Ein freundliches Dörfchen mit vielen Storchnestern auf den Dächern und

vielen bunten Blumen in den Gärten glitt rasch vorüber. Dahinter kreuzte

die Chaussee eine Bahnstrecke. Dann kamen wieder Wiesen und Felder und

Roßgärten mit weidendem Vieh. Und schließlich kam der Wald, der alte

Tannenwald, nach dem sich John so sehr gesehnt hatte. »Ah!« machte er

lächelnd, als der Wagen aus der grellen Helle in den Schatten der Bäume

rollte.

»Wie es duftet!« murmelte Herr Zarnosky, die Augen öffnend.

»Nicht wahr?« sagten die Söhne wie aus einem Munde.

»Aber die vielen Bremsen!« seufzte Frau Zarnosky, an die Pferde denkend.

Nach einer halben Stunde hielt der Wagen vor dem Waldgasthaus. Hier war die

Chaussee zu Ende und ein tiefer Sandweg begann. Das Gasthaus lag breit

und weiß am Wege mit grünen Fensterladen und zwei Storchnestern auf dem

bemoosten Schindeldach; es sah ehrbar und freundlich aus. Der hagere Wirt

stand vor der Tür und hieß die Herrschaften etwas still willkommen.

Hinter dem Hause streckte sich ein langer, verwilderter Garten mit zwei

Holzkolonnaden und einem großen Grasplatz, auf dem ein paar Turngeräte

standen. Die Familie Zarnosky setzte sich in eine Tannenlaube am Rande des

grünen Platzes. John lehnte sich an, faltete die Hände, ließ die Daumen

umeinander laufen und lächelte krank und müde. Ein alter, krummbeiniger

Kellner erschien und säuberte gewissenhaft den Tisch.

»Es riecht schon nach Heu,« sagte Herr Zarnosky, mit der Nase schnuppernd.

»Und irgendwo müssen Linden blühen,« stotterte John.

»Wenn der Kaffee hier nur nicht so gräßlich wäre,« versetzte Frau Zarnosky

in unwirschem Ton.

»Du darfst ja nur eine kleine Tasse trinken,« erwiderte ihr Gatte.

»Ist mir auch noch zu viel,« nörgelte sie.

Herr Zarnosky bestellte Bier, Selterwasser, Kaffee und Kuchen. Der alte,

krummbeinige Kellner dienerte und verschwand. Bald kam das Bestellte und

wurde genossen. Frau Zarnosky und Paul nippten nur ein wenig an ihrem

Kaffee, und Dore nahm sich dann der beiden Tassen an, nachdem sie die

eigene mit Vergnügen geleert hatte. An Sonntagen war das Waldgasthaus immer

sehr besucht, heute am Alltag war es leer. Mit der Zeit fanden sich noch

drei andere Familien ein, die auch mit eigenem Fuhrwerk kamen. Mehr Besuch

erschien nicht. Der hagere Wirt ging an den leeren Tischen vorüber und rieb

sich mit abwesender Miene die Hände. Paul beobachtete ihn durch die Tannen.

»Der macht nicht mehr lange,« sagte er plötzlich.

»Wer?« fragte John erschreckt.

»Der Wirt,« brummte der Junge.

»Gehen wir in den Wald?« fragte der Vater, sich im Kreise umblickend.

»Ich bleibe hier,« sagte John. »Aber ihr andern könnt ja gehen. Auch Frau

Kalnis.«

»Ich bleib' bei Ihnen, Herr Johnche,« versetzte Dore beflissen.

»Dann bleiben wir doch schon alle hier,« entschied der Vater.

Paul sprang auf, um zu den Turngeräten zu gehen, weil ihm das ewige

Sitzen unerträglich wurde. Und dann war ihm auch, als säße der Tod in

der Tannenlaube und als ginge der Tod durch die Gänge des Gartens. Paul

wünschte häufig, daß John bald stürbe. Er empfand keine Liebe für diesen

Bruder, der, so weit er zurückdenken konnte, schon immer als Taugenichts

galt. Pauls Gefühle für John schwankten zwischen Abneigung und

verächtlichem Mitleid. Ebenso erging es Leo. Die beiden Jungen hatten

nichts Böses begangen, als er auch sie überall zu verleumden begann. Das

verziehen sie ihm nie, hart wie Kinder sind, und sie verziehen ihm auch nie

sein herabgekommenes Äußere. Sie mieden ihn jetzt wie einen Aussätzigen,

sie sahen fremd über ihn hinweg, wo sie ihn trafen. Und das kränkte John,

da er sie im Grunde sehr lieb hatte, das reizte ihn zu Roheiten ihnen

gegenüber und zu immer neuen Verleumdungen über sie.

