Katarina Botsky
Der Trinker
Roman
[Illustration]
Albert Langen, München
=Copyright 1911 by Albert Langen, Munich=
Erstes Kapitel
Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
geeignet für trübe Gedanken. Die Hände auf dem Rücken, die Mütze im Nacken,
lehnte _John_ an einem Lastwagen auf dem stattlichen Hofe seines Vaters,
dem verworrenen Liede des Windes lauschend. Sein schönes Gesicht war von
der Trunksucht aufgedunsen, sein schwarzes Haar dünn und halb ergraut,
obgleich er erst siebenundzwanzig Jahre wurde, seine hohe elegante Figur
verriet Schlaffheit und Hinfälligkeit. John sah wie ein verworfener junger
römischer Kaiser aus, der sich in die Tracht eines jungen Mannes von
heute gekleidet. Mit einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem feisten,
bartlosen Gesicht wiegte er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie
und nach dem Rhythmus des Windes. Seine beiden jüngeren Brüder, Knaben von
dreizehn und vierzehn Jahren, standen am Fenster und beobachteten ihn. Der
ältere sagte: »Er wackelt schon wieder mit dem Kopf wie ein Mummelgreis.«
»_Rodenberg!_« schrie John plötzlich, seine beiden schlaffen Hände wie ein
Schallrohr gebrauchend.
Rodenberg, der alte Kutscher, streckte seinen rothaarigen Kopf aus der
dritten Etage des Ziegelspeichers heraus und fragte, was es gäbe.
Alsbald brüllte John, daß es über den ganzen Hof schallte: »Wissen Sie, was
der Doktor gesagt hat, Rodenberg?! Meine Leber ist kaputt, hat er gesagt.
Ich hab's durch die Tür gehört.«
»Glauben Se doch das nich!« tönte es von oben zurück, und bald klapperten
ein Paar Holzpantoffeln hurtig die letzte Treppe herunter, und gleich
darauf tauchte ein hünenhafter alter Germane mit einem langen, fuchsroten
Bart im Rahmen der nächsten Speichertür auf. »Was hat'r jesacht, der
Schafskopp?« fragte der Kutscher.
»Kaputt, hat'r jesacht,« kicherte John, sich auf den Bauch tätschelnd.
Rodenberg entblößte sein Pferdegebiß und lachte, daß es dröhnte. Dabei
hüpften die großen, kugelrunden Warzen, die wie Erbsen über sein geräumiges
Gesicht verstreut waren, munter hin und her. »Nei sowas! Nei sowas!« schrie
er, sich aufs Knie schlagend. »Wie will so'n Schafskopp das wissen?!«
John lächelte so listig und so kindisch, wie einst vielleicht Caligula
gelächelt hatte. »Hier,« sagte er, dem Alten verstohlen eine Flasche
reichend, »holen Sie mir meine Mischung. Auf sowas muß man einen trinken.
Meinen Se nich auch?«
Rodenberg meinte auch. Er war immer dabei, wenn es galt, Johns Mischung zu
holen, denn er liebte sie selbst leidenschaftlich.
»Mama!« riefen die beiden Jungen am Fenster wie aus einem Munde, »jetzt
läßt er sich schon wieder von Rodenberg Schnaps holen.«
»Mein Gott,« sagte eine larmoyante Frauenstimme im Nebenzimmer, »laß er
schon trinken! Jetzt ist ja doch schon alles gleich!«
Der blondlockige jüngere der beiden Brüder sah wie ein eingebildeter Engel
aus, der ältere glich John. Der Engel öffnete seine roten Lippen und sagte,
während seine großen blauen Augen verträumt durchs Fenster blickten: »Wenn
er doch erst tot wäre!«
»Pfui, Leo, wie kannst du nur, es ist doch immer dein Bruder!« verwies ihn
dieselbe larmoyante Stimme in traurigem Tone.
»Ich muß ihn mir doch schon immer als Leiche vorstellen,« murmelte der
ältere Junge.
Fast die ganze Familie _Zarnosky_ zeichnete sich durch Roheit und ein
ungewöhnliches Maß von Phantasie aus. Durch eine Phantasie, die nichts
als Unheil stiftete, da sie das Unglück hatte, einer rohen und dumpfen
Kaufmannsfamilie zu gehören, die nicht wußte, was sie mit ihr anfangen
sollte. Es gab Zarnoskys, die vom Morgen bis zum Abend, sich und andern zum
Verderben, die seltsamsten Lügen zur Welt brachten, weil ihre brachliegende
Phantasie, derer sie sich indessen kaum bewußt waren, sie unwiderstehlich
dazu trieb. Anstatt Bücher zu schreiben, verkauften sie Getreide;
allerdings weder aus Neigung noch aus Betätigungsdrang. Johns Großvater,
der Sohn eines reichen Bauern, hatte, um etwas Besseres zu sein als sein
Vater, den Handel mit Getreide begonnen, und nun setzten ihn seine Söhne
eben fort, weil ihnen das am bequemsten schien. Denn sie waren sehr faul
und gegen alle Neuerungen; sie wollten bleiben, was sie waren. Da ihnen das
Glück, trotz ihrer Trägheit, gewogen blieb, so meinten sie, daß Trägheit
zum Erfolge notwendig sei, saßen mit den Stiefeln knarrend in ihren
Kontoren, ließen die Daumen ihrer meistens gefalteten Hände umeinander
schwirren -- gewöhnlich unter mehr oder weniger märchenhaften Behauptungen
und Erzählungen -- und taten nie mehr, als durchaus notwendig war. Aber
es gab keinen Trinker in der ganzen Familie. Man wußte nicht, wie John zu
diesem Laster gekommen war, und zerbrach sich manchmal die Köpfe darüber.
Ein Teil der Familie meinte, daß man ihm zu oft und zu viel zu trinken
gegeben, als er zart, fett und weich wie ein kleines Schwein mit einem
Gesichtchen wie vom Konditor in der Wiege lag und von allen angebetet
wurde. John schien schon damals beständig an Durst zu leiden; er konnte nie
genug zu trinken bekommen. Die halbe Familie Zarnosky stand oft in heller
Begeisterung um die Wiege, wenn das »Marzipanschweinchen«, halb entblößt,
mit einer großen Milchflasche im Arm, den Lutschpfropfen wie eine Zigarre
in seinem purpurroten kleinen Mundschlitz, sog und sog, bis die Flasche
leer war und dann, wie ein junger Löwe brüllend, nach mehr verlangte.
John wollte trinken oder zerbrechen, zerreißen, zerstören; sein
Zerstörungsdrang war ebenso groß wie seine Trinkgier. Schon in der Wiege
verdarben seine kraftvollen kleinen Fäuste alles, was sie zu fassen
bekamen. Später nahm er die Uhren herunter, sah gierig in sie hinein
und zertrümmerte sie dann. Seinem ersten Schaukelpferde riß er schon
am Weihnachtsabend das Fell ab. »So sieht es gerade fein aus,« sagte er
befriedigt. Doch was war der Körper eines Schaukelpferdes gegen seinen
eignen, den er bald mit dem Eifer eines hungrigen Raubtieres zu zerstören
begann. Mit seinem ersten Taschenmesser brachte er sich lange, heftig
blutende Risse an beiden Armen bei. »Da seht!« Blut und Stolz auf dem
Gesicht, stellte er seine Wunden zur Bewunderung aus. John war vielleicht
wirklich dazu imstande, sich ein Auge auszureißen, »wenn es ihn ärgerte«.
