Man kann jetzt eines der größten Vergnügen der Welt haben, ohne
Widerrede, wenn man in Prag ist und im tschechischen Theater dieses
Ballett besucht, Louskácek, den »Nußknacker« von Tschaikovskij. Es
handelt von gar nichts. Keine Konflikte gibt es darin, nichts
Geistreiches, nicht Tragik, nicht Verwicklung. Sondern einfach wie ein
glatter Film rollt alles vorbei, alles in sich selbst nur begründet, in
sich selbst gehalten und aufgehoben, und alles so süß den Augen und
Ohren ... So stelle ich mir ein vollkommenes Drama vor, eine vollkommene
Belustigung: ohne Verlegenheit wird an grundlose Szenen ein Tanz, an
Tänze eine grundlose Szene geknüpft. Und wer ist so stumpf, daß es ihn
nicht vergnügte, ganz große Mäuse wie Känguruhs über die Bühne hüpfen zu
sehen, in glänzenden, graugrünen Fellen aus Samt, und gegen sie im
Kampfe aufgestellt eine Gruppe buntester Schildknappen? Es wird sogar
geschossen, ja, eine Kanone wird abgefeuert. Dann tanzt man weiter. Alle
Kämpfe der Erdoberfläche, das wünscht mancher und namentlich in diesen
Tagen, sollten auf so humorvolle Weise ausgetragen werden. Würde das
vielleicht irgend jemandem schaden?... Und ebenso vorbildlich ist die
Art, wie Tschaikovskij auf einem Harfen-Glissando über die gesamte
Melancholie der Erdoberfläche hinweggleitet, hinauf zum Sternenhimmel
voll von Flöten-Tonleitern in Terzen. Da kann man erfahren, wie das ist,
wenn elegante Leute ausgelassen sich benehmen, wenn am Hofe lustig es
zugeht. Kein andrer Komponist hat das so: Kerzenbeleuchtung, Übermut,
Wohlstand. O, und die Schwermut dieser Melodien, es ist eine Schwermut,
über die vornehmsten Kanapees hingelagert und ein ringgeschmücktes
Händchen gestützt an eine parfümierte Stirnfrisur, während die
Parklandschaft von Somoff ins Boudoir hereinglitzert, im Mondschein
nicht so sehr als im Zerrieseln des modischesten Feuerwerks ...
So wurde es hier auch aufgeführt. Luxuriös, russisch, mit einem Wort:
vortrefflich. In einer weißen Lichtung, schneeverweht im
Eiszapfen-Walde, hinter weißen Gazeschleiern sah man aus lockern
Schneeflockenhaufen Mädchen hervorgezaubert, Feen in weißen Locken,
weißen, lichten Tüllkleidchen, weißen Atlasschuhen, und nur ihre rosigen
Busen taten einem leid, die in dieser blendenden Kälte abfrieren mußten,
trotz aller Walzerschritte, abfrieren und vor Frost immer rosiger,
röter, härter, brennender erscheinen. Ach Gott, mitten in der freien,
unwirtlichen Natur Ballerinen; es war ein aus Mitleid, Grausamkeit und
Sinnlichkeit gemischter Effekt. Die ganze Bühne nur Weiß und Rosa, das
vergesse ich nicht so bald ... Gewißlich aber noch später die schöne
Primaballerina Anna Korecká, wenn ich sie überhaupt jemals vergesse.
König Wenzel IV.
Im Prager Tschechischen Theater findet jetzt die Tragödie eines neuen
Dichters vielen Beifall. Das Haus ist ausverkauft. Ein Teil der Presse
spricht von einer nationalen Tat, ein andrer lacht tadelnd. »König
Wenzel der Vierte« von Ernst Dvorak.
Der Theaterzettel, beinahe länger als beim Medardus, gibt schon manchen
Grund zu träumerischem Nachdenken. Neben dem König, der Königin, der
hohen Geistlichkeit tritt der hohe Adel auf, jene »böhmischen Herren«
von Bilin, Douba und Hohenstein, Rosenberg, die jetzt verschollen sind
-- und die jetzt so blühenden Adelsgeschlechter der Lobkowitze, zum
Beispiel, figurieren als niedere neue Namen. Sofort denkt man an die
Umwälzungen, die unser Heimatland betroffen haben. Und liest man nun gar
unter den Personen nach: Johann Hus, Zizka von Trocnov, den päpstlichen
Nuntius, Jost von Mähren, schlichte Bürgersleute, Bauern, einen
Bettelmönch, einen Hofnarren ... so ist man von der richtigen
historischen Atmosphäre schon durchdampft. Freilich möchte man gern noch
den Dichter, obwohl er ja sichtlich vor schönen Taten steht, gern noch
an die Schwierigkeiten erinnern, möchte ihn warnen, am Ärmel
zurückhalten: Was ist denn das? Jeder Akt spielt in einer andern Stadt,
und immer nach zehn Jahren -- in Beraun, Wien, Prag, Kuttenberg,
Kunratitz? Wirst du das bewältigen?... Doch das Stück ist ja schon
geschrieben, und mit einem Seufzer beendet man das nichtige Studium des
Theaterzettels.
