Wunder über Wunder, dachte John entzückt, und wie ein Rausch überkam ihn

die Hoffnung, er könne vielleicht doch noch gesund werden.

Da er sich so wohl fühlte, stand er bald auf, um sich auf die Veranda zu

setzen. Als er heraustrat, wurde er sofort von Peter entdeckt, der schon

Turnübungen auf den Rollwagen vollführte. Fröhlich meckernd kam das Tier

dahergestürmt, warf die Vorderbeine hoch in die Luft und fiel seinem Herrn

buchstäblich in die Arme.

»Herr Johnche!« rief Rodenberg vom Pferdestall her. »Se sollen mal jleich

was Neies heren kommen!«

Johns Herz begann vor Neugier zu klopfen. Vielleicht kommt noch mehr Gutes,

dachte er. Peter am Halsband nehmend, humpelte er so schnell er konnte über

den Hof. »Na?« fragte er den strahlenden Kutscher.

»Der Beese is diese Nacht besoffen im Wasser jefallen und ertrunken.«

»Das ist gut! Das ist gut!« rief John mit triumphierender Miene und den

zuckenden Bewegungen eines Hampelmannes.

»Ich frei mir ja auch,« sagte Rodenberg bieder.

»Ich hab' ja zugesehen, wie er in der Nacht durch die Grätengasse nach dem

Wasser ging,« stammelte John, den die Neuigkeit förmlich elektrisierte. »Er

war mächtig im Tran. Und alle Augenblicke ist er stehen geblieben und hat

nach unserm Hause gedroht.«

»Die Wichse, die uns der Schuft damals beide einjetragen hat, was?« fragte

Rodenberg mit zwinkernden Augen.

John lachte bereitwillig mit. Wie ein Rausch war aufs neue die Hoffnung

über ihn gekommen, er könne -- wenn so viel Unerwartetes geschehen konnte

-- auch noch gesund werden.

Aber als er wieder auf der Veranda saß, da wußte er plötzlich nicht mehr,

ob das, was er soeben gehört zu haben glaubte, Traum oder Wirklichkeit

gewesen war, und ihm wurde ganz sonderbar und schwindlig. Die Wirklichkeit

schien sich langsam von ihm zu entfernen, alle Geräusche wurden leiser,

alle Farben matter, und er wurde immer schläfriger, je weiter alles von

ihm fortwich. Mit einem angstvollen Lachen griff er nach Peter, der wie ein

treuer Hund an seiner Seite stand.

Alles geht von dir, dachte John, aber der verläßt dich nicht.

Wie warm Peter war. Und wie voll von klopfendem Leben. Und das wollte er

töten?!

Das Tier sah seinem Herrn vertrauensvoll ins Gesicht. John wandte den Blick

zur Seite und reichte ihm allen Zucker, den er bei sich hatte. Dann stand

er auf. »Wir müssen frisches Öl auf die Lampe gießen,« murmelte er, »sonst

geht sie aus.« Er schob Peter auf den Hof und begab sich hinein zu der

großen Flasche, aus der er tagtäglich Beruhigung und Kräfte bezog.

Seit jenem häßlichen Abend im Gewürzladen erinnerte John diese Flasche

immer wieder an den Ölkrug der biblischen Witwe, denn sie wurde wie einst

dieser niemals leer. John konnte aus der Flasche trinken, soviel er

wollte; unsichtbare Hände füllten sie immer aufs neue voll. Aber der Kognak

schmeckte ihm nur noch selten wie früher, und er vertrug auch nicht mehr

viel. Er trank jetzt weniger zum Vergnügen, er trank, um existieren zu

können, um nicht vor Schwäche, Unruhe und Schmerzen zu vergehen.

Im Saal war es angenehm kühl nach der Hitze draußen. Frau Kalnis saß

strickend und hustend an einem der Fenster und sagte kein Wort, als John

ein Wasserglas bis zur Hälfte mit Kognak füllte, das er dann, in seinen

Sessel gelehnt, langsam leerte. Sein Gedächtnis kehrte zurück. »Wissen Sie

das Neuste?« fragte er Dore.

»Daß der Tischler ins Wasser jefallen is? Ja, das weiß ich.«

»Na, was sagen Sie dazu?«

»Is gut. An dem war nichts dran. Die Frau wird froh sein.«

»Er ist ins Wasser gefallen, weil ich es wünschte,« prahlte der Trinker.