Er stürzte sich mit Wollust in die schwersten Gefahren; denn seine
Phantasie berauschte sich am Anblick von Blut, Fetzen und Trümmern.
Als er sechzehn Jahre alt war, spielte er mit Fünfzigpfundgewichten wie mit
Gummibällen. Sein Körper war so weiß wie der eines Mädchens, von der Stärke
und Elastizität eines Tigers. Lernen wollte er nichts wie alle Zarnoskys.
Anstatt zu lernen, ging er eiserne Zäune verbiegen, durchgehende Pferde
aufhalten, armen Leuten Holz kleinmachen, trinken und lügen. Ein Überschuß
an Kraft und Phantasie, brachliegend und ungezügelt, trieb ihn mit Gewalt
dem Verderben entgegen.
Mit siebzehn kam er ins väterliche Geschäft, wie sein um ein Jahr älterer
Bruder _Eugen_. (Die Physiognomie dieses Zarnoskys war etwas hämisch
ausgefallen, und er stand vernünftigen Neuerungen nicht ganz feindlich
gegenüber.) Anstatt fleißig zu sein, ließ John die Daumen umeinander
schwirren und log im Kontor, daß es förmlich ein Vergnügen war, ihm
zuzuhören. Er log fast soviel als er trank, die ganze Welt, selbst seine
nächsten Angehörigen verleumdend, wenn er so recht beim Aufschneiden war.
Den Anlagen und dem Charakter nach war er einem seiner Onkel, der auch John
hieß und allgemein »der Märchenerzähler« genannt wurde, viel ähnlicher als
seinem eignen Vater.
Es nützte nichts, daß man John sowohl mit neunzehn wie mit einundzwanzig in
eine Anstalt schickte, in der er von der Trunksucht geheilt werden sollte;
er verfiel seinem Laster immer wieder. Doch wollte er lieber sterben, als
noch ein drittes Mal in diese Anstalt gehen. Mit der Geschwindigkeit eines
Bergrutsches ging es nun moralisch und physisch mit ihm herab. Sein Umgang
wurden die Arbeiter seines Vaters, zum Lieblingsaufenthalt erwählte er sich
die Kneipe, in der sie einen Teil ihres Lohnes zu vertrinken pflegten. Er
sprach ihre Sprache und nahm ihre Sitten an. Man konnte ihn nicht länger
im Familienkreise ertragen. Er bekam eine kleine Wohnung im Hofgebäude und
eine Wärterin, die ihn gewöhnlich am Abend zu Bett bringen mußte. Er begann
an Krämpfen zu leiden, und Krankheit und Laster entstellten ihn nach und
nach bis zur Unkenntlichkeit. Einer Vogelscheuche ähnlich, die im Winde
schwankt, so schwankte er über den Hof, wenn er morgens nach der Kneipe
ging, wenn er abends von dort kam. Und er hatte den Gang eines jungen
Triumphators, als er sechzehn Jahre alt war. Es war wirklich schade um ihn.
Besser, er wäre nie geboren worden; denn weder sein Vater noch seine Mutter
gehörten zu denen, die ihn auf seinem abschüssigen Wege hätten aufhalten
können. Der Vater war viel zu ungebildet und zu träge dazu, und die Mutter,
eine schwächliche und überaus nervöse Pfarrerstochter, verstand nur, die
Hände zu falten und alles dem lieben Gott anheimzustellen. Sie brachte
noch mehr Phantasie in die Familie Zarnosky, dazu Melancholie und
Sentimentalität, die zusammen mit der Roheit ihres Mannes bei den Kindern
eine sonderbare Mischung ergaben. All der Überschuß in Johns Natur war viel
stärker als Vater und Mutter und sein eigner unerzogener Wille. John
folgte nur seiner Natur, John gehorchte nur dem Stärksten, wenn er seinen
Lebensweg herunterraste wie ein wütender Stier.
Es war ein Frühlingsnachmittag voll Melancholie und Windesraunen, so recht
geeignet für trübe Gedanken. John lehnte noch immer an dem Lastwagen,
voller Sehnsucht auf Rodenberg wartend, der ihm den Schnaps besorgte. Mit
einem trüben Imperatorenlächeln auf seinem gelben, bartlosen Gesicht wiegte
er den Kopf hin und her nach einer inneren Melodie und nach dem Rhythmus
des Windes. Als er den Kutscher kommen sah, verließ er schwerfällig seinen
Platz und ging ihm voraus in den Pferdestall. Dort setzte er sich auf den
Futterkasten, die Augen wie ein Verschmachtender auf die Tür gerichtet.
»Her, Rodenberg, her damit!«
»Ich werd erst Licht machen, jung' Herr.«
»Ach, geben Sie schon her! Ich kann nicht mehr warten!« Und er setzte die
volle Flasche an den Mund und leerte sie gleich bis zur Hälfte.
Aus einem Winkel des Stalles kam jetzt ein niedliches Meckern. Dort stand
ein kleiner schwarzer Ziegenbock mit weißen Beinen und weißer Kehle, den
John für fünfzig Pfennige von einem Bauern gekauft hatte. Das Tierchen
wollte zu ihm, als es seine Stimme erkannt hatte. Rodenberg mußte es
losmachen.
Wie der Wind stürzte es nun zu seinem Herrn, legte die Vorderhufe auf seine
Knie und sah ihm lieb und einfältig ins Gesicht. Von Rodenberg unterstützt,
zog John es auf den Schoß. »Mein trautster Junge,« sagte er zärtlich, das
Böckchen an sich drückend.
In John war trotz aller Verkommenheit der Vater erwacht, ein sehr
zärtlicher, sehr fürsorglicher, verliebter junger Vater. Den Frauen
gegenüber war er zurückhaltend und jungenhaft geblieben. Er mied sie nicht
gerade, aber er suchte sie auch nicht; sie flößten ihm zuviel Scheu ein.
»Es geht ja auch ohne Weiber,« erzählte er Rodenberg. Und doch war trotz
seiner Verdorbenheit der Vater in ihm erwacht, er hatte sich mit Inbrunst
ein Söhnchen erkoren, und das war Peter, der kleine Ziegenbock. John hegte
Zuneigung zu allem, was Tier war, und Abneigung vor den meisten Menschen.
Man muß sehr hoch oder sehr tief stehen, um das zu empfinden. John stand
recht tief, und das Laster machte ihn scheu, darum waren ihm die Tiere
lieber als die Menschen. Er nannte ein Tier »mein Söhnchen«. Und der kleine
Ziegenbock hatte einen guten Pflegevater in ihm gefunden. John fütterte
ihn mit Leckerbissen, er machte ihm ein weiches Bettchen, er kämmte ihn, er
bürstete ihn und hielt ihn wie ein Kind auf dem Schoß.
Rodenberg hatte die nächste von der Decke herabhängende alte Stallaterne
angezündet und brachte nun eine zweite Flasche zum Vorschein. »Prosit!«
sagte das Väterchen auf dem Futterkasten, und Herr und Kutscher taten einen
tiefen Zug, jeder aus seiner Flasche. »Se müssen auch mal absetzen, jung'
Herr,« bemerkte Rodenberg väterlich, da John dies zu vergessen schien.
