Nun, wer mochte diese zweite Person wohl sein Lise?«

»Der Hund, Marquarts Bello!« schrie Elise ganz entzückt.

»Geraten, es war Bello, der Edle; ein weitläufiger Verwandter vom

Rezensenten und sonst auch ein ganz netter Kerl, aber -- wie gesagt --

vor dem Schrank hatte er nichts zu suchen!

>Nun?< sagte Miez, den Bello anguckend.

>Nun?< sagte Bello, die Miez anguckend.

>Miau!< klagte Miez, den Schrank anguckend.

>Wau!< heulte Bello, den Schrank anguckend.

So weit waren sie; sie wollten aber dabei nicht bleiben.

>Packen Sie sich auf den Hof,< sagte die Katze, >was haben Sie hier zu

gaffen?<

>_Sie_ hätte ich Lust zu packen,< schrie der Hund, >scheren Sie sich

gefälligst auf Ihren Boden und fangen Sie Mäuse. Aufkriegen _Sie_ ihn

doch nicht!<

>Pah!< sagte die Katze und schleuderte ihren schönen Schweif dem Hunde

zu, welches so viel heißen sollte, als: >Armer Kurzstummel, wenn ich nur

wollte!< Das war aber dem armen Bello zu viel, denn jede Anspielung auf

seinen Stummel machte ihn wütend, wie auch der Swinegel, der, wie Du

weißt, mit dem Hasen auf der Buxtehuder Heide um die Wette lief, nichts

auf seine krummen Beine kommen ließ.

Auf sprang also Bello, heulte furchtbar und wollte eben der Miez an ihr

schönes glattes Fell, als auf einmal ...

Piep, Piep, Piep! es im Schranke ertönte.

>Mause, Mi--ause, Mi--ause am Braten drinnen -- und ich dri--außen,

dri--außen, dri--i--i--außen!< jammerte die Katze.

>Wau, wau; das kommt von Ihrem albernen Betragen und Ihrer

Nachlässigkeit!< heulte der Hund, und dann -- kam Martha vom Markte

zurück, und Hund und Katze gingen hin, wo sie her gekommen waren.

Jetzt aber, mein Kind, schlaf ein und schwitze recht tüchtig, damit wir

morgen die Stelle besehen können, wo diese merkwürdige Geschichte

vorgefallen ist.« Und so geschah's; Lischen schlief ein, ich aber freute

mich, wieder einmal ein Märchen beendet zu haben, wie ein wahres Märchen

enden muß; nämlich ohne allzu klugen Schluß und Moral. Daß der Doktor

nicht bei meiner Erzählung zugegen war, konnte mir ebenfalls nur lieb

sein. Jedenfalls hätte er wieder schnöde politische Vergleiche und

Anspielungen losgelassen, was mir sehr unangenehm gewesen wäre.

»Herr Wachholder,« sagte Martha auf einmal ganz treuherzig -- »das Loch

im Schranke hat der Tischler Rudolf schon wieder zugemacht. Die Mäuse

können nun nicht mehr hinein.«

»Bis sie sich wieder durchgefressen haben, Martha!« Ich dachte an den

Doktor und seine Anspielungen.

Am 11. Januar.

Wie der Efeu aus dem Ulfeldener Walde höher und höher hinaufsteigt an

der Wand des Fensters, geküßt von der warmen Sonne, getränkt von kleinen

sorgenden Händen, welche alle verwelkten gelben Blätter abpflückten, daß

die Pflanze immer frisch und jung dastehe!

Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen Monate, aus Monaten Jahre, und das

junge Menschenkind wächst und entfaltet sich schöner und blühender als

die köstlichste, wundersamste Pflanze. Die alte Martha wird immer älter

und gebückter, und graues Haar mischt sich mehr und mehr unter mein

braunes. Zum erstenmal ist der Tod an mein Kind herangetreten. Es hat

über der ersten Leiche geweint. Der hübsche goldgelbe Kanarienvogel, der

so zahm und lieb war, lag eines Morgens kalt und erstarrt auf dem Boden

seines kleinen Hauses.

So fand ihn Elise und schrie auf, nahm ihn in ihre Hände, hauchte ihn an

und suchte ihn zu erwärmen, -- ach, armes Kind: die Toten kommen nicht

wieder!

Leg ihn nieder, deinen kleinen Freund; auch dir jungem Wesen ist es

jetzt schon nicht mehr vergönnt, zu klagen und zu trauern, wie du wohl

möchtest; auch dich hat das Leben jetzt schon erfaßt und in seine Wirbel

gezogen; -- gehe hin mit deinem gedrückten kleinen Herzen, daß du die

Schule nicht versäumst! -- Elf Jahre alt ist mein Kind jetzt in den

Blättern der Chronik. Das runde Gesichtchen zieht sich schon mehr und

mehr zu jenem Oval, welches das Bild dort an der Wand so lieblich macht;

aus Lischens Kinderstimme klingt mir nun oftmals -- wenn sie sich

wundert, sich freut oder klagt -- ein Ton entgegen, der mich fast

erschreckt auffahren läßt. Es ist derselbe Ausruf, den _sie_ an sich

hatte! Wer hat ihn dich gelehrt, kleines Herz? Diesen Ton, den ich für

ewig verklungen hielt, und welcher jetzt nach so langen Jahren wieder

frisch und lebendig wird?

Weine nicht mehr, Lischen, sieh, ich will dich an ernstere Gräber

führen, draußen vor der Stadt. Da wollen wir uns hinsetzen unter die

blühenden Rosenbüsche und denken, daß die Welt so groß, so unendlich

groß sei, und doch nichts darin verloren gehe! Da wollen wir auch dem

toten Vogel sein kleines Grab graben und uns vorstellen, daß im nächsten

Frühlinge aus seinem Leibe eine hübsche goldgelbe Blume aufsprießen

werde: zur Freude des bunten winzigen Schmetterlings und des großen,

ewigen Gottes.

Stecke dein Butterbrot in deine Korbtasche, Lischen (wenn du es heute

vielleicht auch verschenken wirst) -- gib mir einen Kuß und grüße den

Herrn Lehrer Roder. Du kannst ihn auch fragen, ob er nicht morgen am

Sonntag mit uns hinausgehen wolle in den Wald und vielleicht noch

weiter.

Lischen nickte und ging -- noch immer schluchzend; ich aber machte mich

auf den Weg zur Expedition der >Welken Blätter<, ohne eine Ahnung von

dem neuen tragischen Ereignis, welches den Tag noch wichtig machen

sollte.

Mohrenstraße Nr. 66 war damals schon und ist auch heut noch das Bureau

dieses bekannten Blattes. Ich hatte bald meine Geschäfte abgemacht mit

dem Hauptredakteur, dem Doktor Brummer, einem kleinen, quecksilbrigen

Individuum mit goldener Brille und roter Perücke -- jetzt lange tot --

und schwatzte noch mit den anwesenden Journalisten und den Künstlern

beiderlei Geschlechts, die gelobt sein wollten, als plötzlich die Türe

aufgerissen wurde, und der Doktor Wimmer erschien, begleitet von dem uns

nur zu wohl bekannten dicken, hochrotgesichtigen Polizeikommissar

Stulpnase. Da sie miteinander eintraten, war es nicht ausgemacht, wer

von beiden den andern eigentlich mitschleppe.

»Meine Herren,« schrie einen gestempelten Bogen schwingend der Doktor,

»ausgewiesen!«

»Ausgewiesen!?« ertönte es im Chor verwundert und fragend.

»Auskewiesen? Was das sein, Signore dottore?« fragte Signora Lucia

Pollastra, die jüngst angekommene Baßsängerin.

»Ausgewiesen -- ausgewiesen -- das heißt -- ^cela veut dire^: --

^eliminito^!« sagte der Hauptredakteur, der alle Sprachen zu kennen

glaubte.

»^Dio mio^!« rief die Sängerin, die so klug als zuvor war.

»Sehen Sie, Wimmer, ich hab's mir gleich gedacht!« schrie eine feine

sächsische Stimme, die dem zweiten Redakteur Flußmann aus »Dresen«

zugehörte -- »wie konnten Sie aber auch _das_ schreiben?«

Der Journalist nahm die letzte Nummer der >Welken Blätter< und las:

... Und wenn alle Esel dieser Maßregel Beifall brüllen sollten: ich kann

sie nur »_bewimmern_!«

-- »Und er hatte seinen Lohn dahin und wurde selbst gemaßregelt!« sagte

der Doktor, welcher sehr gemütlich, den Hut auf einem Ohr, die Zigarre

im Munde, auf einem hohen Dreibein saß.

»Ich hätte das Deinetwegen schon nicht aufnehmen sollen, Wimmer!« sagte

Brummer.

»Dann hättest Du ja selbst unter die Beifallsbrüller gehört, Alter!«

Jetzt mischte sich aber die hohe Polizei ein, welche bis dahin

stillgeschwiegen und nur mit Würde geschnauft hatte.

»Also in vierundzwanzig Stunden, Herr Doktor« ...

