»Kind, dann müßtest du ja sterben,« flüsterte Chlodwig mit großen

geheimnisvollen Augen. Und nun ging seine Phantasie mit ihm durch.

Er sprach dem schon erschreckten Jungen von einem schweren Tode, den

heruntergeschluckte Katzenhaare öfters zur Folge hätten. Er schilderte

dessen Qualen so genau, als habe er sie schon einmal durchgemacht. Paul

lächelte gezwungen. Schwachsinn und Tod, das waren ja nette Aussichten.

»Onkelchen, du schneidest auf,« sagte er mit unsicherer Stimme.

Für gewöhnlich gab es keinen liebevolleren Onkel, als den kleinen Chlodwig,

den jüngsten der vier Zarnoskys. War er es einmal nicht, dann lag das

nur an seiner großen Phantasie. Sobald er merkte, daß er seinen Neffen

erschreckt hatte, brach er in lautes Lachen aus. »Paulemännchen,« rief er,

»was bist du für ein gläubiger Thomas?! Komm, jetzt trinken wir zusammen

Rotwein, das ist das beste Mittel gegen Ängstlichkeit und Katzenhaare!«

* * * * *

John hockte noch immer mit gefalteten Händen auf der Steinbank in der

Grätengasse. Aber er dachte nicht mehr an seine Mischung, er hatte sich

angelehnt und lauschte den lieblichen dünnen Tönen, die aus einem kleinen

stillen Hause kamen. Dort blies ein Pfeifer zu seiner Sonntagserbauung:

Nachtigall, Nachtigall,

wie sangst du so schön,

sangst du so schön ...

Es war ein Herbstlied, aber es brachte John seinen ganzen Frühling zurück.

Seine Kindheit erhob sich bei dieser halbvergessenen Melodie aus ihrem

Grabe und zog licht und herrlich an ihm vorüber. »Das warst du einmal,«

klang es in ihm. »Warst du einmal,« schien die Pfeife zu wiederholen.

Die Erinnerung nahm ihn bei der Hand und ging mit ihm vergessene Wege

zu vergessenen Herrlichkeiten. John war aufs neue geboren. Der einsame

Lauscher in der Grätengasse war eine leergewordene Hülle.

Da brach der Pfeifer plötzlich ab -- und die auferstandene schöne Zeit

sank langsam ins Grab zurück. Die Hülle auf der Steinbank bekam wieder eine

Seele. Der Trinker schlug langsam die Augen auf. Wo war alles geblieben?

Ein trauriges Grinsen verzerrte sein Gesicht, als sein suchender Blick auf

die blauen Oblaten auf seiner Jacke fiel. Das war er jetzt! Und das war

kein Traum; es war nicht zu vertreibende Wirklichkeit. Er riß die Oblaten

ab und schleuderte sie wild auf die Straße. Aber dann erhob er sich bald

und suchte sie wieder auf. Er konnte sie heute nicht entbehren. Beschmutzt

waren sie seiner auch noch würdiger.

Die Leute kamen aus der Kirche. Die Grätengasse belebte sich. John setzte

sein Imperatorenlächeln auf und machte sich auf den Heimweg.

»Guten Tag, Herr Zarnosky.«

»Diener, Herr Zarnosky.«

John erwiderte die Grüße, indem er jedesmal zwei Finger nachlässig an die

Mütze hob. Als er einen toten Sperling auf der Erde liegen sah, hob er ihn

auf und betrachtete ihn. Das Tierchen war so jung, so niedlich und noch

ganz warm. Ein Gruß vom Tode, dachte der Trinker, und seine Hand bebte, und

seine Orden bebten. »Ich komme bald,« schien eine Stimme zu flüstern.

»Bald?« fragte seine Angst.

Der Osterwind raunte eine tonlose Antwort.

