Peredonoff ging sehr oft zur Kirche. Er stellte sich auf einen
sichtbaren Platz und bekreuzigte sich entweder viel öfter, als notwendig
war, oder er stand ganz steif da und blickte stumpf vor sich hin.
Manchmal schien es ihm, als versteckten sich Spione hinter den Säulen:
von dort guckten sie vor und bemühten sich, ihn zum Lachen zu bringen.
Er aber widerstand der Versuchung.
Das Lachen, -- das leise Lachen, Gekicher und Geflüster der
Rutiloffschen Mädchen klang Peredonoff in den Ohren, es wuchs manchmal
ganz unglaublich an, als lachten diese hinterlistigen Mädchen dicht vor
seinen Ohren, um auch ihn zum Lachen zu bringen, -- ihn so zu
vernichten. Aber auch dieser Versuchung widerstand Peredonoff.
Zuweilen erschien ihm das graue gespenstische Tierchen; er sah, wie es
aus dem Weihrauch hervorschoß; seine kleinen Aeuglein blitzten in
Flammen, und mit einem leisen Pfeifen schoß es durch die Luft, dann aber
glitt es zu Boden und tummelte sich zu Füßen der Kirchenbesucher, machte
sich über Peredonoff lustig und quälte ihn unablässig. Natürlich wollte
es Peredonoff einen Schreck einjagen, damit er noch vor Schluß des
Gottesdienstes die Kirche verlassen sollte. Er aber erriet diese
hinterlistigen Absichten, und widerstand auch dieser Versuchung.
Die gottesdienstlichen Verrichtungen, -- die nicht etwa allein dem
Wortlaut nach oder durch die Zeremonien, sondern durch ihren tiefen,
innerlichen Gehalt auf so viele Leute wirken, -- waren Peredonoff ganz
unverständlich. Darum fürchtete er sie. Der aufsteigende Weihrauch
erschreckte ihn, -- er sah nur die rätselhaften Rauchgebilde.
»Warum schwenkt er das Rauchfaß?« -- dachte er.
Die Gewänder der Geistlichen hielt er für grobe, lästig-bunte Lappen,
und wenn er auf den reichgeschmückten Priester blickte, so ärgerte er
sich, und ihn kam die Lust an, das Meßgewand zu zerreißen, die heiligen
Gefäße zu zerschlagen. Die wirklichen Gebräuche und Mysterien schienen
ihm böse Zauberei zu sein, zu dem Zwecke erfunden, das einfache Volk zu
betören, zu knechten.
»Er hat die Hostie in den Wein gebrockt,« -- dachte er böse über den
Priester, -- »ein billiges Weinchen, sie betrügen das Volk, um mehr Geld
für ihre Amtshandlungen herauszuschlagen.«
Das ewige Mysterium der Verwandlung gewöhnlichen Weines und Brotes zu
einer Kraft, welche die Fesseln des Todes bricht, war ihm für immer
verschlossen. Eine wandelnde Leiche! Eine unsinnige Verquickung seines
Unglaubens an einen lebendigen Gott und an den Sohn mit seinem Glauben
an die Zauberei!
Man ging aus der Kirche. Der Dorfschullehrer Matschigin, ein
einfältiger, junger Mann, stand neben einigen jungen Mädchen, lächelte
und plauderte flott. Peredonoff überlegte, daß es unpassend wäre, wie
sich dieser junge Mann in Gegenwart des künftigen Inspektors gehen
ließe. Matschigin trug einen Strohhut. Aber Peredonoff erinnerte sich,
ihn einmal im Sommer vor der Stadt gesehen zu haben, und damals hatte er
eine Dienstmütze mit der Kokarde getragen. Peredonoff beschloß, dies zur
Anzeige zu bringen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch der Inspektor
Bogdanoff war anwesend. Peredonoff trat auf ihn zu und sagte:
»Ihr Matschigin da trägt eine Dienstmütze mit der Kokarde. Er will den
Herren spielen.«
Bogdanoff erschrak, zitterte und sein graues Bärtchen erbebte.
»Das darf er nicht, er hat kein Recht es zu tun,« sagte er bekümmert und
zwinkerte mit den roten Aeuglein.
»Freilich hat er kein Recht dazu, und doch tut er's,« beklagte sich
Peredonoff. »Man muß sie stramm halten, ich hab es Ihnen längst gesagt.