»Habe ich das Nest hinter mir, Edelster! Seien Sie unbesorgt!« lachte

der Doktor. »Aber halt, Verehrtester, würden Sie mir vielleicht wohl

erlauben, Ihnen jetzt noch eine kleine Rede zu halten? -- Fritze,

Lümmel! Gib dem Herrn Kommissar einen Stuhl!«

Fritze, der unendlich selig grinste, kam dem Gebote nach; die Polizei

ließ sich schnaufend nieder, und ihr Opfer -- begann:

»Ich habe in Jena studiert, Herr Polizeikommissarius. Das ist eine

allgemein historische Tatsache, aber es knüpft sich Bemerkenswertes

daran. Damals gab es dort einen raffiniert groben Philister, Deppe

genannt, der alle Augenblicke eine sehr drastische Redensart

herausdonnerte, übrigens aber der Gott aller der wilden Völkerschaften:

Vandalen, Hunnen, Alanen, Viso-, Möso- und Ostrogoten u. s. w. u. s. w.

war. Verehrtester Herr Kommissarius, der deutsche Student, viel zu

zartfühlend, viel zu sehr von Albertis Komplimentierbuch angekränkelt,

konnte unmöglich _diese_ Redensart adoptieren. Ebensowenig aber konnte

er auch den Effekt derselben auf Pedelle, Manichäer und dergleichen

Gesindel entbehren. Was tat er? -- Er deckte Rosen auf den Molch und

sagte: Deppe! -- Deppe überall! Deppe konnte jeder Rektor magnificus,

Deppe jeder Professor, Deppe jede Professorentochter sagen. Also, Herr

Polizeikommissarius: _Deppe!_ -- 'n Morgen, meine Herren, Addio, Signora

Pollastra, brüllen auch Sie wohl! Ich muß packen!«

Damit schob sich der Doktor der Philosophie Heinrich Wimmer und verließ

das Expeditionszimmer der >Welken Blätter<, um es nie wieder zu

betreten.

Nie aber habe ich ein solches Gesicht wiedergesehen, als das des edlen

Stulpnase. Sprachlos saß er da; auf einmal aber sprang er auf, stülpte

den Dreimaster über und schrie:

»Man soll ja nicht denken, seinen Spaß mit einer hohen Behörde treiben

zu können!« Damit stürzte auch er fort.

»Wenn er nur nicht herausbringt, was Deppe heißt!« sagte der

Hauptredakteur unter dem unendlichen Gelächter der Redaktion und der

Anwesenden, und die Versammlung löste sich auf.

Nach Hause zurückgekehrt, traf ich die kleine Lise, die bereits aus

ihrer Schule heimgekommen war, über einer bunten Pappschachtel an, in

welche Martha den Vogel gelegt hatte. Den Doktor hörte ich drüben

gewaltig rumoren, und von Zeit zu Zeit erschien er am Fenster, blies

eine Rauchwolke zum blauen Sommerhimmel hinauf oder pfiff eine Passage

aus dem österreichischen Landsturm, seinem Lieblingsstück. Der kleinen

Lise sagte ich von dem Schicksal ihres dicken Freundes noch nichts; ich

wollte ihr das Herz nicht noch schwerer machen. Mittags konnte sie schon

so vor Betrübnis nichts essen, obgleich sie ihr Butterbrot richtig

weggeschenkt hatte. Alle Augenblicke richteten sich ihre Augen auf die

bunte Schachtel, worin das tote Tier lag.

Am Abend begruben wir es unter dem blühenden Rosenstrauch zu den Füßen

der Gräber von Franz und Marie. Die roten Abendwolken segelten über uns

weg, die Rosen dufteten so herrlich; überall Licht und Blumen. Ich saß

auf dem Bänkchen neben den Gräbern; Elise hatte ihr Köpfchen an meine

Brust gelegt, sie hatte sich so müde getrauert, daß sie -- o glückliche

Kindheit! -- die Augen schloß und einschlummerte.

Eine schöne, ältere, bleiche, schwarzgekleidete Dame kam und kniete an

einem einfachen Denkmale nieder; arme Kinder legten weiter weg an der

Kirchhofsmauer Waldblumenkränze auf das Grab des toten Vaters; ein Greis

schritt gebückt unter den Steinen und Kreuzen umher, die Aufschriften

lesend.

In der Stadt verkündeten alle Glocken den morgenden Sonntag; voll und

rein wogten die feierlichen Klänge, die in den Straßen im Rollen und

Rauschen der Arbeit ersticken, über diese stille Welt hinweg. Immer

goldner glänzte der Himmel im Westen, immer tiefer sank die Sonne dem

Horizont zu. Nacht ward's auf der einen Hälfte dieses drehenden Balles,

während auf dem großen atlantischen Ozean vielleicht eben ein Schiff dem

jungen Amerika entgegensegelnd, die Sonne aufsteigend begrüßte.

Vielleicht ist es nur _ein_ Schiff, das jetzt im jungen Tage segelt,

während hier die Nacht sich über so viele Millionen legt. Dort steht der

Führer auf dem Verdeck, das Fernrohr in der Hand; im Mastkorb schaut ein

freudiges Auge nach dem ersehnten Lande aus, überall Leben und Bewegung.

-- Hier zündet der einsame Denker seine Lampe an und schlägt die Bücher

der Vergangenheit auf, die Zukunft daraus zu enträtseln, und findet

vielleicht, daß die Nacht, die auf den Völkern liegt, ewig dauern wird,

in demselben Augenblick, wo auf jenem einsamen Schiff der

Willkommensschuß donnert: »Amerika!« die zu dem Schiffsrand stürzende

Auswandererschar ruft, und eine Mutter ihr kleines lächelndes Kind in

die Morgensonne und dem neuen Vaterland entgegenhält!

Das Gras fängt an feucht zu werden, ich muß meine kleine Schläferin

aufwecken. Die bleiche Frau erhebt sich ebenfalls; sie kommt auf uns zu.

Wir kennen uns nicht; aber hier auf dem Kirchhof scheut sie sich nicht,

sich über mich und das schlummernde Kind zu beugen.

»Lassen Sie mich die Kleine küssen!« sagt sie.

Ich sehe sie unter den Bäumen verschwinden, ein Tuch vor den Augen.

Elise erwacht: »O wie schön!« ruft sie, in die Glut des Abends schauend.

»Gute Nacht, Franz! Gute Nacht, Maria!«

* * * * *

Holla! Was ist in der Sperlingsgasse los? Als wir nach Haus kommen,

herrscht ein Tumult darin, wie ich ihn noch nie darin erlebt habe. In

allen Haustüren schwatzende Gruppen, jede Arbeit eingestellt:

Salatwaschen, Schuhflicken, Strümpfestopfen, Hämmern, Sägen,

Federkritzeln, alles ins Stocken geraten, nur nicht -- die Zungen!

»O je, o je, Herr Wachholder, sehen Sie mal da oben!« schreit Martha,

die auf der Treppe unserer Haustür, umgeben von einem Kreis

Nachbarinnen, Posto gefaßt hat, mir schon von weitem zu.

»Was gibt's denn, Martha? Was ist los?« rufe ich ihr entgegen.

»Der Herr Doktor Wimmer ist los!« jubeln zwanzig Stimmen um mich her,

und zwanzig Finger zeigen nach dem Fenster des vortrefflichen Burschen,

welcher bis jetzt der »bunte Hund« der ganzen Gasse war.

Ein großer Bogen Papier flattert dort oben, und darauf steht mit

gewaltigen Buchstaben:

^Dr. WIMMER^

^P. P. C.^

Aus dem offenen Fenster aber beugt sich -- Herrn Polizeikommissarius

Stulpnases ehrwürdiges Vollmondgesicht, und seine weißbehandschuhten

Hände sind bemüht, den Zettel abzunehmen.

Ich überliefere schnell die verwunderte Lise der alten Martha und steige

die Treppen zu der Wohnung des Doktors hinauf, welches sehr langsam

geht, denn vor mir her schiebt sich eine unbeschreibliche, wunderbare

Masse von Kleidungsstücken ächzend und stöhnend den engen Weg langsam,

langsam hinauf.

Das war die dicke Madame Pimpernell, welche das Ereignis seit langen

Jahren zum erstenmal wieder in die obern Räume ihres Hauses trieb.

Das Zimmer beschrieb ich neulich bei meinem Besuch des Zeichners Strobel

und brauchte daher jetzt nur zu sagen, daß der Nachlaß des Doktors in

einem zerspaltenen Stiefelknecht, einer leeren Zigarrenkiste ^Fumadores

regalia^, und -- einem Exemplar der Flodoardine bestand.

Stulpnase saß da auf einem Stuhl, schaute das leere Nest

wehmütig-grimmig an und ächzte:

»Ausgewiesen! Nun gar ausgekniffen! Donnerwetter -- ohne erst für seinen

>Deppe< gesessen zu haben.«

»Jotte, einer armen Witfrau ihren besten Mieter abzutreiben, is das in

der Ordnung, Herr Kumzarius? Habe ich darum Ihrer Frau die Butter immer

um nen Dreier billiger gelassen?« greint die dicke Madame Pimpernell,

die ebenfalls dem Beamten gegenüber auf einen Stuhl gesunken ist.

»Halte Sie das Maul, Frau!« schnauzt Stulpnase, worauf die Dicke ein

Gesicht macht, wie es einst jenes brave korinthische Weib geschnitten

haben muß, als es das Wort des Apostel Paulus hörte: ^Mulier taceat in

ecclesia^.

