Am nächsten Morgen erschien der dicke Kreisphysikus.
Aus seinem äußeren Gebaren konnte man schwer enträtseln, was er von dem
Zustand der Pächterfrau hielt. Er küßte ihr zwar ein paarmal die
Fingerspitzen, aber doch mit Zurückhaltung.
Das war ein seltsames Zeichen, denn Patienten, an denen der beleibte
alte Dr. Rumpf Freude erlebte, beehrte er mit seiner stürmischsten
Zärtlichkeit.
Bei Else jedoch benahm er sich beinahe mitleidig. Er streichelte ihr
nach der Untersuchung das feine blonde Haar aus der Stirn und sagte
begütigend wie zu einem kleinen Kinde:
»Na, es macht sich ja. Aber schonen, mein Kinding, immer hübsch schonen.
Nur recht still, das ist die Hauptsache.«
Damit begab er sich in den Garten, wo Wilms und Hedwig seiner schon
harrten.
»Ja,« meinte er dort mit leisem Kopfschütteln, »es ist ja zum Stillstand
gekommen bei Ihrer Frau, lieber Wilms -- wollen 's Beste hoffen. Aber
keine Aufregungen, hören Sie, davor müssen Sie sie in acht nehmen, ich
sage es Ihnen ausdrücklich, eine Erregung wäre das reine Gift für die
Kranke.«
Als der Physikus kurz nachher vom Hofe heruntergefahren war, blieben der
Pächter und das Mädchen noch einen Augenblick nebeneinander im Garten
stehen.
Tiefe Niedergeschlagenheit malte sich in den ehrlichen Zügen des
Landmanns.
»Heting,« begann er endlich heiser, während er sich scheu umblickte, und
seine Brust hob sich so gewaltsam, als ob er unter Bergesschwere seufze:
»Es ist schrecklich, was mir fortwährend im Kopf herumgeht, aber nicht
wahr, du wirst keinen Abscheu vor mir bekommen? Heting,« er ergriff ihre
Hand und keuchend flüsterte er weiter, als ob's ein Geheimnis wäre: »Ich
kann das Ungewisse nicht mehr ertragen, es geht über meine Kräfte. Ich
wünschte, es wäre so oder so, biegen oder brechen, entweder sie würde
gesund, oder -- sie ginge von uns.«
Dabei stierte er erhobenen Hauptes verzweifelt in den blauen Himmel
hinauf, wie wenn er von dort oben eine tröstende Antwort erwarte.
Aber nichts regte sich, nur der Wind führte Wiesenduft in den Garten
hinein.
Wilms preßte plötzlich mit beiden Händen seinen mächtigen Kopf und
stöhnte laut auf: »Großer Gott -- wie kann ich nur an so was denken? -- --
Ich bin ja woll selbst schon wahnsinnig geworden -- schon wahnsinnig,«
wiederholte er tonlos.
»Warum soll man nicht einen Wunsch hegen?« sprach Hedwig verloren vor
sich hin.
Sie hatte bis jetzt wie ein weißes Marmorbild den Jammer des Mannes, den
sie glücklich machen wollte, mitangesehen, jedoch während sie das letzte
sprach, erweiterten sich ihre großen Augen schreckhaft weit. Regungslos
starrte sie in die Ferne. Etwas Rotes, Blutendes flimmerte ihr dort
undeutlich entgegen, ihr Herz klopfte zum Zerspringen, und als sie Wilms
noch einmal anblickte, wurde sie leichenblaß.
Entsetzen.
Sie mußte etwas Gräßliches erschaut haben.
Grußlos gingen die beiden auseinander. Bald darauf betrat Wilms das
Wohnzimmer, um sich von seinem Weibe zu verabschieden. Munter und emsig
fand er Else an ihrem Nähtisch sitzen, eifrig damit beschäftigt,
Leinenzeug zusammenzusticheln.
»Wo ist Hedwig?« fragte sie rasch bei seinem Eintritt und hob ihre
hellen Augen.
Wilms stutzte: »Wahrscheinlich in der Küche,« gab er unbeholfen zurück.
Er log. Etwas Unerkanntes, Dunkles zwang ihn dazu.
Sein Weib ließ ihre Arbeit langsam in den Schoß sinken und sah ihn an.
Eben hatte ihr Dörthe, die Obermagd, erzählt, daß sich Hedwig mit dem
Herrn im Garten erginge. Und doch sagte er, daß er mit ihrer Schwester
nicht zusammengetroffen wäre?