»Stuß!« murmelte Dore.

»Hier hab' ich in der Nacht gesessen und zugesehen, wie er nach dem Wasser

torkelte. Und da hab' ich gewünscht, was ich konnte, er möchte reinfliegen

-- und da is'r reingeflogen.«

»Pfui! Dann sind Se ja e Mörder!« krähte Dore.

»Stuß!« echote John.

Nun hatte er wieder Kraft und Unternehmungsgeist, die Schläfrigkeit war

gewichen. Die Neuigkeit von heute morgen hatte ihn sensationslüstern

gemacht, neugierig spähte er durch die Gardine die Grätengasse herunter

nach dem kleinen, braunen Häuschen, das dem Tischler gehörte. Und je länger

er nach dem Häuschen blickte, desto mehr verlangte es ihn, hinzugehen und

die Leiche zu sehen. Er liebte es, Leichen zu betrachten, er konnte sich

nicht satt sehen an ihren stillen Gesichtern; das Geheimnisvolle in der

Ruhe des Totenantlitzes zog ihn immer aufs neue an. Er gab seiner

Mutter nur kurze Antworten, als sie sich liebevoll nach seinem Befinden

erkundigte; er wollte fort und sobald wie möglich. Kaum hatte man ihn nach

dem Frühstück allein gelassen, so stand er auf und verließ den Saal, um

seiner Sehnsucht zu folgen.

Auf der Grätengasse lag das Sonnenlicht so schwer wie ein Alp. Die Straße

war wenig belebt, und die meisten Fenster waren verhängt, was den Häusern

ein blindes, totes, abweisendes Aussehen gab. Auf einem Hof spielte eine

verstimmte Leier eine unschöne Melodie. Die Töne zogen rauh und schrill

durch die stille, trockne Luft. Von Zeit zu Zeit sprang die Melodie wie

toll vor Hitze in die Höhe, um dann jedesmal mit einem häßlichen Schnarren

zu enden. John biß die Zähne zusammen, denn er konnte keine Musik hören,

ohne nicht weinen zu müssen. Es fror ihn bald vor Unbehagen, trotz der

Hitze, und die Musik erpreßte ihm Schweißtropfen. Er hatte schon Lust

umzukehren; aber das kleine braune Haus lockte ihn unwiderstehlich.

Auch dort waren alle Fenster verhängt, so daß von außen nichts zu erspähen

war. Scheu wie ein Dieb trat John in den Flur und sah durch das kleine

Fenster in der Stubentür. Es war von innen mit einem roten Gardinchen

verhüllt, durch dessen gehäkelte Spitze man bequem hindurchblicken konnte.

John sah die Frau des Tischlers still und vergrämt an einem Tisch sitzen

und nähen. Auf dem Fußboden kauerte ihre schwachsinnige kleine Tochter und

spielte, unaufhörlich die Lippen bewegend und die Zähne fletschend, mit

einer zerrissenen Puppe. Das Bild war unschön und traurig -- und von einer

Leiche war nichts zu sehen. Entweder befand sie sich in der Hinterstube,

oder sie war auch gar nicht im Hause. John wandte sich hastig ab und

verließ rasch den Flur.

Vor der Haustür blieb er wieder stehen und starrte, gegen seinen Willen

gefesselt, auf das große, schmutzige Schild des Verunglückten.

Solch einen Holzsarg wie da auf dem Schild bekam er nicht, er bekam

natürlich einen schönen, weißen Zinksarg, -- und der wurde über ihm

verlötet, so daß er nicht mehr heraus konnte.

Er wollte nicht verlötet werden. Er wollte lieber so, wie er ging und

stand, zur Hölle fahren, als verlötet werden.

Was dachte er immer ans Sterben?! Er konnte ja auch noch gesund werden.

Die Hitze verursachte ihm Schwindel und Herzklopfen, es wurde ihm bald

heiß, bald kalt. Dazu schossen noch immer die schrillen Leiertöne wie

Raketen durch die Luft, und es roch nach qualmendem Pech, das in einiger

Entfernung auf der Straße gekocht wurde. John wurde es so übel und so

wirr im Kopf; er wußte nicht mehr, wo er war. Die gellenden Töne schienen

schadenfroh gegen ihn anzuspringen, schienen ihn umwerfen zu wollen. Es sah

aus, als wolle er tanzen, so drehte er sich plötzlich um sich selbst.