Nach einer feierlichen Stille von einigen Minuten stößt Stulpnase ein

dumpfes Geheul aus und seufzt in sich: »Deppe.« Plötzlich aber, mit Wut

auf seine Brusttasche schlagend, schreit er: »Und hier hab' ich den

Verhaftsbefehl: Beleidigung eines Beamten im Dienst, und --

ausgekniffen!«

Ich wage es nicht, den aufgebrachten Leuen durch Lachen noch mehr zu

reizen, verschwinde und platze erst auf der Treppe los, die beiden

Würdigen einander gegenüber sitzen lassend.

In der Gasse steckt mir Marquart ein Billet zu und flüstert

geheimnisvoll, nach dem Fenster des Doktors deutend:

»Das hat _er_ zurückgelassen für Sie, Herr Wachholder!«

Der Zettel lautet:

»_Liebster Freund_!

Eine hohe Polizei weiß, was >Deppe< heißt, obgleich es nicht im

Konversationslexikon steht. Ein Freund hat mich gewarnt; -- ich

verschwinde! -- In den böhmischen Wäldern sehen wir uns wieder!

Dr. _Wimmer_.

^P. S.^ Der Redaktionspudel begleitet mich!«

»Onkel, was soll denn das alles bedeuten, wo ist denn der Onkel Doktor?«

fragt die kleine Lise, welche, obgleich schon im Nachtzeug, nicht vom

Fenster weggekommen ist.

Ich schreibe: ^pour prendre congé^ auf einen Zettel, und Lischen, die

jetzt schon eine kleine Gelehrte ist, hat mit Hilfe eines Diktionärs

noch vor dem Schlafengehen heraus:

»Um -- nehmen -- Abschied.«

»Der Onkel Wimmer muß eine kleine Reise machen, Schatz!«

Damit geht Elise getröstet zu Bette und verschläft und verträumt sanft

ihren ersten Schmerz. In diesem Alter genügt noch _eine Nacht_, ihn zu

begraben.

Am 12. Januar.

Ich hab's mir wohl gedacht, als ich diese Bogen falzte, und ich hab's

auch wohl mit aufgeschrieben, daß ihr Inhalt nicht viel Zusammenhang

haben würde. Ich weile in der Minute und springe über Jahre fort; ich

male Bilder und bringe keine Handlung; ich breche ab, ohne den alten Ton

ausklingen zu lassen: ich will nicht lehren, sondern ich will vergessen,

ich -- schreibe keinen Roman!

Heute werfe ich zum erstenmal einen prüfenden Blick zurück und muß

selber lächeln. Alter Kopf, was machst du? Was werden die vernünftigen

Leute sagen, wenn diese Blätter einmal das Unglück haben sollten,

hinauszugeraten unter sie?

Doch -- einerlei! Laß sie sprechen, was sie wollen: ich segne doch die

Stunde, wo ich den Entschluß faßte, diese Blätter zu bekritzeln, mit

einem Fuß in der Gegenwart und Wirklichkeit, mit dem andern im Traum und

in der Vergangenheit! -- Wie viel trübe, einsame Stunden sind mir

dadurch nicht vorüber geschlüpft sonnig und hell, ein Bild das andere

nachziehend, dieses festgehalten, jenes entgleitend: ein buntes

freundliches Wechselspiel! So schreibe ich weiter.

Manche alte verstaubte Mappe mit Büchern, Heften, Zeichnungen,

vertrockneten Blumen und Bändern liegt da; ich brauche nur

hineinzugreifen, um eine süße oder traurige Erinnerung aufsteigen zu

lassen, keine aber so duftig, so waldfrisch, als die folgende, welche

ich überschreibe:

_Ein Tag im Walde._

»Fahren wir, oder gehen wir?« hatte Lischen am Abend jenes auf den

vorigen Seiten beschriebenen so ereignisvollen Tages noch gefragt.

»Wir fahren!« war die Antwort gewesen, und glücklich darüber hatte das

Kind das Näschen nach der Wand gekehrt und war eingeschlafen.

Mit dem Wagen erschien am andern Morgen auch Roder, der Lehrer Elisens,

den leichten Strohhut auf dem Kopf, die grüne Botanisierbüchse auf dem

Rücken, schon an der Ecke lustig nach dem Fenster hinaufwinkend.

Die alte Martha hatte den Kaffee fertig, und Lischen, die bei ihrem

Eifer, ebenfalls fertig zu sein, diesmal mehr Hilfe als gewöhnlich nötig

gehabt hatte, sprang die Treppe hinunter und erschien nun, den Lehrer

hinter sich herziehend.

Roder ist einer jener Volkslehrer, wie sie nur Deutschland hervorbringt.

Er ist, wie es sich fast von selbst versteht, der Sohn eines

Schulmeisters, der wiederum der Sohn eines Schulmeisters war; denn wenn

es einen Stand gibt, welcher sich durch Generationen fortpflanzt, so ist

es das deutsche Volkslehrertum. Da bringt der Vater vom Lande einen

seiner gewöhnlich sehr zahlreichen Söhne in die Stadt; mit einer Bibel,

einem Gesangbuch und vor allem einem Choralbuch als Bibliothek. Der

Junge ist der Stolz seines Vaters. Wer hat ein größeres Talent, die

Orgel zu spielen? Wer hat eine bessere Stimme -- wenn sie auch gerade

sich setzt? So ausgerüstet betritt der junge Gelehrte den Schauplatz

seiner weitern Ausbildung; gewaltig packt ihn anfangs das Heimweh unter

der wilden Bande seiner Mitschüler, die ihn hänseln und zum besten haben

in seiner Gutmütigkeit und Unerfahrenheit. Das Leben ist ihm anfangs nur

ein erster April, wo man die Narren »umherschickt -- in den April«.

Selbst der Zuwachs seiner Bibliothek, bestehend aus den Schulbüchern

seiner Klasse und Funkes Naturgeschichte, vermag ihn nur mittelmäßig zu

trösten; ein größerer Freund ist ihm in dieser Epoche seines Daseins das

alte wacklige Klavier, welches ihm der Vater für ein billiges gemietet

und in sein Dachstübchen gestellt hat. Davor sitzt der Arme und spielt

seine Choräle und Volksweisen -- letztere nach dem Gehör, und denkt

zurück an sein Dorf, an seine Eltern und Geschwister, und vor allem an

die Schule, in welcher er der erste war -- ja sogar in der Ernte den

Vater zuweilen vertreten durfte; während er hier -- er der große Bengel!

-- ganz unten seinen Platz unter den Kleinsten, Dümmsten und Faulsten

bekommen hat!

Warte nur, armer Kerl -- sieh, da bricht schon der erste freudige Strahl

in dein dunkles Sein. Gewöhnlich gibt es auf jeder Schule einen Lehrer,

der ein Original, ein Sammler, vielleicht ein leidenschaftlicher

Naturfreund ist, womit meistens die Gabe der Mitteilung sich verbindet,

dem begegne, du armes einsames Gemüt, und du wirst einen Freund gefunden

haben. Jetzt verändert sich alles!

Welch ein Schweifen nun über Berg und Tal; welch ein Versenken in all

die kleinen und kleinsten gewaltigen Wunder in der Luft, im Wasser, auf

und unter der Erde! Wie sich das Dachstübchen füllt mit Käfern,

Schmetterlingen, Herbarien u. s. w. Welch eine selige Ermüdung an jedem

Abend, welch ein Träumen in der Nacht, welch ein Erwachen am Morgen!

Nun zieht eine Wissenschaft alle andern nach sich; die Klassen werden

durchflogen -- den Schiller lernen wir auswendig, und die Welt dehnt

sich immer schöner und weiter vor uns aus. -- Ach ein Faust zu sein, ist

es nicht nötig alles studiert zu _haben_: das _Wollen_ allein genügt,

den Mephistopheles aus dem Nebel hervortreten zu lassen!

Stütze nur die heiße Stirn auf die Hand, du Sohn Deutschlands, in langen

durchwachten Nächten, beschwöre nur die Geister alter und neuer Zeit

herauf, sie sind doch stets um dich, die Gespenster: Lebensnot und

Zweifel und vergebliches Streben!

Der Arm der Notwendigkeit faßt dich und schleudert dich mit deinem

Wissensdrang in ein abgelegenes Walddorf oder an die Armenschule einer

großen Stadt; da begrab dein volles Herz und suche -- zu vergessen!

Glücklich, wenn du's kannst; glücklicher aber vielleicht doch, wenn es

dir gegeben ist, auch hier weiter zu suchen. Der Pulsschlag des

Weltgeistes pocht ja überall: »Suchet, so werdet ihr ihn finden!« sagt

das schönste der Bücher, das so leicht zu verstehen ist und so schwer

verstanden wird.

Ungeduldig klatscht der Kutscher unten vor der Tür, ungeduldig treibt

Elise; während Martha noch immer Zurüstungen macht wie zu einer Reise

nach dem Nordpol. Endlich aber steigen wir in den Wagen.

Unsere Sonntagsodyssee beginnt.