Sie atmete rasch, ihre Finger erzitterten ein wenig, in der Hast stach
sie sich mit der Nadel, daß ein kleiner Blutstropfen hervorquoll.
Wilms wollte ihr rasch sein Taschentuch herumwinden. Sie wehrte ihn ab:
»Laß das. -- Es macht nichts,« sagte sie fest, obwohl ihre schwache
Stimme leise zitterte. Dann wandte sie sich und schaute eine Zeitlang
still zum Fenster hinaus. Als sie ihrem Mann ihr Antlitz wieder
zukehrte, hatte es seinen alten Ausdruck zurückgewonnen, nur ihre Augen
blickten nachdenklich und grübelnd vor sich hin.
»Adieu Wilms,« sagte sie etwas gezwungen, und nachdem sie sich noch die
Hände gereicht hatten, bat sie ihren Gatten: »Schick' mir doch Christian
einmal herein. Er soll eine Einladung zu Pastors tragen.«
Wilms stand bereits an der Tür. Er wurde verlegen. »Wen soll ich -- --?«
fragte er zögernd.
»Nun den alten Christian.«
»Ach so den -- -- ja -- den -- Elsing -- den hab' ich entlassen.«
Wilms wußte, daß er Unrecht auf sich geladen hatte, er hatte den Alten
fortgejagt aus Liebe zu dem schönen Weibe, vor deren Kammer er damals
gestanden. Der Mann hatte ein Menschenalter auf dem Hofe gedient. Der
Schweiß brach ihm aus der Stirn, in seiner Befangenheit scharrte er mit
den Stiefeln auf dem sandbestreuten Estrich der Stube hin und her und
wagte die Augen nicht zu seinem Weibe zu erheben. Aber Else saß zuerst
ganz stumm. »Du hast den alten Christian entlassen?« murmelte sie
endlich ungläubig. »Im Ernst?«
Der Pächter nickte.
Die Kranke fuhr auf: »Aber weißt du denn nicht, daß ich dem Alten
versprochen hatte, er könne hier sein Leben beschließen!« rief sie
entrüstet.
In heftigem Unmut warf sie ihr Leinenzeug von sich und preßte beide
Hände an die Schläfen. Die Augen, die sich immer dunkler umränderten,
begannen krankhaft zu leuchten.
Auch Wilms bemerkte es. Angsterfüllt trat er näher: »Du sollst dich doch
nicht aufregen, Elsing,« bat er atemlos. »Hörst du, mein Kind, nicht
deswegen.«
Allein Elses Geduld war erschöpft. Ein Tränenstrom brach hervor, sie
schleuderte die Schere auf den Fußboden, daß sie klirrte, und war ganz
fassungslos.
»Ich will endlich wissen, was hier hinter meinem Rücken vorgegangen
ist?« rief sie empört, obgleich sie nach Luft rang. »Warum hast du denn
nur den alten Mann entfernt, wie?«
»Weil er sich ausverschämt benommen hat.«
»Gegen dich?«
Da kam die Frage. Wilms stotterte. Das Blut stieg ihm zu Kopfe.
»Gegen mich -- Elsing? -- Nein, das gerade nicht.«
»Gegen wen denn?«
»Gegen -- gegen deine Schwester -- gegen Hedwig.«
Else zuckte schmerzhaft zusammen. Dann schnellte sie empor und machte
ein paar widerspruchsvolle Bewegungen.
»Und da hat Hedwig wohl auch verlangt,« schluchzte sie wütend, »daß er
fort soll? -- Nicht wahr?«
Jedoch gerade der Ausbruch ihres Zornes verstockte den Landmann. Über
der Nase zogen sich bei ihm ein paar tiefe Falten zusammen:
»Natürlich,« gab er langsam zurück, »auf Hedwigs Wunsch hab' ich's dann
getan.«
Da verlor die Leidende allen Halt.
»Aber sie hat hier nichts zu wünschen,« schrie sie jetzt gänzlich
sinnlos. »Was geht dich überhaupt meine Schwester an, während du doch
ganz genau wußtest, daß ich nie und nimmer meine Einwilligung zu dieser
Entlassung geben würde? -- Sag mir bloß, was geht dich dabei Hedwig an?«
Sie wollte noch weiter klagen, aber plötzlich brach sie ab, und ihr
Blick richtete sich verwirrt auf ihren Mann.
Was ging so schnell mit ihm vor?