»Solch eine Frechheit,« stammelte er. »Ich ...,« er griff in die Luft und

fiel besinnungslos zur Erde.

Zwölftes Kapitel

Es brannte eine Lampe im Saal, und Johannes saß bei John am Bett und

unterhielt sich mit ihm in ängstlichem Flüsterton; denn draußen zog ein

schweres Gewitter herauf. Es war drei Tage her, daß man John bewußtlos in

der Grätengasse fand. Seitdem lag er fest zu Bett.

»So schwarz, schwarz ist der Himmel,« wisperte Johannes, sich schüttelnd.

Wenn die Welt doch untergehen möchte, dachte der Kranke, wenn die Erde sich

doch auftun möchte und uns alle miteinander verschlingen!

»So schwarz wie Onkel Chlodwigs Sofa,« setzte Johannes hinzu.

»Ja,« sagte John, »und dahinter steht vielleicht noch glänzend die Sonne.

Zu denken!«

Der Idiot knackte verlegen mit seinen mageren Fingern. »Hab Angst, hab

Angst,« stammelte er.

John blickte starr vor sich hin. »Erst alles schwarz,« murmelte er, »alles

trüb und dunkel. Aber dahinter kommt vielleicht die Sonne -- die nie

mehr untergeht.« Plötzlich fuhr er heftig in die Höhe. »Hörst du, wie es

bröckelt?« flüsterte er erregt. »Sie machen mich entzwei, ohne daß sie mich

anrühren, ohne die Hände zu bewegen.«

»Wer? Wer?«

»Dort!« John zeigte nach der Tür, die in das Zimmer seiner Brüder führte,

und dann nach der Tür zum Eßzimmer. »Dort und überall!« stöhnte er.

Und nach einer Pause: »Sie wünschen mir den Tod, damit ich sie nicht länger

geniere. Sie füllen mir immer wieder die Flasche voll, damit ich mich

nur rasch totsaufe. Aber ich nehm' welche mit, ich geh' nicht allein. --

Hier ...,« er zog mit zitternden Händen unter dem Laken ein Päckchen hervor

und zeigte es Johannes. »Schlafpulver, die ich nicht genommen habe, die

ich für andre aufsparte. Ja ...« und er lachte wie ein Blöder, und der

Schwachsinnige lachte mit.

Die ins Entree führende Saaltür wurde ungeschickt aufgerissen, und Markus,

Johannes' Bruder, stürmte aufgeregt herein. »Tante Anna, Tante Anna, ein

Küßchen, bloß ein Küßchen!« rief er mit schmelzender Stimme, indem er sich

verschämt das eine Auge mit der Hand verdeckte.

»Idiot!« knurrte Johannes, der sich gegen Markus die Klugheit selbst dünkte

und diesen immerfort schalt und berief, wenn ein Dritter zugegen war, aus

Furcht, man könne ihn sonst für ebenso einfältig halten wie seinen Bruder.

»Scher dich raus!« herrschte er ihn an.

Der baumlange Markus prallte einen Schritt zurück; denn obgleich er eine

ungeheure Kraft besaß, hatte er doch ziemlich viel Respekt vor seinem

älteren und klügeren Bruder. »Johnche erlaubst, Tante Anna, Tante Anna

sprechen?« fragte er bescheiden, den unförmigen Kopf auf eine Seite gelegt.

»Das muß ich mir erst eine Stunde überlegen,« scherzte John.

Markus verzehrte sich fast in Liebe zu Tante Zarnosky. Dieser

heimtückische, wenig folgsame Idiot wurde unter ihren Blicken ein sanftes,

aufs Wort gehorchendes Kind. Für Frau Zarnosky hätte Markus sich kreuzigen

lassen. Er stieß einen Freudenschrei aus, als seine Angebetete in den

Saal trat. »Tante Anna, Tante Anna,« schrie er erregt, »neue Stiefel, neue

Stiefel!« Und dabei hob er den einen Fuß, um die neuen Stiefel zu zeigen,

so hoch in die Höhe, daß er beinahe das Gleichgewicht verlor.

Frau Zarnosky lud ihn ein, zu Paul und Leo ins Eßzimmer zu gehen, da sein

lautes Wesen den Kranken angriff. Markus drehte sich indessen so lange

seufzend an der Tür herum, bis sie ihm vorausging.

