VIII

Kaum war Peredonoff gegangen, um Billard zu spielen, da fuhr auch schon

Warwara zur Gruschina. Lange überlegten sie und beschlossen endlich, die

Sache wieder gut zu machen, durch einen zweiten Brief. Warwara wußte,

daß die Gruschina Bekannte in Petersburg hatte. Durch deren Vermittlung

konnte es nicht schwer fallen, einen am Ort gefälschten Brief hin- und

wieder zurückzubefördern.

Die Gruschina wollte genau so, wie das erstemal, die Sache nicht

übernehmen. Aber sie stellte sich nur so.

»Liebste Warwara Dmitriewna,« sagte sie, »schon dieser erste Brief

lastet schwer auf meinem Gewissen und ich fürchte mich sehr. Wenn ich

den Schutzmann in der Nähe meines Hauses sehe, so zittre ich am ganzen

Leibe, wie wenn er es auf mich abgesehen hätte und mich ins Gefängnis

abführen wollte!«

Eine geschlagene Stunde suchte Warwara sie zu überreden, versprach ihr

Geschenke und gab ihr ein wenig Geld im voraus. Endlich gab die

Gruschina nach. Man beschloß folgendes zu tun: zunächst würde Warwara

erzählen, daß sie eine Antwort an die Fürstin geschickt hätte, um ihr zu

danken. Dann sollte nach einigen Tagen ein Brief kommen, welcher wieder

nur angeblich von der Fürstin stammte. In diesem Briefe würde es noch

deutlicher ausgesprochen sein, daß einige Stellen vakant wären, daß man

sich schon jetzt für Peredonoff verwenden wolle, wenn er sich nur

schnell zur Trauung entschließen würde. Diesen Brief sollte die

Gruschina schreiben, genau so, wie den ersten, man würde ihn

kouvertieren, eine Siebenkopekenmarke daraufkleben und ihn in einen

zweiten Umschlag stecken, welcher an die Freundin der Gruschina in

Petersburg adressiert war. Diese hatte dann weiter nichts zu tun, als

ihn in einen Briefkasten zu werfen.

Jetzt gingen die Gruschina und Warwara in eine kleine Papierhandlung

ganz am Ende der Stadt und kauften schmale Briefumschläge und farbiges

Postpapier. Vorsichtshalber bestand die Gruschina darauf, daß ein Papier

genommen wurde, welches nur noch in einigen Exemplaren vorhanden war und

man kaufte den ganzen Vorrat. Die schmalen Kouverts hatte man gewählt,

um den gefälschten Brief leichter in einen andern Umschlag schieben zu

können.

Als sie wieder zu Hause waren bei der Gruschina, verfaßten sie den

Brief. Dieser war nach zwei Tagen fertig abgeschrieben und wurde nun

parfümiert. Die nachgebliebenen Umschläge und Briefbogen verbrannten

sie, um alle Beweisstücke aus der Welt zu schaffen.

Die Gruschina schrieb ihrer Freundin, an welchem Tage sie den Brief in

den Postkasten zu werfen hatte, -- er sollte an einem Sonntage ankommen:

der Postbote würde ihn dann in Peredonoffs Gegenwart abgeben und das

wäre ein Beweis mehr für die Echtheit des Briefes.

Am Dienstag bemühte sich Peredonoff, recht früh vom Gymnasium

fortzukommen. Ein Zufall kam ihm zu Hilfe: es war die letzte Stunde in

_jener_ Klasse, deren Tür auf den Korridor hinausführte, ganz nahe von

der Stelle, wo die Uhr hing. Dort hielt sich der Pedell auf, ein braver

Reserveunteroffizier, welcher zu bestimmten Zeiten zu läuten hatte.

Peredonoff schickte ihn ins Lehrerzimmer nach dem Klassenjournal und

stellte die Uhr um eine Viertelstunde vor -- niemand hatte es bemerkt.

Zu Hause bestellte Peredonoff sein Frühstück ab und sagte, daß er erst

spät zu Mittag kommen würde, er hätte einen wichtigen Gang vor.

»Man wirft mir Steine in den Weg, ich muß sie forträumen,« sagte er böse

und dachte dabei an die vermeintlichen Intrigen seiner Feinde.