John hielt die geleerte Flasche gegen das Licht. Es war auch nicht ein
Tropfen mehr darin. John ließ die Unterlippe hängen und sah Rodenberg wie
ein bittendes Kind an. »Holen Sie mir mehr!« stotterte er.
»Ich trau mir nich,« wandte der Kutscher ein, die hingehaltene Flasche aus
seiner nachfüllend.
»Sie haben wohl Angst vor den beiden am Fenster, vor Paul und Leo, was?«
»Na ja, die petzen doch immer jleich.«
»Ich hasse sie,« stammelte John mit zuckendem Gesicht. »Ich hasse sie!
Weißt du, Rodenberg,« fuhr er fort, »sie würden sich freun, wenn ich stürbe
-- morgen -- heute. Was dieser Leo für Augen hat! Hast du schon mal solch
gräßliche Augen gesehen, Rodenberg? Ich könnte sie ihm ausreißen, denn
sie jagen mich von überall fort. Ich soll machen, daß ich vom Erdboden
verschwinde. Ich soll krepieren. Gleich auf der Stelle.« Er weinte.
»Regen Se sich nich auf, jung' Herr, regen Se sich doch man bloß nich
auf,« bat der Kutscher erschreckt. Aber John hub an, Schimpfworte und
Verwünschungen gegen seine Brüder auszustoßen, indem er unaufhörlich die
Fäuste ballte. Doch plötzlich packte ihn ein Krampfanfall, und er glitt
stöhnend mit seinem Ziegenbock zur Erde.
Rodenberg kniete bei ihm nieder und hielt ihm wie gewöhnlich Arme und Beine
fest, während Peter seinem Herrn das Gesicht leckte. Die beiden jungen
Rappen, Johns Lieblinge, die allein im Stall standen, wandten unruhig die
Köpfe herum, und ihre großen schönen Augen schienen voll Tränen zu glänzen.
Unser Johnche, dachte Rodenberg, die Pferde anblickend, das wird wohl auch
bald jewesen sein. Als der Krampf vorüber war, hob er den ganz Erschöpften
auf und trug ihn, seufzend und stöhnend, denn er war noch ziemlich
schwer, in seine Wohnung. Peter folgte ernst und gravitätisch wie ein
Leidtragender.
_Dore Kalnis_, Johns Wärterin, ein bewegliches Weibchen von
siebenundvierzig Jahren, empfing den Zug mit Scheltworten. »Sie sollten
sich was schämen, Rodenberg,« fuhr sie ihn zornig an, »natirlich haben Se
ihm wieder Schnaps jeholt! Aber ich werd's dem Herrn erzählen, der muß Sie
endlich an die Luft setzen.«
»Krämpfe hat'r doch jehabt,« blubberte der Alte, John auf das Sofa bettend.
Dann trollte er sich mit einem bösen Blick und einem ganz betretenen »'n
Abend«.
John lag mit geschlossenen Augen da und wackelte rhythmisch mit einer Hand.
»Wollen Se was, junger Herr?« fragte die Wärterin.
»Peter,« flüsterte John.
»Oa,« seufzte sie, »der is auch wieder da! Neineinei, is das hier 'ne
Wirtschaft! Lassen Se ihn doch man jetzt im Stall jehen, junger Herr, Sie
müssen doch jetzt ins Bett.« Dabei suchte sie den Bock nach dem Ausgang zu
drängen; aber John stieß ein zischendes »nein!« hervor, und Peter senkte
seinen schmalen Kopf und stieß mit seinen jungen Hörnern gegen Dores spitze
Knie.
Das schlug dem Faß den Boden aus. Die Wärterin hielt den Angreifer fest und
verabreichte ihm eine Reihe wohlgezielter und gutsitzender Maulschellen.
John drehte seine Augen mit Gewalt nach der Szene. »Dore,« flüsterte er
heiser, »wenn du nicht gleich mit Schlagen aufhörst, so verkürze ich dein
Leben.«
Frau Kalnis lachte spöttisch auf, und dann sagte sie maliziös: »Wenn Se
mich duzen, junger Herr, dann sind Se doch wie jewehnlich betrunken.«
Das Väterchen auf dem Sofa schien vor Zorn bersten zu wollen. Plötzlich
zerrte es die Uhr aus der Westentasche und warf sie nebst der schweren
Kette nach Dores dünnbehaartem Kopf. Aber die Wärterin machte nur einen
ironischen Knicks und fing das Ganze mit den Händen auf. »Was nun?«
fragte sie, ärgerlich lachend. Und dann in eine andre, gemütliche Tonart
übergehend: »Was wollen Herr Johnche zu Abendbrot essen?«
Herr Johnche war besänftigt. Er faltete die Hände, ließ die Daumen
umeinander schwirren und sah nachdenklich zu der verräucherten Decke auf.
»Heringssalat,« entschied er hoheitsvoll.
»Scheen,« nickte Dore mit einem giftigen Blick nach dem Ziegenbock.
Darauf schritt sie hurtig zum Fenster, öffnete es und rief: »Ama--lie ...
Ama--lie« ... Da keine Antwort erfolgte, bewaffnete sie sich mit einem
Teppichklopfer und schlug damit feierlich auf das Fensterblech.
Im Vorderhause tat sich jetzt ein Fenster auf, und langsam kam ein
kugelrunder dunkler Frauenkopf zum Vorschein. »Wa--as wollen Se, Frau
Kalnis?«
Dore bestellte den Heringssalat und außerdem belegtes Brot und
Bratkartoffeln.
»Wa--as fir Jetränke?« rief Amalie durch den Frühlingswind.
»Tee,« erwiderte Dore hurtig, obgleich John etwas andres sagte.
»Scheen,« kam die langgezogene Erwiderung, und das Fenster wurde
phlegmatisch geschlossen.
»Für den Tee muß ich danken,« brummte John, das Böckchen streichelnd und
seine Stiefel an der niedrigen Lehne des Sofas scheuernd. In seinem Zimmer
sah es recht wohnlich aus, obgleich es, seiner häufigen Zerstörungswut
wegen, nicht allzuviel enthielt. Der große Spiegel mit der Marmorplatte,
der zwischen den beiden Fenstern hing, wurde von John nur deshalb
respektiert, weil er von den Eltern seiner Mutter stammte. Alles, was von
den verstorbenen Großeltern mütterlicherseits stammte, war ihm heilig.
Merkwürdigerweise. Er begnügte sich damit, dem Spiegel mit der Faust zu
drohen, wenn er betrunken war, und an Großmutters riesengroßem, grünblauem
Plüschsofa wischte er sich dann höchstens die Stiefel ab. Dieses
altmodische Möbel stand vorn an der rechten Wand, vor sich einen runden
Tisch. =Vis-à-vis= an der linken Wand stand nichts als ein brauner
Kleiderschrank. Den Hintergrund füllte ein breites dunkles Bett und eine
Waschtoilette, die nur wie ein Kasten aussah. An den Fenstern hingen
rot- und weißgestreifte Vorhänge, und über dem Sofa hing eine überaus
altmodische farbige Landschaft, die ebenfalls von den respektierten
Großeltern stammte. Außerdem gab es nur noch einen Bettvorleger und ein
zerrissenes Papiertelephon im Zimmer. Dieses Wohn- und Schlafgemach war
mittelgroß und mittelhoch und lag zwischen dem der Wärterin und der Küche,
aus der es auf die Treppe ging.
