14. Die Waldfrau.(14)

Betty war ein kleines Mädchen, die einzige Tochter einer armen Witwe.

Die Witwe hatte nur ein ärmliches Häuschen und zwei Ziegen, und Betty

mußte diese zwei Ziegen täglich in dem Birkenwalde weiden, da die Mutter

keine Wiese besaß.

Jeden Morgen nahm Betty ein Körbchen mit Brot, und eine Spindel, und

ging fort mit ihren Ziegen; und jeden Morgen rief ihr die Mutter nach:

»Die Spindel muß diesen Abend voll sein!«

Betty ging immer munter fort, und als sie in den Wald kam, ließ sie die

Ziegen weiden, und spann fleißig, bis die Mittagsstunde herankam. Dann

aß sie ihr Brot, suchte einige Wald-Erdbeeren, und tanzte lustig einige

Minuten, ehe sie das Spinnen wieder aufnahm.

Eines schönen Sommertages, nachdem sie gegessen, und gerade als sie

ihren Mittagstanz begonnen, sah sie ein wunderschönes Mädchen im weißen

Kleide vor sich stehen.

Das Mädchen hatte langes, goldenes Haar, und darauf war ein Kranz von

Waldblumen. Betty war sehr erstaunt dieses Mädchen zu sehen, doch als

diese sie fragte, ob sie gern tanze, vergaß sie alle Furcht und

antwortete fröhlich:

»Ach ja! ich tanze so gern, daß ich den ganzen Tag nichts anderes thun

möchte!«

»Das ist gut!« rief das schöne Mädchen. »Ich tanze auch gern. Kommen

Sie, wir wollen zusammen tanzen!«

Sie nahm Betty bei der Hand, und bald gingen sie lustig im Kreise herum,

und Betty tanzte so leicht, und wurde weder müde noch außer Atem, denn

die kleinen Vögel kamen alle und sangen lustige Tanzmusik.

Betty vergaß alles in ihrer Tanzlust, und erst als die Sonne am

Horizonte heruntersank, die Vögel fortflogen und das Mädchen aufhörte zu

tanzen, dachte sie an ihre Ziegen und an ihre unvollendete Arbeit.

Das Mädchen mit den goldenen Locken war plötzlich verschwunden, und

Betty war wieder ganz allein in dem Birkenwalde mit ihren Ziegen. Es war

Zeit nach Hause zu gehen, und Betty packte ihren ungesponnenen Flachs

und die Spindel, die nicht halb voll Faden war, in das Körbchen, und

brachte die Ziegen nach Hause. Sie war aber so reuig, so lange getanzt

zu haben, daß sie nicht wie gewöhnlich laut singen konnte, und die

Mutter fragte, ob sie vielleicht krank sei.

»Nein, Mutter, ich bin nicht krank!« erwiderte Betty. Sie steckte

Spindel und Flachs ein und dachte bei sich selbst:

»Es ist gut, daß die Mutter den Faden nicht sogleich windet. Morgen muß

ich sehr fleißig sein und viel spinnen, denn heute bin ich sehr träge

gewesen!«

Am folgenden Morgen ging Betty wieder in den Birkenwald mit ihren

Ziegen, und spann fleißig bis Mittag, dann aß sie ihr Stück Brot,

pflückte schnell einige Erdbeeren, und schickte sich soeben zu einem

kurzen Tanze an, als das goldlockige Mädchen plötzlich wieder erschien,

und sie wieder zum Tanze aufforderte.

»Schönes Fräulein,« sagte Betty. »Sie müssen mich heute entschuldigen.

Ich kann nicht mit Ihnen tanzen, denn ich muß viel spinnen, sonst wird

meine Mutter böse!«

»Ach, liebes Kind, kommen Sie nur, tanzen Sie nur getrost mit mir, das

Spinnen werde ich besorgen.«

Und das schöne Mädchen faßte sie bei der Hand, und tanzte wieder lustig

mit ihr im Kreise herum, während die Vöglein alle die schönste Tanzmusik

sangen.

Sie tanzten so unermüdlich von Mittag an, bis es beinahe Zeit zum

Sonnenuntergang war. Da hielt das Mädchen plötzlich inne, und jetzt

dachte Betty wieder zum erstenmal an ihren ungesponnenen Flachs und

weinte bitterlich.

»Weinen Sie nicht, mein Kind,« rief das schöne Mädchen. »Ich will das

schon besorgen.«

Sie nahm die Spindel und spann so blitzschnell, daß aller Flachs

gesponnen war, als die Sonne am Horizonte hinunterging.

»Da, mein Kind,« rief sie freudig. »Sehen Sie nur, die Spindel ist ganz

voll!«

Mit diesen Worten reichte sie Betty die Spindel. Dann verschwand sie

plötzlich, und nun ging Betty glücklich singend nach Hause. Da fand sie

ihre Mutter in sehr böser Laune, denn sie hatte den Faden winden wollen,

und hatte die halb volle Spindel gefunden. Sie schalt das Kind und

sagte:

»Betty, du bist ein faules Kind. Gestern hast du deine Spindel nicht

voll gesponnen.«

»Ja, Mutter,« erwiderte sie entschuldigend, »gestern habe ich zu lange

getanzt, aber siehe, heute ist meine Spindel voll prächtigen Fadens!«

Die Mutter sah die volle Spindel an und schalt nicht mehr.