»Ich will nicht!« schrie es gewaltig in John, denn ihm war, als habe er

soeben sein Todesurteil vernommen. Und er hob den Arm und schleuderte den

Sperling über den nächsten Zaun. Er wollte nichts vom Tode wissen, nichts

mit ihm zu tun haben; er amüsierte sich höchstens über ihn. Sein Leben

konnte hundert Jahre währen. Doch die Angst sprach anders in ihm, und ihm

war, als stände der Tod schon irgendwo hinter einem Mauervorsprung

der Grätengasse, seinen knöchernen Arm ausstreckend, um ihn für immer

aufzuhalten. Er torkelte auf den Fahrdamm, um den Mauervorsprüngen

auszuweichen; er trabte nach Hause und setzte sich neben die lebenswarme,

liebevolle dicke Amalie. Aber die Köchin wurde bald ins Eßzimmer gerufen

und kehrte mit der unangenehmen Botschaft zurück, daß ihn der Vater zu

sprechen wünsche. John machte ein betretenes Gesicht und schlich wie ein

armer Sünder hinein.

»Wer hat dich geheißen, mit der Kiste zu gehen?« fragte ärgerlich der

Vater.

»Es hat mir Spaß gemacht,« stotterte John.

»Unterlaß diese Späße in Zukunft, hast du verstanden?«

»Ja,« sagte John wie ein artiges Kind.

Herr Zarnosky schneuzte sich, um eine freundlichere Miene zu verbergen.

»Was hast du mit Onkel John gesprochen?« fragte er dann.

»Ich -- ich weiß nicht mehr.« John lachte blöde.

»Du weißt nicht mehr? Dann hast du wieder geschwindelt! Ich will wissen,

was du zu ihm gesagt hast?«

»Guten Tag hab ich gesagt -- und -- und in der Kiste wären Patronen.«

Der Vater versetzte ihm gereizt eine Ohrfeige, die mit stiller Tücke

hingenommen wurde.

»Wie kannst du nur?!« rief Frau Zarnosky in vorwurfsvollem, klagendem Tone.

»Wie kann man nur einen erwachsenen, schwerkranken Menschen schlagen?!«

»Schwerkrank?« wiederholte John entsetzt, die Ohrfeige vergessend.

Wenn Frau Zarnosky eine Roheit ihres Mannes rügen oder gutmachen wollte,

hatte sie häufig das Pech, nicht minder roh oder wenigstens sehr taktlos

zu sein -- ohne sich ihres Fehlers immer bewußt zu werden; denn sie war ein

wenig denkträge und hielt sich auch für die Vollkommenheit selbst. Johns

angstvolle Frage blieb unbeantwortet, weil die Eltern ins Streiten geraten

waren, ob der Vater einen erwachsenen Sohn schlagen dürfe oder nicht.

John dachte mit Sehnsucht an Amalie. Die machte ihm keine Vorwürfe, die

schalt ihn weder aus, noch erschreckte sie ihn. Die schenkte ihm Geld,

wenn er Durst hatte, und tröstete ihn, wenn er traurig war. Die hatte

sogar seinen Peter ins Herz geschlossen. Zwar die Mutter war auch gut; aber

Amalie war doch noch besser. Still drückte er sich hinaus.

»Herr Johnche trautstes,« sagte die Köchin innig, »haben se inne Stub

wiedermal auf Ihnen jepucht?«

Der Trinker schlug mit der Hand. »Die müssen doch immer was haben!«

Er ließ sich auf die Küchenbank fallen, daß es krachte. »Bin müde,« sagte

er düster.

»Hätten Se der Kiste doch bloß stehen lassen, junger Herr!«

»Glauben Sie wirklich an Gott?« fragte John, ins Herdfeuer starrend.

Die Köchin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht gleich wußte, was sie

auf diese unerwartete Frage antworten sollte.

»Ob Sie wirklich an Gott glauben?« wiederholte der Trinker.

»Na jewiß. Natirlich. Ich werd nich?! Wieso fragen Se, Herr Johnche?«

»Fiel mir so ein.«

»Glauben Se man auch,« predigte Amalie, »dann werden Se auch wieder jesund

werden. Bloß nich zuviel trinken!«

John schien voller Angst einer andern Stimme zu lauschen. »Hörten Sie

nicht?« fragte er plötzlich.

»Wa--as? Wa--as?«

»Vorher sagte es der Wind. Jetzt sagte es das Feuer.«

»Die können doch nichts sagen.«

»›Ich komme bald,‹ sagte es eben.«

»Ich hab nichts nich jehert.«

»Der Tod will kommen,« flüsterte John mit großen angstvollen Kinderaugen.

