Es war ein trüber, kalter Tag. Peredonoff kehrte von Wolodin heim. Eine
niederdrückende Angst quälte ihn.
Die Werschina lockte Peredonoff zu sich in den Garten. Wieder gehorchte
er ihren magischen Bewegungen. Sie gingen in die Laube, über die
feuchten, mit welken, dunklen Blättern bedeckten Wege. In der Laube roch
es dumpf und feucht. Hinter den kahlen Bäumen sah man das Haus mit
seinen geschlossenen Fenstern.
»Ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen,« murmelte die Werschina,
blickte rasch auf Peredonoff und wandte ihre schwarzen Augen gleich
wieder zur Seite.
Sie trug eine schwarze Jacke und war in ein schwarzes Tuch gehüllt;
zwischen den von der Kälte blauen Lippen hielt sie ihr schwarzes
Mundstück und ließ den dunklen Rauch in dichten Wolken aufsteigen.
»Ich spucke auf Ihre Wahrheit,« antwortete Peredonoff, »in hohem Maße
spucke ich darauf.«
Die Werschina lächelte schief und antwortete:
»Sagen Sie nicht! Sie tun mir furchtbar leid, -- man hat Sie betrogen.«
Schadenfreude klang aus ihrer Stimme. Böse Worte sprangen ihr von den
Lippen. Sie sprach:
»Sie hatten auf Protektion gehofft, allein Sie waren zu vertrauensselig.
Man hat Sie betrogen, und Sie haben ohne weiteres geglaubt. Jedermann
kann einen Brief schreiben. Sie mußten wissen, mit _wem_ Sie es zu tun
haben. Ihre Gattin ist eine in den Mitteln nicht wählerische
Persönlichkeit.«
Peredonoff konnte die gemurmelte Rede der Werschina nur schwer
verstehen; in ihrer Weitschweifigkeit konnte er kaum einen Sinn finden.
Die Werschina fürchtete sich, es laut und deutlich zu sagen: sagte sie
es laut, so hätte jemand es hören können, Warwara hätte es erfahren, und
es hätte Unannehmlichkeiten gegeben, denn Warwara wäre vor einem Skandal
nicht zurückgeschreckt; sagte sie es deutlich, -- so würde Peredonoff
wütend werden, vielleicht würde er sie sogar schlagen. Man müßte ihm
einen Wink geben, daß er es selber erriete. Aber Peredonoff erriet es
nicht.
Es war ja schon früher vorgekommen, daß man ihm direkt ins Gesicht
gesagt hatte, er wäre betrogen worden, er konnte aber auf keine Weise
darauf kommen, daß die Briefe gefälscht waren, und dachte immer, die
Fürstin selber betröge ihn, -- führte ihn an der Nase herum.
Endlich sagte die Werschina gerade heraus:
»Sie glauben wohl, die Fürstin hat die Briefe geschrieben. Jetzt weiß es
aber schon die ganze Stadt, daß die Gruschina sie gefälscht hat, im
Auftrage Ihrer Gattin; die Fürstin weiß von nichts. Fragen Sie, wen Sie
wollen; alle wissen es, -- sie selber haben sich verplappert. Und dann
hat Warwara Dmitriewna Ihnen die Briefe entwendet und verbrannt, damit
es keine Beweisstücke gibt.«
Dunkle, schwere Gedanken wälzten sich durch Peredonoffs Hirn. Er begriff
nur eins: man hatte ihn betrogen. Aber daß die Fürstin darum nicht
wissen sollte, -- nein, sie weiß es. Nicht umsonst war sie lebendig aus
dem Feuer hervorgegangen.
»Das von der Fürstin lügen Sie,« sagte er, »ich wollte die Fürstin
verbrennen, konnte es aber nicht: sie hat die Glut totgespuckt.«
Plötzlich schüttelte ihn eine rasende Wut. Man hatte ihn betrogen! Wild
hieb er mit der Faust auf den Tisch, sprang auf und ging eilig, ohne
sich zu verabschieden, nach Hause. Erfreut blickte ihm die Werschina
nach, und schwarze Rauchwölkchen lösten sich geschwind von ihrem dunklen
Munde, fegten dahin und wurden vom Winde zerfetzt.