Dore machte sich daran, die Lampe anzuzünden, und deckte dann den Tisch mit
einer bunten Baumwolldecke. Als das Abendbrot gebracht wurde, nahm John den
Heringssalat an sich und sah Dore spitzbübisch an. »Jesägnete Mahlzeit,«
sagte sie fromm, ihm gegenüber Platz nehmend und leckrig nach dem
Heringssalat blickend. »Schweig!« entgegnete er gereizt auf ihren
freundlichen Wunsch. Sie nahm ihren Tee, ihre Kartoffeln und ein belegtes
Brot und ging gekränkt in ihr Zimmer. Dort machte sie Licht und setzte die
Brille auf. Um sich zu beruhigen und um den Heringssalat, den sie zu gern
aß, würdiger verschmerzen zu können, guckte sie rasch in eins ihrer vielen
Erbauungsbücher. Nachdem sie drei liebliche Strophen gelesen hatte, seufzte
sie wie eine Märtyrerin und ließ sich ergeben zu ihren Bratkartoffeln
nieder.
Dore war wirklich fromm, und wenn sie log, geschah es nur unter geistigem
Vorbehalt. In ihren jungen Jahren war sie Wirtschafterin auf großen Gütern
gewesen. Tüchtigkeit und Heißblütigkeit waren damals ihre hervortretendsten
Eigenschaften. Mit vierzig besaßen ihre listigen kleinen Augen noch die
Kraft, einem ältlichen Gutsbesitzer den Kopf zu verdrehen. Er ließ sich von
seiner Frau scheiden und heiratete die unschöne brustkranke Wirtschafterin
mit den vielen Erbauungsbüchern und der liebevollen Vergangenheit. Aber
die Ehe währte kaum ein Jahr, denn die erwachsenen Kinder trieben die ihnen
verhaßte Stiefmutter bald aus dem Hause. Dore mußte wieder in Stellung
gehen, und das war hart für sie, denn der Husten plagte sie mehr und
mehr. Immerhin gelang es ihr, einen leichten Dienst zu finden -- bei den
reichsten Zarnoskys, als Pflegerin der kränklichen alten Großmutter. Dore
verstand es, sich bei Zarnoskys unentbehrlich zu machen, darum behielt man
sie auch nach dem Tode der Großmutter im Hause. Und eines Tages wurde dann
John ihr Pflegling, der immer ihr heimlicher Liebling gewesen.
Dore fand, daß der Heringssalat doch schwer zu verschmerzen war. Sie guckte
schließlich durch die Tür, um zu sehen, wie weit John damit war. »Frau
Kalnis,« rief er versöhnlich, »es ist noch eine Menge Heringssalat für
Sie.«
Die Wärterin machte ein dummes Gesicht, weil sie nicht wußte, ob sie ihm
trauen durfte. Aber ihre Leckrigkeit war groß. »Wollen Se mich auch nich
zum Narren machen?« fragte sie zuerst.
John schwur, die Lippen prunzelnd, daß er nicht daran dächte. Dore rückte
an, wünschte noch einmal »jesägnete Mahlzeit« und setzte sich dann an den
Tisch. Sie trug ein kaffeebraunes, selbstgewebtes altmodisches Kleid mit
einem dunkelroten Samtstreifen um den Rock und kleinen Samtklappen an
den Ärmeln. Ihren vertrockneten Hals zierte ein selbstgehäkeltes weißes
Tüchlein. Über dem flachen Leibe hatte sie eine schwarze Schürze, die den
Rock sowohl zieren als schonen sollte. Frau Kalnis glich einer ältlichen,
glattgescheitelten Chinesin in europäischer Kleidung. Peter betrachtete sie
genau so aufmerksam wie sein Väterchen, aber man konnte seinen einfältigen
Augen nicht anmerken, ob er sie hübsch oder häßlich fand.
»Na, hat'r geschmeckt?« fragte John mit unwiderstehlich verschmitzter
Miene, als die Wärterin die Schale auskratzte.
»Wird nich schmecken?! Scheenes Essen,« entgegnete sie unter verschämtem
Lachen.
Peter bekam das letzte Butterbrot und dann sollte er in den Stall. Frau
Kalnis ging hinaus, um Rodenberg zu rufen, der unten im Hause mit seiner
gichtkranken Frau und einer überaus frommen Schwester wohnte. Rodenberg
brachte Peter in den Stall, wenn er nicht betrunken war. Heute kam die
fromme Schwester statt seiner. Jette mußte feierlich versprechen, daß Peter
auch wirklich sein Abendbrot erhalten würde, dann erst durfte sie ihn am
Halsband nehmen.
John war jedesmal sehr sanftmütig, wenn er sich wieder mit Dore vertragen
hatte. Er war dann wie ein Kind, das ungezogen gewesen und nun durch
besondere Artigkeit versöhnen will. Er ließ sich wie ein Lamm von ihr zu
Bett bringen und suchte sie dabei durch eine gefällige Unterhaltung zu
erfreuen. »Wir werden morjen ein reines Hemd anziehen,« sagte die Wärterin,
sobald sie ihren Pflegling bis auf dieses letzte Kleidungsstück entblößt
hatte. John machte ein liebliches Gesicht, obgleich er nicht gern ein
reines Hemd anzog. »Und wir werden wieder mal de Fieße waschen,« setzte sie
hitzig hinzu, als ihr Blick auf seine unsauberen Gehwerkzeuge fiel. John
lächelte wie ein Engel, obgleich er wasserscheu war.
Er legte sich schwerfällig ins Bett, und Dore deckte ihn sorgfältig zu.
»Lesen Sie mir was vor, ich kann jetzt doch noch nicht schlafen,« sagte er
nervös, als sie ihn mit warmen Augen betrachtete. Er war immer schlaflos
und sehr erregt, wenn er Krämpfe gehabt hatte, und wenn sie stark gewesen,
stärker als diesmal, so ging er danach tagelang wie ein Gestörter umher.
Die Wärterin eilte zu ihrem Bücherschatz, um eine passende Lektüre zu
suchen -- und kam sobald nicht wieder. Der Husten hatte sie gepackt
und schüttelte sie, wie eine kräftige Faust einen leichten Gegenstand
schüttelt. Nach einigen Minuten war der Anfall vorüber und Dore ganz
erschöpft. Sie saß noch eine Weile mit hängendem Kopfe und hängenden Armen
auf ihrem Stuhl und starrte stumpfsinnig zu Boden, dann stand sie auf: »Nun
komm ich, Herr Johnche. Wenn erst abjehust' is, dann is wieder gut,« sagte
sie resigniert.
Und sie begann mit belegter, schwacher Stimme, die allmählich klarer und
kräftiger wurde:
»Fest jemauert in der Erde
steht die Form aus Lehm jebrannt.
Heute muß die Glocke werden,
frisch, Jesellen, seid zur Hand ...«
»Hör auf mit deiner dämlichen Glocke!« schrie John, die Geduld verlierend.
