Am nächsten Tage besuchte Peredonoff den Staatsanwalt Awinowitzkji.
Das Wetter war noch immer trübe. Der Wind wehte in heftigen Stößen und
wirbelte große Staubmassen durch die Straßen. Es dämmerte, und es war
so, als käme das matte, durch einen dichten Wolkenschleier abgetönte
Tageslicht gar nicht von der Sonne her. Die Straßen waren wie tot,
nichts rührte sich und man konnte glauben, daß die baufälligen Häuser
ganz ohne Sinn und nutzlos daständen, so hoffnungslos verfallen waren
sie und so schüchtern erzählten sie vom bettelhaften, traurigen Leben
innerhalb ihrer Mauern. Ab und zu sah man Leute gehen, -- sie gingen
ganz langsam, als hätten sie kein Ziel vor sich, als wären sie kaum
imstande eine dumpfe Müdigkeit zu überwinden, welche nur nach bleiernem
Schlaf verlangte. Nur die Kinder, diese ewigen, lebendigen Gefäße
göttlicher Freude auf Erden, waren lebhaft und spielten und tummelten
sich. Aber auch sie waren mitunter von einer traurigen Trägheit
befallen, und ein wesenloses, graues Gespenst schien sie mit furchtbaren
Augen anzustarren und aus ihren Gesichtern die Freude zu nehmen. Durch
die öden Straßen, vorbei an den verfallenen Häusern ging Peredonoff. Der
Himmel schien verschwunden, die Erde unrein und unfruchtbar, und eine
unklare, bange Furcht begleitete seine Schritte. Er konnte im Ewigen
keinen Frieden finden, keine Freude am Irdischen, denn er wußte die Welt
nur mit seinen halberstorbenen Augen zu betrachten, wie ein Dämon,
welcher sich in grauenhafter Einsamkeit am Entsetzen und an der Trauer
zu Tode quält.
Seine Gefühle waren stumpf geworden und sein Leben ein verlöschendes,
glimmendes Feuer. Alles, was ihm zum Bewußtsein kam, wandelte sich in
unkeusche, niedrige Sinnlichkeit. An den Dingen, die ihn umgaben,
bemerkte er nur das Unregelmäßige und daran hatte er seine Freude. Wenn
er an einem geraden, saubern Straßenpfosten vorbeiging, so bekam er
Lust, ihn zu beschmutzen oder ihn schiefzustellen. Er lachte vor
Vergnügen, wenn man in seiner Gegenwart etwas verunreinigte. Die sauber
gekleideten Gymnasiasten verachtete er und behandelte sie schlecht. Er
pflegte sie abgeleckte Hunde zu nennen. Die Unordentlichen waren ihm
eher verständlich. Er hatte keine Beschäftigung, welche er besonders
liebte und für keinen Menschen eine tiefere Zuneigung, daher kam es, daß
die Natur nur einseitig auf sein Gefühlsleben wirken konnte; sie
knechtete ihn. Aehnlich verhielt er sich zu den Menschen, mit denen er
verkehrte. Besonders zu den Fremden oder wenig Bekannten, denen er so
ohne weiteres nicht grob begegnen durfte. Glücklich sein bedeutete für
ihn nichts tun, sich ganz zurückziehen und den Leib mästen. -- Und jetzt
muß ich, ob ich will oder nicht, so dachte er, herumlaufen und
Erklärungen abgeben. Wie langweilig das ist! Wie unangenehm! Und wenn
man doch wenigstens dort, wohin er ging, Zoten erzählen könnte, aber
nicht einmal das war möglich.
Das Haus des Staatsanwaltes schürte und kräftigte Peredonoffs dumpfe,
quälende Angst. Und in der Tat -- das Haus sah böse und drohend aus. Das
spitze Dach hing düster über den Fenstern, welche dicht über dem Boden
angebracht waren. Der Bretterbeschlag des Hauses und das Dach hatten
einmal fröhliche, helle Farben gehabt, jetzt war der Anstrich von Wetter
und Wind düster und grau geworden. Die Pforte war massig und
unverhältnismäßig groß, sie überragte das Haus, als sollte sie ein
Bollwerk gegen feindliche Angriffe sein und war immer fest verriegelt.
Eine klirrende eiserne Kette diente als Schloß und ein wütender Hund im
Hofe bellte rauh und abgerissen jeden Vorübergehenden an. Rings um das
Haus waren unbebaute Plätze, Gemüsegärten und weiterhin einige elende
Hütten. Das Haus selbst lag an einem sehr großen sechseckigen,
ungepflasterten und mit allerhand Unkraut bewachsenen Platze. Dicht vor
dem Hause stand ein Laternenpfahl, der einzige auf dem ganzen Platze.
Peredonoff stieg langsam und widerwillig die vier rohgezimmerten Stufen
zum Hausflur empor, der mit einem zweiseitig abfallenden Bretterdach
gedeckt war, und faßte einen schwarz angelaufenen Messinggriff. Dicht
über ihm schrillte anhaltend die Glocke. Dann hörte man schleichende
Schritte. Irgend jemand schlich auf Zehenspitzen ganz leise an die Tür
und blieb da stehen. Er spähte wohl durch irgend eine von außen nicht
sichtbare Spalte. Jetzt wurde am Schloß gerasselt, die Tür tat sich auf
und auf der Schwelle stand ein schwarzhaariges, mürrisches Weib mit
argwöhnisch lauernden Augen.
»Was wünschen Sie?« fragte sie.
Peredonoff antwortete, er hätte ein Anliegen an Alexander Alexejewitsch.
Das Weib ließ ihn eintreten. Als er die Schwelle überschritt, murmelte
er schnell eine Beschwörungsformel. Es war gut, daß er sich damit beeilt
hatte, denn kaum hatte er seinen Ueberzieher abgelegt, da hörte man
schon im Gastzimmer die scharfe, wütende Stimme Awinowitzkjis. Die
Stimme des Staatsanwalts wirkte immer erschütternd, -- anders redete er
überhaupt nicht. So schrie er auch jetzt schon aus dem Empfangszimmer
mit seiner bösen, scheltenden Stimme einige Begrüßungsworte -- er freue
sich sehr, daß Peredonoff ihn endlich mit seinem Besuche beehre.
Alexander Alexejewitsch Awinowitzkji war ein düsterer Mensch, als hätte
er schon von Natur aus eine besondere Veranlagung zum Richten und
Anklagen. Obwohl sein Körper von einer ans Wunderbare grenzenden
Widerstandskraft war, -- Awinowitzkji pflegte im Flusse von einem
Eisgang bis zum andern zu baden, -- schien er doch schmächtig zu sein.
