„Ich werde doch wohl noch sagen dürfen, daß es gleich zwölf ist,“
rechtfertigte sich der Meister, „wenn wir hier schon seit zehn arbeiten
und so viel zu tun ist.“
„Sie können sagen, was Sie wollen,“ meinte ich, „aber nicht mehr zu uns.
Sie sind nicht mehr unser Meister.“
„Gut,“ sagte der Meister darauf, „dann geht aber auch gleich. Dann
braucht ihr hier auch nicht mehr zu schlafen, und morgen früh noch das
Frühstück mitnehmen, gibt es auch nicht.“
„Darum haben wir Sie gar nicht gefragt,“ erwiderte Osuna, „und wenn wir
das wollten, würden wir gerade Sie nicht darum anbetteln.“
Wir gingen in die Kammer, packten unsre Arbeitslumpen jeder in einen
leeren Zuckersack und gingen.
Mit einmal sagte Osuna: „Wir haben ja unsre zwei Pesos in den alten
Schuhen gelassen, nur gleich geholt. Wenn die Bilder haben wollen, dann
mögen sie sich selber welche kaufen.“
Wir nahmen unsre zwei Pesos und kamen wieder vorbei an der Backstube.
„Wer hat denn die Bilder da zerrissen?“ fragte der Tscheche.
„Wir“, antwortete Osuna. „Vielleicht was dagegen? Nur sagen. Wir sind
gerade in der Stimmung. Ich denke doch, daß wir mit unsern Bildern
machen können, was wir wollen.“
„Das habe ich nicht gewußt, daß das eure Bilder waren. Die hättet ihr
doch nicht zu zerreißen brauchen“, sagte ein andrer.
„Solche unanständigen Bilder mag ich nicht leiden“, antwortete Osuna.
„Wenn ihr so etwas vor Augen haben wollt, kauft sie euch. Wir brauchen
keine Bilder, was Gale?“
„Nein, wir haben solche Bilder nicht nötig, glücklicherweise nicht“,
unterstützte ich Osuna. Und ich tat es mit voller Überzeugung.
Dann gingen wir zu Senjor Doux und verlangten unser Geld, das wir noch
zu kriegen hatten. Er gab es uns nicht und sagte, wir sollten morgen
wiederkommen.
„Ihr Morgen kennen wir reichlich“, gab ich ihm zur Antwort.
Osuna stellte seinen Sack auf den Boden, lehnte sich ein wenig über das
Büfett, hinter dem Senjor Doux stand, und sagte ziemlich laut:
„Wollen Sie uns jetzt sofort unser Geld geben oder nicht? Oder soll ich
erst die Polizei hereinholen, daß Sie uns unsern verdienten Lohn
auszahlen?“
„Schreien Sie doch nicht so, daß die Gäste aufmerksam werden“, sagte
Senjor Doux leise und griff in die Hosentasche, um das Geld
herauszunehmen. „Ich zahle Ihnen ja, ich bin Ihnen doch nie einen
Centavos Lohn schuldig geblieben. Wollen Sie noch eine Flasche Bier
trinken?“
„Können wir machen“, erwiderte Osuna. „Wir sind nicht zu stolz dazu.“
Wir setzten uns an einen Tisch, und ein Kellner brachte uns zwei
Flaschen Bier.
„Das Bier wollen wir ihm nicht schenken, diesem Geizkragen“, sagte ich.
„Er hat sicher geglaubt, wir würden nein sagen, sonst hätte er es uns
nicht angeboten.“
„Sicher nicht,“ meinte Osuna, „deshalb habe ich ja auch ja gesagt. Ich
habe gar keinen Appetit darauf.“
Warum wir gingen, danach fragte Senjor Doux nicht. Solche plötzlichen
Abschiede kamen bei ihm zu häufig vor, als daß er sich darüber aufgeregt
hätte. Ebensowenig fragte er uns, ob wir nicht bleiben möchten. Er wußte
wohl, daß es bei uns ebenso erfolglos gewesen wäre wie bei früheren
Abschieden.
Er ging zur Kasse, wo seine Frau stand, und holte das Geld für uns. Dann
brachte er es an unsern Tisch, legte es hin und verschwand wieder hinter
dem Büfett, ohne noch etwas zu sagen, und ohne nochmals zu uns
rüberzusehen.
Dann gingen wir zu einem indianischen Kaffeestand, wo wir ein Glas
Kaffee tranken und die Frau fragten, ob wir nicht unsre Säcke hier bis
zum Morgen unterstellen könnten. Dann würden wir wiederkommen, bei ihr
frühstücken und die Säcke abholen.
Danach gingen wir wieder zu den Senjoritas, wo es angenehmer war als in
der Backstube.
Am nächsten Tage, nachdem wir den Vormittag über uns auf den Bänken der
Plaza herumgedrückt hatten, gingen wir zu einer Casa de Huespedes, wo
wir jeder ein Bett belegten für fünfzig Centavos und unsre Säcke in dem
Kofferraum abgaben.
Bett ist ja nun auf keinen Fall richtig. Einzelne jener Betten waren von
dem Muster unsrer Bäckerbetten, also Hängematten aus Segelleinen, die in
einem Scherengestell aufgespannt waren. Wir aber bekamen bessere Betten.
Das waren Drahtmatratzen, die durchgelegen waren, so daß man immer in
einer Höhle lag, wo man so zusammengepreßt war, daß man kaum atmen
konnte. Die Unterlage war so dünn und zerschlissen, daß man den Draht
fühlte, und da man ja nicht viel Fleisch am Körper hatte, kerbte sich
der Draht in die Knochen. Und das war ein recht angenehmes Gefühl. Diese
Betten könnten in einer Folterkammer gute Dienste leisten.
Da war ein weißüberzogenes Kopfkissen und ein weißes Leinenlaken in
jedem Bett. Aber da diese weiße Leinenwäsche nur jede Woche oder alle
drei Wochen gewechselt wurde, während der Bettgast jeden Tag wechselte,
so waren die Sachen eigentlich nicht weiß, sondern fettig, fleckig und
streifig. Außerdem gehörte zu jedem Bett eine Decke, die sicher nie
gewaschen und nie geklopft wurde. Es wurde nicht gelaust, und niemand
wurde untersucht, ob er krank sei. Wer sein Bett bezahlte, durfte darin
schlafen, ob er von den Läusen bald aufgefressen wurde, ob er Syphilis,
Tuberkulose, Malaria, Leprose, Krätze, schwarze Pocken oder sonst etwas
hatte.
Die Schlafräume lagen zu ebener Erde. Türen hatten sie nicht, oder es
waren nur noch die Reste ehemaliger Türen vorhanden. Man trat vom Hofe
unmittelbar in den Schlafraum. Jeder Schlafraum hatte sechs bis acht
Betten. Die Betten standen kreuz und quer im Raum, gerade wie sie am
besten Platz fanden. Ein Raum lag neben dem andern, so daß die Räume
eine lange Reihe bildeten. Am Ende der Reihe schloß sich im rechten
Winkel wieder eine Reihe an und an diese wieder eine Reihe, so daß also
der ganze viereckige Hof mit Schlafräumen eingezäunt war. Die
Vorderfront bildete ein großes zweistöckiges gemauertes Haus mit der
stolzen Inschrift „Continental-Hotel. – Bäder zu jeder Tages- und
Nachtzeit“. Hier in diesem Vordergebäude waren die Zimmer für einen
Peso; in jedem Raume standen zwei Betten. Diese Betten hatten
Moskitonetze, während die billigen keine hatten.
Viel wert waren die Netze nicht, weil sie große Löcher hatten. Außerdem
war in dem Gewebe der Atem von Tausenden von verschiedenen Menschen
aufbewahrt.
Bäder konnte man in der Tat zu jeder Nachtzeit bekommen. Es waren
Brausebäder, und jedes Bad kostete fünfundzwanzig Centavos. Dafür bekam
man Seife und Handtuch und einen Bastwisch zum Abreiben dazu geliefert.
In diesen Baderäumen wimmelte es von riesengroßen Schaben. An der
Wasserrohrleitung war kein Hahn, den man einstellen konnte, so daß das
Wasser laufen konnte. Man hatte eine Kette zu ergreifen und an der zu
ziehen. Beim Baden konnte man also nur immer eine Hand zum Waschen
gebrauchen, während man mit der andern an der Kette ziehen mußte. Wusch
und seifte man sich mit beiden, so mußte man die Kette loslassen und das
Wasser hörte auf zu laufen. Das wurde getan, um Wasser zu sparen; denn
Wasser ist hier ein kostbarer Artikel.
In den billigen Schlafräumen gab es alles erdenkliche Ungeziefer und
alle möglichen Insekten der Tropen, alles natürlich in tropischen
Ausmaßen, nur die Moskitos waren klein. Die großen widerlichen Schaben
liefen in den Betten umher und an den Wänden auf und ab, als ob ihnen
die Räume gehörten.
Die Reihen der billigen Schlafräume waren alle aus dünnen Brettern
erbaut, die halb zerfault waren. Die Dächer waren aus Wellblech und bei
manchen Räumen aus Pappe. Ob sie aber aus Blech oder aus Pappe waren,
alle leckten, wenn es regnete, so fürchterlich, daß an ein Schlafen
nicht zu denken war.
Die Gäste alle rauchten. Und da es ja nicht ihr Haus war, so flogen die
ganze Nacht hindurch die glühenden Zigarettenstummel und brennenden
Zündhölzer in den Räumen herum. Die Zündhölzer hier sind aus Wachs und
brennen schön weiter, wenn man sie weggeworfen hat. Aber trotzdem sind
Feuer sehr selten. Wenn sie ausbrechen, brennt alles nieder, weil die
Feuerwehr zwar die modernsten Löschmaschinen besitzt und sehr gut
gedrillt ist, aber kein Wasser hat. Nur gerade so viel Wasser, wie in
den fahrbaren Maschinen mitgeführt wird.
Die Fußböden waren alle zertreten und morsch und faul. Ratten und Mäuse
hatten ideale Heime und trugen die Beulenpest umher.
Die billigen Schlafräume waren immer voll besetzt, die teuren für einen
Peso standen zur Hälfte immer leer.
Wir kamen, gaben einen Namen an, der eingeschrieben wurde, und erhielten
unsre Raum- und unsre Bettnummer. Dann legten wir uns schlafen, nachdem
wir ein Brausebad genommen hatten.
Gegen acht Uhr abends standen wir auf und gingen wieder in die Stadt.
Das Bett gehörte uns noch für die kommende Nacht, und wir brauchten
nicht noch einmal dafür zu bezahlen.
Bedürfnisanstalten gibt es hier nicht, dafür müssen alle Wirtschaften,
die darauf eingerichtet sind, jedem, auch wenn er nichts verzehrt, die
Benutzung gestatten. Aber manche Wirtschaften haben selbst keine
Einrichtung dafür, weil sie keinen überflüssigen Raum haben. Dann muß
sogar der Besitzer in ein Nachbarrestaurant gehen.
Das war der Grund, daß ich in eine Bar kam. Ein Riese von einem Mann
stand an dem Büfett und trank Tequila. Er hatte hohe Reitstiefel an mit
Sporen. Sein Gesicht war sehr roh, und er trug einen mächtigen
Hindenburgbart.
„Hallo!“ rief er, als ich wieder hinausgehen wollte. „Suchen Sie
Arbeit?“
„Ja. Was für welche? Wo?“
„Baumwolle pflücken. In Concordia. Mr. G. Mason. Zahlt den üblichen
Pflückerlohn. Bahnstation. Kostet drei Pesos sechzig.“
„Sind Sie beauftragt, Leute anzunehmen?“
„Natürlich, sonst würde ich es Ihnen doch nicht sagen.“
„Gut, geben Sie mir einen Zettel.“
Er ließ sich ein Stück Papier von dem Wirt geben, nahm ein
Bleistiftstümmelchen aus seiner Hemdtasche und schrieb den Zettel aus.
Ich las den Zettel: Mr. G. Mason, Concordia. Dieser Mann kommt zum
Pflücken. L. Wood.
Als ich später Osuna traf und ihn fragte, sagte er mir, daß er nicht
mitkäme. Am nächsten Morgen fuhr ich ab.
Ich kam an und fand Mr. Mason. Auf dem Felde waren viele Pflücker tätig,
und die Arbeit hatte schon tüchtig angefangen.
Als Mr. Mason meinen Zettel sah, sagte er: „Mr. L. Wood? Kenne ich
nicht. Hat keinen Auftrag von mir, Pflücker anzunehmen. Kann gar keine
brauchen. Habe genug.“
„Sie sind doch Mr. G. Mason?“ fragte ich.
„Nein, ich bin W. Mason.“
„Wohnt hier in der Nähe ein Mr. G. Mason?“ fragte ich.
„Nein“, antwortete der Farmer.
„Dann sind Sie doch damit gemeint“, sagte ich. „Das mit dem G. ist dann
nur ein kleiner Irrtum. Sie pflücken doch. Wie kann denn Mr. Wood oder
ganz gleich wie er heißt wissen, daß hier ein Mr. Mason wohnt, der
Baumwolle baut und jetzt gerade mit dem Pflücken beginnt?“
Der Farmer machte ein unbestimmtes Gesicht und sagte dann: „Das weiß ich
auch nicht. Jedenfalls kenne ich keinen Mann namens Wood, und mein
Vorname ist nicht G., sondern W.“
„Schöne Sache,“ sagte ich, „einem so das Geld aus der Tasche zu lotsen
für die Eisenbahnfahrt, wenn man schon so gut wie nichts hat. Ich will
Ihnen etwas sagen, Mr. Mason, etwas stimmt hier nicht, und es ist an
dieser Stelle hier schwer herauszukriegen, wer der verfluchte Gauner
ist, der einen um seine Zeit und sein Geld betrügt.“
„Wenn Sie wollen, können Sie ja hier anfangen zu pflücken,“ lenkte Mr.
Mason nun ein, „aber Sie kommen nicht aufs Geld. Ich habe nur
Eingeborene zum Pflücken, und die tun es billig. Sie können auch hier
nirgends wohnen.“
„Verstehe auch ohne Hörrohr, was los ist“, sagte ich.
„Haben Sie schon einmal als Zimmermann gearbeitet?“ fragte nun Mr.
Mason.
„Ja, das habe ich, ich bin ein geübter Zimmermann.“
Wenn man hier nicht verhungern will, muß man alles sein können, auch
wenn man nie eine Axt oder ein Zieheisen in der Hand gehabt hat. Ich
jedenfalls hatte keine blasse Ahnung von der Zimmerei. Aber ich dachte,
wenn ich erst einmal vor der Arbeit stehe und mir eine Axt gegeben wird,
dann geht das übrige schon von selbst. Es kann jemand in England oder in
Frankreich oder in Deutschland vier oder fünf Jahre Buchbinder oder
Gelbgießer oder sonst was gelernt haben und ein Meister in seinem Fache
sein. Das ist hier gar nichts wert, weil selten oder nie ein Buchbinder
oder Gelbgießer verlangt wird. Wer bei seinem Handwerk bleiben will wie
der Schuster beim Leisten, der bekommt hier nicht einmal verschimmeltes
Brot in den Magen. Heute ein Auto reparieren, morgen einen guten Maurer
machen, übermorgen Stiefel besohlen, die folgende Woche ein Bohnenfeld
pflügen, dann Tomaten in Blechbüchsen konservieren und verlöten, hierauf
Werkzeuge schmieden und Drillmaschinen in Ordnung bringen in den
Ölfeldern, dann ein Kanu, mit Papayas gefüllt bis zum Sinken, über
Stromschnellen und Sandbänke, zwischen Alligatorenherden und durch
undurchdringliches Dornengestrüpp tagereisenweit die Flüsse
hinunterpaddeln, wenn man das nicht alles nebenbei kann, ist das so
mühevoll gelernte Handwerk und das lange Studium des Ingenieurs oder des
Arztes nicht so viel wert, daß man sich fünfzig Centavos für ein
chinesisches Mittagessen verdienen kann.
„Wenn Sie Zimmermann sind, kann ich Ihnen Arbeit besorgen“, erläuterte
Mr. Mason. „Da baut ein Farmer ein neues Haus, und er wird nicht gut
damit fertig, weil er nichts von Holzarbeit versteht. Ich gebe Ihnen
einen Zettel mit. Es ist nur eine Stunde von der Bahnstation entfernt.“
Ich bin alt genug und lange genug aus den Windeln, um zu wissen, daß
niemand einen Zimmermann brauchte, und daß Mr. Mason nur nach einer
Gelegenheit suchte, mich recht rasch loszuwerden, damit ich nicht etwa
das Reisegeld von ihm verlange. Denn es war kein Zweifel, daß er den Mr.
