XII. Einteilung der Geisteskrankheiten.

Die =anatomische Grundlage= der Geisteskrankheiten ist noch zu wenig

bekannt, um darauf eine Einteilung zu gründen, wie sie derjenigen der

körperlichen Krankheiten entsprechen würde. Es muß überhaupt zweifelhaft

erscheinen, ob die pathologische Anatomie uns je einen derartigen

Schlüssel in die Hand geben wird, weil im Gehirn bestimmte Verrichtungen

nicht wie im Körper an ein räumlich umschriebenes, von anderen

getrenntes Organ gebunden sind, sondern die organischen Grundlagen der

einzelnen geistigen Vorgänge, deren Gesamtheit das psychische Bild

ausmacht, zu innig miteinander verknüpft sind, um eine künstliche

Trennung zu ermöglichen.

Man hat weiterhin versucht, ebenfalls der körperlichen Pathologie

entsprechend, eine =ätiologische Einteilung= der Geisteskrankheiten

durchzuführen. Aber auch dies ist unmöglich, erklärlicherweise, müssen

wir sagen, weil nach unserer ganzen Auffassung alle Ursachen, auch die

zunächst als geistig bezeichneten, auf das Gehirn körperlich einwirken,

durch Schwankungen der Blutverteilung, Ernährungstörungen usw., also

ebenfalls nicht leicht bestimmte Verrichtungen gesondert treffen werden.

Die Erfahrung zeigt denn auch, daß eine bestimmte Ursache verschiedene

Krankheitbilder erzeugen kann, so daß nur ausnahmsweise aus der

Krankheitform geradezu die Ursache abgelesen werden kann. Die

Geisteskrankheiten entspringen auch gewöhnlich dem Zusammenwirken

mehrerer Ursachen. Einen wesentlichen Unterschied für das Gesamtbild und

den Verlauf macht allerdings vielfach das Vorhandensein einer besonderen

geistigen Beschaffenheit, d. h. in diesem Falle nicht das einfache

Vorkommen von Abnormitäten bei den Vorfahren, sondern eine angeborene

=Invalidität= des Gehirns, die meistens, aber nicht immer erkennbar, mit

der =erblichen Belastung= (vgl. S. 7) zusammenfällt. Auch Nachkommen von

abnormen Persönlichkeiten können ein =rüstiges Gehirn= besitzen, es

hängt mit den noch nicht durchsichtigen Geheimnissen der Vererbung

zusammen, ob sie so oder so ausgestattet sind. Da aber wiederum ganz

dieselben Verhältnisse, wie sie das durch Vererbung invalide Gehirn

darbietet, auch auf erworbene Einflüsse zurückgehen können

(Kopfverletzungen, Gehirnkrankheiten der Entwicklungszeit usw.), reicht

auch hier die ätiologische Einteilung nicht aus.

Als das richtigste erweist sich damit die dritte Möglichkeit, die

Einteilung der Geisteskrankheiten nach dem =klinischen Bilde=. Nicht

bestimmte, pathognomonische, Zeichen, sondern die Gemeinsamkeit des

ganzen Verlaufs begründet die Zusammenfassung einer größeren Anzahl von

Fällen zu einer Krankheitform. Soweit es sich bis jetzt beurteilen läßt,

stimmen mit der heute im allgemeinen üblichen Gruppenbildung die

anatomischen und die ätiologischen Unterschiede einigermaßen überein.

Die Ausführung im einzelnen ist bei den verschiedenen Beobachtern

freilich recht verschieden: die Gruppen gehen ohne scharfe Grenze

ineinander über und lassen sich daher leicht vermehren, indem man die

nach einer oder der anderen Seite liegenden Fälle abzweigt. Für die

Bedürfnisse eines Kompendiums dürfte es vorzuziehen sein, durch gröbere

Teilung eine geringere Zahl größerer Gruppen zu bilden und innerhalb der

einzelnen die Unterarten anzudeuten.

Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich etwa folgende Einteilung

aufstellen:

I. Erschöpfungspsychosen.

1. Kollapsdelirium und Delirium acutum.

2. Akute Verwirrtheit, Amentia.

Kompendium der Psychiatrie für Studierende und Ärzte · 第 20 / 133 题