Jeder klotzfüßige Bauer könnte sonst die Kokarde anlegen, und was sollte
dabei herauskommen.«
Bogdanoff, dem Peredonoff schon früher einen Schreck eingejagt hatte,
kam ganz aus der Fassung.
»Wie untersteht er sich nur!« sagte er weinerlich. »Ich werde ihn sofort
zitieren, sofort, und werde es ihm auf das Strengste verbieten.«
Er verabschiedete sich von Peredonoff und lief eingeschüchtert nach
Hause.
Wolodin ging neben Peredonoff und sagte mit vorwurfsvoll meckernder
Stimme:
»Er trägt eine Kokarde. Hat man schon so was gehört! Als ob er einen
Rang hätte! Es ist unerhört!«
»Auch du darfst keine Kokarde tragen,« sagte Peredonoff.
»Wenn ich es nicht darf, so tu ich es auch nicht,« entgegnete Wolodin.
»Das heißt, zuweilen trage auch ich die Kokarde, aber ich weiß doch, wo
und wann ich es tue. Wenn ich zum Beispiel vor die Stadt gehe, so lege
ich sie an. Mir macht es Vergnügen, und niemand kann es verbieten.
Treffe ich aber ein Bäuerlein, so steh ich hoch in seiner Achtung.«
»Die Kokarde paßt nicht zu deiner Schnauze,« sagte Peredonoff. »Außerdem
pack dich bitte: du hast mich mit deinen Hufen ganz bestaubt.«
Wolodin schwieg gekränkt, blieb aber an Peredonoffs Seite. Dieser sagte
besorgt:
»Auch die Rutiloffschen Göhren müßte man angeben. Die kommen nur in die
Kirche, um zu schwatzen und zu lachen. Sie schminken sich, staffieren
sich aus und gehen hin. Dabei stehlen sie Weihrauchwacholder und
fabrizieren daraus ihre Parfums, -- es riecht immer so verdächtig von
ihnen.«
»Nein! Ist es möglich!« sagte Wolodin, schüttelte den Kopf und glotzte
stumpf vor sich hin.
Ueber die Erde glitt der Schatten einer Wolke und Peredonoff fürchtete
sich. In den Staubwolken, im Winde huschte das graue, gespenstische
Tierchen. Wenn sich das Gras vor dem Winde bewegte, glaubte Peredonoff
das Tierchen liefe da durch, dann biß es ihn und verschwand wieder.
»Warum wächst das Gras auf den Straßen?« dachte er. »Das ist Unordnung.
Man muß es ausjäten.«
Der Ast eines Baumes bewegte sich, krümmte sich, wurde schwarz, krächzte
und flog auf. Peredonoff fuhr zusammen. Er schrie wild auf und lief nach
Hause. Wolodin folgte ihm ängstlich. Seine Augen quollen vor und
blickten stier. Mit der einen Hand hielt er den steifen Hut, mit der
andern fuchtelte er mit seinem Stöckchen.
* * * * *
Noch am selben Tage ließ Bogdanoff Matschigin kommen. Bevor Matschigin
in das Haus des Inspektors trat, blieb er auf der Straße stehen, den
Rücken zur Sonne gekehrt und versuchte mit den fünf Fingern das Haar zu
glätten, den eignen Schatten gewissermaßen als Spiegel benutzend.
»Junger Mann, was fällt Ihnen ein? Was tun Sie da für Sachen?« legte
Bogdanoff los.
»Worum handelt es sich, wenn ich fragen darf,« fragte Matschigin
zuvorkommend, drehte den Strohhut zwischen den Fingern und wippte mit
dem linken Bein.
Bogdanoff forderte ihn nicht auf Platz zu nehmen, denn er hatte die
Absicht, ihn gehörig vorzunehmen.
»Was ist das nur, was ist das nur, junger Mann, Sie tragen eine Kokarde?
Wie konnten Sie nur den Diensteid schwören? Was?« fragte er, sich zu
einem strengen Ton zwingend und das graue Bärtchen böse schüttelnd.
Matschigin wurde rot, antwortete aber keck:
»Was ist denn dabei? Habe ich nicht das Recht, es zu tun?«
»Sind Sie denn ein Beamter? Was? Ein Beamter?« ereiferte sich Bogdanoff.
»Ein schöner Beamter -- das! Was? Der Abc-Registrator! Was?«
»Es ist das Abzeichen meines Lehrerberufs,« sagte Matschigin keck und
lächelte plötzlich süß, weil ihm die Bedeutung seines Lehrerberufs zum
Bewußtsein kam.
