Dicht vor ihm stand Hedwig in ihrem einfachen, schwarzen Kleid und
streckte ihm mit froher Herzlichkeit die Hand entgegen. Ein anmutiges
Lächeln umspielte dabei ihr blühendes Antlitz. »Na, Schwager,« neckte
sie leicht, »der neue Gast gefällt dir wohl nicht?«
In dem Ofen brannte ein flackerndes Feuer, in der hellen, durchwärmten
Stube weilte ein liebes, reizendes Geschöpf, bereit, den großen Mann von
seinem schweren Pelze zu befreien; es war alles so, wie er es sich
gedacht hatte.
Aber den ungeschickten Mann würgte es zuerst, als ob von unsichtbarer
Hand seine Kehle zusammengepreßt würde. -- Halb religiöse Vorstellungen
durchflogen ihn, wie er sie als Knabe gehegt, oder von Else angenommen
hatte.
Sie war da.
Die Versuchung war wieder da.
All die Angst, die er ihretwegen in der langen Zeit erduldet, stürzte in
seine Erinnerung und wandelte seinen Gegengruß, als er sich endlich
aufraffte, zu einem unverständlichen Murmeln.
»Hedwig -- -- willkommen -- du --«
Dann bemerkte er, daß sie ihm noch immer die Hand entgegenhielt, und
preßte sie unbeholfen zwischen seinen Fingern.
»O --« sie verzog schmerzhaft den Mund.
Von seinem Pelz troff das Eiswasser auf ihr Kleid.
Er entschuldigte sich und wurde verlegen, als sie ihm beim Ausziehen
behilflich war.
Der Tisch war weiß gedeckt, ein heißer Grog dampfte schon, alles war für
ein schmackhaftes Abendbrot zubereitet. Sogar die beiden Servietten
waren in anmutige Falten gelegt. Man konnte merken, daß diesmal eine
Frau von guter Erziehung den Tisch besorgt hatte.
Verblüfft musterte Wilms diese Anstalten.
Es kam ihm alles so überraschend, er konnte sich so gar nicht in den
neuen Zustand finden. Ungelenk nötigte er endlich den Gast auf das Sofa
und setzte sich dem Mädchen auf einem Stuhl gegenüber.
Lächelnd über seine Verlegenheit wollte ihm Hedwig einige Speisen
vorlegen, jedoch er hielt plötzlich ihre schon erhobene Hand fest und
begann ungestüm zu fragen:
»Noch nicht -- noch nicht -- vor allen Dingen, wie geht es meiner Frau?«
Das Mädchen nickte ermunternd: »Gut -- überhaupt überraschend -- so gut,
daß sie schon in acht Tagen hier eintreffen wird.«
»Was? Gott sei Dank,« murmelte Wilms. »Kann sie denn schon gehen?«
»Ja, zwar noch auf einen Stock gestützt, aber es wird mit jedem Tag
besser.«
»Und du, Hedwig?« stockte er und sah sie wieder so verständnislos an,
daß sie in ein fröhliches Gelächter ausbrach.
»Du willst fragen, was ich nun eigentlich hier bei dir will?« begann sie
endlich.
»Ja, -- das heißt -- --«
»Kannst du dir's wirklich nicht denken? Was seid ihr Männer doch
schwerfällig. -- Vorausgeschickt bin ich -- aufräumen soll ich, das
Unterste zu oberst kehren, damit Else alles fein sauber vorfindet. Nicht
wahr, Schwager, das gefällt dir nicht?«
»Mir? Warum?«
»Weil du ein so grämliches Gesicht dazu machst.«
»Bewahre, Hedwig -- du weißt doch, daß du uns immer willkommen bist.«
»Wirklich?«
Er schlug die Augen nieder und begann zu essen.
Sie dagegen nippte nur von allem und erzählte ihm unaufhörlich von Else
und beschrieb alle Einzelheiten ihres Aufenthalts. Die halb polnische
Stadt, die Anstalt, den Arzt, die andern Kranken, alle Einrichtungen,
die Bäder, und das Ganze so nüchtern und verständlich, daß Wilms längst
Messer und Gabel hingelegt hatte, um ihr mit lebhafter Spannung zu
lauschen.
Von Zeit zu Zeit goß sie ihm den angenehm erwärmenden Trank ein und
lächelte liebenswürdig, wenn er ihr zaghaft zutrank.
Plötzlich trat dennoch eine Beklemmung zwischen beiden ein. Hedwig hatte
aufgehört zu erzählen und lehnte sich in die Sofaecke zurück, da die
Reise sie wahrscheinlich ermüdet hatte. Auch Wilms hielt eine Scheu
davon ab, jetzt irgend etwas Gleichgültiges vorzubringen.