Ein sehr dichter, bläulich-schwarzer Bart mochte diesen Eindruck noch
erhöhen. War der Staatsanwalt auch nicht gerade gefürchtet, so fühlte
man sich doch in seiner Gegenwart befangen. Das hing damit zusammen, daß
er unermüdlich irgend jemanden beschuldigte oder mit Sibirien und
Zwangsarbeit drohte.
»Ich habe mit Ihnen zu sprechen,« sagte Peredonoff verlegen.
»Eine Selbstanklage? Haben Sie gemordet? ein Haus angesteckt? die Post
beraubt?« schrie Awinowitzkji böse und ließ Peredonoff in den Saal
eintreten. »Oder sind Sie das Opfer eines Verbrechens. Das ist mehr als
möglich in unserer Stadt. Unsere Stadt ist ein gemeines Nest, die
Polizei darin aber noch gemeiner. Ich wundere mich nur, daß hier auf dem
Platz vor meinem Hause keine Leichen umherliegen. Ich bitte, setzen Sie
sich! Also was führt Sie zu mir? Sind Sie ein Verbrecher oder das Opfer
eines Verbrechens?«
»Nein,« sagte Peredonoff, »ich habe nichts Derartiges auf dem Gewissen.
Der Direktor würde sich wohl freuen, mir was nachsagen zu können, aber
ich habe nichts verschuldet.«
»Sie kommen also mit keiner Anklage?« fragte Awinowitzkji.
»Nein, keineswegs,« murmelte Peredonoff ängstlich.
»Nun, wenn es nichts Derartiges ist,« sagte der Staatsanwalt mit
geradezu wütender Betonung der einzelnen Worte, »so kann ich Ihnen wohl
einen kleinen Imbiß anbieten.«
Er nahm die Tischglocke und schellte. Niemand kam. Awinowitzkji packte
die Glocke mit beiden Händen und läutete wie ein Unsinniger, dann warf
er die Glocke auf den Boden, trampelte mit den Füßen und brüllte dazu
mit wütender Stimme:
»Malanja, Malanja! Rindvieh! Teufel! Bestie!«
Man hörte jemand langsam herankommen; der Sohn Awinowitzkjis, ein
Gymnasiast, trat ein. Es war ein kräftiger, schwarzhaariger Junge von
etwa 13 Jahren. Sein Auftreten machte einen sichern und selbständigen
Eindruck. Er verbeugte sich leicht vor Peredonoff, hob die Glocke auf,
stellte sie auf den Tisch und erst dann sagte er ruhig:
»Malanja ist im Gemüsegarten.«
Awinowitzkji beruhigte sich sofort. Er blickte seinen Sohn zärtlich an,
was eigentlich garnicht zu seinem bärtigen, bösen Gesicht passen wollte,
und sagte:
»Sei so gut, liebes Kind, lauf zu ihr und bestell einen kleinen Imbiß.«
Der Knabe ging fort, ohne sich zu beeilen. Der Vater blickte ihm nach.
Ein stolzes, freudiges Lächeln spielte um seine Lippen. Erst als der
Junge über die Schwelle ging, verdüsterte sich Awinowitzkjis Gesicht
wieder, und er brüllte mit fürchterlicher Stimme, so daß Peredonoff
zusammenfuhr:
»Schneller!«
Der Junge begann zu laufen. Man hörte, wie er die Türen aufriß und
hinter sich zuschlug. Der Vater horchte und lächelte freudig mit seinen
dicken roten Lippen, dann begann er zu reden und seine Stimme klang hart
und böse:
»Mein Erbprinz. Strammer Junge, was? Wie weit wird er's bringen, he? Was
meinen Sie? Ein Dummkopf kann er sein, aber niemals ein Feigling, ein
Lappen, ein Schurke -- niemals.«
»Ja, was denn,« murmelte Peredonoff.
»Die Leute unserer Zeit sind ein Zerrbild auf das menschliche
Geschlecht,« tobte Awinowitzkji, »Gesundsein halten sie für eine
Gemeinheit. Ein Deutscher hat das Unterhemd erfunden. Diesen Deutschen
würde ich nach Sibirien verbannen. Wenn ich mir das vorstelle, mein
Wladimir im Unterhemd! Den ganzen Sommer über läuft er im Dorf barfuß
und da soll er ein Unterhemd tragen! Er bringt es fertig, aus dem
Schwitzbad nackt im härtesten Winter ins Freie zu laufen, sich im Schnee
zu wälzen, und der soll ein Unterhemd tragen! Hundert Stockschläge
sollte man jenem Deutschen aufzählen.« -- Von diesem Deutschen, der das
Unterhemd erfunden hatte, lenkte Awinowitzkji auf andere Verbrecher ab.
»Die Todesstrafe, mein Bester, ist keine Barbarei,« schrie er. »Die
Wissenschaft hat nachgewiesen, daß es Leute gibt, welche als Verbrecher
geboren werden. Damit, lieber Freund, ist alles gesagt. Man muß sie
vertilgen, aber nicht auf Staatskosten erhalten. Zum Beispiel so ein
Verbrecher! Fürs ganze Leben ist ihm ein warmer Winkel im Zuchthaus
gesichert! Er hat gemordet, Häuser angesteckt, genotzüchtigt, -- nun muß
der steuerzahlende Bürger für den Unterhalt dieses Schurken sorgen!
Keine Rede, es ist viel gerechter, ihn zu hängen und außerdem ist es
billiger.«
* * * * *
Der runde Tisch im Speisezimmer war gedeckt. Auf dem weißen,
roteingekanteten Tischtuch standen einige Teller mit fetten Würsten und
anderen gesalzenen, geräucherten und marinierten Gerichten; dann waren
da eine Reihe von Flaschen und Karaffen von verschiedener Größe und
Form, gefüllt mit allerhand Schnäpsen und Likören. Alles das war ganz
nach Peredonoffs Geschmack, und sogar eine gewisse Unordnung in der
ganzen Einrichtung behagte ihm.
Der Hausherr fuhr in seinen Anklagen fort. An das Essen anknüpfend,
gedachte er vernichtend der Kolonialwarenhändler und redete dann, Gott
weiß warum, über die Erbfolge.