»Nehmen Sie ein Stöckchen in die Hand, ein Stöckchen; da haben Sie ein
Abzeichen Ihres Berufs,« riet ihm Bogdanoff und schüttelte mißbilligend
den Kopf.
»Aber das geht doch nicht, Sergeji Potapjitsch,« sagte Matschigin mit
gekränkter Stimme, »was ist denn ein Stöckchen! Jedermann kann ein
Stöckchen tragen, die Kokarde aber fördert das Prestige.«
»Was für ein Prestige, was? Was meinen Sie eigentlich? Was für ein
Prestige?« wetterte Bogdanoff, »wozu brauchen Sie ein Prestige, was?
Sind Sie etwa jemandes Vorgesetzter?«
»Aber ich bitte Sie, Sergeji Potapjitsch,« bewies Matschigin
eindringlich, »bei der Dorfbevölkerung, die doch nur geringe Kultur
besitzt, bedeutet das eine unbedingte Zunahme der Hochachtung, -- in
diesem Jahr grüßten sie alle viel tiefer.«
Matschigin streichelte selbstgefällig sein rothaariges Schnurrbärtchen.
»Es geht nicht, junger Mann, es geht ganz und gar nicht,« sagte
Bogdanoff wehmütig und schüttelte den Kopf.
»Erlauben Sie doch, Sergeji Potapjitsch, ein Lehrer ohne Kokarde ist
dasselbe wie der britische Löwe ohne Schwanz,« versicherte Matschigin;
»einfach eine Karikatur.«
»Was tut denn der Schwanz zur Sache? Was? Was soll das mit dem Schwanz?
Was?« redete Bogdanoff aufgeregt. »Die Politik gehört nicht hierher,
was! Ist es Ihre Sache, sich um Politik zu kümmern? Was! Um
Gotteswillen, junger Mann, tun Sie mir den Gefallen und legen Sie die
Kokarde ab. Es geht einfach nicht. Es geht nicht. Gott verhüte es, daß
jemand davon erfährt.«
Matschigin zuckte die Schultern, er wollte noch etwas antworten, aber
Bogdanoff ließ ihn nicht zu Worte kommen, -- denn seiner Ansicht nach
war ihm etwas Glänzendes eingefallen.
»Sehen Sie mal, zu mir sind Sie doch ohne Kokarde gekommen, -- was! --
ohne Kokarde. Sie fühlten also selber, daß es sich nicht schickt.«
Matschigin war um eine Antwort verlegen, fand sich aber schnell und
sagte:
»Da wir Dorfschullehrer sind, so bedürfen wir auch eines Privilegiums
für das Dorf, in der Stadt zählen wir sowieso zur Intelligenz.«
»Nein, junger Mann, es geht nicht; daß Sie es wissen!« sagte Bogdanoff
ärgerlich. »Es geht nicht, und wenn ich noch einmal davon höre, so sind
Sie entlassen.«
* * * * *
Die Gruschina veranstaltete von Zeit zu Zeit kleine Abendunterhaltungen
für junge Leute. Mit der Zeit hoffte sie sich einen Mann zu angeln. Aus
Anstandsrücksichten lud sie auch ihre verheirateten Bekannten ein.
Ein solcher Abend wurde heute veranstaltet und die Gäste waren schon
früh erschienen.
Im Gastzimmer der Gruschina hingen einige Bilder an den Wänden, die mit
einem undurchsichtigen Mullstoff dicht verhängt waren. Uebrigens waren
es keineswegs unanständige Bilder. Wenn die Gruschina mit einem
verschlagenen, lüsternen Lächeln die leichten Vorhänge lüftete, konnten
die Gäste nackte Weiber bewundern, die zum Ueberfluß noch schlecht
gezeichnet waren.
»Was gibt es da zu sehen, -- ein verwachsenes Weib,« sagte Peredonoff
verdrießlich.
»Absolut nicht verwachsen,« verteidigte die Gruschina das Bild, »sie
nimmt so eine Stellung ein.«
»Sie ist verwachsen,« wiederholte Peredonoff. »Außerdem hat sie
schielende Augen, ganz so wie Sie.«
»Sie verstehen nichts von der Kunst!« sagte die Gruschina gekränkt; »es
sind ausgezeichnet teure Gemälde. Die Künstler malen das mit Vorliebe.«
Peredonoff lachte laut auf: es war ihm eingefallen, was für einen Rat er
Wladja in diesen Tagen gegeben hatte.
»Warum wiehern Sie?« fragte die Gruschina.