Wood beauftragt hatte, sich nach Pflückern umzusehen. Inzwischen aber
hatte er indianische Pflücker angeworben, die es billiger machten, weil
sie von Frijoles und Tortillas leben konnten. Das ist der Trick, den sie
mit den Arbeitslosen spielen. Überall wird angeworben, weil sie nicht
wissen, wer kommt und wer nicht kommt. Überallhin, wo sie einen
Bekannten haben, schreiben sie Briefe, daß sie Pflücker brauchen, und
von überallher finden sich immer wieder Gutgläubige und Verhungernde,
die den letzten Peso für die Bahnfahrt wagen. Der Farmer hat dann die
Auswahl, sich die billigsten auszusuchen und den Pflückerlohn zu
pressen, weil der arme Teufel nicht mehr fort kann; er muß pflücken und
wenn ihm nur drei Centavos für das Kilo geboten werden. Es war zwecklos,
sich mit dem Manne lange herumzustreiten. Die einzige Abrechnung wäre
gewesen, ihm ein paar in die Fresse zu hauen. Aber er hatte den Revolver
in der hinteren Tasche, und Fausthiebe, auch wenn sie noch so gut
gezielt sind, bleiben gegen Revolverkugeln zu sehr im Nachteil, als daß
es sich lohnte, es mit der nackten Faust gegen nickelplattierte
Bleikerne aufzunehmen.
Zur Station mußte ich sowieso zurück. Da konnte ich ja gut bei jenem
Farmer einmal vorsprechen. Es war aber schon so, wie ich vermutet hatte.
Der Farmer brauchte keinen Zimmermann, er war selbst Zimmermann genug,
um mit drei Peons sein Haus wunderschön und dauerhaft aufzubauen.
Immerhin, die Nachfrage nach Arbeit brachte mir ein gutes Essen ein. Und
der Farmer bestätigte mir auch, daß Mr. Mason ein ganz niederträchtiger
Lump sei und jedes Jahr diesen Trick mit der Anwerbung von Pflückern
vollführe, um durch die arbeitsuchenden weißen Arbeiter noch mehr auf
die Pflückerlöhne der Indianer zu pressen. Denn diese armen Teufel, die
kaum eine andre Einnahme an Geld das ganze Jahr hindurch haben, werden
ganz klein und duldsam gegenüber den Lohnpressungen, wenn sie selbst
Weiße um diese Arbeit betteln gehen sehen.
14
Als ich zur Stadt zurückkam, waren mir von meiner monatelangen Arbeit in
der Bäckerei gerade zwei Pesos übriggeblieben.
Was tun?
Ich ging zum Casa, wo ich hoffte, Osuna zu finden. Aber er war nicht da.
Vor zwölf ging er nicht zu Bett. Abends war ja das Leben am schönsten,
wenn es kühl war und die hübschen Mädchen auf den Plazas promenierten,
während die Musikbanden spielten.
Auf keinem der Plazas sah ich Osuna. Also konnte er nur im Spielsaal
sein. Der Spielsaal war im oberen Stockwerke eines großen Hauses, das zu
ebener Erde eine Bar hatte. Im Spielsaal selbst wurden keine Getränke
verabreicht. Es gab nur Eiswasser, das man umsonst erhielt.
Gesellschaftskleidung war nicht vorgeschrieben. Ich ging hin, gerade wie
ich war, ohne Jacke und ohne Weste. Den Leitern der Spielbank kam es
nicht darauf an, was die Besucher auf dem Leibe hatten, sondern was sie
in den Taschen hatten, und der, der ohne Jacke und Weste erschien,
konnte drei oder sechs oder gar neun Monate Drillerlohn in der Tasche
haben. Je verölter und verspritzter seine Hosen, sein Hemd und sein Hut,
je verlehmter seine Stiefel waren, desto wahrscheinlicher war es, daß er
zwei- oder dreitausend Pesos lose in der Hosentasche trug und zur
Spielbank kam, um diese Summe zu verdoppeln.
Auf dem Treppenabsatz war ein kleines Tischchen, wo zwei Männer saßen,
die jeden, der hinaufging, beobachteten. Sie kannten jeden Besucher, und
sie hatten eine feines Gedächtnis für die, denen der Besuch untersagt
war, weil sie sich nicht zu benehmen verstanden. Es kam vor, daß jemand
behauptete, der Bankhalter habe ihn übervorteilt. Ohne zu streiten,
zahlte der Bankhalter die fünf, zehn oder zwanzig Pesos, um die der
Streit ging, sofort aus, auch wenn die Bank durchaus im Recht war. Aber
der Mann durfte nie wieder den Saal betreten. Die Bank betrog nicht. Es
waren nur immer die Gäste, die zu betrügen versuchten. Die Bank wußte,
daß sie bessere Geschäfte machte, wenn sie grundehrlich spielte, Karten
und Würfel wechselte, sobald ein Spieler nur den leisesten Zweifel
äußerte, als wenn sie versucht hätte, durch geschickte Manipulationen
den Spielern das Geld aus der Tasche zu holen.
Der Saal war gedrängt voll. Und wären nicht die vielen Ventilatoren
gewesen, würde eine unerträgliche Hitze den Aufenthalt unmöglich gemacht
haben. Es waren Tische da, an denen Roulette gespielt wurde, an andern
wurde gepokert, wieder an andern gab es „Meine Tante – deine Tante“,
oder man konnte sein Glück mit „Siebzehn und vier“ wagen. Eine Bank
wurde von einem Chinesen gehalten, der Vorstandsmitglied des Jockeiklubs
war. Die Spielbank arbeitete unter dem Namen Jockeiklub, und sie war nur
Mitgliedern des Jockeiklubs zugänglich. Mitglied des Jockeiklubs war
man, sobald man den Saal betrat. Die Regierung schrieb zwar vor, daß
jeder Besucher eine ausgeschriebene, auf seinen Namen lautende
Mitgliedskarte haben müsse. Aber nach dieser Karte wurde nie jemand
gefragt, jedenfalls nie ein Weißer. Nur von den Indianern verlangte man
Karten zu sehen, aber die hatten keine, und deshalb wurde ihnen der
Zutritt nicht erlaubt. Die farbige Rasse war durch die Chinesen
reichlich vertreten, und zwar so reichlich, daß an manchen Abenden die
Chinesen die Hälfte der Gäste ausmachten.
Ich hatte schon richtig vermutet. Osuna war anwesend. Er stand an der
Würfelbank, wo ein Locker spielte, der von der Bank angestellt und
bezahlt wird, um an den Banktischen zu spielen, wo augenblicklich keine
Gäste sind. Durch sein Spielen, bei dem er nach jedem Wurf den Einsatz
erhöht und endlich Einsätze von fünfundzwanzig Pesos macht, lenkt er die
Aufmerksamkeit von Spielgästen, die sich an andern Tischen drängen, zu
dieser Bank. Der hohe Einsatz macht die Leute aufgeregt, sie kommen
näher, umdrängen den Tisch, um den waghalsigen Spieler zu beobachten.
Natürlich gewinnt der Spieler und verliert, genau nach den Gesetzen des
Spielerglücks. Aber es ist ja nicht sein Geld, es ist das Geld der Bank,
das er setzt. Und die Gäste wissen nicht, daß er zur Bank gehört und nur
Anreizspiele macht. Aber es dauert nur wenige Minuten und der Tisch ist
von einem Dutzend erregter Männer belagert, die das Fallen der Würfel
belauern und in ihrem Innern sofort die Kombinationen ausrechnen, in
welchen Intervallen die Zahlen wiederkehren. Sobald sie glauben, die
Kombination errechnet zu haben, fangen sie zu setzen an und spielen. Die
Würfelbank, die vor kaum zehn Minuten nicht einen Spieler hatte, sondern
müßig lag, nur mit dem Bankhalter hinter dem Tisch, ist jetzt der
Mittelpunkt des Spielsaales. Jedes Feld ist drei- und viermal besetzt.
Dadurch wurde die Bank mit „Meine Tante – deine Tante“ müßig, und der
Bankhalter konnte abrechnen, die Chips auswechseln und die neuen
Kartenpacks aufschichten. Wenn er fertig war und der Bankhalter bei den
Würfeln vor den Strömen des Schweißes zu keuchen begann, setzten bei der
Tanten-Bank zwei Locker ein. Und allmählich ging der Würfelkorb immer
langsamer, weil immer langsamer und seltener hier gesetzt wurde, während
bei der Tante das Gedränge unheimlich wurde.
In einer Ecke wurde jetzt eine Bank versteigert. Sie wurde angeboten mit
fünf Pesos, überboten mit zehn, und sie ging endlich fort mit sechzig
Pesos. Ich sah rüber zu dem, der sie gekauft hatte.
„Hölle noch mal, Leary, Mann, wo kommen Sie denn her?“ rief ich hinüber.
Es war in der Tat Leary, mit dem ich in Campeche in einem Ölcamp
gearbeitet hatte. „Ich drücke den Daumen für Sie, Leary, bis auf
dreihundert gegen zwanzig. Einverstanden?“ rief ich ihm zu.
„Einverstanden, Gale“, rief er zurück.
Die Amerikaner, die anwesend waren und es gehört hatten, lachten und
kamen alle zu dem Tisch, wo Leary sich jetzt niedersetzte, um die Bank
zu übernehmen, die er ersteigert hatte.
Es wurde losgespielt. Leary mußte bluten. Hundert, zweihundert,
dreihundert. Er packte das Gold nur immer so raus und schob es fort.
Seine Chips waren längst zu Ende.
„Verflucht noch mal, Gale, drücken Sie denn auch, oder was ist?“
„Nur keine Angst, Leary, hauen Sie nur drauf, alles was Sie haben.“
„Gut, mache ich“, rief Leary herüber. „Aber ich schneide ihn ab, wenn
Sie mich abflattern lassen.“
„Gehen Sie drauf! Ich stehe Ihnen mit dreihundert gegen
Gentleman-Agrément, drauf!“ Ich hatte zwei Pesos in der Tasche.
Und Leary ging los. Vierhundert, fünfhundert, sechshundert,
siebenhundert. Sein Gesicht wurde rot wie eine Tomate, und es sah aus,
als ob es jeden Augenblick platzen wolle. Er zog ein Tuch aus der Tasche
und wischte sich den Schweiß ab. Aufgeregt war er nicht. Es war nur die
Emsigkeit der Arbeit, die ihn so stark mitnahm.
Siebenhundertfünfzig.
Die Karten fielen. Die Bank gewann.
Die Karten fielen abermals. Die Bank gewann.
Ich quetschte den Daumen. Die Bank gewann. Leary stand auf: „Ich gebe
die Bank ab. Versteigere.“
„Wieviel haben Sie gemacht, Leary?“ fragte ich ihn, als er zu mir kam,
um mir die Hand zu geben. Denn wir hatten uns ja nur über den Tisch und
über das Gedränge hinweg begrüßt.
„Gemacht? Wieviel? Ich weiß nicht ganz genau. Aber da, nehmen Sie.
Gehört Ihnen.“ Er gab mir zweihundert Pesos.
Ich hatte sie ehrlich verdient. Aber er sagte mir nicht, wieviel er
gemacht hatte. Für zwanzig hatte er sich verbürgt, falls er gewänne;
wenn er mir nun zweihundert geben konnte, so hatte er einen hübschen
Haufen in der Hosentasche.
Man nimmt das Geld und fragt nicht, woher es kommt. Man kann doch nicht
verhungern. Verhungern ist Selbstmord. Und Selbstmord ist eine Sünde.
Aber Sünden soll man nicht begehen, das wird einen schon in der Jugend
gelehrt.
Leicht gewonnenes Geld ist rasch ausgegeben. Aber diese zweihundert
Pesos waren keineswegs leicht verdient, und ich hielt sie gut zusammen.
Ich borgte Osuna fünfzehn Pesos, und er mietete sich einen kleinen
Zigarettenstand. Er zahlte für das Tischchen, das mit einem Stück
gestreiftem Segeltuch überspannt war, um die Sonnenstrahlen abzuhalten,
neun Pesos Miete den Monat.
Jeden Tag einmal kam der städtische Steuereinnehmer vorbei, der den
Standtribut einforderte, fünfzehn Centavos. Dafür bekam Osuna ein
Zettelchen, das er vorzeigte, wenn der Beamte nachmittags wieder
vorbeikam, um bei denen einzukassieren, die am Vormittage nicht bezahlt
hatten. Diese Bezahlung des täglichen Tributs war alles, was man mit den
Behörden zu tun hatte, wenn man ein Geschäft auf der Straße errichtete.
Wenn das Geschäft mal an einem Tage sehr schlecht ging, dann sagte Osuna
zu dem Beamten: „Ich habe heute kaum ein Mittagessen verdient“, dann
schenkte ihm der Beamte für diesen Tag die Steuer. Es wird dem Händler
geglaubt, wenn er sagt, daß er kein Geschäft gemacht hat; dafür glaubt
er auch bei einer andern Gelegenheit wieder der Behörde, wenn die etwas
sagt. Vertrauen gegen Vertrauen.
Viel verdiente Osuna nicht. Manchen Tag einen Peso, manchen zwei Pesos.
Über zwei Pesos kam er selten. Aber es war leichter als in der Bäckerei.
Die Arbeitszeit war freilich die gleiche. Von frühmorgens um fünf bis
nachts um zwölf oder eins stand er an seinem Tisch.
Ich holte mir jeden Tag ein oder zwei Pakete Zigaretten bei ihm und
verringerte so seine Schuldsumme. Es ging sehr langsam; denn jedes
Paketchen kostete nur zehn Centavos, und in jedem Paketchen waren
vierzehn Zigaretten. In manchen Paketen war sogar noch ein Gutschein für
zehn, zwanzig oder fünfzig Centavos, die Osuna freilich von der Fabrik
ersetzt bekam, die er aber doch erst einmal auszulegen hatte. Die Fabrik
zahlte ihm für diese ausgeliehene Summe fünf Prozent.
Eines Nachmittags, als ich bei ihm saß und auf der kleinen Kiste hockte,
die sein Stuhl war, fragte ich ihn: „Warum sind Sie denn damals nicht
mit zum Baumwollpflücken gekommen? Sie hatten doch das Reisegeld so gut
wie ich.“
„Eben darum, weil ich das Reisegeld hatte, bin ich nicht mitgekommen.
Ich hatte Sie gewarnt, aber Sie wollten mir ja nicht glauben. So leicht
werden Sie nun wohl nicht mehr darauf hineinfallen.“
„Man kann nie im voraus wissen, ob es stimmt, oder ob es nicht stimmt.
Im vorigen Jahre stimmte es“, erwiderte ich.
„Natürlich kann es auch mal stimmen und wirklich Arbeit da sein und
richtiger Pflückerlohn“, bestätigte er mir. „Aber ich habe reichlich
Erfahrung. Vor drei Jahren war ich pflücken, bei einem Amerikaner.
Wissen Sie, wie es mir ergangen ist?“
„Nein, wie?“
„Als die erste Woche herum war, wollten wir unsern Lohn haben. Da sagte
der Farmer, er könne nur jedem einen Peso geben. Wenn wir Ware
brauchten, so könnten wir das aus seinem Laden beziehen. Da nahmen wir
auch Ware, weil wir sie brauchten. Von dem Tage an gab er uns überhaupt
kein Geld mehr, sondern immer nur Bons für seinen Laden. Und da setzte
er uns Preise an, doppelt so hoch als in der Stadt. Tabak, den wir in
der Stadt für achtzig Centavos kauften, berechnete er uns mit einem Peso
vierzig. Ein Hemd, das in der Stadt drei Pesos kostete, berechnete er
mit fünf Pesos. So ging das mit Mehl, mit Bohnen, mit Kaffee, na, kurz
mit allem. Als wir dann mit der Ernte fertig waren, wollten wir
abrechnen und unser Geld haben. Da sagte er ganz trocken, er hätte
selber kein Geld, wir könnten für das ganze Geld, das uns noch zustände,
Ware haben. Was sollten wir aber mit der Ware machen? Geld brauchten wir
vor allem, um wieder zur Stadt zurückkommen zu können.“
„Und bekamt ihr das Geld?“
„Nein, wir mußten laufen. Er blieb uns den ganzen Lohn schuldig. Er
sagte, wir sollten unsre Adresse einschicken, dann wolle er uns das Geld
im Oktober schicken. Er hat nie einen Centavo geschickt, ist den Lohn
heute noch schuldig. Wir haben gerade für das lausige Essen die acht
Wochen gepflückt. Und was für Essen? Sie wissen ja, was man sich da
kocht, und was man ißt. Sie haben ja gepflückt.“
„Da läßt sich auch gar nichts dagegen tun“, sagte ich.
„Nein, die kriegen immer wieder Leute. Immer wieder andre. Immer wieder
andre Dumme, immer wieder andre, die in der Stadt vor dem Verhungern
stehen, und die ehrlich arbeiten wollen. Wir haben ja nun in einigen
Staaten sehr tüchtige Gouverneure, die von den Arbeitern gewählt wurden,
von den Sozialisten und von den Syndikaten. In San Luis Potosi und in
Tamaulipas. Die Gouverneure haben nun vor kurzem in den
Arbeiterversammlungen gesprochen und zugesagt, daß sie hier energisch
eingreifen wollen. Der Gouverneur von Tamaulipas arbeitet ein Dekret
aus, daß jeder Baumwollfarmer fünfundzwanzig Pesos hinterlegen muß für
jeden Pflücker, und daß er für jeden Pflücker das Bahngeld für die Hin-
und Rückreise bezahlen muß. Das ist wenigstens ein Anfang. Bis jetzt
konnten die mit den armen Teufeln machen, was sie gerade wollten. Wenn
sie dann keine Pflücker kriegen und überall herumschreien, daß ihnen die
Ernte verfault, dann sagen sie, das Landarbeitersyndikat sei schuld und
das müßte ausgerottet werden. Dann reden sie von den faulen Indianern
und den Peons, die lieber als Banditen leben, als daß sie anständig
arbeiten wollen. Mich fängt keiner mit dem Schwindel. Baumwollpflücken?