Er sah sie groß an, der ungelenke Riese, als ob er dieses schwache
Frauenbild zum erstenmal sähe. Die Fäuste ballten und öffneten sich
wieder, seltsam schwer ging die Brust.
»Elsing,« kam es dumpf heraus, indem er schwerfällig auf sie zutrat --
»nu is es genug -- nu will ich nichts weiter davon hören, du bist krank,
das halt ich dir zugut.«
Wuchtig und nachdrücklich wie nie hatte er gesprochen. Es klang hart
und herb, als ob Steine aufeinander geworfen werden.
Kopfnickend schritt er dann zur Tür. Jedoch eh' er sie erreicht hatte,
schwankte plötzlich sein Weib auf ihn zu, um mit ihren schwachen Armen
seine Brust zu umklammern:
»Wilms, ich weiß ja nicht, was ich spreche,« stammelte sie halb
ohnmächtig, und in dem blassen Gesicht schlossen sich müde die Augen,
»ich -- ich -- ach Gott, ich tu' ja alles aus Liebe zu dir. -- Glaubst du
das denn nicht?«
Kraftlos lag sie in seinen Armen, Wilms mußte sie aufheben.
»Ja, ja, das glaub' ich,« murmelte er durch das eine Wort verwandelt und
bezwungen -- »du arme Dirn -- komm, Elsing.«
Er trug sie zum Sofa und bettete sie sanft hinauf.
Wie er sich aber zu ihr niederbeugte, warf sie die Arme um seinen Hals
und hob ihre Lippen stürmisch zu den seinen.
»Nicht wahr, du bist wieder gut?« lächelte sie.
»Ja, ja, Elsing.«
Ein heißer Kuß brannte auf seinem Munde. Dann befand er sich draußen
und schritt gebeugter, als je zuvor, seinen Feldern zu.
In einer Furche lag ein Schmetterling, der von einem Sandklos getroffen
war. Mitleidslos stampfte ihn der Landmann mit schwerem Stiefel in die
Erde.
»Dir is wohl,« sprach er rauh.
* * * * *
Und dieselbe Hedwig, auf welche die Kranke eben anfing neidisch zu
werden, trat zur Türe herein und brachte der völlig erschöpft Liegenden
eine Tasse Bouillon. Das rührte die Leidende und stimmte sie um. Zwar
flossen noch immer Tränen aus ihren Augen, aber sie zog dennoch das
schöne blühende Mädchen zu sich nieder und streichelte zärtlich sein
braunes, goldig schimmerndes Haar. »Nicht wahr, Heting,« flüsterte sie
kaum vernehmbar, »du bist nicht schlecht zu mir, nicht wahr?« Und sie
hob das Gesicht der Schwester empor und forschte in ihren dunklen,
sprechenden Augen: »Nein, nein, du wirst mir nicht weh tun,« setzte sie
getröstet hinzu.
Später, als Hedwig sie schon wieder verlassen hatte, nahm die Leidende,
die da glaubte genesen zu sein, die Bibel und versuchte, ihre bösen
Gedanken durch die heiligen Worte zu bemeistern. Jedoch verständnislos
überflog sie die breiten Zeilen, und ihre Lippen murmelten allerlei
abgebrochene Laute, die nicht hierher gehörten. Zerstreut erhob sie sich
endlich und schritt mehrmals unsicher durch das weite Zimmer.
»Weshalb er mich wohl belogen hat?« sann sie, ohne eine Antwort finden
zu können. Müde und abgespannt lehnte sie endlich am Fenster und blickte
auf den Hof hinaus, über dem warmer Sonnenschein lag.
Da wurde sie aufmerksam. Welch eine Gestalt saß dort draußen auf dem
Prellstein vor dem Tor? Ein schlotterndes abgelebtes Menschenkind hockte
dort und richtete seine erloschenen Augen unverwandt auf das Gehöft.
Die Spähende beugte sich vor. Das war ja der alte Krischan? Eine
merkwürdige Freude befiel die Leidende. Sie fragte sich nicht, ob es
passend sei, mit dem entlassenen Knecht zu verkehren, hastig, mit
fieberischer Eile lief sie auf ihn zu und berührte seine Schulter.
Mühsam hob der Greis das nickende Haupt, und als er die Frau in dem
einfachen, grauen Kleide erkannte, lief ein schwaches Lächeln über die
vertrockneten Lippen.
Für Else war er stets ein treuer Kettenhund gewesen.