»Hätte der Onkel Doktor nicht morgen abreisen können?« fragt noch

Lischen nach dem Zettel droben schauend, auf welchem die Madame

Pimpernell ankündigt:

»Hier ist eine Stube mit Kabinett zu vermieten.«

Roder lächelt, scheint etwas auf dem Herzen zu haben, aber sich

gegenwärtig auf weiteres nicht einlassen zu wollen, und so rollen wir

durch die noch stillen Straßen dem Tore zu. An den Wochentagen ist's um

diese Zeit schon lebendig genug, heute aber schläft das Volk der Arbeit

in den Morgen und den Sonntag hinein; es hat das Recht dazu nach sechs

Schöpfungstagen.

Jetzt sind wir in den grünen Anlagen, die sich rings um die Stadt

ziehen. Landhäuser und Gärten fassen auf beiden Seiten die Straße ein.

Eine Eisenbahnlinie geht mitten über den Weg, und wir müssen anhalten,

denn ein Zug fliegt eben brausend und schnaubend dem Bahnhofe zu. Der

Sonntag, welcher den Städter hinausführt, bringt den Landmann hinein in

die Stadt, und alle die Tausende, die heute ein- und ausfliegen werden,

suchen alle ein andres Ziel des Genusses; jeder die Freude auf eine

andre Weise.

Schon haben wir die letzten Gärten hinter uns und fahren nun langsam die

Pappelallee hinauf den Höhen zu, welche im weiten Umkreis die große

Ebene und die große Stadt umgrenzen. Die Sonne steigt empor über dem

Walde; die Knospen, die Blätter, die Blumen tragen alle einen

Tautropfen, das Geschenk der Nacht; die Lerche erhebt sich jubelnd in

die blaue, frische Luft, und auch sie schüttelt Tau von den Flügeln.

Wenn wir zurückblicken, liegt die große Stadt noch verhüllt in dem

silbergrauen Duftschleier, den sie selbst sich webt, und den sie, wie

Penelope den ihrigen, nur zertrennt, um ihn von neuem zu knüpfen. Wie

eingewebte Goldsterne blitzen die Kreuze der Türme -- die Zeichen des

Leids -- darauf. -- Wir aber fahren schon im vollen Sonnenschein, und

jetzt sind wir am Rande des Waldes angekommen; nun brauchen wir den

Wagen nicht mehr, und schnell rollt er die Höhen wieder hinab, der Stadt

zu.

Was trappelt auf einmal vor uns und raschelt durch das welke Laub des

vorigen Jahres, das den Boden bedeckt? Was bricht da durchs Gebüsch, die

Ohren und den schwarzen Pelz naß vom Morgentau, lustig jetzt um uns her

bellend und springend und die hellen blitzenden Tropfen abschüttelnd?

»Hurra! Willkommen im Walde!« ruft eine wohlbekannte Baßstimme.

Wer trabt da lachend her -- hinter einer kleinen Rauchwolke, eine hohe

schwankende Königskerze auf dem Hut, -- auf dem Fußpfade, der seitab

tiefer ins Holz führt?

»Willkommen, fahrender Recke!« ruft Roder, den Hut schwingend.

»Allerseits schönsten guten Morgen!« grüßt der ausgewiesene Doktor, den

abgenommenen Maulkorb des Pudels in die Höhe schleudernd und

wiederfangend.

»Hast Du mit Rezensent im Walde geschlafen?« fragt die kleine Lise.

»Der Herr Polizeikommissarius läßt Sie grüßen, Wimmer!« lache ich.

Jeder hat zu gleicher Zeit zu fragen und zu antworten, und jeder tut es

auch, während Rezensent sich immer dicht an Elise hält, von Zeit zu Zeit

ein kurzes fideles Gebell ausstößt und fest unsern Proviantkorb im Auge

behält.

Mit pathetischer Gebärde tritt jetzt der Doktor an den Rand der Höhe,

streckt den Arm gegen die Stadt aus und deklamiert: »Ha, da liegt sie --

die Undankbare, sie, in welcher ich meine Nächte durchwachte und meine

Tage verschlief -- Sänger und Sängerinnen, Schauspieler und

Schauspielerinnen, Ballettänzer und Ballettänzerinnen lobte oder

herunterriß -- in welcher ich so manchen Leitartikel schrieb -- in

welcher ich so manche Pfeife rauchte! Da liegt sie wollüstig träumend im

Morgenschlummer, während ich umherirre, verbannt, vertrieben, an die

Luft gesetzt, ^eliminito^, wie der Doktor Brummer sagte; gejagt,

gemaßregelt -- ein Lamm im scharfen Nordwind. Nest! -- Brüste Dich mit

Deinen Gardeleutnants, Deiner famosen Musenbude, die ich dort über die

Dächer zwischen dem Pfeffer- und Salzfasse ragen sehe; ich verachte

Dich, ein deutscher Zeitungsschreiber! Mache in der Liste Deiner unter

polizeilicher Aufsicht Stehenden ein dickes Kreuz hinter dem Namen:

Heinrich Theobald Wimmer ^Dr. phil.^, setze ein dreimal unterstrichenes

>_Ausgewiesen_< dahinter; ich schüttle Deinen Staub von meinen Füßen,

ich verachte Dich! -- Bin ich nicht heimatsberechtigt in

München an der Isar, stehen nicht viele Löcher offen im edlen

Was-ist-des-Deutschen-Vaterland? Zeugt nicht dieser solide Bauch (hier

schlug sich der Doktor auf den erwähnten Körperteil) von Bayern? Es lebe

München! -- Ha, prophetisch verkünde ich Dir, ausweisender Pascha von

soundsoviel Roßschweifen: ein Schmächtigerer aber Giftigerer wird meine

Stelle einnehmen. Erfahren sollst Du zeitungenüberwachende Behörde, daß

das, was Ihr Unkraut nennt, wenigstens auch die Tugend desselben hat:

nämlich nicht zu verderben und auszugehen! Fort in die Bresche, mein

unbekannter Mitkämpfer! Mein Segen begleitet Dich! ^Dixi^, ich habe

gesprochen! -- Komm, Lischen!«

Damit warf der Doktor den Maulkorb den Berg hinunter der Stadt zu, hob

die Kleine empor, setzte sie mit ihrer Tasche und den ersten während

seiner Rede von ihr gepflückten Blumen auf seine Schulter und schrie:

»Allons, meine Herren; hinein in den Wald! Kehren wir dem Nest den

Rücken zu!«

Mit diesen Worten trabte der tolle Geselle auf dem Fußpfad, auf dem er

gekommen war, zurück ins Holz; Roder und ich folgten lachend. Der

Exredaktionspudel sprang auch wie toll hinter uns her; ^gaudeamus

igitur^ tönte des Doktors Baß in das beginnende Konzert der Vögel, unser

Sommersonntag im Walde hatte begonnen.

Welch ein Tag war das!

Dieses erste Eintreten in die grüne Blätterwelt -- dieses Aufatmen aus

voller Brust! Der Doktor hatte mit der sich gewaltig sträubenden Lise

einen ordentlichen Galopp angeschlagen und war unsern Augen

entschwunden, unsern Ohren aber nicht. Die Kleine lachte -- wurde

ärgerlich -- bat; der Pudel bellte aus Leibeskräften, und der Doktor

fiel aus einem seiner Studentenlieder ins andre.

Mit seiner Ausweisung schien der alte Jenenser Bursch alle

gesellschaftlichen Bande für aufgelöst zu halten.

»Das ist ein sonderbarer Menschentypus,« sagte Roder lächelnd, als wir

langsamer hinterhergingen; »die personifizierte Gutmütigkeit unter

dieser tollen, barocken Maske. Wir sind Jugendfreunde, welches sonderbar

scheinen kann, da er in Lumpenhausen das Gymnasium besuchte, während ich

auf dem Seminar mich zum Schulmeisterlein einpuppte. Ebensogut hätte ein

Guelfe mit einem Ghibellinen Arm in Arm auf der ^via dei malcontenti^ in

Florenz spazieren gehen können. -- Aber es war so, er lehrte mich

Zigarren drehen, ich dagegen brachte ihm bei: sich auf dem Klavier mit

einem Finger zu dem famosen Liede zu begleiten:

^Mihi est propositum^

^In taberna mori ...^

Später verlor ich ihn aus den Augen; ich wurde Hilfslehrer in Lammsdorf,

er ging auf die Universität. Da saß ich eines Abends und untersuchte

Moose durch die Lupe, als mich plötzlich jemand auf die Schulter

klopfte, und eine Bierbaßstimme -- wie weiland Leibgeber zum

Armenadvokat Siebenkäs -- >'n Morgen, Roder,< hinter mir sagte. Es war

Wimmer, der wegen Übertretung der Duellgesetze relegiert, >die große

Tour machte,< wie er sagte. Geld besaß er schon damals nicht, aber viel

Humor und guten Mut, und so hat das Schicksal uns öfters wieder einander

in den Weg geführt, und immer war der Doktor Wimmer -- derselbe ...«

»Und aussterben wird diese Art nicht in Deutschland, so lange man noch

die Namen: Bier, Romantik und Politik nennen hört,« sagte ich.

»Halt,« rief der Lehrer, »welch ein prächtiges ^Aconitum^, entschuldigen

Sie!« Damit sprang er ins Gebüsch, die Pflanze auszugraben, während ich

in den Bart murmelte:

Und auch deine Art, deutsche Seele, wird nicht ausgehen, so lange noch

in _eine_ Blüte das deutsche Gemüt sich versenken kann zwischen Weichsel

und Rhein.