Ich? Ich denke nicht, daß Sie mich für einen solchen Dummkopf halten.
Lieber stehlen oder krepieren. Haben Sie schon einmal hier einen armen
Farmer gesehen? Ich nicht. In den ersten drei Jahren vielleicht, da geht
es ihm etwas hart. Aber wenn er das Land erst einmal durch hat, dann ist
es sicherer als eine Goldmine. Dann aber wollen sie auch gleich noch
Diamantminen daraus machen dadurch, daß sie die Arbeiter um den Lohn
betrügen. Cabrones!“
Ich denke, daß Osuna durchaus recht hatte. Und ich nahm mir vor, meine
Laufbahn als Baumwollpflücker für immer abzuschließen. Es kam nichts
dabei heraus. Und es war so zwecklos. Was kümmerte mich denn der
Baumwollbedarf Europas? Wenn sie Baumwolle da drüben haben wollen, so
mögen sie herüberkommen und sie sich selber abpflücken, damit sie einmal
erfahren, was es heißt: Baumwolle pflücken. Mit dieser neuerkämpften
Lebensweisheit belastet, verließ ich Osuna und ging rüber zu der
Kaffeebar, um Kaffee zu trinken und zwei Hörnchen zu essen.
Neben mir saß ein Amerikaner, ein älterer Mann, sicher Farmer.
„Suchen Sie nach was?“ fragte er, als ich über die Bar hin und her
guckte.
„Ja, nach dem Zucker“, sagte ich. Er reichte mir die emaillierte
Zuckerbüchse.
„Das meinte ich eigentlich nicht, als ich fragte“, sagte der Mann
lächelnd. „Ich meinte vielmehr, ob Sie etwas verdienen wollen?“
„Das will ich immer“, erwiderte ich.
„Haben Sie schon mal Rinderherden blockiert?“ fragte er jetzt.
„Ich bin auf einer Viehfarm groß geworden.“
„Dann habe ich Arbeit für Sie.“
„Ja?“
„Eine Herde von tausend Köpfen, achtzig Stiere darunter,
dreihundertfünfzig Meilen über Land bringen. Abgemacht?“
„Abgemacht!“ Ich schlug in seine Hand. „Wo sehe ich Sie?“
„Hotel Palacio. Um fünf. In der Halle.“
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Einfach mit der Bahn können Viehherden nicht befördert werden. Das Land
ist groß, die Strecken sind so weit, daß die Frachten die Herden
auffressen. Das Füttern und Tränken hat gleichfalls seine
Schwierigkeiten. Es muß herangeschafft werden zu den Stationen,
Futterleute müssen angenommen werden. Durch den langen Transport geht
das Vieh auch herunter. Es kann am Ende so kommen, daß der Viehzüchter
noch draufzahlen darf, wenn die Reste der Herde am Bestimmungsmarkte
angelangt sind.
So bleibt nichts andres übrig, als die Herden über Land zu treiben. In
den europäischen Ländern ist das eine ziemlich einfache Sache. Aber hier
gibt es keine Straßen. Es müssen Gebirge überstiegen werden, Sümpfe
umgangen, Flüsse gekreuzt werden. Man muß stets Wasser zu finden
verstehen, weil die Herden sonst zugrunde gehen, und man muß täglich
Weidegründe erreichen.
„Was, dreihundertfünfzig Meilen?“ fragte ich Mr. Pratt, als wir uns zur
Verhandlung niedergesetzt hatten. „Luftlinie?“
„Ja, Luftlinie.“
„Verflucht. Das können dann sechshundert Meilen werden.“
„Das glaube ich nicht“, erwiderte Mr. Pratt. „Soweit ich Erkundigungen
einziehen konnte, läßt es sich nahe an der Luftlinie halten.“
„Was mit der Bezahlung?“ fragte ich.
„Sechs Pesos den Tag. Ich stelle Pferd und Sattelzeug. Beköstigen müssen
sie sich selbst. Ich gebe Ihnen sechs von meinen Leuten mit, Indianer.
Der Vormann, ein Halbblut, geht auch mit. Er ist ein ganz tüchtiger
Mann. Verläßlich. Ich könnte ihm die Herde vielleicht anvertrauen. Aber
besser nicht. Wenn er alles unterwegs verkauft und wegrennt, kann ich
nichts machen. Seine Frau und seine Kinder wohnen bei mir auf dem
Rancho. Aber das ist keine Sicherheit. Suchen Sie mal hier jemand im
Lande. Und ich möchte ihm auch nicht soviel Geld mitgeben. Ohne Geld
kann ich ihn nicht abschicken; da sind so viele Ausgaben unterwegs. Es
ist nicht gut, die Leute zu verführen. Selber kann ich nicht so lange
fortbleiben vom Rancho. Wenn man es weißt, dauert es nicht lange, und
die Banditen sind herum. Nun hätte ich gern einen weißen Mann, der den
Zug übernimmt.“
„Ob ich so ehrlich bin, wie Sie denken, das weiß ich nicht. Noch nicht“,
sagte ich lachend. „Ich verstehe es auch, mit einer Herde
durchzubrennen. Sie haben mich doch gerade hier auf der Straße
aufgegriffen.“
„Ich sehe den Leuten ins Gesicht“, sagte Mr. Pratt. „Aber, um ganz
ehrlich zu sein: So auf gut Glück gehe ich ja nun auch nicht. Ich kenne
Sie.“
„Sie mich? Ich wüßte nicht woher.“
„Haben Sie denn nicht bei einem Farmer mit Namen Shine gearbeitet?“
„Allerdings“, bestätigte ich.
„Da habe ich Sie gesehen. Sie gingen dann zu den Ölleuten zur Ablösung
eines Drillers. Na?“
„Stimmt. Ich erinnere mich aber nicht, daß ich Sie gesehen hätte.“
„Tut nichts. Aber Sie sehen, daß ich Sie kenne. Und Mr. Shines Wort, daß
ich mich auf Sie verlassen kann, trotzdem Sie sich immer um Streiksachen
kümmern –“
„Ich? Fällt mir gar nicht ein. Was kann ich denn dafür, daß immer
zufällig da, wo ich bin, die Hölle losgeht. Ich mische mich nie rein.“
„Lassen wir das beiseite. Bei mir haben Sie keine Gelegenheit. Sie haben
den Kontrakt und sind kein Arbeiter. Sie übernehmen es, die Herde zu
transportieren, und ich übernehme es, Ihnen das Geld vorzustrecken und
Ihnen Tagesdiäten zu zahlen.“
„Kontrakt? Ganz gut. Aber was mit der Kontraktprämie?“ fragte ich.
Mr. Pratt schwieg eine Weile, dann nahm er sein Notizbuch, rechnete und
sagte: „Ich habe zwei Meilen vom Markt, wo ich sie zum Verkauf bringen
will, eine Weide gepachtet. Sie ist aufgezäunt. Wenn ich die Herde in
der Weide halten kann, brauche ich nicht die Preise zu nehmen, sondern
kann meinen Vorteil wahrnehmen, bis man mir kommt. Wahrscheinlich kriege
ich mehrere Schiffsladungen in Auftrag. Andernfalls verkaufe ich
dutzendweise. Macht bessern Preis, als wenn ich die ganze Herde auf
einmal losschlagen muß. Ich werde mal sehen. Ich habe einen guten
Kommissionär da, der schon jahrelang mit mir arbeitet und immer gute
Preise geholt hat.“
„Das ist alles ganz gut,“ flocht ich ein, „aber das alles hat nichts mit
meinem Kontrakt und meiner Prämie zu tun.“
„Well, für jeden Kopf, den Sie gesund durchkriegen, bezahle ich Ihnen
extra sechzig Centavos. Wenn Sie weniger als zwei Prozent Verlust haben,
noch einmal hundert Pesos.“
„Und das Risiko?“
„Was Sie mehr verlieren als zwei Prozent, dafür ziehe ich Ihnen pro Kopf
verlorenes Vieh fünfundzwanzig Pesos ab“, sagte Mr. Pratt.
„Warten Sie einen Augenblick“, sagte ich. Ich rechnete rasch auf einem
Zeitungsrand und antwortete dann: „Abgemacht. Einverstanden. Geben Sie
mir den Kontraktzettel.“
Er riß ein Blatt aus seinem Büchlein aus, schrieb mit Bleistift die
soeben vereinbarten Bedingungen auf, unterschrieb den Zettel und gab ihn
mir. „Ihre Adresse?“ fragte er.
„Meine Adresse?“ sagte ich. „Ja, meine Adresse, das ist so eine Sache.
Sagen wir hier, sagen wir: Hotel Palacio.“
„Gut.“
„Wie ist denn das? Ist der Transport schon ausblockiert?“ fragte ich.
„Nein, es ist noch nicht ein Kopf ausblockiert. Wir nehmen einen kleinen
Prozentsatz Einjährige und in der Masse Zwei- und Dreijährige.
Vierjährige habe ich nicht viel. Ein paar können Sie mithaben. Beim
Ausblockieren helfe ich Ihnen.“
„Ist alles gebrannt mit Ihrem Zeichen?“
„Alles, damit haben wir nichts zu tun.“
„Was mit den Leitstieren?“
„Das ist die Sache. Da müssen Sie zusehen, wie Sie die kriegen.“
„Ist recht. Werden wir schon einangeln.“
Mr. Pratt stand auf: „Nun wollen wir erst einen gießen, und dann lade
ich Sie zum Abendessen ein. Nachher habe ich Privatgeschäfte.“ Diese
Privatgeschäfte kümmerten mich nicht.
Als wir uns nach dem Abendessen trennten, fragte Mr. Pratt, wieviel ich
Vorschuß haben wolle. Ich sagte ihm, daß ich nichts brauche.
„Was, Sie brauchen keinen Vorschuß?“ fragte er erstaunt. „Das kommt mir
aber doch recht merkwürdig vor. Wo haben Sie denn das Geld gemacht?“
„In der Spielbank.“
„Da werde ich heute abend später auch mal hingehen, vielleicht gewinne
ich Ihren Lohn und Ihre Prämie.“
„Von mir aber nicht,“ sagte ich, „denn ich komme nicht. Ich halte, was
ich habe.“
„Von Ihnen wollte ich es auch nicht holen. Den andern will ich es
abnehmen. Da sind immer so verrückte Kerle drin, die aus den Kamps
hereinkommen, die können es nicht schnell genug hergeben. Ich mache
Solotisch mit zweien oder dreien dieser Vögel. Wenn Sie lernen wollen,
wie das gemacht wird, dann kommen Sie hin und sehen Sie zu“, riet er
mir.
„Ich habe kein Interesse“, sagte ich und ging meiner Wege.
16
Am nächsten Morgen früh um fünf reisten wir ab. Wir hatten sechzehn
Stunden mit dem Schnellzug zu fahren. Die Züge haben nur erste und
zweite Klasse, weil man hier nicht so viele Kastenunterschiede macht wie
in vierklassigen Ländern. Die erste Klasse kostet wenig mehr als das
Doppelte der zweiten. Man reist aber in der zweiten ebenso rasch wie in
der ersten und keineswegs sehr unbequem. In der ersten Klasse sind die
Sitze an den Längsseiten, aber man sitzt quer zur Zugrichtung. In der
Mitte ist der Gang, der durch den ganzen Zug führt. In der zweiten
Klasse, wo die eingeborene ärmere Bevölkerung reist, sind an beiden
Längsseiten durchgehende Bänke, und man sitzt mit dem Rücken gegen die
Wand des Abteils. In der Mitte sind Quersitze, und an jeder Seite
zwischen den langen Bänken und den Quersitzen führt der Gang. Die
Lokomotiven, gigantische Maschinen, werden nur mit Öl geheizt. Hinter
dem Tender folgt der Expreßgutwagen und ferner der Gepäckwagen mit der
Post. Dann folgen zwei lange Wagen zweiter Klasse, dann ein langer Wagen
erster Klasse und endlich der Pullman-Wagen für die Schlafgäste.
Im ersten Wagen zweiter Klasse sitzt in jedem Zuge eine Abteilung
Soldaten von etwa zwölf bis achtzehn Mann mit geladenen Gewehren,
geführt von einem Offizier. Wegen der Banditenüberfälle auf Züge sind
die Soldaten notwendig. Es kommt trotzdem vor, daß die Züge von Banditen
überfallen werden. Dann entwickelt sich zwischen den Soldaten und den
Banditen eine Schlacht, die einige Stunden dauert und eine gute Anzahl
Tote kostet. Bei diesen Überfällen werden die Reisenden ausgeraubt,
jedoch nie getötet, es sei denn, daß sie bewaffneten Widerstand leisten.
Abgesperrte Bahnübergänge, Bahnwärter und so etwas gibt es nicht. Die
Züge sausen mit rasender Geschwindigkeit durch das unübersehbare Land,
durch Dschungel und Busch, über Prärien und über Gebirge, die mit ewigem
Schnee bedeckt sind. Über weite Schluchten sind Brücken gezogen,
vierzig, fünfzig, sechzig Meter hoch, viele Kilometer lang. Und die
Brücken sind nur aus Holz, und der Zug rast in schwindelnder Höhe
darüber hinweg.
Die Bahnstrecke ist nicht abgezäunt. Rinderherden, Pferde, Esel,
Maultiere und Wild treiben sich in der Nähe der Bahnstrecke umher und
weiden oder ruhen mitten auf dem Geleise. Dann heult der Zug
schauerlich, um die Tiere zu verscheuchen. Manchmal stehen sie auf und
rennen davon; manchmal rühren sie sich nicht, und der Zug muß halten,
und ein Zugbeamter steinigt die Tiere hinweg. Dann wieder laufen die
Tiere direkt in den rasenden Zug oder sie werden übersehen. An der
ganzen langen Zugstrecke sieht man zu beiden Seiten der Geleise die
Skelette der Tiere liegen. Verwundete, denen die Füße abgefahren sind
oder der Leib aufgerissen wurde, liegen verdurstend, den Tod erwartend
in der tropischen Sonnenglut. Niemand, der vorbeikommt, tötet sie und
erlöst sie von ihren Qualen, weil der Besitzer vielleicht irgendwo
lauert; denn wenn man das Tier tötet, muß man ihm das Tier bezahlen, als
ob es lebend wäre, und er darf einen außerdem noch zum Gericht
schleppen, wo man wegen unerlaubter Tötung eines Tieres mit fünfzig oder
hundert Pesos oder gar mehr bestraft wird.
Wenn man annimmt, daß man nicht beobachtet wird, hält man dem armen Tier
den Revolver ans Ohr. Dann aber muß man laufen. Mitleid an Tieren üben
ist kostspielig. Ich habe einmal einem Esel, der neben dem Bahngleise im
Busch lag und dem der eine Huf abgefahren war, eine Schüssel mit Wasser
gebracht, als die Sonne im Mittag stand. Die dankbaren Augen des Tieres
sind mir unvergeßlich. Aber ob ich es ein zweites Mal tun werde, wenn
Hütten nicht weit entfernt sind, weiß ich nicht. Am Abend, als die Sonne
unterging, starb das Tier. Es hatte auch noch innere Verwundungen. Ich
stand in der Tienda und trank eine Limonade. Da kam ein Halbblut rein
und sagte zu mir: „Der Esel da drüben am Geleise gehört mir. Sie haben
ihm heute mittag vergiftetes Wasser gegeben. Der Esel ist jetzt tot. Sie
werden mir den Esel bezahlen. Sie haben ihn vergiftet. Sie haben ja hier
den ganzen Nachmittag zu den Leuten herumerzählt, es sei eine Schmach,
daß man dem Tier nicht einen Erlösungsschuß gebe.“
Das Wasser war natürlich nicht vergiftet, denn ich hatte es aus dem
Trinkwasser-Tank der Familie des Tienda-Besitzers genommen. Und der
Besitzer der Tienda bestätigte das auch dem Halbblut. Dieser Bursche
wußte natürlich recht gut, daß ich dem armen Tier kein Gift gegeben
hatte. Schließlich einigten wir uns, daß ich ihm fünf Pesos für seinen
Esel bezahlte und eine Flasche Bier und ein Päckchen Tabak. Wenn nicht
der Tienda-Mann und einige Indianer, die in der Kantine waren, mir
beigestanden hätten, wäre mein angewandtes Mitleid eine teure Sache
geworden.
Entlang der Geleise hocken die Geier in Schwärmen und warten auf die
Beute. Sie begnügen sich auch mit Katzen, Hunden, Schweinen. Weite
Strecken dient das Bett der Eisenbahn ganzen Maultier- und
Eselskarawanen als Straße, weil die Straße, die nebenher führt, oft
nicht mehr zu finden ist, denn der Dschungel oder der Busch hat sie
verschlungen.