Johannes sah seinem Bruder mit rollenden Augen nach. »Idiot, Idiot!«

schimpfte er, ganz rot im Gesicht.

»Und dieser Idiot,« sagte John bedeutungsvoll, »wird deine ganze

Gesellschaft sein, wenn ich erst tot sein werde.«

Johannes verstand das nicht; aber es ängstigte ihn trotzdem. »Willst

wirklich sterben?« fragte er leise.

Der Kranke seufzte. »Es wird mir nichts anders übrig bleiben,« entgegnete

er.

»Johnche,« wisperte Pfarrer, »wenn's nich sehr weh tut, komm ich auch.«

John verzog das Gesicht. »Soll ich dir meine Pistole geben?« fragte er

freundlich.

»Neinei! Spaß jemacht! Spaß jemacht!« stammelte Johannes erschreckt.

»Tut ja nicht weh,« scherzte John. »Ein Knall -- und du bist weg und gleich

im Himmel, wo es Zigarren und Bratäpfel und Glacéhandschuhe haufenweis

gibt.«

Der Schwachsinnige senkte bestürzt den Kopf. »Im Sommer ...,« begann er auf

einmal, und dann stockte er ratlos.

»Was ist im Sommer?« fragte John.

»So schön! So schön!«

»Und da möchtest du nicht weg! Was?«

»Nein,« flüsterte Johannes.

»Aber wenn ich nun sterbe,« fuhr John mit erzwungener Ruhe fort, »kann

morgen, kann übermorgen sein, dann wirst du es schlecht haben. Für die

andern bist du doch nur ›der Idiot‹. Wer wird sich mit dir unterhalten?

Und eure Marie, die wird für euch noch miserabler kochen als jetzt, wenn

ich nicht mehr schmecken kommen werde. Sie wird euch hungern und frieren

lassen ...«

»Neineinei!« winselte Johannes. »Wirklich wahr? Wirklich wahr?« jammerte

er.

»Gewiß,« entgegnete John. Aber dann tat ihm der arme, bestürzte Bursche

leid. »Na,« sagte er, sich zu einem Lachen zwingend, »vielleicht gibt es

auch noch einen andern Ausweg, als -- ich will mal nachdenken, was ich noch

für euch beide tun kann.«

»Ach ja! --« sagte Johannes, und seine ganze Todesangst und seine ganze

Lebensgier war in dem Zittern seiner Stimme.

»Nun geh!« flüsterte John. »Ich bin müde, ich will schlafen. Das Gewitter

kommt noch nicht so rasch.«

»Und du wirst? Wirst ...?«

»Ja, ja ...«

Als der Schwachsinnige gegangen war, schloß John die Augen und weinte.

Auch der wollte nicht sterben. Selbst so ein hilfloser, von allen

verspotteter, armer Idiot hing am Leben -- -- es war so schön im Sommer ...

Und seiner Familie wünschte er den Tod. Und Peter wollte er erschießen.

Nein! Nein! Mochte Onkel John Peter nehmen. Mochte alles leben, was da

leben durfte. Es war so schön im Sommer ...

Dreizehntes Kapitel

Der Vater kam und saß an seinem Bett, Onkel John kam, Onkel Chlodwig, auch

Eugen saß oft bei ihm. Die Mutter war vom Morgen bis zum Abend um ihn, und

der Arzt erschien jeden Tag. Paul und Leo betraten den Saal nur selten. Auf

ihre Fragen nach seinem Befinden erhielten sie auch nur selten eine Antwort

von John, und doch war er auf ihre Besuche am stolzesten. Meistens lag er

ganz ruhig da, und die Fliegen umsummten seinen Mund.

Einmal, während niemand bei ihm war, ergriff ihn entsetzliche Todesangst.

Sich wild aufrichtend, umklammerte er krampfhaft den Bettstollen und rief:

»Ich geh' nicht fort, eh' ich nicht weiß, wohin es geht!« Frau Zarnosky

hörte es bis auf der Veranda; aber sie vermochte sich vor Schreck und

Entsetzen nicht von der Stelle zu rühren. Sie schickte Onkel Chlodwig zu

ihm, und dann schickte sie zum Pfarrer, damit er John von Gott und dem

ewigen Leben spräche.