»Arm' Fru,« sagte er und strich mit seiner welken, zitternden Hand an
ihrem Arm herunter. »Arm' Fru.«
Das war die Begrüßung.
»Nein, nein,« rief Else laut, damit er sie verstände. »Ich bin nicht
mehr krank, Krischan, ich fühle mich viel wohler.«
»Arm' Fru,« nickte der Alte unverändert, beinahe mitleidig.
Else erschrak. Was meinte der Taube damit? Ohne Überlegung, mit jähem
Erröten fragte sie ihn, warum er ihre Schwester denn beleidigt hätte?
»Ick?« flüsterte der Alte und hob das Kinn. Dann raffte er sich auf und
keuchte der Wartenden etwas ins Ohr.
Ein paar Worte nur, aber Else taumelte zurück und wurde schneeweiß. Nur
ein paar helle, rote Flecken glühten auf ihren Wangen.
»Du lügst, Krischan,« schrie sie auf. »Das ist nicht wahr.«
Allein der Greis verstand das unglückliche Weib nicht, oder ließ sich
nicht stören. Denn von neuem streichelte er mit seiner Knochenhand über
ihren Arm und brachte mit Anstrengung hervor:
»Arm' Fru -- ne, ne, ick heww's sülwst seihn, as sei tausamen in'n
Schlidden seten hewwen. De beiden täuben [Fußnote: warten] nu all
ungedüllig.«
»Warten?« stöhnte die Ärmste schwach. Alles drehte sich vor ihr. Sie
mußte sich an die Mauer der Einfahrt lehnen.
»Dat Sei, min arm' Fru, starwen süllen. Se luren all up den Dod von de
Fru. Dann willen sei sick friegen.«
Ein herzzerreißender Schrei, schrill, kreischend gellte über die
Landstraße und wurde von den Mauern des Pachthauses zurückgeworfen.
Die Gepeinigte glaubte zu ersticken, eine eisige Hand griff nach ihrer
Kehle, das Gesicht des Krüppels tanzte wie hundert Fratzen um sie herum.
Noch gurgelte sie etwas.
»Hilfe -- -- Hilfe.«
Dann ein dumpfer Fall.
»Arm' Fru,« ächzte der greise Knecht und beugte sich zu ihr hinab, »arm'
Kinding, sei hed di ümbracht, de anner Dirn.«
* * * * *
Aber Else war nicht gestorben.
»Klang das nicht wie ein Hilferuf?« fragte Hedwig die Obermagd, mit der
sie gemeinsam in der Molkerei weilte. Auch Dörthe hatte den schrillen
Ruf vernommen. Als sie nachforschten, fanden sie die Herrin des Hauses
unter dem Unkraut des Grabenbords hingestreckt, weiß wie eine
zertrümmerte Statue, die, in Schmutz und Unrat, der Vergessenheit
anheimgefallen.
Ein zerschlagenes Menschenbild.
Beim Fall hatte sie einen Stein gestreift, eine blutige Narbe zog sich
davon über die Stirn.
Da warf sich das schöne Mädchen in die Knie. Ihr Mund öffnete sich:
»Ist -- sie tot -- Dörthe?«
Die Magd schrie auf. »Ne, ne, Fräulein, sie bewegt sich ja -- heben Sie
ihr den Kopf.«
»Ja, ja -- sie lebt,« wiederholte Hedwig erwachend.
Gottlob, was eben vor ihren Ohren gesaust und gebraust hatte, war nicht
wahr. -- Sie hatte ihr wohl den Tod gewünscht, aber das war im
Fiebertraum, in einer Vision geschehen. -- Sie lebte ja -- sie lebte --
Gott sei Dank. Jetzt waren es nur Gedanken gewesen, schlimme Gedanken,
aber kraftlos -- großer Gott -- sie lebte ja.
Mit starken Armen umfaßte sie den starren, zuckenden Leib und trug ihn,
wankend und zitternd unter der Last, zum Erstaunen der Magd allein, ohne
Hilfe in das große Zimmer. Dort entkleidete sie die Schwester und
bettete sie auf das Lager, das die Hausherrin wieder aufnahm in seine
weißen Kissen.
Ja, die Kranke kehrte zurück in die linnene Gruft.
Ob für immer?
