Ich wußte damals nicht, was das heißen sollte; später erfuhr ich's!«

Hier traten der alten Frau die Tränen in die Augen, und ihr Spinnrad

hörte auf zu schnurren. Es herrschte eine tiefe Stille im Zimmer.

»Gut. Von nun ab bekümmerte sich mein alter Seliger um nichts mehr

draußen, sondern ging wieder zu seinem Sägebock und sägte weiter, bis

die Einquartierung kam. Herr meines Lebens, da hättet ihr den Mann sehen

sollen! Das ganze Haus kam in Aufruhr; das beste, was Küch' und Keller

hielt, ward aufgetischt, und je mehr die kleinen gelben Kerle

schwadronierten und sakramentierten, desto fröhlicher wurde mein Alter.

>Das ist die rechte Sorte!< rief er immer, sich die Hände reibend.

>Solche mußten's sein! Wenn nur genug von ihnen da sind!<

Französisch hatt' er etwas von der Wanderschaft mitgebracht, und so

waren sie bald die besten Freunde miteinander und auf du und du, daß die

Nachbarn ordentlich die Nasen rümpften. Die aber gingen zu allen

Depentatschonen und illuminierten und bekränzten ihre Häuser und so --

das tat aber mein Gottfried nicht, und wenn er einen vom Rat der Stadt

sah, zog er jedesmal richtig die Zipfelmütze herunter über die Ohren.

Gut, da war ein Franzos zwischen den andern, der war von daher, wo sie

halb deutsch, halb französisch sprechen, den konnt' ich auch verstehen,

und es war so gut, als wenn ich französch' gekonnt hätte. Was geschieht?

Eines Abends sitzen sie alle zusammen, und mein Alter mitten drinnen,

und kauderwelschten, daß einem Hören und Sehen verging, und saß ich im

Winkel und strickte, und die Jungen spielten im Winkel. Spricht mein

Alter auf einmal zu dem Deutschfranzos: >Nun sagt mal, Kamerad, wie

lange denkt ihr denn eigentlich noch in Deutschland zu bleiben?<

Der Deutschfranzos stieß mit den andern den Kopf zusammen, und sie

schnatterten was in ihrer Sprache. Dann lachten sie aus vollem Halse.

>Immer bleiben wir da!< sagt der Deutschfranzos. >Wir sein einmal da;

wir gehen nit raus wieder!<

>Woui!< schrieen die andern und hielten sich die Bäuche. >Nit raus! nit

raus!<

>Ne,< sagt mein Alter, >immer nicht. Ihr seid zwar da, und unsereins

kann unserm Herrgott nur dankbar sein, daß er euch geschickt hat, aber

immer --<

>Nit raus! nit raus!< schrieen die Franzosen.

>Lasset euch handeln!< sagt mein Alter, >ich biete zwölf Jahr --

höchstens!<

>Nit raus! nit raus!< kauderwelschten die wieder.

>Wilhelm! Ludwig! kommt mal her!< rief mein Alter jetzt die Jungen, die

sogleich angesprungen kamen und sich an seine Knie stellten.

>Richt' euch!< rief mein Alter. >Augen rechts! Seht mal, Jungens, die da

-- das sind Franzosen, die eigentlich hier nicht in unsere Stube

gehören. Das kleine Annchen kann gar nicht schlafen vor ihrem Spektakel

-- und doch haben sie Lust, immer dazubleiben. Was meint ihr, Jungens --

wenn ihr stark genug wäret?<

Guckten meine Jungen gewaltig wunderbar aus den Augen und die

Franzmänner an, und dann sich und dann meinen Alten!

>Das sich finden -- ich groß werden -- ich schon Pustebacks Theodor

zwinge,< sagte Wilhelm, mein Kleinster. Ludwig, mein Ältester, sagte gar

nichts, aber auf einmal rann ihm eine dicke Träne über die Backe, und

sein Vater klopfte ihn auf die Schulter und sagte:

>Warte nur, mein Junge, Du kommst zuerst.<

Die Franzosen hatten ihren Heidenjubel; und besonders einer -- sie

nannten ihn Piär oder so -- wußte sich gar nicht zu helfen vor Lachen.