»Onkel Wachholder, Onkel Wachholder; kommt alle schnell, schnell einmal

her!« rief jetzt Lischen in der Ferne.

»Was gibt's denn Lise?« ruft Roder, seine Blume in die Botanisierbüchse

legend.

»Ein wunder-wunderhübsches Vogelnest hat der Onkel Doktor gefunden!«

schallte es wieder, und wir setzten uns in Trab.

Auf einem kleinen sonnigen Platz seitab vom Wege stand der Doktor,

hochrot vom Singen und Rennen und ließ die Kleine in einen Fliederbusch

schauen. Lise, den Atem anhaltend, um die kleine piepende Welt nicht zu

stören, guckte selig durch die Zweige; während der Rezensent das Wunder

weiter unten suchte und, den Kopf und Leib im Laubwerk verborgen, nur

die Hinterbeine und den wedelnden Husarenbusch zeigte.

»Nicht wahr, Lise, das mußte ich Dir doch zeigen? 's ist doch prächtig,

wenn einen die Polizei so früh hinausjagt in den Wald!«

Ein Buch guckte dem Doktor hinten aus der Rocktasche, und der Lehrer

zog's ihm heraus. Es war Reineke de Voß, des Doktors ewiger Begleiter

auf allen seinen Fahrten, den er fast auswendig wußte. Bei der Berührung

des Lehrers sah er sich auch sogleich um und begann:

^»De quad deyt, de schuwet gern dat licht:^

^Also dede ok Reinke de bösewicht.^

^He hadde in de stad so vele missdan,^

^Dat he dar nicht dorfte kamen noch gan.^

^He schuwede seer des Konniges hoff^

^Darin he hadde seer kranken loff!« --^

»Aber hier, Lise, ist's was andres; wenn wir hier ein Vogelnest finden,

so dürfen wir auch hineingucken und unsere Meinung darüber sagen.«

»O das ist wunder-wunderhübsch,« ruft die Kleine, welche gar nicht hört,

was der Doktor sagt. »Sieh, der alte Vogel fürchtet sich gar nicht -- o,

welche große Schnäbel -- er sitzt ganz still zwischen seinen Jungen und

sieht nur nach dem Rezensenten hinunter! -- Er tut Dir nichts, kleiner

Vogel, bleib ruhig sitzen!« --

Jetzt ließ der Doktor das Kind auf den Boden gleiten: »Nun lauf zu Fuß,«

sagte er, »das Gras ist trocken.«

Welch ein Tag! Noch zogen weiße Wölkchen über die Baumwelt weg, bald

aber hatte die Sonne sie verzehrt, und das ewige Blau lächelte rein und

klar auf uns herab. Immer tiefer versenkten wir uns in die duftende

Wildnis: »Wo lassen wir alle die Blumen, die wir pflücken, Lischen?« --

Die Händchen sind schon so voll, daß wir bei jedem Schritt eine

verlieren, und daß der Doktor sagen muß:

»Ist's nicht wie im Märchen, wo der Vater die verlorenen Kinder durch

hingestreute Steinchen wiederfindet? Ein verfolgter Zeitungsschreiber --

schrecklich -- die Häscher sind ihm auf den Fersen -- wo hat er sich

hingewendet? -- >Ha,< sagte der erfahrenste der Spürer, ein wahrer

Pfadfinder auf der Vagabondenjagd -- >seht die Blumen -- untermischt mit

Zigarrenenden! Laßt uns dieser Spur folgen, Brüder! -- Ha, seht hier im

weichen Boden die Hundetapfen? -- Er ist's, er ist's -- Fort, ihm nach!<

-- Schrecklich!«

»Bravo, Wimmer!« lachte der Lehrer, der wieder eine Pflanze im Gehen

zerlegte. »Welcher Stoff für Dein nächstes Werk; wo Du es auch schreiben

magst, ich hoffe auf ein Exemplar.«

»In München werde ich es schreiben, Verehrtester! Habe ich nicht einen

Kontrakt mit dem Buchhändler und Eigentümer der >Knospen< -- Gabriel

Pümpel, in der Tasche? Ist nicht Gabriel Pümpel mein Onkel? Ist nicht

Nanette Pümpel meine Cousine? Wetter, ich sehne mich ordentlich nach dem

Nannerl!«

»Doktor! Doktor!« rufe ich lächelnd.

»Wahrhaftig,« seufzt der eliminierte Schriftsteller, »ich habe heute

ordentlich Lust solid zu werden.«

Ehrlicher alter Bursch!

»Also _das_ waren Deine Gedanken,« sagte der Lehrer lächelnd und

gerührt, »als Du gestern den ganzen Nachmittag auf meinem Sofa lagst?

Ich konnte Dich vor Tabaksqualm nicht recht sehen, aber Du schienst mir

außergewöhnlich nachdenklich und träumerisch. Gottlob, wenn diese

Exilierung so ausschlüge.«

»Hurra,« schreit der Doktor, den Hut in die Luft werfend: »Es leben die

Knospen! Es lebe das Bockbier! Es lebe das Haus Pümpel und Kompanie!«

Der Exredaktionspudel ist außer sich; jetzt hat er die größte Lust,

Elise vor Wonne über den Haufen zu werfen, jetzt springt er an seinem

Herrn in die Höhe, jetzt ist er im Gebüsch verschwunden, jetzt kommt er

auf der andern Seite wieder zum Vorschein! Bumms -- da liegt er im

Grase, wälzt sich, daß man nicht weiß, was oben oder unten, Beine oder

Rücken, Kopf oder Schwanz ist!

»Wer hat eine Uhr? Niemand? Desto besser, der Magen ist unsere Uhr. Hier

unter dieser prächtigen Buche wollen wir uns lagern. Wie das Moos so

weich ist! Ausgepackt die Taschen, den Korb, die Botanisierbüchse! Eine

Flasche Wein erscheint. Wer hat einen Korkzieher? Niemand? Desto besser,

wir schlagen ihr den Hals ab; ein niedliches Glas hat Elise

mitgebracht.«

»Holla, Roder, aufgepaßt! Rezensent hat den Kopf in Ihrer Rocktasche!«

»Welch Behagen, sich so im weichen Grase auszustrecken! Wie das schmeckt

im grünen Walde; -- die alte Martha soll leben, sie hat prächtig

gesorgt!«

»Komm, Kind, unsere kleinen Beine sind doch wohl müde! Was bedeuten

diese Faden? Aha, jetzt werden wir Kränze winden. Welche prächtigen

wilden Rosen!«

»Sieh, da kriecht ein Marienkäfer auf Deinem Arm, Lischen; -- er

entfaltet die Flügel -- prr, dahin geht er, ein kleines rotes Pünktchen

im Sonnenstrahl.«

Elise schaut ihm nach und fängt an zu singen:

Marienvogel kleine,

Rühre deine Beine,

Kriech an meinem Finger nauf,

Setz dich als das Knöpflein drauf!

Ist er nicht ein hoher Turm

Für so kleinen roten Wurm?

Und dann mit ganz feiner Stimme:

Roten Purpur trag' ich,

Flüglein viere schlag' ich!

Gar kein Flüglein regst du,

Nur zwei Bein' bewegst du --

Sechs Beine rühr' ich,

Sieben Punkte führ' ich,

Fliege höher als der Turm!

Wer ist nun der kleine Wurm? -- Etsch!

Die Sonne muß draußen gar heiß und drückend sein, sie steht hoch im

Mittag. Hier aber hat sie die Herrschaft mit dem Schatten zu teilen und

zwar so, daß man gar nicht mehr weiß, wo Dunkel, wo Licht ist, so

flimmert und zuckt beides durcheinander.

»Wirst Du müde, Lischen? Berauscht Dich der Waldduft, kleines Herz?

Komm, lege Dein Köpfchen hierher; keine Mücke, keine Fliege, und wenn

sie noch so golden wäre, soll Dich im Schlummer stören. Schließe dreist

die Augen und träume einen hübschen Elfentraum von Schmetterlingen und

Blumen und kleinen Vögeln.«

Wie behaglich der Pudel gähnt und, den Kopf auf die Vorderpfoten gelegt,

mit den Augen blinzelt.

»'s ist doch ein ganz ander Ding ohne Maulkorb, nicht wahr Rezensent?«

Wie der Doktor so nachdenklich die blauen Zigarrenwölkchen von sich

bläst! Denkt er an seinen ersten Aufsatz in den >Knospen<, denkt er an

die Münchener Cousine?

Wie sich der Lehrer mit leuchtenden Augen in die Pflanzenschätze seiner

Botanisierbüchse vertieft!

»Heda, Roder, was für ein Heft schaut da zwischen den Blättern und

Wurzelwerk hervor?«

»Her damit!«

Der Lehrer errötet und reicht lächelnd das Heft herüber.

»Was sehe ich! Vermag der Schulstaub solche Blüten zu treiben?!«

Grinsend streckte der Doktor Wimmer den Kopf über meine Schulter und

machte nach einigen Blicken auf das Manuskript sogleich Anstalt, es für

die >Knospen< mit Beschlag zu belegen, aber der Lehrer tat gewaltig

Einsprache dagegen. Später schenkte er es mir. Soll ich ein Blatt daraus

der Chronik einschieben?