»Du weißt doch, daß ich die olle Glocke nicht mehr hören will.«
»Scheen, dann her ich auf, dann les ich gar nich.«
»Dorchen,« sagte schmeichelnd der Kranke und wies süß nach der Bibel hin,
der alten, vergilbten, die sie auch mitgebracht hatte. Da konnte sie nicht
widerstehen, da tat sie, wie ihr geheißen ward. Sie schlug die Offenbarung
des Johannes auf und las mit schöner Dorfschulbetonung: »Ich sah einen
neien Himmel und eine neie Erde. Denn der erste Himmel und die erste Erde
verjing und das Meer ist nicht mehr. Und ich sah die heilije Stadt, das
neie Jerusalem von Gott aus dem Himmel herabfahren, zubereitet als eine
jeschmickte Braut ihrem Manne.«
»Noch einmal,« flüsterte John, und seine Phantasie arbeitete mächtig.
Die Litauerin wiederholte und las dann weiter, es kam die Schilderung des
neuen Jerusalems. Und John sah bei ihren Worten das neue Jerusalem, die
Stadt der goldenen Gassen mit den Toren aus Perlen und den Mauern aus
Edelsteinen. »Blau, gelb, grün, rot ...« flüsterte er, »o Dore, alle
Regenbogenfarben! Alles aus Edelsteinen, aus Gold und Perlen!« Sie
war verstummt, und er fuhr fort, die Augen auf die verräucherte Decke
gerichtet.
»Da ist ein Schloß, Dore, das wird mir gehören, wenn ich erst tot bin. Die
Mauern sind aus Amethyst und die Fenster aus Rubin. Und in allen Zimmern
sind Flaschen, Flaschen in allen Regenbogenfarben -- und ich darf aus allen
trinken. Das schmeckt, Dore, was in den Flaschen ist! Und man wird nie
davon betrunken, man kann ewig, ewig trinken!«
Die Wärterin lachte und John sprach weiter:
»Jeder Schluck aus den Flaschen ist wie mildes, knisterndes Feuer und
fließt wie flüssige Edelsteine in den Magen hinab. Dort sprudelt er weiter
und durchglüht den ganzen Magen. Was sag ich: den ganzen Magen? Nein, den
ganzen Körper. Und man wird durchsichtig wie eine helle Flamme, wenn
man aus den Flaschen getrunken hat, man gleicht dann einer hellen,
durchsichtigen Flamme ...« Er wandte den Blick von der verräucherten Decke
und sah die Wärterin spitzbübisch an. »Man könnte in dich hineinsehen,
Dore, wenn du aus den Flaschen getrunken hättest, dein ganzer Körper wäre
dann durchsichtig.« Er grinste wie ein Faun. »Ich möchte nicht in dich
hineinsehen, Dore!«
»Sie missen nich anzieglich werden, junger Herr,« sagte Frau Kalnis
gekränkt, und nachdem sie eine Weile nach einer schärferen Entgegnung
gesucht hatte, setzte sie mit frommem Hohn hinzu: »Wer eine kranke Leber
hat, sieht innen immer noch schlechter aus, als einer, der se nich hat.«
Darauf las sie hurtig weiter und gelangte bald zu der Strophe: »Und der
Geist und die Braut sprechen: Komm! Und wer es höret, der spreche: Komm!
Und wen dürstet, der komme, und wer da will, der nehme das Wasser des
Lebens umsonst.«
»Halt, halt!« rief John erregt nach diesen Worten, »mich dürstet, mich
dürstet immer! Wohin soll man da kommen, Dore? Ich geh' gleich dahin.«
»Na, nach's neie Jerusalem doch wohl,« meinte die Wärterin. Und dann
maliziös: »Aber Sie heren doch, junger Herr, daß da nichts als Wasser
anjeboten wird.«
Der Trinker verzog das Gesicht. »Wasser -- brr ... Aber Wasser des Lebens,
Dore, das schmeckt vielleicht besser als die feinste Mischung, das stillt
vielleicht für immer den Durst.«
»Kann sein! Aber wollen Se jetzt nich schlafen, Herr Johnche?«
»Ich kann nicht.«
»Na versuchen Sie's doch man erst.«
»Nein ... Ich möchte wissen, wozu ich gepaßt hätte, wenn ich nicht immer
den Durst gehabt hätte?«
»Das fragen Se mich immer, wenn Se einen jetrunken haben.«
»Und Sie wissen nie eine Antwort darauf. Was ihr sagt, ist alles falsch.«
»Wozu bekam ich den ewigen Durst? Ich möchte wissen, wozu ich ihn bekam?«
schrie er wild.
»Das will ich wissen!?« brüllte er, und sein ganzes Gesicht zuckte.
»Jetzt sollten Se zu schlafen versuchen, mein Lieberche, und nich so was
Unnitzes fragen.«
»Zum Schlafen kommt schon noch Zeit genug,« stammelte John. »Ich möchte
wissen, ob ich denn bloß zum Saufen auf die Welt kam?«
»Aber nei! Sie hätten doch e feiner Kaufmann werden können, oder auch e
studierter Herr, wie d'r Großvaterche.«
»Sprich doch nicht dummes Zeug!« brummte er gereizt. »Du verstehst von gar
nichts! Keiner versteht was! Und alles ist so verdreht, so verdreht« ...
Die Wärterin war zu der Überzeugung gelangt, daß John heute abend ein
Schlafpulver bekommen müsse. Sie holte das Tischchen herbei, das zur Nacht
an sein Bett gestellt wurde, und rührte ihm dann rasch ein Pulver ein.
»Dies trinken Se man und dann werden Se schon schlafen, mein Lieberche.«
Erst wollte er nach dem Glas stoßen, aber dann riß er es plötzlich an
sich und leerte es gierig. Er plumpste wie ein ermatteter Maikäfer auf den
Rücken, als das Schlafmittel zu wirken begann. Dore nahm die Brille ab und
betrachtete ihn mit einfältiger Miene. »Dummer Äsel,« brummte sie, »wärst
verninftig jewesen, hätt dir die janze Welt offen jestanden. Aber nu --
was hast? Gar nuscht.« Da John die Augen geschlossen hatte, löschte sie
die Lampe aus und zündete dafür ein Nachtlämpchen an. Sie setzte ein paar
Flaschen Selterwasser auf sein Tischchen, die er im Laufe der Nacht zu
leeren pflegte, um das fortwährende innerliche Brennen zu lindern, und
verfügte sich dann in ihr Zimmer, um geräuschlos zu Bett zu gehen.
Zweites Kapitel
John stand vor dem Spiegel und legte seine Orden an. So nannte er die
blauen, an Bändchen hängenden, parfümierten Oblaten, mit denen er seine
Jacke zu schmücken pflegte, wenn er »zu Zarnoskys« ging. Er trug sie dann
seiner jüngeren Brüder wegen, die immer behaupteten, sie könnten seinen
Geruch nicht ertragen. John roch wirklich nicht schön, was auch weiter
nicht verwunderlich war, und seine Kleider verbreiteten die Luft der
Arbeiterkneipen. Aber er verschmähte es, sich mit Parfüm zu begießen, er
fand es männlicher und stilvoller, mit den blauen Oblaten auf der Jacke
zu gehen. Obgleich sie lange nicht die Wirkung ausübten, die ein starkes
Parfüm getan hätte. John war noch so kindisch. Mit strahlenden Augen war er
eines Morgens, die Oblaten auf der Brust, bei der Mutter erschienen: »Sieht
das nicht fein aus? Sieht das nicht jroßartig aus? Und nun werde ich auch
nicht mehr schlecht riechen. Nicht wahr, ich rieche jetzt fein? Paul, Leo,
rieche ich jetzt nicht fein?« Sie hatten es aus Mitleid bejaht, und die
Mutter hatte sogar behauptet, daß sie noch nie einen schlechten Geruch
an ihm bemerkt habe, Paul und Leo seien nicht klug. Das hatte den jungen
Alkoholiker bis zu Tränen gerührt. An diesem Tage trank er keinen Tropfen.