Er zog seinen nur wenig benutzten Frack an, er war ihm zu eng geworden

und drückte: denn sein Körper hatte an Umfang zugenommen, während der

Frack ein wenig eingeschrumpft war. Daß er keinen Orden im Knopfloch

hatte, ärgerte ihn. Die andern wurden dekoriert, -- sogar Falastoff von

der Volksschule, -- nur ihn hatte man übergangen. Das war alles die

Mache des Direktors: nicht ein einziges Mal hatte er ihn vorgeschlagen.

Freilich in der Rangliste rückte er auf, das konnte der Direktor nicht

verhindern, aber was hat man von einem Rang, den kein Mensch sieht. Wenn

die neue Uniform eingeführt sein wird, erst dann würde man es sehen

können. Es war doch gut, daß die Achselstücke daran den Rang bezeichnen

sollten, aber nicht das Verdienst. Das ist von Wichtigkeit: Achselstücke

wie bei einem General mit einem Stern darauf. Jedermann auf der Straße

wird sehen können, daß er Staatsrat ist.

»Ich muß mir bald die neue Uniform bestellen,« dachte Peredonoff.

Erst unterwegs dachte er darüber nach, wen er zuerst besuchen solle.

Am wichtigsten schien ihm für seine Lage der Landrat und der

Staatsanwalt zu sein. Mit ihnen hätte er beginnen sollen. Oder sollte er

zum Adelsmarschall. Aber gerade diese drei als erste aufzusuchen, schien

ihm sehr gewagt. Der Adelsmarschall Weriga -- ein General, der binnen

kurzem Statthalter werden wollte und der Landrat und Staatsanwalt --

diese unangenehmen Repräsentanten von Polizei und Gericht.

»Zuerst will ich die kleineren Beamten aufsuchen«, dachte Peredonoff,

»und mich in ihre Art finden, schon dort werde ich sehen können, was man

von mir hält, wie man über mich redet.« So beschloß er denn, den

Bürgermeister als ersten zu besuchen. Wiewohl jener nur Kaufmann war und

bloß eine Kreisschule besucht hatte, so kam er doch überall hin und alle

kamen zu ihm; außerdem genoß er in der Stadt ein großes Ansehen und

hatte in anderen Städten und sogar in der Residenz recht vornehme

Bekannte.

Entschlossen richtete Peredonoff seine Schritte zum Hause des

Bürgermeisters.

Das Wetter war trübe. Die Blätter fielen müde und kraftlos von den

Bäumen. Peredonoff war etwas aufgeregt.

Im Hause des Bürgermeisters roch es nach frischgewachsten Dielen und

noch, kaum bemerkbar, nach etwas anderem, etwas Süßem, Eßbarem. Alles im

Haus war still und traurig. Die Kinder, ein Gymnasiast und ein Backfisch

(»Ich halte ihnen eine Gouvernante,« pflegte der Vater zu sagen)

verhielten sich ruhig in ihren Zimmern. Dort war es gemütlich, hell und

fröhlich, die Fenster gingen in den Garten, die Möbel waren sehr bequem,

außerdem die verschiedensten Spiele im Zimmer und draußen.

Im oberen Stock waren die Empfangszimmer. Da war alles vornehm und kalt.

Die Mahagonimöbel schienen ins Riesenhafte vergrößerte Puppenmöbel zu

sein. Gewöhnlichen Sterblichen boten sie eine äußerst unbequeme

Sitzgelegenheit, versuchte man nämlich, sich recht bequem zu setzen, so

war es nicht anders, als ließe man sich auf einen Stein fallen. Der

melancholische Hausherr hingegen saß auf seinem gewohnten Stuhl und

schien sich sehr wohlzufühlen.

Der Archimandrit -- ein häufiger Gast im Hause des Bürgermeisters --

pflegte diese Sessel und Sofas »Seelenretter« zu nennen. Hierauf

entgegnete das Stadthaupt:

»Weibische Verweichlichung, wie Sie das in anderen Häusern finden

werden, dulde ich nicht: da sitzt man auf Sprungfedern, alles gibt nach

unter der Last des Körpers, wie kann das gesund sein! Im übrigen sind

auch die Aerzte gegen zu weiches Sitzen.«

Jakob Anikiewitsch Skutschaeff, das Stadthaupt, begrüßte Peredonoff auf

der Schwelle seines Empfangszimmers. Er war groß, wohlbeleibt und hatte

kurzgeschorenes, schwarzes Haar; er verstand es, würdig, doch

gleichzeitig liebenswürdig zu sein und verhielt sich herablassend zu

Leuten mit geringem Einkommen.

