Leben Sie recht wohl und widmen mir ein freundschaftliches Andenken

_=F Schiller.=_

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_Jena_ den 29. _8br._ 95.

Ihre Briefe über Poesie haben mir, mein vortreflicher Freund, sehr viel

Vergnügen gemacht, und ich bin ungeduldig, die Fortsetzung zu lesen. Sie

scheinen mir auf einem sehr glücklichen Weg zu seyn, und schon die

sorgfältige Verbindung des _subjectiven_ und _objectiven_ Theils der

Sprache, wird so wie Sie sie anstellen, zu sehr fruchtbaren Resultaten

in dieser Materie führen. Man könnte allenfalls wünschen, daß Sie etwas

schneller zum Ziel gegangen wären; aber ich zweifle nicht, daß Sie den

kleinen Auffenthalt bey dem Allgemeinen über die Sprache und ihren

Ursprung in der Folge rechtfertigen werden. Ueber das Ganze will ich

erst urtheilen, wenn ich mehr von Ihren Gedanken übersehe. Die

Abhandlung ist sehr grazios und lebhaft geschrieben, und muss jedem, den

die mühseligen Zugänge zu dieser Materie sonst abgeschreckt haben,

willkommen seyn.

Ihren Auftrag an Hofr. Schütz habe ich besorgt und Sie können

voraussetzen, daß er mit Vergnügen angenommen worden ist. Sollten Ihnen

aber die Arbeiten für die _L. Z._ etwas von beßeren Stunden rauben, so

sollte es mir ordentlich leid thun, daß diese Zeitung eine _Acquisition_

an Ihnen gemacht hat; denn je mehr Zeit Sie uns widmen wollen, desto

lieber wird es mir seyn. Auch Recensionen, sobald Sie nur ein für sich

bestehendes Interesse haben, vertragen sich mit unserm Zweck.

Hätten Sie vielleicht Lust, den _poeti_schen Theil der Horen in der

_L. Z._ zu _recen_sieren? Es war vor kurzem davon die Rede, und es wird

keinen Anstand haben, wenn Sie es wünschen. In diesem Falle bedarf es

nur einiger Worte an mich oder noch beßer, an Hofr. Schütz; Schon die

Göthischen _Elegien_ wären dieses Geschäftes werth. Ihre Uebersetzung

des Dante müßte dann einem anderen zur Beurtheilung gegeben werden.

Ihre Zufriedenheit mit den =Schatten= und mit =Natur und Schule= ist mir

sehr erfreulich. Diese Gedichte zeichnen nebst noch einigen andern

meinen Uebergang von der _Speculation_ zur Poesie. Ich hoffe aber, wenn

ich nur Zeit und Stimmung finde, nicht immer so ängstlich mehr am Ufer

der Philosophie hinsteuren zu müssen, sondern etwas weiter ins freye

Meer der Erfindung zu segeln.

Der MusenAlmanach ist im Drucke schon ziemlich vorgerückt, und wird

gegen Ende _Novem_bers sicherlich erscheinen.

Das Stück der Berl. Monathschrift, welches den Aufsatz Ihres HE. Bruders

enthält erwarte ich jeden Tag. Ich habe ihm schon längst eine _Crise_ in

der Schreibart gewünscht, und ich hoffe, die Zeichen derselben in diesem

Aufsatz zu finden. Der Gehalt kämpfte noch in seinen Arbeiten zu sehr

mit der Form und es fehlte an Leichtigkeit und Licht. Aber es ist sehr

viel Realität in ihm, und siegt er in diesem Kampf, so ist in ihm ein

vortreflicher Schriftsteller zu erwarten.

Sie urtheilen von dem Voßischen Almanach günstiger, als ich biß jetzt

vermag. Ich weiss schlechterdings nicht, wie ich die Härte und

Undeutschheit seiner Sprache (ich begehe selbst eine, indem ich davon

spreche) bey so vieler Trivialität, oft Plattitüde des Gedankens

entschuldigen soll. Wenn es ja so schwer ist, ein edles Gefühl, einen

gehaltreichen Gedanken leicht und schön auszudrücken, so sollte

wenigstens das Gemeine angenehm klingen, und das rauhklingende den Geist

durch Gehalt entschädigen. Doch das sey unter uns gesagt!

