»Na, denn Adieu!«
»Adieu auch, Eltze.«
Aber lange noch, während er über seinen Wirtschaftsbüchern rechnete und
schrieb, tönte es vor seinen Ohren:
»Bei Eheleuten gehört eine zu große Schlechtigkeit dazu.«
Der Schweiß perlte ihm auf der Stirn. Die Zahlen vor ihm fingen an zu
tanzen. -- Wenn er nur Kraft finden könnte, sich gegen die bösen Gedanken
zu wehren. Aber da nagte und biß schon wieder solch tückischer Einfall.
»Bei Eheleuten« hieß es -- Ja, aber war er denn eigentlich verheiratet?
Besaß er denn ein Weib? -- -- -- oder hatte Gott der Allmächtige nicht eine
Scheidewand zwischen ihnen aufgerichtet?
»Nur das nicht,« stöhnte er, »nur das nicht. Nur nicht diese
entsetzlichen, verzweifelten Anklagen.« Und er vergrub sich von neuem in
seine Papiere und arbeitete, bis die Lampe zu verlöschen drohte.
* * * * *
Am nächsten Tage erhielt er abermals ein gleichlautendes Zirkular.
Zugleich erschien bei ihm der Inspektor Grothe aus Boltenhagen, ein
großer, breitschultriger Mann, der das Hauptgut des Grafen Brachwitz
bewirtschaftete. Er sollte den Pächter noch besonders zu der Versammlung
einladen.
»Nein, ich komm nicht,« entgegnete Wilms, während sich der Inspektor in
der großen Stube den Schnee abschüttelte, und der Abgesandte räusperte
sich zufrieden und meinte: »Da haben Sie auch recht.«
»Na, wieso, Herr Grothe, es handelt sich doch eigentlich um einen guten
Zweck.«
»Schönen guten Zweck,« brummte der andre, indem er den Mund verzog:
»Sittlichkeit -- da soll sich der Graf man zuerst um seinen Sohn kümmern.
Aber da werden alle Dirns auf dem Hofe unsicher gemacht, daß es eine
Schande ist, und dann soll so'n Verein gegründet werden.«
Sobald der Pächter den Namen des jungen Brachwitz vernahm, stieg ihm
langsam das Blut in die Schläfen, so daß er kaum dem anderen seine
Bewegung verbergen konnte. »Lassen Sie man, Grothe,« schnitt er kurz ab,
»ich hör' so was nicht gern.«
»I -- ich sag ja auch gar nichts gegen den jungen Mann. -- Is sogar ein
ganz netter, liebenswürdiger Mensch. Und es is 'ne wahre Dummheit vom
Alten, daß er den Jungen nicht bei's Militär gelassen. Hier in der
Wirtschaft versteht das natürlich nichts, und weiß das nichts -- und
verfällt auf lauter Dummheiten. -- Die Förstersfrau kann ihn ja auch
nicht los werden,« setzte er leiser hinzu, »aber sie soll ihm ja neulich
gehörig die Tür gewiesen haben.«
Wilms konnte nicht länger zuhören.
»Herr Grothe -- ich muß jetzt -- ich hab noch notwendig was zu tun --
Grüßen Sie den Herrn Grafen, und -- ja ich werd' woll auch kommen.«
»Na schön,« verabschiedete sich der Inspektor. »Geht's Ihrer lieben Frau
gut?«
»Ja, ich danke.«
Sie schüttelten sich die Hände, und der Abgesandte des Grafen ritt
langsam vom Hof herunter.
* * * * *
Aber der Besuch hatte seine Folge.
In der langen Zeit, in der sich Wilms in dem schneeverwehten Gehöft so
einsam fühlte und mit all seinen sehnsüchtigen Gedanken an der fernen
Hedwig hing, da hatte er alles vergessen, was er von ihr zu wissen
glaubte, da war sie ihm als die reine, herbe unerreichbar hohe Jungfrau
erschienen. Jetzt, als ihm das wilde Treiben des Junkers geschildert
wurde, da erhoben die häßlichen Zweifel abermals ihr Haupt, da erwachte
er wieder zur Wirklichkeit, ein kräftiges Gefühl der Verachtung gegen
sich selbst regte sich in ihm, und mit aller Macht suchte er die
häßliche aufkeimende Neigung abzuschütteln.
