JW v =Goethe=

Weimar

den 15. Decbr

1824.

Bonn, gedruckt bei Carl Georgi.

[Nachträglich.]

Für so manches Gute und Angenehme habe ich Ihnen nicht gedankt, nicht

für Ion, nicht für Calderon. Ein angefangener Brief liegt schon lange da

und Muse zum Briefschreiben kommt nie, wenn man sie erwartet. Nun regt

eine äußere Veranlassung mich auf Ihnen zu schreiben, eine alte Schuld

abzutragen und neue Verhältnisse anzuknüpfen.

Das alte Band der jenaischen Litteraturzeitung löst sich auf, neue

müssen geknüpft werden und ich mag wohl, um des allgemeinen Besten

willen, aus meiner Ruhe heraus treten und mit an einem neuen Institut

Theil nehmen, wozu sich alles was wacker und tüchtig bey uns ist, zu

versammeln verspricht.

Sage ich Ihnen daß man auch Ihre Theilnahme aus der Ferne wünscht; so

vernehmen Sie nichts unerwartetes. Ihr Geist, der sich, in Production

sowohl, als Urtheil, thätig zeigt, wird sich zu einer Anstalt neigen,

die nicht sowohl Zerstreutes versammeln, als das was von Natur zusammen

gehört, vereinigen möchte.

Haben Sie daher die Güte mir vorläufig zu schreiben: ob, und in wie fern

Sie beyzutreten gedenken? ob Ihnen Bücher im Sinne schweben über welche

Sie Ihr Urtheil sagen möchten und ob wir noch manches vor Weihnachten

erwarten dürften?

Sobald ich Ihre Gesinnung näher weiß schreibe ich weitläufiger und freue

mich zum Voraus darauf, daß dieser Anlaß unsere Correspondenz beleben

wird, welche, selbst unter Gleichgesinnten, ohne besonderes Interesse,

gewöhnlich ermattet.

Sie haben unter Ihren Freunden gewiß noch manchen jungen Mann, der, mit

schönen Talenten und Kenntnissen, einen vorschreitenden Geist und mäßige

Gesinnungen verbindet; wollten Sie mir wohl Rahmen und nähere

Verhältnisse bekannt machen.

Der ich für dießmal schließe, recht wohl zu leben wünsche und mich

bestens empfehle.

Wenn Sie an Ihren Herrn Bruder nach Paris schreiben, so grüßen Sie ihn

schönstens von mir. Auch ihm bin ich einen Brief schuldig und wohin bin

ich nicht Briefe schuldig!

Weimar am 5 Sept. 1803.

=Goethe=

Briefe Schillers und Goethes an A. W. Schlegel Aus den Jahren 1795 bis 1801, und 1797 bis 1824, nebst einem Briefe Schlegels an Schiller · 第 22 / 22 题