»Haben Se man keine Angst!« tröstete die Köchin. »Sie können noch Ihre

ganze Familie iberleben. Sie allemal!« Dann öffnete sie die Bratofentür und

sagte: »Kommen Se man sehn, junger Herr, wie fein se braten.«

Zwölf Täubchen lagen in Reih und Glied in der Bratpfanne, zwölf angenehm

duftende, kleine braune Körperchen, die Amalie mit Stolz und Schweiß auf

der Nase vorwies. Johns Miene erheiterte sich beim Anblick der Tierchen.

Er ergriff eine Gabel und prüfte, ob sie schon weich waren. Da es sich so

verhielt, riß er der größten ein Beinchen aus, blies ein wenig herauf und

benagte es dann mit der Miene eines Menschen, der hat, was er braucht. Die

Köchin hatte die fetten Hände überm Bauch gefaltet und sah ihm wohlgefällig

zu.

»Schmeckt gut?« fragte sie.

»Ja,« sagte er.

»Vielbeliebt und anjenehm zu heren.«

Drittes Kapitel

Auf dem Zarnoskyschen Hof stand ein uralter Birnbaum. Sein Stamm war so

stark wie vier feiste Mönche zusammen, und seine mächtige Krone bildete

eine Art chinesisches Dach über einem großen Teil des Hofes. Um den Stamm

lief ein Tisch und um den Tisch eine Bank; beide wurden viel zum Sitzen

benutzt, der Tisch noch mehr als die Bank.

Wieder ging ein Frühlingstag zu Ende. John saß unter dem Birnbaum auf dem

Tisch, die Füße auf der Bank, und starrte nachdenklich und versunken in die

Abendsonne. Sie schwebte über einem sehr alten rosa Häuschen, das mit dem

Giebel an den Hof stieß. Dieser Giebel hatte nur ein einziges Fenster und

sonst nichts als seine rosa Farbe. John war froh. Er hatte beschlossen,

noch ein drittes Mal in die Heilanstalt für Trinker zu gehen, und dieses

dritte und letzte Mal sollte ihn für immer kurieren; denn: er wollte

hinterher nie mehr einen Tropfen Alkohol über seine Lippen bringen, das

hatte er sich mit den heiligsten Eiden zugeschworen. Und darum hoffte er

nun, eines Tages wieder gesund, stark und schön zu sein, er hoffte, einst

wieder zu den glücklichsten Menschenkindern der Welt zu gehören. (Mit

siebenundzwanzig Jahren hofft man noch leicht, hält man das Wunderbarste

für möglich.) Bald nach Ostern wollte er seinen Entschluß kundtun und zur

Ausführung bringen. Peter sollte ihn in die Anstalt begleiten.

Der Ziegenbock sprang vor seinem Herrn herum und tanzte auf den

Hinterbeinen. Plötzlich öffnete er seine kleine schwarze Schnauze, zeigte

eine dicke rosa Zunge und schrie aufgeregt: »Mämämämä« ...

»Ich bin deine Mama,« sagte John zärtlich, »deine Mama und auch dein Papa.«

Das Giebelfenster des rosa Häuschens sprang klirrend auf, und ein brauner

Christuskopf lugte heraus. »John,« rief er, »soll ich auf den Hof kommen?«

»Ja, komm!« sagte der Trinker.

Der Mensch mit dem Christuskopf war der Bruder von Onkel Johns Frau,

achtunddreißig Jahre alt und schwachsinnig. Sein verstorbener Vater war

Superintendent gewesen, und darum bildete er, Johannes, sich ein, zum

mindesten Pfarrer zu sein. Die Verwandten unterstützten seine Torheit,

indem sie ihn »Pfarrer« nannten. Sie sagten Pfarrer, anstatt Johannes, sie

gebrauchten den Titel wie einen Vornamen. Johannes hatte noch einen Bruder,

der weit schwachsinniger war als er selbst. Die beiden Brüder lebten ganz

allein mit einer mürrischen Haushälterin in dem alten rosa Häuschen, das

ihr Eigentum war. Und sie lebten dort in ziemlicher Dürftigkeit, trotz

guter Vermögensverhältnisse; denn Onkel John verwaltete ihre Zinsen, und

zwar mehr zu Nutz und Frommen seines Geflügelhofes, als zu dem seiner

einfältigen Schwager.

»Friede sei mit dir!« sagte Johannes würdevoll, als er John die Hand

reichte.

