Ein sanfter Maientag ging zur Rüste.
Am Horizont lösten sich prachtvolle Farben ab. Ein Spiel von Gelb,
Tiefblau und Rot wogte durcheinander, und durch die Äste der
Fliederlaube fielen die letzten rötlichen Lichter. Ein leises Lüftchen
wehte durch den Garten, sonst atmete alles Beruhigung und Abendstille.
Aber zu dieser friedlichen Umgebung paßte schlecht die wilde Bewegung,
die in dem Pachthause ausgebrochen war.
Scheu und lautlos wie früher schlichen Knechte und Mägde umher, die
Türangeln wurden eingeölt, damit sie die Kranke nicht durch Knarren
störten, alles im Hause hüllte sich wieder in Schweigen, eine dumpfe,
düstere Feierlichkeit drückte abermals auf Menschen und Gehöft herab.
Am Abend war der Kreisphysikus eingetroffen und weilte jetzt allein in
dem großen Wohnzimmer. Immer stiller wurde es im Haus, nur zuweilen
hörte man einen schrillen Wehruf aus der Krankenstube.
In der Fliederlaube aber saßen zwei schweigsame Menschen, die fuhren
zusammen, wenn solch ein klagender Laut heraustönte, und hielten den
Atem an, ob er sich nicht wiederhole.
Immer heimlicher und dämmernder wurde es um sie herum, hinter Baum und
Strauch quollen lichte, weiße Nebel hervor, und die beiden verängsteten
Menschen konnten kaum noch ihre Züge erkennen.
»Heting, nun geh zu meiner Frau,« forderte endlich der Pächter
undeutlich, indem er noch tiefer in den Schatten der Laube rückte, »und
sieh dich um, warum der Doktor gar nicht zurückkommt.«
Damit sank die große Gestalt wieder in sich zusammen und brütete so
verloren vor sich hin, daß der Landmann nicht bemerkte, wie Hedwig
seinem Wunsch nicht Folge leistete, sondern still neben ihm sitzen
blieb.
Endlich strich sie sich das Haar aus der Stirn. Das gewahrte Wilms.
»Hedwig, wolltest du nicht -- --?«
»Nein, Schwager, ich gehe nicht zu deiner Frau.«
»Du -- gehst nicht?«
»Nein -- nicht -- bitte, Wilms -- laß mich nicht mehr hinein.«
»Ja -- aber -- Heting, warum denn?«
»Weil -- weil ich mich vor ihr fürchte,« kam es bebend über ihre Lippen.
Der Pächter starrte sie an -- verständnislos -- und faßte sich an den
Kopf.
Noch wußte der Hofpächter ja nicht, was sich heute morgen zwischen den
beiden Schwestern abgespielt hatte. Schweigend hatte Hedwig alles in
sich verschlossen; der zartfühlende, weichherzige Mann brauchte es ja
nicht zu erfahren, daß sie entdeckt seien, daß ihre heimliche Sehnsucht,
die sich noch niemals geäußert, die noch Wunsch war ohne Erfüllung, daß
diese bereits belauert und verflucht sei von der Scheidenden, die sie
nun bald nicht mehr stören würde.
Alles wollte sie kalt und stolz von ihm fernhalten, um selbst zu harren
und zu lauern, bis die Erlösung endlich da wäre -- der Anfang des Glücks.
Aber jetzt -- jetzt, wenn die wilden Wehlaute herausdrangen bis in den
stillen Garten, dann ertrug sie es nicht. Dann schreckte sie zusammen
und zitterte. Wie Eis lag es ihr ums Herz. War sie wirklich schuld, daß
ein Menschenleben dort drinnen scheiden mußte? Hatte sie wirklich eine
Verzweifelte in den Tod getrieben?
Wieder schlug ein Schmerzensschrei an ihr Ohr.
Das überwältigte sie, dem war sie nicht gewachsen, alles schrie in ihr
nach Trost -- Ruhe -- Verzeihung.
Ein Wort der Liebe entbehrte sie, ein einziges Wort von dem Manne, dem
sie ihre Jugend schenken wollte, dem sie sich hingeben wollte,
bedingungslos, jetzt, wo es auch immer sei, weil er sie mit seiner
dumpfen Hilflosigkeit von Anfang an betört hatte.