Nachdem Peredonoff sich einigermaßen zurechtgesetzt und auf die

einleitenden Begrüßungsworte geziemend geantwortet hatte, sagte er:

»Ich komme in einer dringlichen Angelegenheit zu Ihnen.«

»Ich will mit Vergnügen mein Möglichstes tun. Womit kann ich dienen?«

erkundigte sich der Hausherr.

In seinen schlauen, schwarzen Augen war ein leises Mißtrauen zu sehen.

Er dachte, Peredonoff sei gekommen, um ihn um Geld zu bitten und er

beschloß, ihm in keinem Fall mehr als 150 Rubel zu leihen. Eine ganze

Reihe von Beamten waren Skutschaeff größere und kleinere Summen

schuldig. Skutschaeff forderte niemals ausstehendes Geld zurück,

verweigerte aber säumigen Schuldnern jedes weitere Darlehen. Das

erstemal gab er immer gerne, je nach den Vermögensverhältnissen des

Bittstellers und nach dem Bestande seiner eigenen Kasse.

Peredonoff sagte: »Jakob Anikiewitsch, Sie sind Bürgermeister und somit

der eigentliche Repräsentant unserer Stadt; in diesem Sinne habe ich mit

Ihnen zu sprechen.«

Skutschaeff setzte eine erhabene Miene auf und machte eine leichte

Verbeugung.

»Ueber mich werden in der Stadt unglaubliche und einfach erlogene

Klatschgeschichten verbreitet,« sagte Peredonoff mürrisch.

»Fremde Mäuler kann man nicht stopfen,« sagte der Hausherr, »und dann,

was haben die alten Basen in unsern Gefilden anderes zu tun, als ihre

Zunge zu rühren.«

»Es wird erzählt, daß ich nicht in die Kirche gehe und das ist gelogen,«

fuhr Peredonoff fort, »denn ich gehe regelmäßig zur Kirche. Zum

Eliasfest mußte ich zu Hause bleiben, weil ich Bauchschmerzen hatte.«

»Es stimmt,« bestätigte der Hausherr, »dafür kann ich stehen, habe ich

Sie doch selber des öfteren im Gottesdienst gesehen. Im übrigen bin ich

nicht oft in Ihrer Kirche. Ich fahre meist ins Kloster. Das ist so eine

Familiensitte bei uns.«

»Auch sonst klatscht man allerlei,« sagte Peredonoff, »z. B. soll ich

meinen Schülern unanständige Geschichten erzählen. Das ist Lüge. Es

kommt ja vor, daß man in der Stunde mal einen Scherz macht, um den

Unterricht zu beleben. Ihr eigner Sohn ist ja mein Schüler. Hat er Ihnen

etwa derartiges erzählt?«

»Es stimmt,« sagte Skutschaeff, »sowas hat er mir nie erzählt. Die

Bengel sind zwar sehr schlau, -- was ihnen nicht paßt, erzählen sie auch

nicht. Freilich mein Sohn, steckt noch ganz in den Kinderschuhen, aus

purer Dummheit hätte er was erzählt, aber etwas Derartiges habe ich nie

von ihm gehört.«

»Nun sehen Sie, in den älteren Klassen wissen sie sowieso schon alles,«

sagte Peredonoff, »aber selbst dort nehme ich kein unflätiges Wort in

den Mund.«

»Das versteht sich,« antwortete Skutschaeff, »das Gymnasium ist kein

Jahrmarkt.«

»Bei uns sind die Leute aber so,« klagte Peredonoff, »was nie gewesen

ist, verbreiten sie, als sei es wirklich geschehen. Aus diesem Grunde

bin ich zu Ihnen gekommen, -- Sie sind der Bürgermeister.«

Skutschaeff fühlte sich sehr geschmeichelt, daß man sich an ihn wandte.

Er begriff nicht recht, warum ihm das alles erzählt wurde und was er

dabei tun konnte, tat aber aus politischen Gründen so, als sei ihm alles

vollständig klar.