»Der Gymnasiast Nartanowitsch wird seiner Schwester Martha das Kleid
ansengen,« erklärte er, »ich habe es ihm geraten.«
»Warum sollte er es ansengen, er ist doch kein Dummkopf!« entgegnete die
Gruschina.
»Natürlich wird er es tun,« versicherte Peredonoff nachdrücklich!
»Geschwister zanken sich immer untereinander. Als ich jung war,
unternahm ich immer irgend etwas gegen meine Schwestern, -- die
kleineren prügelte ich und den älteren verdarb ich die Kleider.«
»Das ist nicht überall so,« sagte Rutiloff, »ich zanke mich nie mit
meinen Schwestern.«
»Was tust du denn mit ihnen, -- du küßt sie wohl?« fragte Peredonoff.
»Du bist ein Lump und ein Schwein, Ardalljon Borisowitsch. Ich werde
dich ohrfeigen,« sagte Rutiloff sehr ruhig.
»Ich kann solche Scherze nicht leiden,« antwortete Peredonoff und rückte
zur Seite.
»Er bringt es wirklich fertig, mich zu schlagen,« dachte Peredonoff. »Er
hat so ein boshaftes Gesicht.«
»Sie besitzt nur das eine schwarze Kleid,« fuhr er fort von Martha zu
erzählen.
»Die Werschina wird ihr ein neues machen lassen,« sagte Warwara mit
neidischer Bosheit. »Zur Hochzeit wird sie ihr die ganze Aussteuer
herrichten. Eine Schönheit, vor der die Pferde scheu werden,« murmelte
sie leise und blickte schadenfroh auf Murin.
»Auch für Sie ist es höchste Zeit, Hochzeit zu machen,« sagte die
Prepolowenskaja. »Worauf warten Sie noch, Ardalljon Borisowitsch?«
Das Ehepaar Prepolowenskaja hatte schon eingesehen, daß Peredonoff nach
dem zweiten Brief fest entschlossen war, Warwara zu heiraten. Sie selber
aber glaubten an die Echtheit des Briefs und behaupteten, daß sie immer
auf Warwaras Seite gestanden hätten. Es hatte für sie keinen Zweck, sich
mit Peredonoff zu entzweien, -- denn es war vorteilhaft, mit ihm Karten
zu spielen. Und Genja, da war nichts zu machen, mußte eben warten, --
bis sich ein anderer Freier finden würde.
»Natürlich müssen Sie sich trauen lassen,« sagte Prepolowenskji, »das
ist ein gutes Werk und wird der Fürstin gefallen. Es wird der Fürstin
angenehm sein, wenn Sie heiraten, und das wird ihr auch gefallen,
sintemal Sie ein gutes Werk verrichten, und dann ist alles in Ordnung.
Und -- man nehme die Sache wie man will -- es ist immer ein gutes Werk
und wird der Fürstin gefallen.«
»Ich bin ganz derselben Meinung,« sagte die Prepolowenskaja.
Prepolowenskji war ins Reden hereingekommen und konnte nicht an sich
halten, weil er aber bemerkte, daß alle nach und nach von ihm
fortgegangen waren, setzte er sich neben einen jungen Beamten und
erklärte ihm dieselbe Sache.
»Ich bin entschlossen, mich trauen zu lassen,« sagte Peredonoff, »wir
wissen nur beide nicht, wie das anzufangen ist. Etwas muß doch
geschehen, ich weiß nur nicht was.«
»Da ist nichts besonders dabei,« sagte die Prepolowenskaja, »wollen Sie,
ich und mein Mann werden Ihnen alles einrichten. Sie brauchen sich um
gar nichts zu kümmern.«
»Gut,« sagte Peredonoff, »ich bin einverstanden. Es muß nur alles
reichlich und anständig eingerichtet werden. Ums Geld soll es mir nicht
leid tun.«
»Seien Sie unbesorgt, Sie werden zufrieden sein,« sagte die
Prepolowenskaja.
Peredonoff fuhr fort, Bedingungen zu stellen:
»Manche Leute kaufen aus Geiz schmale, silbervergoldete Ringe, ich will
das aber nicht, es müssen echt goldene sein. Und ich möchte sogar statt
der Trauringe Trauarmbänder bestellen, -- denn das ist teurer und
vornehmer.«
Alle lachten.
»Armbänder gehen nicht,« sagte die Prepolowenskaja flüchtig lächelnd,
»es müssen Ringe sein.«
»Warum denn?« fragte Peredonoff geärgert.
