An der Stelle des heutigen Oberlandsgerichts stand die vom Markgraf
Eckard von Meißen zu Ausgang des ~X.~ Jahrhunderts gegründete Neue
Burg (= Naumburg). Die Stadt (Abb. 11) hatte früher bedeutende Messen,
erfreut sich jetzt lebhafter Industrie und treibt mit großem Erfolg
Obst-, Gemüse- und Weinbau.
[Illustration: Abb. 15. _Dornburg_ um 1650 (nach dem gleichzeitigen
Stich von Merian).]
[Illustration: Abb. 16. _Dornburg._
(Nach einer Photographie von Sophus Williams in Berlin.)]
Von hier saalaufwärts bis in die Gegend von Jena und an der unteren
Unstrut hat die Anlage von Weinbergen, die mit ihren kleinen
Wachthäuschen hoch an den Muschelkalkwänden hinaufreichen, der Gegend
ein besonderes Gepräge gegeben; der Ertrag wird meist zu Schaumweinen
verarbeitet. Es sind dies solche Gebiete, die eine wirkliche mittlere
Jahrestemperatur von 8-9°~C.~ haben, deren Sommerwärme aber noch
beträchtlich erhöht wird durch ihre offene Lage nach Süden, wodurch
eine außerordentlich wirksame Sonnenbestrahlung ermöglicht ist.
Trotzdem haben die Weingelände der thüringischen Staaten und der
Provinz Sachsen zusammen nur eine Ausdehnung von wenig mehr als zehn
Quadratkilometern. Matthias Claudius, der »Wandsbecker Bote« und
gemütvolle Volksschriftsteller, hatte freilich keine große Meinung vom
Thüringer Rebensaft.
Thüringens Berge zum Exempel bringen
Gewächs, sieht aus wie Wein,
Ist's aber nicht; man kann dabei nicht singen,
Dabei nicht fröhlich sein.
[Illustration: Abb. 17. _Johannisthor in Jena._]
Die Chroniken des Mittelalters berichten vom Reifen der Trauben, viel
häufiger aber vom Mißraten des Weins. Und doch war der Weinbau auf
sonnenwarmen Geländen viel verbreiteter als heute, nicht allein im
Camburgischen, sondern es grünten auch Rebengarten im Werrathale.
Im ~XVI.~ Jahrhundert wurde in den Fluren von Saalfeld, Römhild und
Meiningen Eigenbau gekeltert. Der Stadtrat von Pößneck verkaufte
im Jahre 1464 etwa 2000 Eimer Landwein, und obwohl er die Kanne zu
vier Pfennigen abgab, hatte er doch noch einen Gewinn von 472 Schock
Groschen! Klöster, Städte und Fürsten pflegten den Weinbau in der
Absicht auf Gewinn; Bürger und Bauern aber deshalb, weil sie kein
besseres Getränk hatten und dabei mehr auf die Menge als auf den
Geschmack achteten. Hier knüpft vielleicht das Sprichwort »Sauer
macht lustig« an, sowie im ~XVII.~ Jahrhundert ein Kenner von den
Meininger Weinbergen als von einer Gegend sprach, »wo weinend die Berge
Naturweinessig erzeugen«.
[Illustration: Abb. 18. _Jena_ um 1610 (nach einem gleichzeitigen
Stiche von Kehr).]
[Sidenote: Schulpforta.]
Am Fuße des buchenbestandenen Knabenberges liegt wie ein schmuckes
kleines Städtchen Schulpforta (Abb. 12), im Jahre 1137 als
Cistercienserkloster St. Marien zur Pforte gegründet. Das Kloster hatte
reiche Zuwendungen an Wald und Feld, Wiesen, Mühlen, Weinbergen und
Geld, die Mönche mußten aber nach vier Jahrhunderten von dannen ziehen.
1543 wurde Pforta vom Herzog Moritz von Sachsen in eine Lehranstalt
umgewandelt, aus welcher viele hervorragende Männer hervorgingen. In
Erinnerung an Klopstock, der einst hier auf der Schulbank gesessen,
schrieb Goethe:
An dem stillbegrenzten Orte
Bilde dich, so wie's gebührt;
Jüngling, öffne dir die Pforte,
Die ins weite Leben führt!