Die Nachmittagssonne strömte ihren Glanz durch die purpurnen

Fenstervorhänge, als der Geistliche, hoch und würdevoll, in den Saal trat.

Er war der Sohn eines Bauern und trat auch in Krankenstuben nicht leise

auf. Als er durch den stärksten der roten Lichtströme ging, flammte

sein rötlichbrauner Vollbart wie Zunder auf, und sein starkknochiges,

fanatisches Gesicht schien in diesem feurigen Rahmen zu übermenschlichen

Dimensionen anzuschwellen. Er war großartig anzusehen, wie er so durch den

Glanz schritt mit der Zuversicht seines Dünkels und seines Glaubens. Er

fixierte John so lange, bis dieser verlegen die Augen niederschlug. »Wie

geht's, mein lieber Konfirmand?« fragte er liebevoll und pathetisch,

während sein Bart erlosch und sein Gesicht zusammenschrumpfte.

John schob seine zitternde Trinkerhand mit Anstrengung in die ausgestreckte

feste Rechte des Pfarrers, murmelnd, daß es ihm schlecht ginge.

»Wir haben den lieben Herrgott und unsern Herrn Christus vergessen, nicht

wahr?« fragte der Geistliche in eindringlichem Flüsterton.

»Ja,« stotterte der Trinker mit einem kindischen und albernen Lachen.

»Wir haben vergessen, was wir vor dem Altar gelobten, nicht wahr, mein

lieber John?«

»Ja.«

»Und wir sind böse und gottlos gewesen?«

»Ja.«

»Und wir bereuen jetzt, ist es nicht so?«

»Ja.« -- John war bereit, zu allem »ja« zu sagen, was der Pfarrer ihn

fragte. Es ging eine faszinierende Macht von diesem Bauernsohn aus, der er

in seiner Schwachheit nicht gewachsen war. Vergebens suchte er seine Blicke

aus denen des Fragenden zu reißen; er zog sie immer wieder an sich. John

lag wie gefesselt da, und seine Seele kämpfte erfolglos gegen den Starken

an seinem Bett.

»Ist Ihre Reue auch aufrichtig? Fühlen Sie aufrichtige Reue?« fuhr der

Geistliche noch eindringlicher fort.

»Große Angst,« stammelte der Kranke.

»Wir wollen beten!« -- Das klang wie ein gedämpfter Posaunenstoß, wie der

selbstbewußte Ruf eines bevorzugten Vasallen um Audienz bei seinem Herrn.

John schloß ermüdet die Augen und ließ ihn reden, was er wollte. Er hörte

kaum zu; aber seine Verzweiflung wurde doch stiller unter dem warmen Strom

von Glauben und Zuversicht, der sich mit den Worten des Betenden über ihn

ergoß.

»Hören Sie auch zu?« fragte plötzlich der Pfarrer.

»Ja,« sagte John leise.

»Beten Sie auch mit?«

»Ja.«

»Wird Ihnen leichter ums Herz?«

»Ja.«

»Und Sie bereuen? Voll Vertrauen auf einen barmherzigen und gnädigen Gott?«

»Ja.«

»Der Glaube kann Berge versetzen!« rief der Pfarrer, daß es dröhnte. Und

dann leiser: »Wenn Sie von ganzem Herzen bereuen, dann wird der Herr Ihre

Sünden auslöschen, und Sie werden eingehen zur ewigen Seligkeit.«

»Zur ewigen Seligkeit?« flüsterte ungläubig der Trinker.

»Ja! Zu den Asphodill- und Lilien-Fluren, zu den Scharen der Seligen mit

den goldenen Harfen.« Die Augen des Sprechers leuchteten verzückt.

»Asphodill- und Lilien-Fluren?« wiederholte John wie ein Kind. »Und darüber

ein Osterhimmel, nicht wahr?«

»Nein! Gott darüber!« sagte laut und feierlich der Geistliche.

John zuckte in plötzlicher Ergriffenheit zusammen, und der Pfarrer erhob

sich.

»Der Herr lasse sein Antlitz über dir leuchten und schenke dir seinen

Frieden!« murmelte er voller Inbrunst, die große, feste Hand segnend über

den Todgeweihten gereckt. Und dann ging er mit festen Schritten von dannen,

umflossen von der Pracht seines Dünkels und der Zuversicht seines Glaubens.