»Und dann ist da noch eine andere Geschichte,« fuhr Peredonoff fort, »es

wird mir verdacht, daß ich mit Warwara zusammenlebe, sie sei gar nicht

verwandt mit mir, sondern einfach meine Geliebte. Bei Gott, sie ist

meine Kusine, allerdings im vierten Grade; die darf man heiraten und ich

werde sie heiraten.«

»So, so, unbedingt,« sagte Skutschaeff, »die Hochzeit macht allem

Klatsch ein Ende.«

»Früher konnte ich nicht,« sagte Peredonoff, »es war ganz unmöglich;

sonst hätte ich mich schon trauen lassen. Sicherlich.«

Skutschaeff machte ein nachdenkliches Gesicht, klopfte mit seinem

weißen, dicken Finger auf die dunkle Tischdecke und sagte:

»Ich glaube Ihnen. Wenn es sich so verhält, wie Sie sagen, ist es ein

ganz ander Ding. Jetzt glaube ich Ihnen. Denn auch ich muß gestehen, es

berührte so merkwürdig, wie Sie da mit Ihrer Freundin, um mich so

auszudrücken, zusammen hausten. Dann muß man noch in Betracht ziehen,

daß die Kinder ein schlaues Volk sind; alles Schlechte begreifen sie

sofort und nehmen es an. Das Gute muß ihnen beigebracht werden, während

das Schlechte ihnen von selbst anfliegt. Und darum sage ich, berührte

mich Ihr Verhältnis merkwürdig. Und doch andererseits was geht es mich

an! Ein jeder kehre vor seiner Tür. Ich weiß es wohl zu schätzen, daß

Sie sich zu mir herbemüht haben, denn ich bin ein schlichter Mann und

habe nur eine Kreisschule besucht. Immerhin genießt man einiges Ansehen

in der Gesellschaft, bin ich doch heuer zum drittenmal Bürgermeister

geworden und mein Urteil wird nicht gering geschätzt in den besseren

Kreisen unserer Stadt.«

Skutschaeff redete darauf los und seine Gedanken verwirrten sich. Es

schien ihm, als wolle sein eigener Redeschwall kein Ende nehmen. Da

brach er kurz ab und dachte betrübt:

»Es ist so, als füllte man eine leere Flasche aus einem leeren Faß. Es

ist eine Plage mit diesen gelehrten Herren,« dachte er, »absolut nicht

zu begreifen, was sie eigentlich wollen. Was in den Büchern steht, ist

ihnen sonnenklar, stecken sie aber mal die Nase an die Luft, so wissen

sie nicht ein und aus und bringen noch andere Leute in die Tinte.«

Mißvergnügt ob dieses Nichtverstehens stierte er Peredonoff an; seine

sonst lebhaften Augen blickten trübe und sein Körper schien wie von

einer Last zusammengedrückt. Er war nicht mehr der rührige, energische

Mann von früher, sondern ein blöde gewordener Greis.

Auch Peredonoff war still geworden, als hätten ihn die Worte des

Hausherrn verwirrt, dann zwinkerte er mit den Augen, was merkwürdig

trübselig aussah, und meinte:

»Sie sind Bürgermeister, also können Sie doch sagen, daß das alles

erlogen ist.«

»Das heißt, was meinen Sie eigentlich?« fragte Skutschaeff vorsichtig.