Aber der Pächter saß verstört da und regte sich nicht.
Da ließ Hedwig mutlos die Hände in den Schoß sinken und verzweifelt
murmelte sie:
»Ich wünschte, ich wäre es, die sich zur ewigen Ruhe legen könnte, und
bei euch bliebe alles beim alten. -- Ich stürbe so gern.«
Aber der Tod hatte noch keine Gewalt über sie, das Leben schlug vielmehr
brausend über ihr zusammen.
Wilms packte krampfhaft ihre Hand: »Du -- Heting?« stammelte er, »nein,
nein -- nur nicht du -- das könnt' ich nicht ertragen -- nur du nicht --
wir wollen ja zusammen bleiben.« Er umklammerte sie und drückte sie an
sich.
Und dann war es plötzlich da, was sich seit Monden näher und näher
geschlichen hatte.
Ohne Übergang fühlte sie seine zuckenden Lippen auf den ihren, sie
schlang ihre Arme um den gewaltigen Nacken des Mannes und unter
schmerzhaften Küssen merkte sie, wie seine Tränen ihr Gesicht netzten.
Auch sie schluchzte. Als ob sie sich trösten wollten, lagen sie einander
in den Armen.
Es war kein freudiges Finden.
* * * * *
In dem weiten, ungemütlichen Wohnzimmer war es inzwischen stiller
geworden. Der dicke Kreisphysikus hatte seine Untersuchung beendet und
die Schwerleidende schonend befragt, durch was sie denn so plötzlich in
Erregung versetzt worden wäre. Lange hatte das matte Weib seinem Drängen
widerstanden, endlich jedoch, als der alte Herr sie gar so väterlich und
gut in die Arme nahm, faßte sie sich ein Herz, und wie ein kleines Kind
an den alten Freund geschmiegt, flüsterte sie ihm stockend und weinend
ihre entsetzliche Entdeckung zu.
»O, Gott, das hätt' ich nicht geglaubt -- aber es ist wahr, Herr Doktor,
Krischan hat es selbst gesehen.«
Der alte Arzt schüttelte den Kopf und redete ihr aus voller Überzeugung
solche Vermutungen aus. »Ach, Unsinn -- mein Kinding -- Gesindegeklätsch.«
»Wirklich?« hauchte sie schwach. Aus ihren Augen brach ein
Hoffnungsstrahl.
»Selbstverständlich -- da kenn' ich die beiden zu gut.«
»Ach, ja,« flüsterte die Liegende dankbar, dann hob sie den müden Blick
zur Decke empor, auf welche die brennende Lampe ihren gelben Kreis warf,
und drückte dem Physikus zum Schluß die Hand, »ich glaube es ja auch
nicht,« sagte sie mit zuckenden Lippen, »nein, ich glaub' es nicht --
glaub' es nicht.«
Wilms trat ein.
Sein Weib lächelte ihn an und bewegte die Lippen. Jedoch es war
unverständlich, was sie verlangte.
Der Arzt beugte sich über sie.
»Wilms, Ihre Frau wünscht auch ihre Schwester zu sehen,« erklärte er
sodann und begab sich selbst in den Garten, um das Mädchen zu holen. In
der Laube traf er sie. Es herrschte schon Finsternis.
»Nach mir verlangt Else?« sprach Hedwig verwirrt, aber den langjährigen
Freund durfte sie die Unruhe, die in ihr stürmte, nicht merken lassen.
»Ja, wir wollen zu ihr.«
Welch ein Gang. Noch brannten die ersten Küsse auf ihrem Munde, noch
wußte sie nicht, wie das alles möglich war, und was nun folgen sollte.
»Wird sie noch lange leiden?« forschte sie atemlos.
Ob der kleine Physikus den nachzitternden Wunsch aus dieser Frage
herausgehört hatte? Vor dem Hausflur blieb er stehen und strich ihr
gedankenvoll über die welligen Haare.
»Ja, sie kann noch sehr lange leiden,« gab er halblaut zurück, »und
deshalb -- Heting, ich glaube, es wäre gut, wenn du jetzt dauernd von
hier fortgingst.«
»Ich?« Sie erschrak; -- wußte er schon etwas?