Die Bahn hat nur ein Geleise. Etwa je fünfzig Kilometer voneinander
entfernt sind große Wassertanks errichtet, wo die Lokomotiven wieder
frisch aufgefüllt werden können. An vielen Stationen wird kaum gehalten,
besonders wenn keine Reisenden aussteigen oder einsteigen. Dann fliegt
nur der Postsack heraus, und der andre wird hineingepfeffert. Auch die
Eisblöcke, die in Säcke eingenäht sind und festumpackt mit Hobelspänen
und Sägespänen, um das Eis vor dem Zerschmelzen zu schützen, werden
einfach hinausgefeuert. Der Empfänger wird sich schon darum kümmern.
Die Fahrkarten kann man auf den Stationen kaufen oder im Zuge. Kauft man
sie im Zuge, muß man fünfundzwanzig Prozent mehr zahlen. Diesen
Aufschlag braucht man nicht zu zahlen, wenn die Station keinen
Fahrkartenverkauf hat. Viele Stationen brauchen nach fünf Uhr abends
keine Karten zu verkaufen, damit sie nach Eintreten der Dunkelheit kein
Geld im Gebäude haben, was den Agenten das Leben kosten kann. Auch in
diesem Falle wird im Zuge nur der Normalpreis erhoben. Die Karte wird
einem nach einer Weile im Zuge wieder abgenommen, und der Schaffner
steckt einem ein kleines Kärtchen in das Hutband, auf das er die
Kilometerzahl geschrieben hat. So hat er seine Gäste alle unter schöner
Kontrolle.
Die Soldaten sitzen meist mit ihren Lesefibeln da, in denen sie
buchstabieren. Sie sind ausschließlich Indianer und können nur in ganz
seltenen Fällen lesen und schreiben. Aber sie haben einen brennenden
Ehrgeiz, es zu lernen. Einer hilft dem andern, und wenn der eine nur
gerade gelernt hat, wie man „eso“ schreibt, so ist er ganz aufgeregt, es
seine Kameraden auch zu lehren.
Um acht oder halb neun wird zum Frühstück gehalten auf einer Station,
die schon eine belebte Stadt genannt werden darf. Wir stiegen aus und
gingen in das Bahnhofslokal. Natürlich wieder ein Chinese. Wenn man doch
endlich mal ein Restaurant finden möchte, das keinem Chinesen gehört.
„Da wundern sich die Leute noch,“ sagte Mr. Pratt, während uns
chinesische Kellner den Kaffee und die gebackenen Eier mit Schinken
hinstellten, „daß die Anti-China-Bewegung hier in dem Lande, wo man
sonst keinen Rassenhaß kennt, immer größeren Umfang annimmt. Aber jedes
Restaurant, das sie nur ergattern können, erwerben sie, und gierig
warten sie auf jeden Neuen, der Pleite machen muß, weil er sich gegen
sie nicht halten kann. Sie nisten sich ein wie Ungeziefer. Sollen sich
nicht wundern, wenn das mal eine blutige Nacht gibt.“
„An der Pazifikküste habe ich eine erlebt“, erzählte ich ihm. „Kostete
achtundzwanzig Chincs das Leben. Und niemand wußte, wer es getan hat.
Aber sie sind nicht gegangen. Sie übernehmen das Risiko.“
„Das ist es ja eben,“ erwiderte Mr. Pratt, „was ich mit Ungeziefer sagen
wollte. Sie sind wie die Läuse.“
Wir standen auf, zahlten und gingen ein wenig auf dem Bahnsteig
spazieren. Dutzende von Händlern liefen herum und boten alles mögliche
an, von dem man nicht glauben möchte, daß es auf Bahnsteigen angeboten
werden könnte. Papageien, junge Tiger, Tigerfelle, lebende
Rieseneidechsen, Blumen, Singvögel, Apfelsinen, Tomaten, Bananen,
Mangos, Ananas, Zuckerrohr, kandierte Früchte, zerbröckelnde Schokolade,
Tortillas, gebratene Hühnchen, geröstete Fische, gekochte Riesenkrebse,
die in ihrer runden, spinnenähnlichen Gestalt grauenerregend aussehen,
aber sehr gut schmecken, Flaschen mit Kaffee, mit Zitronenwasser, mit
Pulque. Zerlumpte und barfüßige Indianermädchen liefen am Zuge entlang
und boten sich als Dienstmädchen und Köchinnen an. Es ist für die
zwanzig oder dreißig Minuten, während der Zug hier steht, ein Leben auf
der Station wie auf dem tollsten Jahrmarkt. Der Gegenzug kommt meist am
Abend hier vorbei, aber da warten die Gäste schon auf die nahe Großstadt
und sind müde und abgespannt von der Fahrt. Während der übrigen Zeit des
Tages ist eine solche Station, die augenblicklich sinnverwirrend
erscheint, totenstill. Sie glüht müde in der Sonne. Nur die Güterzüge
bringen ein wenig Bewegung unter die Beamten; aber alles ist träge und
schläfrig. Das Leben ist konzentriert auf die zwanzig Minuten am Morgen.
Wer in diesen zwanzig Minuten sein Geschäft nicht gemacht hat, muß
diesen Tag aus seinem Leben als einen erfolglosen Tag streichen.
Mittags kamen wir in eine größere Station, wo der Zug etwa vierzig
Minuten zum Mittagessen hielt. In der Bahnhofswirtschaft – richtig
wieder Chinesen – standen an mehreren großen Tischen schon dreißig
Gedecke bereit. Die halbe Anzahl Teller war schon mit Suppe gefüllt. Mit
einem raschen Blick hatte der Inhaber heraus, auf wieviel Gäste er
rechnen könne. Manche aßen kein Dinner, sondern sie ließen sich nach der
Karte bedienen. Sie kamen schlechter dabei weg. Die Portionen waren
weder größer noch besser, aber teurer, als wenn sie im Dinner gingen.
Dann kam der lange, der ermüdend lange Nachmittag der Fahrt. Der Zug
sauste immer durch die gleiche Landschaft. Dschungel, Prärie, Busch. Der
Gegenzug, der hier an der Mittagsstation kreuzte, hatte die
Morgenzeitungen der entgegengesetzten Stadt mitgebracht. Sie wurden im
Zuge verkauft. Man konnte sonst noch alles mögliche im Zuge haben: Bier,
Wein, Limonade, Schokolade, Früchte, Süßigkeiten, Zigaretten, Zigarren.
Alle Getränke waren geeist, und wer kein Geld hatte, bekam gutes reines
Eiswasser umsonst, das er sich selbst holte.
Abends um neun stiegen wir auf einer kleinen Station aus. Es war die
Heimatstation des Mr. Pratt. Wir gingen in die Kantina, die gleichzeitig
das Hauptpostamt war. Mr. Pratt begrüßte den Kantina-Besitzer, einen
Senjor Gomez, und stellte mich ihm vor.
Na, zu essen, was man woanders essen nennen würde, gibt es in solchen
Kantinas nicht. Aber man kann nicht verhungern. Man kann sich das
schönste Essen zusammenstellen. Wir nahmen eine Büchse Vancouver Salm,
einige Büchsen spanische Ölsardinen, einige Büchsen Wiener Würstchen
(gemacht in Chikago), eine Büchse Kraftkäse (die Marke heißt Kraft, aber
der Käse ist trotzdem gut und kräftig, wenn auch teuer wie ein Stück
Gold), und endlich nahmen wir noch ein Paket Crackers, weil es Brot oder
Brötchen nicht gibt. Was sollte man damit auch auf dem Lande anfangen?
Den Tag darauf ist es wie Stein oder völlig verschimmelt oder innen und
außen voll von kleinen roten Ameisen. Diese Crackers sind viereckige
Biskuits, so groß wie eine Handfläche, und ich habe den Fabrikanten sehr
stark im Verdacht, daß er mit diesen Crackers die Christen an den
Geschmack der Matze gewöhnen will. Als mir mal jemand Matze zu kosten
gab, sagte ich zu ihm: „Schwindeln Sie mich doch nicht an, das ist ja
ein Klotz-Cracker.“ Ja, also so schmeckt das Zeug. Entsetzlich nüchtern
und nichtssagend. Aber was andres gibt es nicht. Und wenn man nicht zu
den indianischen Tortillas hält, sind diese Crackers wohl das gesündeste
Brot in den Tropen; denn europäisches oder gar deutsches Brot würde
einem hier den Magen umdrehen und in einer Woche auf den Cementerio
bringen. Der Cementerio ist der Platz, wo man hier die Toten begräbt,
ein Platz, den man woanders Friedhof nennt.
Aber an Friedhof dachten wir nicht, denn wir machten uns mit dem Senjor
Gomez über seinen Bier- und Tequila-Vorrat her. Wir waren zwar nach
einer angemessenen Frist dann auch tot, jedoch nicht reif zum Begraben.
Wir wickelten uns in unsre Decken und legten uns auf den Boden des
Billardraumes in der Kantina. Senjor Gomez hatte es besser. Er ging zu
seiner Frau und lag weicher als wir.
17
Mit diesem Gedanken an eine Frau oder an die Frau im allgemeinen – so
genau weiß ich das nicht mehr – schlief ich ein, und mit dem Gedanken an
eine bestimmte Frau wurde ich am nächsten Morgen geweckt. Diese Frau war
Mrs. Pratt. Sie war vom Rancho mit dem Ford gekommen, um in der Kantina
einiges einzukaufen. Bei dieser Gelegenheit fand sie ihren Ehegatten,
den sie noch nicht erwartet hatte, und sie fand ihn in einer Verfassung,
die sie am allerwenigsten erwartet hätte.
Wie das immer so geht, solange die Welt aufgebaut ist, es ist stets der
Unschuldige, der leiden muß. Ich war der Unschuldige, und ich mußte
infolgedessen leiden. Mr. Pratt war das Muster eines Ehemannes, und ich,
den er irgendwo im Schlamm aufgelesen hatte, war der nichtswürdige Bube,
der ihn verlockt, verführt und ihn in den Sumpf geworfen hatte. Denn er,
der brave Mr. Pratt, tat so etwas nie.
Als wir gingen, gab Mr. Pratt Senjor Gomez einen Wink. Männer verstehen
den Wink sofort, besonders wenn die beiden, zwischen denen der Wink
ausgetauscht wird, Ehemänner sind, die mit ihren Frauen gern in Frieden
leben.
„Sie hatten also so viele Ölsardinen und dann noch das und das und –“
Der Wink kam wieder.
„– und Sie hatten zwei kleine Flaschen Bier, und hier der Mr. Gale hatte
vier. Ja, das ist alles. Ich habe die Flaschen genau angekreuzt.“
Mrs. Pratt war zufrieden mit ihrem Gatten. Er konnte ja später das
Schock Flaschen bezahlen, das da leer in der Ecke lag. Er war dem Senjor
Gomez ja gut. Aber ich kriegte einen Blick von Mrs. Pratt, der mich das
Schlimmste befürchten ließ, und ich überlegte ernsthaft, ob es nicht
besser sei, Mr. Pratt gleich hier zu sagen, daß ich auf den Kontrakt
doch lieber verzichten wolle. Denn ich hatte ja etwa zwei Wochen, wenn
nicht länger, im Hause der Mrs. Pratt zu leben. So lange konnte es
dauern, bis der Transport ausblockiert war. Und was konnte mir diese
Dame in jener langen Zeit alles antun! Man denke, ich hatte ihren
nüchternen, braven Ehegatten in eine Verfassung gebracht, daß er selbst
jetzt, nach einigen Stunden Schlaf, noch kaum auf den Füßen stehen
konnte und mit verglasten Augen in die Welt guckte. Man soll sich mit
verheirateten Männern nicht einlassen. Das tut nie gut. Das ist eine
ganz andre Rasse. Ich würde mich nicht wundern, wenn ich Senjora Gomez
auch noch auf den Hals kriege. Dann aber laufe ich, das ist sicher; denn
gegen Senjoras läßt es sich schwerer ankommen als gegen Missis. Deren
Zungenbänder sind viel geläufiger als die anglosächsischen, und die
Senjoras arbeiten viel intensiver und viel unvorsichtiger mit den
Fingernägeln.
Ich war deshalb recht froh, daß Mrs. Pratt ihren sonst so Nüchternen in
den Ford bugsierte, sich an das Steuerrad setzte, einschaltete und
abrasselte. Daß ich mit sollte und mit wollte, darum kümmerte sie sich
nicht. Ich konnte ja laufen, die vierzehn Meilen, die der Rancho von der
Station entfernt war. Aber der Gedanke daran gab mir eine ungeheuere
Schwungkraft, und mit dieser Schwungkraft setzte ich dem Ford nach, als
Mrs. Pratt die Kurve einbog, um auf den Weg zu kommen. Ich rasselte in
die offene Klappe, Kopf zuerst. Die Schwungkraft hatte nicht
ausgereicht, auch die Beine mit hineinzukriegen. Deshalb hingen die
Beine lang heraus. Ich bin überzeugt, daß die Indianer, denen wir
unterwegs begegneten, sicher glaubten, ich sei eine Anprobierpuppe, die
Mrs. Pratt von der Bahn geholt habe. Vielleicht glaubten sie noch ganz
andre Dinge, vielleicht, daß Mrs. Pratt mich überfahren habe und mich
nun rasch nach dem Rancho schleppe, um mich dort einzuscharren.
Wir kamen auf dem Rancho an. Aber niemand kümmerte sich um mich. Mrs.
Pratt fuhr das Auto unter ein Strohdach und ließ es dort stehen. Ich
hing noch immer in dieser unglücklichen Stellung in der Klappe. Endlich
aber wurde mir diese Lage doch zu unbequem. Ich zerrte mich heraus und
setzte mich in die Polster.
Als ich erwachte, stand die Sonne tief. Ob sie aufgehend oder
untergehend war, wußte ich nicht, weil ich ja hier fremd war und die
Himmelsgegenden nicht kannte.
„Hallo, Sie da unten, haben Sie jetzt Ihren Suff ausgeschlafen?“ rief da
Mrs. Pratt von der Veranda des Rancho-Hauses herunter. „Sie scheinen mir
ja gerade das richtige Hühnchen zu sein, das mein alter Esel da auf der
Straße aufgelesen hat. Sie werden wohl mit der Herde am Panama-Kanal
landen, Sie Trunkenbold. Dem Himmel sei Dank, daß da der Kanal ist,
sonst könnten wir der Herde bis nach Brasilien nachlaufen. Wer weiß, wo
Sie mit ihr hingeraten. Kommen Sie rein zum Essen.“
Zum Essen. War das nun Frühstück oder Abendessen? Ich sah nach meiner
Uhr. Stehengeblieben. Natürlich. Wenn man so ein verfluchtes Ding mal
wirklich braucht, dann steht sie. Am liebsten möchte ich sie gleich
gegen die Wand pfeffern. Was tu ich mit einer Uhr, die stehnbleibt, wenn
man mal eine Flasche Bier trinkt und lustig ist und singt! Also rauf zum
Essen. Nur um die gute Frau nicht noch mehr zu ärgern, aß ich von allem
etwas. Mr. Pratt saß gleichfalls am Tisch und piekte in seinen Tellern
herum. Er sah nicht auf, und er tat, als ob er mich gar nicht kenne.
Wenn ich das Wort an ihn richtete, brummte er nur. Ich kannte den
Schwindel schon. Er hatte seiner Frau erzählt, daß ich ihn verführt
hätte, und daß er fertig mit mir sei, aber da er doch schon die Kosten
der Fahrt für mich bezahlt habe, wolle er mich mit der Herde losschicken
und dann nie wiedersehn.
Als Mrs. Pratt einmal aufstand, um zur Küche zu gehen, sagte Mr. Pratt:
„Hallo, Boy, machen Sie das Konzert ein wenig mit. Morgen ist es
verraucht. Sie ist gar nicht so. Eine prächtige Seele. Nur mit dem
Trinken kann sie sich nicht befreunden.“ Nun änderte er den Ton: „Es war
unanständig von Ihnen, daß Sie mich immerfort aufforderten, auf die
Gesundheit des Präsidenten, auf die Fahne, auf das Vieh zu trinken. Ich
hatte Ihnen im voraus gesagt, daß ich trocken bin und nie trinke. Aber
wenn Sie mit Gesundheittrinken kommen, das ist ein unfaires Spiel.“
Nanu? Was war denn das mit einem Male? Ach so, Mrs. Pratt war wieder
hereingekommen, und er hatte das Konzert zu machen. Er verstand es. Er
hatte die letzten Sätze so hinausgedonnert, daß Mrs. Pratt sich ganz
aufrecht auf ihren Stuhl setzte, als ob sie damit sagen wollte: Da
können Sie sehen, was für einen anständigen Mann ich habe; er tut es nur
aus Patriotismus, während Sie es aus Verkommenheit tun.
Nach dem Essen wurden wir in Gnaden entlassen. Mir wurde meine Stube
gezeigt, und ich legte mich schlafen.
Am folgenden Morgen, gleich nach dem Frühstück, sattelten wir auf und
ritten erst einmal nach der Pferdeprärie hinaus, damit ich mir ein Pferd
aussuchen möge. Die Pferde werden draußen auf der Prärie gezeugt und
geboren. Sie kommen nie in einen Stall und wachsen völlig wild auf.
Ställe gibt es überhaupt nicht. Pferde und Vieh sind Sommer und Winter
im Freien. Die Pferde werden durchaus menschenscheu und fliehen, wenn
sie nur einen Menschen in der Nähe riechen.
