XXI

Peredonoff und Warwara aßen zu Mittag. Es war ein Sonntag. Jemand kam

ins Vorhaus. Warwara schlich an die Tür und guckte durchs Schlüsselloch.

Ganz leise kehrte sie wieder auf ihren Platz und flüsterte:

»Der Briefträger. Man muß ihm einen Schnaps geben; er hat wieder einen

Brief.«

Peredonoff nickte schweigend, -- wahrhaftig -- um ein Gläschen Schnaps

sollte es ihm nicht leid tun. Warwara rief:

»Kommen Sie herein, Briefträger!«

Er kam ins Eßzimmer, wühlte in seiner Tasche und tat so, als suchte er

nach einem Brief. Warwara goß Schnaps in ein großes Glas und schnitt ein

Stück von der Pastete ab. Der Briefträger schielte gierig danach.

Peredonoff überlegte unterdessen, wem dieser Mensch so außerordentlich

ähnlich sähe. Endlich fiel es ihm ein, -- es war ja derselbe rothaarige,

finnige Kerl, der ihm neulich noch über den Weg gelaufen war.

»Eine schlechte Vorbedeutung,« dachte Peredonoff. Er ballte die Faust in

der Tasche und drohte dem Briefträger heimlich.

Dieser hatte unterdessen den Brief gefunden und gab ihn Warwara.

»Für Sie,« sagte er ehrerbietig, dankte für den Schnaps, leerte das Glas

auf einen Zug, räusperte sich, nahm das Stück Pastete und ging.

Warwara drehte den Brief in ihren Händen und reichte ihn dann ungeöffnet

Peredonoff.

»Lies; ich glaube, er ist wieder von der Fürstin,« sagte sie

schmunzelnd, »sie ist ins Schreiben reingekommen. Würde sie dir lieber

eine Stelle verschaffen, statt zu schreiben.«

Peredonoffs Hände zitterten. Er zerriß den Umschlag und überflog den

Brief. Dann sprang er auf und brüllte:

»Hurra! Drei Stellen sind vakant, ich brauche nur zu wählen. Hurra,

Warwara, wir haben das Spiel gewonnen!«

Er tanzte und drehte sich ausgelassen im Zimmer. Sein Gesicht war rot,

seine Augen blickten stumpfsinnig, und es schien, als drehe sich da eine

merkwürdig große, aufgezogene Puppe. Warwara schmunzelte und sah ihm zu.

Er rief:

»Nun kann's losgehen, -- wir machen Hochzeit!«

Er packte Warwara an den Schultern, drehte sich mit ihr um den Tisch

herum und stampfte.

»Den Russischen!« rief er.

Warwara stemmte die Arme in die Seiten und segelte los. Peredonoff

hockte nieder und tanzte vor ihr her.

Wolodin trat ein und blökte fröhlich:

»Der Herr Inspektor _in spe_ beliebt sich im Nationaltanze zu

versuchen.«

»Tanz, Pawluschka!« rief Peredonoff.

Klawdja stand an der Tür und sah zu. Wolodin rief laut lachend:

»Tanz, Klawdjuschka! Alle sollen tanzen! Der Herr Inspektor will

unterhalten sein!«

Klawdja bewegte kokett die Schultern und quiekte laut. Wolodin tanzte

flott vor ihr her, -- bald hockte er nieder, drehte sich, bald sprang er

auf und klatschte in die Hände. Besonders fein gelang es ihm, die Knie

vorzuwerfen und unter dem Knie in die Hände zu klatschen. Der Fußboden

dröhnte unter seinen Absätzen. Klawdja freute sich einen so geschickten

Tänzer zu haben.

Man war müde geworden und setzte sich an den Tisch, während Klawdja

fröhlich lachend in die Küche lief. Man trank Schnaps und Bier,

zerschlug Gläser und Flaschen, schrie, lachte, küßte und umarmte

einander. Dann liefen Peredonoff und Wolodin in den Sommergarten, --

Peredonoff wollte mit seinem Briefe prahlen.

Im Billardzimmer waren einige bekannte Herren. Peredonoff zeigte ihnen

den Brief. Ohne Zweifel -- der Brief machte großen Eindruck. Man besah

ihn voller Ehrfurcht. Rutiloff wurde blaß, murmelte etwas und spie aus.