Mein Alter aber war sehr ernst geworden und sprach den ganzen Abend kein

Wort mehr. Die andre Woche zogen die Franzmänner ab und lachten noch

beim Abschied, als sie uns allen die Hand drückten und ordentlich sich

bedankten für gute Bewirtung:

>Nit raus! Nit raus!<

>Wird sich finden,< sagte mein Alter. >Wird sich finden!< schrieen meine

beiden Jungen.

Gut, nun kamen lange Jahre und immer andre Franzosen.

>Bald ist's genug,< brummte mein Gottfried. Und einmal zogen sie alle

hinauf nach Norden, aber zurück kam keiner. Und dann fing's auf einmal

an zu rumoren im Lande, und an den Ecken klebten ganz andre Zettel, die

mein Alter immer las und wobei er mit dem Kopf nickte. Er war die Zeit

nicht viel zu Haus.

Da kam er eines Tages zurück und rief den Ludwig aus der Werkstatt, und

sie kamen beide in die Küche zu mir.

>Sieh, Mutter< sagte mein Gottfried, >'s ist gut, daß Dein Feuer brennt!

Paß auf, Ludchen!< Damit zog mein Alter seine Zipfelmütze aus der Tasche

und warf sie unter meinen Topf, daß sie verschwielte und das ganze Haus

voll Qualm ward; dann ging er mit meinem Ludwig fort und kam allein und

ganz still wieder.

Am andern Morgen zog ein Trupp schwarzer Reiter in die Stadt -- auch

durch das Wassertor. Einer kam zu Pferd hier in die Sperlingsgasse vor

unser Haus und stieg ab -- mir sank das Herz in die Knie -- es war mein

Ludwig! --

>Adjes, Mutter! Adjes, Vater!< rief er -- >behüt Euch Gott, 's wird sich

schon machen!< -- und dann ritt er fort, den andern nach, die schon

durch das Grüne Tor zogen.

>Da geht's nach Frankreich, Alte!< rief mein Mann, während ich heulte

und jammerte. Aber es war noch so weit nicht.

Wir hörten lange Zeit nichts, bis eines Tages alle Glocken in der Stadt

läuteten, und auch im ganzen Land, wie sie sagten. Es war eine große

Schlacht gewesen, und unsere hatten gewonnen, und mein Ludwig war --

tot!

>Der Erste,< sagte mein Alter.

Wieder ging ein Jahr hin, und einmal kam das Kanonenschießen so nahe,

daß die Leute vor das Tor liefen, es zu hören; natürlich liefen mein

Gottfried und ich mit. Da kamen bald aus der Gegend her, wo es so rollte

und donnerte, Wagen mit Verwundeten, Freund und Feind durcheinander, und

immer mehr und mehr. Die wurden alle in die Stadt gebracht.

>Herr, mein Heiland!< muß ich auf einmal ausrufen, >ist das nicht der

Piär von damals, von Anno Sechs?<

Richtig, er war's. Mit abgeschossenem Bein lag er auf dem Stroh und

wimmerte ganz jämmerlich. >Den nehm' ich mit,< sagte mein Alter und bat

ihn sich aus, und wir brachten ihn hier ins Haus -- in Ihre Stube, Herr

Wachholder. Da kurierten wir ihn. Als er besser wurde, hatte mein Mann

oft seine Reden mit ihm. Einmal war der Franzos oben auf, einmal mein

Alter. Da hieß es plötzlich, die Deutschen seien wieder geschlagen und

der Napoleon abermals Obermeister. Mein Alter sah den Wilhelm bedenklich

an, als ginge er mit sich zu Rat; als aber in der Nacht die Sturmglocken

auf allen Dörfern läuteten, wußte ich, was geschehen würde, und weinte

die ganze Nacht, und am Morgen zog auch mein Wilhelm fort mit den grünen

Jägern zu Fuß, und Minchen Schmidt, die mit ihrer alten Mutter in Ihrer

Stube drüben wohnte, Herr Strobel, weinte auch und winkte mit dem

Taschentuch. Vorher aber führte ihn mein Alter noch an das Bett des

Franzosen und sagte: >Das ist der Zweite!< -- Der Franzos schaute ganz

kurios und bewildert drein und sagte gar nichts, sondern drehte sich

nach der Wand.

