Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon
Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die
Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte,
daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung
konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und
wieder zurückzubefördern.
Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht
übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.
»Liebste Warwara Dmitriewna,« sagte sie, »schon dieser erste Brief
lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich
den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen
Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis
abführen wollte!«
Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr
Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die
Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara
erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu
danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder
nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch
deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man
sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur
schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die
Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn
kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen
zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in
Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als
ihn in einen Briefkasten zu werfen.
Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung
ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges
Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier
genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und
man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt,
um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu
können.
Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den
Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun
parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten
sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.
Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in
den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen:
der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das
wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.
Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium
fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in
_jener_ Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von
der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver
Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte.
Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und
stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt.
Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst
spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.
»Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,« sagte er böse
und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.
Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden
und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der
Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch
hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von
der Volksschule, -- nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die
Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen.
Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht
verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn
die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen
können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen
sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke
wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße
wird sehen können, daß er Staatsrat ist.
»Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,« dachte Peredonoff.
Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.
Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der
Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er
zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien
ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen
kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt --
diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.
»Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen«, dachte Peredonoff,
»und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man
von mir hält, wie man über mich redet.« So beschloß er denn, den
Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und
bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle
kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und
hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme
Bekannte.
Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des
Bürgermeisters.
Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den
Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.
Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und
noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im
Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch
(»Ich halte ihnen eine Gouvernante,« pflegte der Vater zu sagen)
verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und
fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem,
außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.
Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt.
Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu
sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme
Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so
war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der
melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und
schien sich sehr wohlzufühlen.
Der Archimandrit -- ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters --
pflegte diese Sessel und Sofas »Seelenretter« zu nennen. Hierauf
entgegnete das Stadthaupt:
»Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden
werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach
unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind
auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.«
Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf
der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte
kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch
gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu
Leuten mit geringem Einkommen.
Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die
einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:
»Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.«
»Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?«
erkundigte sich der Hausherr.
In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen.
Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er
beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze
Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen
schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück,
verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das
erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des
Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.
Peredonoff sagte: »Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit
der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit
Ihnen zu sprechen.«
Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte
Verbeugung.
»Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene
Klatschgeschichten verbreitet,« sagte Peredonoff mürrisch.
»Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,« sagte der Hausherr, »und dann,
was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre
Zunge zu rühren.«
»Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,«
fuhr Peredonoff fort, »denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum
Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.«
»Es stimmt,« bestätigte der Hausherr, »dafür kann ich stehen, habe ich
Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich
nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine
Familiensitte bei uns.«
»Auch sonst klatscht man allerlei,« sagte Peredonoff, »z. B. soll ich
meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es
kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den
Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen
etwa derartiges erzählt?«
»Es stimmt,« sagte Skutschaeff, »sowas hat er mir nie erzählt. Die
Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch
nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus
purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie
von ihm gehört.«
»Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,«
sagte Peredonoff, »aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in
den Mund.«
»Das versteht sich,« antwortete Skutschaeff, »das Gymnasium ist kein
Jahrmarkt.«
»Bei uns sind die Leute aber so,« klagte Peredonoff, »was nie gewesen
ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde
bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Bürgermeister.«
Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte.
Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er
dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles
vollständig klar.
»Und dann ist da noch eine andere Geschichte,« fuhr Peredonoff fort, »es
wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht
verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist
meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich
werde sie heiraten.«
»So, so, unbedingt,« sagte Skutschaeff, »die Hochzeit macht allem
Klatsch ein Ende.«
»Früher konnte ich nicht,« sagte Peredonoff, »es war ganz unmöglich;
sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.«
Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem
weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:
»Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein
ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es
berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so
auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen,
daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie
sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während
das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte
mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich
an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß
Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und
habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen
in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister
geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren
Kreisen unserer Stadt.«
Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es
schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da
brach er kurz ab und dachte betrübt:
»Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es
ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,« dachte er, »absolut nicht
zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist
ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen
sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.«
Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine
sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von
einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische
Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.
Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des
Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig
trübselig aussah, und meinte:
»Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles
erlogen ist.«
»Das heißt, was meinen Sie eigentlich?« fragte Skutschaeff vorsichtig.
»Eben dieses,« erklärte Peredonoff, »wenn zum Beispiel gegen mich
Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und
man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.«
»Das läßt sich machen,« sagte der Bürgermeister, »da können Sie sich
unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie
einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir
können Ihnen zum Beispiel -- wenn es nötig sein sollte -- eine
Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder
wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, --
warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.«
»Ich kann mich also auf Sie verlassen,« sagte Peredonoff dumpf, als habe
er auf eine peinliche Frage zu antworten, »es ist nämlich wegen des
Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.«
»Was Sie nicht sagen!« ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig
mit dem Kopf, »das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm
verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst
gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das
sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter
Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem
Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat
Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?«
»Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,« erklärte Peredonoff,
»außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst
aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir
eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.«
»So, so,« sagte Skutschaeff zurückhaltend, »übrigens ist es nicht gut,
bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und
ein Schnäpschen dazu trinken?«
Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.
»Famose Einrichtung das,« sagte er zu Peredonoff, »Sie sollten einen
andern Beruf wählen.«
Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person.
Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie
lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im
Verhältnis zu ihrer Körperfülle.
»Einen anderen Beruf,« wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff.
»Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so
müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben.
Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte
in der höheren Geistlichkeit.«
Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher
Würdenträger.
»Nein, ich will nicht Priester werden,« antwortete Peredonoff, »mir ist
der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.«
»In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,«
riet Skutschaeff, »werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren,
welchen Rang Sie bekleiden?«
»Ich bin Staatsrat!« sagte Peredonoff mit Würde.
»Was nicht gar!« rief Skutschaeff aus, »sagen Sie doch bitte, so weit
kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die
Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der
Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung
vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich
bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine
bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen;
mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von
selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat
sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern
und führe ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem
Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe,
Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das
hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht
Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!« seufzte Skutschaeff und
schloß damit seine Rede.
Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der
geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück
eingenommen.
Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es
sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall
suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in
großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte
ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn
fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.
»Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,« erklärte
er.
Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen.
Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige
Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel
Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr
zufrieden mit sich zu sein.
Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete
sich.
»Warum so eilig?« sagte der Hausherr, »bleiben Sie noch ein wenig.«
»Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,« sagte
Tischkoff.
»Nein, ich muß gehen«, antwortete Peredonoff geschäftig.
»Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,« sagte Tischkoff und zwinkerte
mit den Augen.
»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff.
»Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,« entgegnete Tischkoff
ohne zu zögern.
Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten
und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.
»Der Bürgermeister hält meine Kante,« dachte er und fühlte sich viel
sicherer.
* * * * *
Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:
»Es wird viel geklatscht über den Mann.«
»Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,« reimte
Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.
Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die
Worte nur auf, um sie zu reimen.
»Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,« fuhr
Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu
achten.
»Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,« rief
Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.
»Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!« meinte
Skutschaeff.
»Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,« antwortete
Tischkoff.
»Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.«
»Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.«
»Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.«
»Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.«
Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die
ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden,
doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz
garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen
vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder
nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen
Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines
aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen
beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit
einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon
längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der
ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.