»Nein, dann gab es ja noch die feuchte, die schwarze Ruhestätte, auf der
Blumen blühen,« dachte Hedwig, die wie früher an dem Bett saß und auf
die sich regenden Atemzüge der Kranken lauschte. Und diese Behausung
hatte sie der Schwester gewünscht, grübelte sie weiter, um allein den
Mann zu besitzen, dessen Herz ihr schon gehörte, den sie erzogen,
gebildet, veredelt hatte, und der sich nach ihr sehnte, wie nach der
Erlösung. Der morsche Körper dort sollte im Grabe liegen, und der junge
blühende Leib bei dem geliebten Manne. Sie fuhr auf und blickte nach der
Kranken hin. Inzwischen hatte sie ihre ganze Kraft und Besonnenheit
zurückgewonnen. Sah das wächserne, bleiche Gesicht der Leidenden nicht
schon aus, wie das einer Leiche? -- Ja, Hedwig war sich jetzt völlig
klar. Die Kranke unten -- sie selbst oben. Das war das Rechte, keine
Sünde, es zu wünschen, nur der Lauf der Natur.
Leise erhob sie sich, um durch das Fenster auf die Landstraße
hinauszuspähen; ob Wilms und der Arzt noch nicht kämen, nach denen sie
sofort geschickt hatte. Dabei mußte sie an dem langen Mahagonispiegel
vorüber. Unwillkürlich blieb sie vor ihm stehen und zog sich die Taille
zurecht.
Das Glas zeigte ein wunderschönes, zur Reife strebendes Weib, ganz dazu
geboren, um zu wirken, zu schaffen und glücklich zu machen. Sie lächelte
schwermütig, als sie sich musterte. Noch sah sie hinein, da befremdete
sie etwas. Auch das Bett hinter ihr spiegelte sich in der Scheibe und
jetzt -- täuschte sie sich? nein, die Kissen bewegten sich, die magere
Gestalt richtete sich auf, und ein paar umflorte, düster umschleierte
Augen starrten nach ihr hin.
»Hed -- wig,« stöhnte etwas.
Die Gerufene flog zu Else hin und ergriff ihre Hand, die Kranke schaute
sie gläsern an, als suche sie sich zu besinnen.
»Wie komm' ich hierher?« flüsterte sie und befühlte angsterfüllt die
Kissen des Bettes.
Plötzlich schob sie sich an Hedwigs Brust, stieß jedoch plötzlich die
Schwester mit heftigstem Abscheu von sich.
»Else, ich bin es ja,« rief Hedwig befremdet, »erkennst du mich denn
nicht?«
Allein die Bedauernswerte schien schon zu phantasieren. Sie wälzte sich
stöhnend herum und bedeckte ihre Augen mit einem Kissen, wie wenn sie
dem Anblick der Schwester entfliehen wollte.
»Ja, ich erkenne dich,« wimmerte sie mit so schriller Stimme, daß es die
Jüngere wie mit spitzen Nadeln durchdrang. »Du hast dich hier
eingeschlichen, um mir mein Glück zu stehlen. -- Du wartest nur auf
meinen Tod! -- -- Aber ich sterbe noch nicht -- ich mache dir nicht Platz
-- ich will leben -- hörst du, ich will leben!«
Hedwig verstand, um was es sich handelte. Kalt rann es ihr über den
Rücken hinab. Immer den Blick auf das schluchzende, schmerzzerwühlte
Weib gerichtet, tastete sie sich rückwärts zum Tisch und umklammerte
dort fest die Kante. Auch sie mußte sich halten. Alles schwankte und
fiel in ihr, aber während des Hinstarrens biß sie noch immer die Zähne
trotzig zusammen.
Nie war sie so schön, wie in diesem stummen Ringen mit der Sterbenden.
Da raffte sich die Fiebernde nochmals auf und krallte beide Fäuste nach
der Schwester. Der höchste Paroxysmus war erreicht. Hedwig grauste.
Gespenstisch sah die Verfallene mit dem schwarzen Schatten im Gesicht
bereits aus, als ob eine Tote noch die Fäuste schüttele.
»Geh' mir aus den Augen,« kreischte das arme Weib -- »fort -- fort -- ich
will dich nicht sehen -- du willst mich vergiften --! -- Meinen Mann hast
du auch verführt, -- heut nacht warst du bei ihm -- ich weiß alles -- Jesus
Christus, Ehebrecherin du! -- Jesus -- Erbarmen.« Dann ein langes Röcheln,
und sie fiel ohnmächtig auf ihr Lager zurück.
In demselben Moment betrat Wilms das Zimmer.