Der Name Pforte wird aber auch auf die Furt (~vorte~) von Almerich
(Alteburg) bezogen, nach der von Naumburg her eine durch zwei
burgähnliche Anlagen geschützte Beistraße führte, um aus der linken
Seite der Saale in den Königsweg (~strata regia~) einzumünden. Dieser
Königsweg ist die alte Leipzig-Frankfurter Straße, die über Merseburg,
Freyburg an der Unstrut, Erfurt und Eisenach führte. Erst im ~XV.~
Jahrhundert wurde die Straße über Kösen geführt, da die steinerne
Brücke erst 1404 erbaut wurde und zur Gründungszeit des Klosters Pforta
(1137) noch nicht bestand. Im ~XII.~ und ~XIII.~ Jahrhundert bewegte
sich der Hauptverkehr von Naumburg auf der Buchstraße, die auf der Höhe
bei Heiligenkreuz sich gabelte, um als oberländische oder Regensburger
Straße über Eisenberg, Gera, Hof nach Regensburg zu führen, anderseits
über Camburg im Saalthale aufwärts nach Saalfeld und über den
Thüringerwald nach Nürnberg zu ziehen. Die Namen der Dörfer Flemmingen
erinnern an die holländischen (vlämischen) Ansiedler, die in frühester
Zeit zur Hebung des Landbaues, besonders der versumpften Thalflächen,
herbeigerufen wurden.
[Sidenote: Kösen.]
An der Stelle einer alten Slavenniederlassung liegt in engem Thalkessel
das preußische Städtchen Kösen (2800 Einw.), dessen 1686 entdeckte
Salzquellen dem Muschelkalk entspringen. Sie sind seit 1731 im
Betrieb, werden jetzt aber nur für Kurzwecke benützt, wodurch der
Ort, der erst seit 1868 Stadt wurde, sich zum viel besuchten Solbade
(Abb. 13) entwickelt hat. Wegen seiner Lage am engen Saaldurchbruche,
dem Passe von Kösen oder der Kösener Pforte, war der Platz auch
kriegsgeschichtlich von Bedeutung. Nächst der Fährstelle zur Katze (vom
slav. ~kaza~ = wild, reißend) windet sich der Pfad hinauf zu der auf
steilem Muschelkalkfels 85 ~m~ hoch über den Schlangenwindungen der
Saale thronenden Rudelsburg (Abb. 14), einer aus dem ~XII.~ Jahrhundert
stammenden Feste, die mit ihrer Vorburg Saaleck, wovon nur noch zwei
Türme sichtbar sind, eine bedeutende Wacht- und Verteidigungsstätte am
wendischen Grenzgebiete war. Im 30jährigen Kriege zerstört, wurde sie
später zum Teil erneuert, so daß sie jetzt zu einer der schönsten und
viel besuchtesten Ruinen Deutschlands gehört. Auf dem Platze innerhalb
der äußersten Burgmauer erheben sich die Denkmäler für Kaiser Wilhelm
~I.~, für die im Kriege 1870/71 gefallenen Verbindungsstudenten und für
Bismarck als Student. Geschichte und Sage haben um die alte Burg ihre
Kränze geschlungen und durch die geborstenen Hallen wird noch lange das
Lied tönen, das Franz Kugler hier oben dichtete:
»An der Saale hellem Strande
Stehen Burgen stolz und kühn.«
[Sidenote: Dornburg.]
Bei Großheringen biegt das Saalthal in scharfem Winkel nach Süden
um, und nun entwickeln sich ganz eigenartige Landschaftsbilder,
ausgezeichnet durch die steil abfallenden Muschelkalkberge, die das
Thal bis südlich von Jena umschließen. Das meiningische Städtchen
Camburg (2800 Einw.) liegt in einer freundlichen Thalung, umkränzt
von Wein- und Obstgeländen und überragt vom altersgrauen Matzturm.
Hoch über dem Dorf Naschhausen schimmern von der Felskante drei
weimarische Fürstenschlösser ins Thal, die Schlösser von Dornburg,
während das Landstädtchen Dornburg (670 Einw.) hinter Gartenbäumen auf
der Hochfläche versteckt liegt, 125 ~m~ über der Saale. Das nördliche
Schloß ist die eigentliche Burg, an die sich die Geschichte Dornburgs
anknüpft, und stammt in der Hauptsache aus dem Anfange des ~XVI.~
Jahrhunderts. Abb. 15 gibt eine Darstellung des Schlosses im Jahre
1631: Kroaten, die das Schloß geplündert und die Herzogin verwundet
hatten, werden von herbeigeeilten Landleuten und Soldaten die Felsen
hinabgejagt. Das mittlere oder neue Schloß wurde erst im ~XVIII.~
Jahrhundert an Stelle von 22 Privathäusern im Rokokostil errichtet. Das
südliche Schloß ist das Stohmannsche oder kleine Schlößchen, im ~XVI.~
Jahrhundert in der Blütezeit der deutschen Renaissance entstanden. Über
der Eingangsthür ist ein wohl erst anfangs des ~XVII.~ Jahrhunderts
eingefügter lateinischer Spruch vorhanden, den Goethe mit den Worten
übersetzte.