Frau Kalnis öffnete ihm, demütig wie ein Hund, die Tür. Als er ihr die Hand

hinstreckte, durchfuhr sie diese Herablassung wie ein Blitzstrahl.

John dachte an die Asphodill- und Lilien-Fluren; seine Phantasie

schuf Bilder auf Bilder. O ja, er hatte schon Lust, nach jenen Fluren

auszuwandern, nur glaubte er nicht, daß sie existierten. All das waren

schöne Märchen für Kinder und Schwachsinnige.

»Na, wie ist Ihnen jetzt?« fragte Frau Kalnis, noch ganz heiß von dem

Händedruck.

John machte mit Gewalt ein verschmitztes Gesicht. »Wissen Sie was,«

entgegnete er, »der Mövius hat direkte Telephonverbindung mit dem lieben

Gott.«

»Oa!« rief sie enttäuscht. »Is das alles, was d'r Mann bei Ihnen

ausjerichtet hat?«

»Ich bin schon angemeldet auf den Asphodill- und Lilien-Fluren,« spöttelte

er weiter, »und eine goldne Harfe ist auch schon für mich bestellt. Bei

Petrus und Kompanie. Aber nobbel, sag ich dir!«

»Schämen Sie sich!« schalt die Wärterin. »Sie verdienen nich, im Himmel zu

kommen! Sie werden auch nich!«

»Ich will auch gar nicht,« brummte er, »ich will hier bleiben und gesund

werden. Es ist mir noch lange nicht genug!«

»Noch nich jenuch jetrunken, was?«

»Alles noch nicht genug,« murmelte John, unnatürlich die Augen aufreißend.

»Wenn der Mövius mein Vater gewesen wäre,« sagte er nach einer Weile, »dann

würde ich jetzt nicht hier liegen; dann wäre schon was aus mir geworden.«

»Sie beleidjen Ihren Vaterche!« zeterte Dore. »Hat er nich alles für Sie

jetan, was sein muß und sein kann?!«

»Er hat es nicht verstanden,« murmelte John.

»Was sagt er?« fragte Frau Zarnosky, mit geröteten Augen ins Zimmer

tretend.

»Er phantasiert e bißche,« half sich die Wärterin.

Frau Zarnosky ließ sich am Krankenbett nieder und ergriff still und mit den

Tränen kämpfend ihres Sohnes Hand. »Heul doch nicht immer!« hätte John am

liebsten gerufen; aber er wollte die Mutter nicht kränken und auch nicht

zeigen, daß ihm ihre Tränen eine Qual waren. Er schloß die Augen und tat,

als wolle er schlafen.

Als sie ihn eingeschlafen glaubten, ließ Frau Zarnosky ihren Tränen freien

Lauf und sagte flüsternd zu Dore: »Lange wird es nicht mehr dauern.«

»Neinei,« entgegnete diese.

»Ich darf mir wohl keine Vorwürfe machen,« fuhr die Mutter fort. »Ich hab'

wohl für ihn getan, was in meinen Kräften stand.«

»Das haben Se,« bestätigte die Wärterin.

John tat sich Gewalt an, um sein Wachsein zu verbergen; aber es wollte ihm

nicht gelingen: sein Herz zersprang vor Zorn und Angst. »Ihr könnt mir alle

gestohlen bleiben!« stieß er verzweifelt hervor.

Frau Zarnosky sprang bestürzt auf. »Aber lieber Junge -- --« stotterte sie.

Dore beruhigte Mutter und Sohn. Sie gab John Medizin ein und glättete seine

Kissen, wobei ihr Mundwerk auch nicht einen Augenblick stillstand. Trotzdem

überhörte sie nicht das schüchterne Klopfen an der Tür. »Das is der

Pfarrerche,« sagte sie, resolut »herein« rufend.

Und es war der Pfarrerche. »Wie geht's? Wie geht's?« fragte er, unter

Verbeugungen näher tretend.

»Besser natürlich,« erwiderte Frau Zarnosky, und ihre weinerliche Stimme

stand in lächerlichstem Gegensatz zu ihren Worten. John hätte aus der Haut

fahren mögen.

Johannes schlingerte sich unter verlegenem Händereiben bis zum Bett, setzte

sich auf die Kante des Stuhls, den Frau Zarnosky verlassen hatte, und

machte hungrige Augen. »Schon Abendbrot, Abendbrot jejessen?« fragte er

verschämt im Kreise herum.