»Der Aufenthalt hier ist dir nicht gut bekommen. Du kamst hier als eine
Dame an, und -- ich weiß nicht, aber du hast hier draußen etwas Hartes,
Bäuerisches angenommen, und -- es wäre wirklich für alle gut, verstehst
du,« brach er ab, »wenn du zu deinem Vater zurückgingst.«
Keine Antwort.
Starr und groß blickte das Mädchen durch die Dunkelheit zu dem alten
Freunde hinüber. Es war ihr zumute, als sollte sie ihm jetzt um den Hals
stürzen, um ihm all ihre peinigenden Gedanken, die gierig um den Tod der
eigenen Schwester herumflatterten, zu beichten und anzuvertrauen. Aber
noch war ihre Kraft nicht erschöpft.
Sie faßte sich und gab dem Doktor ruhig zur Antwort: »Es ist vor allen
Dingen meine Pflicht, hierzubleiben, solange Else mich nötig hat. -- Ich
danke Ihnen aber für Ihren Ratschlag,« setzte sie beklommen hinzu,
während sie schon durch den Flur schritten.
»Es war gut gemeint,« sprach der kleine Physikus nachdrücklich.
Die Ansicht über die Unschuld des Mädchens stand nicht mehr so
felsenfest bei ihm. Er maß seine Begleiterin mit einem mißtrauischen
Blick.
Sie traten ein.
An dem Bette der Kranken saß Wilms, das Haupt mit den kurzgeschorenen
blonden Haaren tief auf die Brust gesenkt. Er hob es auch nicht, als er
den Schritt des Mädchens hörte. Seine große Hand ruhte in der seines
Weibes.
Die Trostesworte des Arztes mußten der Hingestreckten Linderung
verschafft haben, denn sie lag jetzt still und nickte Hedwig eifrig zu,
näher heranzukommen.
Die Jüngere gehorchte. Dabei empfand sie, daß die Blicke der Kranken sie
durchdrangen, und obwohl es ihr schien, als ob der silberne Ring, den
ihr Wilms geschenkt hatte, jetzt an ihrem Finger weißglühend würde, und
trotzdem sie glaubte, ihre Lippen würden nun von selbst die heimlichen
Küsse bekennen, so bezwang sie sich dennoch und sah die Kranke groß und
ruhig an.
Nur ihre Brust hob sich ängstlich. Die Blicke der beiden Schwestern
trafen sich, und als Else in diese stillen, braunen Augen hineinsah,
schien sie Beruhigung zu schöpfen. Wenigstens zog sie Hedwig bis auf den
Bettrand nieder und streichelte ihr stumm die Wange. Aber im
Niederbeugen streifte Hedwigs Gewand den sitzenden Wilms. Ein Schlag
durchzuckte das junge, aufgeregte Weib. Wieder war ein Moment gekommen,
wo sie sich beinahe über die Leidende geworfen hätte, um die Last von
sich zu werfen und all ihre Schuld zu gestehen. Aber der Aufbruch des
Arztes drängte sich zwischen ihre Gedanken. Nachdem der Physikus dem
Pächter noch einige Verhaltungsmaßregeln erteilt hatte, verabschiedete
sich der treue Hausfreund, und bald verkündete ein leises Rollen, daß er
vom Hofe heruntergefahren sei.
Die drei bedrückten und beladenen Menschen blieben allein. Tiefes,
anhaltendes Schweigen herrschte, nur zuweilen knirschte der Sand auf dem
Fußboden, oder die Uhr in dem Kasten regte sich und schlug. Die Kranke
lag und hatte die Augen geschlossen, aber unter den gesenkten Wimpern
lenkte sie heimlich ihren Blick von Wilms auf Hedwig und von dem Mädchen
wieder spähend auf den Mann.
Doch ihrem Argwohn wurde keine Nahrung zugeführt.
Die beiden saßen sich gegenüber, als wären sie sich völlig fremd und
gleichgültig.
»Sollte der alte Knecht nur aus Haß gesprochen haben?« dachte Else
erleichtert, »ach, wenn das doch wahr wäre.« Eine lange Zeit verging. Da
bemerkte Else, die nach Art der Kranken nervös mit dem kleinen Goldherz
auf ihrer Brust spielte, wie ihre Schwester sich hinüberbeugte, als
wünsche sie mit dem gänzlich in sich versunkenen Manne zu reden.