Es sei! Da ist eins.

* * * * *

Ich lag am Rande des Baches und sann nach über die Geschicke der Völker

und Könige und über -- meine Liebe. Hinten in der Türkei lagen jene

einander in den Haaren, und drüben in der kleinen Gartenlaube saß mein

Schatz und schmollte. Ah!

Lippe-Detmold ist mein Vaterland, -- was geht mich die orientalische

Frage an und der General Sabalkanskoi und die Schlacht bei Navarino?!

Aber das Frauenzimmer dort?

Beim großen Pan, _damit_ muß es anders werden!

Rot wie die Liebe ist der Abendhimmel; goldne Wölkchen, weiße Tauben

schweben darin hin und wider wie Liebesgedanken ... Wo sind meine

Diplomaten, wo meine Kabinettskuriere?

Es schwanken die Gräser -- es regt sich -- es läuft, es kriecht, es

klettert, es hüpft, es flattert und fliegt -- tausendbeinig,

tausendflügelig! Es zwitschert und summt -- tausendtönig!

Dichterminister, Frühlingsräte, Liebesgesandte versammeln sich um mich

zu Rat und Tat.

Wohlan -- die Konferenzen sind eröffnet! Allen Gegenwärtigen und

Zukünftigen Gruß! Wen send' ich zuerst an jene dort, hinter den

Hollunderblüten?

Ach! Du da -- fort mit dir zu ihr hin -- du mein leichtgeflügelter,

magenloser Herold, du, den sie den »roten Augenspiegel« nennen, zeig ihr

auf deinen weißen Schwingen die beiden Purpurtropfen, sag ihr, es sei

Herzblut -- _mein_ Herzblut aus dem wilden Kampf um die Liebe, die rote

Liebe! ... Da flattert der Bote der Laube zu; es zittert mein Herz, mein

banges Herz. -- (_Sie -- niest!!!_) O Dank, Dank ihr ewigen guten

Götter, Dank für das Omen! (Erkälte dich nicht, Luise, nimm ein Tuch um,

hörst du?)

Wer ist der zweite meiner Boten? Schnell, schnell, meine kleine emsige

Biene; -- hin zu ihr -- summe ihr ins Ohr, Honiggedanken, Hausgedanken,

Leinen- und Drellgedanken!

(Was hat das Frauenzimmer zu lachen über ihrem Nähzeuge, in der kleinen

Laube?)

Und nun mein letzter Bote, mein schwarzer Trauermantel, flattere hin zu

ihr! Hör', was du ihr sagen sollst. Sag ihr: Luise, Luise, der Tag ist

zu Ende -- die Eintagsfliegen wurden müde, todmüde -- der Bach schaukelt

ihre armen kleinen Leiber fort, vorüber an den Blumen, an denen sie noch

vor einer Stunde tanzten und spielten. Luise, Luise, das Leben ist kurz;

Luise, die Nacht bricht herein; sieh den rotfinstern Streifen im Westen,

sieh, wie es im Osten unheimlich zuckt und leuchtet -- horch, wie es

grollt!

(Es regt sich in der kleinen Laube! Sie seufzt!) Luise, Luise!

(Sie tritt heraus!)

Luise, Luise!

Die Bäume schütteln ihre Blüten herab auf sie: ^Ave Louisa!^ Der

Abendwind flüstert ihr zu: ^Ave Louisa!^ Die Blumen des Tages neigen

sich ihr: ^Ave Louisa!^ Die Blumen der Nacht öffnen ihre Weihrauchkelche

ihr -- ^Ave Louisa! Ave Louisa!^ (Sie winkt ... sie lächelt ...)

Friede?

Friede!

Friede! Läutet die Glocken im Reich! Erleuchtet die großen Städte, die

Dörfer; erleuchtet jedes einsame Haus, Orgelklang in allen Domen,

Kirchen und Kapellen! Auf die Knie, auf die Knie alles Volk! Männer,

Weiber, Greise, Kinder, Jünglinge und Jungfrauen:

Herr Gott! Dich loben wir!

Herr Gott! Wir danken dir!

Friede! Friede im Himmel und auf Erden und den Menschen ein

Wohlgefallen!

* * * * *

Ich kannte diese »Luise« des Lehrers gar gut. War sie nicht Gouvernante

bei den Kindern des Baron Silberheim? Hat sie nicht später den Lehrer

Roder geheiratet? Hat sie nicht Glück und Kummer und Verbannung mit ihm

geteilt?

Seid gegrüßt, Otto und Luise Roder, wo ihr auch weilen mögt!

»Ei, das war schön!« sagte Lischen erwachend und das Köpfchen

aufrichtend. Sie dachte an ihren Traum im Grünen, nicht an des Lehrers

Phantasien -- die hatte sie richtig verschlafen.

»Was hat Dir denn geträumt, Lischen?« fragte der Doktor, und das Kind

blickte ihn verwundert an.

»Hab ich denn geschlafen?« fragte sie.

»Das kann man bei solchem kleinen Mädchen wie Du bist, Lise, niemals

recht wissen. Was hast Du denn gesehen und gehört? Erzähle mal!« sagte

ich.

»O es war wunderschön, was ich gesehen habe! Ich konnte gar nicht über

das Gras weggucken; es war wie ein kleiner Wald, und welch eine Menge

kleiner Tiere lief darin herum! Und wenn ich die Augen zumachte, wurde

alles so rot, als brennte der ganze Himmel, daß ich sie schnell wieder

aufmachen mußte. Ich dachte, ich wäre ganz allein, da kam auf einmal ein

wunderschöner gelber Schmetterling mit zwei großen Augen in den Flügeln,

die unten ganz spitz zuliefen, der setzte sich dicht vor meinem Gesicht

auf einen Halm und sagte mit ganz feiner, feiner Stimme:

>Ein schönes Kompliment, kleines Fräulein, und ob Sie nicht zum Tee

kommen wollten, zur Waldrosenkönigin?<

Der Herr Lehrer las in diesem Augenblick was vor, ich hätte gern weiter

zugehört und sagte es dem Schmetterling auch. Der aber sagte: bei der

Königin säße ein gelehrter Herr, namens Brennessel, der hielte gar

nichts von der Geschichte, ich soll daher nur dreist mitkommen. Ich

fragte den Schmetterling, ob's sehr weit wäre; er meinte: weit wär's

nicht, aber wir müßten einen Umweg machen, da läge ein groß schwarz Tier

im Grase, das habe greulich nach ihm geschnappt, als er vorübergeflogen

sei. Das war der arme Rezensent! Dann sagte der Schmetterling: er müsse

auch den giftigen Wolken ausweichen, die da herumzögen und ihm seine

hübschen Flügel ganz schwarz machten. Das war des Onkel Wimmers

Zigarrendampf! -- Ich war auf einmal so klein geworden, daß mich der

schöne gelbe Schmetterling ganz leicht auf seinen Rücken nehmen und

forttragen konnte zu _dem_ Rosenbusch dort bei _der_ Buche. Da war eine

gar niedliche vornehme Gesellschaft bei der Königin. Da war der

brummige, böse, alte Herr Brennessel, dem jeder gern auswich; da war die

dicke Madame Klatschrose, welche dicht hinter der hübschen Königin

stand. >Fräulein Elise,< sagte die Königin, >ich freue mich sehr, Ihre

Bekanntschaft zu machen. Ist das Ihr Onkel dort unten, welcher den

häßlichen Dampf ausbläst?< >Nein,< sagte ich, >das ist der Onkel Doktor,

den sie weggejagt haben aus der Stadt; er schreibt Bücher und ist

unartig gewesen und hat zuviel Kleckse und Schreibfehler gemacht!< >So,

er schreibt Bücher? Dann will ich ihn mal besuchen!< sagte der kluge

Herr Brennessel böse ...«

»Alle Wetter,« lachte der Doktor hier, halb ärgerlich über Lisens Traum,

und griff mit der Hand hinter sich, um sich aufzurichten. »Au, Teufel!«

schrie er plötzlich. Er hatte wirklich mit der Hand in einen

Brennesselbusch gefaßt!