Meine Sorgen steigerten sich, als ich vor dem Abend meine Kenntnisse der
vaterländischen Geschichte aus einigen Büchern auffrischte -- ach, aus
Büchern, die meiner Kindheit Spielzeug waren, in denen ich jedes Wort
und jede Vignette als unendliches Kunstwerk einst bewundert habe. Da
fiel mir auf, daß ich die Wirren unter Wenzel dem Vierten eigentlich
immer überschlagen hatte, weil ich in ihrem planlosen Hin und Her ohne
Frucht und ohne Höhe nichts Interessantes finden konnte ... Ein
schwacher König, um das Deutsche Reich wenig besorgt und also »der
Faule« benannt, das tschechische Volk liebend, von ihm geliebt, in
ewigem Streit mit dem Prager Erzbischof, mit dem frondierenden Adel,
bald für Hus, bald gegen Hus, schwankend Verratner und Verräter, Säufer,
allgemeine Unordnung, das Jahr 1411 mit drei Kaisern und drei Päpsten,
zum Schluß von einem Schlaganfall getötet, während das Volk seinen
Palast stürmt. Was ist aus all dem andres zu ersehen als die Grausamkeit
und Zwecklosigkeit alles Menschlichen, sofern es nicht geistig-logische
Richtungen nimmt?
Nun wurden aber meine Bedenken durch das aufgeführte Drama auf die
schönste Weise zerstreut. Und deshalb schreibe ich. Ein Trauerspiel ist
geschaffen, voll von Patriotismus, den ich, wo nicht als Patriotismus,
doch mindestens als Begeisterung zitternd mitfühle -- die Tragödie eines
Königs, der sein Volk liebt und mißversteht. Wenn irgendwo, so ist hier
das, was die Älteren »tragische Schuld« nannten, in herzlichster
Vollendung gegeben.
In der Hauptfigur des Wenzel hat Dvorak eine so scharf individualisierte
königliche Gestalt geschaffen, daß ich sie dicht neben Shakespeares
Könige stelle. Ein gutes Herz, heiter und gesund, so tritt er, unter dem
atemlosen, innigen Jubel des Volkes auf, im grünen Wams, mit Jägerhut
und Armbrust, wie ihn das Bild im Römer zu Frankfurt zeigt. Alle sind so
froh, ihm die Hand küssen zu dürfen. Ein Bauer bringt die Butter, die
für den Markt vorbereitet war, einen schmackhaft aussehenden gelben
Klumpen, für den geliebten König aufs Schloß. (An solchen
volkstümlich-lustigen Zügen ist das im Innern trübe Stück äußerlich
reich.) Alle lachen und trinken gern mit ihm. Doch schon hier zeigt sich
der Konflikt. »Wir lieben dich sehr,« sagt ein Greis, »aber wir möchten
auch, daß du unser Vorbild bist, ein Muster. Dein Vater Karl war so
erhaben ...« Es hat etwas unter Komik Grausiges, wie das Volk immer von
neuem diese Forderung gegen den Herrscher erhebt, von ihm das Höchste
verlangt. Wenzel, der sie auf weltliche Art glücklich machen will,
Steuern erläßt und freigebig Waldungen an die Gemeinden verschenkt,
dieser Wenzel genügt ihnen nicht. Sie wollen ihn heilig, er ist ein
Mensch. Man muß den Dichter bewundern, der diesen vielleicht historisch
unrichtigen, aber so sympathischen, neuartigen, unglücklichen Regenten
erfunden hat. Nicht wahr? Den Dramatiker ferner, der aus dem nun
vorliegenden Material einen Aufbau und eine Einheit gestaltet hat. Wie
er den Jähzorn des Königs, sein schnelles Dolchziehen benützt! Ja, er
ist gut, aber an den Tod des Johann von Nepomuk darf man ihn nicht
erinnern. Wie er ihn allen Frauen nachstellen, seine Geliebten unter den
Dienstmädchen im Volke suchen (auch darin populär, beliebt, aber den
höchsten moralischen Anforderungen des Volkes nicht gewachsen), ihn
trotzdem zärtlich, mit großem Herzen an seiner Frau hängen, sie als
»Moje kuratko« (»Mein armes Huhn«) sanft an sich reißen läßt, vor
versammeltem Hofstaate familiär mit ihr ... Man fühlt: in jeder andern
Zeit wäre er ein guter König gewesen. Aber »die Zeit ist aus den Fugen,
Schmach und Gram ....«. Hus ist aufgetreten, und der König, den eben die
Hussiten aus seinem Kerker gerissen haben, versteht die neuen »Ketzer«
nicht. Er versteht noch das Nationale ihrer Bewegung, hilft ihr gegen
die Deutschen, aber das Metaphysische, Religiöse interessiert ihn
einfach nicht ... Nun wirkt es erschütternd, wie er, der sich bewußt
ist, stets das Beste seines Volkes gewollt zu haben, der auf die
Zustimmung des Volkes stolz ist, plötzlich bemerkt, daß alle den Kelch
über ihn stellen. »Gib uns den Kelch wieder,« heulen unten die Rebellen.