»Nein -- nein.« Das wollte die Leidende nicht. Mitten in ihrer Qual wurde
sie eifersüchtig auf die junge Schönheit, die so ruhig auf dem Bettrand
saß in ihrem weißen, mit Rosenknöspchen gemusterten Kleide, das leicht
und knapp am Körper herunterfloß.
Wie voll sie erblüht war. -- Nein, nein, sie sollte mit Wilms nicht
reden. Else wollte allein sein mit ihrem Manne. Und jetzt fiel ihr auch
auf, wie sonderbar Hedwig das Goldherz betrachtete. Das flößte der
Kranken Furcht ein.
»Das Herz -- ist -- ein Andenken -- von Wilms,« brachte sie mit
Anstrengung hervor, indem sie das winzige Kleinod küßte, »und nun,
Hedwig -- geh' schlafen. -- Wilms soll heut bei mir bleiben -- ich -- ich
will allein sein mit -- meinem Manne -- hörst du?«
Es war so bezeichnend gesprochen und von so unverkennbarer Abneigung
begleitet, daß Hedwig sich rasch erhob und ohne ein weiteres Wort aus
der dumpfen Krankenstube hinauseilte. Kaum war sie draußen, so atmete
sie erleichtert auf und flog in ihr Kämmerchen empor, das sie seit Elses
Rückkunft wieder bewohnte.
Dort oben entzündete sie Licht, öffnete das Fenster, lehnte sich hinaus
und sog den warmen betäubenden Nachtduft ein, der von Wiesen und Äckern
herüberquoll.
»Wie lange mag sie wohl noch leben?« ging es wieder ungeduldig durch
ihre Sinne. Sie harrte jetzt schon wie eine Verzweifelte. Und während
sie bereits halb entkleidet auf ihrem Bette kniete, streckte sie noch
einmal sehnend die Arme aus, als wollte sie jemand umfangen,
unauflöslich an ihrer Brust verstricken. Glut und Begehren schwemmten
alle Angst fort. Wild, ohne alle Eindämmung, lag sie im Bette und
lauschte, ob nicht Wilms kommen würde, ihr das Abscheiden der
Verfallenen zu melden.
Ein längstvergessener Liedvers fiel ihr ein. Den summte sie in ihrer
Aufregung vor sich hin:
»Der schwarze Reiter hält vorm Haus.
Komm' feine Frau zu mir heraus,
Ein Hemd genügt -- mußt eilen,
Daß ich vom ersten Morgenstrahl
Zurück bin über See und Tal;
Wir reiten viele Meilen.«
Aber der schwarze Reiter hielt noch nicht vor dem Pachthof, das
Stundenglas rann noch weiter.
* * * * *
Es schlug eins.
Die Kranke regte sich. Mit feuchter Hand hielt sie noch immer die Rechte
des Gatten umspannt. »Wilms,« flüsterte sie heiser.
Aufgescheucht fuhr der Pächter empor. In seiner Betäubung hatte er dem
Schlummer nachgegeben und merkte erst jetzt, daß die erloschnen Augen
seiner Frau schon lange stumpf und starr auf ihm ruhen mußten.
»Was willst du, Elsing?«
»Ich glaube -- es geht bald -- mit mir zu Ende,« röchelte sein Weib, und
es klang, als ob ihr der Tod bereits auf der Brust säße.
»Elsing -- um Gottes willen -- bist du denn kränker geworden?«
»Ja, ich glaub' wohl. -- Wilms -- ich dank' dir auch für alle Liebe
-- -- -- nur zuletzt -- aber sag' mir die Wahrheit; du hast mich nie
belogen: -- Wenn ich nun gestorben bin -- willst -- willst du dann Hedwig
heiraten?«
Es war schon, wie wenn die Stimme von jenseits des Grabes dränge, der
Pächter umklammerte die Lehne seines Stuhls, er konnte kein Wort
hervorbringen, die Zunge klebte ihm am Gaumen, seiner selbst kaum
mächtig, schüttelte er nur den Kopf, während das Bild der immer mehr
sich verfärbenden Frau seine ganze Seele gefangen nahm.