Das Kanonenschießen kam nun nicht wieder so nah, und der Wilhelm schrieb

von großen Schlachten, wo viele tausend Menschen zu Tod kamen, aber er

nicht, und die Briefe kamen immer ferner her, und auf einmal standen gar

welsche Namen darauf. Die brachte mein Alter dem Franzos herauf, der nun

schon ganz gut Deutsch konnte, und sagte lachend zu ihm: >Nun, Gevatter!

Nit raus? Nit raus?< Und der Franzos machte ein gar erbärmlich Gesicht

und sagte, den Brief in der Hand: >Das sein mein 'Eimatsort, da wohnen

mein Vatter und mein Mutter.< Mein Alter aber saß am Bett und rechnete

an den Fingern: >Eins, zwei, vier -- acht. Acht Jahr, Gevatter Franzos!

Warum habt Ihr dunnemalen meine Zwölf nicht genommen?<

Die Briefe von unserm Wilhelm kamen nun immer seltener, und auf einmal

blieben sie ganz aus, und eines Tages -- kommt mein Alter nach Haus,

setzet sich an den Tisch, legt den Kopf auf beide Arme und -- weint. Ich

dachte der Himmel fiele über mich -- -- -- -- _der_ und Weinen!

>Der andre!< stöhnte mein Alter in sich hinein, und ich fiel in Ohnmacht

zu Boden.

Da vor der großen Franzosenstadt Paris muß ein Berg sein -- ich kann den

Namen nicht ordentlich aussprechen -- von wo man die Stadt ganz

übersehen kann. Da schossen sie zum letztenmal aufeinander, und da ist

auch dem Wilhelm eine Kugel mitten durch die Brust gegangen, wie der

Kamerad schrieb, und ist er da begraben mit vielen, vielen andern aus

Deutschland. -- Das ist meine Geschichte! Den Franzosen aber kurierten

wir aus, und mein Alter gab ihm einen Zehrpfennig und brachte ihn an das

Tor, wo der Weg nach Frankreich geht, den auch meine Jungen gezogen

waren, sah ihn da abhumpeln und kam wieder nach Haus, murmelnd: >Nit

raus, nit raus!< -- Gott hab ihn selig, den Mann, es war ein

wunderlicher, Dein Vater, Annchen.«

So erzählte die alte Margarete Karsten, und wir alle saßen um sie herum,

als sie geendet hatte, jeder seinen eigenen Gedanken nachhängend. Der

Meister hatte längst seine Zeitung weggelegt, und auch die Gesellen, die

nach und nach eingetreten und gewöhnlich ziemlich fröhlich und laut

waren, standen und saßen diesmal ganz still umher.