»Gib ihm doch was!« sagte John rasch zu seiner Mutter.

»Sie sind immer bei App'tit, Herr Pfarrerche liebes, nich wahr?«

schmunzelte Dore.

Johannes sah sie unwillig an. »Wirst jefracht? Wirst jefracht?« versetzte

er indigniert.

Er bekam ein großes Schinkenbrot, das er mit stummer Wollust ergriff.

Seine langen, nicht ganz sauberen Finger umklammerten es fest und zärtlich.

»Schön, schön ... Danke, danke!« stammelte er mit halbgeschlossenen Augen.

»Na, Pfarrer, wie ist's mit dem Himmel?« fragte ihn John ganz leise.

Der Schwachsinnige lächelte leer und ängstlich. »Noch e bißche warten;

nächstes Jahr, nächstes Jahr.«

»Na, ich weiß was,« fuhr John ebenso leise fort, »Frau Kalnis soll zu euch

ziehen, wenn ich tot bin.«

Johannes warf Dore ganz von untenauf einen unbeschreiblichen Blick zu.

»Meinst, meinst?« entgegnete er ziemlich zerstreut, denn das Schinkenbrot

nahm seinen ganzen Menschen in Anspruch.

»Ich möchte mit dir tauschen,« flüsterte John, die Augen schließend.

Und er öffnete sie nicht mehr an diesem Abend. Doch im Geiste sah er sein

ganzes Leben an sich vorüberziehen: Sommer und Winter, Lenze und Herbste;

eine lange Kette von Tagen, die einst gewesen. Dabei wurde er schläfrig und

schlief ein. Und seine Träume waren nicht schrecklich, wie in den meisten

Nächten; sie hatten etwas Stilles, Wehmütiges und Fernes, und manchmal

waren sie auch schön. Einmal ging er im Traum über die Asphodill- und

Lilien-Fluren, auf denen weiße Schafe im Sonnenschein grasten und ein

Hirte auf einer Schalmei ein weltfremdes Lied ertönen ließ. John hörte ganz

deutlich eine wunderbare Melodie, die ihn so packte, daß er erwachte; aber

er öffnete nicht die Augen und schlief bald wieder ein.

Nun flog er durch die Nacht unter lauter Schattengebilden; selbst ein

Schatten: das Leben lag hinter ihm. Und das gab ihm ein Gefühl, als sei

eine Tür hinter ihm zugefallen, die sich nie mehr öffnen würde, soviel er

auch bitten, flehen und schreien würde. Doch diese Empfindung erweckte

nur ein ganz mattes, unklares Entsetzen in ihm. Er flog über meilenweite

Schneefelder, auf denen sich dunkle Ungeheuer wanden, tief, tief unter ihm.

»Wir können dir nichts mehr tun,« klang es zu ihm herauf, »denn du bist

ja schon tot.« Peter (den er erschossen zu haben glaubte) kam ihm

entgegengestürmt und begrüßte ihn mit lautloser, schattenhafter Freude.

Sobald er ihn fassen wollte, zerfloß das Tier, um sich dann wieder zu

einem nebelhaften Gebilde zusammenzusetzen. John bereute bitter, daß er ihn

getötet hatte. Das kümmerlichste Leben, dachte er, ist tausendmal besser

als tot sein.

Es wurde sehr früh Tag im Saal, weil das mittelste der Fenster auf seinen

Wunsch unverhängt geblieben war: er wollte doch das Licht genießen, solange

er noch konnte. Und nun kam schon früh die Sonne zu ihm herein und weckte

ihn ganz leise auf. Die Augen öffnend, sah er sich ratlos um: war er denn

nicht gestorben? Ihm wurde so feierlich zumute in dem totenstillen, hellen

Raum, er mußte plötzlich die Hände falten, und obgleich er nicht betete,

war seine Stimmung so fromm wie ein Gebet.

Kam er von Gott, dieser feierliche Frieden, den er plötzlich empfand?

War es Gott, der die Verzweiflung von ihm genommen? Der ihn ohne Worte

tröstete?

Vielleicht ... vielleicht ... Wenn es einen Gott gab!

Wie hatte der Pfarrer doch schon gesagt: »Der Herr lasse sein Antlitz über

dir leuchten und schenke dir seinen Frieden.«

Vielleicht kam er von Gott.

Der Trinker: Roman · 第 7 / 8 段