Während sich John noch vor dem Spiegel bewunderte -- es war Sonntag:
Palmsonntag -- kam etwas trapp, trapp, trapp, wie auf kleinen
Jungenstiefeln, die Treppe herauf und hämmerte dann energisch an die
Küchentür. Das Väterchen stürzte hin, um dem Söhnchen zu öffnen. Peter trat
ein und schob seine kleine weiche Nase zur Begrüßung in Johns ausgestreckte
Hand. Peter wollte seinen Morgenzucker haben, und den erhielt er auch
reichlich. John hätte seine Uhr verkauft, um Peter mit Zucker füttern zu
können.
Der Ziegenbock mußte auf dem Hof bleiben, als John ins Vorderhaus zu seinen
Eltern ging. Er bedeutete ihm, auf dem Hof herumzuspringen, solange »Papa«
auf Besuch war.
Papa setzte sich im elterlichen Eßzimmer an den warmen Ofen, verschämt
»guten Morgen« stotternd. Paul und Leo verzogen sich rasch nach seinem
Eintritt, und Eugen begrüßte ihn mit den spöttischen Worten: »Na, wieder
mal betrunken gewesen, alter Ziegenbockvater?«
»Betrunken gewesen? Wer? Ich doch nicht?« stotterte der Trinker. Er hatte
die Hände gefaltet und ließ die Daumen langsam umeinanderlaufen, indem er
auf die Mutter blickte, die mit einer Handarbeit am Fenster saß.
»Ach John,« sagte sie traurig, »kannst du es denn gar nicht lassen?«
»Nein,« platzte er naiv heraus.
Sie seufzte und verstummte.
»Was gibt's zu Mittag?« fragte er verlegen in die Stille hinein. John war
ein Feinschmecker und hielt sich gern in der Küche auf. Dort, bei Amalie,
war ihm auch viel wohler als bei Vater und Mutter. »Muß mal sehen, was
gekocht wird,« sagte er, sich wieder erhebend, da niemand auf seine Frage
antworten wollte.
In der Küche stand eine Kiste, die der Faktor zur Bahn tragen sollte.
Auf dem Deckel lagen dreißig Pfennige Trinkgeld für ihn. John vergaß das
Mittagessen und blickte wie gebannt auf das Geld. Sein Portemonnaie war
leer; denn der Vater gab ihm immer weniger und weniger Taschengeld, um ihm
das viele Kneipenlaufen unmöglich zu machen. (Das Resultat davon war,
daß John auf Kredit trank und die Faktore anpumpte.) Die dreißig Pfennige
lockten ihn, wie den Igel das Blut. »Wissen Sie was, Amalie,« sagte er zu
der kugelrunden ältlichen Köchin, »das da kann ich selbst verdienen! Die
Kiste trag ich noch allemal!« Damit nahm er sie auf und wandte sich nach
dem Ausgang.
»Sie werden doch nich!« rief Amalie. »Der Friedrich wird doch jleich
kommen. Aber, junger Herr, das schickt sich doch nich fir Sie. Wenn das der
Herr sieht!?«
»Aber ich schlepp' sie doch bloß so lange, bis ich einen Jungen treffe, der
sie mir für fünf Pfennige trägt.«
»Lassen Se ihr stehen, ich jeb Ihnen dreißig Pfennige,« sagte Amalie
zärtlich.
»Geben Sie her,« brummte John, »dann sind es sechzig.« -- »Her damit!«
beharrte er mit dem Eigensinn des Alkoholikers, da die Köchin unter diesen
Umständen nicht mit dem Gelde herausrücken wollte.
Es blieb ihr schließlich nichts andres übrig, als ihm den Willen zu
tun. Sie öffnete zwei Knöpfe ihrer karierten Taille und zog ein rot- und
braungestreiftes Beutelchen hervor, das von der Wärme ihres gewaltigen
Busens Zeugnis ablegen konnte. »Na machen wir uns auf die Socken,« sagte
John kurz, als er das Geld hatte. »Ist mir ein Kinderspiel, diese Kiste zu
tragen.«
Die Köchin wollte es bestreiten, und das reizte John, weil es seinen Stolz
verletzte. Nun ging er mit der Kiste, kostete es, was es wollte. Einen
flotten Gang erzwingend eilte er nach der Tür.
»Adieu, Amalie.«
Die Dicke sah ihm sorgenvoll nach. »Kommen Se gut nach Hause, junger Herr.«
Das Zarnoskysche Haus stand =vis-à-vis= einer Querstraße, die sich in
langer enger Windung vor ihm auftat. Die Straße hieß Grätengasse. Eugen
stand gerade am Fenster, als John mit der Kiste aus dem Hause trat und
nach der Grätengasse steuerte. »Was soll das heißen?« rief er, das Fenster
aufreißend. »Holla! John! Du kommst sofort zurück!«
Der Angerufene drehte ihm sein gelbes Gesicht zu und schnitt ihm eine tolle
Grimasse, dann trollte er weiter.
Eugen knickte vor Lachen zusammen. Johns Anblick war überwältigend komisch
gewesen, so tragisch er im Grunde auch war. Und nun schwankte er auch schon
die Grätengasse hinunter, er hüpfte und torkelte, die Kiste unterm Arm,
von rechts nach links. »Mutter, Paul, Leo!« rief Eugen in das nach hinten
gelegene Eßzimmer hinein. »Kommt doch bloß mal her!«
Frau Zarnosky war entsetzt, als sie John in dem Kistenträger erkannte.
Eugen sollte ihn sofort zurückholen, weil sie fürchtete, daß John hinfallen
könne. Aber Eugen machte Einwendungen: er werde ihm nicht gehorchen und
Streit anfangen, er werde auch nicht gleich hinfallen. Der Faktor könne ihm
ja nachlaufen.
Aber der war noch immer nicht da, Amalie versicherte indessen, daß er nun
gleich kommen müsse. Alle stellten sich ans Fenster und blickten gespannt
in die Grätengasse, die beiden Jungen voll heftigster Lachlust.
Plötzlich prusteten sie los; denn John hatte sich umgedreht und die Zunge
herausgehängt.
In der Grätengasse standen viele alte Speicher. Einer von ihnen hatte an
der Front eine steinerne Ruhebank. Als John diese Bank erreicht hatte,
stellte er die Kiste herauf, setzte sich pustend daneben und faltete
ergeben die Hände. So traf ihn Onkel John, der des Weges daherkam, um
irgendwo Märchen erzählen zu gehen.
»Was tust du da? Was hast du da für eine Kiste?« fragte er mit heftig
angeregter Phantasie.
Der Neffe tat verschämt. »Der Vater braucht Geld. Ich muß unser Silberzeug
verkaufen gehen. Eugen tut es nicht,« erwiderte er so gedrückt als er
konnte.
Onkel John kicherte wild in sich hinein. »Armer Junge,« sagte er bedauernd,
und als habe er durchaus nichts Merkwürdiges gehört, »die Kiste ist wohl
sehr schwer?«
»Ja,« hauchte der Neffe mit schwermütigem Augenaufschlag.