»Ich war dabei, als ihn der Briefträger brachte!« sagte Peredonoff. »Ich

selber habe ihn geöffnet. Ein Betrug ist also ganz ausgeschlossen.«

In stummer Ehrfurcht sahen ihn die Freunde an. Ein Brief von der

Fürstin!

Aus dem Sommergarten ging Peredonoff zur Werschina. Er ging gleichmäßig

und schnell, schlenkerte mit den Armen und brummte vor sich hin; sein

Gesicht war ganz ausdruckslos, -- so ausdruckslos wie das einer Puppe,

-- nur in seinen Augen glimmte ein gieriges, halberloschenes Feuer.

* * * * *

Der Tag war heiß und klar. Martha saß in der Laube und strickte an einem

Strumpf. Unklare, gottesfürchtige Gedanken bewegten sie. Zuerst mußte

sie an ihre Sünden denken, dann aber richtete sich ihr Sinn auf

erfreulichere Dinge, und sie gedachte der Tugenden; ihre Gedanken wurden

traumhaft, nahmen Gestalt an, und in dem Maße, als die Möglichkeit sie

in Worte zu fassen abnahm, nahmen sie an klaren, plastischen Linien im

Traumgebilde zu. Die Tugenden erschienen ihr als große, weißgekleidete

Puppen, die schön und glänzend waren, und ihr Belohnungen versprachen.

In den Händen hielten sie klappernde Schlüsselbünde; sie waren mit

Brauttüchern bekleidet.

Eine dieser Gestalten war besonders auffallend und glich den andern nur

wenig. Sie versprach nichts, blickte vorwurfsvoll, und ihre Lippen

bewegten sich, als stießen sie lautlose Drohungen aus; es schien, daß,

wenn sie ein Wort aussprechen würde, etwas Schreckliches geschehen

müßte. Martha erriet, daß diese Gestalt das Gewissen war. Diese

merkwürdige, unheimliche Besucherin war ganz in Schwarz gekleidet, hatte

schwarze Augen, schwarzes Haar, -- und nun begann sie zu sprechen, --

schnell, abgerissen, deutlich. Sie wurde der Werschina immer ähnlicher.

Martha gab sich einen Ruck, antwortete irgend etwas auf die an sie

gerichtete Frage, antwortete noch ganz im Halbschlaf -- und wieder

umfingen sie Träume.

War es nun das Gewissen oder die Werschina, die ihr gegenüber saß und

schnell, deutlich, aber doch unverständlich erzählte und an etwas

merkwürdig Duftendem rauchte, -- dieses entschlossene, ruhige Wesen, das

zu erwarten schien, daß alles nach ihrem Willen geschähe? Martha

versuchte, ihr gerade in die Augen zu blicken, konnte es aber nicht, --

und jene lächelte eigentümlich, murmelte, und ihre Augen liefen hin und

her und schienen entfernte, unbekannte Dinge zu suchen, vor denen Martha

Angst hatte.

Eine laute Unterhaltung weckte sie.

In der Laube stand Peredonoff und begrüßte sich laut mit der Werschina.

Martha blickte erschrocken auf. Ihr Herz klopfte, die Augen wollten

nicht recht aufgehen, und ihre Gedanken verwirrten sich. Wo war das

Gewissen geblieben? Oder war es nicht da? Hatte es überhaupt nicht da zu

sein?

»Sie haben sozusagen geschlummert,« sagte ihr Peredonoff, »Sie haben aus

vollen Nüstern geschnarcht. Sie sind eine Schnarre.«

Martha verstand diesen Kalauer nicht, lächelte aber, denn sie hatte an

dem Lächeln der Werschina gemerkt, daß von etwas gesprochen wurde, was

komisch sein sollte.

»Man müßte Sie Lotte nennen und nicht Martha,« fuhr Peredonoff fort.

»Warum denn?« fragte Martha.

»Weil Sie so >laut< schnarchen.«

Peredonoff setzte sich auf die Bank neben Martha und sagte:

»Ich weiß eine Neuigkeit, etwas sehr Wichtiges.«

»Was für eine Neuigkeit? Wir werden uns freuen, näheres darüber zu

erfahren,« sagte die Werschina, und Martha beneidete sie im stillen um

die vielen Worte, die sie gefunden hatte, um die einfache Frage: was

denn? zu verkleiden.

»Raten Sie,« sagte Peredonoff düster, triumphierend.