Zweimal oder dreimal im Jahr werden die Pferde, die man nicht gebraucht,
eingefangen und in einen Korral, eine kleine Umzäunung in der Nähe des
Hauses, gebracht. Hier werden sie gefüttert, damit sie sich des Menschen
nicht ganz entwöhnen, werden angebunden, werden geduldig aufgezäumt,
aufgesattelt, endlich wird aufgesessen, und dann werden sie wieder
entlassen. Hier wird das alles mit großer Geduld getan, um den Charakter
des Pferdes nicht zu brechen, seinen Stolz nicht zu verletzen, sein
natürliches Feuer nicht auszulöschen.
In Amerika geschieht das Brechen der wild aufgewachsenen Pferde
mitleidloser. Sie werden in den Korral gebracht, sehr fest gezäumt, fest
gesattelt, und gleich springt ein Mann rauf, den das Pferd nicht mehr
abwerfen kann, weil der Mann in dem Stocksattel sehr fest sitzt. Dann
wird das Tier gepeitscht, und es rast nun herum, bis es schäumend und in
Schweiß gebadet, keuchend und völlig ermattet zusammenbricht. Dann
zittert es tagelang nachher noch, wenn es nur den Sattel spürt. Aber es
wehrt sich nicht mehr. Es ist zahm. Man kann es nun reiten. Aber es ist
nicht mehr „das Pferd“, es ist nur „ein Pferd“. Ein Pferd unter tausend
gleichen Pferden.
Ich suchte mir ein Pferd aus, von dem ich glaubte, daß es die
anstrengende Reise aushalten könne. Wir umzingelten es, lassoten es ein
und brachten es zurück zum Rancho. Ich band es an einen Baum und ließ es
ganz in Ruhe. Dann etwas später warf ich ihm Mais vor, den es nicht
nahm. Dann Gras, das es auch nicht fraß. Hierauf ließ ich es den Rest
des Tages und die Nacht hungern und dursten. Am Morgen gab ich ihm Gras.
Es lief fort, soweit die Leine reichte. Dann stellte ich ihm Wasser hin,
das es umschüttete, weil es nicht gewöhnt war, aus einem Eimer zu
trinken. Es hatte immer nur am Teich getrunken.
Mit der Zeit brachte ich es, oder richtiger: sein eigner Hunger brachte
es zum Essen und Trinken. Und da es sein Essen und Trinken nur bekam,
wenn ich dabeistand, verband es das Essen mit meiner Gegenwart, und nach
zwei Tagen bereits kannte es mich, und ich durfte ihm nahe kommen und es
ganz leicht auf den Nacken klopfen. Es zitterte zwar ein wenig, aber
bald verschwand auch das Zittern.
Natürlich konnte ich mich nicht die ganze Zeit über mit dem Pferde
beschäftigen, sondern eben nur, wenn ich zum Essen zum Rancho kam, weil
wir den ganzen Tag mit dem Blockieren zu tun hatten.
Als es sich an mich noch besser gewöhnt hatte, zäumte ich es auf ohne
Maulknebel, nur mit Riemenzaum, der außen um das Maul gelegt wird. Man
kann die Pferde, wenn sie nicht durch falsche Behandlung verdorben sind,
gut ohne eisernen Maulknebel reiten. Sie gehen wundervoll dabei; denn es
ist eine irrige Annahme, daß man ein Pferd nur meistern könne, wenn man
seine Mundwinkel aufreißt oder wundscheuert. Das ist lediglich die Folge
falscher Behandlung. Kühen steckt man ja auch keine Eisenknebel ins
Maul.
Dann sattelte ich es, und jedesmal, wenn ich zum Essen hereinkam, zog
ich die Gurten fester. Jedesmal drückte ich fest auf den Sattel, als ob
ich mich aufschwingen wolle. Dann ließ ich die Steigbügel hängen und
ließ sie baumeln, so daß sie gegen die Weichen schlugen. Erst leise,
dann immer ein wenig mehr. Beim ersten Male schlug das Pferd aus. Aber
auch an dieses Baumeln und Schlagen der Steigbügel gewöhnte es sich nach
zwei Tagen völlig. Dann hüpfte ich halb auf den Sattel und ließ mich
sofort wieder heruntergleiten.
Während der ganzen Zeit war das Pferd angebunden. Bald sehr lang, bald
sehr kurz. Endlich wagte ich das Aufsitzen. Ich verband ihm die Augen
und sprang auf. Es stand und zitterte am ganzen Leibe. Sofort war ich
wieder herunter. Ich klopfte es auf den Nacken, auf den Rücken und
sprach unausgesetzt mit ihm. Wieder sprang ich auf. Es drehte sich und
wendete sich, sprang aber nur wenig. Bald ließ es auch das Springen
sein, nachdem es sich gegen den Baum gestoßen hatte. Nun blieb ich im
Sattel sitzen und schlug mit den Füßen in den Bügeln gegen die Weichen.
Nur beim ersten Male wurde es unruhig, dann wußte es, daß es davon nicht
stürbe. Endlich band ich das Tuch los. Das Pferd gucke sich um. Ich,
oben sitzend, sprach beruhigend auf das Tier ein, klopfte es, und wieder
fühlte es, daß ihm nichts Böses geschehe. Dann kam der Prüfungstag, ob
es überhaupt zum Reiten zu gebrauchen sei. Ich hatte schon immer mit der
Gerte hinten ein wenig aufgeklopft, damit es sich auch an dieses Signal
gewöhne. Nun saß ich wieder auf und ließ losbinden. Es stand ganz ruhig,
denn es wußte ja nicht, was es tun solle. Ich gab ihm einen Klaps mit
der Gerte, aber es reagierte nicht. Nun bekam es einen unerwarteten
tüchtigen Hieb, und da setzte es los. Ich hatte es gut in der Hand, und
es war Platz genug zum Auslaufen. Ich ließ es nun erst einmal rennen,
hielt aber mehr und mehr zurück, bis es das Gefühl bekam, daß dies ein
Signal sei zum Halten oder zum Fallen in eine andre Gangart. Es wurde
ein gutes Pferd, sein kühner Stolz wurde nicht gebrochen. Ich nannte es
Gitano.
Zuerst blockierten wir die Stiere aus, weil ich mir einen Leitstier
suchen mußte. Wir kreisten die ein, die wir haben wollten, und trieben
sie in einen Korral. Dort ließ ich die, die ich für die geeignetsten
hielt, hungern. Nebenher wurden unausgesetzt die zwei- und dreijährigen
Kühe ausblockiert, die Ochsen und die übrigen Stiere. Ich sah mir jedes
einzelne der Tiere an, ob es gesund sei, dann kamen alle in eine große
umzäunte Weide, damit die, die den Transport mitzumachen hatten, wußten,
daß sie zusammengehörten. Als wir etwa dreihundert blockiert hatten und
sie in der Sperrweide waren, hielt ich die Stiere für reif.
Ich jagte sie in die Sperrweide, und hier ging der Entscheidungskampf,
wer der Leitstier sein würde, los. Die keinen Wert darauf legten,
Herrscher zu sein, drückten sich so weit wie möglich. Fünf kämpften sich
aus. Der Sieger raste, noch schwer blutend, gleich auf eine der
schönsten Kühe, die sich schon erwartungsvoll herangedrängt hatten. Die
übrigen Stiere mußten wir sofort doktern. Als der Sieger ausgetobt hatte
und wieder Vernunft annahm, bekam er auch seine Medizin. Denn wenn man
die Wunden nicht gleich behandelt, sind in ein paar Tagen dicke Würmer
drin, und die wieder herauszukriegen, dauert lange. Inzwischen kann das
Tier draufgehen.
Fängt es an zu magern, setzt eine andre Gefahr ein. Dann wird es von den
Zecken bei lebendigem Leibe aufgefressen. Die Zecken gehen hauptsächlich
an magerndes Vieh, an gesundes gehen sie nur in kleiner Anzahl, die sich
leicht bekämpfen läßt.
18
Als wir die tausend Köpfe ausblockiert hatten, gab mir Mr. Pratt fünf
drauf als Krankgut, weil zwischen tausend Stück Vieh immer einiges sein
mochte, das krank war, ohne daß man es gleich sah, und das den Transport
nicht aushielt.
Dann bekam ich hundert Pesos Wegegeld und einige Schecks, die ich
unterwegs einlösen durfte, wenn mir Geld fehlte. Ferner erhielt ich den
Lieferschein und endlich eine Karte, eine Land- und Wegkarte.
Von dieser Karte, obgleich sie eine amtliche Karte war, will ich besser
nicht sprechen; denn auf eine Karte aus Papier kann man alles mögliche
zeichnen: Wege, Flußläufe, Dörfer, Städte, Grasflächen, Teiche,
Gebirgspässe und was sonst nicht noch alles. Das Papier weigert sich
nicht, das alles aufzunehmen.
Aber was darauf gezeichnet ist, braucht noch lange nicht in Wirklichkeit
auch da zu sein. Ich habe auf Reisen Karten gehabt, amtliche Karten, die
als die besten galten. Da war eine Stadt mit Namen drauf gezeichnet. Als
ich zu der Stelle kam, war noch nicht einmal eine Indianerhütte zu
finden. Die Stadt war vor zwanzig Jahren geplant worden und wurde
seitdem in jeder Karte geführt, obgleich nie jemand daran ging, sich
dort niederzulassen. Das wäre auch nicht gut gegangen, weil da
meilenweite Sümpfe und Moraste waren.
Böser ist es schon mit solchen Sachen, die nicht auf die Karte gemalt
sind, die aber in Wirklichkeit vorhanden sind, und, was das
Allerschlimmste ist, ganz unerwartet vorhanden sind.
Es ist unangenehm, wenn man denkt, man kommt in ein sandiges Gelände und
verschwindet mit seiner ganzen Herde in einem Sumpf. Und es ist ebenso
peinlich, wenn auf der Karte eine schön grün gemalte Prärie
eingezeichnet ist, und in Wahrheit ist es eine weite Sandwüste oder ein
unwegsames Felsengebirge, das man zu kreuzen hat. Reist man allein, so
ist das schon widerwärtig genug. Reist man aber in Begleitung einer
Rinderherde, für deren Wohl man verantwortlich ist, so fängt es an,
tragisch zu werden. Die Herde will essen und trinken, sie soll kein
Gewicht verlieren, sondern zunehmen. Und am zweiten Tage fängt das arme
Vieh in seinen Durstqualen an zu brüllen, daß man nur gleich so
mitbrüllen möchte aus Mitleid.
Wären die Karten aber wieder gut, so gut wie sie in den alten
dichtbesiedelten Ländern sind, dann könnte man solche großen Herden
nicht züchten und nicht transportieren. Mr. Pratt hatte zwölftausend
Stück Rindvieh, und er war nur ein kleiner Züchter. Denn wie sollen gute
Karten gemacht werden, wenn weder das Geld dafür vorhanden ist noch die
Bevölkerung, die ein Bedürfnis für solche Karten hat? Die großen Minen-
und Ölkompanien machen sich ihre Karten selbst, aber nur gerade die
Distrikte, wo sie interessiert sind, und in diese Karten zeichnen sie
nur eben das ein, was für die Kompanie speziellen Wert hat. Im
Verhältnis zur Größe des Landes sind diese Distrikte nur Pünktchen auf
der Karte.
Ein Kompaß war für meine Zwecke ohne Nutzen, weil er nicht das sagt, was
man wissen will, und das ist: Wo sind die Weiden? Wo ist Wasser für
tausend Köpfe Vieh? Wo sind die Pässe über die Gebirge? Wo sind die
Furten durch die Ströme?
Drei Packmulas nahm ich mir mit und Medizin, um krank werdendes Vieh zu
doktern, Kreolin, Alkohol, Salbe und eine Eisensäge, falls Hörner
gekappt werden müssen. Denn die Hörner des Viehes unterliegen hier
denselben Krankheiten wie die Zähne der zivilisierten Menschen. Die
Fäule frißt im Innern des Hornes, und das Tier magert ab, weil es vor
Zahnschmerzen – richtiger Hornschmerzen – nicht mehr frißt.
Mit Mrs. Pratt war ich in den Tagen, die wir für das Ausblockieren und
Vorbereiten des Transportes brauchten, sehr gut Freund geworden. Sie war
keineswegs ein solcher Hausdrachen, wie sie am ersten Tage erschienen
war. Ganz im Gegenteil, sie war ein lustiger Bursche, immer vergnügt und
guter Dinge. Sie hätte die Banditen bekämpft wie ein alter Rancher.
Jetzt in den letzten drei Jahren kam es nur ganz selten vor, daß sich
Banditen auf dem Rancho sehen ließen, aber vordem war beinahe jede Woche
was los, und das Ranchohaus zeigte Dutzende von Kugellöchern.
Fluchen konnte Mrs. Pratt, daß es eine wahre Freude war, ihr zuzuhören.
Das ging bei jedem zweiten Wort „Son of a bitch“, „Bastard“, „F-ing
Injun“, „F-yeself“ und was der schönen Dinge mehr sind. Auf einem
solchen Rancho ist es ja nun verflucht einsam, und die Nächte sind lang.
Selbst im Hochsommer ist es um sieben Uhr stockfinster, weil es
Dämmerungen nicht gibt. Und man konnte es Mrs. Pratt nicht verdenken,
daß sie das Leben so intensiv lebte, wie es das Dasein auf einem
Viehrancho nur zuläßt. Wie soll so eine arme Frau die überschüssigen
Kräfte, die ihr verbleiben, weil sie nicht im Dorfe oder in der Stadt
den ganzen Tag mit den Nachbarn herumschwätzen und klatschen kann,
verwenden? Sie flucht wie ein alter Steuermann eines Klippers. Und alles
ist „Hurensohn“, ihr Mann, ich, die Indianer, die Fliege, die in die
Kaffeetasse fällt, das Indianermädchen in der Küche, der Finger, in den
sie sich geschnitten hat, die Henne, die auf den Tisch flattert und die
Suppenschüssel umwirft, ihr Pferd, das zu langsam läuft, na, kurz: jedes
lebende und leblose Ding zwischen Himmel und Erdmittelpunkt ist ein
Hurensohn.
Sie hatten ein Grammophon, und wir tanzten beinahe jeden Abend. Ich
tanzte zwar lieber mit dem indianischen Küchenmädchen aus mancherlei
Gründen, aber Mrs. Pratt tanzte bei weitem besser. Wir kamen zu so guten
Verhältnissen miteinander, daß sie mir eines Abends in Gegenwart ihres
Mannes ganz offen sagte, daß sie mich zu heiraten wünsche, falls ihr
Mann stürbe oder sich scheiden ließe. Sie erklärte mir gleichfalls in
Gegenwart ihres Mannes, daß sie mich recht gern habe, und daß mein
einziger Fehler das Saufen sei. Aber das sei kein unausrottbarer Fehler,
und sie würde mir diesen Fehler schon bald austreiben und mir den
Tequila so lange mit Petroleum mischen, bis ich mich davor ekle. So habe
sie ihrem Manne das Saufen auch abgewöhnt, dem Hurensohn.
Mir war nicht bange davor. Das Resultat, das sie bei Mr. Pratt erzielt
hatte, gab mir die Sicherheit, daß wenn ich Mrs. Pratt als nachgelassene
Witwe eines Tages heiraten sollte, ich keine Sorge zu haben brauche, daß
ich den Tequila oder sonst etwas abschwören müßte. Wenn Mr. Pratt die
Wege fand und er den Petroleum nicht herausschmeckte, was bei dem
Tequila überhaupt schwer ist, weil er an und für sich nach Petroleum
schmeckt, so würde ich wohl auch zu der einem Manne zukommenden Ration
gelangen. Schließlich mußte man ja auch Vieh verkaufen in der Stadt, und
da konnte sie einem ja nicht immer nachlaufen, auch wenn sie mitreisen
sollte. „Nur nicht von Weibern sich unterkriegen lassen, wenn man etwas
für notwendig und vernünftig hält. Es führt zu nichts Gutem, und man
gewöhnt sich nur Laster an, die man nicht wieder los wird. Entweder man
säuft, oder man läuft mit andern Weibsbildern herum“, sagte mir Mr.
Pratt. „Eine Erholung von der Ehe muß der Mensch doch haben, wenn er das
Leben ertragen will.“
Er hatte ganz recht. Am besten, man stellt der Frau vorher die Frage:
„Soll ich zum Tequila halten oder lieber Mäuschen jagen?“ Jedenfalls,
wenn es dazu kommen sollte, daß es mit Mrs. Pratt und mir ernst wird,
werde ich ihr diese Frage stellen. Dann habe ich von vornherein die
Offensive ergriffen, und sie kann sich entscheiden. Ich glaube dann
nicht, daß sie mir den Tequila mit Petroleum mischen wird, sondern sie
wird eine gute Sorte im Hause halten. Wenigstens für die Nachtkappe. Sie
ist eine feine Frau, Mrs. Pratt. Ich lasse nichts auf sie kommen. Eine
Frau, die mit dem wildesten Pferd fertig wird, die fluchen kann, daß
sich ein Wachtmeister vor Scham in eine Erdhöhle verkriechen muß, die
ihrem Manne alle Wünsche und jede Laune erfüllt – wie er mir einmal
vertraulich erzählte, ohne dabei seine Frau zu beleidigen –, vor der die
indianischen Cowboys zittern und die Banditen nicht wagen, die Veranda
zu betreten, eine Frau, die mir in Gegenwart ihres Mannes, den sie
liebt, ganz sachlich erklärt, daß sie mich zu heiraten wünscht, wenn er
stirbt, oder wenn er ihr fortläuft – verflucht noch mal, eine solche
Frau kann einen wohl bis in den tiefsten Busch und in die fernsten
Gedanken verfolgen, auch wenn man sich sonst nicht gerade viel aus dem
kreuzgottverfluchten Weibsvolk macht.
