Achter Auftritt

Anna Dmitrijewna und Lisa.

_Anna Dmitrijewna_: Hören Sie, Lisa ... Ich weiß nicht und will auch

gar nicht wissen, wie Sie mit Vatersnamen heißen ...

_Lisa_: Andrejewna.

_Anna Dmitrijewna_: Nun, ganz gleich; ich möchte Sie einfach Lisa

nennen. Sie tun mir leid; Sie sind mir sympathisch. Aber ich liebe

Viktor. Ich liebe auf der ganzen Welt nur dieses eine Wesen. Ich kenne

seine Seele wie meine eigene. Er ist eine stolze Seele. Schon als

siebenjähriger Knabe war er stolz, stolz nicht auf seinen Namen, nicht

auf seinen Reichtum, sondern auf seine hohe sittliche Reinheit; und

diese Reinheit hat er sich bewahrt. Er ist rein wie ein junges Mädchen.

_Lisa_: Das weiß ich.

_Anna Dmitrijewna_: Er hat nie eine Frau geliebt. Sie sind die erste.

Ich kann nicht sagen, daß ich nicht eifersüchtig auf Sie wäre; ich

bin eifersüchtig. Aber wir Mütter -- Ihr eigenes Söhnchen ist noch zu

klein, und solche Gedanken liegen Ihnen noch fern --, wir Mütter müssen

uns darauf vorbereiten, unsere Söhne einer anderen Frau abzutreten.

Ich habe mich darauf vorbereitet, ihn einer andern abzutreten, ohne

eifersüchtig zu werden. Aber ich wollte ihn einer Frau abtreten, die

ebenso wäre wie er selbst.

_Lisa_: Aber bin ich ... bin ich denn ...

_Anna Dmitrijewna_: Verzeihen Sie, ich weiß, Sie tragen keine Schuld,

Sie sind unglücklich. Und ich kenne ihn. Jetzt ist er bereit, alles zu

ertragen, und er wird es ertragen und niemals etwas darüber sagen; aber

er wird darunter leiden. Sein verletzter Stolz wird darunter leiden,

und er wird nicht glücklich sein.

_Lisa_: Ich habe darüber nachgedacht.

_Anna Dmitrijewna_: Lisa, liebes Kind, Sie sind eine verständige, gute

Frau. Wenn Sie ihn wahrhaft lieben, so müssen Sie doch mehr sein Glück

wünschen als Ihr eigenes. Wenn es aber so ist, so werden Sie ihn nicht

binden wollen und nicht schuld daran werden wollen, daß er es später

bereut. Obgleich er es nicht sagen wird, es niemals sagen wird.

_Lisa_: Das weiß ich, daß er es nicht sagen wird. Ich habe darüber

nachgedacht und mir diese Frage vorgelegt. Ich habe darüber nachgedacht

und es ihm gesagt. Aber was kann ich tun, wenn er mir erwidert, daß er

ohne mich nicht leben mag? Ich habe gesagt: „Wir wollen Freunde sein;

aber richten Sie sich Ihr Leben für sich ein, und verknüpfen Sie nicht

Ihr reines Leben mit meinem unglücklichen.” Aber er will nicht.

_Anna Dmitrijewna_: Ja, jetzt will er nicht.

_Lisa_: Überreden Sie ihn, von mir abzulassen! Ich bin damit

einverstanden. Ich liebe ihn um seines, nicht um meines Glückes willen.

Nur helfen Sie mir, und hassen Sie mich nicht! Lassen Sie uns beide,

voller Liebe, auf sein wahres Wohl bedacht sein!

_Anna Dmitrijewna_: Ja, ja, ich habe Sie liebgewonnen. ($Sie küßt sie.

Lisa bricht in Tränen aus.$) Aber trotzdem, trotzdem ist das alles

so schrecklich. Hätte er Sie damals liebgewonnen, als Sie noch nicht

verheiratet waren ...

_Lisa_: Er sagt, er habe mich schon damals geliebt, habe aber das Glück

seines Freundes nicht stören wollen.

_Anna Dmitrijewna_: Ach, wie schrecklich das alles ist! Aber wir wollen

einander trotz alledem liebhaben, und Gott wird uns helfen, zum Ziele

unserer Wünsche zu gelangen.

Der lebende Leichnam: Drama in sechs Akten (zwölf Bildern) · 第 60 / 111 题