»Nun will ich noch was erzählen!« rief plötzlich die Alte, deren Augen

durch die wachgewordenen Erinnerungen in einem seltsamen Glanz

leuchteten. »Ich will was erzählen, was lange nachher geschah und doch

mit dazu gehört! -- Wenn die Fensterscheiben nicht so gefroren wären,

könntet ihr den Turm der neuen Sophienkirche sehen, die gebaut wurde,

nachdem die alte abgebrannt ist. In der alten war's, wo eine Tafel an

der Wand hing, wo die Namen aller der drauf standen, welche in dem

Franzosenkriege aus unserem Viertel gefallen waren, und worunter auch

meine Jungen waren: Ludwig Friedrich Karl Karsten und Wilhelm Johannes

Albert Karsten. Die Tafel hatten wir unserm Kirchenstuhl gerade

gegenüber, und des Sonntags schauten wir immer darauf und dachten an

unsre braven Jungen, und mein Alter war stolz auf die Tafel und ich

auch, wenn ich auch genug darüber geweint habe und noch weinte. Aber es

blieb nicht so bei meinem Gottfried. Es kam eine Zeit, da schlich er an

der Tafel vorbei, ohne aufzugucken, und wenn wir an unserm Platze saßen

und sein Blick fiel mal drauf hin, sah er schnell weg, oder auf den

Boden, oder murmelte etwas, was ich nicht verstand.

Gut, eines Tages gegen Abend stand ein schreckbares Gewitter über der

Stadt; es donnerte und blitzte unbändig, und auf einmal hieß es: in der

Sophienkirche hat's eingeschlagen! -- Richtig -- da brannte sie

lichterloh. Mein Alter, der sonst bei so was immer vorn dran war, rührte

diesmal nicht Hand nicht Fuß, und es hätte auch nichts geholfen. Er

hatte mich unterm Arm, und wir standen in der Menschenmenge und sahen

zu. Auf einmal schwankt der Turm, der wie eine Fackel war, hin und her

und stürzt dann herunter auf das Kirchendach mit einem Krach, daß

Menschen und Pferde in die Knie schossen und ich mit. Mein Alter aber

blieb aufrecht stehen und kehrte sich um und brachte mich nach Hause.

Als wir in unserer Stube waren, ging er den ganzen Abend auf und ab, bis

er plötzlich vor mir stehen blieb und sagte:

>Mutter, Gottlob, die Tafel ist verbrannt! Mutter, ich konnt' sie nicht

mehr ansehen! -- Gute Nacht, Mutter!< -- Ich verstand ihn gar nicht und

fragte, was das bedeuten solle, aber er schüttelte nur mit dem Kopf und

ging zu Bett. Und das will ich auch tun, mein Flachs ist zu Ende! Gute

Nacht, ihr Herrn, gute Nacht, Kinder! -- Komm, Annechen!« -- Damit erhob

sich die alte Frau, und ging, auf ihren Stock und den Arm ihrer Tochter

gestützt, hinaus, ihrer kleinen Kammer zu, um von ihrem alten Gottfried

mit dem eisernen Herzen, um von den beiden erschossenen

Freiheitskämpfern weiter zu träumen. Der Karikaturenzeichner machte

heute Abend keinen Witz mehr, der Meister sog an der erloschenen Pfeife.

Es war, als wage keiner sich von seinem Platz zu rühren; es war, als

müsse nun gleich die Tür sich öffnen, und der alte, gewaltige Mann

hereintreten mit dem schwarzen Reiter und dem grünen Jäger an seiner

Seite, von denen der eine an der Oder und der andre dicht vor Paris

begraben liegt auf dem Montmartre.

»Ich weiß, warum der Meister Karsten die Tafel nicht mehr ansehen

konnte!« rief plötzlich eine klangvolle Mannesstimme, daß alle fast

erschrocken aufsahen. Es war Rudolf, der Altgeselle, der sich in seinem

Winkel hoch aufgerichtet hatte.

»Ich auch!« rief Bernhard, der zweite Gesell, seinem Gefährten die Hand

auf die Schulter legend.

»Ich auch!« rief Strobel aufspringend. »Wie viel Wissende noch?«

»Ich auch!« rief der Meister. »Ich auch!« sagte ich. »In _dem_ Wissen

liegt die Zukunft -- Gott segne das Vaterland!« Und dann -- -- kam die

Meisterin mit den Kartoffeln.

Am 10. Februar.

Und wieder überschreibe ich ein Blatt der Chronik:

Elise.

Wir haben gejubelt und gelacht; auch wohl geweint über kleine Schmerzen

und verunglückte Freuden! -- Wie die Jahre kommen und gehen!