»Eben dieses,« erklärte Peredonoff, »wenn zum Beispiel gegen mich

Anzeige erstattet wird, daß ich nicht zur Kirche gehe oder so was, und

man sich gegebenenfalls bei Ihnen danach erkundigt.«

»Das läßt sich machen,« sagte der Bürgermeister, »da können Sie sich

unbedingt auf mich verlassen. Gegebenenfalls werde ich für Sie

einstehen, und warum sollte man für einen Ehrenmann nicht einstehen. Wir

können Ihnen zum Beispiel -- wenn es nötig sein sollte -- eine

Ehrenadresse von der Stadtverwaltung übermitteln. Das geht alles. Oder

wir verschaffen Ihnen den Titel eines Ehrenbürgers beispielsweise, --

warum denn nicht, wenn es Ihnen nützt; alles das können wir.«

»Ich kann mich also auf Sie verlassen,« sagte Peredonoff dumpf, als habe

er auf eine peinliche Frage zu antworten, »es ist nämlich wegen des

Direktors, der schadet mir, wo er nur kann.«

»Was Sie nicht sagen!« ereiferte sich Skutschaeff und wackelte mitleidig

mit dem Kopf, »das ist ja nicht möglich, da hat man Sie bei ihm

verdächtigt. Es scheint jedoch, daß Nikolai Wassiljewitsch ein äußerst

gewissenhafter Herr ist; ohne Grund wird er keinem was zuleide tun. Das

sehe ich doch an meinem Sohne. Er ist ein strenger, aber gewissenhafter

Mann. Er wird nie ein Auge zudrücken und bevorzugt niemanden; mit einem

Wort: er ist sehr gewissenhaft. Es ist garnicht anders möglich, man hat

Sie bei ihm angeschwärzt. Was haben Sie denn für Differenzen?«

»Wir sind in vielen Dingen anderer Meinung,« erklärte Peredonoff,

»außerdem beneiden mich die Kollegen im Gymnasium. Alle wollen im Dienst

aufrücken. Nun hat die Fürstin Woltschanskaja versprochen, gerade mir

eine Inspektorstelle zu verschaffen. Und darum all der Haß und Neid.«

»So, so,« sagte Skutschaeff zurückhaltend, »übrigens ist es nicht gut,

bei trockener Kehle zu plaudern. Wollen wir ein wenig frühstücken und

ein Schnäpschen dazu trinken?«

Skutschaeff drückte den Knopf der elektrischen Glocke.

»Famose Einrichtung das,« sagte er zu Peredonoff, »Sie sollten einen

andern Beruf wählen.«

Indessen erschien das Dienstmädchen, eine grobknöchige, massive Person.

Skutschaeff bestellte bei ihr einen Imbiß und starken Kaffee. Sie

lächelte verlegen und ging. Ihre Schritte schienen merkwürdig leicht im

Verhältnis zu ihrer Körperfülle.

»Einen anderen Beruf,« wandte sich Skutschaeff wieder an Peredonoff.

»Beispielsweise der geistliche Stand. Wenn ich es mir recht überlege, so

müßten Sie einen ganz vortrefflichen, ernstdenkenden Priester abgeben.

Dazu könnte ich Ihnen leicht verhelfen. Ich habe nämlich gute Bekannte

in der höheren Geistlichkeit.«

Skutschaeff nannte die Namen einiger Bischöfe und kirchlicher

Würdenträger.

»Nein, ich will nicht Priester werden,« antwortete Peredonoff, »mir ist

der Weihrauch zuwider. Mir wird übel davon und der Kopf schmerzt.«

»In diesem Fall könnte man zur Polizeikarriere raten. Es ist lohnend,«

riet Skutschaeff, »werden Sie doch Landkommissar. Darf man erfahren,

welchen Rang Sie bekleiden?«

»Ich bin Staatsrat!« sagte Peredonoff mit Würde.

»Was nicht gar!« rief Skutschaeff aus, »sagen Sie doch bitte, so weit

kann es ein Lehrer bringen! Und nur weil er die Kinder erzieht? Ja, die

Wissenschaft hat was zu bedeuten. Uebrigens gibt es ja viele, welche der

Wissenschaft feind sind, und doch, es ist unmöglich, ohne Bildung

vorwärtszukommen. Zwar habe ich nur eine Kreisschule besucht, aber ich

bestehe darauf, daß mein Sohn in die Universität kommt. Es ist eine

bekannte Tatsache, wie schwer die Jungen im Gymnasium vorwärtskommen;

mit der Peitsche wollen sie getrieben sein, nachher geht es ganz von

selber. Wissen Sie, ich prügle ihn niemals, ist er aber träge oder hat

sonst irgend etwas auf dem Kerbholz, so fasse ich ihn an den Schultern

und führe ihn ans Fenster, -- von dort sieht man die Birken in unserem

Garten. Dann frage ich nur: siehst du, was dort wächst? Ich sehe,

Papachen, -- sagt er -- ich will's nicht wieder tun. Und in der Tat, das

hilft, der Junge nimmt sich zusammen, als hätte er wirklich eine Tracht

Prügel bekommen. O diese Kinder, diese Kinder!« seufzte Skutschaeff und

schloß damit seine Rede.

Peredonoff saß bei Skutschaeff gute zwei Stunden. Nach Erörterung der

geschäftlichen Angelegenheiten wurde ein gründliches Frühstück

eingenommen.