»Man tut es eben nicht.«
»Man tut es vielleicht doch,« sagte Peredonoff ungläubig. »Ich werde den
Popen fragen. Der muß es besser wissen.«
Rutiloff kicherte und gab den Rat:
»Bestell dir doch Traugürtel, Ardalljon Borisowitsch.«
»So viel Geld habe ich doch nicht,« antwortete Peredonoff und merkte
nicht, daß man sich über ihn lustig machte. »Ich bin kein Bankier. Ich
träumte bloß vor einiger Zeit, daß ich in einem Atlasfrack getraut
wurde, und wir beide trugen goldene Armbänder. Und hinter uns standen
zwei Schuldirektoren, die hielten die Kränze über uns und sangen
Halleluja.«
»Ich habe heute auch etwas Interessantes geträumt,« erklärte Wolodin,
»ich weiß nur nicht, was es bedeuten soll. Ich saß auf einem Thron und
hatte eine Krone auf dem Kopf, vor mir wuchs aber Gras, und im Grase
weideten Lämmer, lauter Lämmer, lauter Lämmer, bäh--bäh--bäh. Und die
Lämmer gingen hin und her, schüttelten so mit den Köpfen und machten
immerzu: bäh--bäh--bäh.«
Wolodin ging durch die Zimmer, schüttelte den Kopf, warf die Lippen auf
und meckerte. Die Gäste lachten. Wolodin setzte sich wieder, blickte
alle fromm an, zwinkerte vor Vergnügen mit den Augen und lachte, wie er
es immer tat, mit seiner blökenden, schafsähnlichen Stimme.
»Nun, und was weiter?« fragte die Gruschina und zwinkerte ihren Gästen
zu.
»Nun, es waren eben lauter Lämmer, lauter Lämmer, und ich wachte auf,«
schloß Wolodin.
»Ein Schaf hat die Träume eines Schafes,« brummte Peredonoff, »ein
gefundenes Fressen für dich: Hammelkönig.«
»Ich aber hatte einen Traum,« sagte Warwara mit einem schmutzigen
Lächeln auf den Lippen, »der läßt sich in Gegenwart von Herren nicht
erzählen; -- Ihnen allein will ich ihn erzählen.«
»O, liebste Warwara Dmitriewna, das ist ja ganz mein Fall,« antwortete
die Gruschina, lächelte und zwinkerte allen zu.
»Erzählen Sie ungeniert,« sagte Rutiloff, »wir sind bescheidne Leute,
genau so wie Damen.«
Auch die übrigen, anwesenden Herren bestürmten Warwara und die
Gruschina, sie sollten erzählen; die beiden aber sahen einander an,
lachten gemein und erzählten nichts.
Man setzte sich an die Kartentische. Rutiloff versicherte allen, daß
Peredonoff vortrefflich spiele. Peredonoff selber glaubte es. Aber
heute, wie auch sonst immer, verlor er, Rutiloff dagegen gewann. Darüber
war er sichtlich erfreut und redete lebhafter als gewöhnlich.
Das graue, gespenstische Tierchen quälte Peredonoff. Es versteckte sich
irgendwo ganz in seiner Nähe, guckte zuweilen vor, entweder unter dem
Tisch oder hinter dem Rücken eines der Anwesenden und versteckte sich
wieder. Es schien, als erwartete es irgend etwas. Es war schrecklich.
Sogar vor den Bildern auf den Karten fürchtete sich Peredonoff. Die
Damen immer zu zweit nebeneinander.
Wo ist denn die dritte? -- dachte er.
Stumpfsinnig betrachtete er die Pik-Dame und drehte die Karte um, --
denn die dritte konnte sich vielleicht hinter dem Hemd versteckt haben.
Rutiloff sagte:
»Ardalljon Borisowitsch guckt seiner Dame hinters Hemd.«
Alle lachten laut.
Zwei ganz junge Polizeibeamte saßen etwas abseits und spielten
Schwarzen-Peter. Das Spiel ging rasch vor sich. Der Gewinnende lachte
vor Freude und zeigte seinem Partner eine lange Nase. Dieser aber
ärgerte sich.
Es roch nach warmen Speisen. Die Gruschina bat ihre Gäste in das
Eßzimmer. Alle gingen hinüber, stießen einander und genierten sich.
Irgendwie nahm man Platz.