»Und der Stock regiere dich!« witzelte dieser wie gewöhnlich, trotz der

abwehrenden Geste des frommen Idioten.

»Hast nich ein Stummelchen? Hast nich, hast nich?« fragte Johannes,

sich fröstelnd die hageren Hände reibend. Er trug wie John eine dunkle

Sportmütze, die sich auf seinem lockigen Christuskopf seltsam genug

ausnahm. Um den Hals hatte er ein schwarzes Halstuch geschlungen. Sein

blauer Anzug war fleckig und abgetragen, die Jacke zu weit, die Hose zu

kurz; denn beides hatte einst Onkel John gehört, der stärker und kleiner

war.

»Kein Stummelchen?« sagte Johannes, traurig den Kopf senkend, als John die

Frage verneinte. Und wie er so die Mütze abnahm, um sie mit ergebungsvoller

Miene ein wenig abzustäuben, da glich er ganz Christus, und John, der

ebenfalls die Mütze abgenommen hatte und voll Mitleid von seinem Platz auf

ihn herabsah, konnte wohl Pontius Pilatus vorstellen: Christus vor Pontius

Pilatus.

»Stummelchen habe ich keine,« wiederholte der Trinker, »aber eine Zigarre

habe ich heute für dich.«

Johannes rauchte für sein Leben gern. Er ließ einen Zigarrenstummel nicht

früher aus dem Munde, als bis er ihm Bart und Lippen versengte. Man machte

ihm jedesmal eine große Freude, wenn man ihm eine ganze Zigarre schenkte;

denn für gewöhnlich mußte er sich mit den Stummeln begnügen, die Johns

Vater (der einzige Raucher unter den Zarnoskys) für ihn aufhob. Er selbst

konnte sich keine Zigarren kaufen, da er kein Taschengeld bekam. Sein und

seines Bruders Taschengeld verwaltete die Haushälterin, und zwar mehr zu

Nutz und Frommen ihres Sparkassenbuches, als zu dem ihrer schwachsinnigen

Pflegebefohlenen. Zuweilen schenkte ihnen die Schwester Zigarren und

Delikatessen; aber nur Johannes rauchte, und die Delikatessen aß die

Haushälterin auf.

Johannes begann vor Wonne zu stammeln, als John ihm eine schöne lange

Zigarre unter die Nase hielt. »Riech mal,« sagte der Trinker. Dann lehnte

er sich zurück: »Und nun fang sie auf.«

Der Schwachsinnige hob die Hände, die Zigarre erwartend. Aber John narrte

ihn immer wieder, indem er nur so tat, als ob er werfen wolle. Schließlich

forderte er den Idioten auf, Gott zu lästern, oder er bekäme sie nicht.

John hatte nämlich herausbekommen, daß man Johannes wohl zu diesem und

jenem verleiten konnte, aber nicht dazu, Gott zu lästern. »Ein Pfarrer darf

das nicht,« entgegnete er dann stets.

Das entgegnete er auch diesmal; doch John ließ es nicht gelten. Er zog eine

Schachtel Streichhölzer aus der Tasche und drohte, die Zigarre selbst zu

rauchen, wenn Pfarrer es nicht gleich täte. »Liebes gutes Johnche,« flehte

der Unglückliche, »gib, gib! Darf ich nich. Darf ich nich.«

Der Trinker biß die Spitze von der Zigarre ab, indem er Johannes wie ein

Folterknecht angrinste. »Na, wird's bald?« fragte er zwischen den Zähnen.

Die Abendsonne legte einen roten Heiligenschein um den lockigen

Christuskopf des Idioten. Er stand da, die Hände um die Mütze gefaltet,

die Augen wie ein Verschmachtender auf die Zigarre gerichtet. Seine Lippen

bewegten sich; aber es kam kein Ton. Er hatte schon tagelang nichts zu

rauchen gehabt, und eine ganze Zigarre hatte er schon seit Wochen nicht

sein eigen genannt; er zitterte vor Gier nach dem so lange entbehrten

Genuß. Dieser Zigarre gegenüber unterlag er der Versuchung, das fühlte er.

»Johnche,« flüsterte er mit versagender Stimme, »hab schon was jesacht.

Hast bloß nich jehört, hast bloß nich jehört.«

»Das ist nichts. Das gilt nicht,« grinste der Trinker.

