Ein Jäger hatte vier Söhne, die alle ihr Glück in der Welt suchen
wollten, und die zu ihrem Vater sagten:
»Vater, wir sind jetzt alle mehr als sechszehn Jahre alt; wir möchten in
die Welt gehen, um unser Glück zu suchen. Bitte, gieb uns ein wenig Geld
für die Reise.«
Der Vater gab jedem zwanzig Florin und ein Pferd. Sie ritten munter über
Berg und Thal, und kamen endlich auf einen Berg, wo vier Wege
zusammenkamen.
Hier rief der älteste Bruder laut:
»Meine Brüder, wir wollen hier auseinandergehen. Jeder soll einen
verschiedenen Weg einschlagen, um sein Glück zu finden. Wir wollen
unsere Messer in diesen Birkenbaum stecken, und über Jahr und Tag wollen
wir uns hier versammeln. Wenn einer von uns nicht kommt, und ein Messer
verrostet ist, werden wir wissen, daß dessen Eigentümer tot ist.«
Die vier Brüder verabschiedeten sich. Jeder ging seines Weges, und als
sie an günstige Orte kamen, lernten sie jeder ein Handwerk. Der Älteste
wurde Schuster, der Zweite Dieb, der Dritte Astrolog und der Vierte
Jäger.
Als Jahr und Tag herum waren, kamen sie alle an den Kreuzweg, fanden
ihre Messer ohne Rost, und gingen fröhlich nach Hause.
»Gott sei dank!« rief der Älteste. »Hier kommen wir alle wohlbehalten
nach Hause, mein Vater.«
»Nun,« sagte der Vater, »erzählt mir jetzt alle euere Erlebnisse.
Welches Handwerk hast du gelernt, mein ältester Sohn?«
»Ich bin Schuster geworden. Aber ich bin nicht wie die anderen Schuster,
mein Vater. Ich kann alles ausbessern, und dafür brauche ich nur die
Worte: 'Bessere dich aus,' zu sagen.«
Der Vater, der einen sehr alten Rock hatte, gab ihn dem Sohne und sagte:
»Zeige mir einmal, wie du es machst, mein Sohn, hier ist mein
abgetragener Rock.«
Der älteste Sohn nahm den Rock, rief laut: »Bessere dich aus, Rock,« und
augenblicklich war der Rock da, ebenso gut wie neu.
Dann fragte der Vater den zweiten Sohn:
»Nun, mein Sohn, welches Handwerk hast du gelernt?«
»Mein Vater, ich bin Dieb geworden; aber ich bin kein gewöhnlicher Dieb,
denn ich brauche ja nur an ein Ding zu denken und da kommt es von selbst
zu mir.«
Durch die Fensterscheiben sah der Vater einen Hasen vorbeispringen. Er
sagte:
»Mein Sohn, da ist ein Hase. Ich möchte ihn zum Mittagessen haben. Sieh,
ob du ihn stehlen kannst.«
Der Sohn dachte an den Hasen und rief: »Ich möchte den Hasen hier
haben.« Und augenblicklich lag der Hase auf dem Tische.
Als der Vater den dritten Sohn fragte, welches Handwerk er gelernt,
sagte er:
»Nun, Vater, ich bin Astrolog geworden. Aber ich bin kein gewöhnlicher
Astrolog, denn ich brauche den Himmel nur anzuschauen, und ich kann
sogleich alles sehen, was auf Erden geschieht.«
Der Vater fragte den vierten Sohn, was er Schönes gelernt, und er
erwiderte:
»Nun, Vater, ich bin Jäger geworden!«
»Ach, das ist recht! das ist ein ehrliches Geschäft!« rief der Vater.
»Ich bin ja auch Jäger!«
»Ja, mein Vater!« erwiderte der Jüngste, »aber ich bin nicht Jäger wie
du, sondern wenn ich das Wild sehe, brauche ich nur zu rufen: 'Du sollst
sterben!' und es ist augenblicklich tot.«
Der Vater, der wieder einen Hasen sah, antwortete:
»Töte den Hasen, so werde ich dir glauben.«
Der Sohn rief sogleich: »Du sollst sterben, Hase!« und der Hase war tot.