Leben Sie recht wohl. Hier das neue Stück der Horen . Das Eilfte oder

Zwölfte wird Ihre Briefe enthalten.

=Schiller.=

_Jena_ den 10. _Dec._ 95.

Sie erhalten hier, mein vortreflicher Freund, das Eilfte Stück, worinn

der Anfang Ihrer Briefe abgedruckt ist. Die Fortsetzung bringe ich im

ersten Stück des neuen Jahrganges nach, da ich einen sehr bogenreichen

historischen Aufsatz im XII. Stück nicht habe abbrechen dürfen. Diese

Fortsetzung hat mich sehr interessiert und auf das Ganze noch begieriger

gemacht. Das nüchterne Anschließen an die Natur und daß Sie überal

lieber eine _physische_ Nothwendigkeit als einen Akt der Freyheit und

des Verstandes zur Quelle des Rhythmus machen wollen, erweckt Ihren

Behauptungen ein großes Vertrauen, und wird durch eine sehr allgemeine

und durchgreifende _Analogie_ unterstützt. Nichts desto weniger gestehe

ich, daß ich Ihre Erklärungsart doch ein wenig zu _physiolog_isch finde,

denn so gewiss ich glaube, daß man alles was der Mensch in jener

Geistes_Epoche_ thut, und was er besonders in so verschiedenen Lagen auf

gleiche Weise thut, zugleich aus _physischen_ Gründen deducieren muss,

so glaube ich doch daß immer zugleich auf die Wirkung seiner

Selbstthätigkeit muss Rücksicht genommen werden. Mir däucht, sobald

seine Persönlichkeit sich zu deklarieren angefangen und die Reflexion

eingetreten ist, so entstehen gleich nothwendige Foderungen aus seiner

selbstständigen und moralischen Natur, und eine von diesen scheint mir

auch das Zeitmaaß in seinen Bewegungen zu seyn; es ist das Beharrliche

im Wechsel, und eben das ist der Charakter seiner Selbstheit, die sich

in dieser Erscheinung ausdrückt. Meine Idee wäre also diese, daß man in

Erklärung so früher und so allgemein und gleichförmigeintretender

_Phænomene_, auf den =ganzen= Menschen, also den moralischen wie den

physischen, Rücksicht nehmen sollte, und hierinn die _Analogie_ auf

seiner Seite hat, welche lehrt, daß überal wo die Natur rein wirket,

die =Bedürfniße= der Sinnlichkeit den =Foderungen= der Vernünftigkeit

begegnen. Dafür aber bin ich sehr, daß der Verstand als das Vermögen

deutlicher Begriffe an diesem Geschäft schlechterdings keinen Antheil

hat. Es ist eine doppelte Nothwendigkeit der _physischen_ und

moralischen Natur, aber kein Werk der Freyheit, keine absichtliche

Handlung. Der Verstand wird hier, wie auch bey der Schönheit,

übersprungen, indem die Vernunft sich, wie instinktmäßig, äußert, und,

wie bey der dichterischen Einbildungskraft, mit der Sinnlichkeit

unmittelbar verbunden wirket.

Von _Schütz_ werden Sie in dieser Zeit wohl Antwort erhalten haben. Er

hat sich, und zwar sehr gegen meinen Wunsch entschloßen, die Horen

selbst zu recensieren; ein Geschäft, dem er bey der jetzigen

Beschaffenheit seines Körpers und Geistes schwerlich gewachsen ist. Da

ich aber dabey interressiert bin, so konnte und wollte ich seinen

Entschluß nicht _geni_eren.

