Die =anatomische Grundlage= der Geisteskrankheiten ist noch zu wenig
bekannt, um darauf eine Einteilung zu gründen, wie sie derjenigen der
körperlichen Krankheiten entsprechen würde. Es muß überhaupt zweifelhaft
erscheinen, ob die pathologische Anatomie uns je einen derartigen
Schlüssel in die Hand geben wird, weil im Gehirn bestimmte Verrichtungen
nicht wie im Körper an ein räumlich umschriebenes, von anderen
getrenntes Organ gebunden sind, sondern die organischen Grundlagen der
einzelnen geistigen Vorgänge, deren Gesamtheit das psychische Bild
ausmacht, zu innig miteinander verknüpft sind, um eine künstliche
Trennung zu ermöglichen.
Man hat weiterhin versucht, ebenfalls der körperlichen Pathologie
entsprechend, eine =ätiologische Einteilung= der Geisteskrankheiten
durchzuführen. Aber auch dies ist unmöglich, erklärlicherweise, müssen
wir sagen, weil nach unserer ganzen Auffassung alle Ursachen, auch die
zunächst als geistig bezeichneten, auf das Gehirn körperlich einwirken,
durch Schwankungen der Blutverteilung, Ernährungstörungen usw., also
ebenfalls nicht leicht bestimmte Verrichtungen gesondert treffen werden.
Die Erfahrung zeigt denn auch, daß eine bestimmte Ursache verschiedene
Krankheitbilder erzeugen kann, so daß nur ausnahmsweise aus der
Krankheitform geradezu die Ursache abgelesen werden kann. Die
Geisteskrankheiten entspringen auch gewöhnlich dem Zusammenwirken
mehrerer Ursachen. Einen wesentlichen Unterschied für das Gesamtbild und
den Verlauf macht allerdings vielfach das Vorhandensein einer besonderen
geistigen Beschaffenheit, d. h. in diesem Falle nicht das einfache
Vorkommen von Abnormitäten bei den Vorfahren, sondern eine angeborene
=Invalidität= des Gehirns, die meistens, aber nicht immer erkennbar, mit
der =erblichen Belastung= (vgl. S. 7) zusammenfällt. Auch Nachkommen von
abnormen Persönlichkeiten können ein =rüstiges Gehirn= besitzen, es
hängt mit den noch nicht durchsichtigen Geheimnissen der Vererbung
zusammen, ob sie so oder so ausgestattet sind. Da aber wiederum ganz
dieselben Verhältnisse, wie sie das durch Vererbung invalide Gehirn
darbietet, auch auf erworbene Einflüsse zurückgehen können
(Kopfverletzungen, Gehirnkrankheiten der Entwicklungszeit usw.), reicht
auch hier die ätiologische Einteilung nicht aus.
Als das richtigste erweist sich damit die dritte Möglichkeit, die
Einteilung der Geisteskrankheiten nach dem =klinischen Bilde=. Nicht
bestimmte, pathognomonische, Zeichen, sondern die Gemeinsamkeit des
ganzen Verlaufs begründet die Zusammenfassung einer größeren Anzahl von
Fällen zu einer Krankheitform. Soweit es sich bis jetzt beurteilen läßt,
stimmen mit der heute im allgemeinen üblichen Gruppenbildung die
anatomischen und die ätiologischen Unterschiede einigermaßen überein.
Die Ausführung im einzelnen ist bei den verschiedenen Beobachtern
freilich recht verschieden: die Gruppen gehen ohne scharfe Grenze
ineinander über und lassen sich daher leicht vermehren, indem man die
nach einer oder der anderen Seite liegenden Fälle abzweigt. Für die
Bedürfnisse eines Kompendiums dürfte es vorzuziehen sein, durch gröbere
Teilung eine geringere Zahl größerer Gruppen zu bilden und innerhalb der
einzelnen die Unterarten anzudeuten.
Unter diesen Gesichtspunkten läßt sich etwa folgende Einteilung
aufstellen:
I. Erschöpfungspsychosen.
1. Kollapsdelirium und Delirium acutum.
2. Akute Verwirrtheit, Amentia.