»Ach,« sagte Heinrich erstaunt, »das ist schön! Lamm, du bist nicht wie
mein Lamm. Du kannst sprechen und aufstehen! Mein Lamm kann weder
sprechen noch aufstehen. Du bist ein schönes Spielzeug.«
Er stand da und der Schäfer, der ihn aus dem Berge hatte kommen sehen,
sah ihn erstaunt an. Heinrich sah den Schäfer, sprang zu ihm und rief:
»Ach, Räuber, ist das Ihre Höhle?«
»Ich bin kein Räuber!« sagte der Schäfer. »Dieses ist keine Höhle. Wer
bist du? Woher kommst du?«
»Ich bin durch den Gang von unserer finsteren Höhle hier in diese schöne
Höhle gekommen. Aber hier ist es viel schöner und lichter als bei uns.
Ihre Lampe ist auch viel größer. Haben Sie das Gras allein gemacht? oder
haben die anderen Räuber Ihnen geholfen?«
Der Schäfer, der schon oft von Räubern gehört hatte, fürchtete sich
sehr, als er das Kind so sprechen hörte. Er sah das Kind wieder an und
dachte: »Das Kind kann kein Räuberkind sein. Es muß ein entführtes Kind
sein. Vielleicht kommen die Räuber bald es fortzunehmen. Hier kann es
nicht bleiben.«
Er nahm das Kind auf einen Arm, das Lamm auf den anderen, und lief
schnell fort. Bald kam er vor eine kleine Hütte. Hier wohnte ein
Einsiedler. Der Einsiedler wohnte hier allein. Er war sehr gut, er
liebte Gott, und alle Menschen liebten ihn, denn er war immer froh ihnen
helfen zu können.
Der Schäfer trat schnell in den kleinen Garten vor der Hütte.
Da war der gute Einsiedler. Er saß unter einem Baume. Er hatte sein
Gebetbuch in der Hand. Der Schäfer sagte ihm, wie er das Kind aus der
Erde hätte kommen sehen, und wie das Kind nur von der Höhle und den
Räubern spräche.
Der Einsiedler hörte alles, und als der Schäfer zu Ende war, sagte er
ruhig:
»Ja, das Kind kann kein Räuberkind sein. Es ist zu fein geformt. Es muß
das Kind reicher Leute sein. Die Räuber müssen es gestohlen haben, als
es sehr jung war. Ich will das Kind hier in meinem Hause behalten.
Hierher kommen die Räuber sicher nicht, denn sie wissen, daß ich weder
Gold noch Silber habe, und daß sie hier nichts zu stehlen finden.«
Der Schäfer dankte dem Einsiedler, ließ das Lamm dem kleinen Heinrich
und ging fort.
Heinrich spielte mit dem Lamme und der Einsiedler sagte langsam:
»Armes Kind, Sie sehen sehr blaß und unwohl aus, aber da Sie vielleicht
schon lange in dem Berge wohnten, ist es sehr natürlich. Mein Kind,
haben Sie weder Vater noch Mutter?«
»Ach ja,« sagte das Kind, »ich habe eine schöne Mutter. Sehen Sie, hier
ist meine Mutter!« und das Kind gab dem Einsiedler das schöne Bild, das
es mitgebracht hatte.
Der Einsiedler sah die wunderschöne Frau und sagte erstaunt: »Das ist
eine wunderschöne Frau! Sie muß eine Königin oder eine Gräfin sein. Ja,
sie ist die Mutter des Kindes. Das kann ich sehen. Das Kind hat
dieselben Augen und denselben Mund! Nun, da wir das Bild haben, werden
wir die Eltern des Kindes vielleicht finden können. Sie müssen sehr
traurig sein, das schöne Kind verloren zu haben!«
Das Kind spielte lange mit dem Lamme. Endlich sah es die schönen Blumen
in dem Garten des Einsiedlers, und sagte erstaunt: »Ach, wie haben Sie
alle die schönen Blumen da gemacht? Sie haben mehr und schöneres Papier
als ich!«
Der Einsiedler sagte: »Ich habe die Blumen nicht gemacht. Der liebe Gott
hat sie alle gemacht!«
»Ist er der Führer der Räuber?« fragte das Kind.
»Ach, nein,« sagte der Einsiedler. »Haben Sie nie von Gott gehört, mein
Kind?«
»Nein, er ist nicht in unserer Höhle,« antwortete das Kind. Als der
Einsiedler das hörte, dachte er: »Hier muß das Kind bleiben den ganzen
Sommer, bis es wieder frisch und wohl ist, und bis es gelernt hat, Gott
zu ehren, und gut zu sprechen, denn es spricht nicht gut. Das Sprechen
hat es sicher von den Räubern gelernt, denn es sagt oft sehr schlechte
Worte.«
Der Einsiedler führte Heinrich in die Hütte. Da war alles sehr schön,
aber sehr klein. Der Einsiedler setzte Honig und Brot, Früchte und Wein
auf den Tisch, und das Kind sagte:
»Wie viele gute Dinge Sie hier zu essen haben. Sie haben sicher heute
eine gute Beute heimgebracht.«
»Ich bin kein Räuber,« sagte der Einsiedler. »Diese Früchte und dieser
Wein kommen aus meinem Garten. Das Brot kommt von meinem Korn, der Honig
von meinen Bienen, Gott hat mir alles gegeben!«
Als sie mit dem Essen zu Ende waren, nahm der Einsiedler eine Kanne voll
Wasser. Er wollte seine Blumen begießen, aber das Kind sagte:
»Ach, guter Mann, thun Sie das nicht! Sie werden die schönen Blumen
verderben. Ich habe eine Blume einmal in das Wasser fallen lassen und
sie war nie wieder schön.«
»Ja,« sagte der Einsiedler. »Papierblumen sind nicht wie diese Blumen.
Diese Blumen hat der liebe Gott gemacht. Sie wachsen aus der Erde, und
sie müssen immer viel Wasser zu trinken haben. Darum muß ich sie jeden
Tag begießen!«
Das Kind ging mit dem Einsiedler überall hin und sah viele schöne Dinge,
und hörte vieles, das es nicht verstehen konnte. Endlich sank die Sonne
am Horizonte nieder. Das Kind sah es und schrie laut:
»Ach, sehen Sie, die schöne Lampe ist in ein Loch gefallen! die schöne
Lampe ist in ein tiefes Loch gefallen!«
»Nein,« sagte der Einsiedler. »Das ist nur der Sonnenuntergang. Morgen
kommt die Sonne wieder. Aber jetzt mußt du zu Bette gehen, liebes Kind,
du mußt müde sein!«
Das Kind sah das Bett, wunderte sich, legte sich darauf und schlief bald
fest ein, aber der Einsiedler betete noch lange um Gottes Hülfe.
Das Kind blieb da, in der Einsiedelei, den ganzen Sommer. Es lernte
viel, wurde stark und gesund, und konnte bald sehr gut Deutsch sprechen.
Der Einsiedler lehrte es viel von Gott und von der Welt, die Er
geschaffen hat.