Langsam hob die Scheidende den Finger und bewegte ihn, wie man einem
kleinen Kinde droht. Dann winkte sie ihm, er solle sich über sie beugen,
und während sie den plumpen Mann mit verendender Leidenschaft küßte,
flüsterte sie ihm vernehmlich zu: »Hör' auf mich -- Hedwig ist nichts für
dich -- ihr paßt nicht zusammen, -- weil -- ach, weil sie viel mehr ist
als du -- und erinnere dich, mein armer Mann -- erinnerst du dich nicht --
was ich dir -- von Hedwig und dem Grafen damals erzählte --« Ein
befriedigtes Lächeln spielte kaum merklich um die Lippen der Liegenden,
diese letzte Rache schien ihr wohlzutun, namentlich als sie empfand, daß
ihr Mann getroffen zusammenzuckte. Noch einmal öffnete sie die Augen, um
dies Bild voll zu genießen, dann hauchte sie noch: »Sie ist nicht rein --
nicht so, wie ich -- wie ich -- -- wie -- --«
Die Worte verklangen im Wesenlosen, eine neue Ohnmacht nahm sie hinweg,
und nur auf Momente erwachte die Gequälte wieder und schrie laut auf.
Kaltes Entsetzen hatte Wilms gepackt, nein, er vermochte es nicht mehr,
mit der Ringenden allein zu bleiben. Er sprang zur Tür und schallend
rief er durch das Haus: »Hedwig -- Hedwig.«
Schlaflos lag das Mädchen noch oben in ihrer Kammer, denn sie erwartete
ja etwas Ähnliches, daß Wilms ihr ein Zeichen geben würde.
Ob das schon das Ende war?
Eine nie gefühlte Lust durchdrang sie, ein schauerlich schöner Zustand,
und doch klopfte ihr Herz wie eine Glocke, und die Angst übergoß sie mit
schüttelndem Frost. Es war ihr, als fühlte sie Todeswehen um sich, als
flöhe die Seele der Geschiedenen eben an ihr vorbei.
»Hedwig -- Hedwig.«
Es klang so flehentlich. Notdürftig hüllte sie sich in Kleider und fuhr
lautlos die Treppe hinab. Am untersten Absatz stand Wilms und starrte
hinauf.
»Ist sie nun tot?« fragte Hedwig, sich gänzlich vergessend.
Der Landmann schüttelte den Kopf, jedoch er begriff sie wohl nicht.
»Noch nicht,« gab er tonlos zurück -- »aber ich kann nicht mehr mit ihr
allein bleiben, -- komm' rein.« Er öffnete und ließ das Mädchen
voranschreiten. Dann setzten sie sich dicht nebeneinander an das Fenster
und sahen wortlos zu dem gefolterten Körper hinüber, der nicht leben und
nicht sterben konnte. Dieses jammervolle Bild konnte die Jüngere nicht
ertragen. Instinktiv, und nur ihrem stärksten Trieb folgend, überall
einzugreifen, nahm sie das Fläschchen mit dem giftigen Beruhigungsmittel,
und ließ die Tropfen in den Löffel herabträufeln. Mechanisch zählte
Wilms mit. -- Fünf -- sechs -- sieben.« Das Mädchen setzte ab und flößte
der Leidenden den Trank ein, wonach sie bald einem bleiernen Schlaf
anheimfiel.
Aber Wilms Gedanken flogen weiter. Wär's ein Verbrechen gewesen, wenn
man der Kranken die ganze Flasche gereicht hätte? grübelte er. Dann
hätte sie endlich die Erlösung gefunden, sie wäre eingeschlummert, um
nicht mehr aufzuwachen, und Ruhe wäre in das Haus eingezogen und
Frieden.
Ein scheuer Seitenblick streifte das Mädchen, das müde neben ihm saß,
und jetzt merkte der Pächter erst, wie fest sie sich an ihn lehnte, um
keinen Blick von der Ruhenden zu verwenden. Merkwürdig -- Hedwigs Lippen
bewegten sich leise, es war, als ob sie die Atemzüge der Schwester
zähle. Und in diesen Minuten der Stille sah auch der Pächter, daß sie
nur locker und leicht bekleidet war, überall schimmerte ihm ihre
Schönheit entgegen. Er bedeckte die Augen mit der Hand, um es nicht zu
beachten, aber er sah es doch. Die Frau, die sich dort immer tiefer in
den Schlaf hineinwiegte, war im Augenblick, als ob sie schon versunken
und vergessen wäre.