„He, cantinero, una botella de tequila, eine ganze Flasche. Auf dein
Wohl, Ethel Pratt. Ich besaufe mich jetzt auf deine Gesundheit. Der
Petroleumgeschmack soll mich erinnern an – na – na ja, an dich, ganz wie
du bist, an alles, was du hast. Salud, Ethel!“
Sie stand auf der Veranda und winkte mit der Hand: „Viel Glück, Boy.
Sind immer willkommen auf dem Rancho. Hey, Suarez, du Himmelhund, du
verdreckter Sohn einer alten gottverfluchten alten Hure, siehst du denn
nicht, daß der schwarze Jungstier ausbricht, er bockt, der Hurensohn von
einem Stier. Wo hast du denn deine stinkenden verfi– Augen? Well boy,
good-bye!“
Ich schwenkte den Hut, und Gitano fegte ab mit mir.
19
Es ging los, das Geschrei und das Gejohle, das Zurufen, das Heulen und
Schrillen der Indianer, das Pfeifen der kurzstieligen Peitschen, das
Trampeln der Hufe, das Toben einer scheu werdenden Kolonne, die
plötzlich losraste und einblockiert werden mußte, damit sie den Anschluß
an den Haupttrupp nicht verliere. Den ersten Tag begleitet uns Mr.
Pratt. Der erste Tag gehört mit zu den härtesten. Die Herde ist noch zu
lose. Das Zusammengehörigkeitsgefühl stellt sich erst nach einigen Tagen
des Transportes ein. Dann kennt die Herde die Leitstiere und bekommt den
Geruch der Verwandtschaft zueinander. Dann bildet sich die Familie oder,
eigentlich besser, das Volk. Nach einigen Tagen weiß jedes Tier, daß es
hier zu diesem Trupp gehört, und sie bleiben zusammen.
Freilich darf man nicht glauben, daß sie so schön zusammenbleiben wie
eine Schafherde in Europa, die von einem Hirten und einem Hunde
zusammengehalten wird. Solche Rinder, die ihr bisheriges Leben auf einer
unermeßlichen Prärie verbracht haben, sind an Räumlichkeiten gewöhnt.
Sie drängen nicht aufeinander, sie streuen fortgesetzt. Die paar Hunde,
die wir mit hatten, konnten nicht viel schaffen. Sie ermüdeten und waren
nur für Kleinarbeit zu gebrauchen. Immerfort mußte blockiert und
eingekreist werden. Ein unausgesetztes Galoppieren und Schreien und
Schrillen.
Ich hatte eine Trillerpfeife als Signalpfeife für die Boys, und der
Vormann hatte eine einfache Pfeife, damit man beide Signale
unterscheiden konnte. Dem Vormann gab ich die Spitze, und ich nahm den
Schwanz. In der Rückgarde übersieht man besser das ganze Feld des
Transports. Es läßt sich besser dirigieren, während die Front natürlich
auch wieder ihre besonderen Kniffe verlangt.
Oh, was für einen schöneren Anblick gibt es, als so eine Riesenherde
gesunder halbwilder Rinder! Dort vor einem trampt und stampft sie, die
breiten Nacken, die runden Leiber, die mächtigen stolzen Hörner. Das ist
ein wogendes Meer voll unsagbarer Schönheit. Gigantische Stärke
lebendiger Natur gebändigt unter einem Willen. Und jedes Hörnerpaar ist
ein Leben für sich, ein Leben mit eignem Willen, eignen Wünschen, eignen
Gedanken, eignen Gefühlen.
Von der Höhe seines Pferdes aus überblickt man das Gewoge der Hörner und
Nacken. Man könnte so von einem Rücken zum andern Rücken über die ganze
Herde wandern bis zu den läutenden Stieren an der Front.
Die Tiere brüllten ab und zu, oder zankten sich und stießen sich. Es
wurde geschrien und gerufen. Die Glocken läuteten. Die Sonne lachte und
glühte. Alles war grün. Das Land des ewigen Sommers. O du schönes, o du
wunderschönes, uraltes, sagen- und liederreiches Land Mexiko!
Deinesgleichen gibt es nicht wieder auf dieser Erde.
Ich mußte singen. Und ich sang, was immer mir einfiel, Choräle und süße
Volkslieder, Liebeslieder und Gassenhauer, Opernarien, Sauflieder und
Dirnenlieder. Was kümmerte mich der Inhalt der Lieder? Was ging mich die
Melodie der Lieder an? Ich sang aus froher freier Herzensfreude.
Und welch eine Zauberluft! Der heiße Odem des tropischen Busches, die
warme, schwüle Ausdünstung dieser Masse von wandernden Rindern, die
schweren Wellen eines fernen Sumpfes, die vom Winde getragen
herüberwogten.
Dicke Schwärme summender Beißfliegen und andrer Insekten kreisten über
der trottenden Herde, und dicke Schwaden schillernder grüner Fliegen
folgten uns nach, um sofort über den Dünger herzufallen. In ganzen
Völkern begleiteten uns Schwarzvögel, die sich auf die Rücken der Tiere
niedersetzten, um die Zecken aus der Haut zu picken. Millionen von
Lebewesen fanden ihre Nahrung durch diese gewaltige Herde. Leben und
Leben, und überall nichts als Leben.
Unser Marsch führte nun einige Tage über Landwege. Zu beiden Seiten
waren die Felder und Weiden eingezäunt mit Stacheldraht.
Umzäunte Weiden dürfen ohne ausdrückliche Genehmigung des Besitzers
nicht eingebrochen werden. Unsre Herde mußte auf den Wegen weiden. Sie
hatte reichlich zu fressen, und wir trafen auch genügend Pfuhle an, die
noch von der Regenzeit her mit Wasser gefüllt waren.
Aber wenn Autos oder Fuhrwerke oder Karawanen die Wege passierten, gab
es Arbeit. Wir mußten die Tiere zur Seite drängen. Dabei scheuten sie,
brachen aus oder kehrten um und rasten einzeln oder in Trupps
kilometerweit zurück, und wir hatten hinterherzujagen und sie wieder zum
Anschluß zu bringen.
Viel schwerer war die Arbeit, wenn wir auf offne Weiden kamen, wo andres
Vieh in großen Herden bereits weidete, oft ohne Aufsicht. Nicht immer,
aber doch zuweilen mischen sich die Herden, und man muß sie lösen. Wir
hatten einmal dreiviertel Tag zu arbeiten, um die Mischung zu lösen.
Denn von dem fremden Vieh darf man nicht ein einziges Stück aus Versehen
mitführen. Das gibt heillosen Spektakel. Ich und an letzter Stelle Mr.
Pratt waren verantwortlich für Vieh, das durch unsern Transport einer
andern Herde verlorenging.
Zuweilen wird man die fremden Tiere nicht los. Sie wollen durchaus
folgen. Vielleicht, daß sie den Stier mögen, oder daß sie den Geruch
unsrer Herde lieben. Ebenso kommt es vor, daß sich ein Stück unsrer
Herde mit einer weidenden Herde mischt und dort nicht mehr heraus will,
sondern bei jener fremden Herde bleiben möchte. Das soll man auch immer
gleich wissen, daß man ein fremdes Stück in der eignen Herde
transportiert, oder daß ein eignes Stück dort zurückgeblieben ist. Die
Brandzeichen sind oft sehr ähnlich, oft sehr verwischt und unleserlich.
Es ist dann gut, wenn man die eigne Herde gut erzogen hat, so daß sie
sich nicht mit den andern mischt und die fremden Tiere ganz von selbst
ausscheidet.
Jagt man die fremde Herde beiseite, was der Vormann zu tun hatte mit
Hilfe eines der Treiber, ehe unsre Herde nahe kam, so konnte es doch
auch oft geschehen, daß einige Dutzend Köpfe der eignen Herde glaubten,
sie seien gemeint, und mit der fremden Herde davonjagten. Dann wurde das
Durcheinander beinahe unentwirrbar, und es kostete Schweiß und Kehlen,
die von dem vielen Schreien rauh waren wie Sandpapier.
Ein General braucht sich gar nichts auf seine Kunst einzubilden. Ein
Armeekorps Soldaten über Land zu bringen, ist die reine Spielerei
gegenüber der Arbeit, tausend Köpfe wild aufgewachsener Rinder durch
unwegsames und halbzivilisiertes Land zu transportieren. Den Soldaten
kann man sagen, was man von ihnen will. Rinderherden kann man nichts
sagen, da hat man alles selbst zu tun. Man ist Kommandant und
Kommandierter in derselben Person.
Gegen fünf Uhr des Nachmittags machten wir in der Regel halt. Manchmal
früher, manchmal später. Das hing davon ab, ob wir Weide hatten und
Wasser. Einen Tag können es die Tiere ohne Wasser aushalten, wenn sie
frisches Gras haben, im Notfalle auch zwei Tage. Aber am dritten Tage
wird die Sache bedenklich. Hatte ich keinen Führer bekommen können, oder
war kein Wasser zu sehen, dann ließ ich die Tiere laufen. In den meisten
Fällen fanden sie selbst Wasser. Aber das Wasser lag dann oft so, daß
wir einen, zwei oder gar drei Tage, wenn nicht mehr, in unsrer Weglinie
verloren, weil wir ganz quer abwandern mußten.
Wir bildeten zwei Lager des Nachts. Eines in Front, eines im Schwanz. Es
wurde Feuer gemacht, Kaffee gekocht, Bohnen oder Reis gekocht, Brot
gebacken und getrocknetes Fleisch dazu gegessen. Dann wickelten wir uns
in unsre Decken und schliefen auf der glatten Erde, mit dem Kopf auf dem
Sattel.
Zwei Wachen mit Ablösung stellte ich aus, um Tiger zu verscheuchen, und
um zu verhindern, daß einzelne Tiere abstreuen. Unter dem Vieh gibt es
ebensogut Nachtbummler wie unter den Menschen.
Die Tiere sind lange vor Sonnenaufgang auf und beginnen zu weiden. Wir
ließen ihnen Zeit, und dann ging es weiter. Mittag rasteten wir
abermals, damit die Tiere sich etwas suchen konnten, und damit sie
verdauen und käuen können.
Bis jetzt hatte ich nur einen Stier verloren. Er hatte gekämpft und war
so schwer gespießt worden, daß wir ihn abstechen mußten. Wir schnitten
das beste Fleisch aus, schnitten es in schmale Streifen und trockneten
es. Für den Verlust aber hatte eine Kuh ein Kalb geworfen, eine Nacht
vorher. Das gibt eine neue Schwierigkeit. Das kleine Kälbchen kann den
Marsch nicht mitmachen. Aber töten möchte man es auch nicht. Man möchte
ihm gern sein junges freudiges Leben lassen, und man fühlt auch mit der
Mutter, die es so liebevoll beleckt und abschleckt. Was blieb übrig? Ich
nahm das Kälbchen zu mir aufs Pferd, und wir wechselten ab: alle halbe
Stunde nahm es ein andrer aufs Pferd.
Das Kälbchen war unser Liebling. Es war eine Freude, rührend
mitanzusehen, wenn wir haltmachten und die Mutter herbeikam, um ihr
Kindchen in Empfang zu nehmen. Sobald wir es vom Pferde ließen, war die
Mutter da. Sie wußte, daß das Kälbchen im Transport ist, und sie hielt
sich immer in der Nähe des Reiters, der es vor sich im Sattel hatte. Das
war eine Schleckerei und Leckerei, eine Blökerei und eine Brummerei,
wenn wir das Kälbchen der Alten an den Euter setzten. Die Alte brachte
sich bald um vor Freude.
Als das Kleine schwerer wurde, mußten wir es auf eines der Packmulas
verladen. Es dauert lange, ehe so ein Jungtier marschieren kann. Hätten
zu viele Kühe geworfen, dann wäre es uns nicht möglich gewesen, den
Müttern diesen kleinen Liebesdienst zu erweisen. Aber es kam doch noch
dreimal vor, und ich brachte es nicht fertig, die Kleinen zu töten.
20
Undankbar zu sein, ist eine Charaktereigenschaft der Menschen, die den
Menschen so sehr Natur ist, daß man es am besten dabei bewenden läßt und
sich deswegen nicht kränkt. Die Natur aber ist dankbar für jede
Kleinigkeit, die man ihr erweist. Kein Tier und keine Pflanze vergißt
den Trunk Wasser, den man ihnen spendet, oder die Handvoll Futter oder
die Mütze voll Dünger, die man ihnen gab. So dankbar zeigten sich auch
die Kälbchen und die Mütter der Kälbchen für den Liebesdienst, den wir
ihnen erwiesen hatten.
Wir kamen an einen Fluß, und weder wir noch der Führer konnten eine Furt
ausmachen. Weiter stromabwärts fanden wir eine Fähre. Aber der Fährmann
forderte für jeden Kopf so viel, daß das Übersetzen eine beträchtliche
Summe ausgemacht haben würde. Solange man die hohen Fähr- und
Brückengelder sparen kann, tut man es; weil noch genügend Brücken und
Fähren kommen können, die man unbedingt gebrauchen muß, wenn der Strom
zu breit oder zu reißend ist, oder wenn man an den Fluß nicht heran
kann.
Während ich mit dem Fährmann verhandelte, rastete die Herde etwa sechs
Kilometer stromauf. Wir hielten hier für zwei Tage, weil vortreffliche
Weide war und wir die Tiere einmal gründlich vollsaufen und gründlich
baden lassen wollten. Sie müssen zuweilen baden, des Ungeziefers wegen,
das beim Baden abstirbt. Die Tiere bleiben zu diesem Zweck stundenlang
im Flusse stehen, an Stellen, wo ihnen das Wasser bis zur Hälfte des
Bauches reicht.
Nun aber, nachdem die beiden Erholungstage vorüber waren, mußten wir den
Fluß kreuzen. Die Herde mußte durch. Wir begannen zu treiben, aber
sobald die Tiere den Boden verloren, kehrten sie zum Ufer zurück. Der
Fluß war nicht sehr breit, hatte aber in der Mitte tiefe Rinnen.
Endlich kam ich auf einen Gedanken. Wir hackten mit den Machetes Stämme
ab, schälten Bast und bauten ein kleines leichtes Floß. Dann knüpften
wir die Lassos zu einer langen Leine zusammen, und ein Indianer schwamm
hinüber zum andern Ufer mit dem Ende der Leine. Wir knüpften die Leine
am Floß fest und machten eine zweite Leine an. Dann packte ich eins der
Kälbchen rauf, und drüben der Mann zog das Floß rüber und landete das
Tierchen. Wir zogen mit unsrer Leine das Floß zurück und das zweite
Kälbchen wanderte rüber. Nach wenigen Minuten hatten wir alle vier
Kälber auf der andern Seite. Und als sie dort so ärmlich und wackelnd
auf ihren mageren stöckigen hohen Beinen allein standen, fingen sie
erbärmlich an zu blöken. Es hörte sich kläglich an. Und wenn uns schon
das traurige Blöken dieser kleinen hilflosen Geschöpfe zu Herzen ging,
um wieviel mehr den Müttern. Kaum hatten die Kleinen ein paarmal
geblökt, da setzte eine der Mütter ins Wasser und schwamm rüber. Gleich
darauf folgten die andern drei Mütter. Das Wiedersehen war herzlich.
Aber wir hatten keine Zeit, uns lange darum zu bekümmern; denn hier
kriegten wir jetzt tüchtig Arbeit. Die Kühe drüben blökten nun auch,
weil sie von der Herde getrennt waren. Sie fürchteten sich allein, und
sie sehnten sich zurück nach ihrem Volke. Die Stiere hörten das Blöken
eine Weile, und dann machten sie den Übergang. Der Leitstier war nicht
dabei. Es waren jüngere Stiere, die offenbar glaubten, sie könnten dort
drüben auf diese Weise ein eignes neues Reich gründen, wo sie von den
stärkeren Stieren nicht gestört würden. Nun aber erwachte hier die
Eifersucht der größeren Stiere und auch des Leitstieres. Sie schnaubten
und dann sausten sie los, um den naseweisen Grünlingen da drüben die
Flötentöne beizubringen.
Auf der Wasserfahrt aber kühlten sie ab, und als sie drüben waren,
hatten sie die Lust zum Kämpfen verloren, trotzdem sie hier so wütend
geschnauft hatten. Aber die Stiere waren drüben und brüllten, und die
Kühe hier auf dieser Seite hatten keine Lust, ihr ferneres Leben ohne
Stiere zu verbringen. Und da sie gewöhnt waren, den Stieren immer und
überall zu folgen, so folgten sie auch jetzt, und bald war das Wasser
angefüllt mit schnaubenden, plantschenden, prustenden Rindern, die sich
bemühten, hinüberzukommen. Es war ein wildes Durcheinander von gehörnten
Köpfen und schlagenden und peitschenden Ungetümen. Manche kehrten wieder
um, wenn es ihnen zu gefährlich schien.