Der Efeu hat nun eine ordentliche, schattige, grüne Laube gebildet; rote

und blaue Wachsbilder hat eine kleine schmückende Hand zwischen das

Blätterwerk gehängt; wieder flattert ein zahmer Kanarienvogel in der

Stube hin und her, von meinen Büchern und Schreibereien auf eine hübsche

runde Schulter im Fenster, oder auf einen niedlichen Finger, der ihm

winkend hingehalten wird. -- Elise ist nun dreizehn Jahre alt auf den

Blättern dieser Chronik. Oft wenn ein lustiger Sonnenstrahl über das

Blätterwerk schießt, zwitschert wohl Flämmchen -- so heißt der neue

kleine Freund -- fröhlich auf, hüpft aus seinem Bauer, dreht das

Köpfchen mit den funkelnden kohlschwarzen Äuglein einigemal hin und her

und flattert dann zum offenen Fenster hinaus. Einen Augenblick glänzt

es, hin und her schießend, wie ein Goldpünktchen im Sonnenschein, dann

flattert es nach der jenseitigen Häuserreihe und verschwindet in einem

Fenster des mittleren Stockwerkes in Nr. Zwölf. Von dort ward es

herübergebracht, auch dort hat es ein kleines Messingbauer.

Neue Gesichter sind aufgetaucht, neue Fäden schlingen sich wundersam in

unser Leben und damit heute an diesem regnichten, windigen Februartage

auch in diese Blätter.

Was tot war, wird lebendig; was Fluch war, wird Segen; die Sünde der

Väter wird nicht heimgesucht an den Kindern bis ins dritte und vierte

Glied!

Eine helle frische Stimme erschallt unten im Hause; ein leichter Schritt

kommt die Treppe herauf -- Elise horcht. Nach einigen Minuten erschallt

plötzlich draußen ein Gepolter, Marthas Stimme läßt sich hören, klagend

und ärgerlich. Da ist er -- der Taugenichts der Gasse!

Die Tür wird halb aufgerissen, und herein schaut ein lachendes,

kerngesundes, mit unzähligen Sommerflecken bedecktes Knabengesicht.

»Nun, Gustav, was gibt's wieder?«

»O gar nichts!« sagt das ^mauvais sujet^, den Mund von einem Ohr bis zum

andern ziehend, während Martha jetzt kläglich draußen nach Elisen ruft.

»Was mag er nur angefangen haben?« sagt diese aufspringend und

hinausgehend. Ein helles herzliches Gelächter, in welches ich sie

draußen ausbrechen höre, zwingt auch mich, von meinen Büchern

aufzustehen, während Gustav sich ganz ehrbar in einen Band von Beckers

Weltgeschichte vertieft zu haben scheint. Ich nehme die möglich

ernsteste Miene an und schreite hinaus. Welch ein Anblick erwartet mich!

Die gute Alte hat höchst wahrscheinlich ihre Mittagsruhe gehalten und

ist, das Strickzeug im Schoß, eingeschlafen. Diesen günstigen Augenblick

zu benutzen, hat der Taugenichts, der vielleicht mit sehr guten

Vorsätzen die Treppe heraufkam, doch nicht unterlassen können.

Festgebunden sitzt die Unglückliche in ihrem Stuhle; Handtücher,

Bindfaden, das Garn ihres Strickzeuges, kurz alles nur mögliche

Bindematerial ist benutzt, sie unvermögend zu machen, sich zu rühren.

Vor ihr auf einem, noch dazu sehr zierlich gedeckten Tischchen, steht

ein großer Napf Milch, der höchst wahrscheinlich zu den wichtigsten

kulinarischen Zwecken bestimmt war, und um ihn im Kreis sitzt schlürfend

und schmatzend -- die ganze Katzenwelt des Hauses, von Zeit zu Zeit

einen höhnenden Blick nach dem Lehnstuhl werfend, von welchem aus die

gefesselte Küchentyrannin strampelt und droht, in wahrhaft tantalischen

Qualen.