Paul rannte auf dem Schwebebaum hin und her, zur Aufbesserung seiner

Stimmung wie eine Dampfmaschine pustend. Er versuchte an dieses und jenes

zu denken; aber John beherrschte seine Gedanken.

Wie einem Todkranken wohl zumute war?

Paul schielte eine Weile nach dem gelben Gesicht in der Tannenlaube und

blickte dann rasch nach der strahlenden Sonne. Jetzt glaubte er zu wissen,

wie einem Todkranken zumute war; aber aussprechen hätte er es nicht können.

Und er konnte auch seine gedrückte Stimmung nicht loswerden, obgleich er so

tat, als sei er vergnügt, indem er auf dem Schwebebaum hin und her sprang,

bald mit den Armen, bald mit der Mütze schlenkernd.

»Seht bloß Paul an!« murmelte John, der sich schlechter und schlechter

fühlte, mit zuckenden Lippen.

»Der Junge ist vergnügt,« schmunzelte der Vater.

»Er ist gräßlich,« dachte John, die Zähne zusammenbeißend.

Die Mutter ahnte, was in John vorging. »Paul!« rief sie mit scharfer

Stimme, »benimm dich vernünftig! -- Denkt der Bengel denn gar nicht an

seinen Bruder?!«

John zuckte zusammen. »Warum soll er an mich denken?« fragte er rauh.

Frau Zarnosky machte ein wehleidiges Gesicht. »Laß nur gut sein,« sagte sie

tröstend, »es kommt auf den, auch auf jenen; es kommt auf jeden einmal. Du

kannst auch noch gesund werden.«

John hätte am liebsten losgeheult. »Ich möchte hier gern ein bißchen allein

sitzen,« stieß er hastig hervor, als er seiner Stimme die nötige Festigkeit

zutraute.

»Wird das gehen?« fragte die Mutter besorgt. »Soll Frau Kalnis nicht

wenigstens bei dir bleiben?«

»Ich will sie nicht sehen!« brach er los. »Ich bin kein kleines Kind! Ich

kann allein sitzen! Ihr ärgert mich bloß!«

»Wir ärgern dich?«

»Ja!!!«

»Man darf es ihm nicht übel nehmen,« sagte die Mutter, »er ist so furchtbar

nervös.«

John winkte nur stumm mit der Hand, sie möchten verschwinden, und diese

Geste hatte etwas so Verzweifeltes und so Zwingendes, daß sich die Eltern

denn auch ziemlich rasch mit Paul und Frau Kalnis auf den Weg machten.

Aber Dore wurde nach wenigen Schritten auf einem versteckten Platz

zurückgelassen, damit sie auf John, ungesehen, achtgäbe.

Paul sprang seinen Eltern, aufatmend, voraus. Er meinte, es müsse heller

werden, sobald er John und den Garten hinter sich hatte. Anfangs schien's

ihm auch so; aber dann mußte er immer wieder an ihn denken und sich

vorstellen, wie er so allein in der Tannenlaube saß. Dazu bewölkte sich der

Himmel, und ein kaum wahrnehmbarer Wind zog mit geisterhaftem Seufzen durch

die Tannenkronen. Ein Waldvogel stieß eine Reihe schmerzlicher Töne aus und

wiederholte sie dann immer aufs neue.

»Ich könnte weinen,« sagte die Mutter, als eine Krähe krächzend über den

Wald flog. Der Vater schwieg mit gleichmütiger Miene.

»Wir wollen lieber umkehren und nach Hause fahren,« stieß Paul leise

hervor, doch die Eltern gaben keine Antwort und gingen wie im Traume

weiter.

Der Junge blieb hinter ihnen zurück und sah sich mit großen Augen um.