Pfarrer bebte wie Espenlaub, und seine Zähne schlugen leise klirrend

zusammen. »Er -- er -- ist, ist -- ein Esel!« stieß er plötzlich ganz

kreidebleich hervor, als John schon dabei war, ein Streichholz zu

entzünden, und fast schreiend setzte er hinzu: »Aber nur ein ganz kleiner,

nur ein ganz kleiner!«

John wollte lachen und konnte nicht. »Das war noch nichts Rechtes,« sagte

er beinahe verlegen, »aber für diesmal wollen wir es gelten lassen. Hier!«

Johannes pflanzte die Zigarre glückselig in den Mund. John gab ihm Feuer.

Obgleich dieser mit den beiden Schwachsinnigen gern allerhand seltsame und

boshafte Experimente vornahm, tat er doch mehr für sie als ihre nächsten

Anverwandten. Wenn sie sich bei ihm über die Haushälterin beklagten, ging

er auf der Stelle hin und stellte sie unter den heftigsten Drohungen zur

Rede. Die sonst sehr unerschrockene Person hatte einen gewaltigen Respekt

vor John, ja, sie zitterte förmlich vor ihm, da sie ihn zu allem fähig

hielt. Zweimal in jeder Woche ging er im rosa Häuschen das Essen kosten.

War es nicht gut, dann bekam die Haushälterin die Drohung zu hören, daß er

sie wegen Veruntreuung und Diebstahl anzeigen werde. Johannes und Markus

bewunderten Johns Mut aufs tiefste; er war ihr Held, ihr Ideal. Und da er

sie, die ewig Hungrigen, oft satt machte, darum liebten sie ihn wie einen

Vater und nahmen seine Neckereien und Quälereien so ruhig und ergeben hin,

wie der Türke die Schicksalsschläge.

Die Abendsonne glitt langsam am glasblauen Himmel herab, glutrot und groß.

Johannes hatte sich neben John auf den Tisch gesetzt und dampfte wie ein

Pascha. Er wäre jetzt der glücklichste Mensch der Welt gewesen, wenn er

nicht die Gotteslästerung hinter sich gehabt hätte. »Johnche,« fragte er

leise, »meinst, er hat jehört? Meinst? Meinst?«

»Was wird er nich jehört haben?!« entgegnete dieser. »Der hört doch alles!«

»Johnche, du lachst ...?«

»Na, vielleicht hat'r auch nich jehört. Vielleicht schlief'r auch schon. Is

doch'n alter Mann.«

»Hast recht! Hast recht!« sagte aufatmend der Idiot.

Sie starrten beide nach den roten Abendwolken, die ganz seltsame,

phantastische Formen hatten. Springenden Pferden mit Hörnern und Krallen

ähnlich, wandelten sie langsam durchs Himmelsblau.

»Möchtest du da reiten?« fragte John mit einer Kopfbewegung nach oben.

»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.

»Wenn es aber ins Paradies ginge, Pfarrer?«

In die Augen des Schwachsinnigen kam ein sehnsüchtiger Ausdruck. »Ins

Paradies?« wiederholte er verträumt. »Ach ja, Johnche, da möcht' ich jleich

hin.«

»Ei, wenn es da nichts zu rauchen gibt?«

Johannes kicherte blöde los. »Wird schon, wird schon,« meinte er, »da

jibt's doch alles umsonst. Zigarren -- Bratäpfel -- Glacéhandschuhe ...«

»Weißt du was?« sagte der Trinker, die Frühlingsluft schlürfend. »Ich werde

wieder gesund werden. Ich geh nach Ostern in eine Anstalt und komm gesund

zurück.«

Pfarrer sah ihn ehrfurchtsvoll an. »Ja? Ja?« Und dann ließ er nachdenklich

den Kopf hängen, hüllte sich in Rauchwolken und schwieg.

Nachdem er geraume Zeit still vor sich hingebrütet hatte, bat er John

verlegen und zaghaft, ihn doch in diese Anstalt mitzunehmen.

»Wieso?« fragte John.

Der Schwachsinnige errötete wie ein junges Mädchen und wollte nicht mit dem

Grunde herausrücken. Endlich kam es halb gestammelt, halb geflüstert: Er

möchte auch gern gesund werden: klug werden. »Nich mehr Idiot, nich mehr

Idiot!« rief er klagend. Darauf senkte er das erblaßte Gesicht wie jemand,

der die Wirkung seiner Worte nicht abzuwarten wagt.