»Freudig trete herein, und froh entferne dich wieder!
Ziehst du als Wandrer vorbei, segne die Pfade dir Gott!«
[Illustration: Abb. 19. _Jena._
(Nach einer Photographie von Junghanns und Koritzer,
Leipzig-Meiningen.)]
Die drei Schlösser (Abb. 16), umgeben von üppigen Gärten, gewähren
reizvolle Blicke ins Saalthal und in die Landschaft. Goethe hat hier
oft geweilt, um Ruhe und Frieden zu suchen, und schilderte mit warmer
Empfindung den Ausblick ins Thal:
»Weithin gestreckte, der belebenden Sonne zugewendete, hinabwärts
gepflanzte, tief grünende Weinhügel; aufwärts an Mauergeländern
üppige Reben.... Von diesen würdigen landesherrlichen Höhen sah
ich ferner in einem anmutigen Thale so vieles, was, dem Bedürfnis
des Menschen entsprechend, in allen Landen weit und breit sich
wiederholt. Ich sehe zu Dörfern versammelte ländliche Wohnsitze,
durch Gartenbeete und Baumgruppen gesondert; einen Fluß, der sich
vielfach durch Wiesen zieht; Wehr, Mühlen, Brücken folgen aufeinander;
die Wege verbinden sich auf- und absteigend. Gegenüber erstrecken
sich Felder an wohlbebauten Hügeln bis an die steilen Waldungen
hinan, bunt anzuschauen nach Verschiedenheit der Aussaat und des
Reifegrades. Büsche hie und da zerstreut, dort zu schattigen Bäumen
zusammengezogen.«
[Illustration: Abb. 20. _Burgkeller in Jena._]
[Sidenote: Tautenburg. Bürgel.]
Jenseits der blendenden Muschelkalkhöhen des Ostufers liegt ins
Grün gebettet das rings von herrlichem Buchenwald umgebene Dorf
Tautenburg, mit den Resten eines Bergschlosses, das einst der Sitz
des Geschlechts der Schenken von Tautenburg war. Es steht nur noch
der alte dachlose Bergfried, rings von Schutt umgeben, während das im
~XIV.~ Jahrhundert erbaute Schloß abgebrochen und aus seinen Steinen
das Schloß Frauenprießnitz errichtet wurde. Vom Saalufer führt das Thal
des Gleisbachs hinauf zum weimarischen Städtchen Bürgel (1650 Einw.),
in dessen Nähe reiche Thonlager vorhanden sind, die das Material für
die bekannten Bürgeler Töpferwaren liefern. Das benachbarte Thalbürgel,
auch Kloster Bürgel genannt, ist berühmt wegen des 1133 gegründeten
Benediktinermönchklosters, das aber 1525 aufgehoben wurde. Die Kirche,
zum Teil Ruine des Klosters, wurde 1142 als romanische dreischiffige
Pfeilerbasilika gebaut und erlitt später mehrere gotische Veränderungen.
[Sidenote: Jena.]
Weiter aufwärts im lieblichen Saalthale bauten seit 1170 die Mönche
von St. Marien von der Pforte in Porstendorf (Bosindorf) die
hochgeschätzten »Borsdorfer« Äpfel. Gegenüber von Kunitz, über dem
die Mauerreste der Kunitzburg ins Thal blicken, bestand in Zwätzen
eine Kommende des deutschen Ordens; jetzt ist die Komthurei in eine
landwirtschaftliche Musterwirtschaft umgewandelt. Weit liegt am linken
Saaleufer die Stadt Jena (15500 Einw.) ausgebreitet, auf beiden
Uferseiten bewacht von hellfarbigen Kalkbergen. Jena ist einer der
hervorragendsten geistigen Mittelpunkte Thüringens, wo sich Nachklänge
einer großen Vergangenheit einen mit den jugendfrohen Lebensäußerungen
der Gegenwart, und ein eigentümlicher Liebreiz ist der Stadt geblieben
trotz winkeliger Gassen und hochgiebliger Häuser (Abb. 17). Schon
Goethe lobte den Ort in seinen »Lustigen von Weimar«:
»Donnerstag nach Belvedere,
Freitag geht's nach Jena fort:
Denn das ist, bei meiner Ehre,
Doch ein allerliebster Ort!«