»Lischen -- so jag sie doch weg -- (Elise hat vor Lachen die Kraft gar

nicht dazu und sitzt atemlos auf einem Schemel) -- o der Schlingel --

aber, Herr Wachholder, jagen _Sie_ sie doch weg -- es bleibt ja nichts

übrig -- o meine schöne Milch -- der Bösewicht!« Ja der Bösewicht -- wo

war er, als diese Tragikomödie zu Ende gekommen war, und man sich nach

dem Urheber umsah? Der Band von Beckers Weltgeschichte lag freilich noch

aufgeschlagen da, aber von Gustav -- nirgends eine Spur!

* * * * *

Wer ist dieser Gustav?

Der Enkel eines Mannes, dessen Name schon einmal gar unheimlich in diese

Blätter hineingeklungen ist, der Enkel des Grafen Friedrich Seeburg.

Es war im Jahr 1842, als in die Wohnung drüben in Nr. Zwölf, in deren

Fenster später der Kanarienvogel so oft hinüberflatterte, eine schöne,

schwarz gekleidete, bleiche Frau zog, welche sich Helene Berg nannte,

die Witwe eines vor kurzem verstorbenen Mediziners. Sie war es, die

schon einmal durch unser Leben und durch die Blätter dieser Chronik

geglitten ist, mit jenem Sonnabend im Sommer 1841, an welchem wir den

toten kleinen Vogel auf dem Johanniskirchhof begruben zu den Füßen der

Gräber von Franz und Marie. Sie küßte damals die kleine Elise, aber wir

kannten einander nicht. -- »Georg Berg« stand auf dem Grabstein, an

welchem sie gekniet und geweint hatte, und in der ärmlichen Wohnung

drüben in Nr. Zwölf, in der engen, dunkeln Sperlingsgasse verklingt die

letzte Saite der unheilvollen wilden Geschichte, die einst der sterbende

Jäger dem Maler Franz Ralff erzählte. -- Ist das Lied vorbei? Eine junge

fröhlichere Weise nahm den letzten Ton auf, und »Gustav und Elise Berg«

wird die neue Melodie lauten!

Wie die Letzte aus dem stolzen Hause der Grafen Seeburg das

Zusammenhängen ihres Schicksals mit dem kleinen Mädchen an meiner Seite

erfuhr? -- Ihre Geschichte?

Ich fürchte mich fast, die Decke, die über so viel kaum vergessenem und

begrabenem Unheil liegt, wieder aufzuritzen.

»Sieh, welch ein schöner Ring!« sagte einmal Elise, der Frau Helene, die

bei uns saß, jenen Reif zeigend, welchen vor langen langen Jahren der

alte Burchhard am Hungerteiche im Ulfeldener Walde der toten Luise aus

der erstarrten Hand gezogen hatte, welcher so lange Jahre unter jenem

bekreuzten Stein gelegen hatte, und der das Wappen des Grafen von

Seeburg trug! -- Ich habe nicht nötig aufzuschreiben, was folgte! -- --

-- Wir trennten uns damals so bald nicht. Den ganzen Abend ließ die

weinende Helene die kleine Elise nicht aus den Armen, und Gustav, --

Gustav, der Taugenichts der Gasse, begrüßte jubelnd seine Cousine auf

seine Weise.

Nachdem er lange unstät sich umhergetrieben hatte, heiratete in Italien

der Graf Friedrich Seeburg eine schöne, vornehme, aber arme Italienerin;