Der Onkel pustete stark, um nicht lachen zu müssen, dann sagte er: »Deine
Eltern tun unrecht, wenn sie dich bei deinem Gesundheitszustand mit einer
solchen Kiste schicken. Indessen soll man Vater und Mutter ehren. Doch« --
Onkel John weitete furchtbar die Augen -- »wenn sie dich noch einmal mit
einem solchen Monstrum heraushetzen ... heraushetzen,« wiederholte er mit
erhobener Stimme, »dann kommst du zu mir, und das Weitere wird sich dann
schon finden.«
Der Trinker nickte ganz ergriffen. »Gib doch was, damit ich sie mir
wenigstens tragen lassen kann,« stammelte er, die Hand ausstreckend, in
kläglichem Tone.
»Hast du denn gar kein Geld?« fragte Onkel John, bis zu Tränen gerührt.
Der Neffe kehrte hurtig die leeren Hosentaschen heraus. »Und sie lassen
mich nächstens verhungern,« brummte er, dem Himmel ein Paar feuchte
Pudelaugen zeigend.
Onkel Johns Phantasie schwoll mächtig an. Die Eindrücke arbeiteten so
gewaltig in ihm, daß er einen Augenblick ganz sprachlos blieb. Und wenn er
auch genau wußte, daß sein Neffe ihn aufs albernste belog, gelang es ihm,
bei seiner Einbildungskraft, doch ganz vortrefflich, sich die Unwahrheit
als Wahrheit vorzustellen. Sein fuchsgelber Schnurrbart zitterte, denn er
befand sich in angenehmster Aufregung, und seine grellblauen Lügneraugen
glitzerten wie Katzenaugen im Dunkeln. »Zunächst,« sagte er, hoheitsvoll
das Portemonnaie ziehend, »zunächst sind hier fünf Mark, damit du nicht
ganz ohne Pfennig herumläufst -- mein armer Junge.«
John nahm dankend die gereichten zwei Mark. Er wußte, daß es immer nur zwei
Mark waren, wenn Onkel John fünf Mark sagte.
»Und nun gehe ich zu deinen Eltern,« fuhr dieser fort, »um für dich das
Notwendigste anzuordnen. Schlimmstenfalls« -- er rollte die Augen -- »wird
die Polizei meinen Worten Nachdruck verleihen. -- Holla!« rief er dem
Faktor entgegen, der der Kiste wegen gelaufen kam, »tragen Sie das da! Ich
übernehme die Verantwortung, verstanden?«
John lehnte es ab, den Onkel zu begleiten, weil er ein unreines Gewissen
hatte. Der Onkel ging auch lieber allein, um je nach Empfang mit seinen
Märchen herauszurücken. Es war ein hellgrauer Sonntagvormittag, und die
Grätengasse lag still und leer und sauber da. Onkel John eilte wie mit
Flügeln am Mantel davon, während sein Neffe auf der Steinbank sitzen blieb,
die Daumen umeinander drehte und sich seine Mischung wünschte.
»Guten Tag, meine Lieben,« sagte der alte Fuchs mit wärmster Innigkeit,
als er bei Zarnoskys ins Eßzimmer trat. Paul und Leo reichten ihm die Hand,
seine Schwägerin unterließ es, Eugen und Herr Zarnosky brummten etwas,
Onkel Chlodwig war nicht da.
»John sitzt am Traumannschen Speicher und weint,« hub der gute Onkel an.
»Die Kiste war doch wirklich zu schwer für ihn.«
»Wer hat ihm befohlen, mit der Kiste zu gehen?!« sagte ärgerlich der Vater.
»Das wollen wir nicht untersuchen,« versetzte Onkel John sanft und
schlicht. »Apropos (»Jetzt geht's Schwindeln los,« flüsterte Paul hinter
Eugens Rücken) was ich sagen wollte« -- er hob die eine Fußspitze ein wenig
in die Höhe und besah sich versunken den Stiefel -- »ja, richtig; es
gehen über dich merkwürdige Gerüchte in der Stadt herum, ganz merkwürdige
Gerüchte, mein lieber Richard.«
»Phantasiere doch nicht immer!« unterbrach ihn sein Bruder in wegwerfendem
Tone. Richard Zarnosky log nicht mehr als andere Kaufleute, und seine
Phantasie hielt sich in bürgerlichen Grenzen.
»Du solltest -- du solltest nicht so zu mir sprechen -- in -- in einer Lage
wie der deinigen, mein lieber Richard.«
»In was für einer Lage bin ich denn, mein lieber John?«
»In keiner angenehmen, sollte ich meinen. Es gehen Gerüchte in der Stadt,
daß« -- --
»Daß?«
»Daß es mit dir schief stände, mein lieber Richard.«
»Wer sagt das?« fragte Herr Zarnosky amüsiert.
Onkel John entblödete sich nicht, eine Reihe von Namen zu nennen, wobei
er ab und zu die Augen schloß, als ob ihm angst und bange würde. »O Gott!«
rief er plötzlich. »Richard, Richard, bring nur nicht Schande über deine
angesehene Familie, über mich und meine unschuldige Tochter, über unsern
armen Bruder Chlodwig!«
»Erster Akt, erste Szene,« sagte Eugen lachend.
Herr Zarnosky tippte mit einer nicht mißzuverstehenden Gebärde an seine
Stirn, indem er den Bruder bedeutungsvoll anblickte. Aber Onkel John
übersah die Beleidigung, weil er noch lange nicht fertig war. Sich seinem
ältesten Neffen zuwendend sagte er: »Mein lieber Eugen, du solltest dich
schämen, deinen alten Onkel zu hänseln. Aber ich weiß ja, du ehrst auch
nicht Vater und Mutter. Du schämst dich, in ihrem Interesse zu handeln. Du
schämst dich, Schritte zu tun, die ihre mißliche Lage verbessern könnten.«
»Nu wird's Tag,« brummte Eugen belustigt.
Herr Zarnosky öffnete die Tür und sagte gelassen: »Mein lieber John, hier
hat der Zimmermann das Loch gelassen.«
Der Märchenerzähler fauchte wie ein schwergereizter Kater, seine grellen
Augen rollten hin und her. »Richard,« brachte er angestrengt heraus, »ich
kündige dir hiermit ein für allemal meinen Speicher.«
»Schön,« erwiderte Herr Zarnosky, »mir ist dein ew'ges Künd'gen auch über.
Es gibt mehr Speicher in unserer Gegend.«
»Geh nur hin!« krähte Onkel John. »Es dürfte dir keiner so passen wie
meiner.«
»Und wenn auch! Schlimmstenfalls behelfen wir uns eine Weile mit einem. Wir
räumen zum ersten Juli, du kannst dich darauf verlassen.«
Das kam dem Märchenerzähler weder erwartet noch erwünscht. Wer weiß, ob ihm
ein andrer die hohe Speichermiete zahlen würde, die ihm sein Bruder zahlte,
ganz abgesehen von allerhand Vorteilen, die er daraus zu ziehen verstand,
daß sein Speicher dem Bruder so sehr gut paßte. (Onkel John zog es schon
lange vor, den Speicher zu vermieten, anstatt ihn selbst zu benutzen, weil
er zuviel mit Prozessen zu tun hatte. An denen gewöhnlich seine Märchen
schuld waren.) »Richard,« flüsterte er, das Gesicht in schelmische Falten
ziehend und aufs versöhnlichste loskichernd, »du kannst nicht Scherz von
Ernst unterscheiden. Das war doch bloß Spaß mit der Kündigung. Benutzt ihn
in Gottes Namen weiter. Mir genügt der Schuppen.«
»Bis zum ersten Juli und nicht länger,« versetzte Herr Zarnosky schroff.