Zehnmal des Tages las er jetzt die wenigen Zeilen, die ihm Else bereits
wöchentlich schreiben konnte, fuhr dann mit seiner rauhen Hand zärtlich
über das Papier, und legte es schließlich in das Paket, in dem er die
Briefe aus der Brautzeit bewahrte.
»Mein Elsing -- sie wird nun bald ganz gesund sein -- und dann werden wir
mit Gottes Hilfe wieder glücklich -- ach so glücklich, wie damals, eh'
die schwere Zeit begann.« Er seufzte. »Wenn sie doch erst da wär.«
* * * * *
Immer mehr rückte der Winter vor. Es ging stark auf Weihnachten. Wilms
merkte, daß seine Leute kleine Geschenke für ihre Familien einkauften.
Das bewegte ihm das Herz. Wieder mußte er an sein fernes Weib denken.
»Soll ich für den Herrn auch 'ne schöne Tann' putzen?« fragte die
Obermagd.
Es klang wie Mitgefühl aus den wenigen Worten, als sie auf den einsamen
Mann blickte.
Wilms dankte.
»Ne, laß man, Dörthe -- für mich allein. -- Es hat keinen Zweck.«
Aber nachmittags ließ er den Schlitten anspannen und fuhr zur Stadt. Er
wollte Else etwas kaufen, seinem armen, langsam gesundenden Weibe eine
Freude bereiten.
Über die verschneite, dunkle Landstraße klingelte er endlich in Grimmen
ein und wählte bei dem einzigen Juwelier des Städtchens ein kleines
goldnes Herz an einer dünnen Kette.
Er stand dabei, als man seinen Namen »Wilms« in das Gold eingrub.
Mit der Poesie einfacher Naturen wollte er damit dartun, daß sein ganzes
Herz auf ewig seinem Weibe gehöre. In dem Gasthof, in welchem er seinen
Schlitten eingestellt hatte, saß er noch eine Weile bei einem Glase Grog
und plauderte mit dem Wirt in der dunkelbraun verräucherten Gaststube.
Der Pächter erfuhr, daß sein Schwiegervater, der alte Rendant Schröder,
noch allabendlich die Honoratiorenstube besuche.
»Hedwig ist wohl noch nicht zurück?« erkundigte sich der Landmann
leichthin.
Der Wirt mit dem grünen Sammetmützchen verneinte. Da bezahlte Wilms und
brach auf.
Es war dunkel und kalt auf dem Heimweg. Der Wind strich scharf über den
offenen Schlitten und warf dem Landmann spitze Eisnadeln ins Gesicht.
Eine Sehnsucht nach einer warmen, gemütlichen Stube beschlich ihn, wo
ein helles Feuer brannte, und eine liebe weibliche Hand dem Eintretenden
den dick beschneiten Pelz abnahm.
Die Luft wurde immer schneidender. Hochoben flimmerten ein paar
frostige Sterne. Wilms fror. Manchmal konnte er bei einzelnen
freistehenden Häusern, an denen sie vorbeiflogen, in die trüb
erleuchteten Stuben blicken. Da sah man schon Christbäume, welche
geschmückt wurden. Im Hauptgut Boltenhagen klangen Kirchenglocken durch
die Nacht. Hohl und feierlich läuteten sie das Fest ein. Vorboten der
großen Freude.
Wilms faßte unwillkürlich an die Brusttasche, in der das Päckchen mit
dem Goldherz verborgen war, und trieb seinen Kutscher zu größerer Eile
an.
Die Glockentöne verklangen, wieder Schnee, Dunkelheit, Landstraße und
weißes Feld -- halb erlahmt vor Nässe und Kälte langten Mensch und Vieh
endlich auf dem Pachtgut Wilmshus an und fuhren in den einsamen, von
dickem Schneewall umgebenen Hof.
Rings lag alles in Dunkelheit gehüllt. Nur hinter den herabgelassenen
Rouleaux der großen Stube leuchtete Licht.
»Hübsch von Dörthe,« dachte Wilms, während er über den Flur schritt,
»die Dirn hat Mitleid mit mir.«
Er öffnete gleichgültig, zuckte zusammen und blieb starr und groß unter
den Pfosten stehen.