»Die Erbfolge ist eine ausgezeichnete Einrichtung!« schrie er darauf
los. »Den Bauern zum Herrn machen ist dumm, lächerlich, unsittlich und
sinnlos! Das Land liegt brach, die Städte füllen sich mit Geldgierigen;
Mißernten, Flegelhaftigkeit und Selbstmorde sind die Folge, -- gefällt
Ihnen das etwa? Unterrichten Sie den Bauer, wieviel Sie wollen, nur
lassen Sie ihn nicht im Stande aufrücken. Die Landbevölkerung verliert
sonst ihre besten Leute und wird immer ein niederträchtiges Pack
bleiben, während der Adel andererseits durch den Zufluß dieser
unkultivierten Elemente leidet. Im Dorfe taugte so ein Bauer mehr als
die andern, den Adel hingegen erniedrigt er zu etwas Grobem,
Unritterlichem, Unvornehmem. In erster Linie lebt er für den Erwerb, für
seine alltäglichen Leibesinteressen. Jawohl, mein Lieber, die Kasten
waren eine weise Einrichtung.«
»Ja,« sagte Peredonoff böse, »auch unser Direktor ermöglicht jedem
Lümmel den Eintritt in das Gymnasium. Wir haben sogar einfache Bauern,
gar nicht zu reden von der Unmenge von Bürgerlichen.«
»Das hört sich ja nett an!« rief der Hausherr.
»Es gibt so eine Bestimmung, daß man nicht jeden beliebigen aufnehmen
soll; er tut doch was er will,« klagte Peredonoff, »fast ohne Ausnahme
nimmt er jeden auf. >Das Leben bei uns in der Stadt,< sagt er, >ist
billig, und wir haben sowieso wenig Schüler.< Was ist denn dabei, daß es
wenig sind. Es wäre besser, wenn es noch weniger wären. Mit der
Korrektur der Hefte wird man sowieso nicht fertig. Kein vernünftiges
Buch kann man lesen. Und die Jungen wenden wie mit Absicht die
knifflichsten Worte an, -- immerwährend muß ich im orthographischen
Wörterbuch nachschlagen.«
»Trinken Sie einen Schnaps,« schlug Awinowitzkji vor, »was wollen Sie
eigentlich mit mir besprechen?«
»Ich habe Feinde,« murmelte Peredonoff und betrachtete traurig sein
Gläschen mit dem gelben Schnaps, statt es auszutrinken.
»Das Schwein hier hatte keine Feinde,« antwortete Awinowitzkji, »doch
ist es geschlachtet worden. Greifen Sie zu, es war ein vortreffliches
Schwein.«
Peredonoff langte sich ein Stück Schinken und sagte:
»Ueber mich werden allerlei Gerüchte in Umlauf gesetzt.«
»Das kennen wir, was Klatschgeschichten anlangt, gibt es keine
schlimmere Stadt!« rief der Hausherr aufgebracht. »Eine nette Stadt das!
Man kann ja tun was man will, gleich grunzen es alle Schweine.«
»Die Fürstin Woltschanskaja hat versprochen, mir eine Inspektorstelle zu
verschaffen, und hier setzt der Klatsch ein. Das kann mir doch schaden.
Und alles aus purem Neid. So auch der Direktor, er hält keine Disziplin
im Gymnasium, -- die Schüler von auswärts, welche in Pensionen leben,
rauchen, trinken, laufen jeder Schürze nach, und die Kinder unserer
Stadt sind um nichts besser. Er selbst ist schuld an dieser
Zuchtlosigkeit, aber er macht mich verantwortlich dafür. Es ist
möglich, daß man mich bei ihm angeschwärzt hat. Aber wenn diese
Klatschgeschichten weitere Verbreitung finden, wenn sie der Fürstin zu
Ohren kommen!«
Peredonoff teilte in langer, verworrener Rede seine Befürchtungen mit.
Awinowitzkji hörte zu und rief manchmal wütend dazwischen:
»Halunken sind sie! -- Schufte! Idioten!«
»Ich bin wirklich nicht Nihilist,« sagte Peredonoff, »es wäre doch
komisch. Ich habe eine Dienstmütze mit der Kokarde, nur pflege ich sie
nicht immer zu tragen, -- aber er trägt bisweilen auch einen Hut. Daß
das Porträt Mizkewizschs bei mir hängt, ist begründet durch meine
Vorliebe für seine Verse, nicht aber für seine revolutionäre Tätigkeit.
Außerdem habe ich sein Journal, die Glocke, gar nicht gelesen.«
»Sie haben gründlich vorbeigehauen,« sagte Awinowitzkji rücksichtslos,
»Herzen war der Herausgeber der Glocke, nicht Mizkewizsch.«
»Das ist wieder was anderes,« sagte Peredonoff, »Mizkewizsch hat auch
eine Glocke herausgegeben.«
»Ich weiß es nicht. Sie müssen es drucken lassen. Eine wissenschaftliche
Entdeckung. Sie werden berühmt werden.«
»Das darf man nicht drucken,« sagte Peredonoff ärgerlich, »und ich darf
keine verbotenen Bücher lesen. Außerdem lese ich sie auch nicht. Ich bin
Patriot!«
Nach endlosen Beschwerden, in denen Peredonoff sein Herz ausschüttete,
begriff Awinowitzkji so viel, daß irgend jemand bestrebt sein müsse,
Peredonoff auszunützen, und zu diesem Zweck allerhand Gerüchte über ihn
verbreitete, um ihn dadurch einzuschüchtern und so den Boden allmählich
für einen Erpressungsversuch vorzubereiten. Daß diese Gerüchte ihm, dem
Staatsanwalt, noch nicht zu Ohren gekommen waren, erklärte er sich
daraus, daß der Erpresser äußerst geschickt nur in Peredonoffs nächstem
Bekanntenkreise zu wirken wußte, -- denn er bezweckte ja nur, Peredonoff
allein auszubeuten. Awinowitzkji fragte:
»Haben Sie Verdacht auf jemanden?«
Peredonoff dachte nach. Ganz zufällig fiel ihm die Gruschina ein; dunkel
erinnerte er sich an jenes kürzlich geführte Gespräch, welches er mit
der Drohung abbrach, er werde sie denunzieren. Daß _er_ eigentlich der
Gruschina gedroht hatte, verwirrte sich in ihm zu einer düstern
Vorstellung von Denunziation im allgemeinen. Sollte er jemanden angeben,
oder sollte er selber angegeben werden, -- das war ihm nicht klar, und
er machte auch gar keine Anstrengung, sich genauer daran zu erinnern, --
so viel stand fest: die Gruschina war ihm feind. Schlimm genug war es,
daß sie dabei gewesen war, als er den Pissareff versteckt hatte. Jetzt
mußte er ihn wo anders hintun.
Peredonoff sagte:
»Es gibt hier eine gewisse Frau Gruschina.«
»Ich weiß, ein erstklassiges Luder,« entschied Awinowitzkji kurz.