Wie die Bäume standen und starrten! Wie sein Herz klopfte! Wie die Stille

im Walde sauste! Oder war es das Blut in seinem Kopf? Er steckte die Finger

in die Ohren; aber da wurde das unheimliche Sausen noch stärker. Er reckte

sich mit einem zitternden Seufzer und spuckte beklommen auf den Weg.

»Wenn ein Ast sich vom Stamm lösen will,« ging es plötzlich durch seinen

Kopf, »dann merkt es der ganze Baum.«

Und der Wald stand da wie erstarrt, wie versteint, und alle Bäume schienen

feindlich und erwartungsvoll auf ihn zu blicken. Paul stieß einen langen,

hellen Ton aus, um den Bann zu brechen, der wie über ihm auch über dem Wald

zu liegen schien.

Und er erschrak. Denn ein Echo gab den Ton so seltsam wieder; er kam als

ein Klagelaut durch die Stille zurück.

Paul graute es plötzlich. Er sprang seinen Eltern nach, um ihrem traurigen

Wandern ein Ende zu machen. Die Mutter war bei seinem Ton erschrocken

stehen geblieben und sah sich um. »Wollen wir nicht umkehren?« rief er ihr

mit forcierter Munterkeit zu. »Kehren wir doch lieber um! Hier ist es ja so

langweilig!«

»Ja, wir wollen umkehren,« versetzte sie mit Hast und Bestimmtheit. Sie

schien den Sinn dieses Wortes erst diesmal zu fassen. »Komm!« sagte sie

rasch zu ihrem Mann.

»Schon umkehren?« brummte er. »Nanu?«

»Hier ist es gräßlich,« murmelte sie. »Man geht ja hier wie in die

Verbannung. -- Wer weiß, was ihm noch im Garten passiert?!«

»Was kann ihm da passieren?!« erwiderte er spöttisch, obgleich er ebenso

gern umkehrte wie sie und der Junge.

Paul machte mehrmals den Weg, den seine Eltern nur einmal machten, weil

er wie ein junger Hund immer hin und zurück lief. Als sie schon bald am

Gasthaus waren, kam er ihnen mit rotem Gesicht entgegengestürzt: »Vater,

Mutter, John sitzt bei den Kutschern und spielt Karten! Wir müssen durch

die Seitentür gehen.«

Herr Zarnosky wollte sofort hineilen, um John vom Kutschertisch

fortzuholen, doch seine Frau stellte sich ihm in den Weg, aus Furcht

vor einem Skandal. Sie überredete ihn so lange, bis er ihnen durch die

Seitentür folgte; aber er war so wütend, daß er fast keine Antwort gab.

Frau Kalnis saß friedlich auf ihrem Platz, John noch immer in der

Tannenlaube wähnend.

»Er sitzt bei den Kutschern!« herrschte Herr Zarnosky sie an.

Die Augen aufreißend, schlug sie die Hände zusammen. »Bei die Kuhtschers?«

wiederholte sie erbleichend.

Der Kellner kam und fragte, ob etwas gefällig sei. Frau Zarnosky hatte

einen Einfall. »Es gibt ja Krebse,« sagte sie rasch. Und leise zu ihrem

Mann: »Bestell welche! Dann wird er bald hier sein.«

John hatte seine Eltern nicht so rasch zurück erwartet, sonst wäre er

beizeiten auf seinem Platz gewesen. Und nun wagte er sich nicht in die

Tannenlaube, aus Angst vor dem Vater. Als Frau Kalnis ihn in den Garten

bitten kam, wurde er aus Angst frech: er käme nicht, er amüsiere sich hier

besser. Als sie für Rodenberg zwei Krebse brachte, die John leckrig machen

sollten, riß er den Teller an sich und zeigte den wiehernden Kutschern,

unter unfeinen Redensarten, wie man Krebse äße. Die Kraft dazu holte er

sich fleißig aus Rodenbergs Seidel, das Braunbier mit Rum enthielt. Der

alte Kutscher redete ihm zu, mit Frau Kalnis zu gehen; aber John rührte

sich nicht. Hier sei es gemütlich. Hier ärgere ihn niemand. Er sei hier

unter ehrlichen Menschen.