Und das war der Augenblick, wo wir eingreifen mußten. Es durfte nicht
zur Manie werden, dieses Umkehren, sonst konnte die halbe Herde
umkehren, weil sie ja keine Richtung im Wasser halten können, sondern
nur drauflos platschen und auf ein Ufer losgehen.
Wir schrien und peitschten und setzten mit den Pferden rein und jagten
die Tiere zusammen und immer rüber und rüber zur andern Seite.
Einzelne kamen ins Schwimmen und ins Treiben. Die hatten wir abzufangen
und sie zum Ufer zu dirigieren. Drei gingen mir verloren, die abtrieben
und die wir nicht holen konnten. Das war der ganze Verlust, den ich bei
diesem Übersetzen hatte. Er war billig. Oft wird es teurer. Die
Verlorenen waren an sich nicht viel wert. Sie hatten uns schon auf dem
Transport Schwierigkeiten gemacht. Sie gehörten zu den Schlappen. Und je
kleiner man den Trupp der Marschhinker halten kann, um so besser. Wir
ließen die Tiere drüben wieder rasten und machten gleich Lager für die
Nacht. In derselben Nacht wurde mir eine schöne Zweijährige von einem
Jaguar zerrissen. Es war so rasch und so lautlos zugegangen, daß niemand
etwas gehört hatte. Wir sahen es am nächsten Morgen nur an dem Kadaver
und an den Fährten, was sich in der Nacht abgespielt hatte.
In jeder Hinsicht war ich billig davongekommen. Das Übersetzen mit der
kleinen Fähre würde nach meiner Schätzung eine volle Woche gedauert
haben. Auch dabei konnten Tiere verlorengehen, die abspringen, oder die
man bei einem so langen Aufenthalt an einem Fluß durch Tiger und
Alligatoren einbüßt. Man hat an tausend verschiedene Kleinigkeiten und
Nebenumstände zu denken. Dazu kam noch das Fährgeld. Und was ich an
Fährgeldern, Brückengeldern, Wegegeldern, Weide- und Wassergebühren
sparte, ging in meine Tasche und gehörte mit zu meinem Verdienst.
Was ich hier bei diesem Übergang über den Fluß gespart hatte, verdankte
ich niemand sonst als meinen lieben kleinen Kälbern. Sie hatten die
Liebe, die wir ihnen und ihren Müttern entgegengebracht hatten,
reichlich vergolten.
21
Es wäre ja kein echter Transport gewesen, wenn er ohne die Mithilfe von
Banditen zu Ende gegangen wäre. Man erwartet sie eigentlich immer, und
man wundert sich nur dann, wenn wieder einmal ein Tag vorüber ist, ohne
daß sich der eine oder der andre Trupp hat sehen lassen. Ein solcher
großer Viehtransport geht ja nicht schweigend vor sich. Dutzende von
Indianern sehen ihn, und es spricht sich herum. Und man weiß nie, wer
den Kundschafter macht für eine Horde. Die Mehrzahl der Banditenhorden
sind die Überbleibsel der Revolutionsarmeen, die gegen die
Arbeiterarmeen kämpften. Es sind die Reste jener Truppen, die von den
Diktaturanhängern, von den großen Landeigentümern, von einer Clique
amerikanischer Kapitalisten geworben wurden, und die bei Beendigung der
Revolution übrigblieben, weil sie das Freischärlertum vorzogen.
Eines Morgens kamen sie. Genauer gesagt, eines Morgens trafen wir sie.
Sie kamen ganz unschuldig angeritten. Sie konnten Peons sein, die
irgendwohin zum Markte ritten oder auf der Arbeitsuche waren. Sie kamen
aus der Flanke. Wir zogen auf einem breiten Buschwege, und plötzlich
standen sie an der Seite des Weges, am Ausgange eines schmalen
Buschpfades.
„Hallo!“ rief der Führer. „Keinen Tequila?“
„Nein“, sagte ich. „Haben keinen. Aber wir haben Tabak mit. Könnt
hundert Gramm abbekommen.“
„Gut. Nehmen wir. Habt Ihr Maisblätter?“
„Zwei Dutzend können wir wohl abgeben.“
„Nehmen wir auch.“
„He, wie ist es denn mit Geld? Der Transport hat doch Geld für die
Fähren und Brücken und so.“ Jetzt wurde es heiß. Das Geld.
„Wir haben kein Geld mit“, sagte ich. „Wir haben nur Schecks.“
„Schecks ist Dreck. Kann ich nicht lesen.“
Die Leute sprachen etwas zueinander, und dann kam der Sprecher
herangeritten und sagte: „Wegen des Geldes wollen wir doch einmal
nachsehen.“
Er durchsuchte meine Taschen und das Sattelzeug, aber ich hatte kein
Geld. Er fand nur die Schecks, und er sah ein, daß ich recht hatte.
„Kühe können wir auch gebrauchen“, rief er nun.
„Die brauche ich selbst“, sagte ich. „Ich bin nicht der Besitzer, ich
habe nur den Transport.“
„Dann tut es Ihnen ja nicht weh, wenn ich mir ein paar aussuche.“
„Bitte,“ sagte ich, „helfen Sie sich nur. Ich habe eine hufkranke Kuh.
Die Kuh ist gut, sie milcht in drei Monaten. Den Huf können Sie
kurieren. Ist frisch.“
„Wo ist sie denn?“
Ich ließ sie heraustreiben, und sie gefiel ihm. Während der ganzen Zeit
wanderte der Transport natürlich weiter. Der läßt sich ja nicht so auf
Kommando halten, besonders wenn keine Weide da ist, sondern nur so
dünnes mageres Gras am Wege entlang steht. Die guten Leute ritten neben
mir her.
Der Führer sagte: „Schön, eine haben Sie mir gegeben, jetzt bin ich an
der Reihe und darf mir eine aussuchen.“
Er suchte sich eine aus, aber er verstand nichts von Vieh. Sie war nicht
viel wert. Ich verschmerzte sie leicht.
„Nun dürfen Sie mir wieder eine aussuchen.“
Er bekam sie. Dann suchte er wieder eine aus. Diesmal nahm er eine der
milchenden.
„Jetzt sind Sie wieder an der Reihe, Senjor“, sagte er.
Ich versuchte es mit einem Scherz. Ich rief einen meiner Leute heran,
der das Kalb jener Kuh trug, die sich der Wegelagerer ausgesucht hatte.
„Hier haben Sie das Jungtier dazu“, sagte ich und händigte ihm das
Kälbchen ein. Mit dem Angebot war er sehr zufrieden, und er ließ das
Kalb für ein Volltier gelten. Das tat er nicht aus Generosität. Nein,
viele der Indianer können die Kühe nicht melken. Sie können nur melken,
wenn das Kalb gleichzeitig saugt, sonst kriegen sie keinen Tropfen aus
den Zitzen. Die Milch muß so halb von allein fließen, die Kuh muß
glauben, daß sie die Milch dem Kalb gibt. Darum war ihm das zugehörige
Kalb so willkommen, denn nun konnte er die Kuh melken, und sie hatten
Milch daheim.
Dann war er wieder an der Reihe. Als sie fortritten, zogen sie mit
sieben Kühen und einem Kalb von dannen. Kostete mich, wenn ich das Kalb
nicht rechnete, hundertfünfundziebzig Pesos. Denn auf welche Weise ich
die Tiere verlor, das war gleichgültig. Was mir fehlte, wurde mir
abgezogen. Mit den Banditen wurde gerechnet und mit den Zöllen, die man
ihnen zu zahlen hatte. Es kam eben darauf an, wie man mit ihnen
handelseinig wurde. Man mußte handeln mit ihnen wie mit Geschäftsleuten.
Diplomatie spielte eine Rolle. Sie hätten ja auch mit fünfzehn abziehen
können oder mit vierzig.
Das alles sind Transportunkosten. Gehört zur Fracht. Kann überall
geschehen. Woanders entgleist ein Zug, oder es verbrennt oder scheitert
ein Schiff, und der Transport ist fertig. Zu all dem hat man die hohen
Versicherungsprämien zu zahlen. Hier versichert niemand. Keine
Versicherungsgesellschaft übernimmt das Risiko, oder sie übernimmt es
nur zu Sätzen, die zu zahlen sich nicht lohnt. Woanders sind es die
Verladekosten, die Fütterungskosten und wer weiß was sonst noch alles
für Kosten. Hier sind es die Flußläufe, die Bergübergänge, die Pässe,
die Schluchten, die Sandstrecken, die wasserlosen Strecken, die
Banditen, die Jaguare, die Klapperschlangen, die Kupferschlangen, und
wenn es ganz schief gehen soll, eine Seuche, die dem Vieh auf dem
Marsche irgendwo von anderm Vieh, dem es begegnet, mitgegeben wird.
Wenn man am Schlusse die Rechnungen vergleicht, sind die Unterschiede in
den Transportunkosten nicht so groß, wie man vielleicht erwartet. Hier
trägt es die Masse, die Masse der Aufzucht und die Masse des
Transportes. Man kann sich natürlich mit den Banditen in einen Streit
einlassen oder in eine Schießerei oder in Drohungen mit dem Militär.
Warum nicht? Es gibt immer noch hin und wieder einen Narren, der es tut,
und man sieht es manchmal so schön im Kino, wie die Banditen rennen,
drei Dutzend vor einem smarten Kuhjungen. Ja, im Kino. In Wirklichkeit
ist das alles ganz, aber ganz, ganz anders. Die Banditen rennen nicht so
schnell. Und mit den Drohungen! Ach, du blauer Himmel! Das Militär ist
weit, und das Land ist groß. Die Dörfer der Banditen sind unzugänglich,
und die Offiziere der Regierungstruppen finden sie nicht auf den Karten.
Die Familie des Banditen hat sechs Brüder, drei dienen beim regulären
Militär, drei dienen bei den Banditen, die nur darauf warten, daß wieder
ein Diktator, der von den amerikanischen Ölkompanien und Minenkompanien
genügend unterstützt wird, irgendwo auftaucht. Und wie das so wechselt.
Die drei Brüder, die bei den regulären Truppen dienen, fressen morgen
vielleicht etwas aus und finden Unterschlupf bei den Banditen, während
die drei Brüder bei den Banditen sich freiwillig der Gnade des
Gouverneurs unterwerfen und sich in die reguläre Armee einreihen lassen,
wo sie vortreffliche Banditenjäger werden, weil sie alle Pfade und
Tricks kennen.
Ausrottung der Banditen. Das läßt sich alles so schön in den Zeitungen
empfehlen, und es läßt sich noch viel schöner von der amerikanischen
Regierung, die das Land im Interesse der amerikanischen Großkapitalisten
als Kolonie betrachten möchte, kommandieren, mit der Drohung, die
diplomatischen Beziehungen abzubrechen. Aber die Banditen lesen keine
Zeitungen, und sie hassen die Amerikaner, und sie finden ihre Körbe am
besten gefüllt, wenn es infolge der diplomatischen Auseinandersetzungen
im Lande unruhig wird.
Abgesehen von allem, es ist das gute Recht eines Banditen, sich zu
nehmen, was er braucht. Dreihundert Jahre Sklaverei und Verluderung
durch die spanischen Herren und Peitscher und Folterknechte, dann
hundert Jahre Militärdiktatur und kapitalistische Cliquendiktatur von
gewissenlosen Räubern und Banditen mit polierten Fingernägeln und
Klubsesseln müssen das wundervollste und liebenswerteste Volk der Erde
in Grund und Boden verlottern. In zivilisierten Ländern haben fünf Jahre
Krieg die Völker so verludert, daß sie zwischen Recht und Unrecht nicht
mehr durchfinden können, daß die Hälfte der Bevölkerung in jenen Ländern
Verbrecher und die andere Hälfte Polizisten, Gefängniswärter und
Staatsanwälte sind.
Meine Banditen waren zufrieden, daß sie alles so leicht, so vergnügt und
mit so angenehmer Unterhaltung bekommen hatten. Und ich war zufrieden,
daß sie nicht mehr genommen hatten, und daß ich so billig loskam. Was
hat sich da die Polizei hineinzumischen? Man wird ganz gut fertig, wenn
man sich nicht um die Polizei kümmert. Ehe man nicht erschlagen ist,
hilft einem die Polizei nicht. Und wenn sie endlich hilft, dann hilft
sie nur dem Mörder und nicht dem Erschlagenen. Was hat der Erschlagene
davon, wenn der Mörder oder der Bandit auf den Friedhof geführt und
erschossen wird? Er wird davon nicht lebendig.
Wir hatten jetzt einen weiten Umweg zu machen. Eine größere Stadt lag
auf unserm Wege, und die mußten wir weitab liegen lassen, denn da gab es
keine Weiden. Einen langen Flußlauf hatten wir hinauf zu wandern, und
dann kam der Übergang über das Gebirge.
Es wurde recht kühl. Reichlich Wasser war vorhanden, aber die Weiden
wurden knapp. Die Tiere aßen das Laub der Bäume. Das Laub war ebenso
sättigend wie Gras. Es schien dem Vieh eine angenehme Abwechslung zu
sein, Laub zu weiden. Wenn ich die Rinder so geschickt das Laub
abstreifen sah, so kam mir manchmal der Gedanke, daß die Rinder in einer
fern zurückliegenden Zeit vielleicht gar keine Steppen- und Prärietiere
gewesen sein mögen, sondern Waldtiere, in Wäldern, die Sträucher und
niedrige, buschähnliche Bäume hatten. Wälder, die heute verschwunden
sind, weil nur die hoch emporwachsenden Bäume überleben konnten.
Der Paßübergang war mühevoll, und wir mußten alle unsre Aufmerksamkeit
anwenden, um die Tiere gut zu leiten; denn sie waren Gebirge ja nicht
gewohnt. Zwei rutschten ab. Darunter ein prächtiger Jungstier. Er
rutschte mit seiner Kuh, während er gerade so lustig am Springen war.
Liebestragödie. Wir konnten sie unten in der tiefen Schlucht liegen
sehen, zerschmettert. Ich hatte auf mehr Abstürze gerechnet.
Zwei Schlangenbisse erlebten wir auch. Wir sahen es am Morgen an den
geschwollenen Füßen zweier Kühe. Wir untersuchten und fanden die
Einhiebe der Fänge. Aber die Kühe hatten Glück gehabt. Die Schlangen
hatten vorgebissen, auf Holz oder auf irgendein wildes Tier. So bekamen
die Kühe nicht die volle Ladung eingespritzt. Wir behandelten sie mit
Schneiden, Abknebeln und achtundneunzigem Alkohol. Da wir hier, nachdem
wir den Übergang durch hatten, zwei Tage haltmachten, kamen die Kühe
schön wieder hoch, und ich sparte sie.
Am Abend fingen zwei Indianer an, sich gräßlich darüber zu streiten, was
es für Schlangen gewesen seien. Der eine behauptete, es seien
Klapperschlangen gewesen, während der andre darauf bestand, daß es
Kupferschlangen gewesen seien.
Ich schlichtete den Streit, der sehr ernst zu werden drohte, mit einem
Vergleich. Ich sagte zu Castillo: „Wenn Sie geschossen oder gar
erschossen sind, so ist es Ihnen doch sicher ganz gleichgültig, ob Sie
mit einem Revolver oder mit einem Gewehr, ob mit einer Achter oder mit
einer Siebener erschossen sind.“
„Freilich, Senjor, ist das egal, wenn man schon geschossen ist, denn
geschossen ist geschossen.“
„Sehen Sie, Senjores, so ist es auch mit den Kühen. Sie sind von einer
Giftschlange gebissen, und es ist ihnen ganz und gar gleichgültig, ob
sie von einer Rattler oder einer Copper gebissen sind. Sie sind
gebissen, und es tut ihnen weh. Um das übrige kümmern sie sich nicht
einen Dreck.“
„Sie haben recht, Senjor, es war eine Giftschlange, und was es für eine
war, tut jetzt nichts mehr zur Sache.“
Meinen Richterspruch fanden sie so klug, daß sie nicht mehr von den
Schlangen sprachen, sondern nur von der Heilbarkeit der Schlangenbisse.
Sie brachten alle möglichen indianischen Hausmittel zur Sprache, und
dadurch endete der Streit der beiden.
22
Eines Morgens bei Sonnenaufgang, als wir den Aufbruch riefen und ich auf
einen Hügel ritt, um von dort aus die Herde übersehen zu können und in
die vorteilhafteste Richtung zu lenken, sah ich in der Ferne die Türme
der Kathedrale liegen. Von leuchtendem Golde umflossen, stand das Ziel
vor meinen Augen. Die Mühen waren zu Ende, und die Freude wartete in der
Stadt, die im Glanze der Sonne badete. Ich ließ die Herde hier auf der
Prärie und ritt zur Stadt. Ich sandte ein Telegramm an Mr. Pratt mit der
Nachricht, daß ich hier sei. Dann ritt ich zurück zur Herde. Es war
Abend, als ich zurückkam. Unsre Feuer loderten, und die beiden Männer,
die Wache hatten, ritten gemächlich um die Herde und sangen die Tiere
zur Ruhe.