»Immerwährend kommt sie zu uns,« klagte Peredonoff, »überall schnüffelt
sie. Sie ist geizig und will alles haben. Vielleicht möchte sie Geld von
mir dafür, daß sie mich nicht angibt wegen des Pissareff. Oder
vielleicht will sie mich heiraten. Ich will ihr aber nichts zahlen, und
ich habe eine andere Braut; mag sie immerhin denunzieren, ich bin
unschuldig. Es ist nur unangenehm, wenn daraus eine Geschichte entstehen
sollte, denn das könnte mir bei der Ernennung schaden.«
»Sie ist eine bekannte Gaunerin,« sagte der Staatsanwalt. »Sie fing hier
an gewerbsmäßig zu wahrsagen und es gab Dumme genug, welche zu ihr
gingen. Da sagte ich der Polizei, sie möchte ihr das Handwerk legen.
Dieses eine Mal waren sie ausnahmsweise klug und befolgten meinen Rat.«
»Sie wahrsagt auch jetzt noch,« sagte Peredonoff, »noch neulich hat sie
mir Karten ausgelegt, sie redete von einem weiten Weg und von einem
Kronsbrief.«
»Sie weiß genau, wem sie was sagt. Warten Sie nur, jetzt knüpft sie die
Schlingen und wird später Geld fordern. Kommen Sie dann direkt zu mir.
Ich werde ihr hundert aufzählen lassen,« schloß Awinowitzkji mit seiner
beliebten Redensart. Doch durfte man dies nicht wörtlich nehmen; dieser
Ausdruck bedeutete nur: einen scharfen Verweis erteilen.
So versprach Awinowitzkji Peredonoff beizustehen; dennoch war dieser,
als er vom Staatsanwalt fortging, von einem dumpfen Angstgefühl
beherrscht, welches durch die lauten drohenden Reden Awinowitzkjis nur
bestärkt worden war.
* * * * *
Nun machte Peredonoff täglich vor dem Mittagessen eine Visite, -- mehr
als eine konnte er wegen der ausführlichen Erklärungen, die er jedesmal
geben mußte, nicht erledigen. Am Abend ging er in der Regel Billard
spielen.
Wie immer pflegte er den einladenden Handbewegungen der Werschina zu
folgen, und wie immer mußte er anhören, wie Rutiloff seine Schwestern
lobte. Zu Hause suchte ihn Warwara zu bereden, die Trauung zu
beschleunigen, -- aber er konnte keinen festen Entschluß fassen.
Natürlich, so dachte er manchmal, wäre es vorteilhaft, Warwara zu
heiraten, -- wie aber, wenn mich die Fürstin plötzlich im Stich läßt? In
der Stadt, dachte er, wird man dann auf meine Kosten lachen, -- und
dieses Bedenken hielt ihn vom entscheidenden Schritt zurück.
Der Neid seiner Kollegen, welcher eher in seiner Einbildung als
tatsächlich vorhanden war, die Intrigen irgend eines Unbekannten und der
Umstand, daß ihm die unverheirateten Frauen nachstellten, alles das
gestaltete sein Leben traurig und kummervoll; und auch das Wetter war
ganz danach: mehrere Tage hindurch war es trübe, kalt und regnerisch.
Peredonoff fühlte, wie mißlich sich sein Leben gestaltete, -- aber dann
dachte er an den in Aussicht stehenden Inspektorposten und damit mußte
sich alles zum besten wenden.
X
Am Donnerstag machte Peredonoff beim Adelsmarschall seine Aufwartung.
Das Haus des Adelsmarschalls erinnerte an eine vornehme Villa in den
Villenkolonien von Petersburg, welche Sommer und Winter bewohnt werden
konnte. Die Einrichtung des Hauses war nicht gerade luxuriös, doch
schienen manche Gegenstände allzu neu und ein wenig überflüssig zu sein.
Alexander Michailowitsch Weriga erwartete Peredonoff in seinem Kabinett.
Er tat so als beeilte er sich, seinem Gast entgegenzugehen und als wäre
er bloß durch einen Zufall daran verhindert worden.
Weriga hielt sich ungeheuer stramm, selbst wenn man in Betracht zog, daß
er ausgedienter Kavallerieoffizier war. Es wurde ihm nachgesagt, daß er
ein Korsett trage. Sein glattrasiertes Gesicht war gleichmäßig gerötet,
als hätte er es geschminkt. Sein Haar war ganz kurz geschoren, -- ein
bequemes Mittel, um den Effekt der Glatze zu mildern. Die Augen waren
grau, liebenswürdig und kalt. Im Verkehr war er gegen alle äußerst
zuvorkommend, in seinen Ansichten streng und entschieden. Allen seinen
Bewegungen merkte man den gewesenen Soldaten an und außerdem kleine
Hinweise darauf, daß er Gouverneur zu werden beabsichtigte.
Peredonoff saß ihm gegenüber am eichengeschnitzten Schreibtisch und
berichtete:
»Ueber mich werden allerhand Gerüchte in Umlauf gesetzt, daher wende ich
mich als Edelmann an Sie. Man erzählt über mich Dinge, Exzellenz, welche
absolut unwahr sind.«
»Ich habe nichts Derartiges gehört,« antwortete Weriga und
liebenswürdig-erwartungsvoll lächelnd, richtete er seine grauen,
aufmerksamen Augen auf Peredonoff.
Peredonoff sah geflissentlich in eine Ecke und redete:
»Ich bin niemals Sozialist gewesen, und wenn es gelegentlich vorkam, daß
ich ein Wort zuviel gesagt habe, so ist es zur Genüge damit
entschuldigt, daß ein jeder junge Mensch mal über die Stränge schlägt.
Jetzt habe ich nicht einmal Gedanken in dieser Richtung.«
»Sie waren also sehr liberal?« fragte Weriga mit einem liebenswürdigen
Lächeln, »nicht wahr, auch Sie wünschten eine Konstitution. Wir alle
wollten, als wir jung waren, die Konstitution. Darf ich Ihnen anbieten?«
Weriga schob Peredonoff ein Zigarrenkästchen hin. Peredonoff war zu
schüchtern, um »Ja« zu sagen und dankte; Weriga steckte sich eine
Zigarre an.
»Natürlich, Exzellenz,« gestand Peredonoff, »hatte auch ich als Student
meine Gedanken, aber schon damals war es mir um eine andere Konstitution
als im üblichen Sinne des Wortes zu tun.«
»Nämlich?« fragte Weriga mit einem Anflug von Unzufriedenheit im Tone.