»Essen Sie, meine Herrschaften,« bewirtete die Gruschina, »essen Sie,
meine Freunde, schlagen Sie sich die Bäuchlein voll, bis zum Halse
hinauf.«
»Es gereicht der Wirtin zur Ehre, wenn ihre Pirogge gegessen wird,« rief
Murin fröhlich.
Der Anblick der Schnapsflaschen tat ihm wohl; auch freute er sich, daß
er im Spiel gewonnen hatte.
Eifriger als alle andern aßen Wolodin und zwei junge Beamte, -- sie
suchten sich die besten und größten Stücke aus und verschlangen den
Kaviar mit wahrem Heißhunger. Die Gruschina lachte gezwungen und sagte:
»Pawel Iwanowitsch ist betrunken und hat doch scharfe Augen. Er läßt das
Brot liegen und macht sich an die Pastete.«
Als hätte sie für ihn den Kaviar gekauft! Und unter dem Vorwand, sie
müsse die Damen mit diesen schönen Sachen bewirten, stellte sie sie
recht weit von ihm fort. Wolodin aber ließ sich die Laune nicht
verderben und begnügte sich mit dem, was man ihm gelassen hatte: er
hatte sich beeilt, gleich im Anfang recht viel vom Allerbesten zu essen,
so daß ihm jetzt alles gleich sein konnte.
Peredonoff blickte auf die Kauenden, und es schien ihm, daß alle über
ihn lachten. Warum denn? Worüber denn? Wütend aß er alles, was ihm
gerade unter die Finger kam; er aß unappetitlich und gierig.
Nach dem Essen wurde wieder gespielt. Doch bald wurde es Peredonoff
langweilig. Er warf die Karten auf den Tisch und sagte:
»Daß euch der Teufel hole! Ich habe kein Glück! Wie langweilig! Warwara,
komm, -- wir gehen nach Hause.«
Gleichzeitig mit ihm erhoben sich auch die andern.
Im Vorhaus bemerkte Wolodin, daß Peredonoff einen neuen Spazierstock
hatte. Er betrachtete ihn grinsend von allen Seiten und fragte:
»Ardascha, warum sind denn die Finger hier zur Faust geballt? Was
bedeutet das?«
Peredonoff nahm ihm ärgerlich den Stock aus den Händen, hielt den Griff,
der eine aus Ebenholz geschnitzte Faust darstellte, an Wolodins Nase und
sagte:
»Du verdientest eine saftige Ohrfeige.«
Wolodin machte ein gekränktes Gesicht.
»Mit Verlaub, Ardalljon Borisowitsch,« sagte er, »ich pflege Brot mit
Saft zu essen, keineswegs aber Ohrfeigen mit Saft.«
Peredonoff hörte nicht auf ihn, wickelte sich den Schal vorsorglich um
den Hals und knöpfte seinen Mantel fest zu. Rutiloff sagte lachend:
»Warum packst du dich so ein, Ardalljon Borisowitsch? Es ist doch warm.«
»Gesundheit geht über alles,« antwortete Peredonoff.
Auf der Straße war es still; die Straße hatte sich zur Nacht gleichsam
niedergelegt und schien ganz leise zu schnarchen. Es war dunkel, feucht
und traurig. Am Himmel zogen schwere Wolken. Peredonoff brummte:
»Die Dunkelheit! und wozu?«
Er fürchtete sich nicht, denn er ging mit Warwara und nicht allein.
Bald darauf fing es an zu regnen, ein feiner, rascher, anhaltender
Regen. Alles war still geworden, und nur der Regen murmelte irgend
etwas, zudringlich und schnell, als verschlucke er sich daran, --
undeutliche, traurige und langweilige Sachen.
Peredonoff fühlte in der Natur die Spiegelung seiner eignen Traurigkeit,
seiner Furcht, unter der Larve ihrer Feindseligkeit zu ihm, aber für
jenes innere Leben der ganzen Natur, das einer äußerlichen Bestimmung
nicht unterliegen kann, für jenes Leben, das allein imstande ist, eine
tiefe, unantastbare, aufrichtige Wechselbeziehung zwischen dem Menschen
und der Natur herzustellen, für dieses Leben hatte er kein Gefühl. Darum
erschien ihm auch die Natur ganz durchdrungen von kleinlichen,
menschlichen Gefühlen. Verblendet durch Selbsttäuschungen, durch seine
verschlossene Lebensführung, hatte er kein Verständnis für das
dionysische, elementare Entzücken, das sich an der Natur berauscht, sie
einsaugt. Er war blind und jämmerlich, wie es viele von uns sind.