Schweigen.

»Das geht nicht,« sagte John kurz. »Oder -- du müßtest sterben. Die Toten

sind alle klug.«

»Sterben?« stotterte Johannes erschreckt und enttäuscht. »Neinein! Lieber

nich, lieber nich! Noch e bißche warten, noch e bißche warten!«

John lachte kurz auf. Und seine Lippen brannten rot in der sinkenden Sonne.

Er legte den Kopf auf eine Seite und begann leise zu pfeifen. Es klang, als

ob ein Vogel lockte. Es klang nach Frühlingslust und Lebensgier. Es war ein

Lied von der einzigen Wonne -- zu leben.

Viertes Kapitel

Die beiden Ausreißer sahen sich an und lachten. Es war nicht leicht

gewesen, die Reise zu unternehmen, da sie im geheimen vor sich gehen mußte;

denn man hätte John, krank wie er war, nie gestattet, mit Johannes einen

Ausflug zu unternehmen. Nun freuten sich beide, daß alles so wohl gelungen,

und daß sie nun da waren, wo sie hingewollt. Obgleich die Fahrt nur eine

Stunde gedauert hatte, fühlte sich John doch sehr angegriffen, als er

mit seinem Gefährten aus dem Zug stieg. Hinter dem ersten Zaun mußte ihm

Johannes die große Flasche Kognak reichen, die sie mitgenommen hatten, und

nun goß er Kognak wie Wasser in sich hinein. Darauf lachte er wieder über

das ganze Gesicht, und Johannes wieherte aus vollem Halse, weil er das für

schicklich hielt, wenn sein Ideal fröhlich war. John faßte ihn unter und

schritt würdevoll mit ihm weiter. Sie waren ein seltsames, auffallendes

Paar. Der Trinker hatte sich in der Eile mit einem alten hellgelben

Winterüberzieher bekleidet, der übermäßig kurz war und stark nach

Naphthalin roch. Sein dicker Schädel schien die Kopfbedeckung sprengen zu

wollen. Das kleine, steife, schwarze Hütchen saß da, als müsse es jeden

Augenblick herunterhüpfen oder bersten. Pfarrers lange, hagere Figur zierte

ein großkarierter alter Reisemantel von Onkel John. Auf dem Kopf trug er

die unvermeidliche Sportmütze, da er keinen Hut besaß. Halb Engländer, halb

Christus schleppte er eine umfangreiche Reisetasche, die die Kognakflasche

und eine Menge Mundvorrat enthielt -- für den Amalie im geheimen gesorgt

hatte.

Der Apriltag war so warm und golden wie ein Maientag. Es schien nicht

Ostern, es schien Pfingsten zu sein; die Natur war so weit, wie sonst nur

im Mai. Die Obstbäume blühten schon hier und dort, und die Butterblumen

glänzten überall wie kleine Sonnen im Gras. Das junge Birkenlaub glich

flachen, goldgrünen Blüten, die ein leise wehender Wind in fortwährendem

Zittern erhielt. Das sah nun aus, als hingen zahllose, lautlos schwingende

Glöckchen an den Birkenzweigen. John und Johannes schritten durch eine

Allee solcher Glöckchenbäume. Niemand begegnete ihnen. Hier und dort

blickten bunte Strandvillen über nahe und ferne grüne Hecken. Johannes

hatte in seiner Brusttasche ein Paar weiße Glacéhandschuhe, die er für sein

Leben gern aufgezogen hätte; aber John erlaubte es ihm nicht. Die beiden

schwachsinnigen Brüder schwärmten einträchtig für weiße Glacéhandschuhe --

und Bratäpfel, besonders aber für weiße Glacéhandschuhe. Die ihnen jetzt

niemand mehr schenken wollte. Als der Vater noch lebte, hatten sie solche

Handschuhe zu Dutzenden bekommen; aber jetzt -- --! Immer wieder mußten sie

alte Paare mit Benzin reinigen, wenn sie das sehnsüchtige Verlangen hatten,

sich irgendwo mit weißen Glacéhandschuhen zu zeigen.

Die Allee endete auf der Düne, von der eine uralte Treppe aus breiten

Steinen und mit wackligem Holzgeländer durch eine lange, winklige,

baumreiche Schlucht zum Strand hinabführte.