Wir lachten herzlich, und nur Lischen sagte ganz ernst: »Siehst Du,

Onkel Wimmer, _das_ war er!« Dann fuhr sie fort:

»Wir tranken nun Tee aus wunderniedlichem Geschirr (Onkel Wachholder

gibt mir noch ein Butterbrot!) und jeder erzählte eine hübsche

Geschichte vom Frühling, Sommer oder Herbst; vom Winter aber wußten sie

nichts -- da schlafen sie. Dabei hörte ich aber immer den Herrn Lehrer

lesen, und Herr Brennessel brummte dann dazwischen. Der war auch der

einzige, welcher vom Winter erzählen wollte, es ward aber nicht

gelitten. -- Auf einmal hörte Herr Roder auf zu lesen, und ich lag

wieder bei Dir, Onkel Wachholder, im Grase, und Rezensent steckte dicht

vor meinem Gesicht seine schwarze Nase zwischen den Halmen durch und

guckte mich groß an. Das habe ich gesehen! -- War das nicht hübsch? Und

nun, Herr Roder -- lesen Sie Ihre Geschichten noch einmal -- bitte,

bitte!«

»Danke schön,« sagte lachend der Lehrer. »Der kluge Herr Brennessel

hatte ganz recht, und _jetzt_ sehe ich auch ein; _meine_ Geschichten

sind gar nicht hübsch.«

Wie lange haben wir so geträumt, und erzählt, und im grünen Gras und

weichen Moos gelegen? -- Schon steigt die Sonne wieder abwärts am blauen

Himmel! Muß nicht der Doktor heute noch durch den Wald nach der nächsten

Eisenbahnstation? -- Auf, Lise, winde dem Rezensenten den letzten Kranz

um den schwarzen Pelz! Laßt nichts zurück von euern Sachen! Vorwärts! --

Auf engen schattigen Waldpfaden geht's nun quer durch das Holz, bis wir

endlich das Rollen der Wagen auf der großen Landstraße hören und zuletzt

den weißen Streif durch die Stämme schimmern sehen. Horch, Geigen- und

Hornmusik! Im Weißen Roß mitten im Wald an der Chaussee ist Tanz. Die

Haustür ist mit Laubgewinden geschmückt; Stadtvolk und Landvolk drängt

sich allenthalben davor und dadrinnen, im Haus und im Garten. Wir

erobern noch eine schattige Laube, und der Doktor gerät in sein Element.

Jetzt ist er oben im Saal, schwenkt sich lustig herum mit einer frischen

Landdirne oder einer kleinen bleichen Näherin aus der Stadt; jetzt

erregt er unter den Kegelnden ein schallendes Gelächter durch einen

wohlangebrachten Witz. Jetzt sitzt er wieder bei uns, den Rock

ausgezogen, glühend, pustend, fächelnd. Und überall, wo der Doktor ist,

ist auch der Pudel. Jetzt oben im Saal wie toll zwischen die Tanzenden

fahrend; jetzt, ausgewiesen, wie sein Herr aus der Stadt, steckt er

seine feuchte Schnauze unter unserm Tische hervor.

Immer tiefer sinkt die Sonne herab. Doktor, Doktor, wir müssen scheiden!

Und der Doktor zieht den Rock wieder an und hängt die Reisetasche um.

Wir alle stehen auf.

»Also mußt Du wirklich fort, Onkel Wimmer?« fragt Elise weinerlich.

»Ja ja, liebes Kind!« sagt der wunderliche Mensch plötzlich ernst. Er

hebt die Kleine empor, die sich diesmal nicht sträubt, sondern selbst

ihm einen herzhaften Kuß gibt.

»Wirst Du auch wohl zuweilen an den Pudel und mich denken, Lischen?«

»Ganz gewiß,« schluchzt Lischen, »und ich will schreiben, und der Pudel

-- nein, Du mußt's auch tun!« Der Doktor setzt die Kleine vorsichtig

wieder auf ihren Stuhl: »Lebt wohl, Wachholder,« sagt er, »leb' wohl,

Roder, alter Freund!«

Der Pudel blickt ganz verblüfft von seinem ernsten Herrn auf uns und

wieder zurück: es muß etwas nicht ganz in der Ordnung sein.

»Lebt alle wohl! Ein fröhliches Wiedersehn! Alle! ^En avant^,

Rezensent!« schreit der Doktor, über die Gartenhecke und den

Chausseegraben springend, und rennt, ohne sich umzusehen, dem Walde zu.

Am Rande bleibt er noch einmal stehen und schwenkt den Hut.

»^Smollis!^« ruft der Lehrer, ihm mit einem Glase zuwinkend. »Grüß die

Münchener Cousine, die hübsche Nannerl!«

»^Fiducit!^ Soll geschehen!« ruft der Doktor zurück und verschwindet

hinter den Büschen. Rezensent steht noch am Rande, blickt nach uns

herüber und stößt ein kurzes Gebell aus.

Jetzt ist auch er verschwunden.

Wir sitzen noch eine Weile still allein.

»Gott gebe dem ehrlichen alten Gesellen Glück!« sagt der Lehrer vor sich

hin. Ein Omnibus will eben nach der Stadt abfahren. Was sollen wir noch

hier? Wir nehmen Plätze und steigen ein.

Zurück geht's nun nach der großen Stadt, die staubige Landstraße

hinunter. Fröhliche Gesichter jedes Alters und Geschlechts um uns her im

dichtbepackten Wagen! Wie die Sonne so prächtig untergeht! Ade, du

schöner Wald! Ade, du alter Freund Wimmer! --

Da sind wir schon in den Anlagen. Welche sonntäglich geputzte Menge noch

ein- und ausströmt! Wir steigen aus auf dem freien Platz vor dem Tor;

den Weg durch die Stadt bis in unsere Sperlingsgasse können wir wohl

noch zu Fuße machen.

Da sind wir, als es eben dämmerig wird. Sieh, dort steht die alte Martha

strickend vor der Tür; sie erblickt uns und ruft:

»Guten Abend, guten Abend!«

»Ach, Martha, das war schön -- und -- der Onkel Doktor ist fort!« sagt

die kleine müde Elise. Auch der Lehrer sagt jetzt gute Nacht und kehrt

zurück in sein einsames Stübchen, eine lange Woche mühsamer Arbeit vor

sich.

Das war ein Sommertag im Walde, den ich hier aufzeichne in einer öden,

kalten Winternacht.

Am 25. Januar.

Die Kälte ist aufs höchste gestiegen. Wenige Nasen werden in der

Sperlingsgasse herausgestreckt, und die es werden, laufen rot und blau

an. Welch Künstler der Winter ist; die Spatzen färbt er gelb, und den

freien Deutschen macht er ausrufen: mein Haus ist meine Burg!

Was kann ein Chronikenschreiber bei so bewandten Umständen besseres tun,

als sein Haus einzig und allein zum Gegenstand seiner Aufzeichnungen zu

machen und die große Welt draußen, die allgemeine Gassengeschichte,

gehen zu lassen wie sie will?

Im Jahre der Gnade 1619 verbrannten sie zu Rom einen Gottesleugner,

genannt Julius Cäsar Vanini, der hob, auf seinem Scheiterhaufen stehend,

einen Strohhalm zwischen den Holzklötzen auf und sagte lächelnd: »Wenn

_ich_ auch das Dasein Gottes leugnen würde, dieser Halm würde es

beweisen!« -- Die Geschichte eines Hauses ist die Geschichte seiner

Bewohner, die Geschichte seiner Bewohner ist die Geschichte der Zeit, in

welcher sie lebten und leben, die Geschichte der Zeiten ist die

Geschichte der Menschheit, und die Geschichte der Menschheit ist die

Geschichte -- Gottes! Wohin führt uns das? Kehren wir schnell um, und

steigen wir die Treppen hinunter in das unterste Stockwerk.

Da sitzt in dem vorderen Zimmer des Hauswirts und Tischlermeisters

Werner eine weißhaarige gebückte Frau in ihrem Lehnstuhl hinter dem

Ofen, spinnend vom Morgen bis zum Abend. Das ist die alte Mutter der

Hausfrau, die Tochter des Erbauers des Hauses, welche den Grundstein

legen und den Knopf auf die Giebelspitze setzen sah und mit dem Hause

und seiner Geschichte verwachsen ist durch und durch.

Manche Leiche hat sie in den langen Jahren ihres Lebens hinaustragen

sehen: ihre Eltern und alle ihre Geschwister, ihren Mann und alle ihre

Kinder bis auf eins, die Anna, die Frau des jetzigen Besitzers. Sie hat

den Sarg Mariens mit schmücken helfen und den Sarg Franzens; sie hat

ihre Freundin, meine alte Martha, mit hinausbegleitet zum

Johanniskirchhof, wo dieselbe begraben ward an der Seite ihrer Herrin,

und manchen andern vom Dachstübchen bis zur Kellerwohnung.

Einst war sie das schönste Mädchen der Gasse -- wie sie jetzt noch die

schönste alte Frau ist -- und als der Hausknopf geschlossen werden

sollte, und jedes Glied der damals zahlreichen Familie ein Gedenkzeichen

hineintat, legte sie errötend und unbemerkt ein kleines Blättchen hinzu,

welches aus fernem Land gekommen war, und die Überschrift trug:

»Dieses kleine Briefelein kommt an die

Herzallerliebste in Herz und Liebe.«

und schloß:

»... meiner Liebsten noch einen Gruß und Kuß und hoff ich zu

kommen im Frühling mit den Schwalben und Hochzeit zu feiern

freudiglich mit meinem Schatz, den grüßt und küßt in Gedankensinn

sein herzlieber

_Gottfried Karsten_,

Tischlergeselle.«

Oft, wenn der Wind die alte Wetterfahne knirschen und kreischen läßt,

mag sie wohl an das Blättchen im Knopf darunter denken und an den, der's

schrieb, und der nun auch schon so lange tot und begraben ist.

An wie manches Kindbett im Hause aber auch ist die alte Margarete

Karsten gerufen, und wie manches junge Leben hat sie aufblühen sehen im

Hause Nr. Sieben in der Sperlingsgasse.