Am dritten Morgen ging Betty wieder in den Wald mit Ziegen und Spindel,

spann wieder fleißig den ganzen Morgen, und aß ihr Mittagsbrot und

Erdbeeren wie gewöhnlich. Als sie sich zum Tanzen schickte, kam das

schöne Mädchen plötzlich wieder und sagte freundlich:

»Kommen Sie, Betty, wir wollen wieder zusammen tanzen!«

Sie tanzten lustiger als je, eine Stunde nach der anderen, und fühlten

keine Müdigkeit, so lange die kleinen Vögel fröhliche Tanzmusik sangen.

Endlich hörten die Vögel auf zu singen und die Mädchen zu tanzen, und

Betty rief wieder traurig:

»Ach, da geht die Sonne schon unter, und meine Arbeit ist nicht fertig!

Meine Mutter wird tüchtig schelten! Sie wird wieder sagen, daß ich träge

gewesen sei!«

»Nein, liebes Mädchen, Ihre Mutter soll Sie nicht schelten. Ich will

Ihnen helfen. Geben Sie mir Ihren Korb!«

Das schöne Mädchen nahm den Korb, ging weiter in den Wald hinein, und

kam bald damit wieder:

»Da, Betty,« sagte sie. »Ich habe etwas in Ihren Korb gelegt, das die

Mutter entschädigen wird für den Faden, den Sie heute nicht gesponnen

haben. Öffnen Sie den Korb erst, wenn Sie nach Hause kommen!«

Das schöne Mädchen verschwand wieder, und Betty ging nach Hause.

Unterwegs dachte sie:

»Mein Korb ist eben so leicht, als ob er leer wäre. Es kann ja unmöglich

etwas darin sein!«

Sie konnte nicht warten, bis sie nach Hause kam, um den Deckel ein wenig

zu heben, sah aber nichts als dürre Birkenblätter!

Da fing sie an zu weinen, warf zwei Hände voll Birkenblätter aus dem

Korbe, und ging traurig nach Hause.

Als sie dorthin kam, rief ihre Mutter laut:

»Ums Himmelswillen, Kind, was ist los mit der Spindel, die du mir

gestern heimgebracht hast? Sie ist sicher verhext, denn ich habe heute

den ganzen Tag gewunden, und der Faden kam nicht zu Ende, bis ich laut

rief: 'Ein böser Geist muß dies gesponnen haben!'«

Dann erzählte Betty ihrer Mutter alles, was ihr in dem Birkenwalde

begegnet war, und die Mutter sagte:

»Ach, das war eine Waldfrau, oder ein Moosweiblein! Sie sind gute

Geister. Sie thun uns nichts zu leide, und wäre ich nur nicht ungeduldig

gewesen, so hätte ich ein ganzes Zimmer voll Faden gehabt. Die

Waldfrauen sind den guten Mädchen immer behülflich!«

Da dachte Betty: »Vielleicht hat sie noch eine Spindel Faden unter die

dürren Blätter versteckt? Ich muß suchen!«

Wieder hob sie den Deckel des Korbes auf, und siehe, da waren statt

dürrer Birkenblätter lauter schöne Goldmünzen.

»Ach Mutter, siehe doch diese schönen Goldmünzen an!« rief das entzückte

Mädchen.

Die Mutter war auch entzückt und sagte:

»Es ist gut, mein Kind, daß du nicht alle Birkenblätter fortwarfst! Hier

haben wir Gold genug, um uns ein kleines Gut zu kaufen!«

Betty und ihre verwitwete Mutter kauften nun wirklich ein kleines Gut.

Sie kauften auch viele Kühe, Pferde, Ochsen, Schafe, Ziegen, Hühner,

Gänse und Enten, und wurden sehr reich. Betty mußte das Vieh nicht mehr

hüten, aber sie ging oft in den Wald, denn sie hoffte immer die schöne

Waldfrau noch einmal dort zu sehen. Diese Hoffnung aber war immer

vergebens, und Betty wurde sehr alt, ohne ihr schönes Mädchen je

wiedergesehen zu haben.

(14) This is one of the Western Slavonian myths, belonging in Bozena

Nuncova's collection. It is very popular in Bohemia, and has been

translated into English by Wratislaw, in his "Sixty Folk Tales from

Exclusively Slavonic Sources." The belief in wood nymphs, who took an

interest in, and helped industrious mortals, was very common among all

the nations of Northern and Central Europe, where they were known as

Wood and Moss Maidens or as Huldra-folk.

Märchen und Erzählungen für Anfänger. Erster Teil · 第 45 / 85 题