Der Kutschertisch stand dem Gasthaus gegenüber, jenseits der sandigen

Landstraße neben einer alten Eiche. An ihrem bemoosten Stamm hing eine

hölzerne Tafel mit Worten, die schon lange nicht mehr zu lesen waren; aber

man wußte, daß sie den Heldenmut eines im Kriege gefallenen Brüderpaares

priesen. Frau Kalnis ließ ihren schwarzen Rock wieder im Sande schleppen,

als sie den Kutschertisch verließ, aus Furcht, John könne ihr etwas

Häßliches nachrufen, wenn sie ihn aufzuheben wagte. Ihre Backen glühten,

und der Veilchenhut saß schief aus ihrem dünnbehaarten Kopf.

Sobald John mit den Krebsen fertig war, griff er wieder nach den Karten.

Rodenberg stand auf und machte sich an den Pferden zu schaffen, in der

Hoffnung, daß John dann gehen werde. Vergebens. Herr Zarnosky junior

bot den fremden Kutschern jetzt Brüderschaft an, und wenn er eine Karte

ausspielte, so knallte er sie wie die andern mit der Faust auf den Tisch.

Die Kutscher hatten die Röcke ausgezogen und saßen in Hemdsärmeln da.

Der Kopf des einen war wie eingeschroben in einen mächtigen, feuerroten

Fleischwulst, der rings um seinen Hals lief. John mußte immer wieder auf

diese rote, faltenschlagende Masse starren. Schließlich bat er den Kutscher

um die Erlaubnis, sie betasten zu dürfen. Der Mann hatte nichts dagegen und

ließ es gutmütig geschehen. In den Zweigen der Eiche hub ein Vögelchen zu

zwitschern an: »Züzüzüzüühe« ... Die Kutscher achteten nicht darauf;

aber John legte den Kopf auf die Seite, machte ein liebliches Gesicht und

erwiderte: »Zekü, zekü, zekü« ... Und die Poesie des einsamen Platzes an

der Waldstraße überwältigte ihn plötzlich so, daß er erblaßte.

Frau Kalnis kam abermals durch den Sand gestiefelt, um Rodenberg zu

bestellen, daß er sofort an der Seitentür vorzufahren habe. John erhob sich

wie im Traum. »Schon? Schon nach Hause?« stammelte er erschreckt.

Als die Familie aus dem Garten trat, sah sie ihn wie einen armen Sünder,

der sich nicht zu nähern wagt, mit hängendem Kopf am Zaune stehen. Die

Mutter war sofort gerührt. Sie eilte zu ihm hin und führte ihn unter

sanften Vorwürfen zum Wagen. Der Vater blickte ihn flüchtig an: »Wir

sprechen uns später,« sagte er hart und kurz.

Der Wind schien eingeschlafen zu sein, und der Himmel war klar geworden.

Er hing gleich einer riesengroßen, blauen Glasglocke überm Walde. Die Bäume

standen hoch und still, und das taktmäßige Trappeln der Rappen zog wie

Musik durch den schweigenden Forst. John atmete laut und hastig. Sein Kopf

sank beim Fahren bald nach rechts, bald nach links. Der Vater erhob sich

und wies ihm kurz seinen Platz an, weil er sich dort besser anlehnen

konnte. Diese Fürsorge rührte den armen Sünder bis zu Tränen. Sich

schneuzend begann er nachzudenken, wodurch er sich der erwiesenen Güte

würdig zeigen konnte. Er sah mit abbittender Miene vom Vater zur Mutter,

und das Denken fiel ihm furchtbar sauer, weil Rodenbergs Mischung bei ihm

zu wirken begann. Plötzlich griff er mit aufleuchtenden Augen in die Tasche

und zog zwei sandige, bleierne Teelöffel heraus, die er mit triumphierender

Miene im Kreise herumzeigte. »Für Frau Rodenberg,« sagte er mit Augen, die

um Beifall baten.

»Die hat er aus dem Gasthaus mitgenommen,« rief Paul erblassend.

»Aber dort gefunden,« schmunzelte stolz der Betrunkene.

Der Vater riß ihm die Löffel aus der Hand und warf sie aus dem Wagen. »Wir

sprechen uns schon zu Hause,« sagte er wieder.

John ließ die Unterlippe hängen wie ein arg enttäuschtes Kind, das

weinen will. »Sie trieben sich doch unterm Kutschertisch im Sande herum,«

stotterte er.