Und im letzten Akt stellt sich die Rührung ein, mittelst einer
vielfachen Perspektive, mittelst eines wahrhaft geschichtsphilosophischen
Überblicks, der aber vom Dichter nirgends durch Theorien,
nur durch Gestalten ausgedrückt wird. Natürlich so: Wenzel
hat recht, wenn er das Volk irdisch beglücken will -- unrecht,
wenn er die Tiefe der religiösen Sehnsucht verkennt -- und doch wieder
recht, wenn er all das Elend, das infolge dieser Religionskämpfe über
Böhmen hereinbrechen will, prophetisch ahnt -- und doch vielleicht von
einem höchsten Standpunkt, kraft dessen die geistige Freiheit dem
Menschen wichtiger als alles leibliche Wohl und Wehe ist, wieder unrecht
-- und doch vielleicht zum Schluß recht, weil er ein Mensch ist, ein
mystischer Rationalist, eine Art Goethe, der den Himmel auf der Erde
sucht. Diese komplizierten Antithesen, von Akt zu Akt gesteigert, trotz
der Uneinheit von Raum und Zeit zu einer innern Einheit erhoben durch
Heroismus, Schönheit, blutige Aufwallungen, persönlich gemacht durch
brennende Details -- das ist eben das neue Drama dieses neuen Dichters!
Es wird vorzüglich aufgeführt, wie dies unter dem Dramaturgen des
Nationaltheaters Kvapil nicht anders zu erwarten steht. In der
Titelrolle leistet Schlaghammer Packendes, Sicheres, Springendes ... wie
seine Augen glänzen, seine Rede melodisch dröhnt, wie er unstet-trotzig
die Würden des Reiches dem einen nimmt, dem andern nach einem verwirrten
Blicke in die Runde hinwirft, wie er voll schöner, jugendlicher Ideale
in Blüten des Frühlings steht, sonnig, und schließlich im Feuerschein
geplünderter Dörfer zusammenröchelt! Ich habe geweint ... Und neben ihm
der Narr, vom Dichter zwar mit wenig Humor begabt, aber mit
melancholischen treuen Bocksprüngen ausgestattet von Haschler. Zum
Schluß nimmt er Gift aus einem Ring, sinkt lautlos am Fenster nieder,
niemand kümmert sich um ihn, nicht einmal der König bemerkt, daß der
einzige als Freund mit ihm zugleich stirbt. Ein rührender Zug ... Noch
vieles andre hat mir gefallen. Hus allerdings nicht -- Vojan spielt ihn
mit feuchten Haaren, allzu schulmeisterlich. Aber daß ihn der König, als
scheute er sich vor seinem für das Volk so suggestiven Namen, immer nur
als »Hussinetzer« nach seiner Herkunft anspricht: wie gefällt euch das?
Oder daß unter tausend Höflichkeitsformeln und Treuversicherungen,
galant beinahe, ein König gefangen gesetzt wird, mit aller Etikette. Daß
ein halbtauber Diener auftritt, dessen dunkelbraunes, altes Gesicht den
Anschein erweckt, als verrammle ihm zu viel braunes, dickes Blut das
Gehör. Daß er überdies kurzgeschorene, dichte, graue Haare hat, die man
gern streichelt wie einen Hund, und die mit einem unsäglich einfältigen
Eindruck in die Stirn hereinhängen. Daß jemand in einem Zimmer sitzt,
und man weiß gar nicht, daß er hier gefangen ist, bis plötzlich die Türe
sich öffnet, nur zufällig, eines Besuches wegen, und da sieht man
draußen vor einem hellen, in den weißlichen Himmel verästelten gotischen
Fenster unheimliche schwarze Wachtsoldaten stehen, die ein enges
Vorzimmer ganz anfüllen, dunkel abgehoben vor dem weißen Licht. Sofort
schließt sich die Türe wieder. Und so oft sie sich öffnet, derselbe
unbewegliche Anblick.
Zum Schluß nach so viel Lob eine Einschränkung, mich selbst betreffend.
Ich gehöre zu den Leuten, die Glockenklang hinter der Szene, Hochrufe
des Volkes, jeder Lärm und alle Waffen auf der Bühne aufregen. Inwiefern
es ferner zu meiner Rührung über dieses Stück beigetragen hat, daß Orte
und Gassen der geliebten Heimat in einem bedeutenden Ton genannt werden,
daß man vom uralten »Gasthaus zum grünen Frosch«, das ich kenne, und vom
Teinhof mit Zuneigung spricht -- das kann ich nicht feststellen und
wünsche es auch gar nicht zu wissen.