»Wie soll ich es erraten,« antwortete die Werschina. »Sagen Sie es

einfach, und wir werden Ihre Neuigkeit wissen.«

Peredonoff war es unangenehm, daß man nicht raten wollte. Er schwieg und

saß stumpf und schwerfällig da, in ungeschickter Haltung, und blickte

starr vor sich nieder. Die Werschina rauchte und lächelte schief, dabei

bleckte sie ihre gelben Zähne.

»Warum sollten wir Ihre Neuigkeit erraten,« sagte sie nach kurzem

Stillschweigen, »ich werde Ihnen lieber aus den Karten wahrsagen.

Martha, holen Sie geschwind die Karten.«

Martha erhob sich, aber Peredonoff hielt sie böse zurück.

»Bleiben Sie sitzen. Es ist nicht nötig. Ich will nicht. Wahrsagen Sie

sich selber und lassen Sie mich in Ruh'. Auf Ihren Leisten werden Sie

mich doch nicht umschlagen. Na -- ich werde Ihnen eine Sache zeigen! Sie

werden die Mäuler aufsperren.«

Peredonoff nahm rasch aus seiner Rocktasche seine Brieftasche, holte

Brief und Umschlag hervor und zeigte beides der Werschina ohne es aus

der Hand zu geben.

»Sehen Sie,« sagte er, »hier ist das Kuvert. Und das ist der Brief.«

Er entfaltete den Brief und las ihn langsam vor. Aus seinen Augen

blickte eine stumpfsinnige Freude befriedigter Bosheit. Die Werschina

schäumte. Bis zum letzten Augenblick hatte sie nicht an die Geschichte

mit der Fürstin geglaubt, und nun mußte sie einsehen, daß Marthas

Angelegenheit endgültig verspielt war. Sie lächelte schief und gezwungen

und sagte:

»Nun, -- es ist Ihr Glück.«

Martha saß da, mit einem erstaunten, erschreckten Ausdruck im Gesicht

und lächelte fassungslos.

»Hab' ich's gewonnen?« sagte Peredonoff schadenfroh. »Sie hielten mich

für einen Idioten, nun erweist es sich, daß ich der Klügere war. Sie

redeten z. B. vom Kuvert, -- da ist es. Nein, nein -- die Sache hat ihre

Richtigkeit.«

Er klopfte mit der Faust auf den Tisch, nicht zu stark und nicht laut,

-- und seine Bewegung und der Klang seiner Worte waren so merkwürdig

gleichgültig, als wäre er ein Fremder -- und ganz teilnahmlos für seine

eigenen Angelegenheiten.

Die Werschina und Martha wechselten spöttisch-verlegene Blicke.

»Was sehen Sie einander so an!« sagte Peredonoff grob, »da gibt es

nichts zu sehn: es ist alles in Ordnung, ich heirate Warwara. Viele

junge Dämchen haben mir nachgestellt.«

Die Werschina schickte Martha nach Zigaretten, -- und Martha war froh,

daß sie fort konnte. Als sie über die Kieswege lief, die mit buntem,

herbstlichen Laub bedeckt waren, wurde ihr froh und leicht ums Herz. In

der Nähe des Hauses traf sie Wladja, der barfuß ging, -- da wurde sie

noch fröhlicher und vergnügter.

»Er heiratet Warwara, jetzt ist es sicher,« sagte sie lebhaft mit

gedämpfter Stimme und zog den Bruder in den Flur des Hauses.

Peredonoff aber, ohne auf Marthas Rückkehr zu warten, verabschiedete

sich plötzlich.

»Ich habe keine Zeit,« sagte er, »ich muß heiraten, und nicht etwa

Bastschuhe flechten.«

Die Werschina forderte ihn nicht einmal auf, zu bleiben und

verabschiedete sich sehr kühl. Sie war außerordentlich aufgebracht:

immerhin war doch bis zuletzt ein Schimmer von Hoffnung geblieben, daß

Peredonoff Martha nehmen würde. In dem Falle hätte sie Murin geheiratet.

Nun gab es aber nichts mehr zu hoffen.

Martha mußte es büßen! An diesem Tage weinte sie viel.

* * * * *

Als Peredonoff aus dem Garten trat, wollte er sich eine Zigarette

anstecken. Plötzlich sah er einen Schutzmann, -- der stand an einer

Straßenecke und knackte Sonnenblumensamen. Peredonoff wurde traurig.