Paul hob die Augen zum Himmel auf. »Er gehört ganz einfach in eine

Anstalt,« murmelte er, den Kopf schüttelnd.

»Ja, du!« blubberte John gekränkt.

»Wenn es die Kutscher nun gesehen haben?« jammerte Frau Zarnosky.

»Nichts jesehn,« stammelte John. »Und sie sind doch nur für Frau

Rodenberg.«

Er begriff die Menschen nicht mehr, und sie gefielen ihm ganz und gar

nicht. Das Leben war eine einzige sonderbare Scheußlichkeit. Und er hatte

nichts als Feinde.

Paul hatte sich vorgebeugt und hielt sich das Taschentuch vor die Nase,

weil er Johns Alkoholatmosphäre nicht anders ertragen konnte. Von Zeit zu

Zeit stieß er indigniert die Luft aus. John beobachtete ihn mit wachsendem

Grimm; aber die Stille im Wald zügelte ihn gegen seinen Willen. Frau Kalnis

begann schüchtern und wenig erwünscht von der Schönheit des Sommertages zu

sprechen und von der Schönheit der hohen Tannen. Niemand erwiderte etwas.

Sie verstummte.

Der Wald wich zurück, und die Felder begannen. Paul entfaltete das

Taschentuch und fächelte sich seufzend und pustend frische Luft zu. John

ließ ihn schweigend gewähren; doch seine Augen weiteten sich vor Wut, seine

Hände zuckten krampfhaft hin und her, und auf einmal, noch ehe der Vater

es hindern konnte, versetzte er seinem Bruder einen heftigen Schlag in den

Rücken.

Frau Zarnosky, die mit geschlossenen Augen dagesessen hatte, schrie laut

los, als Paul plötzlich auf ihren Schoß kippte. Die Kalnis schlug die Hände

zusammen und klagte es stürmisch ihrem »jerechsten Vater«. John verteidigte

sich mit heftigen Worten. Der plötzliche Tumult im Wagen war so groß, daß

die Rappen ängstlich die Ohren spitzten und dann ein Tempo begannen, dem

der erschreckte und angetrunkene Rodenberg nicht gewachsen war.

»Die Pferde gehen durch,« flüsterte Paul, der es zuerst bemerkte.

»Was? Was?« wiederholte entsetzt die Mutter, und nun verfiel sie in

ein angstvolles Weinen und Jammern, das die jagenden Pferde noch mehr

erschreckte.

Dampfend und zischend brauste von links ein Zug daher. Wie das Unheil

selbst, so glitt er in großem Bogen unaufhaltsam der Chaussee entgegen,

die er vor dem Dörfchen zu kreuzen hatte. Und die Pferde ließen sich nicht

zügeln, obgleich Rodenberg, den das Entsetzen rasch ernüchterte, seine

ganze Kraft aufbot; sie jagten jetzt dahin, als wollten sie mit dem Zug um

die Wette laufen. Die Mutter hielt Paul mit geschlossenen Augen umschlungen

und merkte nicht, daß John angstvoll und zärtlich ihre Hand zu fassen

suchte. »Ruhe, nur Ruhe!« sagte Herr Zarnosky, der sich erhoben hatte und

nach Hilfe umherspähte. Paul hörte schon in seiner Phantasie das Krachen,

das erfolgen mußte, wenn der Zug über Wagen und Pferde ging, und vor

diesem Krachen graute ihm fast am meisten. Gleichzeitig dachte er mit

der Lebensfülle der Jugend: ich kann nicht sterben -- und die andern auch

nicht; es wird nichts passieren.

John lehnte sich wieder zurück und schloß mit ergebener Miene die Augen:

seine Angst war plötzlich verflogen. Er dachte: nun brauchst du nicht

allein durch die dunkle Pforte zu gehen; nun geht ihr alle zusammen. Er

sagte sich gar nicht, daß er an dem, was vorging, schuld war. Ihn quälte

nur eins: daß er Peter in der Welt zurücklassen mußte.

Seine Todesergebenheit ging in Ekstase über: es dünkte ihn schön, an diesem

wundervollen Sommernachmittag mit Vater und Mutter zu sterben. Ja, ihm war,

als flögen sie schon alle zusammen durch den Himmelsraum, einem gewaltigen

Ereignis -- Gott entgegen. Er hörte bereits eine seltsame Musik, die ihn

schon aus dem Jenseits dünkte. Wie aus der Ferne vernahm er Dores leises

Beten, und er faltete die Hände, um ihr nachzutun, aber er konnte sich auf

das, was er sagen wollte, auf das »Vaterunser« gar nicht besinnen.