»Es sollte eine Konstitution sein, aber ohne Parlament,« erklärte
Peredonoff, »im Parlament zanken sie sich doch nur.«
Werigas graue Augen leuchteten in stillem Entzücken.
»Eine Konstitution ohne Parlament!« sagte er sinnend. »Wissen Sie, das
ist praktisch!«
»Aber auch das ist lange her,« sagte Peredonoff, »jetzt wünsche ich
nichts Derartiges.«
Erwartungsvoll blickte er Weriga an. Weriga blies eine dünne Rauchwolke
durch die Lippen, schwieg eine Zeitlang und sagte dann gemessen:
»Sie sind Pädagoge, nun habe ich in meiner Stellung auch mit den Schulen
unseres Bezirkes zu tun. Welchen Schulen geben Sie von Ihrem Standpunkte
aus den Vorzug: den Kirchenschulen oder den sogenannten Bezirksschulen?«
Weriga strich die Asche von der Zigarre und fixierte Peredonoff
liebenswürdig, doch fast allzu aufmerksam. Peredonoff wurde verlegen,
stierte in die Ecke und sagte:
»Die Bezirksschulen müssen stramm gehalten werden.«
»Ja, ja, strammer,« sagte Weriga abwartend.
Und er blickte auf seine glimmende Zigarre, so als bereite er sich vor,
einer langen Erörterung zuzuhören.
»Die Lehrer dort sind Nihilisten,« sagte Peredonoff, »und die
Lehrerinnen glauben nicht an Gott. Sie schnauben sich sogar in der
Kirche.«
Weriga blickte schnell auf und sagte lächelnd:
»Na wissen Sie, ab und zu ist das notwendig.«
»Ja, aber manche trompeten geradezu, so daß alle Sänger lachen,« meinte
Peredonoff böse. »Das tut sie mit Absicht. Diese Skobotschkina ist so
eine Person, läuft in einer roten Bluse herum. Manchmal trägt sie sogar
einen Sarafan.«[8]
»Das ist freilich nicht schön,« sagte Weriga. »Doch tut sie es eher aus
Mangel an Erziehung. Ich erinnere mich gut an diese Lehrerin. Sie hat
absolut keine Manieren, ist aber eine tüchtige Lehrkraft. In jedem Fall
ist das, was Sie sagen, nicht schön von ihr. Man muß es ihr zu wissen
geben.«
»Dort in den Schulen geht es sehr frei zu,« fuhr Peredonoff fort, »ohne
jede Zucht. Gestraft wird überhaupt nicht und Bauernkinder kann man
nicht nach demselben Muster erziehen wie die Adeligen. Geprügelt müssen
sie werden.«
Weriga blickte ruhig auf Peredonoff, dann, als käme ihm die
Taktlosigkeit dieser Bemerkung erst jetzt zum Bewußtsein, senkte er
seinen Blick und sagte kalt, fast im Tonfall eines Gouverneurs:
[Fußnote 8: Russische Nationaltracht.]
»Es muß gesagt werden, daß ich an Schülern der Distriktsschulen
vortreffliche Eigenschaften bemerkt habe. Es steht über allem Zweifel,
daß die weitaus größere Zahl außerordentlich fleißig und gewissenhaft
ist. Natürlich kommen, wie überall, Vergehen vor und infolge der
Unbildung des Milieus kann es geschehen, daß diese Vergehen recht grob
zum Ausdruck kommen, um so mehr als in der Landbevölkerung Rußlands das
Gefühl für Pflicht, Ehre und Achtung fremden Eigentums nur wenig
entwickelt ist. Die Schule hat die Pflicht, solche Vergehen streng zu
bestrafen. Wenn alle Mittel einer inneren Einwirkung erschöpft
erscheinen, oder wenn das Vergehen besonders groß ist, so wäre es
natürlich geboten, um das betreffende Kind nicht ganz verwildern zu
lassen, zu den allerstrengsten Maßnahmen zu greifen. Dieses hat aber auf
alle Kinder Bezug, auch auf die von Adel. Im allgemeinen stimme ich mit
Ihnen darin überein, daß die Erziehung in den genannten Schulen viel zu
wünschen übrig läßt. Madame Steven hat in ihrem -- _à propos_ sehr
interessanten Buch -- Sie kennen es doch? ...«
»Nein, Exzellenz,« sagte Peredonoff verlegen, »ich fand noch keine Zeit
dazu. Ich habe soviel im Gymnasium zu tun. Aber ich werde es lesen.«
»Nun, das ist nicht so dringend notwendig,« sagte Weriga liebenswürdig
lächelnd, als erteile er Peredonoff die Erlaubnis, das Buch nicht zu
lesen. »Also, besagte Frau Steven erzählt sehr entrüstet, wie zwei ihrer
Schüler, junge Leute von 17 Jahren, vom Bezirksgericht zu körperlicher
Züchtigung verurteilt wurden. Stolz seien sie, diese Jungen, und --
beachten Sie wohl -- wir alle hätten uns gequält, solange diese
schmähliche Strafe über sie verhängt gewesen sei. Später wurde dann das
Urteil abgeändert. Ich kann nur sagen, anstelle der Frau Steven hätte
ich mich geschämt, diese Geschichte in ganz Rußland zu verbreiten:
stellen Sie sich nur vor, man hatte diese Jungen verurteilt, weil sie
Aepfel gestohlen hatten. Bemerken Sie recht: für einen Diebstahl! Da
schreibt sie noch, es wären ihre besten Schüler gewesen. Aber Aepfel
können sie stehlen! Wirklich, eine vortreffliche Erziehung! Man sollte
doch lieber gleich eingestehen, daß man das Eigentumsrecht nicht
anerkennt.«
Erregt erhob sich Weriga und machte einige Schritte, aber er faßte sich
gleich wieder und setzte sich.
»Sollte ich Inspektor der Volksschule werden, so will ich andere Saiten
aufziehen,« sagte Peredonoff.
»Haben Sie etwas in Aussicht?« fragte Weriga.
»Ja, die Fürstin Woltschanskaja versprach mir ihre Protektion.«
Weriga machte ein liebenswürdiges Gesicht.
»Es wird mir angenehm sein, Ihnen Glück wünschen zu dürfen. Ich zweifle
nicht daran, daß Sie die Sache vortrefflich leiten werden.«
»Nun wird in der Stadt über mich allerhand verbreitet, Exzellenz, -- es
ist nicht ausgeschlossen, daß das Bezirksamt davon Kenntnis bekommen
könnte; das würde meine Ernennung verhindern und tatsächlich bin ich
unschuldig.«
»Haben Sie jemand in Verdacht, der diese Gerüchte aufgebracht hat?«
fragte Weriga.