»Wieder so ein Spitzel,« dachte er, »die suchen nur, wo sie einem am

Zeuge flicken können.«

Er wagte es nicht, die Zigarette anzustecken, trat an den Schutzmann

heran und fragte schüchtern:

»Herr Schutzmann, wenn ich fragen darf -- ist das Rauchen hier erlaubt?«

Der Schutzmann grüßte mit der Hand an der Mütze und erkundigte sich

zuvorkommend:

»Das heißt, Euer Hochwohlgeboren, wie meinen Sie das?«

»Ein Zigarettchen,« erklärte Peredonoff, »ich meine: ist es erlaubt, ein

Zigarettchen zu rauchen?«

»Diesbezüglich haben wir keinerlei Vorschriften,« antwortete der

Schutzmann ausweichend.

»Wirklich nicht?« fragte Peredonoff eindringlich und seine Stimme klang

traurig.

»Nein, Euer Hochwohlgeboren. Soll heißen, es ist nicht befohlen,

Herrschaften, welche rauchen, aufzuhalten, und daß eine diesbezügliche

Vorschrift erlassen wäre, ist mir unbekannt.«

»Falls dem so ist, laß ich es lieber bleiben,« sagte Peredonoff

unterwürfig. »Ich bin durchaus politisch unverdächtig. Ich werfe sogar

die Zigarette fort. Ich bin nämlich Staatsrat.«

Peredonoff zerknitterte die Zigarette, warf sie fort und in der

Befürchtung, er hätte vielleicht doch ein überflüssiges Wort gesagt,

ging er schnell nach Hause. Der Schutzmann blickte ihm kopfschüttelnd

nach, endlich kam er zu der Ueberzeugung, der Herr hätte wohl eins über

den Durst getrunken; dabei beruhigte er sich und knackte wieder

friedlich an seinen Sonnenblumensamen.

»Die Straße hat sich auf den Kopf gestellt,« murmelte Peredonoff.

Die Straße führte bergan auf einen kleinen Hügel, dann senkte sie sich

wieder und diese Biegung der Straße zwischen zwei kleinen Hütten

zeichnete sich scharf ab vom blauen, traurigen Abendhimmel. Es war ein

Armeleuteviertel, das in sich versunken schien, traurig und ganz ohne

Hoffnung.

Die Aeste der Bäume hingen tief über die Zäune, drohend und spöttisch.

An einem Kreuzweg stand ein Ziegenbock und stierte stumpf auf

Peredonoff.

Plötzlich erschallte hinter einer Straßenecke Wolodins meckerndes

Gelächter, er trat vor, um Peredonoff zu begrüßen. Dieser blickte ihn

düster an und dachte an den Bock, der eben noch da gestanden und

plötzlich verschwunden war.

»Natürlich verwandelt sich Wolodin in einen Bock,« dachte er. -- »Woher

sonst die Aehnlichkeit, und außerdem kann man nicht unterscheiden, ob er

meckert oder lacht.«

Diese Gedanken beschäftigten ihn so sehr, daß er gar nicht darauf hörte,

was Wolodin erzählte.

»Warum schlägst du aus, Pawluschka,« fragte er traurig.

Wolodin wies die Zähne, meckerte und antwortete:

»Ich schlage keineswegs aus, Ardalljon Borisowitsch, vielmehr begrüßte

ich Sie mit einem Handschlag. Vielleicht ist es in Ihrer Heimat üblich,

mit den Händen auszuschlagen, bei mir zu Hause indes tut man das nur mit

den Füßen; aber die Menschen tun es nicht, sondern mit Verlaub zu

bemerken, nur die Pferdchen.«

»Du stößt vielleicht mit Hörnern,« brummte Peredonoff.

Wolodin fühlte sich gekränkt und sagte mit zitternder Stimme:

»Noch sind mir keine Hörner gewachsen, Ardalljon Borisowitsch; aber es

ist möglich, daß Ihnen früher als mir Hörner wachsen werden.«

»Du hast eine lange Zunge und schwatzt immer drauf los,« sagte

Peredonoff böse.

»Wenn Sie das zu meinen belieben, Ardalljon Borisowitsch,« entgegnete

Wolodin eifrig, »so kann ich auch schweigen.«

Er trug eine gekränkte Miene zur Schau und warf die Lippe auf: trotzdem

blieb er an Peredonoffs Seite, denn er hatte noch nicht zu Mittag

gespeist und rechnete darauf, sich bei Peredonoff sattessen zu können:

man hatte ihn nämlich am Morgen, in der ersten Freude über den Brief,

eingeladen.

