Weiße Wände

Schade, daß ich kein Regisseur bin. Es muß hübsch sein, in ein scheinbar

schon fertiges Kunstwerk seine Gedanken einzufügen und ihm dadurch eine

Vollkommenheit zu geben, die man vorher nicht vermißt hat, weil man sie

nicht geahnt hat ... So hat Herr Jaroslav Kvapil Schillers »Wallenstein«

durch schöne Bilder und Bewegungen vervollständigt, man spielt jetzt die

Trilogie am tschechischen Theater in Prag mit vielem Glück. Jetzt erst

sehe ich, wie das eigentlich war, dieser Krieg, wie schön Spitzenkragen

und zackiges Linnen zu Lederkollern paßt, wie gepanzerte Männer im

Marschieren klirren, wie eine rote Schärpe irgendwie einen hohen Rang

bedeutet. Sehr schön wirken auch lange, glänzende Goldquasten an dunklen

Kniehosen, diese Quasten führen ein ganz selbständiges Leben und, ob nun

ihr Träger steht oder sich erzürnt, immer wissen sie auffallend zu

schlenkern. Doch das Beste war es, daß sämtliche Szenerien (ohne das

Lager natürlich) weiße Wände waren. Reine, weiße, kahle Wände, in die

nur hölzerne Türaufsätze oder Fensterrahmen braune Lücken schnitten.

Solche Wände rufen sofort in mir das Gefühl wach, daß es lange her

seitdem ist, lange, lange vorbei. Ich weiß wirklich nicht, ob das der

Wissenschaft entspricht, ob wirklich zur Zeit jenes Krieges im Rathaus

zu Pilsen und in Eger so weiße Gespensterwände sich spannten. Einerlei.

Diese Wände bedeuten für mich »Dreißigjähriger Krieg«, überdies auch

jede andre vergangene Zeit. Vielleicht kommt das daher, weil die alten

renovierten Burgen, die ich besichtigt habe, alle so frischgekalkte,

saubere, billige Wände hatten, ohne viel Bemalung ... Und so war es auch

gestern auf der Bühne. Große, ja gigantische weiße Flächen, wenig Möbel,

hier und dort ein Fresko in dünnen harten Farben. Ich dachte an die Burg

Karlstein, wie sie jetzt ist, an hypothetische Vergangenheiten,

schließlich an die leibhafte Historie. Was für Menschen, denen so in die

Augen stechende Einfachheit genügt! Sie scheinen nicht auf lange sich

einzurichten, nirgends, morgen wird alles zusammengeschossen. Wieviel

Waffen und Quasten hat so ein Kerl auf sich, aber die Prunksäle sind

weiß wie Wäsche auf der Bleiche, sind leer, als sei man eben im Umzug

begriffen ... Und sehr gut paßte es da herein, wie Herr Vojan den

Wallenstein spielte. Müde, fast resigniert, bleich, in sich gekehrt,

langsam. Häufig sprach er nicht oder schloß im Reden für lange Zeit die

Augen. Das rührte mich sehr, denn das sah dann genau so aus wie die

weißen Wände ringsum. Es war förmlich ein Echo dieser Wände. Und man

fühlte im Herzen, was Schiller geschrieben hat: die Tragödie

niedersteigender Sterne.

Über die Schönheit häßlicher Bilder. Ein Vademecum für Romantiker unserer Zeit · 第 25 / 42 题