Petkoff [zu sehr beschäftigt, um das zu bemerken, schüttelt
Bluntschli herzlich die Hand]: Meine dummen Dienstboten dachten, ich
wäre hier draußen, statt--in der Bibliothek. [Er kann die Bibliothek
nicht erwähnen, ohne zu verraten, wie stolz er darauf ist.] Ich habe
Sie vom Fenster aus gesehen und wunderte mich, daß Sie nicht
hereinkamen. Saranoff ist auch hier. Sie erinnern sich doch seiner
noch, nicht wahr?
Sergius [grüßt lustig und bietet ihm dann mit großer
Liebenswürdigkeit die Hand]: Willkommen, unser Freund der Feind!
Petkoff: Glücklicherweise nicht länger "der Feind". [Ziemlich
ängstlich:] Ich hoffe, Sie kommen nur als Freund und nicht um Pferde
oder Gefangene.
Katharina: Oh, nur als Freund, Paul. Ich habe Hauptmann Bluntschli
eben zum Mittagessen eingeladen, aber er erklärte, sofort gehen zu
müssen.
Sergius [sardonisch]: Unmöglich, Bluntschli--wir brauchen Sie hier
sogar sehr dringend. Wir sollen drei Kavallerieregimenter nach
Philippopel befördern und haben keine Ahnung, wie das fertigbringen.
Bluntschli [plötzlich aufmerksam und berufsmäßig]: Philippopel; da
wird's mit der Verpflegung hapern, nicht wahr?
Petkoff [eifrig]: Ja, das ist es eben. [Zu Sergius]: Wie er die
Sache gleich weg hat!
Bluntschli: Ich glaube, ich kann Ihnen zeigen, wie das zu machen ist.
Sergius: So kommen Sie mit uns, Sie unschätzbarer Mann! [Bluntschli
überragend, legt er ihm die Hand auf die Scbulter und führt ihn gegen
die Stufen, Petkoff folgt. Als Bluntschli seinen Fuß auf die erste
Stufe setzt, tritt Raina aus dem Hause.]
Raina [alle Geistesgegenwart verlierend]: Oh, der Pralinésoldat!
[Bluntschli steht starr, Sergius blickt erstaunt auf Raina, dann auf
Petkoff, der wieder ihn ansieht und dann seine Frau fragend anstarrt.]
Katharina [mit befehlender Geistesgegenwart]: Meine liebe Raina,
siehst du nicht, daß wir einen Gast haben? [Vorstellend]: Hauptmann
Bluntschli, einer von unsern neuen serbischen Freunden. [Raina
verbeugt sich. Bluntschli verbeugt sich.]
Raina: Wie dumm von mir! [Sie geht hinunter in die Mitte der Gruppe
zwischen Bluntschli und Petkoff.] Ich habe heute früh ein
wunderschönes Schokoladeornament für den Eispudding gemacht, und der
dumme Nicola hat eben einen Stoß Teller darauf gesetzt und alles
verdorben. [Zu Bluntschli gewendet, liebenswürdig]: Ich hoffe, Sie
dachten nicht, daß SIE der Pralinésoldat wären, Hauptmann Bluntschli.
Bluntschli [lachend]: Ich versichere Ihnen, daß ich's dachte. [Ihr
einen sonderbaren Blick zuwerfend]: Ihre Erklärung ist eine Erlösung
für mich.
Petkoff [argwöhnisch zu Raina]: Seit wann kochst du denn, Raina?
Katharina: Oh, während deiner Abwesenheit ist ihr das eingefallen.
Es ist ihr neuestes Steckenpferd.
Petkoff [mürrisch]: Und hat Nicola zu trinken angefangen? Früher war
er ziemlich verläßlich. Jetzt ist er wie umgewandelt. Erst führt er
Hauptmann Bluntschli hierher, während er doch ganz gut wußte, daß ich
in der--Bibliothek war, dann geht er hin und zerstört Rainas
Pralinésoldaten. Er muß...
[Nicola tritt oben auf den Stufen mit einer Reisetasche aus dem Hause
heraus, er geht die Stufen hinab, stellt die Tasche ehrerbietig vor
Bluntschli auf die Erde und wartet auf weitere Befehle. Allgemeines
Erstaunen. Ahnungslos, was für eine Wirkung er hervorgerufen, sieht
Nicola sehr zufrieden mit sich aus. Als Petkoff seine Sprache
wiedererlangt, bricht er los.]
Petkoff: Bist du verrückt geworden, Nicola?
Nicola [erschrocken]: Gnädiger Herr...
Petkoff: Wozu bringst du das hierher?
Nicola: Auf Befehl der gnädigen Frau, Herr Major, Louka sagte mir,
daß-Katharina [unterbricht ihn]: Auf meinen Befehl? Warum sollte ich
dir befohlen haben, Hauptmann Bluntschlis Gepäck hier herauszubringen?
Was fällt dir denn ein, Nicola?
Nicola [bleibt einen Augenblick unschlüssig, dann hebt er das Gepäck
auf und wendet sich zu Bluntschli mit vollendeter, unterwürfiger
Diskretion]: Ich bitte tausendmal um Vergebung. [Zu Katharina]: Es
ist meine Schuld, gnädige Frau, ich bitte Sie, es mir nicht
anzurechnen. [Er verbeugt sich und geht mit dem Gepäck gegen das
Haus zu, als Petkoff ihm wütend nachruft.]
Petkoff: Vielleicht wirfst du jetzt auch noch diese Tasche auf
Fräulein Rainas Eispudding! [Das ist zuviel für Nicola, die Tasche
fällt ihm aus der Hand.] Aus meinen Augen, du ungeschickter Esel, du!
Nicola [reißt das Gepäck an sich und flieht in das Haus hinein]: Sehr
wohl, gnädiger Herr!
Katharina: So beruhige dich doch, Paul, sei nicht so aufgebracht!
Petkoff [brummend]: Der Schuft ist in meiner Abwesenheit außer Rand
und Band geraten. Ich werde ihn schon lehren...[Er erinnert sich
seines Gastes.] Ach, entschuldigen Sie! Kommen Sie, Bluntschli, und
sprechen Sie nicht mehr vom Fortgehen. Sie wissen ganz gut, daß Sie
nicht sofort in die Schweiz zurückkehren, Sie können also vorerst
getrost bei uns bleiben.
Raina: Ach ja! Bitte, bleiben Sie, Hauptmann Bluntschli.
Petkoff [zu Katharina]: Hauptmann Bluntschli zögert am Ende noch,
weil er glaubt, daß du sein Bleiben nicht wünschest? Bitte du ihn,
und er wird nachgeben.
Katharina: Aber selbstverständlich! Ich werde mich glücklich
schätzen, wenn Hauptmann Bluntschli wirklich bleiben will. [Ihn mit
Blicken beschwörend]: Er kennt meine Wünsche.
Bluntschli [in seiner trockensten militärischen Art]: Ganz wie Sie
befehlen, gnädige Frau.
Sergius [freundschaftlich]: Und damit abgemacht!
Petkoff [herzlich]: Abgemacht!
Raina: Sie sehen, daß Sie bleiben MÜSSEN!
Bluntschli [lächelnd]: Nun, wenn ich muß, dann muß ich wohl.
[Gebärde der Verzweiflung von Katharina.]
[Vorhang]