Peredonoff kochte vor Wut. Als er aber Warwara sah, befiel ihn eine
quälende Angst, und er brachte kein Wort über die Lippen.
Ganz früh am Morgen des nächsten Tages legte er sich ein Messer zurecht,
-- ein kleines Gartenmesser in einer ledernen Scheide; vorsichtig trug
er es in seiner Tasche. Den ganzen Vormittag über, -- bis zu seinem
frühen Mittagessen, -- saß er bei Wolodin. Er sah zu, wie jener
arbeitete und machte dumme Bemerkungen. Wolodin war wie immer froh, daß
Peredonoff sich mit ihm abgab; seine Dummheiten hielt er für witzig.
Das gespenstische Tierchen tummelte sich den ganzen Tag über um
Peredonoff. Nach dem Essen ließ es ihn nicht schlafen. Es hatte ihn ganz
zerquält. Und dann, als er gegen abend einschlafen wollte, weckte ihn
ein komisches Weib; Gott weiß, woher es gekommen war. Es hatte eine
Stülpnase und war widerlich. Es trat an sein Bett heran und murmelte:
»Kwas[14] brauen, Pasteten backen, den Braten braten.«
Es hatte dunkle Wangen, aber seine Zähne blitzten.
»Geh zum Teufel!« rief Peredonoff.
Das Weib mit der Stülpnase verschwand, als wäre es nie dagewesen.
* * * * *
Es wurde abend. Der Wind heulte dumpf im Schornstein. Ein langsamer
Regen schlug leise und hartnäckig an die Fensterscheiben. Hinter den
Fenstern war alles ganz schwarz.
Wolodin war bei Peredonoffs, -- Peredonoff hatte ihn noch am Morgen
gebeten, zum Tee zu kommen.
»Niemand hereinlassen. Hörst du, Klawdjuschka?« schrie Peredonoff.
[Fußnote 14: Säuerliches Getränk aus Schwarzbrot mit Malz.]
Warwara schmunzelte. Er brummte:
»Hier treiben sich Weiber herum. Man muß nachsehen. Eine hat sich zu mir
ins Schlafzimmer gedrängt, -- wollte sich als Köchin verdingen. Aber
wozu brauche ich eine Köchin mit einer Stülpnase.«
Wolodin lachte, meckerte und sagte:
»Weiber pflegen auf den Straßen zu sein; zu uns haben sie aber nicht die
geringsten Beziehungen, und wir werden sie nicht an unseren Tisch
heranlassen.«
Alle drei setzten sich an den Tisch. Man trank Schnaps und aß Piroggen
dazu. Es wurde mehr getrunken als gegessen.
Peredonoff war finster. Alles war für ihn sinnlos, unzusammenhängend,
plötzlich, -- wie ein Alp. Der Kopf schmerzte ihn fürchterlich. Eine
Vorstellung kehrte hartnäckig wieder, -- Wolodin war sein Feind. Sie
wechselte ab mit dem aufdringlichen, schweren Gedanken: man muß
Pawluschka totschlagen, ehe es zu spät ist. Dann werden alle feindlichen
Listen offenbar werden.
Wolodin wurde schnell betrunken und schwatzte irgend etwas
Unzusammenhängendes, um Warwara zu unterhalten.
Peredonoff war erregt.
»Jemand kommt da,« murmelte er. »Laßt niemand herein. Sagt, ich wäre
fortgefahren um zu beten; ins Schabenkloster.«
Er fürchtete, Besuch würde ihn stören. Wolodin und Warwara amüsierten
sich; sie dachten, er wäre nur betrunken. Sie zwinkerten einander zu,
gingen einzeln an die Tür, klopften, sprachen mit verstellten Stimmen:
»Ist der General Peredonoff zu Hause?«
»Dem General Peredonoff -- der Stern mit Brillanten.«
Aber Peredonoff hatte heute kein Verlangen nach dem Stern.
»Nicht hereinlassen!« schrie er. »Jagt sie zum Teufel. Sie sollen morgen
früh kommen. Jetzt ist nicht die Zeit dazu.«
Nein, dachte er, heute muß ich fest sein. Heute wird alles klar werden.
Aber noch sind die Feinde zu allem Möglichen fähig, um ihn desto
sicherer umzubringen.