Wer weiß so viele Wiegenlieder wie sie; wer weiß so viele Märchen, die

alle anfangen: »Es war einmal« und damit enden, daß jemand in ein Faß

mit Nägeln und Ottern gesteckt und den Berg hinabgerollt wird? Wer im

Hause hat zu allen Tageszeiten so viele Kinder um sich, die den

Geschichten lauschen, dem schnurrenden Rade zusehen und abends mit der

zunehmenden Dämmerung immer dichter an den großen Lehnstuhl sich

drängen? Wie oft habe ich einst da die kleine Elise mit Rezensent an

ihrer Seite gefunden, andächtig lauschend, und wie oft, wenn ich mit der

besten Absicht kam, sie heraufzuholen zu Bett, bin ich selbst sitzen

geblieben, den Schluß einer Historie abwartend, bis endlich auch noch

Martha herabkam, und es uns fast ging wie dem Herrn, welcher den Jochen

ausschickte, den Pudel zu holen.

Heute freilich treffe ich die kleine Lise nicht auf der Fußbank am

Lehnstuhl sitzend, auch die alte Martha kommt nicht mehr herunter, uns

beide abzuholen; aber einen andern treffe ich häufig genug seit Mitte

des vorigen Herbstes, und dieser andre ist kein geringerer als unser

Freund und Nachbar, der Karikaturenzeichner Strobel. In der Werkstatt

bei Meister und Gesellen, in der Küche bei der Hausmutter, überall ist

der Zeichner ein willkommener Gast. Die Gesellen porträtiert er für ihre

respektiven Schätze, mit dem Meister politisiert er, die Meisterin lehrt

er neue Gerichte fabrizieren -- er hat unter seiner Bibliothek ein

dickes Kochbuch -- und der Großmutter -- hört er zu.

So traf ich ihn heute abend, als ich herunterkam, einen geborgten

Leimtopf wieder abzuliefern. Da es Feierabend war, so war die ganze

Familie in der Stube versammelt, der Zeichner hatte alle seine

Gesprächselemente bei einander und plätscherte mit Wonne darin herum.

»... Also Meister,« sagte er, als er eintrat, »_wer_, meinen Sie, kriegt

dabei die Prügel?«

»Der Russe nicht!« antwortet nach einer kleinen Pause bedächtig der

Meister, der mit der Brille auf der Nase die Zeitung hinter das Licht

hielt, um besser zu sehen.

»Also die Alliierten?«

Der Meister nimmt eine Prise, und da seine Erinnerungen nur bis zu den

Befreiungskriegen gehen, sieht er verwundert auf, es scheint ihm auch

das unwahrscheinlich. Plötzlich aber besinnt er sich:

»Donnerwetter, dabei sind ja jetzt auch die Franzosen!« ruft er.

»Himmel! das hat sich ja auf einmal ganz umgedreht!«

»Richtig, Meister,« sagt der Zeichner, den Tischlermeister auf die

Schulter klopfend. »Richtig! Alles in der Welt dreht sich von Zeit zu

Zeit um.«

»Meisterin, die Kartoffeln brennen an!« unterbricht Anton, der

Lehrjunge, die Politik.

»Wir kommen gleich!« ruft Strobel lachend. -- »Ich gehe auch mit,

Meisterin, und die Kinder auch! Vorwärts! ^En avant! On with you, boys!^

Hinaus in -- die Küche!«

So werden die Kartoffeln gerettet, der Meister studiert seine Zeitung

weiter, und das Spinnrad summt und schnurrt im Winkel wie immer. Endlich

kommen Strobel, die Frau Anna und die Kinder zurück, und die Alte fragt:

»Also der Franzos ist auch wieder dabei? Ist das derselbe, der Anno

Sechs hier war?«

»Nein,« sagt Strobel, »jetzt trägt er rote Hosen.«

»Und der Napoleon -- ich meine, der ist lange tot?«

»Ja, Mutter,« sagt der Meister von seiner Zeitung aufsehend, »das ist

auch ein andrer.«

»Gott,« sagt die Großmutter, »wenn ich noch daran denke, wie das kleine,

gelbe, schwarze Volk hier war und in den Straßen kauderwelschte, und

eine Sorte hatte in ihren Hüten große Kochlöffel stecken, und acht

hatten wir hier im Haus.«

Strobel, der jetzt die Alte da hat, wo sie ihm interessant wird, rückt

einen Schemel an ihren Lehnstuhl und sagt: »Großmutter, es ist noch

früh, erzählen Sie uns noch etwas von den achten; wenn der Meister seine

Zeitung liest, ist gar kein Auskommen mit ihm. Kommen Sie, Wachholder,

rücken Sie her. Burschen, seht, wo ihr Plätze findet und haltet das

Maul, die Großmutter will von den acht Franzosen in Nummero Sieben

erzählen!«

Die Alte lächelt und bringt ihr Rad wieder in Gang: »Solchen gelehrten

Herren soll ich erzählen? Die haben ja alles viel besser in Büchern

gelesen; von allen achten weiß ich auch nichts.«

»Großmutter, was ich in Büchern gelesen, habe ich Gottlob nun bald

wieder vergessen,« sagt der Zeichner, »und wenn Sie auch von allen

achten nichts wissen, so sind wir auch mit vier zufrieden, oder mit

soviel, als Sie wollen; erzählen Sie nur.«

»Nun, wenn Sie's denn wollen, so muß ich mich mal besinnen. -- Gut!

Also es war Anno Sechs, als der Franzos im Lande rumorte und drunten

schrecklich hausen sollte, denn er hatte einen großen Sieg erfochten und

glaubte das Recht dazu zu haben. Die Leute fürchteten sich alle sehr,

gruben ihre Löffel weg und näheten ihren Kindern jedem ein Goldstück in

den Rocksaum, auf den Fall, daß sie abhanden kämen oder mitgenommen

würden. Aber mein Seliger tat gar nicht, als ob _ihn_ das was anginge.

-- Wenn sie kommen, sind sie da -- sagte er, und dabei blieb er, und

wenn die Nachbarn kamen und klagten und jammerten, sagte er nur: Einmal

wir, einmal sie! Und wenn sie ihm die Ohren zu voll schrieen, zog er

eine weiße Zipfelmütze, die er zu meiner Verwunderung seit kurzer Zeit

immer in der Tasche führte -- darüber und tat, als ob er einschliefe. Es

war immer ein sonderlicher Mann, Annchen, Dein Vater.

Gut. Eines Morgens erhub sich ein Lärm: Sie sind da! Heiliger Gott, mir

fuhr's ordentlich in die Knie; meine Jungen (Gott hab' sie selig) in

allen Gassen, Gott weiß wo, und nur mein Annchen hatt' ich in der Wiege;

mein Alter hatte mal wieder die Zipfelmütze hervorgekriegt und

übergezogen und sägete im Hofe.

>Gottfried, Gottfried!< schreie ich, >sie sind da! sie sind da!< Er tat,

als ob er's nicht hörte, obgleich ich dichte bei ihm stand. In meiner

Angst und auch vor Ärger riß ich ihm die dumme Mütze ab, warf sie auf

die Erde und schrie wieder: >Und die Jungen sind auf der Straße --

heiliger Vater! -- und unsere Löffel -- Mann -- Mann!<

Er hob ganz ruhig seine Mütze auf, klopfte die Sägespäne an mir ab,

setzte sie ruhig wieder auf und sagte: >Ja, -- wenn's so ist, so werden

sie wohl durchs Wassertor kommen, daher geht der Weg von Jena.< Ich

glaube so hieß es. Dann sägt' er weiter.

Richtig, da trommelte es schon die lange Straße vom Wassertor her,

herunter -- mir zitterte das Herz immer mehr! --

>Meister Karsten! Meister Karsten! Schnell, schnell!< schrieen plötzlich

mehrere Nachbarn, die in den Hof stürzten im besten Sonntagsstaat. >Ihr

sollt kommen, Ihr sollt mit zur Depentatschon an den französischen

General.<

>So?!< sagt mein Gottfried, stellte seine Säge hin und ging langsam in

das Haus, gefolgt von den Nachbarn, dem Herrn Sekretär Schreiber, dem

Herrn Rat Pusteback, dem Schornsteinfeger Blachdorf und dem Schmied

Pruster und andern. Alle zogen mit meinem Alten in die Stuben, weil sie

dachten, er würde nun gleich in den Bratenrock fahren und mitrennen.

Aber proste Mahlzeit! -- An den Tabakskasten ging mein Alter, stopfte

sich eine Pfeife, schlug langsam Feuer und sagte:

>Nun, so kommt, meine Herren!<

Die standen alle mit offenen Mäulern da, aber mein Gottfried ließ sich

nicht irre machen. In Schlafrock und Pantoffeln marschierte er ruhig --

ich sehe ihn wie heute -- voran bis an die nächste Straßenecke. Da blieb

er stehen und die Nachbarn um ihn herum; zeigte mit der Pfeifenspitze

auf einen Zettel, der da klebte und auf welchem stand:

>Ruhe ist die erste Bürgerpflicht!<

oder so was, -- ich hab's vergessen -- klappte seinen Pfeifendeckel zu,

drehte sich langsam um und ging ins Haus zurück. Meine beiden Jungen

brachte er mit, worüber ich seelenfroh war. >Da, Mutter,< sagte er, als

er sie in die Türe schob. >Heb sie mir auf,< sagte er, >wir brauchen sie

einstmal.<

Die Chronik der Sperlingsgasse · 第 6 / 13 题