»Steigen wir 'runter?« fragte John.

»Jefährlich, jefährlich,« meinte Johannes.

Sie standen Arm in Arm und blickten mit Scheu und Bewunderung über die

halbdunkle Schlucht hinweg auf die weite, weite, blaue See.

»Große bunte Käfer, schöne bunte Käfer,« sagte Johannes, mit vergnügtem

Lachen auf die Osterausflügler zeigend, die bienenemsig am Ausgang der

Schlucht auf der Mole herumkrabbelten.

»Erst essen wir etwas und dann steigen wir auch herunter,« sagte John und

setzte sich auf die nächste Bank.

Pfarrer folgte ihm mit verklärter Miene. »Essen« war und blieb doch das

Schönste für ihn. Seine langen, hageren Hände sofort in die Tasche grabend,

brachte er Päckchen auf Päckchen zum Vorschein. Der Trinker griff zuerst

nach der Kognakflasche und tat aufs neue einen langen, tiefen Zug. Johannes

entkapselte für sich einen Zitronensprudel, zu dem er eine Serie harter

Eier genoß. John hatte wenig Appetit, da das Mittagessen noch nicht weit

zurücklag. Bei Johannes machte das nichts aus; der konnte schon wieder

wie ein Drescher einpacken. Er stieß ein unwilliges Knurren aus, als John

»genug!« ausrief. Was war ihm Schlucht, was war ihm See, wenn neben ihm

eine Tasche mit den schönsten Eßwaren stand.

Arm in Arm, langsam und ängstlich wie der Lahme mit dem Blinden, begann das

Paar den Abstieg. Auf der halben Treppe mußten sie schon rasten, weil John

die Luft ausging. Mit bläulichem Gesicht sank er auf die Stufen nieder,

und Johannes mußte ihm wieder die Kognakflasche reichen. »Da haben wir den

Salat,« sagte John, melancholisch ins Grüne spuckend. Der Schwachsinnige

nahm ein paar Stufen tiefer Platz und zog sich heimlich einen weißen

Handschuh auf. Jeden Augenblick konnten Leute die Treppe herauf- oder

herunterkommen, Leute mit neugierigen Augen -- ohne weiße Glacéhandschuhe.

Pfarrer wollte ein bißchen »feiner Mann« spielen. Es dauerte auch nicht

lange, so kamen zwei junge Mädchen die Treppe heruntergekichert. Helle

Kleider, flatterndes Haar. »Scheene Kinder,« schmunzelte Pfarrer, die weiße

Hand wie einen Fächer bewegend. John fuhr fort, ins Grüne zu starren. Was

gingen ihn diese Mädchen an?! Ja, wenn Peter gekommen wäre -- --! Es tat

ihm sehr leid, daß »der Junge« zu Hause sein mußte. Die Mädchen girrten

wie Tauben, als sie an dem seltsamen Paar vorübersprangen. Gleich danach

platzten sie los. Ihr Lachen rieselte die Schlucht herauf und herunter, und

das Echo gab es verhaltener wieder.

Und die Vögel sangen, und die Wellen riefen, und es duftete das Laub. Es

war ein Frühlingstag, wie es nicht viele gibt; die Welt war so schön wie

ein Traum. Selbst Johannes empfand das. Unwillkürlich nahm er die Mütze ab

und saß barhäuptig da, als sei er der Natur diese Ehrfurcht schuldig.

Nach einer halben Stunde waren sie unten und schritten Arm in Arm bis

zum Ende der Mole, wo es ganz menschenleer war, und nur die Wogen, gleich

wilden Pferden, mit lautem Geschrei und hochflatternden weißen Mähnen

dahergestürmt kamen. Die Mole war schmal und kroch wie eine graue Schlange

am Fuß der steilen, beinahe ockerfarbenen Dünenwand entlang, von der hier

und da der gelbe Sand, leise klirrend, herunterrieselte. Auf der Höhe

standen große Bäume, und einer von ihnen neigte sich weit über die Düne,

als müsse er herunterschauen oder als sei er im Begriff herabzustürzen. Der

Himmel war afrikanisch blau über dem leuchtenden Gelb der steilen Sandwand.

Der Trinker: Roman · 第 2 / 8 段