»Festgemauert in der Erde ...« Nein, das war kein Gebet. Doch da ihm nichts

Besseres einfiel, ließ er ruhig noch ein paar Reihen des Gedichtes folgen,

weil er plötzlich fühlte, daß es auf die Worte nicht ankam, daß die

Empfindung, die zum Beten treibt, das Wichtigste ist.

Nun ging er nicht allein in das große ungewisse Land, nicht ohne Schutz,

nicht ohne Verteidiger: Vater und Mutter kamen mit -- wie beruhigend das

war. Und wie seltsam es war, daß er nun bald wissen würde, was hinter dem

Tode kam.

Vor der herabgelassenen Barriere scheuten die Rappen zurück und

bäumten wild in die Höhe. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky ein paar

herbeieilenden Männern zu; denn nun wollten die Tiere nach der Seite, um

durch den Graben ins Feld zu jagen oder auch auf die Schienen, und der Zug

tauchte hinter dem nächsten Gehöft auf. »Haltet sie!« schrie Herr Zarnosky

noch einmal, weiß wie der Tod im Gesicht, und alle standen jetzt im

Wagen, bereit, im letzten Augenblick herauszuspringen. Aber es gelang den

kräftigen Männern, die Pferde zum Stehen zu bringen.

Elftes Kapitel

Unförmige Wolken zogen wie seltsame Tiere durchs Himmelsblau. Es war Nacht,

und die Mondsichel lugte gleich einem gelben, schielenden Auge über die

Wolkentiere herüber. »Er scheint; aber ich kann ihn hier nicht sehen,«

murmelte John, der im Nachthemd am Fenster saß und Selterwasser trank. Sein

Wohn- und Schlafzimmer war jetzt der Saal in der elterlichen Wohnung, weil

er die Treppe zu seiner eignen nicht mehr hinaufsteigen konnte, und dann

war es auch oben zu heiß für ihn geworden.

Im Saal war fast alles rot. Tapete, Türen, Vorhänge, der Samtüberzug der

Möbel, die Teppiche, alles war rot. Rote Stoffe deckten auch den schwarzen

Flügel und den dunkeln Tisch. Auf den großen, düsteren Ölgemälden, die

allerdings goldene Rahmen hatten, war die rote Farbe die vorherrschende.

Das war Zarnoskyscher Geschmack. Dann gab es noch zwei vergoldete, weiße

Vasen im Saal, die mit roten Blumen gefüllt auf schwarzen Ständern standen,

es gab da noch einen dunkel gerahmten großen Spiegel und einen alten

Messingkronleuchter in roter Musselinhülle.

Neben dem roten Sofa stand jetzt Johns Bett, sein niedriges, breites,

dunkles Bett, das in Form und Farbe ganz gut in den Saal hineinpaßte. John

graute es in der Nacht beim Anblick der vielen roten Sessel, die so still

und leer um den Tisch und an den Wänden standen, und am meisten graute ihm

dann vor den geflügelten schwarzen Drachen, die die Tischplatte trugen. Er

sah die Drachen im Traum auf seinem Deckbett kauern und ihn bedrohen, oder

er hörte sie, nach ihm suchend, durchs Zimmer schwirren, während er sich

in wilder Angst hinter einem Sessel zu verbergen suchte. Wachte er auf, so

glaubte er ihre großen, schrägen Augen böse und lauernd auf sich gerichtet

zu sehen. Der Tisch war eine Qual mehr für seine Nächte; aber das verriet

er niemand, dazu war er viel zu stolz.

Der Saal hatte drei dicht verhängte Fenster mit purpurnen Übergardinen.