Er blickte mehrfach rasch zu ihr hinüber, beobachtete dann das
verglimmende Ofenfeuer, faltete umständlich die Serviette, und sah von
neuem unruhig auf das junge Mädchen hin.
Sie träumte an ihm vorbei, den Kopf in die Hand gestützt, schien sie an
etwas Fernes zu denken.
Der Pächter wurde unruhig.
»Hedwig,« räusperte er sich halblaut.
»Ja, Schwager.«
Sofort richtete sich das Mädchen auf und drückte flüchtig beide Hände
gegen die Schläfen, als wollte sie ihre ganze Aufmerksamkeit auf den
Fragenden lenken.
»Warst du noch gar nicht in der Stadt bei deinem Vater?«
»Nein, ich bin direkt hierher gefahren.«
»Sofort hierher?« wiederholte Wilms. Eine peinliche Verstimmung stieg in
ihm auf. Was konnte sie nur in dem menschenverlassenen, verschneiten
Gehöft suchen? Hastig gedachte er weiter zu fragen, wie jedoch sein
Blick ihre ruhigen, braunen Augen traf, verstummte er wieder und kratzte
verlegen auf dem Tisch hin und her.
Eine Zeitlang blieb es still.
Aber gerade dieses ruhige Beisammensein konnte Wilms nicht ertragen.
Etwas quälte und marterte ihn dabei grenzenlos.
»Hedwig,« fing er mit Überwindung plötzlich an und zum erstenmal wendete
er ihr ganz sein ehrliches Gesicht zu. »Es muß mal zwischen uns zur
Sprache kommen. Es liegt mir schon zu lange auf dem Herzen. -- Weshalb
bist du eigentlich -- ich -- mein Kind -- ich meine, warum bist du
eigentlich so gut zu uns?«
»Gut?«
»Sieh, Heting, erst hast du mir eine Summe deines Erbteils geborgt, und
ich hab mir damit helfen können. Das hätt' mir schon kein anderer getan,
-- nein, laß -- ich muß es mal sagen, auch meine Frau hast du gepflegt, um
die es nur wenige aushalten konnten. Und nu -- nu kommst du wieder
hierher zurück, in diese Einsamkeit, und willst uns wieder helfen und
unterstützen und aufrichten, und das alles soll ich mir gefallen lassen,
ohne eigentlich zu wissen, warum du das alles tust; ich kann's mir ja
gar nicht erklären, du paßt ja zu so was gar nicht, du bist ja wie eine
vornehme, junge Dame, warum bestehst du also darauf?«
Das letzte rief der große Mann in einem heftigen, beinahe unglücklichen
Ton.
Statt einer Antwort erhob sich Hedwig. Ihre Wangen erblaßten etwas, aber
sonst strömte ihr Wesen unveränderlich jene ernste Ruhe aus, die ihr
eigentümlich war. Langsam schritt sie zum Ofen, wärmte sich die Hände,
durchmaß dann mit gesenktem Haupt mehrmals das Zimmer, als ob sie
nachdenke, und blieb endlich an dem Tisch stehen, wo sie ihre Finger auf
die Glocke der Lampe legte, daß Wilms das Blut hindurchrinnen sah.
Ihre schlanke Gestalt stand dicht neben seinem Stuhl, er konnte das
Webemuster ihres Kleides erkennen.
Unwillkürlich wandte er den Kopf fort.
»Siehst du, Schwager,« hob sie nach schwerer Pause klar und bedacht an
zu sprechen, immer den Blick auf ihre durchleuchteten Finger gerichtet:
»Ich habe auch schon darüber nachgesonnen, warum ich so gern hierher
zurückkam in eure Einsamkeit.«
»Gern?« unterbrach sie der Pächter erstaunt.
»Ja, ich kam gern,« fuhr sie hastiger fort, »gerade weil es hier so
still ist. -- Mir ist diese Stille Bedürfnis. -- Ich verabscheute schon
als Kind alles Unruhige und Geräuschvolle. Aber das ist nicht der
Hauptgrund,« setzte sie sinnend hinzu: »ich kam wohl zumeist
deinetwegen, Schwager.«
»Meinetwegen?« schreckte Wilms auf. Aber es war alles so
leidenschaftslos, so überlegt und ohne eine Spur von Zärtlichkeit
hingesprochen, daß der Pächter fühlte, er müßte ihre Worte falsch
aufgefaßt haben.
Jedoch das Blut war ihm bis in die Augen geschossen, er scharrte
ungeduldig mit den Füßen und blickte erregt zu ihr auf.
»Ja, Hedwig, wie meinst du denn das?« murmelte er.
Sie zog langsam die Hände von dem Glase zurück und ließ sich wieder auf
das Sofa nieder.