Der Vater konnte ihn aber nicht sehen. Dann schaute der Astrolog den
Himmel an, und sagte:
»Mein Vater, der Hase liegt dort, hinter dem Busche!«
»Das ist schon gut!« sagte der Vater, »aber wie können wir ihn hierher
bringen?«
»Er soll hier sein!« rief der Dieb, und er war sogleich da.
Der Hase war in einen Dornenstrauch (Busch) gefallen und sein Pelz war
zerrissen. Der Vater sagte:
»Schade, daß der Pelz so zerrissen ist!«
»Bessere dich aus!« rief der Schuster dem Pelze zu, und augenblicklich
war er wieder ganz.
Der Vater war mit seinen vier Söhnen sehr zufrieden, und sagte:
»Nun, jetzt ist es klar, daß ihr nun euer Brot verdienen könnt, da ihr
euere Handwerke doch so gut gelernt habt!«
Die vier Brüder hörten bald, daß der König des Landes sehr traurig sei,
denn er hatte seine einzige Tochter verloren. Er ließ überall bekannt
machen, daß er sein Reich und seine Tochter demjenigen Manne geben
würde, welcher sie finden und heimbringen würde. Die Brüder sagten
zugleich:
»Wir wollen in den Palast gehen und dem König sagen, daß wir seine
Tochter finden und heimbringen werden!«
Sie gingen alle vier in den Palast, und als der König hörte, daß sie die
Prinzessin finden und heimbringen wollten, war er sehr froh. Als die
Nacht heranbrach, schaute der Astrolog den Himmel an, und sah, daß die
Prinzessin von einem Drachen entführt worden sei, und daß er sie auf
eine Insel jenseits des Roten Meeres gebracht, wo sie ihn jeden Tag
während einiger Stunden liebkosen mußte.
Die vier Brüder stiegen in einen Wagen und fuhren nach dem Roten Meere.
Als sie an das Ufer kamen, stiegen sie in ein Boot, und ruderten zu der
Insel, wo die Prinzessin war. Sie spazierte langsam an der Küste des
Roten Meeres. Der Dieb sah sie zuerst und rief laut:
»Die Prinzessin soll hier sein!« und augenblicklich saß sie in dem
kleinen Boote bei ihnen.
Dann kam der böse Drache, und die Prinzessin schrie laut vor Schreck,
denn er wollte sie alle töten. Aber der Jäger sagte:
»Der Drache soll sterben!« und sogleich fiel er tot in das Wasser. Eine
seiner Krallen aber riß ein Loch in das Schiff, und sie wären alle
ertrunken, hätte der Schuster nicht laut gerufen:
»Bessere dich aus, Schiff!«
Das Schiff wurde augenblicklich wieder ganz. Sie kamen glücklich in den
Wagen, aber da fingen die Brüder an zu zanken.
»Die Prinzessin soll mein Weib werden!« rief der Astrolog. »Ich habe sie
ja entdeckt!«
»Nein, sie soll mein Weib werden!« rief der Dieb, »denn ich habe sie
gestohlen!«
»Ach nein; sie soll meine Frau werden!« rief der Jäger. »Ich habe den
Drachen getötet.«
»Still!« rief der Schuster, »sie soll meine Gemahlin werden, denn ich
habe das Loch in dem Boote ausgebessert, und wäre ich nicht da gewesen,
wäret ihr alle ertrunken!«
Als sie in den Palast kamen, sagten sie dem König, daß er zwischen ihnen
entscheiden solle, und er sagte:
»Nun, ich habe die Prinzessin dem Manne versprochen, der sie ~finden~
würde. Darum soll sie den Astrologen heiraten. Aber da Sie alle redlich
mitgeholfen, soll jeder von Ihnen ein Viertel (¼) meines Reiches zu
eigen haben.«
Die vier Brüder waren mit dieser Entscheidung zufrieden, und lebten
glücklich, jeder in seinem eigenen Reiche. Der alte Vater wohnte im
Frühling bei dem Schuster, im Sommer bei dem Diebe, im Herbst bei dem
Jäger, und im Winter bei dem Astrologen, und überall war er gut
aufgehoben, und hatte alles was er sich nur wünschen konnte, so lange er
lebte.
(15) This is a Moravian tale, forming part of their collection of
National Stories. It has been related by Kulda, and by Mr. Wratislaw
in his collection of Folk-Tales. Grimm has also a similar story in his
collection, where it is known as "The Four Accomplished Brothers."
Kleine Gedichte.