sie ward die Mutter Helenens und starb sie gebärend im zweiten Jahr

ihrer Ehe. Die Griechen dachten sich die Kluft zwischen Gott und dem

Menschtum ausgefüllt durch ein Vermittelndes, das Dämonische: da

schwebten, »damit das Ganze in sich selbst verbunden sei,« Geister »viel

und vielerlei« auf und nieder; strafende und lohnende Boten der

Gottheit, und niemand entging seinen Taten. Diese Geister verfolgten

auch den Grafen: Reue, Ruhelosigkeit, Lebensüberdruß hießen sie, und auf

jede Lebensfreude legten sie ihre ertötende Hand. Wieder zog der Graf

über die Alpen nach Deutschland. Das Schloß Seeburg war verkauft, -- er

kam nach Wien, wo er menschenscheu und finster in einem einsamen,

kleinen Hause wohnte. Oft hörte ihn seine Tochter auf- und abgehen in

der Nacht; sie hatte keine Bekanntinnen, keine Freundin; eine alte

Dienerin ihrer Mutter war ihr ganzer Umgang. So verlebte sie ihre ersten

Jugendjahre fast ganz sich selbst überlassen; während ihr Vater immer

finsterer und finsterer ward. Er verbot ihr zu singen, zu spielen; sie

seufzte und fügte sich. Da wurde eines Morgens der alte Graf Seeburg tot

im Bett gefunden; kein Mensch war bei seinen letzten Augenblicken

zugegen gewesen, er war gestorben wie ihn Helene nur gekannt hatte --

einsam und allein. Einsam und verlassen war aber auch sie jetzt, ein

junges Mädchen in einer großen, fremden Stadt, die sie nicht kannte, wo

niemand sie kannte. Es fand sich, daß die Hinterlassenschaft ihres

Vaters kaum hinreichte, die während seines Aufenthalts in Wien gemachten

Schulden zu bezahlen.

Unter den wenigen, die von Zeit zu Zeit das Haus ihres Vaters betreten

hatten, war ein Doktor Berg, ein nicht mehr ganz junger Mann, und dieser

war der einzige, welcher, an das Totenbett des alten Grafen gerufen,

nachdem er ihm die Augen zugedrückt hatte, sich der jungen Waise annahm.

Er brachte ihre Vermögensverhältnisse in Ordnung; er führte sie, die

ebenfalls fast menschenscheu Gewordene, zu guten Menschen, zu seiner

alten, freundlichen Mutter. Er schien alles, was er tat, nur als seine

Pflicht anzusehen, und er, der ihr anfangs gleichgültig war, gewann ihre

Zuneigung mehr und mehr. Da bot er ihr seine Hand, und die Gräfin Helene

Seeburg ward seine zufriedene, glückliche Gattin, bald noch glücklicher

durch die Geburt eines Sohnes, der Gustav genannt wurde. Da zwangen

Verhältnisse -- auch seine Mutter war gestorben -- den Doktor Berg, Wien

zu verlassen; er zog hieher und bemühte sich, eine Praxis zu gewinnen.

Eben schien es ihm zu gelingen, als eine heftige Seuche, die verheerend

von Osten kam und über das ganze Land todbringend zog, auch ihn

wegraffte; er ließ seine Frau und seinen Sohn fast unbemittelt zurück.

Auf dem Johanniskirchhof, zwanzig Schritte von Franz und Marie Ralff,

ward er begraben.

Das war es, was die Frau Helene Berg erzählte, während der Ring mit dem

Wappen der Grafen Seeburg, die Schlange, welche den Rubin umwand, vor

ihr auf dem Tische funkelte. Noch an demselben Abend trug ich ihn auf

die Königsbrücke und warf ihn weithin in den Strom, nachdem ich ihn in

zwei Stücke zerbrochen hatte. Helene lehnte neben mir am Geländer, und

schweigend gingen wir zurück in die Sperlingsgasse zu unsern Kindern.

* * * * *

War's nicht ein hübsches, ein glückliches Vorzeichen, dieser kleine

goldgelbe Vogel, der zwischen den beiden Wohnungen hin und her

flatterte, der seine Wohnung dort und hier hatte, oft ein kleiner treuer

Bote war, und an seinem beweglichen Hälschen gar wichtige Nachrichten,

Fragen oder Antworten hinüber- und herübertrug?

»Schau mal nach, Lise, das Flämmchen trägt wieder einen Zettel am Halse.