Die Nächte in den Tropen haben für den Menschen, der, solange wir ihn
kennen, ein Taggeschöpf ist, etwas unsagbar Unheimliches an sich. Viel
unheimlicher noch sind die tropischen Nächte für die Tagtiere. Kleine
Herden kommen des Abends zum Ranchohaus, um in der Nähe der Menschen zu
sein. Sie wissen es ganz genau, daß der Mensch sie beschützt. In den
Wochen nach der Regenzeit, in denen die Moskitos und die Beißfliegen in
der Luft schwirren, dick wie aufgewirbelter Staub, kommen die Rinder
selbst am Tage von den Prärien heim und drängen sich um das Ranchohaus,
wo sie auf Hilfe hoffen. Man kann ihnen keine Hilfe gewähren, weil man
selbst Kopf, Gesicht und Hände mit Tüchern umwickelt hat, um sich gegen
die Geister der tropischen Hölle zu schützen.
Aber selbst die Riesenherden fangen an, unruhig zu werden, sobald die
Sonne untergegangen ist. Sie umzirkeln die Hütten der Herdenaufseher und
lagern sich rundherum. Die Wachleute umreiten die Herden während der
ganzen Nacht. Abends, nach Sonnenuntergang, ziehen alle Männer herum und
singen die Herde in den Schlaf. Dann erst beginnen die Tiere sich zu
legen. Manche großen Viehzüchter überlassen es den Herdenmännern, den
Cowboys, ob sie singen wollen oder nicht; sie halten es für überflüssig,
für alten Kohl. Aber Vieh, das nicht eingesungen wird, ist nicht so gut
wie andres, das in den Schlaf gesungen wird. Das Vieh bleibt die ganze
Nacht hindurch unruhig, legt sich für zehn Minuten und springt wieder
auf, um umherzuwandern und andres Vieh zu streifen und die Kameradschaft
zu fühlen. Dieses Vieh ist am Morgen schläfrig, und weil es am andern
Tage den verlorenen Schlaf nachholen muß, frißt es nicht so gut wie das
gesungene. Es kommt infolgedessen viel langsamer in Form. Auf
Transporten muß man erst recht singen; denn hier ist das Vieh viel
unruhiger, weil es ja auf ungewohnten Prärien lagert. Würde man die
Herde hier nicht in den Schlaf singen, hätte man es an der Marschzeit
schwer zu büßen, weil die Herde dann am Tage mehr ruht, als es für den
Marsch gut ist.
Ich jedenfalls ließ jeden Abend singen, und die Männer taten es mit
Vergnügen. Sie ritten langsam und gemütlich, steckten sich zuweilen eine
Zigarette an, und dann sangen sie wieder. Und bei dem Singen legten sich
die Rinder in dem Bewußtsein absoluter Geborgenheit hin und ruhten.
Schläfrig sahen sie dem reitenden Manne nach, brummten und begannen zu
schlafen. Wird auch des Nachts ab und zu gesungen, so ist das den Tieren
nur um so lieber. Sie wissen, daß ihnen dann nichts geschehen kann, denn
der Mensch ist in der Nähe und beschützt sie gegen die Schrecknisse der
Nacht. In der Tat verscheucht das Singen der Männer die Jaguare und
Berglöwen. Daß dieses Singen der Kuhmänner auch alle Menschen
verscheucht, die sich unter Singen eben Singen vorstellen, erwähne ich
nicht. Man braucht mich nur singen zu hören, dann weiß man die letzten
Geheimnisse der Welt.
Ich hatte die Kopfwache, die der Vormann hielt, auch hierher genommen,
damit wir die letzten paar Abende noch alle zusammen sein konnten. Die
Vorwache war überflüssig geworden, weil drüben der Fluß lag, der sich
bis zur Stadt hinstreckte. Die Flanken konnten leicht gehalten werden
von den beiden Wachen. Während die Leute rauchten und schwatzten,
sattelte ich noch einmal auf und ritt die Herde ab, singend, pfeifend,
summend und den Tieren zurufend.
Klar wie nur der Nachthimmel in den Tropen sein kann, lag die
schwarzblaue Wölbung über der singenden Prärie. Wie kleine goldne Sonnen
standen die strahlenden Sterne in der satten Nacht. Und Sterne flogen
umher, hunderte, tausende, als wären sie heruntergekommen von dem hohen
Dom der Welt, um Liebe zu suchen und Liebe zu spenden und dann wieder
zurückzukehren in die stille einsame Höhe, wo keine Brücke führt von dem
einen zum andern. Die Glühkäferchen waren das einzige sichtbare Leben
hier unten. Aber das unsichtbare sang mit Milliarden Stimmen und
Stimmchen, musizierte mit Geigen und Flöten und Harfen, mit Zimbeln und
Glöckchen. Und da lag meine Herde. Ein schwarzer, dunkler Brocken neben
dem andern. Brummend, atmend und einen warmen, vollen, schwer lastenden
Hauch erdischer Gesundheit verbreitend, der so reich war in sich, in
seinem Unbewußtsein, der so wohl tat und so unendlich zufrieden machte.
Mein Heer! Mein stolzes Heer, das ich über Flüsse führte und über
Felsengebirge, das ich beschützte und behütete, dem ich Nahrung brachte
und erfrischendes Wasser, dessen Streitigkeiten ich schlichtete und
dessen Krankheiten ich heilte, und das ich Abend um Abend in den Schlaf
sang, um das ich mich sorgte und härmte, um das ich zitterte, und das
meinen Schlaf beunruhigte, um das ich weinte, wenn eines mir
verlorenging, und das ich liebte und liebte, ach, so sehr liebte, als
wäre es mein Fleisch und Blut! O du, der du ein Kriegerheer über die
Alpen führtest, um in friedliche Länder den Mord und den Brand zu
tragen, was weißt du von der vollkommenen Glückseligkeit, ein Heerführer
zu sein!
23
Am nächsten Morgen kam der Salztransport heraus, und ich salzte die
Tiere. Ich hatte ihnen nur einmal Salz gegeben während des ganzen
Marsches. Man kann sich darauf nicht gut einlassen, wenn man nicht ganz
genau weiß, daß man viel Wasser noch am selben Tag erreichen wird. Jetzt
aber war das Salz von großem Wert. Sie konnten sich tüchtig danach
volltrinken und kamen in Glanz und Pracht, als hätten sie neue Uniformen
erhalten. Ihre Felle schimmerten, als wären sie mit Bronzelack
übergossen worden. Ich konnte mich mit meinem Transport sehen lassen.
Drei Tage später kam Mr. Pratt mit dem Kommissionär, der den Verkauf
übernommen hatte.
„Donnerwetter! Donnerwetter nochmal!“ sagte er immer wieder. „Das ist
Vieh. Das geht wie warme Butter fort.“
Mr. Pratt schüttelte mir die Hand und sagte: „Mensch, Gale, wie haben
Sie denn das nur fertiggebracht? Ich habe Sie nicht vor Ende nächster
Woche erwartet. Vierhundert habe ich schon verkauft. Dadurch, daß Sie so
früh hier sind, rechne ich, daß wir innerhalb einer Woche das letzte
Paar Hörner los sind. Es ist noch ein zweiter Transport von einem andern
Züchter unterwegs. Und wenn Sie später gekommen wären, hätte das auf den
Preis gedrückt; zweitausend Kopf in derselben Woche kann der Markt nicht
tragen, ohne erheblich zu pressen. Kommen Sie nur mit zur Stadt
gefahren, der Vormann kann den Rest jetzt allein schaffen.“
Die beiden Herren waren mit dem Auto herausgekommen, und wir waren am
frühen Nachmittag schon in die Stadt zurück. Wir rechneten ab, und ich
bekam ein recht nettes Sümmchen. Zwei Kälbchen waren noch hinzugeboren
worden, und so hatte ich im ganzen fünf, die mir als volle Köpfe
angerechnet wurden, wodurch meine Verluste sich um diese fünf Köpfe
verringerten.
„Mache ich einen guten Preis,“ sagte Mr. Pratt, „dann gebe ich Ihnen
noch einen Hunderter zur Belohnung. Sie haben ihn verdient. Mit den
Banditen sind Sie ja billig losgekommen.“
„Kein Wunder,“ sagte ich, „den einen kannte ich gut, ein gewisser
Antonio. Ich habe einmal Baumwolle mit ihm gepflückt, und wir waren gute
Freunde. Er sorgte dafür, daß es billig wurde.“
„Ja, das ist es,“ meinte Mr. Pratt, „Glück muß man haben. Überall. Ob
man Vieh züchtet, oder ob man sich eine Frau nimmt.“
Er lachte laut auf und sagte: „Sie, hören Sie einmal, Junge. Was haben
Sie denn mit meiner Frau gemacht?“
„Ich? Mit Ihrer Frau?“ Mir blieb der Bissen im Munde stecken, und ich
bin sicher, ich wurde etwas blaß. Frauen können so wundervoll
unkontrollierbar sich benehmen. Sie kriegen zuweilen Einfälle und
manchmal Anfälle. Fallen sogar ganz aus heiler Haut heraus in die
Beichtwut. Die Frau wird ihm doch nicht etwa was geläutet haben? Sie sah
mir gar nicht so aus, als ob sie alle ihre Geheimnisse an die Glocke
hänge.
„Als Ihr Telegramm ankam, da war sie wie toll und rief: Da siehst du
wieder einmal, was du für ein Nichtstuer bist, und was du für ein
überflüssiges Werkzeug bist. Da bringt dieser Junge die Herde rüber, als
ob er sie in seiner Basttasche habe, und als ob sie ihm am Sattelknopf
hinge. Das schaffst du in deinem ganzen Leben nicht. Das ist ein andrer
Bursche, dieser F-ing son of a bitch.“
„Um des Himmels willen, Mr. Pratt, Sie werden sich doch nicht etwa
scheiden lassen.“
„Scheiden lassen? Ich? Warum denn? Wegen so einer Kleinigkeit?“
Er lächelte wieder so eigentümlich. Wenn ich doch nur wüßte, wie er das
meint: „Kleinigkeit“? Das kann heißen, daß er alles weiß, und das kann
auch ebensogut heißen, daß er überhaupt nichts weiß.
„Nein“, fuhr er fort. „Warum soll ich mich denn scheiden lassen? Haben
Sie Angst, daß ich mich scheiden lasse?“
„Ja“, gestand ich.
„Warum denn aber?“
„Weil mich Ihre Frau dann doch heiraten würde. Sie hat es doch ganz
offen erklärt.“
„Ach so, ja. Ich erinnere mich, das hat sie gesagt. Wenn meine Frau so
was sagt, dann tut sie es auch. Da kommen Sie nicht los davon, Junge.“
Mir wurde ungemütlich zumute. Mr. Pratt merkte es, und er fragte:
„Warum haben Sie denn da eine solche Angst? Gefällt Ihnen denn meine
Frau nicht? Ich denke doch, daß –“
Ich ließ ihn nicht zu Ende reden, denn vielleicht kam jetzt das heraus,
was er wußte. Und ich hielt es für besser, diese Angelegenheit in der
Schwebe und unentschieden zu lassen.
„Freilich. Ihre Frau gefällt mir sogar sehr gut“, gestand ich.
„Kann ich mir denken“, sagte Mr. Pratt.
Das war nun wieder so, daß es alles und nichts bedeuten konnte.
„Sehen Sie, Mr. Pratt,“ sagte ich nun, „es ist so eine dumme Sache. Ihre
Frau gefällt mir sogar sehr. Aber, bitte, lassen Sie sich doch nicht
scheiden. Sie vertragen sich doch so gut. Ich müßte sie ja dann
heiraten. Es wäre ja vielleicht so übel nicht. Aber ich weiß doch gar
nicht, was ich mit meiner Frau, entschuldigen Sie, bitte, was ich mit
Ihrer Frau machen sollte.“
„Na, was man mit jeder Frau macht. Ihr die Freude machen, die sie gern
hat.“
„Das ist es nicht. Es ist etwas andres. Ich weiß nicht, wie ich mit der
Ehe fertig werde.“ Ich versuchte es ihm klarzulegen. „Ich weiß nicht,
wie ich mich da benehmen soll. Ich halte das einfach nicht aus. Ich kann
nicht stillhalten. Ich kann nicht stillsitzen auf dem Ursch, verstehen
Sie. Ich muß vagabondieren. Da kann ich doch meine Frau nicht
mitschleifen. Ich würde ausrücken, weil ich das nicht vertrage, den
ganzen Tag und jeden Tag vor einem ordentlichen Tisch zu sitzen und
jeden Tag ein richtiges Frühstück und Mittagessen zu bekommen. Das
verträgt auch schon mein Magen nicht. Wenn Sie mir einen Gefallen tun
wollen –“
„Jeden. Schon erfüllt“, sagte Mr. Pratt gutgelaunt.
„Lassen Sie sich nicht scheiden von Ihrer Frau. Sie ist eine so gute
Frau, eine so schöne Frau, eine so kluge Frau, eine so tapfere Frau. So
eine kriegen Sie nie wieder, Mr. Pratt.“
„Das weiß ich. Deshalb lasse ich mich ja auch nicht scheiden. Ich habe
nie daran gedacht. Ich weiß überhaupt gar nicht, wie Sie auf solchen
Cabbage kommen. Hopp auf, wir gehen jetzt die Ablösung vom Kontrakt
einweichen.“
Wir zogen ab.
Was ist denn da los? So viele Indianerweiber mit ihren Körben habe ich
ja nie gesehen. So viele Tortillas zu verkaufen?
„Was ist denn eigentlich los hier?“ fragte ich Mr. Pratt. „Man sieht ja
nichts weiter als Tortillas und Tortillas und Tortillas.“
„Die Bäcker streiken. Die Leute haben kein Brot und müssen alle
Tortillas essen“, erklärte mir Mr. Pratt.
„He, Mr. Pratt,“ rief ich da laut, mitten auf der Straße stehenbleibend,
„da sehen sie gleich an diesem Beispiel, wie bitter Unrecht Sie und Mr.
Shine mir getan haben.“
„Mr. Shine und ich? Inwiefern?“
„Sie haben doch beide behauptet, daß ich mich immer nur um Streiksachen
kümmere, und daß überall, wo ich arbeite, ein Streik losgeht. Hier an
dem Bäckerstreik bin ich doch ganz und gar unschuldig. Ich war doch
wochenlang gar nicht hier. Wie kann ich denn da etwas mit dem
Bäckerstreik zu tun haben?“
„Das sagen Sie, Gale. Aber nun gehen Sie einmal in die
La-Aurora-Bäckerei und hören Sie, was Senjor und Senjora Doux den Leuten
erzählen.“
„Was können denn die Leute von mir erzählen?“ fragte ich.
„Die behaupten und erzählen es jedem Gast, daß Sie den Streik
angezettelt haben.“
„Das sind nichtswürdige Verleumder, diese Douxens. Ich habe mit dem
Streik gar nichts zu tun. Ich habe für Sie einen Transport gebracht und
weiß gar nichts von einem Bäckerstreik.“
„Die Douxens aber behaupten, seit Sie dort gearbeitet haben, sind die
Arbeiter in der Bäckerei mit nichts mehr zufrieden, nicht mehr mit dem
Essen, nicht mehr mit dem Schlafen, nicht mehr mit dem Lohn und nicht
mehr mit der langen Arbeitszeit. Und kaum waren Sie fort, ging es los.
Zuerst in der La Aurora und dann am folgenden Tage in sämtlichen
Bäckereien. Die wollen zwei Pesos Mindestlohn, luftige Schlafräume und
achtstündige Arbeitszeit.“
„Nun will ich Ihnen aber doch die Wahrheit sagen, Mr. Pratt“, sagte ich
darauf. „Mit dem Streik habe ich wirklich nichts zu tun. Ich habe Ihnen
ja schon damals gesagt, als wir uns zum ersten Male trafen und Sie mir
das mitteilten, was Mr. Shine über mich erzählt hat, daß rein zufällig
immer da, wo ich arbeite oder wo ich gearbeitet habe, gestreikt wird,
sobald ich mich da auch nur umgesehen habe. Dafür kann ich doch aber
nicht. Das ist doch nicht meine Schuld, wenn es den Leuten nicht mehr
gefällt und sie es besser haben wollen. Ich sage nie etwas. Ich bin
immer ganz ruhig und lasse immer die andern reden. Aber weiß der
Kuckuck, überall, wohin ich komme, behaupten die Leute, ich sei ein
Wobbly, und ich versichere Sie, Mr. Pratt, das ist –“
„– die reine und unverfälschte Wahrheit“, beendete Mr. Pratt meinen
Satz, den ich ganz anders zu beenden gedachte.
Aber so geht das immer, wenn einem die Leute die Worte aus dem Munde
nehmen und dann gar noch herumdrehen. Da braucht man sich wahrhaftig
nicht zu verwundern, wenn sich die Menschen falsche Meinungen bilden.
Sie sollen einen andern auch einmal reden lassen. Aber stets und immer
müssen sie sich in die Ansichten, die andern Leuten gehören,
hineinmischen. Kein Wunder, daß dann lauter Unsinn herauskommt.