Leise und weich schmiegte sich Hedwig an ihn, als ob sie einschlummern
wollte.
Beide Schwestern waren müde, sehr müde.
Wilms wurde immer seltsamer zumute. Da wurde leise an der Haustür
geklopft.
Als der Pächter öffnete, sah er draußen in der klaren, sternenhellen
Nacht Pastor Schirmer im vollen Ornat stehen, nach welchem Wilms auf
der Sterbenden Wunsch geschickt hatte.
Schweigend führte er den späten Gast ins Wohnzimmer. Der Geistliche
mußte irgendwo im Vorüberwandern einen Zweig blühend roten Rotdorns
abgepflückt haben. Den legte er als letzte Gabe auf das weiße Linnen.
Dann wurde das Kruzifix vor das Bett gerückt, die Lichter angesteckt,
und das zitternde Männchen wollte der Schlummertrunkenen die
Sterbesakramente spenden. Jedoch still und starr lag die Wegbereite und
hörte nichts von dem, was sie sonst leidenschaftlich in sich aufgenommen
hätte. Aber die Gebete, die der Geistliche statt der heiligen Handlung
vor sich hinmurmelte, waren doch nicht in den Wind gesprochen. Wenn es
der einen Schwester auch verloren ging, die jüngere und schönere folgte
seit langer Zeit zum erstenmal einer kirchlichen Handlung mit
zurückgehaltenem Atem und brennenden Augen.
Es war ihr, als wären dies die Hochzeitsweisen, die für sie und den Mann
neben ihr gehalten würden -- dicht neben dem Lager der Scheidenden.
»Amen, -- Amen,« schloß der Priester.
»Amen,« wiederholte Hedwig fest und mutig.
Der Pastor wollte allein bei Else bleiben, und so gingen die beiden
andern still hinaus. Vor der Tür verharrten sie noch einen Augenblick
und lauschten zurück. Drinnen hörten sie, wie der Priester mit lauter,
erregter Stimme Gebete aufsagte.
Dann trennten sie sich, ohne sich die Hand zu reichen, ja, ohne Gruß. So
hoch war schon die Spannung zwischen ihnen gestiegen, daß sie sich
nichts mehr zu sagen hatten.
Es war nur noch ein Hindrängen.
Müde und gleichgültig suchte Hedwig ihr Lager auf, und Wilms wachte in
der dunklen guten Stube neben Elsens Zimmer die bange, traurige Nacht
durch.
Drinnen sang das zitternde, greise Männchen immer hingebungsvoller, und
was ärztliche Kunst nie vermocht hätte, das geschah hier.
Else schlug plötzlich die müden Augen auf, und ein seliges Lächeln
verbreitete sich über ihr ganzes Gesicht. Das Tiefste in ihrem Leben war
getroffen und klang jetzt aus. Ja, sie wollte wie ein Kind Gottes, wie
eine Fromme sterben. Mit unsäglicher Mühe richtete sie sich auf und
klammerte sich vor Freude weinend an den Geistlichen: »Sie -- sind -- es,
Herr Pastor?« hauchte sie, »o, wie schön -- -- dann ist mir wohl -- o, so
wohl --«
Und sie legte ihren Kopf andächtig gegen das weiße Greisenhaupt, und
während sie durch das Fenster zu den hellflimmernden Sternen hinaufsah,
sang sie ganz leise mit ersterbender Stimme das Auferstehungslied mit:
»O selig, der das Heil erwirbt,
Der in dem Herrn, dem Mittler stirbt!
O selig, wer, vom Laufe matt,
Die Gottesstadt,
Die droben ist, gefunden hat.
Nun, Tor des Friedens öffne dich:
Hinein! Hier schließt die Wallfahrt sich.
Ihr Schlafenden im Friedensreich,
Gönnt allzugleich
Auch mir ein Räumlein neben euch.«
Im dunklen Nebenzimmer saß ein Mann und hörte alles, was sich drinnen
begab. -- Wehmut, Verzweiflung, Leidenschaft stiegen in ihm auf, ein
krampfhaftes Schluchzen drängte sich in seine Kehle; bebend, überwältigt
faltete er die Hände und stammelte das nach, was zu ihm hereinschallte.
Er wußte nicht mehr, was er betete.