Skutschaeff machte die Honneurs mit nachdrücklicher Würde, als handle es

sich um etwas sehr Wichtiges und das gehörte zu seinem Wesen. Ueberall

suchte er schlaue Nebengedanken anzubringen. Der Glühwein wurde in

großen Kaffeetassen serviert, als wäre es Kaffee und der Hausherr nannte

ihn einen kleinen Mokka. Die Schnapsgläser waren ohne Fuß, er hatte ihn

fortschleifen lassen, damit man die Gläser nicht hinstellen konnte.

»Das bedeutet: bei mir muß alles auf den Zug geleert werden,« erklärte

er.

Noch ein Gast kam: der Kaufmann Tischkoff, ein kleines, graues Männchen.

Er war sehr munter und launig, trug einen langen Rock und merkwürdige

Stiefel, die großen Flaschen nicht unähnlich sahen. Er trank sehr viel

Schnaps, wußte auf jeden Unsinn gleich einen Reim und schien sehr

zufrieden mit sich zu sein.

Peredonoff schien es endlich angebracht, aufzubrechen; er verabschiedete

sich.

»Warum so eilig?« sagte der Hausherr, »bleiben Sie noch ein wenig.«

»Wenn Sie bei uns bleiben, helfen Sie die Zeit vertreiben,« sagte

Tischkoff.

»Nein, ich muß gehen«, antwortete Peredonoff geschäftig.

»Er muß gehn, seine Schwester zu sehn,« sagte Tischkoff und zwinkerte

mit den Augen.

»Ich habe zu tun,« sagte Peredonoff.

»Hat jemand viel zu tun, so kann er billig ruhn,« entgegnete Tischkoff

ohne zu zögern.

Skutschaeff begleitete Peredonoff ins Vorhaus. Zum Abschiede umarmten

und küßten sie sich. Peredonoff war sehr zufrieden mit diesem Besuch.

»Der Bürgermeister hält meine Kante,« dachte er und fühlte sich viel

sicherer.

* * * * *

Skutschaeff kehrte zu Tischkoff zurück und sagte:

»Es wird viel geklatscht über den Mann.«

»Klatscht man über den Mann, so ist es, weil er was kann,« reimte

Tischkoff und flott füllte er sein Schnapsglas mit Englisch-Bitter.

Es war klar, daß es ihm auf den Sinn der Rede nicht ankam, er griff die

Worte nur auf, um sie zu reimen.

»Er ist ein anständiger Kerl und auch im Trinken nicht faul,« fuhr

Skutschaeff fort und füllte sein Glas ohne auf Tischkoffs Reimerei zu

achten.

»Ist er im Trinken nicht faul, so hat er ein wackres Maul,« rief

Tischkoff fröhlich und leerte sein Glas auf einen Zug.

»Daß er sich die Mamsell da aushält, will nichts besagen!« meinte

Skutschaeff.

»Die schmutzige Mamsell bringt Flöhe ins Bettgestell,« antwortete

Tischkoff.

»Wer vor Gott nicht sündigt, sündigt auch vor dem Kaiser nicht.«

»Sündig sind unsere Triebe, wir schätzen die freie Liebe.«

»Er will seine Sünde gutmachen und sich trauen lassen.«

»Läßt man sich vom Pfaffen trauen, prügelt man hernach die Frauen.«

Das war Tischkoffs Art so zu reden, wenn es sich um Dinge handelte, die

ihn nichts angingen. Er wäre schon längst allen langweilig geworden,

doch hatte man sich an ihn gewöhnt und beachtete sein Geschwätz

garnicht; ab und zu kam es vor, daß man ihn einem fremden Gast sozusagen

vorsetzte. Ihm selbst war es ganz einerlei, ob man ihm zuhörte oder

nicht; es war ihm einfach unmöglich, die Worte anderer nicht in seinen

Reimereien zu verdrehen, und darin wirkte er mit der Pünktlichkeit eines

aufgezogenen Uhrwerks. Wenn man seine zerfahrenen, unstäten Bewegungen

beobachtete, konnte man leicht zum Glauben kommen, daß man es nicht mit

einem lebendigen Menschen zu tun habe, sondern mit einem, der schon

längst gestorben war oder überhaupt nicht gelebt hatte, und in der

ganzen Welt nichts sehen und hören konnte als klingende tote Worte.

Der kleine Dämon · 第 6 / 36 题