Zu Hause wurde Peredonoff mit einer wichtigen Neuigkeit erwartet. Schon

im Vorhause merkte man, daß etwas Außergewöhnliches vorgefallen war, --

denn in den Zimmern hörte man ein Hin und Her und erschreckte Ausrufe.

Peredonoff glaubte, das Essen wäre noch nicht gerichtet: man hätte ihn

kommen sehn, wäre erschrocken über die Verzögerung und beeilte sich nun.

Es berührte ihn angenehm, daß man sich vor ihm fürchtete. Es erwies sich

aber, daß etwas anderes geschehen war. Warwara kam in das Vorhaus

gelaufen und schrie:

»Der Kater ist wieder da!«

Vor lauter Schrecken hatte sie Wolodin nicht gleich bemerkt. Sie war wie

gewöhnlich unordentlich gekleidet: -- eine fleckige Bluse über einem

grauen, unsauberen Rock, breitgetretene Pantoffeln an den bloßen Füßen;

das Haar zerzaust und schlecht gekämmt. Aufgeregt erzählte sie:

»Oh diese Irischka! Aus purer Bosheit hat sie das getan. Wieder kam

irgend ein Knabe gelaufen und warf den Kater mitten ins Zimmer, und der

Kater hat Schellen am Schwanz, -- die bimmeln und lärmen. Jetzt ist er

unter dem Sofa und will nicht heraus.«

Peredonoff zitterte.

»Was soll man da tun?« fragte er.

»Helfen Sie, Pawel Wassiljewitsch,« bat Warwara, »stochern Sie ihn unter

dem Sofa heraus.«

»Wird besorgt, wird besorgt,« kicherte Wolodin und ging in den Saal.

Der Kater wurde irgendwie hervorgezerrt und man nahm ihm die Schellen

vom Schwanz. Peredonoff suchte nach Kletten und machte sich daran den

Kater damit zu bewerfen. Dieser fauchte wütend und lief in die Küche.

Peredonoff war müde geworden von der Spielerei mit dem Kater und setzte

sich in den Sessel, wie er es gewöhnlich zu tun pflegte: die Ellbogen

auf die Armlehnen gestützt, die Hände gefaltet, die Beine übereinander

geschlagen, das Gesicht verdrießlich und unbeweglich.

Den zweiten Brief der Fürstin bewahrte Peredonoff mit größerer Sorgfalt

als den ersten: er trug ihn stets bei sich im Portefeuille, zeigte ihn

aber jedermann und setzte dann eine geheimnisvolle Miene auf. Er achtete

scharf darauf, daß keiner ihm den Brief entwenden konnte, gab ihn

niemandem in die Hand und verwahrte ihn, wenn er ihn gezeigt hatte,

sorgfältig in seinem Portefeuille, das er in eine Seitentasche seines

Rockes steckte, den er dann fest zuknöpfte. Dabei blickte er streng und

von oben herab auf die Leute, mit denen er sprach.

»Warum trägst du ihn immer bei dir?« fragte Rutiloff zuweilen lachend.

»Für alle Fälle,« erklärte Peredonoff finster, »wer kennt sich aus! Ihr

stehlt ihn noch.«

»Du tust genau so, als lebten wir in Sibirien,« sagte Rutiloff, lachte

und klopfte Peredonoff auf die Schulter.

Peredonoff aber bewahrte seine durch nichts zu störende, hochmütige

Ruhe. Ueberhaupt war er in der letzten Zeit aufgeblasener als

gewöhnlich. Oft prahlte er:

»Nun werde ich Inspektor. Ihr könnt hier versauern; ich aber werde zwei

Bezirke unter mir haben. Vielleicht auch drei. Oho!«

Er war fest davon überzeugt, daß er in kürzester Zeit die neue Stelle

antreten würde. Dem Lehrer Falastoff hatte er mehr als einmal

versprochen:

»Ich werde dich schon herausreißen, Freund!«

Das hatte zur Folge, daß der Lehrer Falastoff mit außerordentlicher

Ehrerbietung zu Peredonoff aufblickte.

Der kleine Dämon · 第 18 / 36 题