John thronte auf einem roten Sessel an dem Fenster, das sich seinem Bett

zunächst befand, vor sich ein Tischchen mit Selterwasser besetzt. Er hatte

die Gardine ein wenig zur Seite geschoben und blickte mit traurigen Augen

bald nach dem Himmel, bald in die totenstille Grätengasse. Von Zeit zu Zeit

beugte er sich vor und lauschte angestrengt nach der letzten Saaltür hin,

die in das Schlafzimmer seiner jüngeren Brüder führte. Dort wurde noch

geflüstert und halblaut gelacht. Auf seine Kosten, dünkte es John. Wenn er

seinen Namen zu verstehen glaubte, machte er jedesmal eine Bewegung mit dem

Kopf, als ob er ein Insekt verscheuchen müsse.

Das Licht des Mondes erhellte die linke Seite der Grätengasse mit einer

matten, geisterhaften Helle. Die alte, enge Straße, in der nur noch wenige

Laternen brannten, mündete gleich einem Rohr auf einen breiten, tiefen

Strom, in den schon manch Betrunkener in dunkler Nacht hineingetorkelt

war. Johns Züge belebten sich, als ein einsamer Wanderer vor dem Fenster

auftauchte und über die Straße nach der Grätengasse ging. Den Sargtischler

erkennend, zog er sich hinter die Gardine zurück, um seinen Todfeind

ungesehen zu beobachten. Der Tischler blieb auf der gegenüberliegenden

linken Ecke neben der Laterne stehen und grinste höhnisch zu Johns Fenster

herüber. Die wenigsten wußten, warum er die Familie Zarnosky so haßte, und

die Zarnoskys wußten es selbst nicht; außer Onkel John: der Märchenerzähler

und Verleumder wußte es.

Nach einer Weile löste sich der Tischler von dem Laternenpfahl und ging

torkelnd die Straße herunter. Jetzt erst bemerkte John, daß er stark

betrunken war und sich nur mit Mühe aufrecht erhielt. Am nächsten

Laternenpfahl sah er ihn wieder stehen bleiben und mit der Faust

herüberdrohen. John lachte; aber seine Zähne schlugen vor Begier zusammen,

wenn er sich vorstellte, er besäße noch seine alte Kraft und könne jetzt

hinlaufen, um den Kerl durchzubläuen.

Die linke Seite der Grätengasse hatte noch immer ihre geisterhafte

Mondbeleuchtung, doch schon trieben große Wolken heran, um den blanken

Halbmond zu verschlingen. Der Tischler war weitergetorkelt und bei seinem

Häuschen angelangt, ohne es zu bemerken, wie es schien. John sah, wie er

ohne zu zögern daran vorbeischwankte. Zwei Häuser weiter drehte er um und

ging auf die andere Seite der Straße, und dann ging er wieder vorwärts.

Darauf wurde es recht dunkel, denn nun hatten die Wolkentiere den Mond

verschlungen.

Als der Mond wieder hervorbrach, war von dem Tischler nichts mehr zu sehen.

Die Grätengasse lag starr und still wie eine Leiche da, und die Laternen

hielten die Totenwacht. John nahm an, daß der Betrunkene entweder nach

Hause gefunden hatte, oder daß er seinen Rausch in irgendeinem offenen

Torweg ausschlief. Daß er verunglückt sein könne, hielt er kaum für

möglich.

Das Starren in die leere Straße hatte ihn müde gemacht, er stand auf und

legte sich ins Bett. Aber der Schlaf wollte trotzdem nicht kommen. Immer

wieder mußte er an den schönen Nachmittag denken, als er zusammen mit Vater

und Mutter zu sterben glaubte. Nun sollte er wieder allein in das große

ungewisse Land. Und er wollte nicht, es graute ihm zu sehr davor. Alle

sollten ihn begleiten, seine ganze Familie.

Und das war doch nicht möglich ...

Gegen Morgen erwachte er nach einem schönen Traum und ganz ohne die

traurige Musik, die stets beim Erwachen in seinen Ohren zu klingen pflegte.

Ihm hatte geträumt, er küsse große, weiche, violette Blumen, und das war

so angenehm gewesen, so schön, so beruhigend. Ihm war so wohl gewesen im

Traum, und auch noch viel besser war ihm als sonst. Er sehnte sich jetzt

nur nach Blumen, nach vielen weichen, kühlen Blumen, in die er sein Gesicht

hineinbetten konnte wie in seinem Traum.

Um sieben klopfte es. Frau Kalnis brachte einen Rosenstrauß, den Onkel John

geschickt hatte.

Der Trinker: Roman · 第 6 / 8 段