Ihre Idee, _Elegien_ von _Properz_ für die Horen zu übersetzen, ist

schon vor langer Zeit realisiert. Ein Herr von _Knebel_ in Weimar hat

den Versuch schon seit mehreren Jahren gemacht, und obgleich er nur

_Dilettant_ ist, mit nicht gemeinem Glücke ausgeführt. Göthe und Herder,

in deren Umgang er beständig lebt, haben seine Muße gepflegt und

gewartet, und da er selbst einen ziemlich feinen Sinn hat, sich in eine

fremde Manier hineinzustudieren, so hat er sich des Römers ganz gut

bemächtigt. Zwanzig und einige _Elegien_ sind bereits übersetzt, von

Göthen überarbeitet, von uns allen bekritelt und der Anfang davon

erscheint in dem Ersten Horenstücke 1796.

Was Sie über _Condorcets_ Schrift niederschreiben wollen, soll mir sehr

willkommen seyn. Er scheint mir ein solcher _Autor_, bey dem man bloß

durch das was er hätte denken und sagen sollen und nicht gesagt hat,

sehr viel Ehre einlegen kann. Diese Herren nehmen es etwas leicht, und

es ist nicht schwer kühn einherzujagen, wenn man keine große Fracht

geladen hat. Uebrigens macht diese Schrift jetzt viel Aufsehen, bey

einzelnen ein gewaltiges Glück, und ein Aufsatz der sich darauf bezieht

wird begierig gelesen werden.

Warum können Sie nicht hier in _Jena_ bey uns leben? Dieß sollte mir

große Freude seyn. Das Gespräch würde so manches rege machen, was eine

schriftliche _Communication_ nicht berüht.

Erfreuen Sie mich sobald Sie können wieder mit einem Produkte Ihres

Geistes. Ganz der Ihrige

_=Schiller=_

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_Jena_ 9. _Jenn._ 96

Gestern endlich, mein vortreflicher Freund bekam ich Ihre _Recension_ zu

Gesichte, und ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß Sie mich,

insofern entweder ich selbst oder mein _J_our_nal_ dabey =interessiert=

sind, mehr als befriedigt hat. Aber auch ohne alle diese

Privatrücksichten erfreute mich die schöne Verbindung _poeti_scher Wärme

mit kritischer Kälte, welche darinn herrscht, und ohne welche ich keinen

Kunstrichter anerkennen kann. Es ist zu umständlich und ich bin heute

auch zu sehr überhäuft, um in ein ordentliches _Detail_ davon

einzugehen; selbst die zwey Fragen, welche Sie in Beziehung auf mich

anregten

1. Ob eine _poeti_sche Unternehmung wie das Reich der Schatten

überhaupt zu vertheidigen sey?

und

2. Ob der dichterische Geist den ganzen Weg strenger Wißenschaft

gehen müsse und dürfe?

muss ich für heute dahingestellt seyn lassen. Vielleicht antwortet Ihnen

die hier folgende Abhandlung über _sentimentali_sche Dichter auf die

zweyte dieser Fragen. Was meine eigne Erfahrung anbetrifft, so fehlt

zwar sehr viel daran, daß ich den Weg der Wißenschaft völlig

zurückgelegt hätte; aber was ich davon zurücklegte, hat mich auf dem

_poeti_schen Wege eher gefördert als von demselben entfernt: wenigstens

muss ich dasjenige, was ich nach dieser _Epoche_ der _Speculation_ und

während derselben gedichtet habe, auch in _poeti_scher Rücksicht für

beßer halten, als was ich vor derselben ausgeführt habe. Alle

_poeti_schen Stücke aber, die Sie in dem Almanach und in den Horen von

mir lesen, sind spätere Produkte und alle erst vom _Junius_ des vorigen

Jahrs biß zum _September_ entstanden.

Ihre Erinnerungen, die _Metrik_ in meinem und Göthens Gedichten

betreffend finde ich, in den mehresten Punkten, sehr richtig; nur in

wenigen Kleinigkeiten sind wir verschiedener Meinung. So ist der halbe

_Pentameter_:

Briefe Schillers und Goethes an A. W. Schlegel Aus den Jahren 1795 bis 1801, und 1797 bis 1824, nebst einem Briefe Schlegels an Schiller · 第 5 / 22 题