Peredonoff wurde ganz verlegen und murmelte:
»Wen sollte ich in Verdacht haben? Ich weiß keinen. Man redet nur so.
Eigentlich kam ich zu Ihnen, weil diese Gerüchte mir im Dienst schaden
können.«
Weriga überlegte, daß es ihm gleich sein könne, von wem das Gerede
ausginge: er war ja noch nicht Gouverneur. Er nahm nunmehr wieder die
Rolle des Adelsmarschalls auf und hielt eine Rede, die Peredonoff
ängstlich und niedergeschlagen anhörte:
»Ich danke Ihnen für das Vertrauen, das Ihre Schritte zu mir lenkte, um
meine Vermittlung (Weriga wollte sagen »Schutz«, aber er enthielt sich
dieses Ausdrucks) zwischen Ihnen und der Gesellschaft in Anspruch zu
nehmen, der Gesellschaft, in welcher, Ihren Informationen zufolge, Ihnen
nicht wohlwollende Gerüchte laut geworden sind. Von diesen Gerüchten ist
mir nichts zu Ohren gekommen und es muß Ihnen tröstlich sein, daß die
Verleumdungen über Sie nicht gewagt haben aus der Hefe der städtischen
Gesellschaft emporzudringen und ihr Dasein -- um mich so auszudrücken --
in niedriger Verborgenheit führen. Es ist mir eine Genugtuung, daß Sie,
-- wiewohl Sie berufsmäßig im Dienste stehen, -- dennoch gleichzeitig
auch die Bedeutung der gesellschaftlichen Meinung so hoch einschätzen,
und die Würde des Ihnen anvertrauten Amtes als Erzieher der Jugend,
eines von jenen, deren geheiligter Fürsorge wir, die Eltern, unser
kostbarstes Gut anvertrauen: unsere Kinder, die Erben unseres Namens und
unseres Standes. Als Beamter haben Sie Ihren Vorgesetzten in Gestalt
Ihres hochzuverehrenden Direktors, als Glied der Gesellschaft und als
Edelmann haben Sie das vollste Recht, auf die Anteilnahme des
Adelsmarschalls zu rechnen, in allen Fragen, welche Ihre Ehre und sowohl
Ihr menschliches, wie gleicherweise Ihr Standesbewußtsein berühren.«
Während des folgenden Teiles seiner Rede stand Weriga auf und während er
sich mit den Fingern seiner rechten Hand fest auf den Rand des
Schreibtisches stützte, blickte er Peredonoff mit einem
nichtssagend-liebenswürdigen und aufmerksamen Gesichtsausdruck an, wie
man etwa eine größere Volksmenge betrachtet, wenn man vor ihr eine
wohlwollende Rede als Vorgesetzter halten muß. Auch Peredonoff war
aufgestanden. Er hatte seine Hände über dem Bauch gefaltet und blickte
verdrießlich auf den Teppich zu den Füßen des Hausherrn. Weriga sprach:
»Ich weiß es auch darum zu schätzen, daß Sie sich an mich gewandt haben,
weil es bei den Angehörigen des vornehmen Standes besonders angebracht
erscheint, daß sie stets und in jeder Lage in erster Linie dessen
eingedenk sind, daß sie von Adel sind, daß sie diese ihre Zugehörigkeit
zum bezeichneten Stande hochhalten, nicht nur in bezug auf die damit
verbundenen Rechte, sondern auch im Hinblick auf die sich hieraus
ergebenden Pflichten und auf die Ehre des Edelmannes. Der Adel in
Rußland steht, wie Ihnen natürlich bekannt ist, vorwiegend im
Staatsdienst. Streng genommen müßten alle staatlichen Aemter, mit
Ausnahme der ganz unwichtigen und niedrigen, in den Händen des Adels
vereinigt sein. Der Umstand, daß Leute verschiedenen Standes in
kaiserlichen Diensten stehen, ist mit Ursache für eine so unerwünschte
Erscheinung wie jene, welche gegenwärtig Ihre Ruhe trübte. Verleumdung
und Klatscherei sind die Waffen gesinnungsloser Leute, welche nicht in
edlen, ritterlichen Traditionen erzogen wurden. Und ich hoffe, daß das
allgemeine Urteil klar und unzweideutig zu Ihren Gunsten entscheiden
wird, auch bitte ich Sie, sich völlig auf meinen ungeteilten Beistand in
dieser Angelegenheit verlassen zu wollen.«
»Meinen ergebensten Dank, hohe Exzellenz,« sagte Peredonoff, »so darf
ich denn auf Ihren Beistand rechnen.«
Weriga lächelte liebenswürdig, blieb aber stehen und deutete damit an,
daß die Unterredung beendet sei. Nach seiner langen Rede fühlte er
plötzlich, daß sie garnicht am Platz gewesen wäre und daß Peredonoff
nichts weiter als ein ängstlicher Streber nach guten Stellen war, ein
Streber, der Schutz suchend über jede Schwelle stolpert. Er entließ ihn
mit kalter Gleichgültigkeit, die er diesem Menschen gegenüber wegen
seines unordentlichen Lebenswandels immer empfunden hatte.
Ein Diener half Peredonoff in seinen Ueberzieher. In irgend einem Zimmer
wurde Klavier gespielt. Peredonoff dachte bei sich, daß das Leben in
diesem Hause vornehm sei: stolze Leute, die sich hoch einschätzten. »Er
will es zum Gouverneur bringen,« dachte Peredonoff mit ehrfürchtiger und
neidischer Bewunderung.
Auf der Treppe traf er die von einem Spaziergang heimkehrenden zwei
Söhnchen des Adelsmarschalls mit ihrem Hauslehrer. Peredonoff
betrachtete sie mit stumpfer Neugierde.
Wie sauber sie sind, dachte er, sogar in den Ohren kein
Schmutzfleckchen. Und munter sind sie, dabei gut geschult und wie auf
Draht gezogen. Vielleicht, dachte er, werden sie niemals geprügelt.
Und Peredonoff sah ihnen böse nach, während sie geschwind die Treppe
hinaufstiegen und fröhlich plauderten. Auch das verwunderte Peredonoff,
daß der Hauslehrer sie wie seinesgleichen behandelte; er drohte nicht
und schrie sie nicht an.
* * * * *
Als Peredonoff nach Hause kam, saß Warwara im Gastzimmer und las ein
Buch. Das kam selten vor. Sie blätterte in einem Kochbuch, das einzige,
was sie mitunter in die Hand nahm. Das Buch war alt, abgegriffen und
hatte einen schwarzen Einband. Der schwarze Einband fiel Peredonoff in
die Augen und verstimmte ihn.