»Es ist nicht recht, daß du dem Bruder den Verdienst nehmen willst, um ihn
vor einen Fremden zu werfen,« predigte Onkel John in salbungsvollem Tone;
aber seine Augen funkelten böse. »Unser Bruder Chlodwig wird es auch nicht
wollen,« setzte er theatralisch hinzu.
»Dein ew'ges Künd'gen paßt uns schon längst nicht mehr!« schrie Herr
Zarnosky, die Geduld verlierend. »Und es paßt uns auch nicht, daß du deine
fünfzig Puten tagtäglich von unserem Getreide mästest!«
»Erstens sind es nur vierzig,« stotterte Onkel John, »und zweitens haben
sie noch nie in ihrem Leben auch nur ein Körnchen von deinem Getreide
bekommen. Und außerdem sind nur noch sechs am Leben.«
Alle lachten. Von vierzig auf sechs war selbst für Onkel John ein kühner
Sprung.
»Wißt ihr denn nichts von dem Unglück, das vergangenen Montag bei uns
passierte? Nein, ihr wißt wohl noch nichts?!« rief nun der Märchenerzähler,
froh wie ein Kind über den guten Einfall, der ihm gekommen, und über die
versöhnliche Stimmung, die sich anzubahnen schien. »Richard, Anna, Eugen,
Kinder, laßt euch erzählen, was vergangenen Montag bei uns passierte. Da
fuhr mir doch ein Wagen mit durchgehenden Pferden in meine jungen Putchen
hinein. Die Hälfte wurde totgefahren, die Hälfte kreuzlahm getreten. Dem
Truthahn Fritz, meinem Liebling -- ihr kennt ihn ja -- dem armen Tier war
das linke Beinchen gebrochen. Ich habe ihn dann selbst geschlachtet ...«
»Aber Onkel!« platzte Paul lachend heraus. »Den Fritz habe ich doch noch
gestern nachmittag gefüttert.«
Onkel John zuckte zusammen wie jemand, den unerwartet ein Insekt gestochen.
»Paul,« begann er eindringlich, die lachenden Zuhörer mit hoheitsvollen
Blicken messend, »besinne dich recht, mein Junge! Du hast -- gestern
nachmittag -- den Fritz gefüttert? War es nicht vor acht Tagen?«
»Gestern war es.«
Onkel John blickte auf Paul wie auf einen armen Schwachsinnigen, dann
wandte er sich seiner Schwägerin zu. »Liebe Anna, ich habe es Ihnen -- ich
habe es euch allen noch immer verbergen wollen, was ich seit einem halben
Jahre an Paul beobachte. Der arme Junge -- aus unsrer Familie hat er das
nicht -- das arme Kind weiß nämlich nie, wann sich ein Ereignis zugetragen,
ob es gestern, vorgestern oder sonstwann war. Er verliert das Gedächtnis.
Ist euch das noch nie aufgefallen?«
»Nein, du alter Schwindler,« sagte Herr Zarnosky mit Nachdruck.
»Alter Schwindler?« sprühte der Märchenerzähler, seinen Speicher
vergessend. »Statt mir zu danken, daß ich dich auf eine Krankheit deines
Kindes aufmerksam mache, beleidigst du mich? Du bist mir ein netter Vater!
Den einen lassen sie verlumpen, den andern verblöden!«
Herr Zarnosky ging ruhig zur Tür und öffnete sie ein zweites Mal. »Soll
ich vielleicht den Faktor rufen, damit er dir den Ausgang zeigt?« fragte er
grob.
»Ich gehe,« schnaubte Onkel John, »und ich komme nicht eher wieder, als bis
ihr mich auf Knien und Ellbogen darum bitten werdet.«
Es erfolgte ein Gelächter, in das nur Paul und Frau Zarnosky nicht
einstimmten. Paul machte ein ängstliches, beinahe verstörtes Gesicht. Frau
Zarnosky erhob sich erregt und sagte: »Onkel John, wenn Sie jetzt hingehen
und etwa in der Stadt erzählen, daß Paul anfängt, schwachsinnig zu werden,
so werde ich Sie nie mehr in meinem Hause dulden.«
Der gute Schwager verklärte sich. »Aha,« sagte er, »diese Tatsache ist
Ihnen also doch nicht entgangen?! Aus unsrer Familie hat er das jedenfalls
nicht ...« Dabei schlüpfte er aalgeschwind nach der Tür, um sich von dort
mit einer spöttischen Verbeugung zu empfehlen. Die angenommene Kündigung
hatte er total vergessen.
Richard Zarnosky zuckte nur die Achseln, als sein angenehmer Bruder
hinausschlüpfte. Die ganze Familie war an derartige Auftritte mit Onkel
John gewöhnt. Frau Zarnosky war meist die einzige, die sich dabei aufregte.
Paul ging auf den Hof, um über das nachzudenken, was der Onkel von ihm
behauptet hatte. Da er die Sensibilität seiner Mutter und eine große
Phantasie besaß, so hatte ihn die seltsame Behauptung in Unruhe und Angst
versetzt.
»War es nicht gestern vor drei Wochen, daß Vater die beiden Rappen kaufte?«
fragte er Rodenberg.
»Ja, das is nu all drei Wochen her,« erwiderte der Kutscher.
»Am ersten wurden sie beschlagen, nicht wahr?«
Rodenberg kratzte sich den Kopf. »Kann sind. Ich weiß nich mehr jenau,« und
er trollte sich.
Paul setzte sich auf eine Wagendeichsel und versank in angestrengtes
Grübeln; er stellte die schwierigsten Daten in seinem Kopfe fest. Eine
der vielen Speicherkatzen sprang ihm auf den Schoß und rieb sich
schmeichlerisch an seiner Jacke. Der Junge wollte sie vertreiben, weil ihn
das beim Nachdenken störte; aber die Katze klammerte sich fest, freundlich
schnurrend und vergnügt mit dem Schwanze wippend. Paul streichelte sie mit
abwesender Miene, bis ihm der wippende schwarze Katzenschwanz plötzlich
zwischen die Lippen geriet. Da sprang er auf und ließ das Tier fallen, die
klebengebliebenen Haare ärgerlich vom Munde wischend.
»Was ist los?« fragte Onkel Chlodwig hinter ihm.
»Ach nichts. Ich bekam Katzenhaare in den Mund,« erzählte der Junge.
Chlodwig Zarnosky (eine Art Kompagnon seines Bruders Richard) war ein
kleiner, gelblicher Junggeselle mit großen Ohren und großen weißen Händen.
(Außerdem gab es noch einen vierten Zarnosky, den die Brüder seiner
»eigentümlichen Anlagen« wegen nach Amerika verpflanzt hatten.)
»Katzenhaare!« rief Onkel Chlodwig, die großen weißen Hände mit gespieltem
Entsetzen zusammenschlagend. »Paul, Junge, du hast doch wohl keins
hinuntergeschluckt?«
»Ich weiß nicht,« sagte Paul verwirrt.