Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam
ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch.
Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte:
»Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen
Brief.«
Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Gläschen Schnaps
sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:
»Kommen Sie herein, Briefträger!«
Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er
nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein
Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach.
Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich
ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige,
finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war.
»Eine schlechte Vorbedeutung,« dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in
der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich.
Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.
»Für Sie,« sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas
auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging.
Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet
Peredonoff.
»Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,« sagte sie
schmunzelnd, »sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber
eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.«
Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den
Brief. Dann sprang er auf und brüllte:
»Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra,
Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!«
Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot,
seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine
merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu.
Er rief:
»Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!«
Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch
herum und stampfte.
»Den Russischen!« rief er.
Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff
hockte nieder und tanzte vor ihr her.
Wolodin trat ein und blökte fröhlich:
»Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu
versuchen.«
»Tanz, Pawluschka!« rief Peredonoff.
Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend:
»Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will
unterhalten sein!«
Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte
flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er
auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie
vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden
dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten
Tänzer zu haben.
Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja
fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier,
zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte
einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, --
Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.
Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen
den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte großen Eindruck. Man besah
ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus.
»Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!« sagte Peredonoff. »Ich
selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.«
In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der
Fürstin!
Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig
und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein
Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe,
-- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.
* * * * *
Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem
Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte
sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf
erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden
traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie
in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im
Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete
Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen.
In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit
Brauttüchern bekleidet.
Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur
wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen
bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß,
wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen
müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese
merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte
schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, --
schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher.
Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie
gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder
umfingen sie Träume.
War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und
schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas
merkwürdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das
zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha
versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, --
und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und
her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha
Angst hatte.
Eine laute Unterhaltung weckte sie.
In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina.
Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten
nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das
Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu
sein?
»Sie haben sozusagen geschlummert,« sagte ihr Peredonoff, »Sie haben aus
vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.«
Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an
dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was
komisch sein sollte.
»Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,« fuhr Peredonoff fort.
»Warum denn?« fragte Martha.
»Weil Sie so >laut< schnarchen.«
Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:
»Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.«
»Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu
erfahren,« sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um
die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was
denn? zu verkleiden.
»Raten Sie,« sagte Peredonoff düster, triumphierend.
»Wie soll ich es erraten,« antwortete die Werschina. »Sagen Sie es
einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.«
Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und
saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte
starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei
bleckte sie ihre gelben Zähne.
»Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,« sagte sie nach kurzem
Stillschweigen, »ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen.
Martha, holen Sie geschwind die Karten.«
Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück.
»Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie
sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie
mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie
werden die Mäuler aufsperren.«
Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte
Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus
der Hand zu geben.
»Sehen Sie,« sagte er, »hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.«
Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen
blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina
schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte
mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas
Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen
und sagte:
»Nun, -- es ist Ihr Glück.«
Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht
und lächelte fassungslos.
»Hab' ich's gewonnen?« sagte Peredonoff schadenfroh. »Sie hielten mich
für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie
redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre
Richtigkeit.«
Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut,
-- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig
gleichgültig, als wäre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos für seine
eigenen Angelegenheiten.
Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke.
»Was sehen Sie einander so an!« sagte Peredonoff grob, »da gibt es
nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele
junge Dämchen haben mir nachgestellt.«
Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh,
daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem,
herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In
der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, -- da wurde sie
noch fröhlicher und vergnügter.
»Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,« sagte sie lebhaft mit
gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.
Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete
sich plötzlich.
»Ich habe keine Zeit,« sagte er, »ich muß heiraten, und nicht etwa
Bastschuhe flechten.«
Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und
verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht:
immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß
Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet.
Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.
Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel.
* * * * *
Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette
anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer
Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.
»Wieder so ein Spitzel,« dachte er, »die suchen nur, wo sie einem am
Zeuge flicken können.«
Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann
heran und fragte schüchtern:
»Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?«
Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich
zuvorkommend:
»Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?«
»Ein Zigarettchen,« erklärte Peredonoff, »ich meine: ist es erlaubt, ein
Zigarettchen zu rauchen?«
»Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,« antwortete der
Schutzmann ausweichend.
»Wirklich nicht?« fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang
traurig.
»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen,
Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche
Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.«
»Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,« sagte Peredonoff
unterwürfig. »Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar
die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.«
Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der
Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt,
ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd
nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über
den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder
friedlich an seinen Sonnenblumensamen.
»Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,« murmelte Peredonoff.
Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich
wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten
zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein
Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne
Hoffnung.
Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch.
An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf
Peredonoff.
Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes
Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn
düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und
plötzlich verschwunden war.
»Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,« dachte er. -- »Woher
sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er
meckert oder lacht.«
Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte,
was Wolodin erzählte.
»Warum schlägst du aus, Pawluschka,« fragte er traurig.
Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete:
»Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte
ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich,
mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit
den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu
bemerken, nur die Pferdchen.«
»Du stößt vielleicht mit Hörnern,« brummte Peredonoff.
Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme:
»Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es
ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.«
»Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,« sagte
Peredonoff böse.
»Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete
Wolodin eifrig, »so kann ich auch schweigen.«
Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem
blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag
gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können:
man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief,
eingeladen.
Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon
im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, --
denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe.
Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn
kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun.
Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich
aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus
gelaufen und schrie:
»Der Kater ist wieder da!«
Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie
gewöhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse über einem
grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen;
das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie:
»Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam
irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der
Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er
unter dem Sofa und will nicht heraus.«
Peredonoff zitterte.
»Was soll man da tun?« fragte er.
»Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,« bat Warwara, »stochern Sie ihn unter
dem Sofa heraus.«
»Wird besorgt, wird besorgt,« kicherte Wolodin und ging in den Saal.
Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen
vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den
Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche.
Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte
sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen
auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander
geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich.
Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt
als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn
aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete
scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn
niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte,
sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines
Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und
von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.
»Warum trägst du ihn immer bei dir?« fragte Rutiloff zuweilen lachend.
»Für alle Fälle,« erklärte Peredonoff finster, »wer kennt sich aus! Ihr
stehlt ihn noch.«
»Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,« sagte Rutiloff, lachte
und klopfte Peredonoff auf die Schulter.
Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige
Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als
gewöhnlich. Oft prahlte er:
»Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei
Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!«
Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle
antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal
versprochen:
»Ich werde dich schon herausreißen, Freund!«
Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher
Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.