»Was liest du da?« fragte er böse.
»Was? Als ob du nicht weißt was, -- das Kochbuch,« antwortete Warwara.
»Ich habe keine Zeit, mich mit Albernheiten abzugeben.«
»Warum liest du im Kochbuch?« fragte Peredonoff entsetzt.
»Was heißt -- warum? Ich will kochen, für dich natürlich, du mäkelst ja
immer,« sagte Warwara und lächelte stolz und selbstbewußt.
»Aus diesem schwarzen Buch will ich nichts essen!« erklärte Peredonoff
bestimmt, riß das Buch aus Warwaras Händen und trug es ins Schlafzimmer.
Ein schwarzes Buch! Danach wird gekocht! dachte er mit Entsetzen, das
fehlt noch gerade, daß man mich ganz offenkundig mit dem schwarzen Buch
behext! Dieses fürchterliche Buch muß vernichtet werden, dachte er, ohne
auf Warwaras wütendes Gezeter zu achten.
* * * * *
Am Freitag ging Peredonoff zum Vorsitzenden des Kreisamtes.
Hier im Hause wurde nachdrücklich betont, daß man schlicht und recht
leben und zum Wohle der Allgemeinheit arbeiten müsse. Eine ganze Reihe
von Gegenständen diente dazu, eine Art von ländlicher Einfalt zu
betonen: so hatte ein Sessel eine Lehne in Form eines Krummholzes und
kleine Beile als Armstützen, ein Tintenfaß war in ein Hufeisen
hineingespannt, ein imitierter Bauernschuh aus Porzellan diente als
Aschenbecher. Im Saale standen auf Tischen, Fensterbänken, sogar auf dem
Fußboden eine Reihe von kleinen Maßen, welche mit verschiedenen
Getreideproben gefüllt waren, und hie und da lagen Klumpen von grobem
Bauernbrot, die an Torfstücke erinnerten. Im Gastzimmer konnte man
Zeitungen und Modelle von landwirtschaftlichen Maschinen sehen. Im
Arbeitszimmer standen riesige Bücherschränke, gefüllt mit
nationalökonomischen Werken und Abhandlungen über die Schulfrage. Auf
dem Schreibtisch lagen Papiere, gedruckte Rechenschaftsberichte,
Pappschachteln mit Karten verschiedener Größe. Alles war staubig und
kein einziges Bild hing an den Wänden. Dem Hausherrn Iwan Stepanowitsch
Kiriloff konnte man anmerken, wie er bemüht war, einerseits
liebenswürdig -- europäisch liebenswürdig -- zu erscheinen, ohne doch
andererseits seiner Würde als Vorsitzender des Kreises etwas zu
vergeben. Er war ein Original voller Widersprüche, gleichsam wie aus
zwei Hälften zusammengelötet. Seine ganze Einrichtung zeugte davon, daß
er viel und vernünftig arbeitete. Sah man ihn selber, so konnte man
glauben, daß er seine Tätigkeit im Kreisamt mehr als Sport und nur
vorübergehend betriebe, während seine eigentlichen Interessen weitab
davon lägen, in irgend einer Richtung, wohin er mitunter seine
lebhaften, doch teilnahmlosen bleifarbigen Augen richtete. Es war so,
als hätte jemand seine lebendige Seele in einen länglichen Kasten
gesperrt und gegen eine seelenlose, doch nervöse, arbeitsame Unruhe
eingetauscht.
Er war klein von Wuchs, mager und jugendlich, so jugendlich und rosig,
daß man ihn mitunter für einen Knaben halten konnte, der einen falschen
Bart trug und sich mit ziemlichem Geschick wie ein Erwachsener zu
betragen verstand. Seine Bewegungen waren charakteristisch und rasch.
Wenn er sich mit jemandem begrüßte, machte er flinke Verbeugungen und
viele Kratzfüße, und glitt geschwind einher auf den Sohlen seiner
tadellosen Halbschuhe. Seinen Anzug hätte man ein Kostümchen nennen
können: ein graues Jackettchen, ein nicht gestärktes Vorhemdchen aus
Batist mit einem Liegekragen, eine blaue, zur Schleife gebundene
Krawatte, enganliegende Beinkleiderchen und perlgraue Strümpfchen. Auch
seine gemessen-höfliche Art und Weise zu reden war nicht immer gleich:
er unterhält sich voll Würde und mit einmal spielt ein kindliches
Lächeln um sein Gesicht, oder eine ungelenke, knabenhafte Bewegung
erinnerte an sein Doppelwesen, dann nach einem Augenblick ist er wieder
ruhig und zurückhaltend höflich.
Seine Frau machte einen stillen, maßvollen Eindruck und schien älter als
er zu sein. Einigemal während Peredonoffs Anwesenheit ging sie durch das
Arbeitszimmer und zog bei ihrem Manne Erkundigungen über verschiedene
Angelegenheiten aus dem Bezirksamt ein. Ihr Hausstand war nicht gerade
geordnet, -- immerfort kamen Leute in Geschäften und immerfort wurde Tee
getrunken. Auch Peredonoff wurde gleich nach seiner Ankunft lauwarmer
Tee und Weißbrot auf einem Teller gereicht.
Schon vor ihm war ein anderer Gast gekommen. Peredonoff kannte ihn, --
aber schließlich wen kannte man in diesem Städtchen nicht! Man verkehrte
mit jedermann, es sei denn, daß man sich mit diesem oder jenem verzankt
hätte.
Es war der Bezirksarzt Georg Sjemenowitsch Trepetoff, ein kleiner Mann
-- er war noch kleiner als Kiriloff -- mit einem finnigen, unbedeutenden
Vogelgesicht. Er trug eine dunkle Brille und blickte immer auf den
Fußboden oder zur Seite, als falle es ihm schwer sein Gegenüber
anzusehen. Er war ungeheuer ehrlich und gab keine Kopeke für wohltätige
Zwecke aus. Alle kaiserlichen Beamten verachtete er aus tiefstem Herzen:
kaum daß er ihnen bei etwaiger Begegnung die Hand reichte, am Gespräch
beteiligte er sich in solchen Fällen prinzipiell nicht. Dafür galt er
für einen hellen Kopf -- wie auch Kiriloff --, wiewohl er nur wenig
wußte und als Arzt untüchtig war.
Er hatte sich vorgenommen, sein Leben so einfach als möglich zu
gestalten; -- zu diesem Zweck studierte er die Gepflogenheiten der
Bauern sich zu schnauben oder den Kopf zu kratzen und mit dem Handrücken
den Mund zu wischen, im stillen ahmte er diese Sitten nach, -- die
endgültige Vereinfachung seines Lebens verschob er aber immer auf den
nächsten Sommer.