»Ich sagte mir, du bist durch unsere Familie unglücklich geworden,
Wilms.«
»Das bin ich nicht.«
»Das bist du doch, Schwager. Bist du nicht, wie jeder andere Mann, eine
Ehe eingegangen, um eine Häuslichkeit zu besitzen? -- Nun, und hast du
sie gefunden? -- Nein, das ging dir alles durch die lange Krankheit
verloren -- und auch jetzt, Schwager, -- ich muß es dir sagen, mit vielem
Schmerz, glaub' mir das -- auch jetzt wird dir meine arme Schwester
dieses Glück nicht schaffen können.«
»Nicht schaffen können?« echote Wilms entsetzt. Eiseskälte durchströmte
ihn, wie vorhin, als er auf dem Schlitten saß.
Im Moment haßte er das Mädchen, welches ihm das alles so schonungslos
enthüllte.
»Und warum nicht, Hedwig?« flüsterte er.
»Weil mir der Arzt bei meiner Abreise vertraute,« schloß Hedwig leise,
als wenn sie ihn nicht noch mehr erregen wollte, »daß Else nach wie vor
aufs äußerste geschont werden muß, und daß sie nie wieder als eine
Gesunde, sondern stets nur wie eine Kranke behandelt werden darf -- du
armer Mann.«
Ein leises Stöhnen unterbrach sie.
»Sieh,« beendete sie hastig, indem sie auffallend die Farbe wechselte,
»und da stand es bei mir fest, daß ich hier vielleicht den Wirkungskreis
aufnehmen könnte, den meine Schwester nicht ausfüllen wird, damit du
wenigstens nicht allzuviel entbehrst, der du schon so viel gelitten.«
»Und da wolltest du -- --?« stammelte er.
Er begriff es nicht.
»Ja, ich sehne mich nach einer ruhigen, gleichmäßigen Beschäftigung.«
»Aber -- aber willst du denn nicht heiraten?« fuhr es ihm heraus. Er
schämte sich, als er es sagte.
Sie schlug die Augen nieder und zuckte die Achseln: »Schwerlich,«
erwiderte sie gleichgültig. »Ich habe als Tochter eines kleinen Beamten
den törichten Wunsch nach besserer Erziehung gehegt, aber --« -- sie
zögerte und wurde zum erstenmal unruhig -- »das ist mir wohl nicht zum
Heile ausgeschlagen. Und deshalb wird auch kaum jemand kommen, dem ich
gefalle, und der zu mir paßt.«
»O Hedwig, doch -- doch --« widersprach Wilms gedankenlos, -- »du bist ja
schön und klug, das wird sich schon finden.« Aber während er es sprach,
mußte er plötzlich widerwillig daran denken, daß diese vollen, roten
Lippen schon stürmisch und sündhaft geküßt worden seien.
Das verdarb ihm den Abend vollends.
Auch Hedwig schwieg. Sie ruhte wie erschöpft in ihrer Sofaecke. -- Nur
als er äußerte, daß sie schön und klug sei, traf ihn ein kurzer,
erstaunter Blick. Dann schlug sie wieder müde die Augen nieder.
So saßen sie noch eine Stunde zusammen und sprachen über alles, was in
der Umgegend in der Zwischenzeit geschehen sei. Eingehend erkundigte
sich Hedwig nach den Wirtschaftsverhältnissen.
Er gab über alles genau Auskunft.
Dann schlug die Uhr in dem Kasten zehn, und Hedwig erhob sich.
Wilms empfand, daß er gehen müsse.
Er stand sofort auf.
»Noch eins,« sagte er, »hier hast du die Schlüssel.«
Er nahm aus einem Körbchen, das auf dem Nähtisch am Fenster stand, ein
Schlüsselbund und händigte es seiner Schwägerin ein.
Achtlos empfing das Mädchen die klirrenden Dinger und hing sie sich in
den Gürtel, aber Wilms beschlich ein schmerzliches Gefühl dabei, daß
Elsens Befugnisse damit gleichermaßen auf ihre Schwester übergingen.
Sie erschien ihm auch nicht mehr so schön, wie früher.
Dann reichten sie sich die Hände und wünschten sich »Gute Nacht«.
»Schläfst du hier?« fragte Wilms.
»Ja, in Elses Bett.«
»Nun, gute Nacht.«
»Gute Nacht, Schwager.«
* * * * *
Wilms betrat seine Dachkammer. Auf dem Tisch brannte ein Licht, darunter
lag ein großes Kuvert, das Elses Aufschrift trug.
Hastig zerriß Wilms den Umschlag. Drinnen fand er ein Bild und einen
Zettel mit den wenigen Worten:
»Lieber, guter, einziger Mann!
Wie gern möchte ich das Fest mit Dir feiern, denn mir ist so sehr
bange nach Dir, aber bald, bald, wenn es Gott so fügt, bin ich
wieder bei Dir.