Jetzt werden wir wohl erfahren, wo der Bösewicht, über den ich die alte

Martha draußen noch brummen höre, steckt.«

Zwitschernd hüpft Flämmchen auf Elisens Hand. Sie nimmt ihm den Zettel

ab, und in einer weitbeinigen Knabenhandschrift lautet die Botschaft:

»Lise!

Da ich mich vor morgen bei Euch nicht zu zeigen wage und noch

dazu leider gezwungen bin (scheußlich!) 3 Seiten, schreibe drei

Seiten, voll lateinischen Unsinns zu übersetzen (ich möchte nur

wissen, wozu ein Maler, und ich _will_ einer werden, Latein

braucht?????) so bitte ich Dich, den Onkel (_Du brauchst ihm

diesen Brief nicht zu zeigen_) ebenso auf seinem Lehnstuhl

festzubinden, wie ich die alte Martha festgebunden habe und

#sobald als möglich# vor die Tür zu kommen. -- Ich will Dir mal

was Wichtiges sagen.

Gustav.

^P. Scr.^ Ich passe auf, und wenn ich Deine Nasenspitze sehe,

schleiche ich an den Häusern hin zu Euerer Tür! Komme bald!!

^P. Scr.^ Bring Deine Korbtasche mit!«

»Was mag er nur wollen?« fragt Lischen, die schon nach dem Nagel guckt,

an welchem ihre Tasche hängt, während ich trotz des warnenden Passus den

Brief des Übeltäters und seine echte Tertianerlogik studiere. Es ist

prächtig: _weil_ ich ein Exerzitium von bedenklichster Länge machen muß

-- _so komme sobald als möglich!_ Und dann die kleine Heuchlerin, die

recht gut weiß, was der Faulpelz will!

»Was für einen Tag haben wir heute, Lischen?«

»Ah -- Sonnabend!« ruft Elise. »Jetzt weiß ich's! Er hat sein

Taschengeld gekriegt.«

»Welches eigentlich die alte Martha konfiszieren müßte. Höre, Lischen;

schreib ihm als Bedingung Deines Kommens vor, daß die >scheußliche<

Arbeit fertig sein müsse.«

»Wie lange dauert das wohl, Onkel?« fragte die Lise ganz bedenklich; sie

zöge das »Sobald als möglich« unbedingt vor.

»Nun -- zwei Stunden, mindestens.«

»Oh, oh zwei Stunden?!«

»Ja, und dann wimmelt sie doch noch von Fehlern, einer immer schlimmer

als der andre.«

»Onkel, Gustav sagt aber: je länger er an einer Arbeit säße, desto mehr

Böcke mache er.«

»Nun denn, wenn er das sagt, so soll er sie fürs erste nur fertig machen

und mit herüberbringen. Schreib ihm das.«

Elise stellt jetzt eine große Auswahl unter meinen Federn an und beklagt

sich sehr über »unsere« schlechte Tinte; während Flämmchen, auf einer

Stuhllehne sitzend, anfangs geduldig wartet, dann aber, als ihm die

Sache zu lange dauert, sich bemüht, über dem Tisch flatternd, ebenfalls

in das Tintenfaß zu schauen, um den Grund der Zögerung zu erfahren.

Endlich jedoch ist Elise mit ihren Vorbereitungen fertig und schreibt:

»Lieber Gustav!

Dein Brief ist glücklich angekommen. Flämmchen hat ihn gebracht.

Die alte Martha hat einen nassen Waschlappen im Fenster liegen;

sie will Dich tüchtig waschen, wenn Du kommst. Den Onkel kann

ich nicht festbinden, er rennt heute immer in der Stube auf und

ab und sitzt keinen Augenblick still. Du sollst erst Dein

Exerzitium fertig machen und es mitbringen, eher soll ich nicht

kommen! Mach schnell!!! Meine Tasche bringe ich mit!

Die Chronik der Sperlingsgasse · 第 7 / 13 题