Auch hier wiederholte Peredonoff die ihm seit den letzten Tagen geläufig
gewordenen Klagen über den städtischen Klatsch und jene Neider, welche
seine Beförderung zum Inspektor verhindern wollten. Kiriloff fühlte sich
im ersten Augenblick geschmeichelt, daß Peredonoff sich an ihn wandte.
Er sagte:
»Ja, nun sehen Sie, welcherart unsere Provinzgesellschaft ist. Ich habe
immer gesagt, die einzige Rettung für denkende Menschen ist, sich fest
zusammenzuschließen, -- und es freut mich, daß Sie zur selben Erkenntnis
gekommen sind.«
Trepetoff grunzte böse. Kiriloff sah ihn ängstlich an. Trepetoff sagte
verächtlich: »Denkende Menschen!« und grunzte wieder. Dann -- nach einem
kurzen Schweigen -- sprach er mit hoher, gekränkter Stimme:
»Ich wußte nicht, daß denkende Menschen Anhänger des Klassensystems sein
können.«
»Aber Georgi Sjemenowitsch,« sagte Kiriloff unsicher, »Sie ziehen nicht
in Betracht, daß es nicht immer vom Menschen selber abhängt, welchen
Beruf er wählt.«
Trepetoff grunzte verächtlich, wodurch er den liebenswürdigen Kiriloff
ganz aus der Fassung brachte und hüllte sich in unnahbares Schweigen.
Kiriloff wandte sich an Peredonoff. Als dieser aber von einem
Inspektorposten zu reden begann, wurde er unruhig. Es schien ihm, als
ziele Peredonoff darauf ab, Inspektor seines Bezirkes zu werden. Im
Bezirksamt aber reifte der Plan, einen eigenen Schulinspektor zu
kreieren, welcher vom ganzen Bezirk gewählt und vom Ministerium der
Volksaufklärung bestätigt werden sollte.
In diesem Falle wäre Inspektor Bogdanoff, der bereits drei Schulbezirken
vorstand, in eine der benachbarten Städte übergesiedelt und die Leitung
der Schulen dieses Bezirkes wäre einem neuen Inspektor anvertraut
worden. Zu diesem Amte hatte man schon den Vorsteher des Lehrerseminars
der ganz nahe gelegenen Stadt Safat ausersehen.
»Ich habe glücklich eine Protektion,« redete Peredonoff, »nun sucht mir
der Direktor den Weg zu verlegen und die andern auch. Alles Mögliche
verbreiten sie über mich. Im Falle man bei Ihnen Erkundigungen einziehen
sollte, bitte ich Sie, im Auge zu haben, daß diese Gerüchte Lügen sind
und ich bitte auch, diesen Lügen keinen Glauben zu schenken.«
Kiriloff antwortete rasch:
»Ich habe wirklich keine Zeit, Ardalljon Borisowitsch, mich mit den
Klatschgeschichten der Stadt zu befassen; ich habe so viel zu tun, daß
ich nicht weiß, wo mir der Kopf steht. Würde mir meine Frau nicht
helfen, so könnte ich die Arbeit einfach nicht bewältigen. Ich komme
nirgends hin, sehe niemanden und höre nichts. Doch bin ich fest davon
überzeugt, daß all das, was über Sie geredet wird, -- ich habe, wie
gesagt, nichts Derartiges gehört --, daß das elender Klatsch ist. Die
Besetzung des in Frage stehenden Postens hängt indes nicht von mir ab.«
»Man wird sich bei Ihnen erkundigen,« sagte Peredonoff.
Kiriloff blickte ihn verwundert an und sagte:
»Natürlich wird man sich bei mir erkundigen. Die Sache ist aber die, daß
wir ....«
In diesem Augenblick kam Frau Kiriloff herein und sagte:
»Bitte auf einen Augenblick!« Kiriloff ging zu ihr ins Zimmer. Sie
flüsterte besorgt:
»Ich glaube, es ist besser, diesem Subjekt nichts davon zu sagen, daß
wir Krassilnikoff wünschen. Dieser Kerl kommt mir verdächtig vor, er
wird noch Geschichten machen.«
»Glaubst du?« flüsterte Kiriloff eilig. »Es könnte sein. Fatale Sache!«
Er griff mit den Händen an den Kopf. Seine Frau sah ihn
besorgt-teilnehmend an und sagte:
»Es ist vielleicht besser, ihm überhaupt nichts zu sagen, -- als wäre
gar keine Stelle vakant.«
»Ja, ja, du hast recht,« flüsterte Kiriloff, »es ist so peinlich, aber
ich muß hin.«
Er lief ins Gastzimmer zurück, machte ununterbrochen Kratzfüße und
überhäufte Peredonoff mit Liebenswürdigkeiten.
»Im Falle also, wenn .....« begann Peredonoff.
»Seien Sie ganz unbesorgt, ich will es mir merken,« sagte Kiriloff
schnell; »außerdem ist diese Frage noch nicht endgültig entschieden.«
Peredonoff begriff garnicht, um welche Frage es sich eigentlich handelte
und fühlte sich sehr beunruhigt, Kiriloff fuhr aber fort:
»Unsere Schulen sollen ein festes Netz bilden. Aus Petersburg haben wir
uns einen Spezialisten kommen lassen. Den ganzen Sommer über haben wir
gearbeitet. 900 Rubel hat es uns gekostet. Es muß alles zum Landtag
vorbereitet werden. Die Arbeit ist sehr sorgfältig ausgeführt, -- alle
Entfernungen sind berechnet, alle Schulfragen sind berücksichtigt
worden.«
Und Kiriloff erzählte lang und breit vom Schulnetz, d. h. von der
Einteilung des Distrikts in so kleine Bezirke mit einer Volksschule in
jedem, daß die Entfernung vom Dorf zur Schule immer nur eine geringe
war. Peredonoff begriff nichts, und seine düsteren Gedanken verfingen
sich in den Wortmaschen des Kiriloffschen Redenetzes, welches dieser
gewandt vor ihm ausbreitete.
Endlich verabschiedete sich Peredonoff und ging hoffnungslos und traurig
von dannen. In diesem Hause, dachte er, will man mich nicht begreifen,
nicht einmal anhören. Der Hausherr redet von unverständlichen Sachen.
Trepetoff grunzt böse und die Hausfrau geht und kommt, ohne mir die
geringste Beachtung zu schenken. Merkwürdige Leute leben in diesem
Hause! dachte Peredonoff. Ein verlorener Tag!