»Wir haben sie fortgejagt; sie bringen den Stern morgen früh,« sagte
Wolodin und setzte sich wieder an den Tisch.
Peredonoff fixierte ihn mit seinen trüben Augen und fragte:
»Bist du mein Freund oder mein Feind?«
»Dein Freund, dein Freund, Ardascha!« antwortete Wolodin.
»Der Busenfreund ist soviel wert, wie die Schabe unterm Herd,« sagte
Warwara.
»Nicht Schabe, sondern Schaf,« verbesserte Peredonoff. »Wollen wir
trinken, Pawluschka, aber nur wir beide. Auch du, Warwara, -- trink;
wollen wir alle zusammen trinken, wir beide.«
Wolodin kicherte.
»Wenn auch Warwara Dmitriewna mit uns trinkt, so trinken wir nicht zu
zweit, sondern zu dritt,« erklärte er.
»Zu zweit,« wiederholte Peredonoff mürrisch.
»Mann und Frau: eine Sau,« sagte Warwara und lachte laut.
Bis zum letzten Augenblick vermutete Wolodin nicht, daß Peredonoff ihn
ermorden wolle. Er meckerte, schwatzte Dummheiten, betrug sich läppisch,
brachte Warwara zum Lachen.
Aber Peredonoff dachte den ganzen Abend an sein Messer. Wenn Wolodin
oder Warwara sich ihm von jener Seite näherten, wo er das Messer
verwahrt hatte, so schrie er sie wütend an, -- sie sollten fortgehen.
Einigemal zeigte er auf die Tasche und sagte:
»Hier, Freundchen, habe ich so ein Ding, daß du, Pawluschka, kreischen
wirst.«
Warwara und Wolodin lachten.
»Kreischen kann ich immer, Ardascha,« sagte Wolodin, »kräh, kräh! Es ist
sogar sehr einfach!«
Rot im Gesicht, betäubt vom Schnaps kreischte Wolodin und schob seine
Lippen vor. Er wurde immer gemeiner in seiner Art mit Peredonoff
umzugehen.
»Man hat dich übers Ohr gehauen, Ardascha,« sagte er
wegwerfend-mitleidig.
»_Ich_ hau dich übers Ohr!« brüllte Peredonoff auf.
Schrecklich und drohend schien ihm Wolodin. Er mußte sich verteidigen.
Schnell riß er das Messer heraus, stürzte sich auf Wolodin und stach ihn
in den Hals. Das Blut spritzte im Bogen.
Peredonoff erschrak. Das Messer entfiel seiner Hand.
Wolodin röchelte und wollte mit den Händen an den Hals greifen. Es war
ihm anzusehen, daß er zu Tode erschrocken war, immer schwächer wurde und
die Hände nicht mehr bis zum Halse heben konnte. Plötzlich erstarrte er
und fiel auf Peredonoff. Ein stoßweises Gewinsel entrang sich seiner
Brust, als käme er an Atem zu kurz, -- dann wurde er still. Vor
Entsetzen winselte auch Peredonoff und dann, -- nach ihm, -- Warwara.
Peredonoff stieß Wolodin von sich. Schwer fiel er zu Boden. Er röchelte,
zuckte mit den Beinen und starb. Seine starr hinaufgerichteten Augen
verglasten.
Aus dem Nebenzimmer kam der Kater, roch am Blut und miaute böse. Warwara
stand wie erstarrt. Auf den Lärm kam Klawdja gelaufen.
»Herr des Himmels! Mord! Mord!« kreischte sie.
Warwara kam zur Besinnung und lief schreiend mit Klawdja zum Zimmer
hinaus.
Die Kunde vom Geschehenen verbreitete sich schnell. Die Nachbarn
versammelten sich auf dem Hof, auf der Straße. Lange wagte es keiner,
ins Eßzimmer zu gehen.
Sie blickten hinein, flüsterten. Peredonoff starrte mit irren Augen auf
den Leichnam; hinter der Tür hörte er Geflüster ... Eine stumpfe Angst
schnürte ihm die Brust. Er hatte keine klaren Gedanken mehr.
Endlich faßte man Mut, man trat ein, -- Peredonoff saß mürrisch da und
murmelte unzusammenhängende, sinnlose Worte.
Ende.
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